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Georgios Chatzoudis | 08.02.2012 | 3437 Aufrufe | Interviews

Geschichte als Dienstleistung

Interview mit Jan H. Sachers

Jan H. Sachers hat das Fach Geschichte zu seinem Beruf gemacht - aber anders als andere. Der studierte Historiker hat sich selbständig gemacht und bietet Geschichte als Dienstleistung an. Wir wollten von ihm wissen, was er genau macht, ob sich das tatsächlich rechnet und welche Perspektiven er für das Fach Geschichte im digitalen Zeitalter sieht.

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Jan H. Sachers am Arbeitsplatz

"Professionelle Historiker sollten sich stärker im Netz engagieren"

L.I.S.A.: Herr Sachers, das Interesse an Geschichte ist groß, Geschichtsthemen werden seit jeher popularisiert – ob in Romanen, TV-Produktionen oder auch in Spielfilmen. Wie steht es um die Darstellung von Geschichte im Internet?

Sachers: Es gibt hervorragend recherchierte und gut gemachte Romane, TV-Produktionen und Spielfilme, aber es gibt eben auch schlampige, triviale, unkritische, unreflektierte oder schlicht falsche Darstellungen. Genauso ist es im Internet auch. Natürlich wird Geschichte da oft auch popularisiert, doch das finde ich erst einmal gar nicht weiter schlimm. Die Frage ist eben immer, auf welche Weise das geschieht.

 

Ich finde es sehr begrüßenswert, dass Geschichte im Internet überhaupt stattfindet, und dass es nicht nur öffentliche Einrichtungen sind, die sich hier präsentieren, sondern auch interessierte und oftmals auf ihrem Gebiet äußerst kundige Laien, etwa Heimatforscher oder Darsteller aus dem Bereich living history. Das Angebot ist breit und vielfältig, und es wächst ständig weiter. Das ist gut so, aber natürlich wird es dadurch auch immer schwieriger, sich einen Überblick zu verschaffen. Filme oder Romane dienen der Unterhaltung, nicht der historischen Bildung, doch diese Trennung ist bei Internet-Seiten nicht immer so offensichtlich, seriöse von weniger seriösen Seiten zu unterscheiden ist nicht immer einfach, und da sehe ich durchaus Gefahren, für die ich aber ad hoc auch keine Abhilfe nennen könnte

 

Für „meine“ Zeit, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit, sind unseriöse, trivialisierende oder falsche Darstellungen in erster Linie ärgerlich. Viele Menschen sehen Filme wie „King Arthur“ oder „Kingdom of Heaven“ und glauben dann, so sei das „damals“ gewesen. Dann hat man seine liebe Mühe, zu erklären, dass es „so“ wahrscheinlich nicht gewesen ist, dass die Quellen eine andere Sprache sprechen, dass wir nur interpretieren und versuchen können, den tatsächlichen Umständen und Begebenheiten in unserer Deutung so nahe wie möglich zu kommen.

 

Im Bereich der Zeitgeschichte hingegen, wenn es um Themen geht, die mitunter sehr stark ideologisch oder auch emotional aufgeladen sind, wie etwa das Dritte Reich, können solche unkritischen oder bewusst verfälschenden Darstellungen natürlich fatale Auswirkungen haben. Deswegen aber das Medium Internet generell zu verdammen und als unseriös, unwissenschaftlich oder trivial zu verurteilen, halte ich jedoch für falsch. Stattdessen bin ich der Ansicht, dass sich professionelle Geschichtsforscher hier viel stärker einbringen sollten – nicht mit dem Versuch, eine Deutungshoheit zu beanspruchen, sondern um die Darstellung von Geschichte im Internet um wichtige Facetten zu bereichern. Das sollte auch im eigenen Interesse sein, will man in der öffentlichen Wahrnehmung präsent bleiben und dem Vorwurf der Abgehobenheit im wissenschaftlichen Elfenbeinturm begegnen.

