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Georgios Chatzoudis | 02/19/2013 | 2886 Views | Interviews

"Gärten repräsentieren Machtverhältnisse"

Interview mit Horst Bredekamp über den Barockgarten von Herrenhausen

Der berühmte Barockgarten von Herrenhausen in Hannover steht für eine bestimmte Vorstellung über das Zusammenspiel von Natur und Kunst - genauer gesagt für die Vorstellung des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Obwohl der Garten in Herrenhausen, an dessen Konzeption Leibniz wesentlich beteilgt war, in seiner Anlage betont geometrisch wirkt, drückt sich nach Meinung des Kunsthistorikers Prof. Dr. Horst Bredekamp darin eine besondere Form der Freiheit aus. Wir haben Professor Bredekamp zu seiner These befragt.

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Maison de Plaisir d'Herrenhausen

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"Gärten haben einen Gesamtkunstcharakter"

L.I.S.A.: Herr Professor Bredekamp, Sie beschäftigen sich als Kunsthistoriker mit Gärten. Welche Gärten sind das genau und was ist aus der Sicht der Kunstgeschichte an Gärten interessant?


Prof. Bredekamp: Gärten sind aus kunsthistorischer Sicht von besonderem Interesse, weil sie mit der Landschaftsgestaltung sowohl die Architektur wie zumindest auch die Skulptur, aber auch die Malerei umfassen. Zudem kommt eine Kunsttechnologie hinzu, die für die Wasserhydraulik und oft auch Automaten eingesetzt wurde. In diesem Sinn haben Gärten einen Gesamtkunstcharakter, der sie zu Konzentraten allgemeiner Entwicklungen werden ließ. Ich habe mich vor 30 Jahren insbesondere mit dem nördlich von Rom gelegenen, manieristischen Garten von Bomarzo sowie in den letzten Jahren mit dem Garten von Herrenhausen in Hannover befasst. Beide sind auf den ersten Blick Gegensätze: während Bomarzo zunächst einen frühen Landschaftsgarten zu repräsentieren scheint, gehört Herrenhausen zur Gruppe der geometrischen Barockgärten.

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Prof. Dr. Horst Bredekamp, Professor für Kunstgeschichte an der HU (Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte) und Permanent Fellow des Wissenschaftskollegs

"Großes Leibniz-Projekt ist nicht realisiert worden"

L.I.S.A.: Sie haben vor kurzem in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Ihr neues Buch mit dem Titel „Leibniz und die Revolution der Gartenkunst. Herrenhausen, Versailles und die Philosophie der Blätter“ vorgestellt. Was verbindet die Gärten des Barock mit dem Philosophen Leibniz?

Prof. Bredekamp: In dem großen Garten von Herrenhausen ist Leibniz seit seiner Berufung nach Hannover im Jahr 1676 bis zu seinem Tod im Jahr 1716 kontinuierlich präsent gewesen. Er hat hier seine berühmten Unterredungen mit der Kurfürstin Sophie durchgeführt, die in zahlreichen Briefen, aber auch Abhandlungen wie der Monadologie niedergelegt wurden. Daneben war er immer wieder in die Planung des Gartens eingebunden; sein größtes Projekt, der Bau eines großen, von Hannover nach Herrenhausen führenden Kanals, der die Wasserwerke des Gartens mit dem nötigen Wasserdruck versorgen sollte, ist allerdings nicht realisiert worden. Immerhin ist von diesem Projekt zumindest die Umschließung des Gartens mit einem Kanal geblieben.

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Plan des Großen Garten, Herrenhausen

"Nicht nur der Adel verwendete geometrische Gärten"

L.I.S.A.: Hatten die von Fürsten angelegten sogenannten geometrischen Gärten historische Vorbilder? Falls ja, welche?

Prof. Bredekamp: Die geometrischen Gärten waren nicht allein auf Fürsten bezogen; Sie finden sich in den Nutzgärten der Klöster des Mittelalters ebenso wie in Villen der Patrizier des 15. und 16. Jahrhunderts wie auch in Gärten der niederländischen Republik des 17. Jahrhunderts. Die vielleicht berühmtesten geometrischen Gärten sind allerdings von Familien des Hochadels angelegt worden: so der Garten von Tivoli im Osten von Rom sowie Versailles bei Paris. Eine ausschließliche Verwendung von geometrischem Garten und herrschendem Adel greift jedoch zu kurz.

"Gehorchen eher Regeln des Abziehbildes"

L.I.S.A.: In der historischen Forschung über Gärten werden Barock- und Landschaftsgärten gegenübergestellt: hier der absolutistische Fürstengarten, dort der liberale Landschaftsgarten. Inwiefern ist die Anlage von Gärten auch Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse?

Prof. Bredekamp: Gärten repräsentieren in ihrem Gestaltungswunsch immer auch Machtverhältnisse, aber die schroffe Unterscheidung zwischen dem Barockgarten geometrischer Prägung als Produkt des Absolutismus einerseits und dem englischen Landschaftsgarten als dem liberalen Entwurf einer republikanischen, mit der Natur in Einklang stehenden Weltsicht andererseits gehorcht eher den Regeln eines Abziehbildes als den historischen Gegebenheiten. So waren die geometrischen Barockgärten weitaus früher der Öffentlichkeit zugänglich als die englischen Landschaftsgärten, die sich im Kontrast zu Ihrer freien Öffnung zumindest bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hermetisch abriegelten.

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"Gegenreaktion auf die Virtualisierung aller Lebensbereiche"

L.I.S.A.:  Gärten erfreuen sich auch heutzutage großer Beliebtheit – beispielsweise melden Kleingärten großes Interesse vor allem bei jungen Leuten und schließen bereits Wartelisten, ein eigener Garten ist Teil idealer Wohnvorstellungen, Magazine über Gartenkultur und Gartenkunst verkaufen sich sehr gut. Wie ist diese zeitgenössische Idealisierung des Gartens aus Ihrer Sicht zu deuten?


Prof. Bredekamp: Das gegenwärtig starke Interesse am Garten und an der Gartengestaltung kann als eine unmittelbare Gegenreaktion auf die Virtualisierung aller Lebensbereiche gewertet werden. Im Garten kann auch der Großstädter etwas vom Wunder der Natur erleben, und dies bleibt ein unausschöpflicher Quell einer alternativen Erfahrung, in der es nicht um Zwang, sondern um das geduldige Warten des Wachstums, nicht um schnellen Erfolg, sondern um die ruhige Entfaltung eines Gegenübers geht. Insofern ist der Garten ein Übungsfeld in langfristige Verantwortung, und darin ein spielerisches Erziehungsmoment gerade auch für Kinder. Der Garten ist seit jeher eine Erinnerung an das Paradies, das verloren ist, aber als Vorschein realisiert werden kann. Hierin bleibt der Garten immer neu aktuell, und wenn gegenwärtig die Epoche des Anthropozäns ausgerufen wird, also eine Natur, die vom Menschen nicht unterschieden ist, sondern als seine Extension auftritt, welche auf ihn zurückwirkt, dann ist auch hierfür der Garten das Modell.

Prof. Dr. Horst Bredekamp hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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