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Prof. Dr. Ferdinand Fellmann | 03.02.2018 | 1047 Aufrufe | 4 | Artikel

Globalisierung – Untergang des Abendlandes?

Ein Meinungsbeitrag

Ich stelle zunächst die mentalen Folgen der Globalsierung dar: die Erweiterung des geistigen Horizonts einerseits und der Verlust des Heimatgefühls andererseits. Dann werde ich untersuchen, wie die westlichen und die östlichen Interpretationen Europas mit dem neuen Geist der Globalisierung vereinbar sind. Schließlich visiere ich eine Reorganisation der Europäischen Union an, die dem Verlangen nach Sicherheit und Orientierung der Bürger entspricht. Ich bin kein Politiker, sondern ein philosophischer Anthropologe, der die Konstanten der menschlichen Natur aufdeckt, die den Hintergrund kultureller Vielfalt bilden.

Prof. Dr. Ferdinand Fellmann

I: Kulturelle Globalisierung

Die akademische Literatur unterteilt die Globalisierung in der Regel in drei Hauptgebiete: ökonomische, politische und kulturelle Globalisierung. Kulturelle Globalisierung umfasst den Austausch kognitiver, weltanschaulicher, religiöser und anderer Aspekte der Kultur. Ich behandele die Veränderungen der Erfahrungshorizonte, die mit der kulturellen Globalisierung verbunden sind. Nach meiner Überzeugung sind die geistigen Veränderungen der am meisten vernachlässigte Aspekt der Globalisierung, der den ökonomischen, soziologischen und politischen Aspekten allererst ihre Evidenz verleiht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich um ein zweideutiges Phänomen handelt  mit Pro und Kontra.

Das Pro der Globalisierung, das zunächst in die Augen fällt, ist die Begegnung mit fremden Kulturen, die dazu beiträgt, bornierte Vorurteile jeder Art zu minimieren. Das Leben in ländlichen Regionen und kleinen Städten war äußerst beengt, da jeder jeden kannte und die Gemeinschaft soziale Kontrolle ausübte. Dagegen war das Zusammenleben in Großstädten lockerer, da es vom Geldverkehr reguliert wird, dessen befreiende Wirkung Georg Simmel schon 1900 in seiner Philosophie des Geldes dargestellt hat. Das macht die Urbanisierung zu einem wesentlichen Faktor der Globalisierung, die moderne Lebensstile generiert. Ein weiterer Schritt ist die Digitalisierung, die es erlaubt, Daten zeitnah mit Hilfe elektronischer Geräte abzurufen und Schranken der Kommunikation zu überwinden. Das erleichtert den Informationsaustausch, was in bestimmten Bereichen von unschätzbarem Vorteil ist. Historisch gesehen, hat die Globalisierung dazu beigetragen, die Exzesse der Europäischen Kolonialherrschaft zu reduzieren. Insbesondere die eurozentrische Überzeugung von der Überlegenheit des Abendlandes gegenüber anderen Kulturen hat an Gültigkeit verloren.

Das Kontra der Globalsierung betrifft den Verlust des Gefühls, irgendwo zuhause zu sein und dazuzugehören. „Heimatlosigkeit“ war ein großes Thema des 20. Jahrhunderts. Erich Fromm hat 1941 in seinem Buch Die Furcht vor der Freiheit den Verlust ursprünglicher Bindungen als dialektischen Prozess der „Individuation“ beschrieben. Sicherlich gibt es kulturell verschiedene Formen der Heimatverbundenheit, aber ein transkultureller Vergleich hat gezeigt, dass es immer um ein Gefühl der Geborgenheit geht, das emotional tief in der menschlichen Natur verwurzelt ist. Das mag Menschen, die als „Elementarteilchen“ zwischen Städten und Kontinenten beständig pendeln, überholt und sentimental vorkommen. Doch an einem bestimmten Punkt ihres Lebens sehnen sie sich doch nach einem Ort, an dem sie sich zuhause fühlen und an dem sie von Menschen umgeben sind, die ihr Lebensgefühl teilen. Das gilt auch für die Digitalisierung, die schnelle Kontakte zu fremden Menschen herstellt, die sich „Freunde“ nennen. Aber die virtuellen Freunde, die man im Netz hat, ersetzen auf Dauer nicht die realen Freunde, auf die man sich im Notfall verlassen kann.

