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Dantes Höllengesichter

Torsion, Defiguration und Entstellung in Dantes "Inferno" und in ausgewählten Bildgattungen (14.-21. Jahrhundert)

EPISODE 2 | Gesicht und Memoria - Die Ausformulierung des Individuellen

Dante war davon überzeugt, dass die Sünderinnen und Sünder ihr wahres Gesicht schließlich in der Hölle offenbaren. Erst im ewigen Inferno vollendet sich die Deutung der einzelnen Personen. Dante vertritt damit in den Gesängen über die Hölle innerhalb seiner Göttlichen Kommödie eine allegorische Auffassung vom Gesicht, die den Beginn einer individuellen Ausgestaltung der Physiognomien mit sich führt. Die Komparatistin und Germanistin PD Dr. Mona Körte stellt diese Ausformulierung des Individuellen insbesondere anhand von Dantes eindringlichen Beschreibungen der verzerrten, verdrehten und insgesamt defigurierten Köpfen und Körpern der Sünderinnen und Sünder fest.

Forschungsprojekt
Im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens von PD Dr. Mona Körte steht die Darstellungsweise toter Seelen in der sich um Dante Alighieris »Commedia« formierenden Bildgeschichte. Ausgangspunkt für die text- und bildwissenschaftliche Untersuchung ist die These, dass Dantes Gedicht als eine Art Schwellenkunde zwischen Mittelalter und Neuzeit gelesen werden kann und an der Wende von einer scholastisch-christlich geprägten Kultur der Person zu einer Kultur der Selbstentdeckung der Menschen steht. Mit der allmählichen Facettierung des Individuellen wuchsen die Ansprüche an das Gesicht, das in der Literatur- und Kunstgeschichte zunehmend die Aufgabe einer privilegierten Ausdrucksinstanz des menschlichen Körpers übernahm. In der »Commedia«, die eine Zusammenfassung theologischen, kosmologischen und ästhetisch-poetologischen Wissens zu sein beansprucht, entwickelten Dante und die sich mit ihm auseinandersetzenden Künstler Ansätze zu einer »Kultur der Person«, innerhalb derer das Bild des Menschen gerade mithilfe von Schaustellungen und Torsionen expandiert. Über die gewaltsam gewendeten Figuren stellt sich die Frage, wie Gesicht und Fiktion bzw. Gesicht und Visualisierung einander bedingen.

Obwohl sich insbesondere Dantes »Inferno« in seiner sprichwörtlich bildhaften Plastizität wesentlich auf den physischen Ausdruck der Sünder richtet, gibt es bislang keine Studie, die das Gesicht als Index der von Dante so drastisch beschworenen orribil arte (»Kunst des Schreckens«) in den Blick nimmt. Dr. Körte möchte in ihrem geplanten Vorhaben herausarbeiten, inwiefern das Gesicht in der »Commedia«, in frühen Buchillustrationen und in Sandro Botticellis Commedia-Zyklus in einer für das Mittelalter maßgeblich geltenden allegorischen Darstellungsform aufscheint und zum Bedeutungsträger einer anderen, verkehrten Ordnung wurde.

Ziel des Vorhabens ist eine Monographie, die in enger Verschränkung mit dem Text der »Commedia« das kommentierende und transformierende Potential der (erzählenden) Zyklen von Sandro Botticelli, Gustave Doré und Salvador Dalí für das Gesicht post mortem und die Vollzugsweisen der Entstellung auslotet. Darüber hinaus möchte Dr. Körte auch spätere Formen der Auseinandersetzung mit Dante wie die Laterna Magica nach Motiven Dorés, Stummfilme, Dante-Comics und Graphic Novels in den Blick nehmen.

Projektleitung:

Dr. Körte

Ort:

Berlin

Kommentar

von Magister Michael Schröder | 04.03.2017 | 10:17 Uhr
Toll! Hegel benutzt den Begriff des Schattens ebenfalls in seiner Philosophie, als "aufgehobener Dieser". Und Dante zitiert er zu Beginn seiner Geistphilosophie, - lass alle Hoffnung fahren! - Habe ich meinen Kindern sofort gezeigt und freue mich auf die Fortsetzung!

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