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Franca Buss | 04/23/2019 | 494 Views | Interviews

„Wir haben den Punkt erreicht, an dem Gewalt, von der keine Bilder zu uns durchdringen, nicht real zu sein scheint“

Interview mit Robert Kahr und Simon Menner über den Umgang mit Gewaltbildern

Szenen körperlicher wie psychischer Gewalt verursachen unterschiedliche Wirkungen zwischen Faszination und Schrecken: Sie verstören und irritieren, provozieren Ekel und Lust, können Massenpaniken auslösen und Schaulustige anlocken. Durch dieses Attraktions- und Abstoßungspotenzial stellen uns Gewaltbilder immer wieder vor eine harte ästhetische, moralische und  parteipolitische Wahl: Besser hin- oder doch lieber wegsehen?

Dieser Frage ist die interdisziplinäre Tagung „Hin- und Wegsehen! Erscheinungsformen der Gewalt im Wechselverhältnis von Bild und Betrachter“ nachgegangen, die am 01. und 02. Juni 2018 im Warburg-Haus, Hamburg stattgefunden hat.

Wir haben sechs der vierzehn Referenten ausgewählt und sie zur Wirkung von Gewaltbildern und dem Umgang mit ihnen befragt. Ihre Antworten erscheinen als kleine Interviewreihe. Die Unterschiedlichkeit der Antworten zeigt nicht nur die Komplexität des Themas, sondern auch die dringende Notwendigkeit der Kontextualisierung.

(r.) Simon Menner

„Auch in Abwesenheit von Kameras wird getötet und gelitten“

Franca Buss und Philipp Müller: Gewalt ist seit jeher bildwürdig. Angesichts der Fülle von Gewaltbildern in der Presse und den sozialen Netzwerken entsteht dennoch häufig der Eindruck eines nie zuvor dagewesenen Ausmaßes an Gewalt. Täuscht dieser Eindruck oder erleben wir gerade eine neue Dimension von Gewalt?

Robert Kahr: Diese Frage ließe sich idealerweise empirisch beantworten. Letztlich begegneten weite Teile der Gesellschaft medialen ebenso wie technischen Innovationen stets skeptisch. Ein nie dagewesenes Maß an Eindrücken mit potentiellen destruktiven Wirkungen wird befürchtet. Allerdings ermöglichen digitale Medien und Endgeräte eine im Vergleich zu „hergebrachten“ Medien erheblich vereinfachte Rezeption und Herstellung von user-generated content. Ein Großteil der Bilder von Gewalttaten der jüngeren Zeit wurde mit Smartphones gefilmt. Dieser ungeheuren Menge von Gewaltdarstellungen in hoher Foto- bzw. Videoqualität, die dem Individuum eine faktische Unsicherheit suggerieren kann, steht der empirisch belegbare Fakt entgegen, dass wir in historisch sicheren Zeiten leben. Man stelle sich vor, die Menschen hätten bereits während der großen Kriege der letzten Jahrhunderte über Smartphones verfügt. Die Wahrscheinlichkeit, heutzutage einem Gewaltverbrechen zum Opfer zu fallen, ist eher gering. Umgekehrt proportional ist jedoch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass jemand öffentlich stattfindende Gewalt aufzeichnet und postet. 

Simon Menner: Der Holocaust hat uns gelehrt, dass auch in Abwesenheit von Kameras getötet und gelitten wird. Wir können dies aber kaum noch glauben. Sind wir doch daran gewöhnt, dass jedes noch so banale Ereignis visuelle Spuren hinterlässt, sodass eigentlich zu erwarten wäre, dass Ereignisse von großer Bedeutung besonders viele Bilder erzeugen.

Die Gefahr, die ich in der Fülle von Gewaltbildern sehe, ist die, dass wir den Punkt erreicht haben, an dem Gewalt, von der keine Bilder zu uns durchdringt, nicht real zu sein scheint. Die allgemeine Fülle an Bildern, lässt uns glauben, dass alles als Bild dokumentiert wird. Wo Bilder fehlen, da scheint nichts vorgefallen zu sein. Wir sehen dies beispielsweise, wenn wir die Konflikte in Syrien und Jemen und die gesellschaftliche Reaktion im Westen miteinander vergleichen. Die Bilder, die der Konflikt in Jemen erzeugen mag, werden kaum rezipiert und damit verliert der Konflikt und das Leiden an Relevanz – und vielleicht sogar an Realität.

