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Georgios Chatzoudis | 11.07.2014 | 1647 Aufrufe | Interviews

"Strategisches Denken und Handeln"

Interview mit Otto Dann zum Tod von Hans-Ulrich Wehler

Sie kannten sich bereits vom Kölner Lehrstuhl des Historikers Theodor Schieder, dessen Assistenen sie waren: Hans-Ulrich Wehler, den es anschließend über Umwege nach Bielefeld zog und Otto Dann, der in Köln geblieben ist. Nachdem wir Anfang der Woche mit einem Wehler-Schüler, Prof. Dr. Paul Nolte, gesprochen haben, wollten wir nun wissen, wie sich ein Historiker-Kollege aus der selben Generation an Hans-Ulrich Wehler erinnert. Prof. Dr. Otto Dann hat unsere Fragen beantwortet.

"Star der nach links tendierenden Studenten"

L.I.S.A.: Herr Professor Dann, Sie kennen Hans-Ulrich Wehler noch aus der Zeit, als Sie gemeinsam in Köln am Lehrstuhl von Theodor Schieder gearbeitet haben. Wie erinnern Sie sich persönlich an den jungen und auch an den späteren Hans-Ulrich Wehler?

Prof. Dann: Als ich im Herbst 1967 von Heidelberg auf eine Assistentenstelle bei Professor Theodor Schieder an die Universität Köln wechselte, stand ich am Ende meiner Dissertation und traf im Historischen Seminar auf eine Gruppe älterer Assistenten, die sich habilitierten, darunter Wolfgang Mommsen, Lothar Gall und Hans-Ulrich Wehler. Wehler arbeitete als Assistent nicht mehr bei seinem Doktorvater Schieder, sondern bei Professor Erich Angermann am Lehrstuhl für anglo-amerikanische Geschichte. Er konnte sein Habilitationsverfahren im Jahr 1968 abschließen und als Privatdozent eine Lehrtätigkeit beginnen, die im Zusammenhang der Studentenbewegung attraktiv war und sich erfolgreich entwickelte. Mit einer sozialkritischen, tendentiell neomarxistischen Position wurde Wehler zum Star der nach links tendierenden Studenten. In der persönlichen Begegnung war er aufgeschlossen, mitteilsam und mit seinen kritischen Urteilen vielfach anregend.

"Wehler war nicht Doyen oder Primus"

L.I.S.A.: In den Nachrufen liest man immer wieder, dass Hans-Ulrich Wehler der Doyen der Historiker in Deutschland gewesen sei. Was machte ihn und sein Werk so besonders? 

Prof. Dann: „Doyen“ der westdeutschen Historiker war in den 1970er Jahren eindeutig und unwidersprochen Theodor Schieder. Wehler war damals einer der jungen Nachwuchshistoriker, der seinen Platz suchte und ihn zunächst auf einem Lehrstuhl für anglo-amerikanische Geschichte an der Freien Universität Berlin, dann aber endgültig an der Universität Bielefeld gefunden hat. Erst in Bielefeld hat Wehler das Umfeld und die Kollegen, insbesondere Jürgen Kocka, gefunden, mit denen gemeinsam er das realisieren konnte, was man als sein Werk bezeichnen kann. Charakteristisch ist aber, dass Wehler nicht Doyen oder Primus war und sein wollte. Signifikant waren die Gemeinschaftsleistungen: die neue Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft“, die anspruchsvolle Reihe „Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft“, das wöchentliche „Kolloquium zur modernen Sozialgeschichte“ für Dozenten und Doktoranden.

"Eine neue zeitgeschichtliche Positionierung unserer Generation"

L.I.S.A.: Sie gehören beide zu einer Generation von Historikern, die in den 1960er und 1970er Jahren ausgebildet wurde. Was waren die prägenden Erfahrungen Ihrer Generation gerade mit Blick auf die Geschichtswissenschaft? Welche Rolle spielte dabei, sich von Ihren Lehrern, wie beispielsweise Theodor Schieder, zu emanzipieren?

