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Georgios Chatzoudis | 01.12.2015 | 1713 Aufrufe | 1 | Interviews

"Einem breiteren Publikum Geschichte vermitteln"

Interview mit Barbara Stambolis zum Tod von Hans Mommsen

Am 5. November ist der Historiker Prof. Dr. Hans Mommsen an seinem 85. Geburtstag gestorben. Mit ihm ist die bundesrepublikanische Ära deutscher Historiker verbunden, die noch zu jung war, um persönlich mit dem Nationalsozialismus verstrickt gewesen zu sein. Im Gegenteil: Hans Mommsen gehörte zu den neuen Historikern, die sowohl in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der NS-Diktatur als auch mit Blick auf den Habitus eines Hochschullehrers mit der Vergangenheit brachen. Die Historikerin Prof. Dr. Barbara Stambolis hat Hans Mommsen bereits als Doktorandin direkt am Lehrstuhl in Bochum erlebt. Wir haben Sie gebeten, mit uns in einem Interview zurück auf Leben und Wirken dieses prägenden Historikers zu schauen.

„Hans Mommsen IEIS Conference Arno J Mayer“ von Olli Eickholt. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 lu über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hans_Mommsen_IEIS_Conference_Arno_J_Mayer.jpg#/media/File:Hans_Mommsen_IEIS_Conference_Arno_J_Mayer.jpg

"Maßgeblichen Anteil an Etablierung und Ausbau einer kritischen Sozialgeschichte"

L.I.S.A.: Frau Professor Stambolis, Sie haben bei dem jüngst verstorbenen Historiker Prof. Dr. Hans Mommsen promoviert und standen auch danach noch im Austausch mit ihm. So haben Sie ihn unter anderem im Jahr 2010 für die Fachzeitschrift „Neue politische Literatur" interviewt. Wie erinnern Sie sich an den Menschen und an den Historiker Hans Mommsen?

Prof. Stambolis: Während meines Studiums und der Arbeit an meiner Dissertation in Bochum in den 1970er Jahren hatte ich die Gelegenheit, Veranstaltungen von Hans Mommsen zu besuchen und dann auch an seinem Examens- und Doktorandenkolloquium teilzunehmen. Letzteres war ausgesprochen anregend und anspruchsvoll. Die dort vorgestellten Themen waren breit gefächert. Hans Mommsen hatte damals maßgeblichen Anteil an der Etablierung und dem Ausbau einer kritischen Sozialgeschichte, die offen für interdisziplinäre Anregungen war. Er war mit einer der ersten, der nicht zuletzt durch seine Aufenthalte in den USA und die dort geknüpften Kontakte die Frage nach dem Einfluss des Wechsels der Generationen aufgegriffen hatte, und zwar im Zusammenhang mit der Geschichte der Weimarer Republik.

Aus diesem Zusammenhang heraus ergab sich auch meine Dissertation, die in der späteren Druckfassung den Titel „Mythos Jugend. Leitbild und Krisensymptom. Ein Aspekt der politischen Kultur im 20. Jahrhundert“ trug. Hans Mommsen regte das Thema an und begleitete die Entstehung der Studie kritisch, mit der ich mich zeitweise vor allem methodisch etwas überfordert sah. Er nannte pointiert eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Studie die Erkenntnis, dass der Generationenkonflikt ein „Leitmotiv“ der Weimarer Republik darstelle und „eine tiefe Legitimationskrise des politischen Systems“ widerspiegele. So klar hätte ich das damals nicht formulieren können. Erst später ist mir wohl bewusst geworden, was es bedeutete, bei Hans Mommsen das historische Handwerk zu erlernen. Zu meinen Lehrlingserfahrungen auf dem Weg zur Promotion als „Gesellenstück“ – wenn ich die Geschichtswissenschaft hier ein wenig salopp als „Handwerk“ bezeichnen darf – gehörten nicht nur die Einbindung in Kolloquien und Gespräche mit anderen Doktoranden sowie beratenden Kollegen aus dem Bochumer Historischen Institut, sondern auch manche „Schwellenrituale“, z.B. eigene Referate auf Konferenzen und Kongressen, erste Schritte gleichsam in bis dahin verschlossene akademische Räume, die nicht selten als „heilige Hallen“ erschienen, die zu betreten einigen Mut erforderte.

