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Georgios Chatzoudis | 06.08.2015 | 462 Aufrufe | Interviews

"Identitäten transformieren sich"

Interview mit Susanne Czuba-Konrad über ihr Projekt "StadtteilHistoriker"

In Frankfurt am Main lädt die Stiftung Polytechnische Gesellschaft dazu ein, die Heimatstadt beziehungsweise das eigene Stadtviertel historisch zu erforschen. Angesprochen sind dabei weniger professionelle Historikerinnen und Historiker, sondern alle, die sich für die Geschichte ihres Stadtteils interessieren. L.I.S.A. hat bereits mehrere Projekte von ehemaligen Teilnehmern vorgestellt. Bei der aktuell fünften Auflage der Initiative haben wir der Literaturwissenschaftlerin Dr. Susanne Czuba-Konrad, die als StadtteilHistorikerin Identitäten im Frankfurter Viertel Dornbusch untersucht, unsere Fragen gestellt.

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"Es gibt so etwas wie ein Wir-Gefühl der Bewohner"

L.I.S.A.: Frau Dr. Czuba-Konrad, Sie nehmen an der aktuellen Staffel der Frankfurter StadtteilHistortiker teil. Wie kamen Sie zu den StadtteilHistorikern?  

Dr. Czuba-Konrad: Im Frühjahr 2014 gewann ich zu meiner Freude und Überraschung den lokalen Gedichtwettbewerb des Geschäftsrings Dornbusch. Das Gedicht ist eine Liebeserklärung an „meinen“ Stadtteil in Versen. Ich nahm dann Kontakt zur Stadtteilzeitung der Ev. Dornbuschgemeinde „Wir am Dornbusch“ auf, ob sie nicht Lust hätten, mein Gedicht abzudrucken. So kamen wir ins Gespräch und sie luden mich ein, bei der Zeitung in die Redaktion einzutreten und mitzuschreiben. Ein Redakteur machte mich auf die laufende Ausschreibung der Stiftung Polytechnischen Gesellschaft aufmerksam. Das Thema grenzte ich dann in einem Vorgespräch mit dem Projektleiter der Stadtteilhistoriker, Dr. Oliver Ramonat, ein. So kam ich zu den Stadtteilhistorikern.  

L.I.S.A.: Wie heißt Ihr Projekt? Worum geht es dabei?  

Dr. Czuba-Konrad: Das Projekt trägt den Namen „Stadtteilidentität am Dornbusch“. Es geht darin um die Frage, was das Charakteristische, das Einzigartige am Dornbusch ausmacht. Es geht auch darum, ob der Stadtteil Dornbusch ein Einheitsempfinden hat, oder ob es nur ein „identitätsloses“ Wohngebiet ist. Die Fragen sind berechtigt, da der Stadtteil 1946 aus Teilen Eckenheims und Ginnheims zusammengeführt wurde und somit nicht über eine eigene Ortstradition verfügt. Außerdem wird er durch die Teilung der Eschersheimer Landstraße durch den U-Bahn-Strang in zwei Hälften gespalten. Trotzdem gibt es so etwas wie ein Wir-Gefühl der Bewohner und auch ein Zusammenhangsempfinden.

Es ist ein eher bürgerlicher Stadtteil mit Ärzten, Kaufleuten und Geschäften, aber durch die Nähe zum Hessischen Rundfunk gibt es auch ein künstlerisch-intellektuelles Publikum. Die Frage nach der Identität und der „Mix aus Idylle und Großstadt“ wurde in zwei Zeitungsartikeln treffend dargestellt - in der Frankfurter Neue Presse und in der Frankfurter Rundschau

"Ein Schlüsselbegriff ist für mich der 'emotionale Ortsbezug'"

L.I.S.A.: In Ihrem Forschungsfeld stellen Sie die Frage nach einer Stadtteilidentität. Das Konzept der Identität ist statisch. Was passiert demzufolge mit Stadtteilidentitäten, wenn sich Stadtteile verändern? Transformieren sich auch Identitäten?  

Dr. Czuba-Konrad: Selbstverständlich transformieren sich Identitäten. Für mich ist das Konzept der Identität seit jeher dynamisch und einem ständigen Wandel unterzogen. Ein Schlüsselbegriff ist für mich der „emotionale Ortsbezug“. Den hat der Betrachter (es muss nicht der Bewohner sein!), der für den Stadtteil etwas empfindet. Dieser Ortsbezug ist der Motivator, sich mit dem Stadtteil zu befassen und seine Identität zu analysieren. Der emotionale Ortsbezug ist wechselhaft und der Stadtteil kann auch in einem unterschiedlichen Licht erscheinen.

"Für andere rasch sichtbar"

L.I.S.A.: Sie begleiten Ihr Projekt mit einem eigenen Blog. Warum haben Sie diese digitale Form des öffentlichen Werkstattberichts gewählt? Gibt es Feedback?  

Dr. Czuba-Konrad: „Blog“ ist vielleicht übertrieben. Ich habe einige „Forschungsergebnisse“ auf meiner Homepage www.czuba-konrad.de dokumentiert. Es soll noch mit einer Frankfurter Zeitung ein Stadtteilhistoriker-Blog gemacht werden, aber die Einrichtung ist noch nicht fertiggestellt. Warum die digitale Form: Kleine Texte kann man gut veröffentlichen, indem man sie ins Internet stellt. Sie sind für andere rasch sichtbar. Solche Texte in Büchern und Zeitschriften zu veröffentlichen, ist schwieriger und dauert viel länger. Feedback? Ich denke, die Anfragen der Journalisten und so etwas waren ein Feedback.    
 
L.I.S.A.: Mit welchem Ziel ist Ihr Projekt verbunden? Entsteht am Ende ein Buch, eine Ausstellung oder eine Webseite? Wann würden Sie von einem erfolgreichen Projekt sprechen?

Dr. Czuba-Konrad: Das Stadtteilhistoriker-Projekt hat mich angeregt, zusammen mit einem Frankfurter Verlag eine literarische Anthologie über viele Frankfurter Stadtteile zu erarbeiten, dazu kann ich hier aber noch nicht mehr sagen, da das Projekt voll in der Entwicklungsphase ist. 

Dr. Susanne Czuba-Konrad hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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