Pro und Kontra – was überwiegt? Meine Antwort lautet: keines von beiden. Diese ambivalente Antwort besagt, dass ich mich weder auf einen Kampf der Kulturen festlege, noch dass ich eine goldene Mischung der Kulturen vertrete. Ich bin der Überzeugung, dass die Globalisierung zu einer Wechselwirkung verschiedener Urformen der Kultur (patterns of culture) führt, die aber niemals zum völligen Ausgleich kommen. Sie sollen es meiner Meinung auch nicht, da sonst die Kulturen ihre Dynamik verlieren würden. Durch die Enttraditionalisierung moderner Lebensformen läuft die Risikogesellschaft mit ihrem Individualisierungsschub, wie ihn der Soziologe Ulrich Beck bereits 1985 beschrieben hat, Gefahr, zu Beliebigkeit und Wertrelativismus zu verkommen. Damit können nur „flexible Menschen“ leben, die im Rahmen von Global Players gut versorgt sind. Demgegenüber wird mit Recht an die Quellen kultureller Identitäten erinnert, insbesondere an das Geschichtsbewusstsein, an die Bildungstradition und die gemeinsame Religion eines Volkes. In Analogie zu Immanuel Kant, für den die Freiheit in einem Staatenbund besser als in einem Weltstaat zu realisieren sei, halte ich eine einheitliche Weltkultur nicht für erstrebenswert, da sie die Gegensätze einebnet, an denen sich kulturelle Identitäten herausbilden.  Diese Identitäten brauchen die Menschen für das Prinzip Verantwortung.

II: Multikulturelle vs. nationale Idee Europa – eine Alternative?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als entspreche die neue Globalisierungsmentalität der Idee eines multikulturellen Europas. Aber das ist nur eine oberflächliche Betrachtung. Wenn wir uns an die europäischen Immigranten der Nachkriegszeit erinnern, so blieb die deutsche Gesellschaft homogen. Die als Gastarbeiter in Deutschland willkommenen Immigranten gehörten alle dem europäischen Kulturkreis an und ihre Integration verlief nach festen Stereotypen: der stolze Spanier, der liebestolle Italiener, der ländliche Ungar und der gutmütige Pole. Hier gab es natürlich auch Spannungen, aber keine fundamentalen Fremdheiten. Die Spitznamen der Idealtypen waren nicht böse gemeint und überbrückten Mentalitätsunterschiede.

Das hat sich durch die unkontrollierte Einwanderung von Flüchtlingen aus Syrien im Frühsommer 2015 grundlegend geändert. Ich äußere mich hier nicht über die Ursachen und Umstände, sondern erwähne nur, dass dort, wo sich Flüchtlinge konzentrierten, viele Einheimische sich in ihrer Umgebung als Fremde fühlten. Ob ihre Gefühle sachlich begründet waren, bleibe dahingestellt. Aber die Ängste waren und sind immer noch da und lassen sich nicht durch gute Worte wegrationalisieren. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten: In unserer Nachbarschaft wurden viele Syrer untergebracht, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Aber das selbstbewusste Auftreten junger Männer und die verschleierten Frauen haben viele Einheimische verunsichert. Das hat  konservativ denkende Menschen in die Nähe rechtsradikaler Bewegungen getrieben. Noch heute bleiben berechtigte Zweifel, ob trotz gewaltiger Integrationsbemühungen die Syrer unsere Werte teilen. Wahrscheinlich können sie das emotional auch gar nicht, da sie in einer anderen Tradition aufgewachsen sind.

