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Georgios Chatzoudis | 09.02.2016 | 1047 Aufrufe | Interviews

Hindenburgplatz oder Schlossplatz?

Interview mit André Donk über die Hindenburg-Debatte in Münster

Die leidenschaftlich geführten Debatten um die Umbenennung von Straßen, Plätzen oder öffentlichen Gebäuden hat in den vergangenen Jahren Formen eines neuen Kulturkampfes angenommen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die die Erinnerung an bestimmte Personen für unzeitgemäß oder sogar skandalös halten, auf der anderen diejenigen, die sich auf heimatliche Kontinutät berufen und ihren Gegnern das Auslöschen von Geschichte vorwerfen. Exemplarisch dafür war die Auseinandersetzung um Carl Diem. Doch kaum woanders wurde so erbittert um den Namen eines Platzes gerungen wie in Münster. Dort sollte der Hindenburgplatz in Schlossplatz umbenannt werden - was letztlich auch so umgesetzt wurde. Der Kommunikationswissenschaftler Dr. André Donk hat im Nachblick die Rolle der Medien in der sogenannten Hindenburg-Debatte untersucht und darüber einen Aufsatz verfasst. Wir haben ihn dazu interviewt.

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"Nun heißt der Parkplatz 'Schlossplatz'"

L.I.S.A.: Herr Dr. Donk, Sie haben in einem Aufsatz die Debatte um das Gedenken an Paul von Hindenburg Revue passieren lassen. Konkret geht es dabei um die Umbenennung des Hindenburgplatzes in Münster. Können Sie uns kurz die Sachlage schildern? Was ist das Problem?  

Dr. Donk: Der Hindenburgplatz ist eigentlich nur ein großer Parkplatz im Herzen der Altstadt Münsters. In der Vergangenheit hat es zahlreiche Versuche gegeben, dem Platz mehr Leben – zum Beispiel durch den Neubau einer Konzerthalle – einzuhauchen. Alle diese Versuche sind gescheitert.

Genauso zahlreich und fruchtlos waren die Bemühungen, den wegen seiner Rolle beim Aufstieg des Nationalsozialismus historisch umstrittenen Namenspatron auf dem Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen. Erst 2012 vollzieht der Stadtrat auf Empfehlung einer lokalen Historikerkommission die Umbenennung des Hindenburgplatzes in Schlossplatz – mit parteiübergreifender Mehrheit.

Schon die Veröffentlichung des Votums der Historikerkommission hat in der Stadtgesellschaft hohe Wellen geschlagen. Widerstand gegen die Umbenennung formierte sich, konnte diese aber nicht verhindern. Die Gegner der Umbenennung haben dann einen Bürgerentscheid angestrengt, um die Ratsentscheidung aufzuheben, sind aber in der Abstimmung knapp unterlegen. Und nun heißt der Parkplatz „Schlossplatz“.

"Ein direktdemokratischer Akt gegen das politische Establishment"

L.I.S.A.: Ihr Aufsatz nimmt vor allem die Rolle der Medien in der Diskussion um den Hindenburgplatz unter die Lupe. Obwohl es ähnliche Umbenennungsdebatten schon länger und immer wieder gibt – beispielsweise im Zusammenhang mit Carl Diem – bezeichnen Sie den medialen Diskurs um den Hindenburgplatz als ein neues Phänomen? Warum? Was ist neu oder anders? Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter „Aktualität“ und „Kontinuität“?  

Dr. Donk: Generell gilt: Die Medien spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle im Erinnerungsmanagement moderner Gesellschaften. Sie sind es, die in journalistischen wie fiktionalen Formaten Personen und Ereignisse in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit rücken und Debatten um die Deutung von Geschichte mit dem Anspruch allgemeiner Relevanz auszeichnen. Oder wie die US-Wissenschaftlerin Barbie Zelizer, die als eine der ersten den Beitrag der Medien zum kollektiven Gedächtnis – besser vielleicht: öffentlichen Erinnern – untersucht hat, es ausdrückt: Journalismus und Medien deuten die Welt, statten die Gesellschaft mit Interpretationen der Vergangenheit aus und sind insofern kulturstiftend.

