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Georgios Chatzoudis | 26.06.2014 | 7183 Aufrufe | 3 | Interviews

"Ich übersetze nackte Forschungsergebnisse in spannende Geschichten"

Interview mit Angelika Franz über Archäologie und Journalismus

Dr. Angelika Franz promovierte in klassischer Archäologie, arbeitet heute allerdings vor allem als Journalistin für verschiedene Medien. Gleich nach der Promotion orientierte sie sich um und machte ihre Leidenschaft zum Beruf: das Schreiben. In ihren Artikeln verbindet sie dabei die Forschung mit der Öffentlichkeit und wandelt bloße Fakten in spannende Geschichten um. Wenn es nach ihr geht, sollte "Forschung immer für die Menschen sein". Wir haben ihr einige Fragen gestellt.

Dr. Angelika Franz bei ihrer Recherche im Dartmoor

"Archäologie ist die Untersuchung der Spuren, die wir hinterlassen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Franz, Sie sind promovierte Archäologin. Was war Ihr Steckenpferd an der Uni?

Dr. Franz: An der Uni hatte ich kein Steckenpferd - dazu hatte ich das falsche Fach gewählt. Die klassische Archäologie ist für mich viel zu kunstgeschichtlich ausgerichtet, da war ich nie wirklich glücklich. Aber wenn man erst mal drinsteckt, macht man's ja auch irgendwie zu Ende. Mein Steckenpferd habe ich erst später gefunden, als ich nicht mehr an die Zwänge der Uni gebunden war. Das ist die Gegenwartsarchäologie. Archäologie ist für mich die Untersuchung der Spuren, die wir hinterlassen, wenn wir uns in einem Raum oder einer Landschaft bewegen - und zwar ganz egal, ob das vor 5000 Jahren war oder vor einer Stunde.

L.I.S.A.: Sie waren ja auch archäologisch tätig. Was war Ihr schönster Fund?

Dr. Franz: Der kommt auch aus dem Bereich der Gegenwartsarchäologie: die Spuren meiner eigenen Geburtstagsfeier. Vor ein paar Jahren habe ich mal mit einer Freundin zusammen ganz groß gefeiert. Und am nächsten Morgen schaute ich über die Wiese, auf der die Feier stattgefunden hatte, und entdeckte die ganzen Spuren, die wir hinterlassen hatten; von den offensichtlichen Artefakten wie Bierflaschenkronenkorken bis hin zu den subtileren Spuren wie dem Abdruck der Tanzfläche. Da hab' ich schnell meine Kamera geholt und alles dokumentiert.

"Forschung sollte immer für die Menschen sein"

L.I.S.A.: Sie haben nach der Promotion den akademischen Weg nicht weiter beschritten. Warum?

Dr. Franz: Es gab für mich keinen Platz an der Uni. Ich passte da nicht rein. Und so richtig zugehörig hab' ich mich ja eh' nicht gefühlt. Am Ende war ich nur froh, meine Freiheit wieder zu haben.

L.I.S.A: Sie arbeiten heute vor allem als Journalistin für verschiedene Medien. Was hat Sie an einer journalistischen Laufbahn gereizt?

Dr. Franz: Das Geschichtenerzählen. Ich erzähle wahnsinnig gerne Geschichten. Nicht mündlich, ich bin ein furchtbar schlechter Redner und höre lieber zu - aber ich schreibe mit Leidenschaft. Schon immer: Briefe, Gedichte, Emails, Tagebuch, alles wurde immer aufgeschrieben. Ich muss mich nie dazu überwinden, mich an den Rechner zu setzen und zu schreiben - im Gegenteil, es ist eine Art Bedürfnis, die Geschichten wollen raus, wollen erzählt werden.

L.I.S.A.: Warum schreiben Sie dann ausgerechnet über Wissenschaft?

