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Georgios Chatzoudis | 07.05.2013 | 3151 Aufrufe | 1 | Interviews

"In Mali wartet eine große Aufgabe auf uns alle"

Skype-Interview mit Eva Brozowsky über die Manuskripte von Timbuktu

In Mali ist infolge des Bürgerkriegs eines des wichtigsten Kulturgüter des Landes vor seiner Zerstörung gerettet worden: mehr als 200.000 naturwissenschaftliche, philosophische und theologische Schriften des 9. bis 13. Jahrhunderts. Experten der Mamma-Haidara-Bibliothek in Timbuktu konnten einen Großteil der Manuskripte in die Hauptstadt Bamako überführen. Allerdings sind zahlreiche Handschriften schwer beschädigt. Eine gemeinsame Initiative des Auswärtigen Amts und der Gerda Henkel Stiftung sieht vor, die Handschriftenbestände wissenschaftlich erfassen und restaurieren zu lassen. Dabei soll auch die Restauratorin Eva Brosowsky helfen, die vor zwei Wochen eine erste Reise nach Mali unternommen hat. Wir haben Sie via Skype zu ihren Eindrücken befragt.

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Skype-Chat mit Eva Brozowsky, Diplom-Restauratorin

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"95% der Manuskripte konnten nach Bamako gebracht werden"

[09:53:24] Georgios Chatzoudis: Frau Brozowsky, Sie sind Restauratorin und spezialisiert auf die Restaurierung von Büchern, Papier und Grafiken. In der vergangenen Woche waren Sie mit einer kleinen Abordnung aus Deutschland in Mali. Aus welchem Grund?

[09:56:47] Eva Brozowsky: Aufgrund der Krisensituation in Timbuktu wurden die Manuskripte aus Privatbibliotheken und einer staatlichen Bibliothek in Timbuktu evakuiert. Diese Evakuierung des Kulturgutes begann Ende letzten Jahres und war zwingend erforderlich um die Dokumente zu erhalten. Die Bibliotheken sind jetzt zum Teil zerstört worden, aber ungefähr 95% der Manuskripte konnten nach Bamako gebracht werden und lagern dort in Metallkisten verpackt in Depots.

[09:58:01] Georgios Chatzoudis: Wer hat dafür gesorgt, dass die Dokumente so schnell verpackt und nach Bamako gebracht werden konnten?

[09:59:39] Eva Brozowsky: Das war eine gemeinschaftliche Leistung von der Deutschen und Niederländischen Botschaft sowie der Ford Stiftung. In den Rettungsprozess war auch eine Abordnung aus Dubai involviert.

[10:00:11] Georgios Chatzoudis: Wer gehörte alles zur Delegation aus Deutschland, die Sie nach Mali begleitet hat?

[10:01:48] Eva Brozowsky: Wir sind als sehr kleines Team angereist. Herr Dr. Bondarev als Experte für afrikanische Manuskriptkulturen von der Universität Hamburg, Herr Dr. Hanssler, der Vorstandsvorsitzende der Gerda Henkel Stiftung und ich als Diplom-Restauratorin und Konservatorin.

"Durch die Wüstenbedingungen in Timbuktu stark beschädigt"

[10:01:59] Georgios Chatzoudis: Was war Ihre Aufgabe in Mali?

[10:02:03] Eva Brozowsky: Wir haben uns auf eine "Fact-Finding-Mission" begeben, um uns überhaupt erst mal vor Ort über die Lage zu informieren und dann ein Programm auszuarbeiten, um effektiv Hilfe anzubieten.

[10:02:40] Georgios Chatzoudis: Haben Sie die Metallkisten gesehen? Falls ja, in welchem Zustand haben Sie das Material vorgefunden?

[10:05:42] Eva Brozowsky: Ja, wir haben mehrere Depots besucht und die Metallkisten gesehen und zum Teil auch den Inhalt gesichtet. Die Dokumente sind durch die klimatischen Wüstenbedingungen in Timbuktu größtenteils stark beschädigt und nun wird in ein paar Wochen die Regenzeit in Bamako einsetzen und die Manuskripte könnten dadurch weiter erheblich geschädigt werden.

