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Georgios Chatzoudis | 17.09.2019 | 561 Aufrufe | Interviews

"Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Veränderungsbereitschaft und Flexibilität"

Interview mit Christiane Konegen-Grenier über Berufschancen für Geisteswissenschaftler

Als Geisteswissenschaftler oder Geisteswissenschaftlerin erinnert man sich vielleicht noch an die mitleidigen Blicke derer, die Jura oder Betriebswirtschaft studierten: "Ihr werdet später alle arbeitslos und falls nicht, dann schlecht bezahlt sein." Taxifahren galt als der auf Historiker, Ethnologinnen, Germanisten oder Sprachwissenschaftlerinnen wartende Beruf. Dass diese Vorstellung längst mit der Wirklichkeit kollidiert, haben bereits in der Vergangenheit mehrere Studien festgestellt. Nun gibt es zwei neue Studien zu den Berufschancen für Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler, die einen zusätzlichen Schwerpunkt auf die Digitalisierung legen. Wir haben der Leiterin einer der Studien, Christiane Konegen-Grenier vom Institut der Deutschen Wirtschaft, unsere Fragen gestellt.

"Chancen bei Unternehmen, die bereits Geisteswissenschaftler beschäftigen"

L.I.S.A.: Frau Konegen-Grenier, das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat in Kooperation mit dem Stifterverband sowie mit der Gerda Henkel Stiftung zwei neue Studien über die Berufs- und Beschäftigungschancen von Geisteswissenschaftlern und Geisteswissenschaftlerinnen insbesondere im Zuge der Digitalisierung erstellt. Bevor wir zu einigen Details kommen – was ist die Kernaussage der beiden Studien? Geht man mit der Wahl für ein geisteswissenschaftliches Studium ein unkalkulierbares persönliches Risiko ein?

Konegen-Grenier: Tatsächlich haben es Geisteswissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt schwerer als Ingenieure oder Ökonomen. Von einer weit verbreiteten Arbeitslosigkeit und einer mehrheitlich schlecht bezahlten Beschäftigung in wenig anspruchsvollen Berufen kann aber keine Rede sein, zumindest, was die in Vollzeit arbeitenden Geisteswissenschaftler betrifft. Die Analyse der Adäquanz der Beschäftigung nach persönlichen, studien- und berufsbezogenen Merkmalen zeigt vielmehr, dass Aussagen über die Gesamtheit der Geisteswissenschaftler einer Differenzierung bedürfen. So übertreffen beispielsweise die promovierten Geisteswissenschaftler hinsichtlich des Anspruchsniveaus der Tätigkeit, der Führungsverantwortung und des Gehalts den Durchschnitt der Akademiker. Was die Zukunftschancen vor dem Hintergrund der Digitalisierung betrifft, so gibt es durchaus Chancen, vor allem bei solchen Unternehmen, die bereits Geisteswissenschaftler beschäftigen und ihre Kompetenzen zu schätzen wissen. Wichtig ist allerdings, dass sich Geisteswissenschaftler Kenntnisse im Umgang mit digitalen Medien im betriebswirtschaftlichen Bereich aneignen.

"Frauen bewerben sich seltener auf Führungspositionen als Männer"

L.I.S.A.: Als Gruppe stehen Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen zwar nicht schlechter da als andere Akademikerinnen und Akademiker. Trennt aber man nach Geschlechtern, schneiden Frauen schlechter ab. Woran liegt das? Warum haben Geisteswissenschaftlerinnen nach wie vor nicht die gleichen Karrierechancen wie ihre männlichen Pendants? Und besteht dieses Ungleichgewicht letztlich nicht unabhängig von der Studienwahl?

Konegen-Grenier: Soweit es um das Anforderungsniveau der Tätigkeit geht, könnte eine Erklärung für diese Unterschiede könnte sein, dass Frauen sich häufiger als Männer auf Stellen bewerben, für die eine akademische Ausbildung nicht erforderlich ist. Das zeigt eine Untersuchung zum Suchverhalten arbeitsloser Akademiker. Empirisch belegt ist auch, dass Frauen sich seltener auf Führungspositionen bewerben als Männer. Das ist meist auf das Bestreben zurückzuführen, Familie und Beruf möglichst reibungsfrei zu vereinbaren. Die genannten Faktoren verstärken sich: Einmal auf einem geringeren beruflichen Anforderungsniveau begonnen und zwischenzeitlich aufgrund von Familienpflichten weniger gearbeitet, wird es schwerer, noch eine Führungsposition zu bekommen. Das wiederum wirkt sich natürlich auf das Gehalt aus.

