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Georgios Chatzoudis | 10.01.2017 | 2779 Aufrufe | Interviews

Die Holocaust-Angst der Bundesrepublik

Interview mit Jacob S. Eder zum politischen Umgang mit dem Holocaust

Ende der 1970er Jahre entstand in den Vereinigten Staaten ein neues Interesse an der Geschichte der Vernichtung der Juden während des Nationalsozialismus. Öffentlichkeitswirksam manifestierte sich dieses Interesse unter anderem in dem US-amerikanischen TV-Mehrteiler "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss". In der Bundesrepublik wurde diese neue Hinwendung zur Shoa aufmerksam verfolgt und breit beziehungsweise kontrovers rezipiert. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Wahrnehmung der Bundesregierung, die im Zuge der neuen Beachtung des Holocaust um das Ansehen Deutschlands im Ausland fürchtete. Der Historiker Dr. Jacob S. Eder von der Universität Jena hat diese Beobachtung zum Ausgangspunkt seines von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Dissertationsprojekts genommen und anhand der Analyse bekannten aber auch neu freigegebenen Aktenmaterials den Umgang der offiziellen Bundesrepublik mit der US-amerikanischen Verarbeitung der Judenvernichtung untersucht. Seine inzwischen erschienene Doktorarbeit "Holocaust Angst. The Federal Republic of Germany and American Holocaust Memory since the 1970s" ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Wir haben Jacob S. Eder unsere Fragen zu seinem Buch gestellt.

"Langfristig förderlich auf den politischen Umgang mit dem Holocaust ausgewirkt"

L.I.S.A.: Herr Dr. Eder, Sie haben in Ihrem Dissertationsprojekt das US-amerikanische Gedenken an den Holocaust aus der Perspektive der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren und insbesondere während der Kanzlerschaft von Helmut Kohl untersucht. Das daraus entstandene Buch „Holocaust Angst“ ist mehrfach ausgezeichnet worden und wurde im Feuilleton sehr positiv besprochen. Ein Befund Ihrer Studie lautet, dass es im Umfeld um Kohl antisemitische Einstellungen gegeben hat. Bevor wir im Einzelnen auf die Ergebnisse Ihrer Studie eingehen – wie kamen Sie auf das Thema? Hatten Sie Hinweise aus anderen Zusammenhängen, denen Sie dann nachgegangen sind? Oder war der Nukleus Ihrer Arbeit einfach nur eine Vermutung?

Dr. Eder: Zu meinem Thema bin ich eigentlich auf einem ganz anderen Weg gekommen. Wie Sie sicher wissen, gibt es in den USA in Bezug auf die deutsche Geschichte kaum ein Thema, das Amerikaner so interessiert oder beschäftigt wie der Nationalsozialismus und der Holocaust. Das gilt für die Medien, aber auch für den Geschichtsunterricht an Schulen oder Universitäten. An der University of Pennsylvania, wo ich promoviert habe, war zum Beispiel die Vorlesung zur Geschichte des „Dritten Reichs“ für etwa drei Jahrzehnte einer der beliebtesten Kurse an der gesamten Universität. Aber das gilt auch für die staatliche Erinnerungskultur. An der National Mall in Washington finden Sie heute drei Nationalmuseen, die sich mit der Geschichte der Opfer von Diskriminierung, Rassismus und staatlichen Gewaltverbrechen beschäftigen. Seit etwa zehn Jahren gibt es das Museum of the American Indian, das National Museum of African American History and Culture wurde erst 2016 eröffnet. Das United States Holocaust Memorial Museum gibt es jedoch schon seit 1993, geplant bzw. konzipiert wurde es schon seit den späten 1970er Jahren.