Rückblickend würde ich auch heute noch wiederholen können, was ich im Jahre 2004 während einer Lehrstuhlvertretung einleitend zu einem Vortrag von Hans Mommsen gesagt habe, zu dem er sich hatte einladen lassen: Er habe mir gezeigt, was die Professionalität und Qualität in der Beschreibung und Darstellung von Sachverhalten bzw. Zusammenhängen ausmacht und was analytisches Deutungsvermögen sowie Urteilsfähigkeit bedeutet. Ich habe bei ihm gelernt, die eigenen fachlichen Möglichkeiten nicht zu überschätzen. Ich habe verstanden, dass zwischen einer gewissen handwerklichen Fertigkeit und brillanter Professionalität Welten liegen.

Erst eine geraume Zeit später, als ich auf Umwegen in das universitäre Umfeld zurückgekehrt war, hat sich intensiverer Austausch mit Hans Mommsen ergeben. Seit einigen Jahren habe ich ihn auch am Starnberger See einige Male besucht. Er war ein wunderbarer Gastgeber und konnte im Hintergrund ermutigend die Entstehung einiger Projekte begleiten. Zusammenhängen zwischen seinen persönlichen Erfahrungen und seinen Forschungsfragen habe ich mich erst in der Vorbereitung des oben bereits angesprochenen Interviews 2010 sowie einer kollektivbiographischen Studie zum Jahrgang 1943 deutscher Historiker zugewandt, in der die von mir Befragten sich ausführlich zur Generation ihrer akademischen Lehrer äußerten, zu denen nicht zuletzt Hans Mommsen gehörte.

"Die traditionale Autorität der Gesellschaft schien über Nacht zerstört"

L.I.S.A.: Hans Mommsen stammte aus einer Gelehrtenfamilie beinahe dynastischen Charakters, begründet durch seinen Urgroßvater, den Althistoriker Theodor Mommsen. Sein Vater Wilhelm Mommsen sowie Hans Mommsens Brüder Wolfgang J. und Karl waren auch Historiker. Wie sehr prägte ihn dieser Hintergrund? Beflügelt oder belastet so ein Erbe?

Prof. Stambolis: Folgende Antwort in dem Interview von 2010 hat mich persönlich besonders beeindruckt: „Ich gestehe, dass die unmittelbaren Nachkriegserfahrungen mit dem vollständigen Verlust der zuvor noch äußerlich eingehaltenen bürgerlichen Wertvorstellungen mich nachhaltig geprägt haben. Dass die zuvor mit unbedingtem Respekt betrachteten Honoratioren sich nicht scheuten, in der Stunde Null, das heißt vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen, die öffentlichen Depots zu plündern, gehört dazu. Die traditionale Autorität der Gesellschaft schien damit über Nacht zerstört und es war schwer, die Personen, die eigentlich hätten Vorbild sein sollen, zu respektieren.“ Gerne hätte ich noch einmal nachgefragt, indes gebietet es wohl die Achtung vor dem Interviewpartner und die Grenze, die es in einer solchen Befragung zu wahren gilt, dies nicht zu tun. Ob ein solches Familienerbe insgesamt gesehen „belastet oder beflügelt“, lässt sich sicher nicht in wenigen Sätzen beantworten. Die Frage sollte vielleicht an engere Freunde gerichtet werden.

"Die Strukturen eines verbrecherischen Systems erklären"

L.I.S.A.: Hans Mommsen gehörte zur ersten Historikergeneration nach dem Nationalsozialismus. Im Interview mit Ihnen hat er gesagt, ich zitiere: „Die Aufgabe meiner Historikergeneration war naheliegend“. Dass es dabei darum ging, die nationalsozialistische Diktatur und deren Vernichtungspolitik historisch zu erklären, ist klar. Entscheidender ist der methodische Zugriff auf den Untersuchungsgegenstand. Für welchen steht dabei Hans Mommsen? Welche Rolle spielten dabei Einflüsse aus den Vereinigten Staaten?

Prof. Stambolis: Es ging Hans Mommsen darum, die Prozesse zu verdeutlichen, die in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und die Shoah mündeten, und darum, die Strukturen eines verbrecherischen Systems zu erklären. In seinen Holocaust-Forschungen ist dies exemplarisch nachzuvollziehen. Gleichwohl gab es seiner Auffassung nach auch gewisse Handlungsspielräume für die historischen Individuen, wie z.B. seine Forschungen über den militärischen Widerstand zeigen. Lutz Niethammer hat Hans Mommsen einmal folgendermaßen charakterisiert, er sei ein sozialdemokratischer Kämpfer gegen Nationalismus und Konservatismus gewesen. Zusammen mit Martin Broszat sei er führend in der strukturalistisch ausgerichteten NS-Forschung gewesen.