Unübersehbar und für Europa bedrohlich sind die Spannungen mit osteuropäischen Ländern, die sich gegen die von der EU verfügten Regeln der Flüchtlingsverteilung stemmen. Das wird in Deutschland als Mangel an Solidarität angesehen, doch die tieferen Gründe sind kultureller Natur. Polen ist ein katholisch geprägtes Land, dessen Bürger keine Islamische Parallelgesellschaft  verkraften. Ungarn hat Grenzen zu Rumänien, und die Türkei ist nicht weit. Was unkontrollierte Einwanderung für die Osteuropäer bedeutet, kann man sich in Westeuropa nur schwer vorstellen. Immerhin ist die deutsche Bundesregierung nach den Wahldebakeln 2017 dabei, unauffällig ihren Kurs zu verschärfen. Doch der Eindruck vieler Deutscher aus der Unterschicht, infolge der kostspieligen Unterstützung der Flüchtlinge benachteiligt zu werden, bleibt erhalten. Der Eindruck mag sachlich unbegründet sein, aber es sind emotionale Ängste, die vom Establishment zu lange unbeachtet geblieben sind. Wirklichkeitsfremde Überheblichkeit der Regierenden erzeugt Politikverdrossenheit.

III: Europa als freiheitlicher Staatenverbund

Durch die Flüchtlingswellen der letzten Jahre und die schon lange etablierten türkischen Communities in Großstädten scheint Deutschland auf dem Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft zu sein. Doch ist eine multikulturelle Gesellschaft mehr als ein Konglomerat von Parallelgesellschaften? Ist eine umfassende Integration überhaupt denkbar? Da zur Integration das geschichtliche Bewusstsein gehört, gerät man in ein kulturelles Dilemma. Die Türkin, die in Kreuzberg aufgewachsen ist, fühlt sich als Deutsche, aber identifiziert sie sich mit der Geschichte des verbrecherischen Nationalsozialismus? Fühlt sie sich als Angehörige eines „Tätervolks“? Hier entstehen gespaltene Identitäten, die sich nicht allein durch Kenntnisnahme überwinden lassen. Die junge Frau bleibt sich ihres Migrationshintergrunds halb bewusst, und eines Tages möchte sie Anatolien besuchen, wo ihre Großeltern als arme Bauern gelebt haben. Auch der junge Syrer, der unbegleitet nach Deutschland gekommen ist, in der Hoffnung, seine Familie nachholen zu können, identifiziert sich mit dem kulturellen Erbe seiner hoch gebildeten Vorfahren.

Jeder Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte, die von der kulturellen Identität seines Herkunftslandes nicht vollständig abtrennbar ist. Hinsichtlich der kulturellen Identität unterscheidet sich Deutschland nicht wesentlich von Ungarn und Polen, abgesehen vielleicht vom höheren Stand der Säkularisierung. Gemäß dem Stand der Dinge ist die Idee eines Europas aus Nationalstaaten keineswegs überholt, selbst wenn zahlreiche Mitglieder des europäischen Parlaments das anders sehen. „Multi-kulti“ steht ihnen gut, sie bewegen sich im medialen Mainstream und sind angesichts der großzügigen finanziellen Ausstattung ihrer Posten wohlgemut. Das aber ist einer der Gründe, und nicht der geringste, dass Europa in eine tiefe Krise seines Selbstverständnisses geraten ist. Die europäische Kommission wird nach dem Eindruck vieler Beobachter von Politikern dominiert, denen eine neue Welt des Wohllebens und unbegrenzter Freiheiten vorschwebt. Brüssel patronisiert die Regionen durch unsinnige Vorschriften einerseits und ist andererseits unfähig, eine gemeinsame Außenpolitik zu vertreten. Der schmutzige Deal mit der Türkei, die schon lange dabei ist, sich in eine islamische Republik zu verwandeln, ist für gute Europäer ein alarmierendes Signal.

