Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 09.01.2020 | 448 Aufrufe | Interviews

"Gezielte Eskalation ist erschreckend und inakzeptabel"

Interview mit Ute Franke über die angedrohte Zerstörung des Kulturerbes in Iran

Die Ankündigung des US-Präsidenten Donald Trump, im Kriegsfall auch kulturelle und historische Stätten in Iran gezielt angreifen zu wollen, hat für große Empörung gesorgt. Das umso mehr, war doch die Zerstörung von Weltkulturerbe in den vergangenen Jahren vor allem mit dem Islamischen Staat im Mittleren und Nahen Osten sowie mit der Taliban in Afghanistan verbunden und weltweit als barbarisch geächtet. Wir haben PD Dr. Ute Franke, Archäologin für Vorderasien sowie ehemalige Stellvertretende Direktorin des Museums für Islamische Kunst in Berlin, um eine Einschätzung gebeten. Seit 2018 arbeitet sie zudem zur Vormoderne des iranischen Hochlands und erforscht dabei den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wandel der Region und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.

Google Maps

"Damit ruft der US-amerikanische Präsident zu einem Kriegsverbrechen auf"

L.I.S.A.: Frau Dr. Franke, wie haben Sie als in Vorderasien, und auch in Iran, tätige Archäologin sowie als ehemalige Stellvertretende Direktorin des Museums für Islamische Kunst in Berlin die Ankündigung der US-Administration aufgenommen, in einem potentiellen Krieg mit dem Iran kulturelle Stätten des Landes gezielt zu bombardieren bzw. zu zerstören?

PD Dr. Franke: Diese nahezu unglaubliche Nachricht passt in den Kontext der Twitter-Nachrichten aus dem Weißen Haus. Trotzdem kann man diesen Aufruf nicht als reine Rhetorik ignorieren: Er ist eine bewusste Provokation, auch in der Rhetorik, und steht ganz eindeutig im Widerspruch zu den Protokollen der Genfer und zu der Haager Konventionen. Damit ruft der US-amerikanische Präsident zu einem Kriegsverbrechen auf. Im Rahmen der politischen Gemengelage ist eine solche gezielte Eskalation, die explizit auf die kulturelle Ebene abzielt und damit einen „Zivilisationsbruch“ (Tagesspiegel, 6.1.20) darstellt, seitens einer westlichen demokratischen Großmacht erschreckend und inakzeptabel.

Seit ihrer Verbreitung hat es bereits zahlreiche internationale Proteste gegeben. US-Außenminister Pompeo hat inzwischen zugesagt, sich an internationales Recht zu halten. Politisches Kalkül ja oder nein, Trump hat damit so oder so sein Ziel erreicht, nämlich zu provozieren - negative Presse ist kein Hinderungsgrund.

"Die Macht, sich moralisch und militärisch über Verpflichtung hinwegzusetzen"

L.I.S.A.: Dass kulturelle und historische Stätten zum Ziel von Kriegshandlungen werden, ist spätestens seit den Zerstörungen von Statuen und Tempeln in Afghanistan durch die Taliban sowie durch den IS in Syrien einer breiten Öffentlichkeit bekannt und sorgt für Empörung. Tatsächlich aber ist diese Praxis nicht neu, oder?

PD Dr. Franke: Tatsächlich hat es solche gezielten Übergriffe, Zerstörungen von Orten ebenso wie z.B. die Verschleppung von Statuen besiegter Gegner, als Zeichen der Macht schon im 3. Jt. v. Chr. gegeben, ebenso im Kontext aller großer Feldzüge und Eroberungen bis hin in unsere Zeit. Der weltweite Schutz von Kulturgütern durch die UN und die Gesetzgebung ist ebenso wie der Schutz von Zivilisten und zivilen Zielen das Ergebnis einer neuen, der Humanität und Menschheitskultur verpflichteten, international verhandelten Sichtweise.

L.I.S.A.: Warum sind gezielte Angriffe auf kulturelles Erbe so wirkmächtig? Was treffen die Zerstörer dabei vor allem?