Was Einflüsse aus den Vereinigten Staaten betrifft: Die sozialgeschichtliche Ausrichtung der amerikanischen Geschichtswissenschaft erschien ihm besonders wichtig. Er selbst hat seinen Kontakt zu Henry A. Turner und Gerald D. Feldman als inspirierend beschrieben, und zwar besonders Turners Arbeit über die Stellung der Großindustrie zu Hitler und Feldmans Studien zur Industrie- und Sozialpolitik in der Weimarer Republik fortsetzte. 

"Er hatte keine Vorbehalte, den 'akademischen Elfenbeinturm' zu verlassen"

L.I.S.A.: Abgesehen von der thematischen und methodischen Neuausrichtung der Geschichtswissenschaft steht die Professorengeneration um Hans Mommsen auch für einen Kulturwandel im akademischen Betrieb. Wie sah das aus? Wie führte Hans Mommsen seinen Lehrstuhl?

Prof. Stambolis: Hans Mommsen konnte offenbar nicht nur als Lehrstuhlinhaber, sondern auch als Dekan durchaus unkonventionell sein. Günstig mag sich ausgewirkt haben, dass es sich bei der Bochumer Universität um eine neue Gründung handelte, was sicher einen anderen Umgangsstil zwischen Professoren, Assistenten und Studierenden erleichterte als er noch in den 1970er Jahren an Traditionsuniversitäten gang und gebe war. Außerdem kannte Mommsen das „Ordinaliale“ nicht nur aus der eigenen Familie, sondern hatte selbst in Tübingen unter dem ordinarialen Stil seines akademischen Lehrers Hans Rothfels gelitten. „Bodenständig“ in der Region zu wirken, hielt er außerdem stets für wichtig. Er hatte keine Vorbehalte, den „akademischen Elfenbeinturm“ zu verlassen und einem breiteren Publikum Geschichte zu vermitteln. Wohl auch deshalb zeigte er eine größere Offenheit gegenüber der Lehrerausbildung als dies in Bielefeld der Fall war.

"Hans Mommsen hat sich mit guten Argumenten und in differenzierter Weise eingemischt"

L.I.S.A.: Hans Mommsen hat sich in zahlreiche gesellschaftliche Debatten eingeschaltet – beispielsweise in den Historikerstreit der 1980er Jahre. In Erinnerung sind auch seine Beiträge im Zusammenhang mit der Entschädigung von Zwangsarbeitern. Dementsprechend wird er in zahlreichen Nachrufen als streitbarer und streitlustiger Historiker bezeichnet. Ist das in Ihren Augen gerechtfertigt?

Prof. Stambolis: Die Adjektive „konfliktfreudig“ und „unbequem“ wären sicher ebenso zutreffend. „Steitbar“ zu sein, ist wahrscheinlich eine Grundvoraussetzung für die öffentliche Wahrnehmung in gesellschaftlichen Debatten. Hans Mommsen hat sich stets mit guten Argumenten und in differenzierter Weise eingemischt. Er hat sich immer wieder, beispielsweise in der sehr emotional geführten Diskussion um Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“, öffentlich für einen argumentativ und historisch differenzierten Umgang mit der Zeitgeschichte ausgesprochen. In seinem 2014 erschienen Buch „Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa“ betonte er indes trotz jahrzehntelanger Forschungsarbeit die Grenzen der Geschichtswissenschaft, die Entstehung des Holocaust in seiner Unmenschlichkeit abschließend zu klären. 

"Als Vater einer 'Bochumer Schule' hätte er sich nicht sehen wollen"

L.I.S.A.: Bricht mit dem Tod von Hans Mommsen ein Zweig der deutschen Geschichtsschreibung ab? Oder sehen Sie Nachfolger, die sein Werk fortschreiben? Ist es in diesem Zusammenhang gerechtfertigt von einer „Bochumer Schule“ zu sprechen, so wie man von der „Bielefelder Schule“ um Hans-Ulrich Wehler spricht?

Prof. Stambolis: Auch gegenwärtig gibt es fundierte Forschungen zur Geschichte sozialer Bewegungen, zur Weimarer Republik oder zum Nationalsozialismus, um einige der Forschungsschwerpunkte Hans Mommsens zu nennen. Seine Verdienste sind, denke ich, unbestritten; die kritische Würdigung seines Gesamtwerks allerdings ist Aufgabe einer Hans-Mommsen-Biographie, die erst noch zu schreiben sein wird. Soviel jedoch lässt sich sicher bereits jetzt sagen: Als Vater einer „Bochumer Schule“ hätte er sich nicht sehen wollen und die Existenz einer solchen überhaupt abgelehnt. Er betonte wiederholt, Abhängigkeiten des „wissenschaftlichen Personals“ habe er zu vermeiden versucht und seinen Mitarbeitern weitgehend inhaltliche Freiheiten gewähren wollen. Als „Schüler“ im engeren Sinne wollte er nicht einmal Lutz Niethammer und einige weitere langjährige engere Mitarbeiter verstehen. Niethammer, so Mommsen, sei „von vornherein eigenständig“ gewesen und habe „eine Reihe von innovativen Forschungsprojekten aufgegriffen, ohne dass die Initiative vom Lehrstuhl ausging.“