Das Verhältnis zur Türkei von Erdogan (ein neuer „Kranker Mann am Bosporus“?) wirft kulturpolitische und sozialphilosophische Fragen auf. Der missverständliche Satz der deutschen Bundekanzlerin: „Der Islam gehört zu Deutschland“ kann nur bedeuten, dass viele Muslime seit langem in Deutschland heimisch sind, aber nicht, dass hier eine Zugehörigkeit auf kultureller Ebene vorliegt. Denn in unserer Kultur sind Religion und Politik infolge der Bibelkritik der Aufklärung prinzipiell getrennt. Im Islam ist das nicht der Fall, so dass trotz verschiedener Lesarten des Koran der Absolutheitsanspruch Allahs immer auch politisch ausgerichtet ist. Folglich bleiben islamische Kultur und westliche Kultur sich im tiefsten fremd.

Angesichts dieser Differenz lautet die Frage: Wie soll der Westen die Immigration behandeln, ohne in prinzipienlosen Relativismus und Egalitarismus zu verfallen? Sicherlich geht es um die Wahrung der Menschenwürde, der zufolge jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter oder Weltanschauung den gleichen Wert hat und dass dieser Wert über allen anderen Aspekten des Lebens steht. Die Wertschätzung findet in der UN-Menschenrechtscharta ihren globalen Ausdruck. Allerdings darf man nicht vergessen, dass der Begriff „Menschenwürde“ in der jüdisch-christlichen Religion seinen Ursprung hat und als solcher die europäische Kultur prägt. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Europäer und insbesondere die Deutschen, die der Welt viel Unheil gebracht haben, nun als globale Lehrmeister auftreten sollen. Das würden andere Regierungen als „moralischen Imperialismus“ zurückweisen. Aber das heißt auch nicht „Abschied vom Prinzipiellen“, der die Gesellschaft aus kulturellen Rahmenbedingungen entlässt. Im Bezug auf die Fremden in unserem Lande bedeutet es, dass wir unsere Werte durch für alle Beteiligten nachvollziehbares Verhalten unter Beweis stellen. Das betrifft insbesondere die Institutionen, die ohne feste Vorgaben individuelle Freiheit nicht garantieren können.

Ich bin kein Träumer, aber: I have a dream: The United Nation States of Europe. Im Unterschied zur EU, die wie eine Föderation mit einem hybriden Mechanismus übernationaler Entscheidungen funktioniert und vom Präsidenten der Europäischen Kommission gelenkt wird, plädiere ich für ein Kooperationsmodell, das am besten als „Staatenverbund“ definiert ist. Der Begriff ist ein Neologismus für ein System mehrerer Ebenen, in dem die Staaten enger zusammenarbeiten als in einem lockeren Staatenbund, aber anders als in einem Bundesstaat ihre volle Souveränität behalten. Die Institutionen des Staatenverbundes können nur Entscheidungen treffen, die von den Nationalstaaten gebilligt werden.

Natürlich will niemand zum Nationalismus vergangener Zeiten zurückkehren. In freiheitlichen Demokratien geht alle Macht vom Volk aus, das seinen Willen durch Wahlen bekundet. Allerdings sind Wahlen in hohem Maße manipulierbar, wie in Diktaturen beobachtbar. Hier werden Wahlen zu bloßen Farcen, die nichts mit dem Wählerwillen zu tun haben. Daher gehört zum Wahlrecht nicht nur die Freiheit von Repressionen, sondern auch die Kompetenz der Wähler, über Parteiprogramme und ihre Durchsetzung im Bilde zu sein. Das aber setzt einen gewissen Bildungsstand voraus, der in Europa sicherlich ein hohes Niveau erreicht. Ob die Einwanderer, die handwerklich qualifiziert sein mögen, dieses geistige Niveau in absehbarer Zeit erreichen, ist fraglich. Die Wissensvermittlung durch Digitalisierung ist sicherlich ein Schritt nach vorn, aber die Gefahr besteht darin, dass „Bildung für alle“ sich darin erschöpft, reine Wissensfragen mit ja oder nein zu beantworten. Auch in den Formen der Bildung gibt es nationale Unterschiede, etwa das typisch deutsche Suchen nach letzten Wahrheiten, und das typisch südeuropäische Ausprobieren, ob es klappt. Das sind Mentalitätsunterschiede, die man nicht unbeachtet lassen sollte, wie es im Verhältnis zu Griechenland geschehen ist. Es steht zu befürchten, dass multikulturelle Kultur ins Unbestimmte abdriftet und aufhört, eine Quelle der Kreativität zu sein.

