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Georgios Chatzoudis | 05.04.2016 | 1116 Aufrufe | Interviews

"Einheitspolitik rückt die Schuldfrage in den Hintergrund"

Interview mit Erika Dahlmanns zum Genozid in Ruanda

In Ruanda jährt sich morgen der Beginn des Völkermords. Vom 6. April bis Mitte Juli 1994 töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit bis zu geschätzt eine Million Mitglieder der Tutsi-Minderheit sowie gemäßigte Hutu. Seither steht die ruandische Gesellschaft vor der Herausforderung, den Genozid aufzuarbeiten, ohne auseinanderzubrechen. Die Regierung baut dabei auf die Schaffung einer neuen Einheit. Die Ethnologin Erika Dahlmanns forscht über die ruandische Einheitspolitik und nimmt die unterschiedlichen Strategien zur Neugestaltung von Gemeinschaft in den Blick. Wir wollten von ihr unter anderem wissen, worauf beruft sich die Regierung zur Beförderung eines neuen nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls, welche Rolle dabei der Rückgriff auf Traditionen spielt und welche Bedeutung der kolonialen Vergangenheit zukommt.

Google Maps

"Rückbesinnung auf eine ruandische Identität und Tradition"

L.I.S.A.: Frau Dahlmanns, am 6. April 1994 begann in Ruanda der Genozid an der Volksgruppe der Tutsi. Sie forschen im Rahmen Ihres Dissertationsprojekts zu Ruanda und stellen darin die Frage, wie nach der traumatischen Erfahrung des Völkermords Gemeinschaft in Ruanda neu gestaltet werden kann. Ist das nach so kurzer Zeit denn überhaupt möglich? Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Ruanda ein?

Dahlmanns: Die Frage, wie nach der Erfahrung des Genozids Gemeinschaft neu gestaltet werden kann, lässt sich ohne die hierzu vor Ort kursierenden Vorstellungen kaum sinnvoll beantworten. In Ruanda entstehen seit dem Ende des Genozids visionäre Bilder einer neuen Gemeinschaft und ihrer Neugestaltung, die an sich bereits als eine Form des Umgangs mit der belastenden und bis heute umstrittenen Vergangenheit begriffen werden können. In der Regierungspolitik, in Alltagserzählungen und auch in der Kunst sind diese eng mit Geschichtsbildern verbunden, die Erklärungen für Missstände in der Vergangenheit anbieten. Unter Rekurs auf die aus der Geschichte gezogenen Lehren richten sie sich auf die Zukunft und begründen Gestaltungsvisionen, die vor Ort ihre eigene Wirkungsmacht entfalten. Diese Bilder sind Teil der gesellschaftlich bedeutsamen Inszenierung der Überwindung des Genozids und der Neugestaltung von Gemeinschaft, ohne dass sie eindeutig etwas darüber aussagen könnten, wie es um den Gemeinschaftssinn 22 Jahre nach dem Ende des Genozids tatsächlich steht.

Auffälligerweise orientieren sich diese Bilder einerseits an glorifizierenden Vorstellungen eines heroischen Zeitalters des vorkolonialen Königreichs und an alten Mythen, die die Stärke der Ruander als Gemeinschaft beschwören. Andererseits beinhalten sie zugleich moderne Entwicklungsvisionen, die zur Gestaltung einer besseren Zukunft die Leistung des Einzelnen einfordern. Die Auseinandersetzung mit dem Genozid verbindet sich in Ruanda heute insbesondere seitens der Regierung mit einer Rhetorik des Kampfes gegen Ansichten, die die Gemeinschaft zu spalten und die neue politische Ordnung der RPF (Rwandan Patriotic Front) zu delegitimieren drohen. Zugleich ist sie mit der Forderung nach der Rückbesinnung auf eine ruandische Identität und Tradition verbunden, deren Bilder neu entworfen werden.