 

Ende 2011 wurde eine Studie zur Anzahl von Geschichts-Blogs und bloggenden Historikern/Historikerinnen im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. Es waren sehr, sehr wenige! Ich bekenne mich schuldig, auch mein Vorhaben, die Website von HistoFakt um ein Blog zu erweitern, liegt seit Monaten auf Eis, weil ich einfach nicht dazu komme. Aber auch Archive, Museen und andere Institutionen sind nach meinem Dafürhalten viel zu wenig im Web und zum Beispiel in sozialen Netzwerken vertreten. Da gibt es löbliche Ausnahmen, aber offenbar auch viele Berührungsängste und Vorbehalte. In dieser Hinsicht kann ich nur auf die Situation in Großbritannien und den USA verweisen, wo der Umgang öffentlicher Institutionen mit Internet und social media viel unverkrampfter und eigentlich schon selbstverständlich ist.

 

Es gehört sicherlich ein gewisser Mut dazu, sich einer solchen Diskussion zu stellen, sich unter Umständen auch legitimieren zu müssen, aber für meine Begriffe kann das der Geschichtswissenschaft und ihrem Bild in der Gesellschaft letztlich nur nützen. Ich bin überzeugt, dass „populäre“ und „wissenschaftliche“ Geschichte sehr gut koexistieren und kooperieren, sich auch gegenseitig befruchten können. Dafür bietet sich das Internet geradezu an.

"Das Internet kann ein Ort wissenschaftlicher Auseinandersetzung sein"

L.I.S.A.: Kann das Internet mehr sein als eine weitere Abspielplattform für die Popularisierung von Geschichte? Bietet sich das Netz auch für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Geschichte an? Welche Erfahrungen machen Sie mit Ihrer Arbeit?

Sachers: Es gibt ja bereits gute Ansätze und Projekte, das Internet für historische Forschungen zu nutzen, auch unter Stichworten wie cloud computing, crowdsourcing etc. Da entstehen zum Beispiel Datenbanken und Materialsammlungen, da bieten sich auch ganz neue Möglichkeiten, eine interessierte Öffentlichkeit ganz konkret zum Beispiel in die Erfassung, Digitalisierung und Auswertung von Beständen einzubinden. Zur Darstellung und Vermittlung von Forschung und Wissenschaft, zum Austausch von Informationen, Meinungen und Gedanken, sowohl innerhalb der internationalen Historikergemeinde als auch nach außen, für den Zugang zu Quellen und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen oder auch -projekten ist das Internet hervorragend geeignet. Mit Verlinkungen, der Einbindung von Bildern, Videos, Audiodateien, dem unmittelbaren Zugriff auf digitalisierte Quellen und vielem mehr bietet das Internet oder genauer das World Wide Web Möglichkeiten der Interaktion und der individualisierten Erfahrung, die andere Medien nicht leisten können. Hinzu kommen Diskussionen, die aktive Beteiligung, der unmittelbare Informations- und Erfahrungsaustausch, wenn Sie an Foren oder Kommentarfunktionen auf Blogs und anderen Seiten denken. 


Das Internet kann vieles zugleich sein – Bibliothek, Archiv, Museum, Diskussionsraum, vielleicht sogar Klassenzimmer und Hörsaal. Doch wenn es mehr sein soll als eine „Abspielplattform für die Popularisierung von Geschichte“, wie Sie sagen, dann müssen die entsprechenden Inhalte bereit gestellt werden. Das heißt zum Beispiel, Archivmaterial, Handschriftenbestände, Kunstwerke, der gesamte Bereich der historischen Quellen in öffentlicher Hand müsste frei und öffentlich zugänglich gemacht werden – da hinkt Deutschland im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder den USA noch deutlich hinterher. Die Ergebnisse von mit öffentlichen Geldern finanzierter Forschung gehören meiner Ansicht nach ebenfalls ins Internet, wie auch immer man sie dann im Einzelnen zugänglich macht, darüber gibt es ja momentan durchaus eine Debatte.

