Login

Registrieren
merken
Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 08.09.2018 | 491 Aufrufe | Artikel

HOLY SHIT

Erscheinungs- und Übertragungsformen des Heiligen in Literatur und Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts

Bericht zum internationalen Promovierendenworkshop an der Universität zu Köln, 29./30. Mai 2017

„The Problem of God“ hieß die große Ausstellung im Düsseldorfer K21, die im letzten Jahr den Anstoß zur Planung dieses internationalen Promovierendenworkshop gab. Auf 2.000 Quadratmetern setzten sich 33 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt mit dem Thema „Religion und Kunst" auseinander. Dabei ging es nicht um das Ausstellen sakraler Kunst vor einem theologischen Hintergrund, sondern vielmehr um die unterschiedlichsten Reflexions- und Transformationsprozesse von Zeichen und Formen christlicher Ikonographie. Auch ein Werk des niederländischen Künstlers Aernout Mik war Teil dieser Schau. Seine Videoarbeit „Speaking in Tongues“ über das globale Phänomen der Pfingstgemeinden adressierte genau die Grauzone, die über Aneignungs- und Übersetzungsprozesse ritueller und religiöser Praktiken die Trennlinie zwischen Religion, Politik und Ökonomie verwischen lässt – und war Anlass genug, ihn zu unserer Tagung einzuladen. Es sei aber betont, dass es eigentlich eben jene Grauzone der Transformation ist, die die Trennung von Heiligem und Profanem in ihrer Konstruiertheit überhaupt erst sichtbar werden lässt und uns die Frage nach Erscheinungs- und Übertragungsformen des Heiligen nicht nur für den Bereich der bildenden Kunst, sondern auch für den der Literatur stellen ließ.

Google Maps

Somit ging es uns bei dieser Tagung nicht darum, das Heilige in irgendeiner Weise definitorisch einzufangen. Im Vordergrund standen Profanierungs- und Sakralisierungsbewegungen sowie verschiedene Erscheinungsformen und Übertragungsweisen des Heiligen, die sich auch über die religiösen Grenzen hinweg ereignen können. Diese Ausgangsposition produzierte viele Fragen: Ist das ‚heilige Ereignis’ eines der Präsenz oder der Dauer; drückt das Erlebnis einen Wunsch nach Ferne oder Nähe aus? Was für Beschreibungsformen und Darstellungsmodi werden in Texten und Kunstwerken angewandt, um Heiliges zum Ausdruck zu bringen? Unter welchen Bedingungen vollzieht sich eine Sakralisierung des Profanen; wie findet auf dem umgekehrten Weg eine Banalisierung des Heiligen statt? Besitzt das Heilige ein Eigenleben oder ist es nur als Schwellenphänomen begreifbar? Zur Diskussion dieser Fragen konnten wir acht Vortragende gewinnen, die sich aus philosophischer, literaturwissenschaftlicher, kunsthistorischer und – dank Aernout Mik – auch aus künstlerischer Perspektive dem Themenkomplex näherten.

Ein erstes Panel am Morgen des ersten Workshoptages bestand aus zwei Vorträgen, die sich mit Giorgio Agamben einer philosophischen Auseinandersetzung mit Sakralisierungs- und Profanierungsbewegungen widmeten, der mit dem Homo sacer eine ‚alte’ Grenzfigur zur ‚Erklärung’ totalitärer Ideologiekonzepte heranzieht und aktualisiert, die immer zugleich der profanen Welt als auch der heiligen Sphäre angehört. Florian Scherübl, der seit 2016 in Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema „Weltauflösungen. Problematische Erzählwelten im Roman ab Mitte des 20. Jahrhunderts" promoviert, diskutierte Agambens Aufsatz „Lob der Profanierung” und legte dessen vielseitige Verweise offen. Der Rekurs auf Walter Benjamins Kurzschrift „Kapitalismus und Religion” erlaubte die Herstellung einer Verbindung zwischen den (vermeintlich) profan-alltäglichen Praktiken im Kapitalismus und den sakralisierenden/profanierenden Handlungsweisen; die Brücke zu Agambens Frühschrift „Der Mensch ohne Inhalt” machte zudem Überlegungen zur antiken Trennung von Poesis und Praxis erkennbar. Yannic Federer, seit 2014 Promovend der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft zum Thema „Zombie – Gesellschaft” an der Universität Bonn, setzte sich daraufhin mit Formproblemen politisierter Transzendenzfiguren bei Giorgio Agamben, Carl Schmitt und Hans Kelsen auseinander. Sein Vortrag arbeitete detailliert die Fortschreibungen bestimmter Theoriemomente in den Werken dieser drei Autoren heraus.

