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Georgios Chatzoudis | 12.09.2017 | 716 Aufrufe | Interviews

"Historische Bildung und populäre Unterhaltung"

Interview mit Ilka Brombach über Geschichtsfilme und das Festival "moving history"

In der kommenden Woche beginnt in Potsdam erstmals das neue Geschichtsfilmfestival "moving history - Festival des historischen Films". An insgesamt fünf Tagen sind Filme unterschiedlicher Genres mit historischen Sujets zu sehen. Einen thematischen Schwerpunkt bildet die filmische Auseinandersetzung mit der Geschichte der ersten RAF-Generation. Wir haben im Vorfeld der Veranstaltung der Leiterin des Festivals, Dr. Ilka Brombach, unsere Fragen gestellt, unter anderem nach der Bedeutung historischer Filme für die Formierung gegenwärtiger Geschichtsbilder.

Ilka Brombach © Christine Fenzl

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"Geschichtsfilme bestimmen unsere politische Identität mit"

L.I.S.A.: Frau Dr. Brombach, Sie leiten das Festival „moving history – Festival des historischen Films”, das vom 20. bis 24. September erstmals stattfinden wird. Welche Gründe haben Sie zur Begründung dieses Festivals bewogen? Welcher leitende Gedanke steckt dahinter? In welchem Rhythmus soll die Veranstaltung künftig abgehalten werden?

Dr. Brombach: Die Idee für ein solches Festival haben zuerst Claudia Lenssen und Felix Moeller nach Potsdam gebracht, die beide zu den Gründungsmitgliedern unseres Festivals gehören. Sie kannten das „Festival International du Film d'Histoire“ in Pessac (Frankreich), das dort seit zwanzig Jahren sehr erfolgreich läuft. Nach den ersten Gesprächen war unsere gemeinsame Motivation, ein Festival für Geschichtsfilme zu gründen klar. Als Historiker, Filmwissenschaftler, Filmkritiker und Filmemacher – dies unsere beruflichen Hintergründe – hatten wir beobachtet, dass Filme zu zeitgeschichtlichen Themen seit einigen Jahren Konjunktur haben. Serien zur deutschen Geschichte - zu Krieg, Nachkrieg, Teilung - füllen die Fernsehprogramme; Kinoproduktionen wie „Der Staat gegen Fritz Bauer“, „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ oder „Barbara“ werden mit Filmpreisen ausgezeichnet, im Internet finden wir Online-Archive und Online-Publikationen zu historischen Themen, u.a. mit Sammlungen von videografierten Zeitzeugeninterviews. Geschichtsfilme sind demnach aus der öffentlichen Selbstverständigung über unsere Vergangenheit nicht mehr wegzudenken und bestimmen unsere politische Identität mit.

Ein Festival, so unsere Idee, kann diesem Umstand Rechnung tragen, es kann ein öffentliches Forum für die Begegnung von Publikum, Filmemachern und Historikern sowie Filmhistorikern schaffen. Es gibt die Möglichkeit, Filme aus verschiedenen Jahrzehnten zum selben historischen Thema in einem gemeinsamen Programm zu kuratieren, um sichtbar zu machen, wie sich der Zugang und die Interpretation historischer Stoffe über die Zeit verändern. Aus diesem Grund wird es bei jeder Festivalausgabe ein Filmprogramm zu einem geschichtlichen Schwerpunktthema geben. Das Festival, das unter der Schirmherrschaft von Margarethe von Trotta steht und jährlich stattfindet, wird zudem die aktuelle Jahresproduktion von geschichtsbezogenen Filmen in den Blick nehmen, eine Auswahl der interessantesten Filme zeigen und einen Film prämieren. Die Diskussion darüber, wie wir im Moment Geschichte erzählen, welche Themen aufgegriffen und wie sie umgesetzt werden, kann auf dem Festival intensiver geführt werden, als das im Rahmen des Tagesgeschäfts und anhand von Einzelfilmen sonst möglich ist. Das Festival vergibt deshalb die Clio, den Preis für den besten Film zu einem historischen Thema. Diesmal prämieren und zeigen wir den Gewinnerfilm, ab kommenden Jahr präsentieren wir dann auch ein Wettbewerbsprogramm.

"Ein demokratischer Zugang zur Historie"

L.I.S.A.: Beim Festival werden sowohl Dokumentarfilme als auch fiktionale Inszenierungen zu sehen sein. Wenn man nun davon ausgeht, dass über das Medium Film mit historischen Sujets unsere Vorstellungen von Vergangenheit mitgeprägt werden, welche Bedeutung kommt dann der Frage zu, ob das Gezeigte fiktiv ist oder nicht? Anders gefragt: Wie viel Fiktion verträgt ein historischer Film?

Dr. Brombach: Nun, das Spannende scheint mir zu sein, dass historische Ereignisse, Prozesse oder Lebensläufe immer verändert, interpretiert, in eine bestimmte Form oder Perspektive gebracht werden müssen, um erzählt zu werden. Das gilt für dokumentarische und fiktionale Filme erst einmal gleichermaßen. Selbst für das filmische Dokument, also die Aufzeichnung eines Ereignisses oder Vorgangs, das ja nie voraussetzungslos – ohne eine bestimmte Technik, ohne den Anlass für die Aufnahme etc. – existiert.

