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Judith Wonke | 14.06.2020 | 481 Aufrufe | Interviews

"Ich persönlich halte Wikipedia für ein Weltkulturerbe"

Interview mit Aileen Oeberst zu Eigengruppenfehlern in der Online-Enzyklopädie Wikipedia

Wer trägt an einem Konflikt die Schuld? Bei der Beantwortung dieser Frage ist die Perspektive entscheidend: Oft sieht sich jede Seite im Recht und die andere im Unrecht. Diese Beobachtung lässt sich auch für die Online-Enzyklopädie Wikipedia machen, so Prof. Dr. Aileen Oeberst. Die Psychologin hat im Rahmen eines Projektes zu den sogenannten Eigengruppenfehlern in der Wikipedia geforscht und untersucht, wie sich die Darstellung des Konfliktes in den jeweiligen Einträgen unterscheidet. Im Interview wollten wir von der Professorin für Psychologie an der Fernuniversität in Hagen wissen, wann die Eigengruppenfehler auftreten und wie sich diese zukünftig vermeiden lassen - welche Rolle spielt hierbei die künstliche Intelligenz? Und wie beeinflussen diese Fehler unsere Wahrnehmung und zukünftige Entscheidungen?

"Die verschiedenen Sprachversionen von Wikipedia stellen keine Übersetzungen dar"

L.I.S.A.: Prof. Dr. Oeberst, Sie haben gemeinsam mit Prof. Cress, Dr. von der Beck, Dr. Matschke, und Dr. Ihme eine Studie durchgeführt, die die Darstellung historischer Konflikte in der Online-Enzyklopädie Wikipedia untersucht. Bevor wir zu inhaltlichen Fragen kommen: Wie ist die Idee zu dieser Studie entstanden?

Prof. Oeberst: Wir bearbeiteten zu dem Zeitpunkt bereits ein Projekt zum Rückschaufehler in Wikipedia. Dabei handelt es sich um das Phänomen, dass Menschen im Nachhinein verstärkt das Gefühl haben, dass eingetretene Ereignisse (z.B. Katastrophen) zwangsläufig und vorhersehbar waren. Dafür haben wir eine Reihe von Artikeln in Wikipedia analysiert. In einem Gespräch mit unserem Kooperationspartner Prof. Dr. Steffen Nestler (Universität Münster) kamen wir dann darauf zu sprechen, dass die verschiedenen Sprachversionen von Wikipedia ja eben keine Übersetzungen darstellen, sondern jeweils einzigartige Enzyklopädien sind - die sich somit in ihrer Darstellung internationaler Konflikte durchaus unterscheiden könnten...

"Konflikte zwischen Gruppen, die jeweils unterschiedliche Sprachen sprechen"

L.I.S.A.: Wie sahen die Untersuchungen der Studie konkret aus? Von welchem Quellenmaterial und welchen wissenschaftlichen Methoden haben Sie im Rahmen der Studie Gebrauch gemacht?

Prof. Oeberst: Ausgangspunkt für uns waren Konflikte zwischen Gruppen, die jeweils unterschiedliche Sprachen sprechen - um die dazugehörigen Wikipedia-Artikel aus den jeweiligen Sprachversionen miteinander vergleichen zu können. In einer ersten Studie haben wir die kompletten Artikel zu 15 verschiedenen Konflikten analysiert, in einer zweiten Studie haben wir uns auf die einleitenden Zusammenfassungen beschränkt und dafür 35 Konflikte untersucht. Alle Artikel(teile) wurden dafür übersetzt und dann von Personen, die unsere Fragestellung und auch die Herkunft der Texte nicht kannten, dahingehend eingeschätzt, wie positiv/negativ sie die beiden Konfliktparteien darstellen und dann noch vergleichend, ob eine der beiden Konfliktparteien systematisch als besser, verantwortlicher, mächtiger bzw. unmoralischer dargestellt wird. Ein Eigengruppenfehler besteht dann, wenn von einem bestimmten Konflikt (z.B. Falklandkrieg) die jeweiligen Konfliktparteien (z.B. Großbritannien) in der „eigenen“ Sprachversion (im Beispiel: der englischen) systematisch positiver und die andere Konfliktpartei (Argentinien) negativer und als unmoralischer und verantwortlicher für den Konflikt dargestellt wird als in der jeweils anderen Sprachversion (hier: dem spanischen Artikel), und umgekehrt.

"Verantwortung für den Krieg wird jeweils der anderen Konfliktpartei angelastet"

L.I.S.A.: Können Sie an einem konkreten Beispiel zeigen, wie sich die Darstellungen unterscheiden?

Prof. Oeberst: Ein anschauliches Beispiel ist der Deutsch-Französische Krieg. Schon in den zusammenfassenden Einleitungen des deutschen und französischen Wikipedia-Artikels werden große Unterschiede deutlich. So wird die Verantwortung für den Krieg in beiden Artikeln der jeweils anderen Konfliktpartei angelastet: Der deutsche Artikel betont die Kriegserklärung Frankreichs, während der französische Artikel den Konflikt als Folge des preußischen Wunsches, Deutschland zu vereinigen, darstellt.

L.I.S.A.: Gibt es Erkenntnisse, die Sie überrascht haben? Wurden beispielsweise Konflikte anders dargestellt, als Sie anfangs erwartet hätten? Und konnten Sie beobachten, dass Wikipedia-Artikel, die sich beispielsweise auf englischsprachige Quellen beziehen und somit zumindest theoretisch von einer größeren Gruppe bearbeitet werden konnten, weniger Eigengruppenfehler aufweisen?