Im nationalen Entwicklungsprogramm Itorero ry´Igihugu (Die Truppe der Nation), das 2012 landesweit eingeführt wurde, werden etwa vorkoloniale kriegerische Traditionen als Mittel zur Verwirklichung eines „neuen Ruandas“ und zur Moralisierung der Ruander wiederentdeckt und im Sinne einer Friedens- und Entwicklungskultur neu erfunden. Die Figur des Intore-Kriegers, welche früher auserwählte Tutsi-Elitekrieger am Hofe waren, wird hier zum Idealbild des neuen Menschen erhoben. Dies mag uns vor dem Hintergrund deutscher Geschichtserfahrung befremdlich erscheinen, muss aber im Kontext einer anderen Historie in Ruanda verstanden werden. In diesem Programm, das die gesamte Bevölkerung einbinden soll und eigene Strukturen parallel zu denen des Staates errichtet, steht die Figur des Intore-Kriegers für einen als anti-kolonialistisch interpretierten Kampf für eine bessere, friedvolle Zukunft und die Überwindung einer genozidalen Ideologie, deren Wurzeln in der Kolonialzeit gesehen werden.

Infamie d´une Peuple von Epa Binamungu

"Erzählungen, die Identitätsbilder, Normen und Zukunftsvorstellungen hervorbringen"

L.I.S.A.: In Ihrer Arbeit, die demnächst erscheinen wird, beschreiben Sie den Prozess der Neugestaltung von Gemeinschaft im Rahmen von „kultureller Dynamik“ und „politischer Fiktion“. Was genau meint das?

Dahlmanns: Gemeint sind damit kulturelle Ausdrucksformen wie Erzählungen und Symboliken, die Vorstellungen von Gemeinschaft und ihrer Neugestaltung vermitteln, hervorbringen oder auch verändern können: Erzählungen beispielsweise, die der Vergangenheit Sinn verleihen, die Identitätsbilder, Normen und Zukunftsvorstellungen hervorbringen. Diese Vorstellungsbilder können als politische Fiktionen begriffen werden, die in Prozessen der Vergangenheitsbewältigung bedeutsam sind, weil sie die neue Gesellschaftsordnung mitbegründen. Sie zeigen sich in politischen Reden, an Nationalfeiertagen ebenso wie in Theaterstücken zum Thema nationaler Versöhnung und in politischen Liedern, die im Rahmen von Regierungsprogrammen und von Häftlingschören gesungen werden. Diese Fiktionen entfalten ihre Wirkungsmacht gerade in Bereichen, die ohnehin kulturellen Konstruktionsprozessen unterliegen wie die kollektive Erinnerung und Identität, die durch Symbolisierungen und Repräsentation erst hervorgebracht und aufrechterhalten werden. Die dynamische Arbeit an solchen Entwürfen gesellschaftlicher Ordnung nach dem Genozid nimmt in Ruanda spezifische Formen an, die wenig untersucht wurden.

Dynamik des Wiederaufbaus, Werk des Malers Cyprien (o.A.)

"Rückgriff auf mythische Bilder einer Verwandtschaft von Hutu und Tutsi"

L.I.S.A.: Auf welche Vorstellungsbilder sowie kulturelle Ausdrucksformen und Praktiken wird konkret zurückgegriffen, um ein neues Gemeinschaftsbild zu stiften? Haben Sie ein oder zwei Beispiele für uns?

Dahlmanns: Es sind vor allem mythische Bilder einer moralischen, starken und einheitsstiftenden Kultur sowie Bilder einer ursprünglichen Verwandtschaft, die in der Regierungspolitik aber auch in der Kunst herangezogen werden. Diese teils sehr alten Bilder haben im Laufe der Geschichte Neudeutungen erfahren. Der Intore-Krieger, der im Itorero-Programm zum Sinnbild eines neuen Ruanders und einer nationalen Gemeinschaft der Intore, der Auserwählten, wird, ist nur ein Beispiel. Der Tanz der Intore wurde im Laufe der Geschichte von einer höfischen Tradition der Tutsi zu einem geteilten Kulturgut, das der Repräsentation der Nation auch in den Hutu-Republiken diente und heute als identitätsstiftender Referenzpunkt einer neuen Gemeinschaft dienen soll.