Prof. Dann: Wehler war in den 1970er und 1980er Jahren ein Exponent der Generation westdeutscher Historiker, der auch ich mich zurechne, die nach Alternativen suchte zur Generation ihrer akademischen Lehrer, die bereits vor 1945 aktiv waren. Wir waren geprägt von unserer Kindheit in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit, die Älteren, wie auch Wehler, jedoch auch schon durch die Hitlerjugend. Eine neue zeitgeschichtliche Positionierung unserer Generation formierte sich erstmals in der Fischer-Kontroverse der sechziger Jahre. Leitende Stichworte unserer Emanzipation wurden: die Einforderung eines „Paradigmenwechsels“ in der historischen Orientierung, die Zielvorstellung einer „Geschichte jenseits des Historismus“.

"Abgesetzt von der Tradition deutscher Professoren"

L.I.S.A.: Welchen Typus von Historiker verkörperte Hans-Ulrich Wehler? Welche Bedeutung kommt dabei seinem USA-Aufenthalt in Stanford zu?

Prof. Dann: Auch in seinem Verhalten wollte Wehler einen alternativen, modernen Typus des Historikers darstellen, abgesetzt von der Tradition deutscher Professoren. Er kleidete sich unkonventionell, trug nie eine Krawatte, bevorzugte Jeans und Turnschuhe und bewegte sich dementsprechend. Seit seinem Studienaufenthalt in Athens/Ohio waren die Vereinigten Staaten und deren akademischen Verhältnisse für Wehler zum Vorbild der Modernität geworden. Damals lernte er in Berkeley auch den Historiker Hans Rosenberg kennen, der sich 1932 noch in Köln habilitieren konnte und nun für Wehler zum Mentor und Freund wurde. In seinen späteren Jahren gelang es Wehler, Einladungen als Gastprofessor an den führenden Universitäten der USA zu erhalten.

"Wehler erkannte die Bedeutung der Medien"

L.I.S.A.: Hans-Ulrich Wehler hat sich vor allem als politischer Wissenschaftler verstanden, der sich auch in öffentliche Debatten einschaltet. Man denke dabei nur an den Historikerstreit, die Auseinandersetzung um den NATO-Doppelbeschluss, die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei, das Thema Soziale Ungleichheit oder jüngst der Erste Weltkrieg. Inwieweit lässt sich Wehler dabei politisch verorten?

Prof. Dann: Ein öffentliches, vorwiegend kultur- und sozialpolitisches Interesse war kennzeichnend für Wehler. Es veranlasste ihn zu einem politischen Engagement, das er vorwiegend in den Medien zur Geltung brachte, denn Wehler war in einem besonderen Maße befähigt zu einem strategischen Denken und Verhalten. Er erkannte die Bedeutung der Medien, verschaffte sich Zugang zu ihnen, und nicht zuletzt auch auf diesem Wege bildete sich das Image von Wehler als dem führenden Historiker in Deutschland.

"Als historiographische Leistung eines Einzelnen heute kaum einholbar"

L.I.S.A.: Was bleibt von Wehler Geschichtsansatz einer umfassenden Gesellschaftsgeschichte? Ist sie überholt oder wird sie als Globalgeschichte weiterentwickelt?

Prof. Dann: Wehlers opus magnum, seine fünfbändige „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“, spielt hier eine wichtige Rolle. Sie ist in der Tat ein Epochenwerk, als historiographische Leistung eines Einzelnen heute kaum einholbar. Als Globalgeschichte jedoch kann sie nicht bezeichnet werden, sie behandelt allein Deutschland, ist somit wohl eine letzte große Nationalgeschichte. Das methodische Problem einer Gesellschaftsgeschichte und ihrer Darstellung wird in der Tat durch sie aufgeworfen, kann hier aber nicht entfaltet werden.

Prof. Dr. Otto Dann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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