Der Diskurs ist besonders interessant, weil es nicht allein um die historische Kontroverse über die Rolle Hindenburgs geht. Die mediale Debatte ist potenziell politisch folgenreich: Es geht nämlich auch um einen direktdemokratischen Akt, der sich gegen das politische Establishment aus Bürgermeister und Rat richtet. Die Beobachtung und Kommentierung von direkter Demokratie gehört bislang jedoch nicht zu den Routineaufgaben der Medien in Deutschland, weil sie in unserem politischen System eine eher marginale Rolle spielen. Und wenn es Bürgerentscheide und entsprechende mediale Berichterstattung gibt, dann werden normalerweise Themen wie die Privatisierung städtischen Eigentums oder der Bau neuer Sportanlagen verhandelt, nicht aber Fragen, die an den Kern der Erinnerungskultur rühren.

"Die überregionale Presse trivialisiert die Debatte als Lokalposse"

L.I.S.A.: Schauen wir genauer auf den medialen Diskurs: Wo entlang verliefen die Trennlinien? Lassen sich Schemata wie links/rechts oder Kriterien wie konservativ versus liberal hier erkennen? Oder verlief die Kontroverse auf anderen Ebenen bzw. zwischen anderen Akteuren? Fühlten sich die Kontrahenten von den Medien jeweils repräsentiert?  

Dr. Donk: In der Berichterstattung der Medien selbst lässt sich eine solche Lagerbildung oder Polarisierung nicht feststellen. Sicher, die Medien positionieren sich in Kommentaren. Und auch in den Leserbriefspalten verläuft der Kampf um die Erinnerung entlang des Schemas konservativ vs. liberal. Die journalistische Beobachtung ist aber weitestgehend frei von Politisierung, sie folgt den Professionsnormen des Berufsstanden, berichtet über Pro und Contra einer Umbenennung.

Die Medien indes rahmen und deuten den Konflikt und bieten so Positionierungsvorschläge für das Publikum an. Die überregionale Presse beispielsweise trivialisiert die Debatte um die Umbenennung als Lokalposse. Die Lokalmedien fokussieren im Verlauf der Debatte immer weniger politische Inhalte, dafür den Wettstreit zwischen den Parteien und den parteiinternen Konflikt innerhalb der CDU, die sich gegen den eigenen Oberbürgermeister wendet. Andere mediale Rahmungen des Themas stellen die „Auseinandersetzung Bürger vs. Politik“ oder einen drohenden „Imageschaden für die Friedensstadt Münster“ in den Mittelpunkt.

Wir erleben hier aber auch den eher seltenen Fall einer konservativen Gegenöffentlichkeit, die sich gegen einen vermeintlich linken und zeitgeistigen Mainstream der Medien richtet. In der Berichterstattung der Münsteraner Medien kommen natürlich Befürworter und Gegner der Umbenennung zu Wort.

Dennoch fühlen sich die Gegner marginalisiert: Das zeigt sich an der großen Anzahl wütender Leserbriefe, die die Zeitungen drucken. Zudem sind die Gegner in den sozialen Medien, also dem klassischen Kanal der Gegenöffentlichkeit, sehr aktiv. Als positiv kann man festhalten, dass z.B. auf der Facebook-Seite „Pro Hindenburg“ rege Diskussionen von Befürwortern und Gegner stattfinden. Leider lässt der Ton manchmal die Zivilität eines demokratischen Diskurses vermissen. Und es geschehen auch schlimme Entgleisungen. Insbesondere der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, der sich für die Umbenennung ausspricht, wird übelst angegangen.  

"Das politische Problem wird als wissenschaftlich gelöst präsentiert"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielte die Wissenschaft in diesem medialen Diskurs? Wie haben sich insbesondere Historiker in die Debatte eingeschaltet? Welche Bedeutung hatten sie für die Medien?  