Mich hat diese Konstellation als Deutscher, der seit seiner Schulzeit immer wieder länger in den USA gelebt hat, schon seit langem sehr interessiert. In meinem Buch bin ich dann der Frage nachgegangen, was deutsche Politiker, Diplomaten, aber auch die Vertreter von politischen Stiftungen eigentlich über diese zentrale Rolle dachten, die der Holocaust, also ein von Deutschen begangenes Verbrechen, in den USA einnimmt. Daher ging es mir in meinem Buch auch nicht vorranging um den Antisemitismus, dieser Befund ist nur eines der Ergebnisse meiner Studie. Im Zentrum steht das Argument, dass sich die zunächst alles andere als willkommene Konfrontation mit der amerikanischen Holocaust-Erinnerung langfristig förderlich auf den politischen Umgang mit dem Holocaust auch in der Bundesrepublik ausgewirkt hat. Am Ende stand also ein bemerkenswerter Lernprozess.

"Es wird auch ein ganz grundsätzlicher Mangel an Empathie deutlich"

L.I.S.A.: Woran machen Sie fest, dass es in der Regierungsmannschaft Kohls und im Umfeld der Union antisemitische Einstellungen gab? Haben Sie einige Beispiele?

Dr. Eder: Unter Politikern und Diplomaten, die sich mit den Beziehungen zu den USA und zu amerikanisch-jüdischen Verbänden beschäftigten, war es nicht unüblich, in einer vorurteilsbeladenen, klischeehaften und negativen Weise über Juden zu sprechen. Zum Beispiel beklagte man den kaum zu überschätzenden „Einfluss“ der Juden auf Politik und Öffentlichkeit, den angeblichen Einfluss „jüdischen Gelds“ im Wahlkampf oder man sprach über „die amerikanischen Juden“ als Kollektiv – so als ob die mehrere Millionen jüdischen Amerikaner mit einer Stimme sprächen und eine gemeinsame politische Agenda verfolgten. Wenn z.B. der deutsche Botschafter Günter van Well Holocaustüberlebende „Holocaust-Eiferer“ nannte, dann schwingt dort nicht nur der Vorwurf der Irrationalität und der Instrumentalisierung des Holocaust mit, sondern es wird auch ein ganz grundsätzlicher Mangel an Empathie deutlich. Und wenn der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Petersen, der für das Kanzleramt mit dem Washingtoner Holocaust-Museum verhandelte, wörtlich in einem Reisebericht über die USA schreibt, dass der „jüdische Einfluss auf die Massenmedien“ nicht zu überschätzen sei, dann hantiert er mit einem klassischen antisemitischen Stereotyp.

"Material, das vor mir noch kein Wissenschaftler einsehen konnte"

L.I.S.A.: Auf welche Quellen berufen Sie sich in Ihrer Arbeit? Welche standen Ihnen zur Verfügung? Handelt es sich dabei um Material, das bis dato nicht einsehbar war?

Dr. Eder: Ich habe Akten aus deutschen und amerikanischen Archiven ausgewertet und während der Recherchen Zeitzeugengespräche mit über dreißig deutschen und amerikanischen Akteuren geführt. Wichtige Akten kamen aus dem Archiv für Christlich-Demokratische Politik, der Ronald Reagan Presidential Library sowie aus dem Hausarchiv des Washingtoner Holocaust-Museums. Zentral waren für mich allerdings die Akten aus dem Bundeskanzleramt, und dabei handelt es sich tatsächlich um Material, das vor mir noch kein Wissenschaftler einsehen konnte. Den Zugang habe ich über mehrere Anträge gemäß Informationsfreiheitsgesetz und Bundesarchivgesetz bekommen. Das war teuer und hat sehr lange gedauert – auf manche Akten musste ich zwei Jahre warten. Aber es hat sich gelohnt, denn ohne diese Akten, die bis in die 1990er Jahre reichen, hätte ich das Buch nicht schreiben können.

Viele der problematischen Äußerungen Helmut Kohls – über amerikanische Juden bzw. jüdische Organisationen sowie seine Kritik an den Plänen für das Washingtoner Museum – finden sich allerdings in einer Quellenedition, nämlich in Kohls Berichten zur Lage vor dem CDU-Bundesvorstand. Den Bearbeitern, die diese Berichte annotiert haben, waren die entsprechenden Äußerungen Kohls übrigens keinen Kommentar wert.

