Login

Registrieren
merken
Lennart Pieper | 28.08.2018 | 766 Aufrufe | Interviews

„Historiker müssen sich wieder mehr Gehör verschaffen“

Interview mit Dr. Jan C. Behrends über die Historians without Borders

Die Historians without Borders wurden 2015 in Finnland gegründet und haben sich der weltweiten Vernetzung von Historikern verschrieben. Dabei geht es ihnen vorrangig darum, historisches Wissen grenzüberschreitend zur Verfügung zu stellen und verschiedene Sichtweisen auf historische Ereignisse in Dialog miteinander zu bringen. Nicht zuletzt sollen dadurch auch internationale Konflikte entschärft werden. Über die Grundsätze und Ziele der Historians without Borders (HWB) haben wir uns mit Dr. Jan C. Behrends vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam unterhalten. Dr. Behrends sitzt als einziger Deutscher im Koordinationsausschuss der Organisation.

"Politische Instrumentalisierung von Geschichte hinterfragen"

L.I.S.A.: Wie kam es zur Gründung der Historians without borders? Welche Personen und welche Motivation standen dahinter?

Dr. Behrends: Die Organisation Historians without Borders wurde von dem Historiker und ehemaligen finnischen Außenminister Erkki Tuomioja initiiert. Er wurde dabei vom Vorbild der Médecins sans frontières oder der Reporter ohne Grenzen inspiriert. Der Grundgedanke ist erstens die internationale Vernetzung von Historikern sowie ihre verstärkte Einbeziehung in politische Konflikte. Lange Zeit haben sich Historikerinnen und Historiker primär über ihre akademische Arbeit definiert, doch in den vergangenen Jahren haben wir gesehen, dass die Politik – in demokratischen, aber insbesondere auch in autoritären Staaten – sich historischer Erzählungen bedient, um spezifisch nationale Positionen zu legitimieren. Hier können wir eingreifen und immer wieder einen differenzierten Blick auf das Geschehene einfordern, politische Instrumentalisierung von Geschichte hinterfragen. Außerdem wollen wir testen, inwieweit das Wissen und die Arbeit von Historikern auch bei der Lösung von Konflikten eine Rolle spielen können. Bisher war es ja eher umgekehrt: Oft hat die Geschichtswissenschaft mit ihren Erzählungen Konflikte eher befeuert als entschärft.

"Offenes Netzwerk"

L.I.S.A.: Wie groß ist das Netzwerk inzwischen und wie ist es organisiert? Wer kann den Historians without borders beitreten?

Dr. Behrends: Zu dem Netzwerk gehören zurzeit etwa 300 interessierte Kolleginnen und Kollegen. Historians without Borders wird von Helsinki aus koordiniert, wo sich das Sekretariat befindet. Beitreten kann jeder, der sich zu den Zielen von HWB bekennt und historisch arbeitet. Es ist ein offenes Netzwerk.

"Trotz des Krieges im Gespräch bleiben"

L.I.S.A.: Die HWB wollen historisches Wissen zur Lösung gegenwärtiger Probleme und sogar zur Beilegung internationaler Konflikte nutzbar machen. Kann man aus der Geschichte lernen?

Dr. Behrends: Die HWB versuchen über historischen Dialog zur Lösung aktueller Konflikte beizutragen. So haben wir beispielsweise in den vergangenen Jahren Treffen zwischen russischen und ukrainischen Historikern organisiert. Damit endet natürlich nicht der Krieg im Donbass – das ist eine Aufgabe der Politik. Aber die Treffen haben gezeigt, dass Historikerinnen und Historiker trotz des Krieges im Gespräch bleiben können. Auch wenn viele Themen strittig bleiben, so hoffen wir doch, dass wir hier einen Beitrag leisten können, damit nach dem Ende des Krieges die Beziehungen sich rascher normalisieren. Der professionelle Kontakt reißt nicht ab und junge Wissenschaftler lernen sich kennen, die auch in der Lage sind, die eigenen nationalen bzw. imperialen Narrative zu hinterfragen.

