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Björn Schmidt | 28.01.2016 | 1317 Aufrufe | 1 | Interviews

"Gegensätze erlauben eine Abrechnung mit der DDR"

Interview mit Gerhard Lüdeker über das Bild der DDR im Spielfilm

Bereits kurz nach der Wiedervereinigung wurde die DDR zu einem beliebten Thema des deutschen Spielfilms. Seien es die von "Ostalgie" geprägten Komödien der 1990er Jahre oder international ausgezeichnete Filme wie Das Leben der Anderen (2006) – das Kino lässt die DDR regelmäßg wieder auferstehen. Spiefilme und Fernsehproduktionen sind damit ein wichtiger Bestandteil der Erinnerungskultur und beeinflussen maßgeblich das gesellschaftliche Bild der DDR. Als Teil dieser Erinnerungskultur geben Sie auch wichtige Rückschlüsse über die Herausbildung einer neuen nationalen Identität nach der Wiedervereinigung. Wie wurde die DDR zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Effekt dargestellt? Dr. Gerhard Lüdeker hat sich mit der Erinnerung an die DDR im deutschen Spielfilm nach der Wende beschäftigt. Wir haben ihn zum Verhältnis von Erinnerungskultur, Film und Identität befragt.

"Bei der letzen Generation der DEFA-Regisseure herrschte Skeptizismus"

L.I.S.A.: Herr Dr. Lüdeker, Sie beschäftigen sich mit der Erinnerung an die DDR im deutschen Spielfilm nach 1989. Sie beziehen sich dabei auch auf eine Reihe von Filmen, die heute kaum bekannt sind, jedoch erstaunliche Zeitdokumente darstellen: Filme von DDR-Regisseuren, die unmittelbar um 1990 entstanden sind. Was ist charakteristisch an diesen Filmen? Wie wurde die Wende aus derart zeitnaher Perspektive wahrgenommen?

Dr. Lüdeker: Diese Filme wurden von der letzten Generation der DEFA-Regisseure hergestellt. Einer Generation von Regisseuren, die zwar kritisch gegenüber dem staatssozialistischen System in der DDR eingestellt war, aber den Staat nicht aufheben wollte, sondern an die Möglichkeit eines idealen Sozialismus mit menschlichem Antlitz glaubte. Dementsprechend sind die Filme stark politisch und rechnen mit den politischen und sozialen Zuständen, dem Gemisch aus Parteiapparat und Stasi-Überwachung ab. Trotzdem findet sich kein positiver Ausblick auf die Wiedervereinigung, sondern vielmehr Skeptizismus. Denn die BRD erscheint als kapitalistisches System, das die DDR vereinnahmen will. Das ist für Ur-Sozialisten, die an die Gleichheit aller Menschen und gemeinsames Blumenpflücken glauben, keine Alternative. Der Grundton der Filme ist melancholisch. Es wird verpassten Chancen zur Erneuerung der DDR hinterhergetrauert. Der Glaube an blühende Wiesen in der Zukunft findet sich in diesen Filmen natürlich auch nicht. 

"Diese Filme bieten keine Möglichkeit einer gemeinsamen Identität"

L.I.S.A.: Sie legen einen Fokus auf die Konstruktion nationaler Identität in den behandelten Spielfilmen. Wie lassen sich in dieser Hinsicht die von „Ostalgie“ geprägten Spielfilme der 1990er und frühen 2000er Jahre verstehen? 

