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Dr. Daniel Stahl | 17.10.2012 | 14708 Aufrufe | 3 | Artikel

Historiker dürfen nicht denselben Fehler machen wie das Nobelkomitee

Kommentar zum Friedensnobelpreis an die Europäische Union

Die europäische Integration hat dem Kontinent Frieden, Aussöhnung und Demokratie gebracht. Zu diesem Schluss ist das Nobelkomitee in seiner Begründung für die Vergabe des diesjährigen Nobelpreises gelangt. Was für eine eindimensionale Sicht auf unsere jüngste Geschichte! Europa ist in erster Linie ein Konzept kollektiver Identität. Als solches dient es nicht nur der Inklusion, sondern auch der Exklusion – und Exklusionsprozesse sind selten friedlich und versöhnlich. Das Nobelkomitee hat diese simple Logik nicht beachtet. Es bleibt zu hoffen, dass es zumindest die Historiker tun, wenn sie sich daran machen, Europas Integration zu historisieren.

 
Um allerdings Exklusionsprozesse im Zuge der europäischen Einigung ausfindig zu machen, muss man sich auf die Suche nach der Geschichte Europas außerhalb der europäischen Grenzen machen. Es lohnt sich beispielsweise, nach Afrika zu blicken. Die Geschichte der europäischen und afrikanischen Grenzregime ist weit verflochtener, als es den meisten Menschen in Europa bewusst ist. Die Öffnung der innereuropäischen Grenzen hatte zur Folge, dass die Abschottung von Afrika fortan zu einer gemeinsamen Angelegenheit aller europäischen Staaten wurde. Sie begannen, vereinten Druck auf die afrikanischen Regierungen auszuüben, den Flüchtlingsstrom nach Europa zu unterbinden. Das war aus ihrer Sicht wichtig, um jenen innereuropäischen Frieden aufrecht zu erhalten, für den die EU nun ausgezeichnet worden ist. Die unrühmliche Kooperation Europas mit Gaddafi bei der Abschottung der libyschen Grenzen ist deshalb Teil der Geschichte des europäischen Integrationsprozesses. Die vielen Afrikaner, die nach ihren Fluchtversuchen in libyschen Lagern gefangen gehalten oder von Regierungstruppen in der Wüste ausgesetzt wurden und dort verdursteten, gehören in die Annalen der EU.

Das ist jedoch bei weitem noch nicht alles und lediglich der bekanntere Teil der Geschichte. Europas Regierungen blieb nicht verborgen, dass die Flüchtlingsrouten nach Europa weit im Inneren Afrikas beginnen. Im Laufe des letzten Jahrzehnts haben sie deshalb immer stärkeren Druck auch auf die afrikanischen Staaten südlich der Sahara ausgeübt, die eigenen Grenzen besser zu kontrollieren. Während es in Europa immer leichter wurde, zu reisen, entstanden innerhalb Afrikas zahlreiche neue Hürden. In den letzten Jahren gingen einige afrikanische Länder dazu über, für Bürger aus Nachbarländern die Visa-Pflicht einzuführen.

Man könnte noch lange fortfahren, Folgen zu benennen, die das Zusammenwachsen Europas für Nichteuropäer hatte. Nie zuvor waren die Staaten unseres Kontinents so vereint im Kampf gegen Immigration. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Politik der EU und der europäischen Staaten mit ein Grund ist, warum die Bewohner Afrikas ihre Heimat verlassen. Europas Politiker weigern sich, EU-Subventionen für Landwirtschaft aufzugeben, dem Aufkauf von afrikanischem Ackerland durch internationale Konzerne Riegel vorzuschieben oder dem europäischen Fischfang vor den afrikanischen Küsten einzudämmen.