Das zweite Panel am Nachmittag des ersten Workshoptages nahm dann aus kunsthistorischer Perspektive Aneignungsstrategien des Sakralen oder Profanen in der Kunst und Architektur in den Blick. Nana Kintz stellte einen Auszug aus ihrem Promotionsprojekt mit dem Arbeitstitel „Religion im Pariser Dadaismus und Surrealismus” am kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg vor. Um den zeitgleich kritischen und affirmativen Umgang der Dadaisten und Surrealisten mit Kirche und Religion in ihrer Kunst zu veranschaulichen, konzentrierte sich Nana Kintz auf die subversive künstlerische Kombination des Heiligen mit dem Skatologischen und Sexuellen. Maximiliane Buchner, die 2012 zu Künstlerhäusern promovierte, ist seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin im SNF-Projekt „Heilige Räume in der Moderne“ am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der Katholischen Privatuniversität Linz, Österreich. Ihr Vortrag zu profanem Sakralbau der Moderne zeichnete die Neuausrichtung von Sakralbauten im 20. Jh. nach, die die Grenze zwischen sakral und profan zu unterlaufen beginnt, indem auf Materialseite etwa neue Bausubstanzen eingesetzt werden oder der Kirchenraum nicht mehr als verräumlichtes Mysterium, sondern Versammlungsraum für die Gemeinde gedacht wird.

Am Abend des ersten Workshoptages wurden die wissenschaftlichen Beiträge um ein Abendgespräch mit dem niederländischen Installationskünstler und Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster Aernout Mik ergänzt. Miks Arbeiten versuchen, die Grenze zwischen Heiligem und Profanem aufzulösen, indem sie neue religiöse Tendenzen in unserer globalisierten Welt sichtbar machen. Anhand von Werkausschnitten beschäftigten wir uns dezidiert mit seinem Beitrag zur eingangs erwähnten Düsseldorfer Ausstellung und konnten dabei viele der tagsüber erarbeiteten Diskussionsfelder noch einmal aus künstlerischer Perspektive problematisieren

Das dritte Panel am zweiten Workshoptag adressierte zusammenfassend am Gegenstand von Kunst und Literatur konkrete ‚Verkörperungsmomente’ und ‚Verkörperungsproblematiken’ des Heiligen etwa in der Lehre der Transsubstantiation oder der Mystik. Julia Martel, die an der Universität zu Köln zu einer „Ästhetik der Kraft" promoviert, behandelte in ihrem Beitrag die Transsubstantiation, wie sie sich als Verwandlung von Wein und Brot in die Realpräsenz Christi in der Eucharistiefeier vollzieht, als Form, die sich ab der Mitte des 19. Jh.s durch die wissenschaftlichen Untersuchungen der Physik und Physiologie zu wandeln beginnt. Aus der heiligen Transsubstantiation wird eine säkulare Transsubstantiation, die das Wunder zum physikalischen Effekt werden lässt und sich mit Nietzsche hin zu der Erfahrung einer ästhetischen Transsubstantiation öffnet. Johannes Knecht, der sich in seiner Doktorarbeit an der Freien Universität Berlin mit Perspektiven des Ornamentalen in der romanischen Bauskulptur auseinandersetzt, stellte in seinem Vortrag den auratischen Materialbegriff von Joseph Beuys in den Fokus. Diesen las er als ein Oszillieren zwischen ‚arte povera’ und ‚arte sacra’, wobei er die scheinbar widersprüchliche Zusammenführung von heilig und profan bei Beuys durch die romantisch gedachte Verschränkung von Ernst und Ironie rechtfertigte. Der letzte Beiträger, Paul Hoehn, Promotionsstudent im German Literature and Culture program an der University of Berkeley, USA, leitete in einer vergleichenden Lektüre zentrale Textpraktiken der queer theory aus vormodernen, mystizistischen Überlegungen zur Zeit her, die Praktiken von verkörperter Erfahrung entwickelt haben, um eine zukünftige Auferstehung in der Gegenwart einer gefallenen Welt zu garantieren. Er deckte dabei eine analoge Struktur von heiligen, resp. säkularisierten Räumen einer zukunftsorientierten Potentialität auf, die der Gegenwart bereits immanent ist.

Auch dank der Teilnahme von Außenstehenden erfreuten sich alle Beiträge einer sehr regen Diskussion, die sich beim gemeinsamen Abendessen und in den großzügigen Pausen weiter fortsetzen und immer mehr Anschlussmöglichkeiten für den Fragenkomplex zum Heiligen und Profanen erkennen ließ. Dafür danken wir allen Vortragenden und Zuhörenden aufrichtig. Außerdem geht ein herzlicher Dank an Prof. Dr. Anja Lemke und Prof. Dr. Torsten Hahn für die konzeptuelle und inhaltliche Unterstützung in der Anfangsphase dieses Promovierendenworkshops sowie an die geschäftsführende Leiterin des Instituts für deutsche Sprache und Literatur I, Susanne Couturier, für ihre wertvollen Ratschläge in der Vorbereitung und die finanzielle Unterstützung. Gonzalo Rodriguez danken wir für das Erstellen unserer Flyer und Poster und die zeitaufwendige Schneidearbeit an Aernout Miks Videoarbeiten. Ein weiterer großer und letzter Dank gilt der a.r.t.e.s. Graduate School, die uns im Rahmen ihres Förderprogramms „a.r.t.e.s. international – for all“ großzügig unterstützt hat, das vom DAAD aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert wird.

Daniela Doutch & Lena Hintze

(a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne)

Kommentar erstellen

5P09R2