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Georgios Chatzoudis | 01.06.2012 | 22324 Aufrufe | Interviews

"Fußball generiert Erinnerungsorte"

Interview mit Prof. Dr. Silvia Mergenthal


In Konstanz fand vor einer Woche der Universitätstag der Geisteswissenschaften für Schülerinnen und Schüler statt. In diesem Jahr stand er unter dem Motto: Körper in Bewegung. Sport durch die Jahrhunderte. Der Konstanzer Universitätstag ist eine Veranstaltung des Hegau-Bodensee-Seminars in Kooperation mit der Geisteswissenschaftlichen Sektion der Universität Konstanz und dem Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration".


Den Auftakt des Universitätstages machte der Althistoriker Prof. Dr. Wolfgang Schuller mit einem Vortrag über Sport in der Antike. Wir haben ihn dazu befragt und das Interview bereits eingestellt. Im Anschluss haben wir nun auch mit der Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Silvia Mergenthal gesprochen. Sie hat beim Universitätstag einen Vortrag mit dem Titel "Fußball in Text und Film" gehalten. Darin geht sie vor allem der Frage nach, auf welche Weise Fußball eine identitätsstiftende Funktion haben kann.

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Prof. Dr. Silvia Mergenthal, seit 1997 ist sie Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz und das Plakat zum Konstanzer Universitätstag der Geisteswissenschaften

"Fever Pitch, Das Wunder von Bern und Merry Christmas"

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Pressezeichnung zum ersten Fußballländerspiel zwischen England und Schottland (1872)

L.I.S.A.: Frau Professor Mergenthal, Sie beschäftigen als Kulturwissenschaftlerin mit dem Thema "Fußball in Text und Film". Das klingt nach einem weiten Feld. Auf welche Texte und Filme konzentrieren Sie sich genau?

Prof. Mergenthal: Im Fall des Konstanzer Workshops geht es insbesondere um drei Filme, nämlich um die Verfilmung des Nick Hornby-Romans Fever Pitch, um Das Wunder von Bern und um Merry Christmas, einen Film, der im Ersten Weltkrieg spielt und eine Episode aus dem Jahr 1914 aufgreift, als sich zu Weihnachten spontan britische, französische und deutsche Soldaten zwischen den Schützengräben treffen und miteinander Fußball spielen.

[[Dazu passende Auszüge aus einem Vortrag von
Prof. Dr. Silvia Mergenthal, gehalten am 2. April 2008 in Bern

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Calcio fiorentino - Fußball in Florenz im 17. Jahrhundert

1)  zu Fever Pitch:

[...Nick Hornbys 1992 erschienener Text Fever Pitch ist semi-autobiographisch, enthält aber auch fiktionale Elemente. Er schildert, strukturiert entlang der Spiele des Fußballclubs FC Arsenal London, die jeweils immer mit Ereignissen aus dem Leben des Protagonisten korreliert werden, die "Fankarriere" dieses Protagonisten über einen Zeitraum von ungefähr 25 Jahren, nämlich von seinem ersten Stadionbesuch im Jahr 1968 bis in die Erzählgegenwart hinein. Dieses Strukturmerkmal des Textes verweist auf die enge Verschränkung zwischen personaler und sozialer Identität einerseits, kollektiver Identität andererseits: Der Beginn der Fußballleidenschaft von Hornbys Alter Ego fällt mit der Trennung seiner Eltern in seiner Kindheit zusammen.

[...]