Der Mensch ist von Natur aus ein geographisches Wesen, das irgendwo zuhause sein will. Daher verlangen globale Probleme nach regionalen Antworten. Jedes Land ist eine Welt für sich, die durch ihre Eigenart Europa kulturell stark macht. Denn es ist ein anthropologisches Grundgesetz, dass Kulturen wie Medien phänomenale Unterschiede sind, die einen Unterschied machen. Ihre Einebnung führt in einen Zustand des lähmenden Egalitarismus, wie er schon im Hellenismus zu beobachten war und der den Untergang der Antike besiegelt hat. Oswald Spengler hat  im zweiten Band seines  Hauptwerks Der Untergang des Abendlandes (1920/1921) die Situation der modernen Weltstadt in einer Weise beschrieben, die geradezu prophetisch ist. Er gibt einen Ausblick auf die Zeit nach 2000, also auf unsere Zeit, in der Metropolen mit bis zu 20 Millionen Einwohnern anzutreffen sind. Hier sei der Übergang von der nationalen Kultur zur globalen Zivilisation mit Händen zu greifen. Die Weltstadtmenschen verkörpern die „letzten Menschen". Spaßgesellschaft, Pazifismus, „Ibsenweib“ (sic!) lauten die Stichworte. Spengler spricht von „intellektuellen Nomaden" in der „absoluten Stadt“. Diese Einschätzung widerspricht natürlich unseren demokratischen und liberalen Vorstellungen, aber abgesehen von den unakzeptablen Wertungen treffen Spenglers Beschreibungen doch harte Fakten. Insofern ist der „Untergang des Abendlandes“, wie ihn Spengler beschworen hat, kein reines Gespenst, wie es heutzutage von kulturellen Globalisierungsoptimisten gern hingestellt wird. Daher mein unzeitgemäßer Traum vom europäischen Staatenverbund, der dem Realitätsprinzip kultureller Identitäten verbunden ist, damit ein Europa der Nationalstaaten seine geistige Sonderstellung in der Welt bewahrt.

Überarbeitete Fassung eines Vortrags, den ich am 18. November 2016 in englischer Sprache auf der Internationalen Konferenz The Twofold Interpretation of Europeanism in Szeged (Ungarn) gehalten habe.

Kommentar

von Dr.Markus Welby | 11.02.2018 | 13:40 Uhr
Schön, Herr Professor, dass Sie sich wieder zu einem aktuellen Thema äußern. Neu ist Ihr Gedanke der gespaltenen Identität von Immigranten, die schon lange in Deutschland leben. Nun könnte man einwenden, dass das auch für junge Deutsche gilt, so dass es sich hier um ein Generationenproblem handelt. Das sollten Sie berücksichtigen und dann doch den feinen Unterschied aufzeigen. Die Eltern oder Großeltern der jungen Deutschen haben in der Nazizeit gelebt und sich vielleicht mit der Ideologie identifiziert. Das haftet auch den Nachkommen wie ein Stigma an, das sie nie loswerden. Die junge Türkin dagegen ist davon vollkommen unbelastet. Insofern gibt es zwei Formen der nationalen Identität: die historich gewachsene und die rein staatsbürgerliche. Was meinen Sie dazu?