Wenn wir uns mit Bildfülle beschäftigen wollen, so müssen wir sehen, dass alles in einem nie zuvor dagewesenen Ausmaß daherkommt. Die Tatsache, dass viele Leute jede Mahlzeit, die sie zu sich nehmen, fotografieren und teilen, hat sicherlich einen Einfluss darauf, wie Essen präsentiert wird. Es ändern sich auch die Zutaten oder die Rezepte, aber die Kalorienzahl bleibt vermutlich gleich. Natürlich ist dies ein holpriger Vergleich, aber ich glaube doch, dass sich an der Gewalt selbst durch die Existenz oder Nichtexistenz von Bildern kaum etwas ändert.

Ich habe mich sehr ausgiebig mit islamistischer Propaganda auseinandergesetzt. Es ist sehr interessant zu sehen, dass sich die Propaganda aus dem Umfeld des Islamischen Staates sehr stark von der aus dem al-Qaida-Umfeld unterscheidet. Anders als beim IS, fehlt die Darstellung von Gewalt bei al-Qaida fast vollständig. Keine Enthauptungen oder Erschießungen und fast keine getöteten Kämpfer. Ohne ins Detail zu gehen, hat dies sicherlich kulturelle Gründe, aber ist deswegen al-Qaida weniger brutal? Die Enthauptungen finden auch in diesem Umfeld statt und vermutlich sehen sie ähnlich aus, sie werden aber einfach nicht gefilmt oder die Filme werden nicht Teil der Propaganda.

„Ein gesellschaftlicher Diskurs kann nur stattfinden, wenn auch unbequeme Themen behandelt werden.“

Franca Buss und Philipp Müller: Haben wir denn die Pflicht hinzuschauen oder gibt es gute Gründe, wegzuschauen?

Robert Kahr: Niemand hat die Pflicht, gewalthaltige Bilder anzuschauen. Die Verbreitung von Bildern in Social Media erfolgt ohne Redaktionen oder sonstige Instanzen, die Bilder herausfiltern könnten, die verstörendes oder traumatisierendes Potential haben. Jeder User entscheidet selbst über die Publikation und kann damit, zumindest für eine gewisse Zeit, der Öffentlichkeit alles Mögliche zur Schau stellen. Somit gebietet es schon der Selbstschutz, in manchen Fällen wegzuschauen. Zudem wollen sich manche Gewalttäter durch das Leid ihrer Opfer die Aufmerksamkeit eines möglichst großen Publikums „erkaufen“. Nicht nur, aber vor allem terroristisch motivierte Täter machen sich dieses Kalkül zu nutze. Ihnen die erhoffte Aufmerksamkeit und das damit einhergehende Forum für ihre Propaganda durch ein Wegschauen zu entziehen, kann eine wirksame Maßnahme gegen ihre Gewalt darstellen und zukünftige Taten verhindern. 

Simon Menner: Ein gesellschaftlicher Diskurs kann nur stattfinden, wenn auch unbequeme Themen behandelt werden. Wegschauen ist gefährlich. In gewissem Sinne ist Bildzensur ein staatlich verordnetes Wegsehen.

Es muss sich nicht jeder gleichermaßen mit unbequemen oder verstörenden Themen auseinandersetzen, aber es ist wichtig, dass wir den Zugang zu Themen, Materialien oder Bildern nicht verschließen. Wenn beispielsweise islamistische Propaganda zensiert wird, so wird dies sicherlich einen verbeamteten Lehrer abschrecken. Wieso sollte jemand seine Pension auf Spiel setzen, um im Internet nach solchen Videos zu suchen? Dass es dabei darum geht, die eigenen Schüler aufzuklären, wiegt dies vermutlich nicht auf. Dem Schüler, der mit dem Gedanken spielt, sich rekrutieren zu lassen, sind diese Bedenken vermutlich fremd.

„Ein Bild allein kann ohne Kontext keinen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung eines Sachverhaltes leisten.“

Franca Buss und Philipp Müller: Gewaltbilder rütteln auf, schrecken ab und ziehen an. Sie lassen einen abstumpfen, fordern zu Nachahmungstaten heraus und haben kathartische Wirkung. Was kann man Bildern denn wirklich abverlangen? Wie viel Aufklärungs- oder Informationspotenzial steckt hinter der Affektebene?

Robert Kahr: Die Wirkung eines Bildes ist abhängig von vielen Faktoren. Die Rezeptionssituation beeinflusst die Wirkung stark. Auch die individuelle Motivlage und psychische Verfassung des Rezipierenden sind wichtige Faktoren. Letztlich wird ein Bild allein keinen Menschen zu einer Straftat bewegen. Auch Abstumpfungs- oder Katharsiseffekte sind zweifelhaft. Ein Bild allein kann ohne Kontext zudem keinen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung eines Sachverhaltes leisten.