Obwohl die kollektive Identität, die über die Obsession des Protagonisten mit Arsenal (den "Gunners") konstruiert wird, nicht eine nationale ist, sondern sich gewissermaßen unterhalb der nationalen Ebene abspielt – Hornby selbst bezeichnet sie als die einer "Gemeinschaft in der Gemeinschaft" ("community within a community", 116) und vergleicht die Identiale der Fußballfans mit denen der chinesischen Minderheit in London –, ist Fever Pitch doch insofern interessant, als er die Mechanismen kollektiver Identitätsbildung bloßlegt und analysiert. Hierfür ein Textbeispiel, das im Übrigen auch auf die Rolle des Körpers als Idential verweist; es beschreibt die Reise des Protagonisten zu einem Auswärtsspiel in Derby:

"At our destination we were met by hundreds and hundreds of police, who then escorted us to the ground by a circuitous route away from the city centre; it was during these walks that my urban hooligan fantasies were given free rein. I was completely safe, protected not only by the law but by my fellow supporters, and I had therefore been liberated to bellow along in my still-unbroken voice with the chanted threats of the others. I didn't look terribly hard, in truth: I was as yet nowhere near as tall as I should have been, and wore black-framed Brains-style National Health reading glasses, although these I hid away for the duration of the route marches, presumably to make myself just that little bit more terrifying. But those who mumble about the loss of identity football fans must endure miss the point: this loss of identity can be a paradoxically enriching process. Who wants to be stuck with who they are the whole time? I for one wanted time out from being a jug-eared, bespectacled, suburban tweep once in a while; I loved being able to frighten the shoppers in Derby or Norwich or Southampton (and they were frightened – you could see it). My opportunities for intimidating people had been limited hitherto, though I knew it wasn't me that made people hurry to the other side of the road, hauling their children after them; it was us, and I was part of us, an organ in the hooligan body. The fact that I was the appendix – small, useless, hidden out of the way somewhere in the middle – didn't matter in the slightest. [Hornby, Fever Pitch, 54]"

[...]

Im Kontext einer Geschichte des Fußballfilms, die nach dem gesellschaftlichen Ort fragt, in dem Fußball jeweils präsentiert wird (also danach, wie soziale Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Nation usw. durch diese Präsentation fixiert oder über sie kritisch hinterfragt werden können) ist Fever Pitch insofern interessant, weil er – wie die synchron mit der Biographie des Fans verlaufende Entwicklung des englischen Fußballs – den Fußball seiner traditionellen Verankerung im Unterschichtenmilieu beraubt. Anders als britische Fußballfilme vor Fever Pitch ist hier die Begeisterung für Fußball nicht klassengebunden und nicht an den industriellen Norden Englands, sondern an die Metropole London geknüpft. Stattdessen wird, wie bereits angedeutet, die Klassen- zur Genderthematik hin verschoben...]
  
2) zu Das Wunder von Bern

[...Um "nationale Gemeinschaftsbildung und Integration" geht es in der Tat zentral in Sönke Wortmanns Films aus dem Jahr 2003 – "Das Wunder von Bern", Untertitel: "Jedes Kind braucht einen Vater, jeder Mensch braucht einen Traum, jedes Land braucht eine Legende". Doch bevor wir nun zu diesem Film, und zu dieser Legende, kommen, erst einmal die historischen Hintergründe.

Die Fußballweltmeisterschaft 1954 in der Schweiz war – nach den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki – das zweite sportliche Großereignis, zu dem deutsche Mannschaften wieder zugelassen worden waren. In Helsinki hatten deutsche Sportler jedoch keine einzige Medaille gewonnen, und im Fußball hatten deutsche Nationalmannschaften ohnehin in der Vergangenheit keine großen Erfolge feiern können. 1954 gelangte die deutsche Nationalmannschaft jedoch erstmals in ein Endspiel und traf dort – am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion – auf die favorisierte ungarische Mannschaft, von der sie in der Vorrunde bereits einmal, 3:8, geschlagen worden war. Dieses Endspiel hatte deutliche mythogene Züge – und wird in der einschlägigen Forschung, etwa von Florian Breitmeier, auch als "der einzige Mythos in der Geschichte der Bundesrepublik" bezeichnet [Breitmeier, Florian, "Ein Wunder, wie es im Drehbuch steht: Die WM 1954 – ein deutscher Erinnerungsfilm", in: Pyta, Der lange Weg zur Bundesliga, 127-149, hier 129]; mit "Mythos" ist hier eine Geschichte gemeint, die eine bestimmte Zeit – deren Wirklichkeit, Normen und Werte, Erfahrungen und Hoffnungen, Nöte und Ängste – konserviert und damit sowohl personale und soziale wie kollektive Identitätsbildungen beeinflusst. Diese Geschichte dient einer Gesellschaft zur Orientierung und Rechtfertigung, speziell in Umbruchsituationen.

