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Georgios Chatzoudis | 04/19/2016 | 1052 Views | Interviews

Die Modellierung von Männlichkeit im Fußball

Interview mit Jörn Eiben zum Diskurs über Fußball und Körper im Kaiserreich

Der Fußball hatte bei seiner Einführung im Deutschen Kaiserreich einen schweren Stand. Deformierte Körper und die Beförderung von chaotischem Individualverhalten seien die unweigerlichen Folgen dieser "englischen" Sportart. Tatsächlich aber änderte sich nach und nach der Diskurs über den Fußball. Was anfangs als nachteilig für Männlichkeit, militärische Schlagkraft und nationale Festigkeit galt, wurde positiv umgedeutet. Fußball schien nun genau das Verhalten zu befördern und die Fähigkeiten abzurufen, die das Deutsche Kaiserreich von seinen Untertanen erwartete, um im Wettbewerb der Nationen vorne mitzuspielen. Der Historiker Dr. Jörn Eiben zeichnet in seiner nun erschienenen Dissertation nach, warum und unter welchen Umständen sich der Diskurs über Fußball umkehren konnte. Wir haben ihn dazu befragt.

"Wie die Gegenwart in den Augen derer war, die über Fußball sprachen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Eiben, Sie haben über den Fußball im Kaiserreich promoviert, genauer: über die Art und Weise, wie während des Kaiserreichs über Fußball gesprochen wurde. Was hat Sie angesichts des Themas „Fußball“ dazu veranlasst, weniger eine Sport- als eine Diskursgeschichte zu schreiben?

Dr. Eiben: Es gibt zwei Argumente, die für mein Vorgehen sprechen. Das erste bezieht sich auf den Forschungsstand. Sucht man in den gängigen Datenbanken, so finden sich hunderte von Texten, die sich im engeren oder weiteren Sinne mit dem Fußball und dessen Geschichte(n) beschäftigen. Dehnt man den Phänomenbereich auf den Sport aus oder sucht man nach Texten in anderen Sprachen, so kommen tausende weiterer Titel hinzu. In anderen Worten: Über den Fußball wurde bereits sehr viel geschrieben. Mit Abstrichen gilt dieser Befund auch für den engeren Untersuchungszeitraum, den ich mir gesetzt habe, nämlich das Deutsche Kaiserreich. Bisher hat allerdings noch kaum jemand über den Fußball in einer diskursanalytischen Perspektive nachgedacht – vor allem nicht für das Deutsche Kaiserreich. Neben diesem Punkt, der letztlich nur dann relevant ist, wenn man die Forschungslücke für wichtig hält, spricht aber noch ein zweites Argument für mein Vorgehen. In Anlehnung an ein bekanntes Bonmot Gary Linekers ist Fußball mit Sicherheit sehr viel mehr als nur "ein einfaches Spiel, bei dem 22 Menschen 90 Minuten lang einem Ball nachjagen". Beispielsweise wurde vor einigen Jahren einigermaßen ungelenk über Homosexualität im Fußballsport debattiert. Ein anderes Beispiel ist der chauvinistische Unsinn, der mit einer enervierenden Vorhersagbarkeit anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaften der Frauen, über die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Leistungsfähigkeit verbreitet wird. Das sind nur zwei von zahlreichen Beispielen dafür, dass am Fußball Dinge verhandelt werden, die deutlich über das hinausweisen, was auf dem Spielfeld geschieht.

Insofern konnte ich mir schlichtweg nicht vorstellen, wie ich den Fußball im Kaiserreich anders untersuchen konnte, als in seinen Beziehungen zu den damaligen sozio-kulturellen Bedingungen. Dass ich dieses Unterfangen diskursanalytisch angegangen bin, mag sicherlich an einer persönlichen Präferenz für diese Denkweise liegen. Analytisch hat es jedoch zweifellos den Vorzug, dass die zeitgenössischen Debatten über das Für und Wider des Fußballs sowohl hinsichtlich ihrer spezifischen Effekte als auch hinsichtlich ihrer Beziehungen zu bestimmten Wissensordnungen untersucht werden konnten. Es war also nicht primär mein Anspruch herauszufinden wie der Fußball war, sondern wie die Gegenwart in den Augen derer war, die über den Fußball sprachen.