Trotzdem kann es z.B. Gewalttätern ein wesentliches Ziel sein, gewalthaltige Bilder zu schaffen, um der eigenen Person oder Sache ein Gesicht zu geben. Oftmals legen Täter großen Wert darauf, wie sie wahrgenommen werden. Anders Breivik bastelte sich Phantasieuniformen. Schulamokläufer wollten bestimmte Outfits bei ihren Taten tragen. Nur hiermit wollten sie abgebildet werden und ihren „Fans“ eine Projektionsfläche bieten – ebenso, wie sie sich einst mit ihren Vorbildern identifizieren konnten.

Ob sich somit eines der genannten Potentiale entfaltet, hängt vom Rezipienten und dessen Rezeptionsmotiven ab. Selbst wenn die Masse weitestgehend unberührt bleibt, können einige Wenige hochgradig angesprochen und auf einen destruktiven Weg gebracht werden. Bilder stehen hierbei neben vielen weiteren Faktoren, stellen jedoch für die Entwicklung von Gewaltphantasien wesentliche Bausteine dar.

Simon Menner: Mittlerweile sind Bilder zu einem Teil der Alltagskommunikation geworden und lassen sich in diesem Sinne kaum noch von Schrift und gesprochenem Wort unterscheiden. Es scheint normal, dass mit Worten Wahrheiten und Lügen gleichermaßen verbreitet werden, manchmal sogar simultan. Es irritiert mich etwas, dass wir es noch nicht geschafft haben, Bildern mit einer ähnlichen – vielleicht gesunden – Gleichgültigkeit zu begegnen.

Bürden wir dem Bild nicht vielleicht zu viel auf, indem wir ihm weiterhin eine Sonderstellung zugestehen wollen? Wenn ich das Wort „Apfel“ benutze, dann verlange ich dem Wort „Apfel“ relativ viel ab. Bei näherer Betrachtung handelt das Wort von einer Frucht, dem Handel, dem Kapitalismus, der Gentechnik… Eigentlich viel mehr als man einem einzelnen Wort abverlangen könnte. Stört uns das? Nein. Wieso sollte uns das beim Bild eines Apfels stören?

Nachahmungstaten ahmen übrigens nicht Bilder nach, sondern Taten. Und – das kommt jetzt vielleicht als Schock - abgestumpft wird man, bei übermäßigem Konsum, sogar vom wunderbaren Geschmack von Ahoi-Brause.

„Die bloße Szenerie ist für mich meist weniger belastend als das Wissen um die Schicksale der involvierten Personen.“

Franca Buss und Philipp Müller: Die im Französischen gebräuchliche Redewendung „Je suis medusé“ gibt Zeugnis von einer intensiven Betrachteraffizierung. Seid ihr auch schon mal ‚versteinert‘ worden?

Simon Menner: Anders vielleicht als hier gefragt. Ich kann mich erinnern, dass ich mit 14 eine Biografie von Karl Marx gelesen habe. Darin war ein Foto seiner jüngsten Tochter Eleanor. Auf dem Foto war sie vielleicht in meinem Alter. Vieles daran kam als Schock über mich. Sie starb 90 Jahre vor meiner Geburt und doch hatte ich das Gefühl, dass das Bild mich zurück anschaut. Bilder sind schon eine schöne Sache.

Robert Kahr: Ich habe mich immer gern mit eher düsteren und gewalthaltigen Themen beschäftigt, aber nie die Empathie mit Opfern abgelegt. Hinsichtlich der Szenerien von Gewalt wird man im Internet stets neue Superlative des Grauens finden. Die bloße Szenerie ist für mich dabei meist weniger belastend als das Wissen um die Schicksale der involvierten Personen. Sofern es zu einem solchen Affekt kommt, wird dies bei mir meistens durch Faktoren ausgelöst, die außerhalb des Bildes liegen. Erst wenn ich weiß, wer die Beteiligten sind und was sie dort genau machen, können Bilder eine derartige Wirkung bei mir entfalten. Dabei kann das Abgebildete durchaus profan erscheinen.  

„Wie bei allen potentiell toxischen Substanzen muss jeder Mensch selbst das Maß des Erträglichen für sich festlegen.“

Franca Buss und Philipp Müller: Die französische Kunsttheoretikerin und Philosophin Marie-José Mondzain behauptet, dass die Gefahr des Bildes nicht in der Gewaltdarstellung, sondern in der fehlenden Distanz liege, in der Verschmelzung von Betrachter und Bild. Wie kann eine Distanzierung vom Gezeigten gelingen?