"Negative und stereotype Annahmen über Juden als Kollektiv"

L.I.S.A.: Wie erklären Sie sich diese antisemitischen Einstellungen? Sind diese eher situativ zu begreifen, also aus der damals aktuellen Debatte um die Errichtung einer großen Holocaust-Gedenkstätte in den USA, die man in Bonn gerne verhindert hätte, oder machen sich hier alteingesessene antisemitische Traditionen bemerkbar? Immerhin hatte Kanzler Kohl einen früheren Absolventen der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola) damit beauftragt, auf die Gestaltung des Holocaust-Mahnmals Einfluss zu nehmen.

Dr. Eder: Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten, da man letztlich nicht weiß, was in den Köpfen der Akteure vorgegangen ist. Natürlich muss man aber auch hier differenzieren. Dass Kohl Petersen wegen dessen Jugend in einer Napola beauftragt hat, halte ich für abwegig. Zudem verhandelten im Auftrag oder in Absprache mit Kohl auch einige andere Personen mit Holocaust-Museen in den USA, die keine vergleichbare Biographie hatten. Dazu zählten zum Beispiel Walther Leisler Kiep, Werner Weidenfeld oder Michael Roik. Und antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit oder gar die NS-Judenpolitik befürwortende Aussagen haben diese Männer auch nie gemacht.

Es waren vielmehr latente Vorbehalte und Klischees, die in entsprechenden Situationen an die Oberfläche kamen. Und das war gerade kein generationelles Phänomen, das finden Sie bei Leuten wie Petersen, Jahrgang 1926, oder den älteren Diplomaten genauso wie bei Immo Stabreit oder Horst Teltschik, Jahrgang 1933 bzw. 1940. So waren Letztere offenbar der Ansicht, prominente amerikanisch-jüdische Journalisten könnten aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit nicht anders, als negativ über die Bundesrepublik zu schreiben oder würden durch ihre Kritik an der Bundesregierung den Rechtsradikalismus in Deutschland anheizen. Teltschik äußerte sich in dieser Richtung in den frühen 90er Jahren, als die Regierung Kohl wegen der Welle ausländerfeindlicher Gewalt in der Tat eine sehr schlechte internationale Presse hatte. Aber dies der Religionszugehörigkeit der Kritiker zuzuschieben bzw. diese sogar für den Ausländerhass in der Bundesrepublik mitverantwortlich zu machen, halte ich nicht nur für fatal, sondern eben auch für symptomatisch für den Personenkreis, den ich untersucht habe. Das war ganz eindeutig nicht der Antisemitismus des „Dritten Reichs“, aber es waren eben negative und stereotype Annahmen über das Verhalten und die Einstellungen von Juden als Kollektiv.

Die Unterstellung, Juden würden vom Holocaust politisch und finanziell zu Lasten der Deutschen profitieren, war jedoch kein Phänomen der Ära Kohl, sondern ist nach wie vor sehr verbreitet. Man spricht hier oft auch von sekundärem Antisemitismus, also einer Ablehnung der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, die wiederum alte antisemitische Vorteile befördert. Wenn man sich Umfrageergebnisse aus den letzten zwanzig Jahren ansieht, so muss man sagen, dass sich daran leider nicht viel geändert hat. Im Jahr 2012 stellte ein unabhängiges Expertenteam im Auftrag des Deutsche Bundestages z.B. fest, dass etwa jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch ist.

Während der Recherchen für mein Buch wurde mir übrigens unterstellt, ich würde den inhaltlichen Vorgaben der „Sponsoren“ meiner Forschung folgen. Diesen Vorwurf erhob beispielsweise der kürzlich verstorbene Gesandte a.D. Wolf Calebow, der bis in die frühen 1990er Jahre eine Art Verbindungsmann der deutschen Botschaft in Washington zu jüdischen Organisationen war. Diesen stand er äußerst kritisch gegenüber und behauptete unter anderem in der FAZ, dass sie gezielt eine „Verteufelung des Deutschlands von heute“ betreiben würden. In den letzten Jahren hat sich Calebow sehr in der AfD engagiert. Er war davon überzeugt, dass ich als Historiker vom Geld – wie er sagte – „jüdischer oder jüdisch beeinflusster Organisationen“ abhängig sei, welche auf diese Weise Geschichtspolitik betreiben würden.