Dr. Donk: Die Historiker waren mit ihrer Analyse und ihrem Votum für eine Umbenennung Auslöser der Debatte. In deren Verlauf bildeten sich dann rasch zwei Fraktionen: Eine Gruppe emeritierter Professoren sprang den Gegnern der Umbenennung bei und kritisierte die Arbeit der Kommission. Die Mitglieder der Kommission und einige aktive Münsteraner Professoren warben dagegen für die Umbenennung. Man kann sagen, die Historiker haben eine sehr engagierte gesellschaftspolitische Rolle eingenommen.

Für die Medien war das natürlich aus zwei Gründen besonders interessant. Zum einen haben Konflikte immer einen Nachrichtenwert – es wird eher über Dissens als über Konsens berichtet. Zum anderen bringen Medien ihre Deutung eines Themas auch durch die Zitation von Experten zum Ausdruck. In der Forschung spricht man deshalb von „opportunen Zeugen“, die von den Medien in Stellung gebracht werden. Nüchterner ausgedrückt und positiv gewendet: Wir haben hier einen politisch wie historisch pluralen Meinungsstreit erlebt, dessen Vielfalt auch dank der Münsteraner Historiker in den Medien zum Ausdruck kam.

Abstrahiert man von den handelnden Personen und ihrer Rolle in den Medien, kann man noch etwas anderes Interessantes beobachten: Medien behandeln mit dem Siegel „Wissenschaft“ versehene Interpretationen (historischer) Wirklichkeit in hohem Maße als Tatsachen. In zahlreichen Artikeln finden wir eine Betrachtung des Votums der Historikerkommission als wissenschaftlich erwiesen und damit alternativlos. Darin zeigt sich eine problematische Tendenz, die wir in einigen Bereichen des Wissenschaftsjournalismus finden – er geht sehr unkritisch mit dem Objekt seiner Berichterstattung um.

In unserem Fall wird so die Frage, ob Hindenburg die Machtübernahme durch Nationalsozialisten wissen- und willentlich unterstützt hat, der öffentlichen Kontroverse und dem politischen Wettstreit entzogen. Das politische Problem der Umbenennung wird als wissenschaftlich gelöst präsentiert. Damit spiegelt sich in den Medien die mittlerweile gängige Praxis der Evidenzbasierung politischer, im Kern normativer Entscheidungen wider. Wissenschaft und Medien begründen dann allerdings nicht mehr als die „Alternativlosigkeit“ von Politik.   

"Sieger machen Geschichten, die Verlierer werden vergessen"

L.I.S.A.: In der Auseinandersetzung um die Umbenennung von öffentlichen Plätzen, Straßen oder Gebäuden und Institutionen geht es nur vordergründig um den Namen und der dahinter stehenden Person. Letztlich wird um Geschichtsbilder bzw. um die offizielle Deutung der Vergangenheit gerungen. Welches Geschichtsbild hat sich am Ende im Fall Hindenburgplatz durchgesetzt?  

Dr. Donk: Politisch durchgesetzt hat sich das Bild Hindenburgs als Steigbügelhalter Hitlers. Allerdings können wir die Durchsetzung nur auf der Ebene des politischen Resultats beobachten, also als Umbenennung in Folge eines Mehrheitsentscheids. Ob sich diese Deutung am Ende einer vitalen öffentlichen Diskussion auch bei den Gegnern der Umbenennung durchgesetzt hat, möchte ich bezweifeln. Betrachtet man die Heftigkeit der Reaktionen in Leserbriefen oder sozialen Medien wie Facebook, erscheint es mehr als unwahrscheinlich, dass das historische Seminar in der Münsteraner Öffentlichkeit so weitreichende Überzeugungskraft entfaltet hat. Letztlich gilt wohl: Sieger machen Geschichten, die Verlierer werden vergessen.

Dr. André Donk hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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