 

Der unmittelbare Vergleich von Forschungsergebnissen, der Austausch mit Kollegen aus aller Welt, auch öffentliche Wahrnehmung und Diskussion sind nirgends so einfach zu realisieren wie im Internet. Doch die Voraussetzung dafür, dieses Medium zu einem Ort wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Geschichte zu machen, sind der Wille und das Engagement der Beteiligten, der Institutionen wie Archive, Museen, Bibliotheken oder Fakultäten ebenso wie des einzelnen Historikers oder der Historikerin. Und letztlich natürlich auch der politische Wille, die Bereitschaft entsprechender Stellen, solche Maßnahmen zu finanzieren. die Entwicklung und Bereitstellung der erforderlichen Infrastruktur zu fördern.

 

In meiner persönlichen Erfahrungen ist das Internet zunächst einmal ein Segen, ohne den ich gar nicht wüsste, was ich anfangen sollte. Internetanwendungen umfassen ja etwa auch E-Mails, über die ein Großteil meiner gesamten Kommunikation abläuft, oder zum Beispiel Chat-Programme wie Skype. Die ermöglichen es mir, mit Kollegen irgendwo in Deutschland, aber auch in England, in Norwegen in Kontakt zu bleiben, schnell Informationen oder auch Dokumente auszutauschen etc. Ich schätze auch das WWW und das sogenannte Web2.0 sehr, um mich zu vernetzen, zu informieren, mich an Diskussionen zu beteiligen, mal schnell etwas nachzuschlagen und vieles mehr.
Was das eigentliche wissenschaftliche Arbeiten betrifft, so sehe ich Licht und Schatten, ein ungeheures Potential, wie angedeutet, aber auch die derzeitigen Defizite. Wir stehen sicherlich erst am Anfang, und die Entwicklung scheint noch recht langsam voran zu gehen. Ich schätze zum Beispiel den Online-Zugriff auf bestimmte Archivbestände, der vieles erleichtern kann, aber der Umfang ist eben noch sehr begrenzt und das Verfahren nicht immer sehr benutzerfreundlich. Aber immerhin gibt es Fortschritte. Vor zwei oder drei Jahren wollte ich mal eine Akte einsehen, aber sie war online nicht verfügbar. Also schrieb ich eine E-Mail an das betreffende Archiv, erhielt aber keine Antwort. Bei meinem Anruf verwies man mich auf die Website, wo sich ein Formular herunterladen ließ, das ich ausdrucken, von Hand ausfüllen und per Fax zurück schicken musste, um zwei Wochen später eine Fotokopie der Akte zusammen mit einer Rechnung über Bearbeitungsgebühr und Porto zugeschickt zu bekommen. Wie viel einfacher, schneller und kostengünstiger wäre es für alle Beteiligten gewesen, hätte ich gleich am Bildschirm erkennen können, dass das Dokument nicht die erhofften Informationen enthielt!

 

In meinem beruflichen Alltag ist das Internet daher eher Kommunikationsmittel als wissenschaftliches Arbeitsinstrument. Es wird die gedruckten Bücher und Zeitschriften, die Arbeit in Bibliotheken, Archiven und Museen nicht so bald ersetzen, aber zunehmend ergänzen. Vielleicht entstehen dabei auch ganz neue Formen wissenschaftlichen (Zusammen-) Arbeitens, die ich mir heute noch gar nicht vorstellen kann. Die Voraussetzung wird aber sein, dass Historiker jedweder Couleur, Institutionen und letztlich jede/r, der/die mit Geschichte zu tun oder ein Interesse an ihr hat, sich bei diesem Prozess einbringen, dass das Thema „Geschichte und Internet“ öffentlich und breitflächig diskutiert wird und dass das Angebot vielfältig, ansprechend sowie für alle frei und offen zugänglich sein wird.

"Steigender Bedarf an historiographischen Dienstleistungen"

L.I.S.A.: Sie haben Geschichte studiert und sich nach dem Studium selbständig gemacht. „HistoFakt. Historische Dienstleistungen“ heißt Ihr Unternehmen. Was genau bieten Sie als Historiker an? Wer interessiert sich dafür? Welche Dienstleistungen sind besonders gefragt?