Nicht zuletzt eröffneten sich für einige jüngere Historiker und Doktoranden in einem anregenden wissenschaftlichen Umfeld an der Ruhr-Universität in den 1970er Jahren die Möglichkeiten, u.a. am Beispiel der Weimarer Republik Generationenkonflikte unter Einbeziehung der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zu untersuchen. Sie begannen, mit angeregt von dort diskutierten Arbeiten Erik H. Eriksons, dem Nestor der amerikanischen Psychohistorie (u.a. zu Hitlers Kindheit) oder Peter Loewenbergs psychohistorischen Aufsätzen (nicht zuletzt zur sog. Nazi Youth cohort), sich mit psychischen Dynamiken, seelisch prägenden Eindrücken und Erfahrungen, mit Befindlichkeiten, Belastungen, Krisen und Problemlagen von Individuen mit weitreichenden historischen Folgen auseinanderzusetzen.

Allerdings blieben diese Ansätze eher randständig, denn in den 1970er und 1980er Jahren hatte eine um 1930 geborene Altersgruppe in der Historikerzunft an den Universitäten das Sagen, die ihre Aufgabe relativ klar vor sich sah: In Abgrenzung von der Ereignis- und Politikgeschichte ihrer akademischen Väter etablierten sie die Sozial- und Gesellschafts- als Strukturgeschichte, in der – wie bereits gesagt – durchaus zunächst auch mentalitäts- und alltagsgeschichtliche Fragestellungen ein Platz eingeräumt wurde, dann aber vielfach die Menschen als Subjekte der Geschichte in den Hintergrund gerieten. Gleichsam im Windschatten der strukturgeschichtlichen Verengungen der Blickrichtung oder auch in durchaus deutlicher Kritik an diesen entwickelten eine Reihe von Historikern und Historikerinnen ihre Zeitzeugenbefragungen, ihr Interesse an subjektiven Erzählungen durchschnittlicher Zeitgenossen, an Kindheits- und Jugend- und generationellen Prägungen etc. weiter, die in Bochum stets einen Platz in der Forschung hatten; sie richteten sich mit ihren Forschungen in keineswegs gänzlich unbeachteten Nischen der Zunft ein und vernetzten sich in produktiver Weise. In Studien zu Kriegskindheiten im 20. Jahrhundert etwa wirken entsprechende Perspektivierungen bis heute fort. Hans Mommsen selbst hat sich folgendermaßen mit Blick auf Unterschiede zwischen Bielefeld und Bochum geäußert: „Wir gingen jedoch nicht so weit, einen ausschließlichen Primat der Sozialgeschichte zu vertreten, wie das von Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka lange Zeit – gleichsam in Korrektur zur historiographischen Tradition in Deutschland – getan wurde.“ 

Prof. Dr. Barbara Stambolis hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von M.A. Susanne Wosnitzka | 01.12.2015 | 11:20 Uhr
Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Stambolis, was mich sehr interessieren würde: welche Rolle spielte der mit den 1968er Jahren wieder aufkeimende Feminismus in seinem Leben bzw. in seiner Forschung und Lehre? Wenn Hans Mommsen so prägend war: welches Frauen- bzw. Männerbild vertrat er? Förderte er bei seinen Studierenden auch einen feministischen Focus bzw. förderte er aktiv auch Nachwuchswissenschaftler_innen, die sich damit zu befassen begannen? Er bildete ja die nächstkommenden Generationen an Lehrenden/Forschenden/etc. aus, aber bis heute tauchen Frauenpersönlichkeiten z.B. in Schulgeschichtsbüchern noch immer nicht wirklich auf oder ggf. nur als "Frau von ...", um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Einseitig geprägte Menschheitsgeschichte ist leider bis heute noch ein Problem in der Lehre - in meinem Musikwissenschaftsstudium lernte ich z.B. absolut nichts über Komponistinnen, die komplett aus der Musikgeschichte ausgeklammert worden waren. Ich befasse mich gerade intensiv mit der Frauen-/Lesbenbewegung jener 68er Jahre. Vielen Dank für Ihre Informationen.

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