Robert Kahr: Im ersten Moment schlicht durch das Losreißen. Niemand wird wie der Protagonist in Kubricks „Clockwork Orange“ vor einer Leinwand fixiert. Jeder Mensch entscheidet frei über die Dauer seiner Rezeption. Vielmehr sind es meines Erachtens die Neugierde oder die Zeit, die es braucht, das Gesehene mental zu erfassen, die ein Verweilen vor der Szenerie verursachen. Auch kann ein bewusstes Fallenlassen in eine Szenerie die Phantasie des Betrachtenden anregen – soweit, dass man selbst zum Teil des Bildes wird. Schulamokläufer nutzten oft Bilder ihrer Idole, um selbst deren Taten nachzuerleben.

Jeder Mensch hat aber die Möglichkeit, den Blick abzuwenden und auf Distanz zu gehen. Bei der Polizei gibt es besonders geschulte Ermittler, die auch brutalstes Material auswerten müssen, um Ermittlungsansätze zu generieren. Hierfür sind Erfahrung und enge Unterstützung notwendig. Werden Menschen hiermit allein gelassen, drohen schwere psychische Belastungen. Wie das Beispiel der aktuell diskutierten Angestellten von Subunternehmen zeigt, die händisch als „unpassend“ markiertes Material aus Social-Media-Kanälen reviewen müssen, kann auch die Frequenz von Gewaltbildern zu einer Überforderung führen.

Wie bei allen potentiell toxischen Substanzen muss jeder Mensch selbst das Maß des Erträglichen für sich festlegen.

Simon Menner: Vermutlich hat dieser blumige Begriff des „Verschmelzens“ etwas damit zu tun, sich über Bilder mit dem Gezeigten zu identifizieren. Das wäre dann Empathie – die Fähigkeit mit dem Anderen zu fühlen. Wenn uns etwas als Menschen definiert, dann vermutlich das. Aber Empathie hat auch eine zwiespältige Seite. Es ist ja nicht so, dass wir uns mit gezeigtem Leiden stets auf die gleiche Weise verbunden fühlen. Wir sind vielleicht doch Stammeswesen geblieben. Das Bild eines ertrunkenen, erwachsenen Schwarzafrikaners löst andere Reaktionen aus, als die eines ertrunkenen, hellhäutigen Kindes. Die Distanzierung gelingt uns also nur zu gut, es sollte vielleicht eher die Frage sein, wieso dies so leicht ist.

Robert Kahr und Simon Menner haben die Fragen schriftlich beantwortet.

Der Kommunikationswissenschaftler Robert Kahr, der beim LKA Nordrhein-Westfalen tätig ist, beschäftigt sich mit der medialen Inszenierung von Amok- und Terrorbildern. Gemeinsam mit dem Kriminologen Frank Robertz hat er in dem Sammelband „Mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus“ zwölf Empfehlungen für eine verantwortungsbewusste Berichterstattung aufgestellt. Eine ganz andere Herangehensweise an Gewaltbilder hat der zeitgenössische Künstler Simon Menner, der in Berlin tätig ist. Schwerpunkt seiner Arbeiten ist das komplexe Verhältnis zwischen Terrororganisationen und Medienredaktionen.

Franca Buss arbeitet seit Oktober 2017 an ihrer Dissertation über die Auswirkungen aufklärerischer Debatten um den Ort von Erinnerungsstiftung und Jenseitshoffnung in der Grabmalkultur des 18. Jahrhunderts (gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung).

Philipp Müller, momentan Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg, beschäftigt sich seit Oktober 2017 im Rahmen seines Dissertationsprojekts „Gewalt-Bild-Kraft“ mit verschiedenen Wirkungsmöglichkeiten von und Umgangsoptionen mit Gewaltfotos und -videos in der aktuellen Berichterstattung und der zeitgenössischen Kunst.

Tagungsband

Franca Buss und Philipp Müller haben gemeinsam die Tagung „Hin- und Wegsehen. Erscheinungsformen der Gewalt im Wechselverhältnis von Bild und Betrachter“ konzipiert und organisiert. Der Tagungsband wird voraussichtlich noch 2019 in der Publikationsreihe „Imaginarien der Kraft“ der gleichnamigen DFG-Kolleg-Forschungsgruppe (ab 01.März 2019 in Hamburg) erscheinen.

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