In der Tat sind diese Faktoren auch für Absolventinnen anderer Fachrichtungen gegeben. Da aber die Nachfrage nach Geisteswissenschaftlerinnen auf dem Arbeitsmarkt deutlich geringer ausgeprägt ist als nach Ingenieurinnen oder Ökonominnen, laufen die Geisteswissenschaftlerinnen stärker Gefahr, sich aus Sorge vor Arbeitslosigkeit bereits bei der ersten Position nach dem Hochschulabschluss mit einem Anforderungsniveau unterhalb des akademischen Levels zufrieden zu geben. Ist dies aus persönlichen Gründen unabwendbar, dann sollte möglichst schnell begleitend zur Erwerbstätigkeit mit einer Fortbildung begonnen werden. Der Erwerb von Kenntnissen zur Analyse von Daten und zum Umgang mit digitalen Medien ist gegenwärtig ein vielversprechender Weg. Aber auch ein eher geisteswissenschaftlicher Ansatz, wie beispielsweise die Vertiefung von Fremdsprachenkenntnissen, kann sehr sinnvoll sein.

"Für den Berufserfolgs von Akademikern statistisch signifikant ist die Studienabschlussnote"

L.I.S.A.: In der Studie kommt noch eine andere Gruppe vor, deren berufliche Chance geringer sind: Absolventinnen und Absolventen eines geisteswissenschaftlichen Bachelor-Studiums. Bereits während des sogenannten Bologna-Prozesses gab es in Deutschland viele Stimmen, die den Bachelor-Abschluss als den direkten Weg in schlechter bezahlte Arbeit mit geringen Aufstiegschancen kritisiert haben. Hatten diese Kritiker schon damals Recht?

Konegen-Grenier: Auch was die Bachelorabsolventen betrifft, bedarf es einer differenzierten Betrachtung: Gemessen an der Klassifizierung verschiedener Anspruchsniveaus, wie sie die Bundesagentur für Arbeit definiert hat, findet sich in der Tat ein Drittel der Bachelorabsolventen in Beschäftigungen wieder, für die ein Studium nicht notwendig ist. Ein weiteres Drittel übt allerdings Tätigkeiten aus, für die mindestens ein Masterabschluss erforderlich ist. Derartige Unterschiede finden sich auch im Hinblick auf die Führungsverantwortung, die rund 23 Prozent der Bachelorabsolventen innehaben. Bei den Masterabsolventen sind es übrigens mit rund 27 Prozent nicht wesentlich mehr. Spitzeneinkommen von 4.000 Euro netto monatlich und mehr erreichen Bachelor- wie auch Masterabsolventen seltener als der Durchschnitt der Geisteswissenschaftler. Das dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Absolventen mit diesen neuen Abschlüssen weniger lange im Berufsleben stehen als der Durchschnitt der Geisteswissenschaftler. Auch bei den Einkommen ist festzustellen, dass ein Teil der Bachelor die mittlere Einkommenskategorie von 2.000 bis unter 4.000 Euro erreicht, ein sehr kleiner Teil sogar 4.000 Euro und mehr verdient. Kurz gesagt: Der Bachelorabschluss führt nicht automatisch in eine berufliche Sackgasse. Es wäre sehr wertvoll, in kommenden Untersuchungen der Frage nachzugehen, warum ein Teil der Bachelorabsolventen es schafft, in Positionen zu kommen, die eigentlich einen Masterabschluss erfordern.

Besonders gute Leistungen im Studium könnten dabei eine Rolle spielen. So zeigen Untersuchungen zu den Determinanten des Berufserfolgs von Akademikern einen statistisch signifikanten Einfluss der Studienabschlussnote. Aus meiner Sicht spricht dies dafür, die Hochschulen in die Lage zu versetzen, analytische Fähigkeiten sowie die fachliche Motivation bereits zu Beginn des Studiums zu überprüfen. Die im Rahmen einer Dissertation gründlich dokumentierten Erfahrungen der Ludwig-Maximilians-Universität München im Fach Soziologie zeigen, dass bereits ein verbindliches Motivationsschreiben und ein Essay zu einem Fachthema genügen, um den Anteil der fachlich weniger Motivierten zu reduzieren und die Abbrecherquoten zu senken.

