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Georgios Chatzoudis | 28.08.2014 | 1997 Aufrufe | Interviews

"In der Wirtschaft wird ein Doktor-Titel sehr geschätzt"

Interview mit Natascha Bagherpour über Berufswege nach der Promotion

Natascha Bagherpour steht wie viele andere frisch-promovierte Geisteswissenschaftler vor der Frage, wie es weitergehen soll. Eine wissenschaftliche bzw. akademische Laufbahn ist für Absolventen der Archäologie fast aussichtslos, dafür gibt es einfach zu viele Kandidaten für zu wenige Stellen. Für viele der Zeitpunkt, sich neu zu orientieren. Natascha Bagherpour, Archäologin und ehemalige Stipendiatin der Gerda Henkel Stiftung, hat sich nun selbständig gemacht und einen eigenen Weg eingeschlagen. Wir haben sie dazu befragt.

Natascha Bagherpour, ehemalige Promotionsstipendiatin der Gerda Henkel Stiftung

Google Maps

"Ich verbrachte mehrere Monate auf eigene Faust im Iran"

L.I.S.A.: Frau Bagherpour, Sie haben Archäologie studiert und inzwischen auch in diesem Fach promoviert. Was genau haben Sie erforscht?

Bagherpour: Dazu muss ich einwenig ausholen: Ich bin deutscher und iranischer Herkunft; in Deutschland geboren, aufgewachsen und ausgebildet worden. Gerne hätte ich meine orientalische Herkunft mit meinen Studien intensiver verknüpft, aber als ich anfing zu studieren, fanden keine deutsch-iranischen Forschungsprojekte mehr statt, was mit der Islamischen Revolution, dem Iran-Irak Krieg und der Außenpolitik zusammenhing. Erst mit dem Projekt “Ancient Mining and Metallurgy in West Central Iran” des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und des Deutschen Bergbau-Museums in Bochum wurden wieder bilaterale Grabungsprojekte initiiert und ich hatte die Gelegenheit schon als Studentin bei einer der ersten Grabungen des DAI in Arisman, nahe Natanz, dabei zu sein. Nachdem ich meinen Studienabschluß in der Tasche hatte, verbrachte ich mehrere Monate auf eigene Faust im Iran, um mein "Vaterland" besser kennen zu lernen. Zum Abschluss meines Aufenthaltes nahm ich auch an der Grabung des Deutschen Bergbau-Museums in Veshnaveh, im westlichen Zentraliran, teil. Der Ausgräber und mein späterer Doktorvater Prof. Thomas Stöllner bot mir an, über einen sensationellen Befund dieser Grabung zu promovieren.

Das Thema, das ich bearbeiten durfte, war zwar nicht immer einfach, aber eine große Chance für mich und ich habe mir damit einen großen Wunsch erfüllt: Zwischen den Jahren 2000 und 2005 wurde in Zusammenarbeit mit den iranischen Institutionen das vorgeschichtliche Kupferabbaugebiet von Veshnaveh untersucht. Es war eine große Überraschung als in der zweiten Kampagne, im Jahr 2001, in einer der Gruben für den Bergbau gänzlich untypische Funde entdeckt wurden. Zu Tage kamen Keramikgefäße, Holzobjekte, Textilfragmente, Nahrungsreste und Schmuckartefakte aus Glas, Halbedelstein, Gold und anderen Metallen. Offenbar wurde das ehemalige Bergwerk über einen Zeitraum von etwa 1400 Jahren (von. ca. 800 v. Chr. - in das 8. Jh. n. Chr.) als ein Naturheiligtum genutzt und die aufgefundenen Objekte dort deponiert. Dieser Befund ist innerhalb der iranischen Archäologie ein Ausnahmefall und wurde glücklicherweise durch diese Forschungsaktivitäten entdeckt. Es gibt derzeit keinen vergleichbaren bekannten Komplex in Iran. Besonders wichtig ist die Entdeckung auch, da es sich um stratifiziertes Fundmaterial vor allem aus der Zeit der parthischen und sasanidischen Dynastien handelt (3. Jh. v. Chr. - 7. Jh. n. Chr.). Diese Perioden wurden in der Archäologie bisher nur wenig erforscht. Vor allem unsere Kenntnis zur materiellen Kultur der Zeit weist noch viele Lücken auf, etwa was persönliche Schmuckobjekte, Tracht oder allgemein Kleingegenstände betrifft.

