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Georgios Chatzoudis | 27.12.2016 | 1726 Aufrufe | Interviews

"Historisches Vergessen und politische Verantwortungslosigkeit"

Interview mit Peter Alter über die Rückkehr des Nationalismus in Europa

Forscher und politische Beobachter waren sich lange darin einig, dass das Phänomen "Nationalismus" in Europa der Geschichte angehört. Bis in die 1980er Jahre galt die Überzeugung, Nationen würden sich in übernationale gesellschaftliche Einheiten nach und nach auflösen -  alles eine Frage der Zeit und der integrationspolitischen Schritte auf dem Weg zu einem vereinten Europa. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende ihrer Vorherrschaft über den östlichen Teil des europäischen Kontinents setzte aber eine Entwicklung ein, die so nicht erwartet wurde: der Aufstieg eines neuen Nationalismus, das (Wieder-)Entstehen neuer bzw. alter Nationalstaaten und die Rückkehr eines Denkens in nationalistischen Kategorien, das aktuell in einem Erstarken rechtskonservativer und völkischer Parteien kulminiert. Der Historiker Prof. Dr. Peter Alter gehört mit zahlreichen Publikationen zu den renommiertesten Nationalismusforschern Deutschlands. Nun hat er einen Band aufgelegt, in dem er gegenwärtige nationalistische Strömungen aufgreift und diese in eine historische Perspektive einbettet. Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

"Man meinte in den 1980er Jahren, die Europäer lebten in einem postnationalen Zeitalter"

L.I.S.A.: Herr Professor Alter, Sie haben wieder ein Buch zum Nationalismus geschrieben. Dieses Mal mit einem besonderen Augenmerk auf Europa. Warum haben Sie sich wieder des Themas Nationalismus angenommen? Was unterscheidet es von Ihrem früheren Nationalismus-Buch? 

Prof. Alter: Ich habe mein altes Thema Nationalismus eigentlich aus zwei Gründen wieder aufgegriffen. Zum einen, weil wir hier bei uns in Europa einen neuen Nationalismus erleben, der in manchen Ländern mittlerweile beunruhigende Dimensionen annimmt. Da scheint es mir geboten, über den Nationalismus und seine historischen Erscheinungsformen seit der Französischen Revolution aufzuklären. In den Jahren nach 1945 nahm man ja weithin an, das Kapitel Nationalismus und nationalistische Politik sei in Europa endgültig abgeschlossen. Das war offensichtlich ein Irrtum, wie sich sei dem ausgehenden 20. Jahrhundert immer deutlicher herausstellt. Der verstorbene Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher war übrigens einer der ersten, der vor der Renaissance des Nationalismus und den Gefahren nationalistischen Denkens in Europa eindringlich warnte.

Zum anderen knüpft der neue Nationalismus in Europa heute wieder an Formen an, die seit dem späten 19. Jahrhundert in Europa und anderswo verheerende Auswirkungen hatten. Der französische Staatspräsident François Mitterand hatte die Erfahrungen der Europäer mit dem Nationalismus bekanntlich einmal auf die Formel gebracht: „Nationalismus – das bedeutet Krieg“. Als ich Anfang der 1980er Jahre über Nationalismus schrieb, war von dieser Gefahr nicht die Rede, denn, so meinte man, die Europäer lebten in einem postnationalen Zeitalter. Die heutige Geschichtsvergessenheit vieler Europäer, aber vor allem der leichtfertige und gedankenlose Umgang mancher Politiker am rechten Rand des politischen Spektrums mit nationalistischer Rhetorik ist geradezu atemberaubend. Sie haben kein Gespür dafür, was sie mit ihrem Schwadronieren über „nationale Interessen“ anrichten.

"Letzten Endes war man sogar bereit, für die Nation sein Leben zu opfern"

L.I.S.A.: Sie betonen, dass es wichtig sei, Nationalismus vor allem historisch zu begreifen. Wenn man das für die vergangenen 200 Jahre tut, muss man dann nicht zu dem Schluss kommen, dass die politische Moderne unweigerlich mit der Nation verhaftet ist? Oder gibt es hier Potential für einen Wandel eines Konzepts wie das des Nationalismus?

Prof. Alter: Die Ideologie des Nationalismus, die Glorifizierung der Nation und „nationales Bewusstsein“ sind in der Tat zentrale Kennzeichen der Moderne. Aber da muss man genauer hinschauen. Der frühe Nationalismus seit der Französischen Revolution war primär eine liberale und emanzipatorische Ideologie, der die Völker Europas faszinierte und politisch mobilisierte. Die Propagandisten der nationalen Ideologie versprachen eine neue Welt- und Gesellschaftsordnung: Die Menschen sollten nicht mehr als unmündige Untertanen in autoritären multiethnischen Reichen leben, sondern als freie Bürger in einem souveränen Nationalstaat. Die Nation wurde von Individuen und Völkern mit dem Programm der französischen Revolutionäre gleichgesetzt: Allein die unabhängige Nation garantiere dem Einzelnen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dieses Versprechen verlieh dem Konzept der Nation seine unvergleichliche Durchschlagskraft. Mit ihm verbanden sich Hoffnungen und Emotionen. Letzten Endes war man sogar bereit, für die Nation sein Leben zu opfern.  