PD Dr. Franke: Sie stehen außerhalb der oben genannten Sichtweise bzw. attackieren diese gezielt. Sie demonstrieren mit der Nichtachtung der internationalen Verpflichtung die Macht, sich moralisch und militärisch über diese hinwegzusetzen. Das wird meines Erachtens als gezielte Ungerechtigkeit und Überheblichkeit empfunden und trifft stark auch die emotionale Ebene.

"Zielorientierte und koordinierte Bestrebungen zur Deeskalation"

L.I.S.A.: Die Zerstörungen der Taliban oder des IS wurden in der veröffentlichten und öffentlichen Meinung als Terrorakte bzw. barbarisches Handeln geächtet. Sie gelten als Taten, die mit jeder Form von Zivilisation brechen. Wie ist es nun einzuschätzen, dass die westliche Führungsmacht mit so einem Handeln droht? Welche Reaktion wünschen Sie sich darauf?

PD Dr. Franke: Dass die größte, westliche demokratische Führungsmacht sich rhetorisch und agitativ auf eine Ebene mit fundamentalistischen Gruppierungen stellt, ist inakzeptabel. Allerdings ist dies ja nicht der erste Vorfall dieser Art unter der Trump-Regierung. Insofern kann man nur hoffen, dass Pompeos Ankündigung, sich an geltendes Recht zu halten, Bestand hat. Ich wünsche mir, dass neben Protesten aus zivilen Kreisen die nationale und internationale Politik sich bestimmt und klar positioniert und aktiv zielorientierte und koordinierte Bestrebungen zur Deeskalation unternimmt.

"Zerstörungen jenseits der Weltkulturerbestätten werden häufig gar nicht publik"

L.I.S.A.: Der Nahe und Mittlere Osten ist spätestens seit dem Zweiten Golfkrieg von 1991 Austragungsregion von zahlreichen kriegerischen Konflikten, in deren Zuge gewaltige Zerstörungen stattgefunden haben. Können Sie als Expertin für die historischen Stätten und die islamische Kunst Vorderasiens einschätzen, wie viel unwiederbringlich verloren gegangen ist und wie viel Hoffnung Sie auf Wiederaufbau, Restaurierung und Erhalt setzen? Wer muss aus Ihrer Sicht hierbei die Verantwortung übernehmen und aktiv werden?

PD Dr. Franke: Die Verluste beziffern – das kann ich nicht. Sie sind groß, zu groß, letztlich ist jede Zerstörung eine zu viel. In der Presse erfährt man von den gezielten „plakativen“ Zerstörungen, die vermeintlich kleineren Ereignisse jenseits der Weltkulturerbestätten werden ja häufig gar nicht publik. Dazu zählen im Übrigen auch die Plünderung von Museen, u.a. das Bagdad-Museum, und die illegalen Ausgrabungen – der Antikenhandel hat sich neben Drogen- und Waffenhandel zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt.

Wie geht man mit Verlust um, kann man ihn verhindern, was folgt auf Dokumentation und Restaurierung, wie oder auch wenn überhaupt organisiert man Wiederaufbau? Diese Fragen sind nicht generell, sondern immer nur im Kontext zu entscheiden. Antworten, die eine gute Vorgehensweise vorgeben, sind nicht einfach zu finden. Aus meiner Erfahrung ist die Koordination der oft zahlreichen Initiativen und Projekte, die von verschiedenen Ländern und Institutionen ins Leben gerufen werden, ein wichtiger Faktor. Auch eine enge Abstimmung mit den Verantwortungsträgern in den betroffenen Ländern. Nicht selten aber gibt es (noch) keine klaren Ansprechpartner und Strukturen.

Ebenso schwierig ist die Frage nach Verantwortlichkeiten – die Politik, das Auswärtige Amt, Stiftungen und andere Institutionen sind wichtige Geldgeber, die Initiative und Umsetzung liegt jedoch häufig bei Institutionen und engagierten Personen, die diese Aufgaben neben ihren anderen Tätigkeiten durchführen. Ich denke, dass es sehr hilfreich wäre, wenn die Politik die Bereitstellung entsprechender Strukturen, im Sinne von Arbeitsstäben und Logistik, stärker unterstützt, zum Beispiel durch Anbindung an die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vor Ort oder ähnliches.

PD Dr. Ute Franke hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

E1BOMM