"Repräsentanten der amerikanisch-jüdischen Organisationen suchten den Dialog"

L.I.S.A.: Mit Blick auf die antisemitische Äußerungen, die Sie in unterschiedlichen Quellen nachgewiesen haben – blieben die eigentlich immer unwidersprochen oder gab es auch Stimmen, die das reflektierten und möglicherweise sogar monierten?

Dr. Eder: Also, dass einmal jemand gesagt hat, so oder so könne man nicht über „die Juden“ sprechen, nein, das habe ich nicht gesehen. Charakteristisch ist eher dieses Nebeneinander: einerseits erkennt man das Leid der jüdischen NS-Opfer und der Überlebenden an, andererseits unterstellt man ihnen politische oder finanzielle Motive und glaubt an die „Allmacht“ der Juden in den USA. Aber natürlich gab es auch Stimmen, denen die Idee, man müsse von deutscher Seite auf die Gestaltung eines Museums für die Opfer des Holocaust Einfluss nehmen, suspekt war oder die das für unangemessen hielten. Nach Erscheinen meines Buchs habe ich auch erfahren, dass Leute aus dem damaligen Umfeld von Kohl das inzwischen ganz ähnlich sehen – und die damalige Linie als Fehler betrachten.

Die Repräsentanten der amerikanisch-jüdischen Organisationen, die mit Vertretern der Bundesregierung Kontakt hatten, waren sich übrigens über diese Klischees absolut im Klaren. Sie suchten den Dialog mit dem Kanzleramt, aber zum Beispiel auch mit der Konrad-Adenauer-Stiftung oder der Atlantik-Brücke unter anderem auch genau deshalb: Weil sie glaubten, so diese Vorurteile bekämpfen zu können.

"Kohl war wichtig, gerade an die deutschen Opfer des NS und des Kriegs zu erinnern"

L.I.S.A.: Sie machen in Ihrer Arbeit deutlich, dass sich Helmut Kohl von der NS-Diktatur und deren Verbrechen öffentlich stets distanziert hat. Nun aber diese verunglimpfenden Äußerungen über Juden bzw. mehrere antisemitisch motivierte Aussagen. Wie glaubhaft sind in diesem Zusammenhang die beinahe ritualisierten Distanzierungen von der NS-Zeit? Haben Sie daran Zweifel? Wie bekommt man diesen Widerspruch unter einen Hut?

Dr. Eder: Helmut Kohl war als Kanzler ein erklärter Freund Israels und hat sich eindeutig vom Nationalsozialismus und dessen Verbrechen distanziert, daran kann kein Zweifel bestehen. Ich glaube auch, dass Kohls Äußerungen in dieser Hinsicht ernst gemeint waren und ernst genommen werden sollten. Weithin vergessen ist zum Beispiel auch, dass er sich ein paar Wochen vor der berühmten Rede Richard von Weizsäckers 1985 im Bundestag bei einer Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen ganz ähnlich wie der Bundespräsident geäußert hat. Im kollektiven Gedächtnis hat diese beeindruckende und überzeugende Rede, in der auch Kohl vom 8. Mai als Tag der Befreiung sprach, kaum Spuren hinterlassen. Hier hat er ein bemerkenswertes Maß an Empathie für die Opfer des NS-Regimes gezeigt.