Dr. Lüdeker: Im Unterschied zu den Filmen der letzten DEFA-Regisseure, lässt die Ostalgie-Welle jede politische Dimension missen. In Filmen wie Sonnenallee (1999), NVA (2005) oder Helden wie wir (1999) wird das Erwachsenwerden der jugendlichen Protagonisten in der DDR thematisiert. Diese Coming-of-Age-Stories zeigen weder den Einfluss der SED-Politik, noch der Stasi auf das Leben der Menschen. Vielmehr wird die DDR im Rückblick verklärt. Deshalb ist der Grundtenor dieser Filme heiter und die Filmerzählungen kolportieren, das Erwachsenwerden in der DDR sei ähnlich dem im Westen gewesen. Dementsprechend sind die Filme nach amerikanischen Genrevorlagen gemacht, wie etwa der Militärkomödie. Da die Wiedervereinigung nicht vorkommt und kein Ausblick auf eine Deutsch-Deutsche Zukunft erfolgt, bieten diese Filme für die Zuschauer aus Ost und West keine Möglichkeit einer gemeinsamen Identität. Die gesamtdeutsche Identität wird durch die Verklärung der DDR-Vergangenheit sogar implizit verneint. Der Tenor der Filme lautet, früher im Osten war alles besser. Eine Aussage, die bei Ostdeutschen angesichts der dortigen Zustände am Ende der 90er Jahre auf offene Ohren gestoßen sein dürfte und die sogenannte Mauer in der Köpfen sicherlich nicht abgebaut hat.

"Bei den Figuren wird mit starken Gegensätzen gearbeitet"

L.I.S.A.: Gewissermaßen als Gegenpol zu dieser „Ostalgie“ benennen Sie jüngere Spiel- und Fernsehfilme, die die DDR als Überwachungs- und Unrechtsstaat darstellen – oft personifiziert durch stereotype Stasi-Figuren. In derartigen Filmen werden Protagonisten „des Volks“ positiv besetzt und führen letztlich die Geschehnisse des Mauerfalls und der Wende herbei. Müssen sich derartige Narrative immer auch als teleologisch auf den Mauerfall ausgerichtet begreifen?

Dr. Lüdeker: Die Fernsehfilme, die nach dem Erfolg von Das Leben der Anderen (2006) in öffentlichen und privaten Sendern ausgestrahlt wurden, sind eine Genremischung aus Drama und Spionagethriller und verlangen aufgrund dieser Struktur nach einer Auflösung. Außerdem wird mit starken Gegensätzen bei der Gestaltung der Figuren gearbeitet. Die negativ dargestellten Parteibonzen, Stasichargen und Spitzel sollen die Zuschauer gegen die DDR als Unrechtsstaat einnehmen, die Protagonistenfiguren erscheinen in einem positiven Licht, streben nach Freiheit und vertreten westliche Werte. Mit Hilfe dieser Gegensätze wird mit der DDR abgerechnet. Sie wird als unmenschliches und untragbares System dargestellt, dessen Abschaffung durch den Mauerfall deshalb als folgerichtig erscheint.  

"Die gesamtgesellschaftliche Dimension wird ausgelassen"

L.I.S.A.: Sie argumentieren, dass jüngere Spielfilme eine „Konsens-Identität“ herstellen, die über die Erinnerung an die DDR und ihren Zusammenbruch auf das gegenwärtige Nationalgefühl wirken. Inwieweit ist der Blick in den Filmen daher immer auch ein westdeutscher?

Dr. Lüdeker: Abgesehen davon, dass die meisten dieser neueren DDR-TV-Event Fernsehfilme von westdeutschen Regisseuren hergestellt wurden, die sich herkömmlicher Genreschemata aus Hollywood bedienen, ist die BRD wie die Wiedervereinigung der implizite Fluchtpunkt für die Filmerzählungen. Alles strebt nach Westen, besonders die Protagonisten. Die Protagonistenfiguren bieten für die Zuschauer die Möglichkeit der emotionalen Anteilnahme, sie sind positiv besetzt, während die Repräsentanten der DDR durchweg negativ besetzt sind. Die Protagonisten kämpfen gegen den Staat und für den auch heute im Kampf gegen den Terrorismus inflationär oft beschworenen Wert der Freiheit. Sie wollen die DDR abschaffen und die Wiedervereinigung mit der BRD. Bei diesem Kampf werden sie in den meisten Filmen von westlichen Helferfiguren unterstützt, die es für ihre moralische Pflicht halten, den Unterdrückten die Freiheit zu ermöglichen. Der Gut-Böse-Schematismus auf der Figuren- und Werteebene nivelliert die Grauzonen, die es damals in der DDR gab. Die Grenzen zwischen Rebell, Mitläufer und Spitzel waren fließend. In der DDR gab es keinen Bereich in der Gesellschaft, der nicht politisiert war, deshalb war es ein totalitärer Staat. Die simple Abrechnung in diesen Filmen bezieht nur die Dimension von SED und Stasi ein und folgt damit westlichen Vorurteilen. Die gesamtgesellschaftliche Dimension wird ausgelassen, die verständlich machen würde, warum relativ schnell viele ehemalige DDR-Bürger von der Wiedervereinigung enttäuscht waren und sich nostalgisch ihren alten Staat wieder zurück wünschten. Das Volk der DDR wird von den Protagonisten pars pro toto symbolisiert. Ähnlich wie in Steven Spielbergs Schindlers Liste (1993) entschulden die Protagonisten das Volk, welches als Opfer erscheint, während auf Täterseite nur Militär, Beamte und Geheimdienstler übrig bleiben und untergehen. Die westliche Perspektive dieser Filme ist die des Sieges westlicher Werte über ein unmenschliches System. Das wiedervereinigte Deutschland wird damit nicht nur zu einer Folgerichtigkeit der Geschichte, sondern zu einer Notwendigkeit. 