[...]

Daher ist die zentrale Frage nun die, warum und zu welchem Zweck der Sieg der deutschen Mannschaft den Mythos des "Wunders von Bern" generiert. Eine Antwort auf diese Frage erfordert einen Blick auf die Situation Deutschlands in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die unter anderem durch eine weitgehende Verdrängung der deutschen Kriegsschuld zugunsten einer Konzentration auf den Wiederaufbau und den wirtschaftlichen Aufschwung – später als das deutsche "Wirtschaftswunder" bekannt – gekennzeichnet ist. Die deutsche nationale Identität ist eine hochproblematische geworden, nicht zuletzt deswegen, weil das für diese Identität seit der Reichsgründung 1871 zentrale Idential, das Militär, unwiderruflich diskreditiert ist und die neue Bonner Bundesrepublik (noch) kein Identifikationspotential besitzt. Allerdings hat sich mit dem "Geist von Spiez" eine militärische Tugend, die der Kameradschaft, als "unpolitisch" in die Nachkriegszeit hineingerettet – eine Art Landsermentalität, die insbesondere mit Fritz Walter verknüpft wird, der im Krieg an der Front "gedient" hat. Diese Landsermentalität findet ihre Entsprechung in der anti-individualistischen Rhetorik der deutschen Sportberichterstattung, deren Vertreter – im Übrigen wie der deutsche Trainer (oder vielmehr "Spielleiter") Sepp Herberger – ihre Karrieren nach dem Krieg nahtlos dort fortsetzen können, wo sie durch den Krieg unterbrochen worden sind.

[...]

Der Mythos des "Wunders von Bern" ist also ein Gründungsmythos, der – wie unter anderem der Politologe Arthur Heinrich und der Historiker Joachim Fest behaupten – der "wahren Geburtsstunde der Bundesrepublik". Dieser Mythos gerät aber in den nächsten Jahrzehnten weitgehend in Vergessenheit und wird erst in einer anderen historischen Umbruchssituation, in der nationale Identität nicht zuletzt im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erneut zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema wird, reaktiviert; zeitgleich mit dem 50. Jahrestag des "Wunders von Bern" 2004, der auch in die Vorbereitung auf die nunmehr in Deutschland auszutragende Weltmeisterschaft von 2006 fällt. Neben Dokumentarfilmen zu diesem 50. Jahrestag ist es vor allem Sönke Wortmanns Film, der den Weltmeisterschaftserfolg von 1954 in das kollektive Gedächtnis zurückholt und ihn dazu nutzt, um 1954 als tatsächlichen Wendepunkt in der kollektiven Depression der Deutschen nach 1945 zu markieren.

Wortmanns Das Wunder von Bern wurde offiziell vom Deutschen Fußballbund gefördert und rief ein zwiespältiges Echo hervor: Von seinen Kritikern im In- und Ausland wurde der Film im Kontext eines erstarkenden nationalistischen Diskurses verortet, durch den ein neues, positives Nationalgefühl auf der Basis positiver Momente der eigenen Geschichte vermittelt werden soll. Moshe Zimmermann zum Beispiel verweist in seiner Filmkritik dabei auch auf einen aufschlussreichen intermedialen Bezug von Das Wunder von Bern, nämlich zu Fassbinders Die Ehe der Maria Braun von 1979, in dem die letzten acht Minuten der Rundfunkreportage mit Maria Brauns tragischem Ende durch eine Gasexplosion synchronisiert werden. Und:

The film fits well into the mood prevailing lately in Germany: Paying more attention to the suffering of the German population before and after the end of World War II, while at the same time paying less attention to the connection between the tragic outcome of the war for the Germans and German conduct during the war. Yet, the film does not deserve an overdose of criticism relating to this aspect. After all it is essentially an attempt to reconstruct one of the finest hours of the Federal Republic of Germany and to create a good and 'sellable' story for the general public, not only for soccer fans. [Zimmermann, Moshe, "Review of, Das Wunder von Bern." H-German, H-Net Reviews. March, 2004. http://www.h-net.org/reviews/showpdf.php?id=15359]


3) zu Merry Christmas

Auch der Film Merry Christmas des französischen Regisseurs Christian Carion fiktionalisiert, wie Wortmanns Das Wunder von Bern, ein historisches Ereignis: Zu Weihnachten 1914 schließen Soldaten an der Westfront – Briten, Franzosen und Belgier einerseits, Deutsche andererseits – mehrtägige spontane Waffenstillstände, die natürlich bald von den jeweiligen Befehlshabern auf beiden Seiten unterbunden werden. Die entsprechenden historischen Quellen – Regimentsaufzeichnungen, Briefe, Tagebücher usw. – sind mittlerweile gut erschlossen und berichten übereinstimmend, dass es nach ersten Kontakten – Zurufen, gemeinsamem und wechselseitigem Gesang – zu zahlreichen persönlichen Begegnungen zwischen den Schützengräben gekommen sei, die meist mit der gemeinsamen Bergung der Gefallenen beider Seiten beginnen und sich dann im Austausch von Geschenken – und verschiedentlich eben in Fußballspielen – fortsetzen.

[...]

Abschließend wäre auch für diesen Film – eine dreisprachig gedrehte europäische Koproduktion mit Schauspielern aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich – zu fragen, warum die Geschichte vom Fußballspielen zwischen den Schützengräben zu Beginn des 21. Jahrhunderts in das kollektive Gedächtnis eines nunmehr europäischen Publikums zurückgeholt wird. Hierzu drei vorläufige Antworten:

Vielleicht ist der Fußball nicht nur, wie eingangs behauptet, inhärent dichotomisch angelegt: ein Fußballspiel kann nur dann gut werden, wenn zwei Mannschaften nicht nur gegen-, sondern auch miteinander spielen. Das "Spielfeld" des Films ist entsprechend das einer gemeinsamen "europäischen" Identität.

Fußball hat, wie ebenfalls bereits bemerkt, als global beliebte Sportart eine ausgeprägte transnationale Dimension, die in den letzten Jahrzehnten durch seine Kommerzialisierung und mediale Vermarktung so verstärkt worden ist, dass die Affinität zwischen Fußball und nationaler Identität, wie etwa Habbo Knoch argumentiert, mittlerweile Brechungen und Störungen erfahren hat, wenn auch nicht gänzlich aufgehoben worden ist, "denn natürlich bleibt die Mobilisierbarkeit ethnozentrischer Verzerrungen und chauvinistischer Tendenzen bestehen." [Knoch, Habbo, "Gemeinschaft auf Zeit. Fußball und die Transformation des Nationalen in Deutschland", in: Zentrum für Europa- und Nordamerika-Studien (Hg.), Fußballwelten. Zum Verhältnis von Sport, Politik, Ökonomie und Gesellschaft. Opladen: Leske und Budrich, 2002, 117-153, hier 146] Zu den von Knoch genannten Brechungen und Störungen gehört beispielsweise auch, dass alle europäischen Profimannschaften und viele Nationalmannschaften mittlerweile nicht mehr "ethnisch homogen" sind.

Diese Entwicklungen verlangen, Michael Groll zufolge, nach einer Sportpolitik, die berücksichtigt, dass Grenzziehungen in der Zukunft quer zu etablierten Territorialgrenzen verlaufen werden [Groll, Michael, "Wir sind Fußball. Über den Zusammenhang zwischen Fußball, nationaler Identität und Politik", in Mittag und Nieland, Das Spiel mit dem Fußball, 177-189, hier 188-189] – wie dies Merry Christmas eindrucksvoll vor Augen führt, wenn durch Überwindung der jeweiligen (tatsächlichen und mentalen) Gräben das Niemandsland zwischen den Fronten zum Spielfeld werden kann.]]