[10:06:14] Georgios Chatzoudis: Was müsste nun getan werden, um sie in einem ersten Schritt vor weiteren Verfall zu schützen?

[10:08:10] Eva Brozowsky: Am wichtigsten ist der Aufbau einer Bibliothek in der die Manuskripte gelagert werden können und die klimatischen Einflüsse kontrolliert werden können. Die Aufbewahrung und der Schutz der Manuskripte ist im Moment die oberste Priorität.

"Es gibt viele Methoden das Papier zu stabilisieren"

[10:09:51] Georgios Chatzoudis: Wenn Sie sich solche alten und historisch bedeutende Dokumente anschauen und sie untersuchen, werfen Sie da auch einen Blick auf den Inhalt der Dokumente oder konzentrieren Sie sich ausschließlich auf die Materialbeschaffenheit und eventuelle Schäden?

[10:12:26] Eva Brozowsky: Der geschichtliche Hintergrund und eine kulturelle Einordnung sind auch für die Restaurierung sehr bedeutsam. Wir versuchen allen Aspekten eines Objekts gerecht zu werden. Allerdings sind wir in erster Linie für die Erhaltung zuständig und erst an zweiter Stelle Historiker und Naturwissenschaftler.

[10:13:10] Georgios Chatzoudis: Um was für Schäden handelt es sich bei den in Bamako lagernden Dokumenten? Wie kann man sich das vorstellen?

[10:19:21] Eva Brozowsky: Das sind sehr vielfältige Schäden, die auch durch die Lagerung in privaten Haushalten, das Klima und die allgemeine Alterung des Materials erklärt werden können. Als erstes ist dort die Brüchigkeit der Papiere und des Leders der historischen Schutzumschläge zu nennen, die durch die Trockenheit verursacht wurde. Insekten- und Mäusefraß ist auch sehr vielfältig zu beobachten. Frühere Wasserschäden haben die sehr empfindlichen Tinten verlaufen lassen. Und sehr viele mechanische Schäden die durch Reisen und unsachgemäßes handling entstanden sind. Zudem haben viele Manuskripte keinen historischen Schutzumschlag und wurden in moderne aber säurehaltige Papiere gelegt, die nun das Material nachhaltig schädigen.

[10:20:50] Georgios Chatzoudis: Das klingt aber nach sehr viel Arbeit. Glauben Sie, dass man diese Schäden wird beheben können? Was zum Beispiel unternehmen Sie, um verlaufende Tinte wieder ins Lot zu bringen?

[10:24:51] Eva Brozowsky: Prinzipiell kann man immer den Zustand eines gefährdeten Manuskripts verbessern. Die richtigen Konservierungsmethoden helfen uns ein Objekt zu erhalten. Die Restaurierung eines Manuskripts kann ebenfalls zu Erhaltung beitragen, aber manche Schäden kann man nicht mehr vollständig rückgängig machen. Wir werden die Papiere reinigen und sichern, aber eine verlaufende Tinte ist Teil der Geschichte des Objekts und sollte weiterhin ablesbar bleiben.

[10:26:29] Georgios Chatzoudis: Das ist sehr interessant und darüber würde ich gerne noch etwas mehr erfahren: Was unternehmen Sie beispielsweise bei brüchigem Papier? Wie schützen Sie es vor weiterem Verfall?

[10:30:53] Eva Brozowsky: Es gibt viele Methoden das Papier zu stabilisieren. Aber bei den Manuskripten müssen wir auf wasserbasierende Methoden verzichten, da die Tinten zu empfindlich sind. Das Papier wird mit geeigneten, sehr dünnen aber stabilen Japanpapieren und Klebstoff gesichert. In einzelnen Fällen müssen wir das Papier auch flächig hinterlegen oder es mit einer Nachleimlösung behandeln, wenn die Tinte das zulässt.