Parade der Intore im Itorero-Programm

In Theater und Film wird die nationale Einheit oft im Rückgriff auf mythische Bilder einer Verwandtschaft von Hutu und Tutsi thematisiert, die an Gründungserzählungen des Königreichs erinnern. Darin sprach man von den ungleichen Brüdern Hutu, Tutsi und Twa, den Söhnen des mythischen Urvaters der Ruander namens Gihanga. Während die alten Mythen eine soziale Hierarchie mit Tutsi an der Spitze begründeten, betont man heute die gemeinsame Abstammung der „Kinder Gihangas“ im Sinne der Gemeinschaftsbildung. Das in Theater und Film beliebte Motiv der verbotenen Liebe und Intermariage, der Heirat zwischen Hutu und Tutsi, verdeutlicht ebenfalls die Bedeutung der Verwandtschaftssymbolik in Thematisierungen von Fragen der nationalen Einheit und Versöhnung. In der Kolonialzeit wurde dieses Motiv erstmals im Theater genutzt, um eine Kritik zur sozialen Ungleichheit von Hutu und Tutsi und eine Vision nationaler Einheit zu formulieren. In solchen Geschichten um eine Widerstände überwindende Liebe werden heute die Herausforderungen der Vergangenheitsbewältigung und die stereotypen Bilder von Hutu und Tutsi reflektiert. Dabei kommen nicht nur Vorstellungen zur Überwindung der Spannungen, sondern auch die Idee einer biologischen, endgültigen Auflösung der Differenz von Hutu und Tutsi durch die gemeinsamen Nachkommen zum Ausdruck. Ein von Häftlingen verfasstes Theaterstück zur Frage der nationalen Versöhnung mit dem Titel „The Unity of Gihangas Children“ schließt an die mythische Idee einer gemeinsamen Abstammung an, die – ebenso wie die Bilder der Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi – bis heute lebendig ist.

"Forderung nach der Rückkehr zu einer Ursprungskultur"

L.I.S.A.: Wie wird die jüngste Vergangenheit, insbesondere die genozidale Gewalt, gegenwärtig reflektiert? Wird diese bereits kanonisiert und als unveränderlich beschrieben oder ist sie Wandlungen und Veränderungen des kollektiven Gedächtnisses unterworfen?

Dahlmanns: Im öffentlichen Raum ist die Erinnerung an den Genozid meist eng mit dem Geschichtsbild der Regierung verbunden, das den Genozid an Tutsi als Tiefpunkt eines nationalen Niedergangs begreift, der mit der kolonialen Kulturzerstörung begann und einen moralischen Zerfall, die Selbstentfremdung und die Spaltung der Ruander zur Folge hatte. Im Umkehrschluss wird hieraus die Forderung nach der Rückkehr zu einer Ursprungskultur abgeleitet, die im Sinne der nationalen Ziele modernisiert ein normatives Fundament für die neue Gemeinschaft bilden soll. Die Deutung des Genozids als Ausdruck eines kollektiven Kulturverlustes rückt die Schuldfrage ganz im Sinne der Einheitspolitik in den Hintergrund. Sie lässt alle Ruander in einem integrativen Sinne als Opfer erscheinen, die nun für die Rehabilitation ihrer Kultur und Würde kämpfen sollen. Der Blick wird hiermit in die Zukunft gerichtet, während die Genozidgedenkstätten mit den konservierten Gebeinen die Erinnerung an die Gewalt, die eine Schwierigkeit für die Gemeinschaftsbildung darstellt,  aufrechterhalten. Welche Wandlungen Repräsentationen der Gewalt in Ruanda im Kontext der Erinnerungspolitik erfahren und bereits erfahren haben, wäre sicher eine interessante Frage für die zukünftige Forschung.