In meiner Dissertation arbeitete ich die Schmuckobjekte antiquarisch und stratigraphisch auf und ordnete sie - soweit möglich - zeitlich zu. Einen wichtigen Teil nahm dabei die religionsgeschichtliche Auswertung ein. Das Heiligtum von Veshnaveh stellt erstmals materielle Belege für bisher ungeklärte zoroastrische Überlieferungen bereit. Mit Hilfe einer systematischen Auswertung in einem Geoinformationssystem, konnte ich die komplexe Stratigraphie und die Deponierungspraxis analysieren. Dadurch und durch die antiquarische Auswertung war es möglich, Fragen nach der Geschlechterrolle und den Handlungsvorgängen im Heiligtum zu klären.

Ich denke, dass meine Arbeit für die Problematik der vorislamischen Religion in Iran, aber auch für das weltweit verbreitete Phänomen der Höhlenheiligtümer einen wichtigen Aspekt darstellt, und einen wichtigen Beitrag in der Parther- und Sasanidenforschung leisten kann.

Natascha Bagherpour in Gohar Tepe/Iran 2012

"Es dauerte ein wenig, bis ich meinen neuen Bereiche gefunden hatte"

L.I.S.A.: Wie geht es nun beruflich weiter?

Bagherpour: Seit ich im Jahr 2011 meine Dissertation eingereicht und gegen Ende des selben Jahres erfolgreich disputiert habe, habe ich mich in ganz verschiedene Richtungen orientiert. Zunächst bewarb ich mich auf verschiedene Assistenten- und Postdoc-Stellen und schrieb einige Proposals, allerdings musste ich feststellen, dass ich durch meinen Schwerpunkt auf den Iran sehr spezialisiert bin und es bisher eigentlich keine Stellenausschreibung für mein Profil gibt. Eine andere Option war es, selbst eine Postdoc-Stelle über Drittmittel zu beantragen. Da ich gerne Themen bearbeitet hätte, die eher grundlagenorientiert als innovativ sind, wurde mir von erfahrenen Kollegen geringe Chancen im Drittmittelwettbewerb vorhergesagt. Ein Antrag z.B. bei der DFG erfordert zudem einen hohen Aufwand, besonders für junge Wissenschaftler ohne eine feste oder zumindest eine Übergangsstelle, deshalb habe ich mich entschieden, diese Möglichkeit erst einmal ruhen zu lassen und andere Wege zu finden.

Durch den Hinweis einer Freundin aus einem ganz anderen Fachbereich, hatte ich die wunderbare Gelegenheit beim hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst in der Forschungsförderung (LOEWE) zu arbeiten. Dort habe ich viel gelernt, vor allem was die Erstellung von Drittmittelanträgen betrifft. Da die Referententätigkeit beim Ministerium befristet und projektbedingt ausgelegt war, hatte ich immer 3 Monate Arbeit und war 3 Monate frei. Deshalb begann ich mich vor und während dieser Zeit weiter zu orientieren mit Initiativen auch außerhalb der Archäologie.

Es dauerte ein wenig, bis ich die Bereiche gefunden hatte, in denen meine Fähigkeiten und mein Wissen gefragt sind. In archäologischen Projekten war ich zusätzlich zur Grabungstätigkeit aufgrund meiner sprachlichen und kulturellen Kenntnisse zuständig für den guten Ablauf der Kommunikation, und habe so manche schwierige Verhandlung geführt, Verträge ausgehandelt und kenne den Charakter der iranischen Behörden inzwischen ebenfalls sehr gut. Durch positive Rückmeldungen von wirtschaftlicher Seite, erkannte ich, dass meine jahrelangen Erfahrungen aus den Grabungs- und Forschungsprojekten in anderen Bereichen durchaus gefragt sind und auch bezahlt werden, wohingegen die Situation in der Archäologie eher prekär ist. Erfolg hatte ich mit meinen Initiativen z.B. bei einer Produktionsfirma, die ich bei einem Filmdreh im Iran unterstützen konnte, bei einer deutschen Firma, die einen Vertrieb in Iran aufbauen will und auch bei einem Museum. Der Dreh verlief erfolgreich, den Vertriebsjob habe ich aus familiären Gründen nicht angenommen und mit dem Museum reiche ich derzeit einen Drittmittelantrag ein.

Es stellte sich für mich daraufhin die Frage, ob ich die Archäologie mit nicht-wissenschaftlichen Projekten vereinbaren kann. Letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es durchaus möglich ist. Wieso nicht!? In den letzten Jahren sind so viele neue Berufszweige entstanden, vom sogenannten Coach bis hin zum Fitness-Ökonom. Inzwischen habe ich einen Kooperationspartner, der ein erfahrener Unternehmensberater ist, ein gutes Netzwerk im Iran, halte Vorträge, auch auf einer Wirtschaftskonferenz speziell zum Thema Iran, habe einen weiteren, kleineren Antrag mit einer Kollegin aus der Archäologie gestellt und meine Website www.beratung-iran.de entwickelt.