Ihre Frage zielt aber vermutlich auf etwas anderes: Dass fiktionale Filme Geschichte vereinfacht darstellen, dass sie die Komplexität von Geschichte auf einzelne Personen und dramatische Konflikte herunterbrechen, gehört zu den Vorwürfen, die den Filmen immer wieder gemacht werden. Im Einzelnen können solche Vorwürfe durchaus Berechtigung haben. Die Kontroversen, die Geschichtsfilme auch im Hinblick auf die akkurate, den Tatsachen entsprechende Darstellung auslösen, sind wichtiger Bestandteil der öffentlichen Rezeption von Geschichtsfilmen. Nichtsdestotrotz würde ich dafür plädieren, historische Bildung bzw. Aufklärung und populäre Unterhaltung nicht als Gegensätze zu betrachten, wenn es um Geschichtsfilme geht. Man kann den Umstand, dass das Kino seit seinem Beginn – der erste Geschichtsfilm wird gemeinhin auf 1895 datiert: „The Execution of Mary Stuart“ produziert von Thomas Edison – sehr erfolgreich Spielfilme mit historischen Sujets gemacht hat, auch im Sinne eines demokratischen Zugangs zur Historie verstehen. Geschichtsfilme setzen kein historisches Fachwissen, keine exklusive Bildung voraus, sondern erzählen in allgemein verständlicher Form. So transportieren sie gewissermaßen als Grundannahme mit, dass Geschichte eine/n jede/n angeht und jede/n betrifft.

"Der aktuelle Terrorismus verleiht dem Thema gegenwärtig Brisanz"

L.I.S.A.: Thematisch widmet sich die erste Ausgabe des Festivals einer besonderen Epoche der bundesrepublikanische Geschichte: der Roten Armee Fraktion während des sogenannten Roten Jahrzehnts, wie der Publizist Gerd Koenen die Dekade in seinem gleichnamigen Buch genannt hat. Das Festival trägt den Titel „Keine Stille nach dem Schuss“ und lehnt sich damit an den Titel eines Films über den sogenannte Deutschen Herbst an. Bevor wir zu einigen Einzelheiten kommen, warum haben Sie die RAF und die damit verbundene Phase des Terrors der ersten RAF-Generation zum Leitthema des Festivals gewählt? Anknüpfung an den allgegenwärtigen Terrordiskurs unserer Zeit?

Dr. Brombach: Anlass für das Thema war zunächst, dass sich 2017 der Deutsche Herbst zum 40. Mal jährt. Wir wollen mit unseren Themenschwerpunkten allerdings keiner reinen Jahrestags-Logik folgen, wie Kulturveranstaltungen das oftmals tun. Entscheidend ist, ob ein Thema für die Gegenwart von Bedeutung ist, ob es einen lebendigen Bezug zu dem jeweiligen Kapitel der Geschichte gibt, der sich u.a. in Filmen niederschlägt.

Nach den ersten Recherchen zu Filmen zum deutschen Linksterrorismus waren wir überrascht, wie viele Filme dazu über die Jahre entstanden und vor allem auch, wie viele Filme in den vergangenen Jahren dazu produziert worden sind. Der aktuelle Terrorismus gehört mit Sicherheit zu den Gründen, die dem Thema auch gegenwärtig Brisanz verleihen; dies hat auch bei unserer Themenwahl eine Rolle gespielt.

"Fiktionale und dokumentarische Filme, bekannte Filme und Wiederentdeckungen"

L.I.S.A.: Wenn Sie sich die Filme zum Thema RAF anschauen, wie haben sich die Sujets verschoben, wie aber auch die Ästhetik? Was verraten solche Verschiebungen über unser jeweiliges zeitgenössisches Geschichts- und Gegenwartsbild?

Dr. Brombach: Nun, ich möchte als Festivalleiterin - anders als ich das als z.B. Filmhistorikerin im Rahmen einer Publikation tun würde - die Fragen, die Sie stellen, nicht beantworten, sondern mit unserem Filmprogramm - offen für verschiedene Lesarten und Beobachtungen - an das Publikum - und natürlich an unsere Gäste, die Filmemacher, Historiker, Medienwissenschaftler - weitergeben. Selbstverständlich haben wir aber beim Kuratieren des Programms eine Auswahl getroffen und versucht, das Spektrum an formalen und inhaltlichen Zugängen zu präsentieren, die die Filme im Lauf der Jahrzehnte gewählt haben.  