The Unity of Gihangas Children

"Itorero-Programm der Überwindung des Genozids"

L.I.S.A.: Inwieweit taugt der historische Vergleich mit der jüngeren deutschen Geschichte? Auch hier hat eine Gesellschaft Völkermord an einem Teil ihrer Mitglieder verübt. Bietet der Umgang mit der NS-Vergangenheit paradigmatisches Anschauungsmaterial, wie eine traumatisierte Gesellschaft sich neu konstituieren kann?

Dahlmanns: Die Frage nach dem Umgang mit dem Trauma des Genozids stellte sich nach dem von Deutschen verübten Völkermord zwangsläufig in erster Linie für die Überlebenden, doch kaum für die sich im Recht wähnende Seite der Täter. In Deutschland wurde der Prozess der Auseinandersetzung mit den von Deutschen verübten Verbrechen durch die Alliierten vorangetrieben, nicht von den Verfolgten, während in Ruanda die in der Tutsi-Diaspora gegründete RPF ihre Politik der Vergangenheitsbewältigung implementiert. In Deutschland stellte sich die Frage nach der Bildung einer Gemeinschaft der Deutschen mit den Gefolterten und Verfolgten nicht wie in Ruanda, wo das Zusammenleben nach dem Völkermord offensiv im Sinne der Einheitspolitik propagiert wird und viele Tutsi aus der Diaspora mit dem Sieg der RPF ihren Weg zurück nach Ruanda und in die Regierung fanden. Erinnerungen der Täter, anderer Zeitzeugen, der Überlebenden und der Rückkehrer existieren in Ruanda parallel, doch finden sie nicht dasselbe Gehör im öffentlichen Raum und sind eine Herausforderung bei der Formung eines kollektiven Gedächtnisses als neues Fundament der Gemeinschaft.

In Deutschland vollzog sich die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit eher schleppend; in der DDR und der Bundesrepublik in unterschiedlicher Form. Der Antifaschismus wurde Teil des DDR-Gründungsmythos, der eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld eher verhindert zu haben scheint. In der Bundesrepublik bildete sich spät so etwas wie ein schuldbewusstes kollektives Tätergedächtnis aus, was weltweit nicht häufig anzutreffen ist. Der Genozid in Deutschland wie in Ruanda stellte eine Herausforderung für die Begründung eines neuen nationalen Selbstverständnisses dar.

Schlagwörter wie „Heldentum“, „Vaterlandsliebe“, „Aufopferung für die Gemeinschaft“, die Verherrlichung einer germanischen Tradition dienten in Deutschland einst einer genozidalen Ideologie, deren Überwindung deshalb (wenn auch nicht in allen Teilen der Gesellschaft) mit der Abkehr von solchen Schlagwörtern und einer Skepsis gegenüber nationalen Orientierungen und kollektiver Mobilisierung für die nationale Sache verbunden war. In Ruanda sollen nun die Verherrlichung einer heldenhaften Tradition und der uneingeschränkte Einsatz für die nationale Gemeinschaft im Itorero-Programm der Überwindung des Genozids dienen und den Weg in eine bessere Zukunft ebnen. Dies mag uns befremdlich erscheinen, erklärt sich aber auch dadurch, dass in Ruanda der Genozid durch den militärischen Sieg der RPF, die bis heute die Regierung stellt, beendet wurde. Man mag sich daran erinnern, dass in unseren Nachbarländern zur Erinnerung an den Kampf gegen Nazismus und Genozid gerade auch die positive Erinnerung an Kampf und Aufopferung gehört, wie sie jährlich mit dem „Tag des Sieges“ im Mai gefeiert werden. Wir würden, wie ich in meiner Dissertation schon erwähne, ein beschämendes Schauspiel ethnozentrischer Sicht abgeben, wollten wir Polen oder Franzosen deshalb vorhalten, sie seien Militaristen oder gar Faschisten, weil sie die Überwindung des Nazismus mit militärischen Siegesparaden und in heroisierender Sprache feiern.

Erika Dahlmanns hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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