Kommentar

von Ferdinand Fellmann | 12.02.2018 | 11:22 Uhr
Dank für Ihre interessante Unterscheidung, Dr. Welby. Jemand kann unter bestimmten Voraussetzungen mehrere staatsbürgerliche Identitäten haben (Doppelpass). Dagegen scheint mir das bei der historisch gewachsenen oder kulturellen Identität nicht möglich zu sein. Letztere gleicht der personalen Identität, die untrennbar mit der kulturellen Identität verbunden ist. Zwar wird die Frage, wer ich bin, heute gern im Plural beantwortet, doch das ist modischer Schnickschnack. Wir alles spielen verschiedene soziale Rollen, aber die Rollenspiele setzen einen identischen Spieler voraus, den jeder oder jede als „ich selbst“ erfährt. Genauso verhält es sich mit der Staatsbürgerschaft, die man wechseln kann, während kulturelle Identität die Gesinnung betrifft, die aus dem Inneren kommt und daher nicht manipulierbar ist. Ob die junge Türkin und der junge Deutsche in meinem Beispiel in ihrem kulturellen Selbstverständnis jemals übereinstimmen, ist eine Frage der Zeit, die Differenzen aufhebt. Und sicherlich eine Frage der Liebe. Wenn beide ein Paar werden, weiter in Kreuzberg leben und Kinder bekommen, dann werden diese den Migrationshintergrund der Mutter vergessen und neue deutsche Identitäten verkörpern. Aber dazu braucht es wohl noch mehrere Generationen.

Kommentar

von Sandra Masali | 18.02.2018 | 20:30 Uhr
Ein anregender Beitrag,den ich Schritt für Schritt gern gelesen habe.Ich komme aus dem Kongo,wo ich noch verwandte habe,an die ich oft denke. Aber für meine kinder,die in Deutschland geboren sind, spielt das keine rolle mehr. Sie sind voll integriert wie die von ihnen beschriebenen Türken kinder in Kreuzberg .Dagegen scheint mir der Gedanke eines europäischen Staatenverbunds problematisch. Der Traum von Nationalstaaten ist heutzutage doch aus geträumt. Lediglich ein Europa der Regionen mit relativer Autonomie erscheint mir akzeptabel. Deutschland oder die Schweiz sind da schon ganz gute Modelle,von denen Italien,Spanien,vielleicht sogar Frankreich etwas lernen könnten. Belgien hingegen,dies Kunstprodukt,funktioniert wohl nur, weil es allen noch relativ gut geht ; auch meinen Landsleuten, die in Bruxelles wohnen. Ich als Immigrantin aus dem Kongo fühle mich im Ruhrgebiet wohl, könnte mich vielleicht auch im Erzgebirge,in Bayern heimisch fühlen,aber in "Deutschland" als Nationalstaat ist mir fremd.Dann doch lieber Europa, das vielen meiner Landsleute eine neue Heimat bietet.

Kommentar

von Ferdinand Fellmann | 19.02.2018 | 21:27 Uhr
Hallo Sandra Masali, haben Sie Dank für Ihren Kommentar. Sie sprechen einen wichtigen Punkt an, den ich nicht genügend berücksichtigt habe. Sicherlich ist Ihnen im täglichen Leben Deutschland als Nationalstaat fremd. Mir übrigens auch. Aber das ändert sich, wenn wir im Ausland sind. Dort wird man als Deutscher wahrgenommen und behandelt. Und wenn einem etwas zustößt, kümmert sich die deutsche Botschaft um uns. Hier tritt der Nationalstaat völkerrechtlich in Aktion. Das gilt auch im Umgang der Staaten miteinander, für die es internationale Regeln gibt.
Man könnte hier das Modell einer Pyramide annehmen, die mehrere Schichten aufweist. Auf der untersten Schicht sind wir Familienmitglieder, dann folgt das regionale Heimatgefühl usw.- verschiedene Funktionen, die alle auf der nächsthöheren Ebene integriert werden. Die Spitze ist aber kein Weltstaat mit einer Superregierung, die alles gleichmacht. Das würde die kulturelle Dynamik zerstören, die durch die Konkurrenz der Nationen entsteht. Leider artet das in Nationalismus aus, was Europa im vorigen Jahrhundert in mörderische Kriege gestürzt hat. Aber Gott sei Dank gibt es derzeit Immigrantinnen und Immigranten (aus dem Kongo), die gegen den nationalistischen Virus immun sind.

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