In der Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts war es der nationalen Ideologie zuzuschreiben, dass sich in Europa immer mehr soziale Großgruppen, sprich: Völker, als Nationen begriffen und danach strebten, im eigenen Nationalstaat ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu gewinnen. Durch die Agitation nationaler Bewegungen zerbrachen die großen Vielvölkerstaaten wie etwa das Osmanische Reich, die Habsburgermonarchie und das Zarenreich. Vor allem auf ihrem Boden, aber auch in West- und Mitteleuropa entstanden die Nationalstaaten, wie wir sie noch heute kennen. Sie verstehen sich ungeachtet vielfältiger Anstrengungen im Dienst übernationaler Zusammenschlüsse noch lange nicht als Anachronismen. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die Krise der Europäischen Union liefert in unseren Tagen dafür hinreichend Belege.

"Die Ansprüche der Nation an den Einzelnen sind absolut"

L.I.S.A.:  Sie argumentieren in Ihrer Untersuchung, dass die Nation als ideologische Referenz integrierender wirke als der Bezug auf andere Großgruppen, etwa der Klasse oder auch der Kultur. Warum hat die Nation diese enorme Strahl- und Integrationskraft?

Prof. Alter: Bei der Beschäftigung mit der nationalen Ideologie habe ich mich von Anfang an gefragt, worauf eigentlich die enorme Integrationskraft der „Nation“ beruht, die ja im Grunde ein unsichtbares gedankliches Konstrukt ist. Auf die Frage habe ich bis heute keine befriedigende Antwort gefunden. Gewiss, die Nation definiert sich als politische und kulturelle Wertegemeinschaft, deren Angehörige eine gemeinsame Geschichte haben und in den meisten Fällen eine gemeinsame Sprache sprechen. Der Einzelne empfindet die Nation als Solidar- und Schutzgemeinschaft. Von den Nationalisten wird sie beschrieben als effektiver Schutzverband gegen Bedrohungen jedweder Art von außen – Unterdrückung durch Fremde, aggressive Nachbarn oder auch von Minderheiten im Innern, die angeblich die „Homogenität“ der Nation gefährden. Familie, soziale Klasse oder religiöse Gemeinschaft haben sich der Nation unterzuordnen. Die Ansprüche der Nation an den Einzelnen sind absolut, so heißt es in der nationalen Rhetorik, und die Individuen waren und sind offenbar bereit, sich dem nationalen Dogma widerspruchslos zu unterwerfen. Eine plausible Erklärung dafür habe ich nicht. Die vielfach geäußerte Vermutung, der Nationalismus bzw. der bedingungslose Glaube an die Nation sei für die Menschen in der Moderne eine Art Ersatzreligion kommt einer Erklärung vielleicht am nächsten.

"Der Nationalismus kann beides sein, 'gut' und 'schlecht'"

L.I.S.A.: Sie unterscheiden in Ihrer Arbeit zwischen einem liberalen und emanzipatorischen Nationalismus auf der einen Seite und einem extremen, organisierten und völkischen auf der anderen. Gibt es tatsächlich einen guten und einen schlechten Nationalismus? Ist nicht das eine auch immer Teil des anderen? Wann kippt die Ausrichtung des Nationalismus? Welche Bedeutung kommt dabei vor allem der sozialen Ungleichheit zu? 

Prof. Alter: Der frühe liberale Nationalismus in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution wird wegen seiner emanzipatorischen Zielsetzung aus heutiger Sicht durchweg positiv bewertet. In vielen Fällen hat er in Europa tatsächlich freie, demokratische, tolerante und zumindest in Ansätzen auch soziale Gemeinwesen entstehen lassen. Aber diese Verdienste der nationalen Ideologie können nicht überdecken, dass in ihr schon früh die rücksichtslose Überhöhung der eigenen Nation angelegt ist. Mit anderen Worte: Der „gute“ Nationalismus geriet schon früh in die Versuchung, durch die Absolutsetzung der eigenen Nation und ihrer vorgeblichen Interessen die Lebensrechte anderer Nationen zu missachten. Wenn das „nationale Interesse“ zur alleinigen Richtschnur politischen Handelns wird, mutiert der so genannte „gute“ Nationalismus zu einer gefährlichen Ideologie. Wir reden dann vom extremen Nationalismus, vom radikalen oder völkischen Nationalismus, vom rechtsnationalen Populismus. Ihn kennzeichnen Intoleranz, Aggressivität, Fremdenfeindlichkeit, Engstirnigkeit und Hass. Der Nationalismus kann also beides sein, „gut“ und „schlecht“. Die Rede ist folglich oft von der „Janusköpfigkeit“ des Nationalismus.