Eine wichtige Entscheidung dabei war, auch Filme aus dem Jahr 1967 zu zeigen. 2017 jährt sich nämlich nicht nur der Deutsche Herbst sondern auch das Ereignis, das als Auslöser der späteren Radikalisierung eines Teils der Studentenbewegung gilt bzw. zu deren Rechtfertigung herhalten musste, der Mord an dem Studenten Benno Ohnesorg durch den Bereitschaftspolizisten Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 während der Demonstrationen gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi in Westberlin. Bernard Larssons Foto des Sterbenden, das die Studentin Friederike Dollinger über ihm kniend zeigt, sowie die Filmaufnahmen aus Roman Brodmans DER POLIZEISTAATSBESUCH (den wir ebenso für das Festival programmiert haben wie den unbekannten, an der Hochschule für Gestaltung in Ulm entstandenen Film RUHESTÖRUNG, der dokumentarische Aufnahmen aus den Tagen nach dem 2. Juni zeigt), die in der Folge so oft zitiert wurden, sind zu audio-visuellen Ikonen der Ereignisse geworden. Die politische Geschichte und die Mediengeschichte des „Roten Jahrzehnts“ sind mithin bereits hier eng miteinander verbunden.

Insgesamt haben wir uns bemüht, fiktionale und dokumentarische Filme, Kino- und Fernsehproduktionen, bekannte Filme und Wiederentdeckungen, ältere und aktuelle Filme zu mischen. Das Programm reicht also von Filmen aus 1967 bis zu Filmen aus diesem Jahr: dies sind Dominik Grafs aktueller RAF-Tatort DER ROTE SCHATTEN, den wir als Vorpremiere zeigen sowie zwei Dokumentarfilme, die wir im Rahmen von Werkstattgesprächen vorstellen – Gerd Kroskes PSYCHO RAF? - EINE GESCHICHTE DES SPK (AT) und Felix Moellers SYMPATHISANTEN – UNSER DEUTSCHER HERBST.

Ein Akzent des Programms liegt auf Filmen aus den letzten zehn Jahren, viele davon Fernsehproduktionen, die das Thema vor allem als Familiengeschichten und mit Blick auf die Opfer auf den verschiedenen Seiten erzählen. Der Umgang der nachfolgenden Kindergeneration steht hier oft im Mittelpunkt. Neben der thematischen Konzentration auf die generationsübergreifende Auseinandersetzung mit dem Linksterrorismus, lässt sich eine weitere, jüngere Verschiebung in der filmischen Bearbeitung feststellen. Eine Reihe von Filmen geht sehr bewusst mit der Tatsache um, dass, wie ich eben schon formuliert habe, politische Geschichte und Mediengeschichte im Kontext RAF eng miteinander verknüpft sind, in dem sie zum Beispiel differenziert filmisches Archivmaterial verwenden oder mit stereotypen Inszenierungsweisen etwa der RAF-Mitglieder spielen.

"Beschäftigung mit der RAF zeichnet sich nach wie vor durch Kontroversen aus"

L.I.S.A.: Begleitend zum Filmprogramm gibt es ein breites Rahmenprogramm, darunter auch ein wissenschaftliches Symposium. Worum wird es dabei gehen? Ist am Ende mit einer Publikation zu rechnen?

Dr. Brombach: Das wissenschaftliche Symposium findet am 22.9. unter dem Titel „Re-Framing RAF – Terrorismus in der audiovisuellen Erinnerungskultur“ statt. Hier haben wir eine Reihe von Historikern und Medienwissenschaftlern eingeladen, die sich in jüngster Zeit mit dem erinnerungskulturellen Status des Linksterrorismus beschäftigt haben.

Während die Geschichte der RAF als abgeschlossenes Thema gilt - trotz der Lücken, beispielsweise bezüglich der konkreten Täterschaft in einigen Fällen oder der Einflussnahme von Geheimdiensten, die aufgrund der Verschwiegenheit von Terroristen und Agenten allerdings weiterhin nicht aufgeklärt werden -, geht die Beschäftigung mit der RAF weiter. Sie zeichnet sich nach wie vor durch Kontroversen und Veränderungen von Perspektive und Intensität aus, die es schwer voraussagen lassen, welchen Stellenwert die Geschichte der RAF in Zukunft im kollektiven Gedächtnis der Deutschen haben wird und welche Narrative bzw. Bedeutungen damit verknüpft sein werden.

Schwerpunkt des Symposiums ist die Diskussion derjenigen Veränderungen, die sich in der Beschäftigung innerhalb der letzten zehn Jahre – Stichwort „Terrorismus und Medien“, Generations-übergreifende Perspektive sowie veränderte Perspektiven auf den Linksterrorismus nach 1989, in einem gesamtdeutscher Kontext, aber auch seit 9/11 – vollzogen haben. Eine Publikation zum Symposium wird es nicht geben, jedoch einen Festivalkatalog mit vertiefenden Texten und Materialien zu Filmen und Programm.

Neben dem Symposium findet innerhalb des Rahmenprogramms, dies als abschließender Hinweis, auch eine Master Class mit Margarethe von Trotta unter dem Titel »Von Hildegard von Bingen bis Hannah Arendt - Historische Frauenfiguren im Film« statt.

Dr. Ilka Brombach hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Programm des Festivals

Programm-Flyer (1.72 MB)

Programm des Symposiums

Symposium (41.32 KB)

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