"Geisteswissenschaftler bringen Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit mit"

L.I.S.A.: Ein weiteres Ergebnis Ihrer Studie bezieht sich auf das Verhältnis zwischen erlernten Studieninhalten und tatsächlicher beruflicher Praxis nach dem Studium. Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler arbeiten später oft fachfremd. Da stellt sich die Frage, warum man nicht gleich ein Studium absolviert, das zur Berufswelt passt? Oder bringen Historiker, Politikwissenschaftlerinnen, Linguisten oder Ethnologinnen bestimmte Fähigkeiten mit, die bei Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen besonders gefragt sind? Falls ja, welche Kompetenzen sind das?

Konegen-Grenier: Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit werden in zahlreichen Unternehmensbefragungen und nicht zuletzt in unserer eigenen Studie als besonders wichtige Kompetenzen in einer digitalisierten Arbeitswelt hervorgehoben. Das erstaunt vielleicht auf den ersten Blick, denn geht es bei der Digitalisierung nicht hauptsächlich um die computergestützte Selbststeuerung komplexer Produktionssysteme sowie um die auf Algorithmen basierende Automatisierung von Analyse- und Entscheidungsprozessen? So ist es in der Tat, aber bevor technische und betriebswirtschaftliche Prozesse auf der digitalen Ebene der Programmierung abgebildet werden können, müssen sie in der analogen Realität zutreffend erfasst und beschrieben werden. Genaues Erfassen und Dokumentieren komplexer Anforderungen sowie eine sehr gute Kommunikationsfähigkeit sind hierfür erforderlich. Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit bringen die Geisteswissenschaftler in besonderem Maße mit. Das lässt sich an ihren im Mikrozensus nachweisbaren Tätigkeiten zeigen und wird auch von den von uns befragten Unternehmen bestätigt, die Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit bei den Geisteswissenschaftlern im Vergleich zu Ingenieuren und Ökonomen als stärker ausgeprägt wahrnehmen. Voraussetzung, um in einem Bereich wie dem Anforderungsmanagement tätig zu werden, ist allerdings die Bereitschaft, sich betriebswirtschaftliche und digitale Grundkenntnisse anzueignen.

Insgesamt ist die Arbeitswelt einem hohen Veränderungsdruck unterworfen, denn Digitalisierung und Globalisierung verstärken sich gegenseitig, indem digital steuerbare technische und betriebswirtschaftliche Prozesse zeit- und ortsabhängig durchführbar sind. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Veränderungsbereitschaft und Flexibilität in der Fachliteratur zu den Anforderungen in einer digitalisierten Arbeitswelt als weitere wichtige Kompetenzen hervorgehoben werden. Als erforderlich gelten außerdem die Fähigkeiten, Denkansätze aus unterschiedlichen Disziplinen zu begreifen und Lösungen zu finden, die über Gewohntes und Regelkonformes hinausgehen.

Veränderungsbereitschaft und Flexibilität haben die Geisteswissenschaftler - wie der Mikrozensus zeigt – in hohem Maße unter Beweis gestellt, indem sie auch in fachlich weniger nahen Berufsfeldern erfolgreich sind. Die von uns befragten Unternehmen nehmen auch wahr, dass Geisteswissenschaftler mehr als andere Absolventen in der Lage sind, Lösungen zu finden, die über Gewohntes und Regelkonformes hinausgehen.

Befragt nach ihren künftigen Rekrutierungsstrategien signalisieren die Unternehmen, dass sie zusätzlich zu den klassischen Profilen von Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern auch andere Absolventen in Betracht ziehen wollen. Mehrheitlich wird der Aussage zugestimmt, dass es künftig vermehrt darauf ankomme, sich in neue Themen einzuarbeiten, während der fachspezifische Abschluss an Bedeutung verliere.“

"Im Umgang mit digitalen Medien haben Geisteswissenschaftler Nachholbedarf"

L.I.S.A.: Die Studie des Stifterverbands hat sich vor allem auf das Thema Digitalisierung und Berufschancen konzentriert. Demnach erhöhen digitale Kompetenzen die Aussicht auf einen guten Arbeitsplatz. Das klingt plausibel, wenn man an Absolventen und Absolventinnen von IT-Hochschulen oder der MINT-Fächern denkt, aber auch dann, wenn man eine Theologiestudentin oder einen Archäologen im Kopf hat? Anders gefragt: Wie gut sind Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen auf die digitale Berufswelt vorbereitet? Was bringen sie vielleicht sogar mit?