[10:32:23] Georgios Chatzoudis: Bietet sich denn in solchen Fällen nicht auch die moderne Technik an? Wie steht es zum Beispiel um die Digitalisierung der Manuskripte? Wäre das nicht einfachste Form, um die Materialen dauerhaft zu sichern und verfügbar zu machen?

[10:34:52] Eva Brozowsky: Ja, die Digitalisierung wird eines der Ziele sein. Aber um die Manuskripte überhaupt digitalisieren zu können, sind die restauratorischen Schritte unerlässlich. Zum Beispiel kann die beste Digitalisierung nicht viel ausrichten, wenn die Manuskriptseiten zu stark verschmutzt sind.

"Die verschärfte Lage ist spürbar und die Zukunft ungewiss"

[10:35:42] Georgios Chatzoudis: Ok. Das leuchtet ein. Was wird nun als nächster Schritt in Mali passieren? Und wer ist auf malischer Seite am Projekt beteiligt?

[10:40:19] Eva Brozowsky: Der Ausbau der Bibliothek hat schon begonnen. Bevor die Manuskripte dorthin transportiert werden, würde ich gerne die Bedingungen vor Ort noch einmal überprüfen, um die bestmögliche Lagerung von Beginn an sicher zu stellen. Es müssen noch viele praktische Faktoren geklärt werden, die erst einmal banal klingen, aber sehr wichtig sind: zum Beispiel die Stromversorgung, Luftentfeuchter, Regale und Aufbewahrungsboxen für die Manuskripte.

Auf malischer Seite ist vor allem Herr Haidara für das gesamte Projekt verantwortlich. Auf Ihn geht die Rettungsinitiative zurück und er koordiniert alles vor Ort. Seine eigene, sehr große Privatbibliothek ist mitbetroffen und er hat auch in der Vergangenheit beim Aufbau der staatlichen Bibliothek von Timbuktu mitgeholfen.

[10:45:08] Georgios Chatzoudis: Um noch ein wenig einen Eindruck vom Land und der aktuellen Situation zu erhalten: Wie haben Sie Mali in der kurzen Zeit erlebt?

[10:50:42] Eva Brozowsky: Das ist eine zwiespältige Frage. Auf der einen Seite ist das Militär und enorme Sicherungen von Hotels und öffentlichen Gebäuden und auf der anderen Seite ist die Krisensituation räumlich sehr weit entfernt von Bamako. Die ganze Stadt hat mit erheblichen Stromausfällen zu kämpfen und in Bamako sind viele Flüchtlinge. Das frühere Manuskriptzentrum befindet sich in provisorischen Wohnräumen und die Depots für die Manuskripte sind einfache Räume in Wohnungen oder Höfen. Insgesamt ist die verschärfte Lage spürbar und die Zukunft ungewiss.

[10:51:31] Georgios Chatzoudis: Trotzdem werden Sie wieder hinreisen? Wissen Sie denn schon wann in etwa?

[10:53:38] Eva Brozowsky: Ich möchte gerne wieder nach Bamako reisen, denn dort wartet eine große Aufgabe auf uns alle. Wann genau werden die nächsten Tage oder Wochen zeigen, aber sobald die Renovierungsmaßnahmen abgeschlossen sind, wäre es wichtig alles nochmal zu prüfen.

[10:54:39] Georgios Chatzoudis: Dann wünschen wir Ihnen an dieser Stelle schon einmal viel Erfolg, viel Glück und alles Gute für Ihre weitere Arbeit. Haben Sie ganz herzlichen Dank für diesen spannenden Austausch!

[10:55:00] Eva Brozowsky: Vielen Dank auch an Sie!

Kommentar

von Boris Schneider | 07.05.2013 | 17:01 Uhr
Ich hoffe, dass die Werke noch gerettet werden können. Da sieht man mal wieder, welche kulturellen Auswirkungen ein Krieg auch haben kann. Ich wünsche Brozowsky und ihren Mitstreitern ein gutes Gelingen!

LG

Boris

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