"Eine Lösung, bei der alle Seiten an einem Tisch sitzen"

L.I.S.A.: Was sagen Sie zu der u.a. vom damaligen Außenminister und jetzigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier geäußerten Idee, der Nahe Osten brauche einen Westfälischen Frieden zur Lösung seiner Konflikte?

Dr. Behrends: Der Westfälische Frieden begründete in Europa das moderne Staatensystem. Dies führte zum Ende des Religionskrieges im Reich, aber bekanntlich nicht zum ewigen Frieden. Was der Bundespräsident wohl meint ist, dass es einer Lösung bedarf, bei der alle Seiten an einem Tisch sitzen und gemeinsam versuchen, die blutige Vergangenheit und die Kriege der Gegenwart hinter sich zu lassen.

"Suchen auch den Kontakt zu Entscheidungsträgern"

L.I.S.A.: Wie sieht das Engagement der HWB konkret aus? Wie bringen Sie die Expertise von Historikern zu denen, die sie benötigen?

Dr. Behrends: HWB sucht auch den Kontakt zu Entscheidungsträgern. Wir können viel dazu beitragen, dass die Politik fremde Staaten – wie beispielsweise Russland oder die Ukraine – besser versteht, ihre Strukturen, Mentalitäten, spezifischen Sichtweisen und eben auch ihre historischen Mythen und Obsessionen. Mit Erkki Tuomioja und Carl Bildt sind ja auch Politiker und Diplomaten in der Führungsmannschaft von HWB – ich finde diesen Austausch hoch interessant.

"Geschichtsbild wird heute über Massenmedien und Spielfilme vermittelt"

L.I.S.A.: Aktuell scheinen allerorten lange sicher geglaubte gesellschaftliche Konsense brüchig zu werden. In Deutschland wird etwa die nach 1945 etablierte Erinnerungskultur von einigen infrage gestellt; auch der Gründungsmythos der EU als friedenssichernde Gemeinschaft verliert teilweise an Zustimmung. Halten Sie diese Entwicklungen für gefährlich und falls ja, wie ließe sich dem als Historiker begegnen?

Dr. Behrends: Es gibt ja keine feste, staatlich verordnete Geschichtskultur. Der Blick auf die Geschichte ist immer im Fluss, das macht ja Geschichte erst interessant. Insofern leben wir gar nicht in ungewöhnlichen Zeiten. Was mir allerdings Sorge bereitet ist, dass die Rolle der Historiker sich in den vergangenen Jahrzehnten verkleinert hat. Das liegt teilweise an uns selbst: Wir müssen uns fragen, ob wir Bücher geschrieben haben, die in der breiten Öffentlichkeit auch auf Interesse stoßen, ob wir diese Öffentlichkeit auch immer gesucht haben. Das Geschichtsbild wird heute weniger von den Historikern oder der Schule vermittelt, sondern häufig über die Massenmedien und Spielfilme. Dabei zeigt sich, dass hier häufig grob vereinfachte und emotionale Bilder produziert werden – Komplexität wird reduziert und das geht dann auf Kosten des historischen Verständnisses. Hier müssen wir darüber nachdenken, wie wir uns als Historiker wieder mehr Gehör verschaffen können.

Die zweite problematische Tendenz ist die Regulierung der Geschichte durch die Legislative: Geschichtsgesetze haben um sich gegriffen. Geschichte wird auch als Teil diplomatischer Streitigkeiten gebraucht, beispielsweise zwischen Polen und der Ukraine. Auch hier tritt die eigentliche Geschichtswissenschaft in den Hintergrund und wird von der Politik verdrängt.

Beides, die Medialisierung und die Politisierung von Geschichte, erleben wir in ihrer stärksten und wohl auch wirkungsmächtigsten Form in den neuen autoritären Regimen: in Russland, der Türkei oder in China. Aber es gibt diese Tendenzen auch in demokratischen Staaten. Hier gilt es, gegenzusteuern. HWB, aber auch jeder einzelne Historiker, ist hier aufgefordert, seinen Beitrag zu leisten.

Dr. Jan Behrends hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

TFOTCR