Dr. Franz: Am Wissenschaftsjournalismus finde ich so reizvoll, die Brücke zwischen Forschung und Öffentlichkeit zu schlagen. Forschung sollte immer für die Menschen sein und nicht im stillen Kämmerlein unter Ausschluß der Öffentlichkeit passieren. Aber nicht alle Wissenschaftler haben die Gabe, die Menschen zu erreichen und sie darüber zu informieren, was sie Aufregendes herausgefunden haben. Da komme ich ins Spiel: Das ist mein Job. Ich übersetze die nackten Forschungsergebnisse in spannende Geschichten, damit sie dort ankommen, wo sie hingehören: bei den Menschen. Oft ist es ein Spagat zwischen den Welten, weil mir beides wichtig ist: die wissenschaftliche Korrektheit ebenso wie der Unterhaltungsfaktor. Aber am Ende sind in den allermeisten Fällen auch die Forscher zufrieden mit der Präsentation ihrer Arbeit.

"Archaeology is what archaeologists do"

L.I.S.A.: In Ihrem Blog schreiben Sie über sich, dass Sie nun viel mehr mit Archäologie zu tun hätten, als während Ihrer Zeit an der Uni. Klingt irgendwie paradox, oder?

Dr. Franz: Eigentlich gar nicht. Als Wissenschaftler ist man ja immer sehr spezialisiert. Man hat sein Fachgebiet und da geht man ganz, ganz weit in die Tiefe. Aber für die Breite fehlt dann oft das Interesse oder die Kapazität. Ich kann mir den Luxus leisten, die volle Breite mitzunehmen, ich muss mich ja nirgendwo beweisen. Als Journalistin kann ich den Forscher anrufen und bekomme dann quasi eine Privatvorlesung am Telefon - nach der ich, ohne Angst vor schlechten Noten haben zu müssen, nach Herzenslust auch noch alle Fragen stellen darf, die mir dazu einfallen. Im Schnitt sind das zwei intensive Blockseminare pro Woche - ist das nicht toll?

L.I.S.A.: Sie haben eine reiches Themenspektrum, das historisch gesehen von den ersten Fossilfunden bis zu den Hippies in der 70er Jahren oder den noch brütenden Atomkraftwerken reicht. Bekommt man das alles unter einen archäologischen Hut?

Dr. Franz: Ja, natürlich. Ich halte mich da an David Clarke, der schon 1973 sagte: Archaeology is what archaeologists do. Es geht ja immer darum, was wir so tun und was wir dabei hinterlassen. Im Grunde genommen ist der Unterschied zwischen einem steinzeitlichen Kochfeuer und einer modernen Küche gar nicht so groß - sie liegen nur an unterschiedlichen Enden des Zeitstrahls. Aber wenn wir sie archäologisch untersuchen, werden wir schnell zu dem gleichen Schluß kommen: Es sind Orte, wo Menschen rumgesessen, gegessen und getrunken haben. Die Themen sind immer die gleichen, egal in welcher Zeit. Wir essen. Wir trinken, vor allem gerne Alkohol. Wir tanzen. Wir lieben. Wir bringen uns um, manchmal im Geheimen, manchmal im großen Stil. Und am Ende schmücken wir unsere Gräber.

Kommentar

von Dr. Arnold Schumacher | 12.11.2014 | 17:11 Uhr
es ist eine Freude zu lesen, wie da eine/r seinen Weg findet/gefunden hat und das kommt auch rüber! Informativ, spannend und ironisch.

Kommentar

von Unangepasster Lebenskunstpraktiker Madschuno Vata-list | 21.12.2014 | 14:41 Uhr
In Ihrem L.I.S.A.-Interview hat Mich eine Passage so stark berührt, dass Ich - wenn Ich mal wieder in Hamburg bin - IHNEN gerne von Angesicht zu Angesicht ZUHÖREN möchte . . . Darf Ich Sie kontaktieren, wenn's soweit ist? P.S.: In ferner Vergangenheit habe Ich mal ca. 6000 cranii humani (als Lehrmittel) bearbeitet. Diese Episode führte Mich wohl auch zu dem Vampirgrabartikel usf.

Kommentar

von Techniker | 28.01.2016 | 19:34 Uhr
...die Brücke zwischen Forschung und Öffentlichkeit zu schlagen. Forschung sollte immer für die Menschen sein und nicht im stillen Kämmerlein unter Ausschluß der Öffentlichkeit passieren...
Obiger Satz gefällt mir am besten.

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