"Vorstellungen über die praktische Modellierung von Männlichkeit"

L.I.S.A.: Der moderne Fußball hat seine Ursprünge in England. In Deutschland hatte im 19. Jahrhundert dagegen das Turnen den höchsten sportlichen Stellenwert. Müsste angesichts dieser Konstellation und mit Blick auf die europäische Staatenkonkurrenz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht davon auszugehen sein, dass Fußball in Deutschland damals alles andere beliebt war? Wie wurde anfangs über den Fußball in Deutschland gesprochen? Was sprach dafür, was dagegen?

Dr. Eiben: Sie haben absolut recht: Der Fußball stieß während meines gesamten Untersuchungszeitraums immer wieder auf Widerspruch. Allerdings habe ich die zeitgenössischen Streitereien über den Fußball eben nicht auf einen zugrunde- oder gar dahinter liegenden Ursprung zurückgeführt – also eben nicht auf die Staatenkonkurrenz –, sondern mir ganz genau angeschaut, worauf sie sich bezogen und wie diese Bezugspunkte als relevant für die Gegenwart galten. Kurz gesagt stritten die Zeitgenossen sehr viel intensiver darüber, wie der Körper im Fußball gebraucht wird, als über dessen ‚englischen Ursprung‘. Der fußballerische Gebrauch des Körpers wurde vor allem in zweierlei Hinsicht mit dem turnerischen Körpergebrauch kontrastiert. Erstens galten die Turnübungen als die ideale Form, um den Körper ganzheitlich auszubilden. Ganz anders der Fußball, der hauptsächlich Beine und Füße beanspruche. Durch diesen einseitigen Gebrauch, so argumentierten Gegner, würde mittelfristig ein disharmonischer, deformierter Körper entstehen, der - so ließ sich im Rückgriff auf zeitgenössische Degenerationstheorien plausibel machen - letztlich auch zu einer Deformierung des gesamten Menschen führe, welche wiederum erblich sein könne. Das war schon ziemlich starker Tobak, dem die Fürsprecher des Fußballs allerdings entgegenhielten, dass es auch für Fußballer zwingend sei, ihre Körper ganzheitlich auszubilden. Interessanterweise findet sich in zeitgenössischen Trainingshinweisen der Ratschlag, neben leichtathletischen Übungen auch turnerischen Praktiken nachzugehen, um einen solchermaßen ausgebildeten Körper zu formen.

Neben dem Gebrauch des Einzelkörpers stand zweitens auch die kollektivkörperliche Dimension in der Kritik. Im Turnen gab es die so genannten Ordnungsübungen, bei denen alle Beteiligten auf Kommando die jeweils identische Körperbewegung durchführten. Im Gegensatz zu diesem Gleichklang der Körper erschien das, was auf dem Fußballfeld geschah als wildes Durcheinander, das Leib und Leben der Spieler gefährde. Den wilden Eindruck, den das Spiel machen könne, bestritten die Fürsprecher des Fußballs nicht. Im Gegenteil: Sie machten die Wildheit fruchtbar als Argument für den Fußball, wie sich anhand des Bereichs ‚Männlichkeit‘ illustrieren lässt. Durch die geradezu allgegenwärtige Gefahr schmerzhaften Körperkontaktes, so argumentierten manche Fürsprecher, konnten die Jungen dazu erzogen werden, mutig zu sein. Indem das strenge Regelwerk zudem dazu zwang, von der Revanche für einen solchen Körperkontakt abzusehen, würden die Jungen ferner zur Selbstbeherrschung erzogen. In dieser Hinsicht konnte ich anhand des Fußballs nachzeichnen, wie sich Vorstellungen über die praktische Modellierung von Männlichkeit zeitgenössisch verschoben. Nicht durch Drill und Gehorsam, sondern durch Erfahrung sollten sich die Jungen dem damaligen Kriterienbündel annähern, aus dem sich die hegemoniale Männlichkeit zusammensetzte. Menschen weiblichen Geschlechts, das möchte ich an dieser Stelle wenigstens bemerken, fanden zumindest in Texten und Bildern nur marginale Positionen. Manchmal wurde deutlich von einer Teilnahme am Fußball abgeraten, zumeist wurden den ‚Mädchen‘ schlichtweg andere Praktiken nahegelegt. 