Sachers: Korrekt müsste es wohl „historiographische Dienstleistungen“ heißen, aber das erschien mir zu lang und zu kompliziert. HistoFakt bietet im Wesentlichen all das, was man als „Grundlagenarbeit“ der Geschichtsschreibung bezeichnen könnte: Wir machen etwa historische Quellen ausfindig, transkribieren und übersetzen sie, übersetzen auch aktuelle Forschungsliteratur oder populärwissenschaftliche Werke zur Geschichte, und lektorieren darüber hinaus so ziemlich alles vom Kinderbuch über die Hausarbeit im Geschichtsstudium bis zur Habilitationsschrift.
Zudem verfassen wir im Auftrag Artikel, Buchbeiträge oder auch ganze Monographien zu historischen Themen. Ich selbst schreibe zum Beispiel regelmäßig für die populärwissenschaftliche Zeitschrift „Karfunkel“, habe ein Buch über das Schriftwesen im Mittelalter verfasst (Die Schreibwerkstatt. Schrift und Schreiben im Mittelalter, Zirndorf: G&S-Verlag 2008) und ein weiteres über mittelalterlichen Schwertkampf aus dem Englischen übersetzt. Meine Schwerpunkte sind die Kultur-, Handwerks- und Militärgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, aber das Netzwerk von HistoFakt umfasst auch Experten für andere Themenbereiche und Epochen. 


Da ich ein ausgesprochenes Faible für Buchgestaltung habe und mich in diesem Bereich auch recht gut auskenne, biete ich außerdem Satz und Layout für Publikationen aller Art zu historischen Themen an. Zu meiner Überraschung hat sich das zu dem Bereich entwickelt, der inzwischen am meisten nachgefragt wird – viele wissenschaftliche Verlage überlassen diese Arbeit heute ihren Autoren, die damit oft überfordert sind und sich daher gerne professionelle Unterstützung holen. Da bin ich natürlich gerne behilflich, und die Auftraggeber profitieren nicht zuletzt davon, hier zum Beispiel Gestaltung sowie sprachliches und fachliches Lektorat aus einer Hand zu bekommen.


Die Dienstleistungen von HistoFakt richten sich also in erste Linie an Verlage, Redaktionen und Autorinnen oder Autoren, die sich in irgendeiner Form mit historischen Themen befassen. Grundsätzlich ist unser Angebot nicht auf den Bereich Print beschränkt, aber von dort kommen dennoch die meisten Anfragen und Aufträge. Für Fachkollegen übernehmen wir mitunter die Rolle einer wissenschaftlichen Hilfskraft, unterstützen aber auch gerne Hobbyhistoriker, Heimatforscher, living history-Darsteller und andere geschichtlich interessierte Laien.

 

In jüngster Zeit registriere ich eine steigende Zahl von Anfragen nach der Entzifferung und Übersetzung alter Urkunden, Briefe und dergleichen, sowohl von Privatpersonen wie von Archiven. Diese Fertigkeiten scheinen verloren zu gehen, historische Hilfswissenschaften werden vielerorts kaum noch gelehrt, auch Kenntnisse in Latein oder Mittelhochdeutsch sind selbst bei Mediävisten heute nicht mehr selbstverständlich. Ich bin sicher, dass der Bedarf an solchen „historiographischen Dienstleistungen“ in Zukunft noch steigen wird.

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Homepage von HistoFakt

"In Deutschland entsteht jetzt erst ein Markt für freischaffende Historiker"

L.I.S.A.: Wie kamen Sie auf die Idee, sich als Historiker selbständig zu machen? Was waren die Gründe dafür?