All das zeigt, wie ambivalent der Integrationsprozess unseres Kontinents war. Er brachte Frieden und Unfreiheit, er erleichterte das Los einiger Menschen und erschwerte das anderer. Wenn Historiker Europas Geschichte bilanzieren, dürfen sie es sich nicht so leicht machen wie das Nobelkomitee, das lediglich nach den Folgen der Integration für die europäische Bevölkerung fragte. Die Geschichte des Einigungsprozesses in seinen globalen Bezügen zu untersuchen – etwas, das in der Geschichtswissenschaft eine Selbstverständlichkeit sein sollte – heißt immer auch, nach den Kosten zu fragen, die er in anderen Regionen verursacht hat. Es wäre ein großer Fehler, eine eurozentrische Geschichte Europas zu schreiben.

Kommentar

von Marcus Cyron | 18.10.2012 | 16:55 Uhr
Selten hat mich ein Beitrag so geärgert wie dieser hier. Hinter vorgeschobener Sachlichkeit versteckt sich eine eindeutig erkennbare politische Motivation. Die ist legitim - aber dann soll man sie bitte auch nicht als Wissenschaft tarnen. Das Nobelkomitee hat nie behauptet Perfektion auszuzeichnen. Und wenn man die Leistungen der Europäischen Union allein für den europäischen Raum betrachtet ist das immens. Daß nicht alles so läuft wie es sollte wird Niemand bestreiten. Aber die Kritik in der Form ist kaum akzeptabel.

Kommentar

von Dr. des. Daniel Stahl | 18.10.2012 | 17:06 Uhr
Aber das ist doch genau das Problem, dass man meint, man könne die "Leistungen" der EU bewerten, wenn man "allein den europäischen Raum betrachtet". Mir geht es auch nicht darum, mangelnde Perfektion aufzuzeigen. Vielmehr bin ich der Meinung, dass dem Konzept Europa bereits Ambivalenzen inhärent sind: Es dient der Integration und der Exklusion - und diese Exklusion wird auf brutale Weise durchgeführt.

Kommentar

von Klaus Neumann | 18.10.2012 | 18:07 Uhr
Der Nobelpreis soll Institutionen und Personen auszeichnen, die etwas für die "Verbrüderung der Völker" getan haben. Wenn damit die europäischen Völker gemeint sind, dann hat die EU den Preis zweifelsohne verdient. Wenn damit alle Völker gemeint sind, dann hat die EU den Preis trotzdem verdient, allerdings nur mit dem Hinweis, dass sie den Preis für ihre Leistungen innerhalb Europas und mangels besserer Alternativen in der globalen Politik erhält.

Auf der Haben-Seite stehen 60 Jahre Frieden in Europa. Wenn man sich die europäische Geschichte anschaut, ist das eine Herkulesleistung. Auf der Haben-Seite steht weiterhin, dass die EU eine friedensstiftende Wirkung auf dme Balkan spielte. Ohne die EU-Perspektive hätten es die Jugoslawien-Nachfolgestaaten deutlich schwerer auf ihrem Weg zur Demokratie gehabt.

Nun spricht Herr Stahl zu Recht an, dass es auch eine negative Seite gibt. Unbestritten ist, dass Europa zunehmend eine Festung ist. Die EU handelt hier im Interesse der Bevölkerung der EU-Staaten, zum eindeutigen Nachteil der Bevölkerungen der 'dritten Welt'. Sie tut damit genau das gleiche, wie ausnahmslos alle Industrienationen der Welt.

In den Bevölkerungen aller Länder der "ersten Welt" herrscht ein stiller Konsens, dass der dort herrschende Reichtum nicht mit allzu vielen Wirtschaftsflüchtlingen geteilt werden soll. Die EU erfüllt also den Auftrag ihrer Wähler. In Nicht-EU-Ländern wie der Schweiz, den USA, Australien oder Japan ist die Abschottung genauso stark und das aus dem selben Grund.

Nächstes Jahr sollte der Preis vielleicht an Jordanien gehen, ein Land, das zu einem Drittel aus Flüchtlingen besteht und das seit Jahrzehnten eine Hauptlast des Palästinakonfliktes trägt.

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