"Zunehmende Akzeptabilität des Fußballs im militärischen Bereich"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrer Arbeit, dass sich der Stellenwert des Fußballs in Deutschland nach und nach veränderte, so dass er allmählich an Akzeptanz gewann. Was waren die Wegbereiter dieser Akzeptanz? Und von welcher Art von Akzeptanz sprechen wir hier?

Dr. Eiben: Am deutlichsten wird die Veränderung des Stellenwertes sicherlich im Bereich des Militärs, wo er 1910 offiziell in den Ausbildungsplänen verankert wurde. Galt das Turnen noch bis etwa zur Jahrhundertwende als ideale Praktik zur Ausbildung von Soldaten, schob sich der Fußball etwa ab 1900 sukzessive in das Blickfeld der Militärs. Diese zunehmende Akzeptabilität des Fußballs im militärischen Bereich hat vor allem mit strategisch-taktischen Veränderungen des modernen Krieges zu tun. Die Burenkriege und der russisch-japanische Krieg galten zeitgenössischen Militärs als Beleg dafür, dass der Krieg nunmehr relativ flexibel agierende Soldaten erfordere. Solche Soldaten, so die Hoffnung, könnten im Rahmen des unübersichtlichen Hin und Her des Fußballspiels sehr viel besser herangezogen werden als durch turnerischen Drill.

Wenn Sie nach „Wegbereitern“ und der „Art von Akzeptanz“ fragen, so verweist das auf einen meiner wesentlichsten Punkte. Es mag banal klingen, aber man sollte nicht vergessen, dass der Fußball auch seinerzeit eine ziemlich praktische Angelegenheit war. Bei den Diskussionen über sein Für und Wider handelte es sich eher selten um ‚Texte über Texte‘ – vielmehr rekurrierten Gegner und Fürsprecher immer wieder auf Beobachtungen. Dabei mochte es sich um eigene Anschauung oder Beobachtungen zweiter Ordnung handeln. Ob die jeweiligen Sprecher das in Frage stehende Spiel ‚wirklich‘ beobachtet hatten oder nicht war in diesem Zusammenhang nachgerade irrelevant. Entscheidend war, dass sie es hätten können. Und genau deshalb stand die Akzeptabilität des Fußballs im Prinzip bei jedem Fußballspiel zur Disposition. Seine Fürsprecher mochten noch so nachdrücklich behaupten, dass man im Spiel Selbstbeherrschung erwerbe. Wenn es zu Streit, rüden Fouls oder Prügeleien kam, so wurde selbst das beste Argument nichtig. Der Austausch von Argumenten über sein Für und Wider mochte zu seiner Akzeptabilität beitragen, seine Akzeptanz war aber im Prinzip immer fragil und auf eine permanente performative Beglaubigung angewiesen. 

"Der Fußball als körperpraktische Lösung verschiedener Probleme der Nation"

L.I.S.A.: Welche Beziehung gehen im Wilhelminischen Kaiserreich der Fußball und der organisierte Nationalismus ein? Konnte der Fußball gar ein Vehikel zur Nationalisierung und Militarisierung der deutschen Gesellschaft sein? Inwieweit korrespondiert das mit dem Untertitel Ihres Buches: „Eine Geschichte bewegter Körper im Kaiserreich“?