Allerdings war es Kohl auch sehr wichtig, gerade an die deutschen Opfer des NS und des Kriegs zu erinnern. Und es gab eben seit jeher die Neigung, pauschal von „Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ zu sprechen, ohne eindeutig zwischen deutschen Opfern und Opfern der Deutschen zu differenzieren. Zu Konflikten kam es vor allem dann, wenn die Einordnung besonders umstritten war, also zum Beispiel in Bezug auf Wehrmachtsangehörige oder junge Mitglieder der Waffen-SS. Für Kohl waren diese ebenfalls Opfer des NS, wogegen es aber – nicht nur von Seiten der Opferverbände – heftigen Widerspruch gab. Denken Sie zum Beispiel an die Bitburg-Kontroverse: Es war genau dieser Kontext, in dem Kohl amerikanische Juden als Störenfriede empfand und ihnen unterstellte, ihre Motive seien illegitim. Er sprach pauschal über „die amerikanischen Juden,“ behauptete, amerikanisch-jüdische Organisationen würden die Erinnerung an den Holocaust politisch instrumentalisieren, sähen sich nur den Interessen Israels verpflichtet und würden die amerikanische Außenpolitik in einem wesentlichen Feld steuern, nämlich hinsichtlich der amerikanisch-israelischen Beziehungen. Und wenn Kohl sich beispielsweise im Rahmen der Debatte über „Bitburg“ kritisch über Juden äußerte, vergaß er nicht zu betonen, dass Simon Wiesenthal das übrigens genauso sähe. Der Hinweis auf Wiesenthal erfolgte sicher nicht, weil Kohl an dessen Meinung als unabhängiger Beobachter interessiert war.

Im gleichen Zusammenhang beschwerte sich Kohl zum Beispiel auch vor dem CDU-Vorstand darüber, Juden würden Lügen in der amerikanischen Öffentlichkeit über ihn verbreiten. Oder er führte später Nancy Reagans angeblich deutschlandkritische Haltung auf ihren „privat-persönlichen Kontakt in wichtige jüdische Kreise“ zurück. Ich könnte noch weitere Beispiele für Pauschalurteile oder negative Äußerungen nennen, z.B. über den Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel. Wichtig erscheint mir in diesem Kontext aber auch, dass diese Vorurteile, der Mangel an Empathie wie auch der Vorwurf der Instrumentalisierung der Holocaust-Erinnerung vor allem gegen amerikanische Juden bzw. amerikanisch-jüdische Organisationen gerichtet war. Für diese war, so sagte es Kohl einmal, der Holocaust kein „persönliches“, sondern ein „theoretisches“ Thema. Angesichts der hohen Anzahl an Holocaust-Überlebenden, die nach dem Krieg in die USA gelangt waren, ist das ein höchst fragwürdiges Argument.

"Über Interpretationen kann man streiten, aber das war keine fachliche Kritik"

L.I.S.A.: Ihr Buch ist nicht ohne Widerspruch geblieben. Der Würzburger Historiker Peter Hoeres hat es kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scharf kritisiert. Unter anderem stellt er Ihren Befund, wonach es im Umfeld von Kohl negative Vorurteile über Juden gegeben habe, in Frage. Im Zentrum seiner Kritik steht aber vor allem der Vorwurf, bei Ihrer Studie handle es sich um ein geschichtspolitisches Manöver. Wie stehen Sie dazu?

Dr. Eder: Die Zeitgeschichte hat erst vor wenigen Jahren begonnen, die Ära Kohl zu ihrem Gegenstand zu machen. Daher sind wir momentan mit der Frage konfrontiert, wie wir diese Jahre historisieren und von wem sie historisiert werden – und für manche sind die Ergebnisse meiner Studie in diesem Zusammenhang offenbar unerfreulich. Die Machart der Rezension ist ja schon erstaunlich: Worum es in meinem Buch tatsächlich geht, wie genau ich argumentiere, darüber erfährt man so gut wie nichts. Der Text bezieht sich ja im Wesentlichen auf wenige Absätze meiner Einleitung, wobei Hoeres die Kernaussagen der entsprechenden Absätze unterschlägt. Zum Beispiel schreibt er, ich spräche von einer „generellen Feindseligkeit amerikanischer Juden gegenüber Deutschland“ und unterstellt mir – in Form einer rhetorischen Frage – sekundären Antisemitismus. Dass es in der besagten Passage um die Einstellungen von Menschen gegenüber Deutschland geht, die den NS-Vernichtungskrieg erlebt und überlebt haben, bleibt unerwähnt. Auch dass es dazu einschlägige historische und sozialpsychologische Studien gibt, verschweigt er.