Alle Ingredienzen des extremen Nationalismus, der im 20. Jahrhundert in Europa bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Feld beherrschte, lassen sich heute in den Bewegungen und Parteien des neuen Nationalismus unschwer nachweisen: beim Front National in Frankreich, bei Ukip in Großbritannien, bei der FPÖ in Österreich, bei der Partij voor de Vrijheid in den Niederlanden und natürlich in Deutschland bei der AfD und der unseligen Pegida-Bewegung, die das christliche Abendland verteidigen will. Der Befund ist also deprimierend. Wie ist die Rückkehr des extremen Nationalismus im heutigen Europa zu erklären? Natürlich sind die Ursachen dafür vielfältig. Stichworte sind politische und soziale Krisen, Unzufriedenheit mit dem Status quo in Politik und Gesellschaft, wirtschaftliche Auswirkungen der Globalisierung, Gefühle des „Zukurzkommens“, Fremdenfeindlichkeit und allerlei Vorurteile, die überall von Populisten mit Hingabe und ohne Scheu vor Unwahrheiten geschürt werden.

Wie gesagt: Mit dem liberalen Nationalismus des 19. Jahrhunderts hatte und hat der extreme Nationalismus wenig zu tun. Gemeinsam ist beiden, dass sie dem „gedachten“ Verband der Nation einen hohen emotionalen Stellenwert einräumen und im Nationalstaat den unverzichtbaren Schutzraum angesichts vielfältiger Bedrohungen von außen sehen. Ein Beispiel: Jemand, der seine oder ihre berufliche Zukunft durch die Globalisierung gefährdet sieht, wird sich für die Stärkung des Nationalstaats entscheiden.

"Rückzug auf die Nation als das Allheilmittel für die Probleme der Zeit"

L.I.S.A.: Sie stellen in Ihrem Buch fest, dass in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg die Verurteilung des Nationalismus auf keinen Widerspruch mehr stieß. Europa schien seine Lektion gelernt zu haben und für lange Zeit gegen ein Wiederaufkeimen nationalistischer Tendenzen immun gewesen zu sein. Nun scheint mit der Wiederkehr nationalistischer Strömungen der Impfschutz für Europa abgelaufen zu sein. Woran liegt das? 

Prof. Alter: Richtig. Nach 1945 war der Nationalismus in Europa diskreditiert. In seinem Namen waren furchtbare Verbrechen geschehen. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer nannte ihn den „Krebsschaden Europas“. Es gab praktisch keinen Politiker, der in den Nachkriegsjahren nicht für die Überwindung des Nationalismus plädierte und für die europäische Integration eintrat. Noch vor wenigen Wochen warnte der amerikanische Präsident Barack Obama in Athen vor den Gefahren eines „crude nationalism“. Er hatte dabei die Geschichte Europas im Blick, doch vielleicht noch mehr das Europa der Gegenwart. Nicht nur Obama stellt sich heute die Frage, ob und warum die Europäer ihre Geschichte vergessen haben. Ein entfesselter Nationalismus ist immerhin für zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert verantwortlich.

Nationalistisches Denken wird im Europa von heute bekanntlich in erster Linie von der extremen politischen Rechten zelebriert, wahrscheinlich wohlwissend, dass sie damit mit dem Feuer spielt. Im Rückzug auf die Nation und den Nationalstaat sieht sie das Allheilmittel für die Probleme der Zeit. Ich möchte es noch einmal sagen: Die Gleichgültigkeit gegenüber den Erfolgen der europäischen Integrationspolitik und die Naivität, mit der die extreme politische Rechte vom Schlage der AfD oder des französischen Front National die Rückkehr zur nationalen Abschottung propagiert, sind erschreckend und im höchsten Grade gefährlich. Wir erleben einen Taumel des historischen Vergessens und politischer Verantwortungslosigkeit.

"Erstrebenswert und notwendig ist die Stärkung eines europäischen Bewusstseins"

L.I.S.A.: Wenn man aus historischer Erfahrung davon ausgeht, dass keine andere Ideologie so stark binden kann wie der Nationalismus, hat man es dann versäumt, einen europäischen Nationalismus ins Leben zu rufen? Was könnten rein theoretisch gedacht mögliche Ingredienzien eines europäischen Nationalbewusstseins sein? 

Prof. Alter: Einen europäischen Nationalismus halte ich weder für machbar noch für wünschbar. Was erstrebenswert und notwendig ist, ist die Stärkung eines europäischen Bewusstseins. Gemeint ist damit ein Bewusstsein der Menschen auf diesem Kontinent, dass sie vieles gemeinsam haben, zentrale politische und soziale Vorstellungen teilen und in Zukunft noch stärker aufeinander angewiesen sein werden. Das heißt nicht, dass die europäischen Nationen als Einheiten verschwinden sollen und ein herkömmliches Nationalbewusstsein im Gefühlshaushalt der Europäer keinen Platz mehr hat. Aber die Gewichtung muss stimmen. Der einzelne Europäer kann auch im 21. Jahrhundert Nationalbewusstsein haben, aber ein europäisches Bewusstsein sollte ihm übergeordnet sein. Ein Denken im nationalen Kleinklein hat meines Erachtens im 21. Jahrhundert keine Zukunft. Es ist Ausdruck einer rückwärtsgewandten Mentalität, ein Festhalten an überholten Konzepten der Vergangenheit.  

Prof. Dr. Alter hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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