Dr. Eiben: Zwischen Fußball und Nation bestand eine recht komplexe Beziehung. Wie Sie bereits einleitend bemerkten, ist der moderne Fußball in Form und Regelwerk gewissermaßen ein englisches Spiel. Entsprechend kritisierten Turner, d.h. Angehörige jener Gemeinschaft, die in der Forschung gemeinhin als eines der prototypischen Beispiele für den organisierten Nationalismus gilt (allerdings überwiegend vor 1870/71), den Fußball als ‚englische Krankheit‘. Doch nicht nur seitens der ohnehin vorwiegend kritischen Turner, sondern auch innerhalb der Fußballer galt die sicht- und hörbare Dissonanz zwischen Fußball und nationalem Geschmack als problematisch. Diese Dissonanz bezog sich zum einen auf die englische Fachsprache des Fußballs, um deren ‚Eindeutschung‘ sich verschiedene Akteure bemühten, und zum anderen auf die als englisch geltenden bunten Trikots, die dem schlichten Weiß der Turnkleidung deutlich entgegenstanden.

Die Beziehungen zwischen Fußball und Nation waren in einer anderen Hinsicht sehr viel ausgeprägter - im Übrigen auch hinsichtlich des militärischen Kontextes. Vor allem für die Zeit seit den 1890ern lässt sich eine bemerkenswerte Zunahme von (primär pessimistischen) Gegenwartsdiagnosen und beigeordneten Prognosen für den Fall eines ‚weiter so‘ verzeichnen. Die Nation, häufig in körperlicher Metaphorik beschrieben, sei erkrankt, drohe zu degenerieren und zu verweichlichen; die negativen Folgen für die militärische Durchschlagskraft könne sich jeder an seinen fünf Fingern abzählen. Genau in diesem Kontext positionierten seine Fürsprecher den Fußball als eine nationale Sache. Durch die Teilnahme am Spiel würde jeder Einzelne an Körper und Geist gesunden, schrieben sich als männlich geltende Attribute und militärisch relevante Fertigkeiten in die Körper der Akteure ein und lerne jeder, seinen Platz innerhalb der unübersichtlich gewordenen Gegenwart einzunehmen und auszufüllen. Kurz: der Fußball galt als körperpraktische Lösung verschiedener Probleme der Nation. So ist auch der Untertitel zu verstehen: genau diese Geschichte der Konsonanzen und Dissonanzen zwischen bewegten Körpern und der Problematisierung der (nationalen) Gegenwart wollte ich schreiben.

"Fußball bildet zweifellos ein Biotop heteronormativer Männlichkeitsfantasien"

L.I.S.A.: Werfen wir einen Blick auf die Geschichte des Fußballs bzw. auf die Geschichte des Sprechens über den Fußball über die Zeit des Kaiserreichs hinaus. Inwiefern wurden in der Sprache über Fußball bereits während des Kaiserreichs Pflöcke eingeschlagen, deren Schatten bis in die heutige Zeit reichen? Stichwort: Militärisches Vokabular.

Dr. Eiben: Die ‚Fußballsprache‘ unterhielt unheimlich enge Beziehungen zum militärischen Bereich. Viele der damals geprägten deutschen Begriffe für den englischen Jargon stammen mehr oder weniger direkt aus militärischen Kontexten, wie etwa Angriff, Sturm oder Flanke, und sind auch heute noch gebräuchlich. Ich vermute allerdings, dass sich niemand groß Gedanken darüber macht und weiß auch nicht so genau, ob es wichtig wäre, über das militärische Erbe der Fußballsprache zu debattieren.

Bemerkenswerter finde ich eine ganz andere Kontinuität: Die beachtliche Beharrungskraft einer bestimmten kämpferischen und überhöht heterosexuellen Männlichkeit, die sich u.a. an den zum Teil erschütternd dümmlichen Reaktionen auf
das ‚Outing‘ des ehemaligen Fußballprofis Thomas Hitzlspergers („Man duscht jeden Tag zusammen“) zeigt. Ähnlich bedenkliche Haltungen finden sich vermutlich in vielen (wenn nicht allen) anderen gesellschaftlichen Teilbereichen – der Fußball bildet jedoch zweifellos ein Biotop heteronormativer Männlichkeitsfantasien, welches von den Gleichberechtigungsbestrebungen der letzten 100 Jahre bedauerlicherweise nicht einmal gestreift wurde.  

Dr. Jörn Eiben hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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