Prof. Oeberst: Überrascht haben mit definitiv ein paar Fälle mit einem gegenteiligen Muster. So stellt der englische Artikel über die U.S.-amerikanische Invasion der Schweinebucht das Ereignis beispielsweise deutlich kritischer dar, als der spanische Wikipedia-Artikel dies tut. Insbesondere wird das Vorgehen der USA im englischen Artikel als deutlich unmoralischer bewertet als im spanischen Artikel.

"Robuste Fehler in der menschlichen Wahrnehmung und Urteilsbildung"

L.I.S.A.: Bezugnehmend auf die konkreten Ergebnisse Ihrer Studie: Für wie bedeutend halten Sie die Eigengruppenfehler? Wie können derartige Eigengruppenfehler zukünftig vermieden werden?

Prof. Oeberst: Tatsächlich halte ich den Eigengruppenfehler für sehr bedeutend. Nicht nur, weil er bereits in vielen anderen Studien gezeigt wurde - und es sich somit um einen sehr robusten Fehler in der menschlichen Wahrnehmung und Urteilsbildung handelt. Seine Bedeutung ergibt sich gerade auch aus seiner praktischen Relevanz: In so gut wie jedem Konflikt lassen sich diese unterschiedlichen Perspektiven wiederfinden - während eine Seite etwas als „Provokation“ empfindet, ist es für die andere eine Reaktion auf vorheriges Fehlverhalten; militärische Interventionen können als Akt der Befreiung oder als Akt der Belagerung beurteilt werden, etc. So sieht sich jede Seite im Recht, die andere im Unrecht, und genau das trägt maßgeblich zur Aufrechterhaltung dieser Konflikte bei - oder gar zu deren Eskalation.

Eine Vermeidung ist einerseits ganz einfach und andererseits nicht einfach: Im Grunde müssten die jeweiligen Konfliktparteien „nur“ die Perspektive der anderen Seite übernehmen bzw. mit berücksichtigen. Aber dies wirklich ernsthaft zu wollen und zu tun ist dann doch leider gar nicht so einfach - das lässt sich auch ganz wunderbar im Kleinen (z.B. in Paarkonflikten) erleben. Und dazu trägt leider auch schon bei, dass das Gefühl, selbst im Recht zu sein (während es das Gegenüber nicht ist) Teil des Eigengruppenfehlers ist - sodass es als unnötig oder gar falsch erachtet wird, sich auf die andere Seite ("die ja falsch liegt"!) einzulassen.

Insofern wäre es eine vielversprechendere Lösung, die beiden Perspektiven direkt zusammen zu bringen. In unserer Untersuchung haben wir gefunden, dass der Eigengruppenfehler umso geringer ausgeprägt ist, je heterogener die AutorInnenschaft der Artikel ist. Sprich: je mehr unterschiedliche Personen am Artikel beteiligt waren, umso ausgewogener war er.

"Mit der Perspektive des Gegenübers offen und ernsthaft auseinander setzen"

L.I.S.A.: In Ihrer Studie schlussfolgern Sie, dass Eigengruppenfehler unter anderem aus dem verwendeten Quellenmaterial in den Wikipedia-Artikel übertragen werden. Inwiefern lässt sich dies durch künstliche Intelligenz, beispielsweise mit Hilfe einer Übersetzungssoftware, und dem damit einhergehenden Zugang zu fremdsprachigem Quellenmaterial beeinflussen?

Prof. Oeberst: Eine sehr schöne Frage! Die ich mir auch schon gestellt habe! Zumal automatische Übersetzungstools heutzutage beispielsweise schon ermöglichen, die Artikel der anderen Sprachversion - und somit deren Perspektive - zu rezipieren. Lesen Sie mal den französischen Artikel zum deutsch-französischen Krieg - und vergleichen ihn mit dem deutschen! Und genauso werden natürlich auch Quellen aus anderen Sprachen damit zugänglich. Ich könnte mir vorstellen, dass dies den Fehler verringern könnte. Aber trotzdem braucht es immer noch die Motivation, sich mit der Perspektive des Gegenübers offen und ernsthaft auseinander zu setzen. Denn, wie gesagt, der Eigengruppenfehler führt dazu, dass Menschen sich selbst im Recht sehen, und die Anderen im Unrecht - warum sollten sie sich mit etwas beschäftigen, das (in ihren Augen) falsch ist?

"Vielen ist der Wert von Wikipedia nicht wirklich bewusst"

L.I.S.A.: Sie beschreiben Wikipedia als einen „memory place“, der Darstellungen der Vergangenheit preisgibt und kollektives Wissen konserviert. Lässt sich daraus schlussfolgern, dass der Wert von Wikipedia für die Erforschung des kulturellen Gedächtnisses und Bewusstseins unterschätzt wird?

Prof. Oeberst: Es gibt durchaus einige WissenschaftlerInnen, die Wikipedia in dieser Hinsicht untersuchen. Aber tatsächlich glaube ich, dass Vielen der Wert von Wikipedia nicht wirklich bewusst ist. Nicht nur, weil es noch nie zuvor eine solch umfangreiche Enzyklopädie gab, die zudem noch von einer nie dagewesenen Anzahl von Personen zusammengetragen wurde. Sondern gerade auch, weil jede einzelne Veränderung an Artikeln zugänglich bleibt - und somit Einblicke in frühere Darstellungen und die Entwicklung ermöglicht. Dies ist natürlich insbesondere interessant bei jüngeren Ereignissen, die gerade erst Teil der Geschichte werden, wie zum Beispiel der „Arabische Frühling“, die "Nuklearkatastrophe von Fukushima“ oder auch die COVID-19 Pandemie jetzt. Bei aller Fehlbarkeit (die ja für andere Quellen genauso gilt!): Ich persönlich halte Wikipedia für ein Weltkulturerbe.

Prof. Dr. Aileen Oeberst hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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