Natascha Bagherpour in Veshnaveh/Iran 2004

"Ich bin nun geübt darin, mich in verschiedene Themen einzuarbeiten"

L.I.S.A.: Welche Leistungen bieten Sie mit „Iran Beratung“ an? Wer schwebt Ihnen dabei als Klientel vor?

Bagherpour: Mit meiner Erfahrung und meinem Netzwerk im Iran unterstütze ich kommerzielle, wissenschaftliche und kulturelle Projekte beginnend bei deren Anbahnung bis hin zur Pflege von Kooperationen und Geschäftsbeziehungen. Neben meinem weiteren Engagement in archäologischen Projekten, beigleite ich Delegationen in den Iran, z.B. zu Konferenzen oder Messen, um bei Gesprächen zu beraten und konsekutiv zu übersetzen. Um kompakt Informationen zur Verfügung zu stellen, biete ich Präsentationen an, in denen ich Themen zu Landeskunde, Archäologie oder Geschäftskultur übermittle. Mit meinem Angebot möchte ich mittelständische Unternehmen ebenso ansprechen wie Forschungseinrichtungen aller Bereiche, denn hier schließt sich der Kreis meiner vielseitigen beruflichen Ausflüge: In der Forschungsförderung habe ich mich mit zahlreichen, für mich fachfremden Forschungsprojekten beschäftigt, von der Soziologie, über die Gentherapie bis hin zur anorganischen Chemie, so dass ich nun geübt bin darin, mich in verschiedene Themen einzuarbeiten.

Natascha Bagherpour, Vortrag auf der Wirtschaftskonferenz: Marktchancen in Iran, 2014

"Für Geisteswissenschaftler erhöhen sich berufliche Chancen sehr"

L.I.S.A.: Inwiefern profitieren Sie bei Ihrem neuen beruflichen Weg davon promoviert zu haben?

Bagherpour: Eine Promotion ist, nach meiner Meinung, eine wichtige Stufe in der beruflichen Entwicklung sowohl intellektuell als auch mental. Ein umfangreiches wissenschaftliches Thema, wie es für eine Dissertation ausgelegt ist, über Jahre hinweg zu bearbeiten, bedarf selbständiger Arbeit, einer guten Organisation (besonders mit Kind) und inhaltlichen Strukturierung, einer starken Selbstmotivation und Durchhaltevermögen sowie Genauigkeit und sprachlichen Ausdrucksvermögens. Diese Fähigkeiten werden in der Promotionsphase sozusagen gefestigt, man entwickelt einen gewissen Qualitätsanspruch und ist qualifiziert, große sowie langjährige Projekte durchzuführen. Ich habe erfahren, dass in der Wirtschaft ein Doktor-Titel sehr geschätzt wird und Vertrauen in meine Kompetenz weckt. Gerade für Geisteswissenschaftler erhöhen sich damit die beruflichen Chancen sehr.

"Ich strebe keine klassische, wissenschaftliche Karriere mehr an"

L.I.S.A.: Was wird bei Ihnen aus der Archäologie? Ein vergangener Lebensabschnitt oder eine beständige Begleiterin?

Bagherpour: Ich möchte meine berufliche Ausrichtung mit der Archäologie kombinieren. Wenn alles gut geht, werde ich im nächsten Jahr an einem sehr spannenden Grabungsprojekt beteiligt sein und dann gibt es ja auch noch den kleineren Antrag mit meiner Kollegin und den Antrag mit dem Museum. Grundsätzlich strebe ich jedoch keine klassische, wissenschaftliche Karriere mehr an. Der konventionelle Weg besteht - einfach ausgedrückt - aus Assistenz, Habilitation und der Hoffnung auf eine der wenigen Professuren oder Stellen. Letzteres ist gerade in meinem Bereich nicht in absehbarer Zeit erreichbar. Insgesamt ist es wohl in vielen wissenschaftlichen Disziplinen für den Nachwuchs sehr schwierig, beruflich Fuß zu fassen. Ich finde es aber sehr interessant, in welchen anderen Bereichen junge Wissenschaftler ihr Potential einbringen können, wenn sie für andere Gebiete aufgeschlossen sind.

Natascha Bagherpour hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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