Sachers: Ich liebe Geschichte, doch im Verlauf meines Studiums wurde mir klar, dass das akademische Umfeld auf Dauer nicht das richtige für mich sein würde. Damals hatte ich, wohl auch unter dem Eindruck erster Erfahrungen mit der entstehenden „living history“-Bewegung, vage Ideen, einmal „irgend etwas“ im Bereich der Darstellung und Vermittlung von Geschichte zu machen. Ich dachte oft, „man müsste mal…“ oder „da könnte man doch …“, aber über dieses Stadium ging es damals noch nicht hinaus, wenn man davon absieht, dass ich erste kleine Beiträge veröffentlichte.

 

Nach dem Magisterabschluss war ich dann eineinhalb Jahre lang in einem privaten Unternehmen mit der Analyse aktueller politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen vornehmlich in Krisenregionen befasst. Das war spannend, aber wiederum nicht das Umfeld, in dem ich mich auf Dauer wohl gefühlt hätte. Als diese Firma dann, für mich überraschend, aufgelöst wurde, fand ich mich auf dem Arbeitsamt wieder. Dort hatte ich ein langes Gespräch mit einem sehr verständnisvollen Berater, der letztlich den Ausschlag gab, es mit Selbständigkeit zu versuchen. Dafür gab es Fördergelder, die mir über die ersten beiden Jahre geholfen haben, und dank harter Arbeit, guter Kontakte und wohl auch einem Quentchen Glück ist HistoFakt seither stetig gewachsen.


Ich kann also nicht behaupten, dass es ein lang gehegter Wunsch oder gar ein Traum von Selbstverwirklichung gewesen sei, mich ausgerechnet als Historiker selbständig zu machen. Nach inzwischen mehr als fünf Jahren würde ich zwar sagen, es war die absolut richtige Entscheidung, und ich kann mir kaum noch etwas anders vorstellen. Dennoch kann ich diesen Schritt nicht unbedingt als Karriereweg empfehlen. Jede Form der Selbständigkeit ist mit großer Unsicherheit und gewissen Risiken verbunden, man benötigt Kompromissbereitschaft, Durchsetzungsvermögen und auch einen Hang zur Selbstausbeutung.

 

Meine Ausbildung zum Buchhändler war sicherlich hilfreich, was die kaufmännischen Aspekte betrifft, aber darüber hinaus benötigt man weitere Fähigkeiten, die man entweder mitbringen oder sich selbst aneignen muss, die kann man kaum gelehrt bekommen. Die wichtigsten sind wahrscheinlich Disziplin, Selbstmotivation und Durchhaltevermögen, hinzu kommen Kommunikationstalent, Verhandlungsgeschick, Selbstvermarktung etc.

 

Die gute Nachricht für alle, die mit dem Gedanken spielen, sich als Historiker selbständig zu machen: man wächst an seinen Aufgaben. Auch ich bin nicht unbedingt mit all den genannten Eigenschaften gesegnet, aber wenn man von der eigenen Idee überzeugt ist, dann hat man auch die Bereitschaft, sich dafür krumm zu machen und über den eigenen Schatten zu springen. Man lernt, auch aus Fehlschlägen, und wird immer besser in dem, was einem das Fachstudium nicht vermitteln, was aber letztlich entscheidend für Erfolg oder Misserfolg sein kann. Das ist der gesamte betriebswirtschaftliche Bereich, der Umgang mit Kunden oder Auftraggebern, Kontaktpflege, public relations und dergleichen. Es nützt ja nichts, wenn man ein tolles Konzept hat und gute Arbeit zu leisten im Stande ist, aber niemand etwas davon weiß.

 

Als freischaffender Historiker agiert man in einem Markt, der zumindest in Deutschland gerade erst im Entstehen begriffen ist, beziehungsweise der von den Akteuren selbst geschaffen wird. Das ist nicht immer einfach, man braucht Geduld und mitunter eine hohe Toleranzschwelle, es ist aber auch unglaublich spannend, eine tolle Herausforderung, die viel Kreativität freisetzt und unzählige Möglichkeiten der Entfaltung und, ja, Selbstverwirklichung bietet. Das ist auf jeden Fall der Grund, warum ich heute nichts anderes mehr sein möchte.