Konegen-Grenier: Während kommunikative, analytische und kreative Fähigkeiten bei den Geisteswissenschaftlern in der Wahrnehmung der von uns befragten Unternehmen als gut ausgeprägt gelten, trifft dies auf Kenntnisse im Umgang mit digitalen Medien weniger zu. Hier haben die Geisteswissenschaftler im Vergleich zu anderen Absolventen aus der Sicht der Unternehmen einen Nachholbedarf.

Schaut man sich an, welche Kenntnisse in diesem Bereich für die Unternehmen besonders wichtig sind, dann könnte es den Geisteswissenschaftlern gut gelingen, ihre Wissenslücken auszugleichen. An erster Stelle erwarten die Unternehmen die Fähigkeit, über das Internet recherchieren zu können und die Qualität von Inhalten und Quellen bewerten zu können. Ein kritischer Umgang mit Quellen gehört zu den zentralen Elementen eines geisteswissenschaftlichen Curriculums. An zweiter Stelle erwarten die Unternehmen Handlungssicherheit in der digitalen Kommunikation mit Kunden und Kooperationspartnern. Die Kommunikationsfähigkeit bringen die Geisteswissenschaftler mit. Zu ergänzen ist diese durch Wissen über die technische Handhabung der digitalen Medien. Ohne IT-Anwenderkenntnisse geht es nicht. Sie stehen an dritter Stelle in der Rangfolge der gewünschten digitalen Kenntnisse. Hier sind die Hochschulen gefordert. Vereinzelte Ansätze existieren zwar auch in den Geisteswissenschaften. So beispielsweise im Rahmen des Zertifikatsprogramms „Digital Humanities – Geschichts- und Kunstwissenschaften“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort machen sich die Studenten mit der Nutzung und dem Aufbau von Datenbanken vertraut, trainieren anwendungsorientiertes Programmieren und lernen statistische Auswertungsverfahren sowie visuelle Darstellungsmöglichkeiten der Ergebnisse im Internet kennen. Ausreichend vorhanden sind solche studienintegrierten Angebote aber nicht, denn laut einer Studierendenbefragung fühlt sich die Mehrheit der Studierenden, vor allem bei den Sprach- und Kulturwissenschaftlern, auf die digitale Arbeitswelt schlecht vorbereitet.

"Insbesondere die Fähigkeit zur kritischen Reflexion ist erforderlich"

L.I.S.A.: Die beiden Studien sind auf die Berufswelt zugeschnitten und stammen aus wirtschaftsnahen Institutionen. Besteht dabei nicht die Gefahr, einen wissenschaftlichen Zweig wie den der Geisteswissenschaften, auf ein anwendungs- und nutzungsbezogenes Verständnis zu reduzieren?

Konegen-Grenier: Warum haben wir diese Diskussion eigentlich nicht auch bei den Physikern? Nur knapp die Hälfte arbeitet im Erwerbsberuf ‚Physiker(in)‘ oder in Forschung und Lehre. Die andere Hälfte ist als Ingenieur(in), Informatiker(in) oder Wirtschaftswissenschaftler(in) tätig, im Einzelfall auch als Bundeskanzlerin. Niemand sorgt sich deshalb darum, dass die Physik auf ein anwendungs- und nutzungsbezogenes Verständnis reduziert werden könnte.

Warum sollte es die wissenschaftliche Qualität des Studiums schmälern, wenn die Anwendung und die Nützlichkeit der im Studium erworbenen Kompetenzen mitgedacht werden? Laut den Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Verhältnis von Hochschulbildung und Arbeitsmarkt sind „die im Rahmen eines Studiums zu erwerbenden Fähigkeiten zur kritischen Reflexion von Sachverhalten und Strukturen, zur prägnanten Beschreibung von Problemen bzw. zur Formulierung von Fragestellungen sowie zur schriftlichen Darstellung oder mündlichen Präsentation komplexer Zusammenhänge Grundlage sowohl für Forschungstätigkeiten als auch für Berufserfolg außerhalb der Wissenschaft.“

Obgleich sich die Empfehlungen des Wissenschaftsrates auf alle Fachdisziplinen beziehen, korrespondieren die hier beschrieben Fähigkeiten in besonderem Maße mit denen, die ein geisteswissenschaftliches Studium vermitteln sollte. Insbesondere die Fähigkeit zur kritischen Reflexion von Sachverhalten und Strukturen ist in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt, im Prinzip in der Gesellschaft insgesamt, erforderlich, um zu prüfen, ob die auf Algorithmen basierende Selbststeuerung von Prozessen auch zu den gewünschten Resultaten führt oder ob sich nicht intendierte Wirkungen einstellen.

Christiane Konegen-Grenier hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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