"Geschichte wird in standardisierte Narrative verpackt"

L.I.S:A.: Welche Rolle spielt der wachsende historische Abstand, dass also persönliche Erinnerungen an die DDR bei Regisseuren und beim Publikum nicht mehr vorausgesetzt werden können? Führt dies zur Verflachung historischer Zusammenhänge und der Verbreitung schematischer Narrative? Eröffnet die Distanz mehr Freiheiten im Umgang mit dem Stoff?

Dr. Lüdeker: Der Ausnahmefilm Good Bye, Lenin! (2003) zeigt, wie die gesamtgesellschaftliche Dimension des DDR-Systems dargestellt werden kann, gleichzeitig aber ein identitätsstiftender Anknüpfungspunkt für heutige Zuschauer durch die Familie und die Gemeinschaft angeboten wird. An dieser Stelle wäre es interessant, mit der filmischen Erinnerungsarbeit anzusetzen. Denn der DDR-Staat versuchte zwar alle gesellschaftlichen Ebenen zu infiltrieren. Die Familie als kleinster Sozialverbund dürfte jedoch am widerständigsten gewesen sein und stellt noch vor der Gemeinschaft aus engen Freunden und Bekannten einen Wert dar, der Zusammenhalt bietet. In Zeiten, wo die Menschen überwiegend Einzelkämpfer sind und Bindungen nur temporär gelten, ist es wichtig, daran erinnert zu werden, dass bestimmte Dinge nur gemeinsam erreicht werden konnten. Leider knüpft bisher kaum ein Film an diese Möglichkeit der Darstellung an. Statt die Komplexität der DDR-Gesellschaft zu beschreiben, wird die Geschichte verflacht und in standardisierte Narrative sowie Genreschubladen verpackt. Auf diese Weise ist die DDR-Vergangenheit wesentlicher schneller als die NS-Vergangenheit zu einem reinen Unterhaltungsstoff geworden. Für heranwachsende Generationen, welche Historie vorwiegend durch Medien wie Film oder Internet wahrnehmen, steht zu befürchten, dass der Zugang zur Geschichte verflacht. Wenn man sich den Zulauf national-populistischer Parteien in Europa anschaut, hat man den Eindruck, dass vielfach vergessen wurde, was vor 80 Jahren auf diesem Kontinent seinen Lauf nahm. 

Dr. Gerhard Lüdeker hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 30.01.2016 | 05:43 Uhr
"Der Tenor der Filme lautet, früher im Osten war alles besser. Eine Aussage, die bei Ostdeutschen angesichts der dortigen Zustände am Ende der 90er Jahre auf offene Ohren gestoßen sein dürfte und die sogenannte Mauer in der Köpfen sicherlich nicht abgebaut hat."

Ich finde das wirklich ärgerlich. Es wird ein Klischee beklagt - und das durch ein Klischee. Der undankbare, rückwärts gewandte Ossi, der sein schweres Leiden in der DDR vergessen hat. Das Fass "Leben-in-der-DDR" mache ich hier besser gar nicht erst auf. nur so viel: als Jemand der sich die DDR nicht zurück wünscht muß ich gestehen, meine 14 Jahre DDR nichts davon mitbekommen zu haben, daß ich die ganze Zeit von der Stasi bespitzelt und unterdrückt wurde.