"Es prallen unterschiedliche Geschichtsbilder aufeinander"

L.I.S.A.: Sie schreiben auf Ihrer Homepage, Ziel von HistoFakt ist es, Menschen und Geschichte zusammenzubringen. Was genau meinen Sie damit?

Sachers: Während meines Studiums an der Universität Bielefeld gelangte ich zu der Ansicht, dass die aktuellen Entwicklungen und Tendenzen in der Geschichtswissenschaft für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar sind. Da geht es um Theorien, Konzepte und Diskurse oder um mitunter mikroskopisch kleine Teilaspekte historischer Phänomene, da gibt es intellektuelle Debatten auf sehr hohem Niveau – aber das alles findet weitgehend hinter verschlossenen Türen statt, findet kaum Widerhall in der öffentlichen Wahrnehmung und Berichterstattung, und ist auch recht weit von der Erfahrungswelt der meisten Menschen entfernt.

 

Zugleich besteht aber durchaus ein großes, auch wachsendes öffentliches Interesse an Geschichte, wie man etwa an den konstant hohen Verkaufszahlen historischer (oder historisierender) Romane, den Erfolgen entsprechender Kinofilme oder auch der Popularität von Mittelaltermärkten, Ausstellungen und „living history“-Veranstaltungen ablesen kann. Das ist ein Interesse an fremden Kulturen, auch an der eigenen Vergangenheit, den Wurzeln unserer heutigen Kultur und Gesellschaft, heutigen Konflikten, vielleicht sogar eine Form der Suche nach der eigenen Identität im Sinne einer historischen Positionsbestimmung, geleitet von Fragen wie „was sind wir, und wie sind wir geworden, was wir sind?“. Vor allen Dingen aber ist es ein Interesse an den Lebenswelten anderer Menschen, an ihren Daseinsbedingungen und Erfahrungen, und weniger an den Vorstellungen, Theorien oder Begriffen, die wir von diesen vergangenen Zeiten entwickeln mögen.


Dieses Interesse, dieser Bedarf an Informationen wird heute vornehmlich durch populärwissenschaftliche Publikationen, Fernsehsendungen, selbst ernannte Experten und nicht zuletzt auch das Internet gedeckt. Allerdings ist das, was diese Medien anbieten, vorsichtig ausgedrückt, nicht immer auf dem aktuellsten Stand der Forschung. Vieles wird vereinfacht, trivialisiert, romantisiert, oft fehlt die nötige Distanz zu den zeitgenössischen Quellen, überkommene Ansichten und Fehlinterpretationen werden unreflektiert übernommen und weiter tradiert.

 

„Populär“ ist daher für viele Kollegen gleichbedeutend mit „trivial“, und mitunter haben sie damit leider sogar recht. Umgekehrt sind Historiker für viele Menschen eingebildete, weltfremde Bücherwürmer im Elfenbeinturm, die in hochtrabenden Begriffen schwadronieren können, aber nichts von dem vermitteln, wie es „damals“ gewesen sein könnte.

 

Kurz gesagt, da prallen zwei Welten aufeinander, und auch unterschiedliche Geschichtsbilder, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen. Wenn ich also sage, ich will „Geschichte zu den Menschen bringen und die Menschen zur Geschichte“, dann bedeutet das, ich will den Versuch unternehmen, diese beiden Welten einander näher zu bringen. Ich schreibe zum Beispiel sehr gerne für ein interessiertes, wissbegieriges Laienpublikum, verfüge aber als ausgebildeter Historiker über das nötige Handwerkszeug, um das auf eine kritische und nicht triviale, aber dennoch – wie ich meine – verständliche Weise zu tun. Zugleich habe ich Verständnis für das, was viele Kollegen an den Universitäten und in Forschungseinrichtungen leisten, und kann vielleicht dazu beitragen, die Bedeutung dieser Arbeit in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Geschichte ist wichtig, daher muss sie Thema der Gesellschaft sein, nicht nur der Studierzimmer und auch nicht nur der „Freaks“. Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.

Jan H. Sachers hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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