Und was den von mir im einzelnen belegten sekundären Antisemitismus einiger Akteure angeht: Hoeres vermeidet es mit Bedacht, auch nur eines der in meinem Buch angeführten Zitate zu bringen. Sonst könnten sich die FAZ-Leser freilich auch ein eigenes Urteil machen. Hoeres selbst kennt einige der Quellen gut, denn er hat die Lageberichte Kohls vor dem CDU-Bundesvorstand selbst rezensiert. Einigermaßen irritierend fand ich auch, aus dem Munde eines Historikers zu erfahren, dass die Qualität einer zeitgeschichtlichen Studie offenbar davon abhängen soll, ob die untersuchten Akteure zu Zeitzeugengesprächen bereit waren.

Über Interpretationen kann man ja streiten, aber das war keine fachliche Kritik, sondern eine Ansammlung von irreführenden Unterstellungen, die man im Grunde verleumderisch nennen muss.

"Erinnerung an Verbrechen als wichtiger Bestandteil der auswärtigen Kulturpolitik"

L.I.S.A.: Weil Sie Ihre Interpretation der langfristigen Auswirkungen der deutschen Konfrontation mit der Holocaust-Erinnerung in den USA ansprechen: In Ihrem Buch stellen Sie heraus, dass die Bundesregierung unter Helmut Kohl Angst vor der nationalen Holocaust-Gedenkstätte in Washington hatte. Die Sorge war groß, dass sich dadurch bei nachwachsenden Generationen ein negatives Bild von den Deutschen und von Deutschland insgesamt verfestigen und tradieren würde. Im Nachhinein stellt man fest, dass dem nicht so war und ist. Im Gegenteil: Heute wirkt das Bekenntnis zur eigenen NS-Vergangenheit eher als Nachweis für die Einsicht und Läuterung Deutschlands. Kritische Stimmen sprechen sogar von der Wiedergutwerdung Deutschlands, die deutschen Regierungen unter Berufung auf Nie-wieder-Auschwitz tatsächlich mehr Spielraum verschaffe als je zuvor. Wie schätzen Sie das ein?

Dr. Eder: Genau um diesen Wandel, um die langfristigen Auswirkungen der Auseinandersetzung mit der amerikanischen Holocaust-Erinnerung in der Bundesrepublik, geht es mir in dem Buch. Und hier komme ich zu einem eigentlich überraschenden Ergebnis, nämlich dass die „Angst“ vor der Thematisierung des Holocaust im Ausland, in Museen, an Universitäten, in den Medien etc., und die damit einhergehenden Abwehrreaktionen langfristig die politische Beschäftigung damit in der Bundesrepublik befördert hat. Am besten lässt sich das an Kohls ausdrücklicher Unterstützung für die Errichtung des Berliner Mahnmals für die Ermordeten Juden Europas in den 1990er Jahren erklären. Diese Position wäre für Kohl in den 1980er Jahren undenkbar gewesen. Für ihn war bei der Planung des Berliner Mahnmals aber – und das hat er in seinem letzten Jahr als Kanzler mehrfach öffentlich deutlich gesagt – die Wahrnehmung im Ausland, insbesondere in den USA, ein entscheidender Faktor.

Im Laufe der 90er Jahre fand also ein Lernprozess statt. Man musste zum einen einsehen, dass man den Umgang mit dem Holocaust im Ausland nicht steuern konnte, zum anderen aber auch, wie wichtig ein eindeutiges Bekenntnis zur historischen Verantwortung für das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland war. Nach Kohl ist man dann ja sogar noch einen Schritt weitergegangen und hat die Erinnerung an die von Deutschen begangenen Verbrechen zu einem wichtigen Bestandteil der auswärtigen Kulturpolitik, also der Selbstdarstellung der Bundesrepublik im Ausland gemacht. Ich denke da z.B. an zwei historische Ausstellungen: während man die sogenannte Wehrmachtsausstellung noch unter allen Umständen nicht im Ausland präsentiert sehen wollte, wurde die Ausstellung „Zwangsarbeit im Nationalsozialismus“ sogar unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten in mehreren osteuropäischen Städten gezeigt. Natürlich geht es dabei immer auch um andere Faktoren als um das Bekenntnis zur historischen Verantwortung. Aber dass die bundesrepublikanische Politik letztlich von dieser Praxis profitiert, das steht für mich außer Frage.

Dr. Jacob S. Eder hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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