Aber darum geht es mir gerade gar nicht. Es ist die Vorstellung im Westen Deutschlands, die früheren DDR-Bürger seien undankbar, nostalgisch und geschichtsvergessen. Sicher - manche sind oder waren das auch. Und sicher trifft auch vor allem zu, daß oftmals Nostalgie herein spielt. Nostalgie ist aber immer verklärend. Und es gibt schlichtweg kulturelle und soziologische Entwicklungen, die in 40 Jahren DDR natürlich passierten. Und das können sie viele Westdeutsche nicht verstehen. Dabei lebt man kulturelle Eigenheiten gerade dort doch an vielen Stellen ganz besonders aus, nennt es aber eben Folklore. Bayern ohne Dirndl und Krachlederne? Rheinland ohne Karneval? Schwarzwald ohne Kuckucksuhren? Unvorstellbar. Und niemand würde das verlangen oder aber emotionale Bindungen zum Vorwurf machen. Warum wird das ehemaligen DDR-Bürgern immer wieder vorgeworfen? Weil man sich das nicht erklären konnte, hat man das ganze im Westen zur Ostalgie erklärt und in dümmliche Shows gesperrt. Dabei wurde selten versucht, es zu verstehen. Es wird immer eine falsche Erinnerung reklamiert.

Ja, klar. Erinnerung verklärt häufig. Aber eben jene Nostalgie gibt es im Westen genauso, man braucht sich nur die Gründungsmythen aus der Zeit, in der "alles Besser" war ansehen. Das "Wunder von Bern" - in einem nostalgischen Film verklärend aufgearbeitet, aber bundesdeutsche Geschichte verklären scheint legitimer zu sein. Oder die 68-er, zu denen in der Rückschau viel mehr gehört hatten, als während der Zeit. Wie war es denn in der DDR? Ja, man hatte - trotz der ach so allgegenwärtigen Stasi - ein ganz anderes, engeres Verhältnis zwischen den Menschen, bis hinein in die Familien. Und natürlich hatte das, wie sich nach der Wende raus stellte, ganz praktische Gründe. Nein, die Ostdeutschen waren nicht besser. Mussten sich aber ganz anders miteinander engagieren. Wenn die keine Handwerker auf normalem Weg bekamst, musstest du das eben über Umwege arrangieren. Ebenso etwa beim Beschaffen von Baumaterial und so weiter. Das brachte ein ganz gewisses Gefüge mit sich. Und (fast) alle wußten, daß sie in diesem Mangel einen gewissen Wert besaßen. Das fühlte sich warm und weich an. Trotz der allgegenwärtigen Stasi, trotz der beiden widerstreitenden Meinungen (eine private und eine öffentliche) und obwohl es nicht jeden Tag Bananen gab und Milch an späten Nachmittag im Konsum schon alle sein konnte. Das brach 1990 weg. Das ganze System, in dem man zum Teil Jahrzehnte lebte war weg. Ich frage nun: mit welchem Recht kritisiert oder beklagt man, wenn Ostdeutsche sich wehmütig an eine vergangene Zeit erinnern? Zumal der Vorwurf, daß mit dieser Nostalgie ein Rücksehnen in die DDR verbunden sei, in den meisten Fällen nach meiner Erkenntnis nichts reales verbunden ist.

Oft wird vergessen, daß man in der DDR genau wie auch in der BRD an einem normalen 24-Stunden-Tag in einer 7-Tage-Woche ein ganz normales Leben geführt hat. Es schien die Sonne, es regnete. Menschen haben sich verliebt und entliebt. Ein ganz normales Leben. Die DDR bestand nicht aus Widerstand, sondern aus Anpassung. Wie im übrigen die BRD auch - nur die Ausgangslagen waren unterschiedlich.

Vielleicht ist es kein Wunder, daß der der realen DDR wohl am nächsten kommende Film eine britische Komödie ist: "Mrs. Ratcliffe's Revolution".

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