L.I.S.A.: Wenn man sich in den Bundesligastadien und auch bei Spielen der Nationalmannschaft umschaut, fällt auf, dass Fußball längst keine Männerdomäne ist. Inwieweit finden sich auch Frauen in Texten und Filmen über Fußball wieder?

Prof. Mergenthal: In den "klassischen" Fußballfilmen wie den beiden erstgenannten sind die weiblichen Figuren zu Beginn wenig oder gar nicht fußballbegeistert, werden im Lauf der Handlung aber angesteckt (oder kooptiert, wie ich sagen würde), meist, weil sie in einen fußballverrückten Mann verliebt sind. Es gibt aber natürlich auch Filme wie Bend It Like Beckham, in dem es um Frauenfußball (und Integration) geht.

"Fußballsprache enthält an sich ein martialisches Vokabular"

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Maßstabsgetreue Skizze eines Fußballfeldes mit Abmessungen

L.I.S.A.: Warum zieht der Fußball bei uns in Europa mehr Menschen an, als alle anderen Sportarten? Und: Wann schlägt Begeisterung und Faszination in Fanatismus und Gewalt um?

Prof. Mergenthal: Das "Warum" hat vor allem historische Gründe (man kann ja auch feststellen, dass Fußball,  je nachdem, wie die Migrationsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts verlaufen sind, in anderen Weltgegenden eine sehr viel geringere Rolle spielt – bzw. die Rolle des Fußballs dort von anderen Sportarten übernommen wird (interessant ist in diesem Zusammenhang Clint Eastwoods Mandela-Film Invictus, in dem es um die südafrikanische Rugby-Mannschaft, die traditionell nur Fans unter den Buren hatte, geht…). Und zu letzterem – ich bin Kulturwissenschaftlerin, keine Soziologin, aber meiner (in diesem Fall laienhafter) Meinung nach ist das immer dann der Fall, wenn gegen Spieler und/oder Anhänger der gegnerischen Mannschaft  und/oder gegen die Unparteiischen Gewalt ausgeübt wird: nicht nur physische, sondern auch psychische, etwa in Form von rassistischen Beleidigungen, Drohungen usw.

L.I.S.A.: Bei großen Fußballveranstaltungen, wie beispielsweise Welt- und kontinentale Meisterschaften erfasst Fußball heute fast die ganze Nation. Gerade in der Berichterstattung fließt plötzlich wieder ein Vokabular, das oft über Hurrapatriotismus hinausgeht und in Chauvinismus ausartet. Woran liegt das? Haben Fußballspiele zwischen Nationen etwas von Ersatzkriegen?

Prof. Mergenthal: Ich denke, dass dieses Phänomen nicht nur für den Fußball zutrifft, sondern auch bei anderen Mannschaftssportarten (im Unterschied zu Einzelsportarten – man kann sich schwer gewalttätige Marathon- oder Skisprung-Fans vorstellen…) auftreten kann,  d. h. also immer dann, wenn sich zwei Mannschaften gegenüberstehen und jeweils als Projektionsfläche für "die Unseren"/"die Anderen" dienen können. Allerdings ist es natürlich so, dass die Fußballsprache an sich bereits ein durchaus martialisches Vokabular enthält – Sturm, Abwehr, Verteidigung, Schuss etc.

"Fußball hat integratives Potential"

L.I.S.A.: Wenn Fußball Identitäten stiften kann - egal ob im Zusammenhang mit Vereinen oder Nationalmannschaften, welche Möglichkeiten ergeben sich da für die Politik? Anders gefragt: Kann Fußball auch für politische Zwecke gebraucht bzw. missbraucht werden?

Prof. Mergenthal: Einer meiner Lieblingsfilme zum Thema Fußball – nicht eigentlich ein Film, sondern ein DFB-Werbespot – ist der, in dem sich viele Menschen sichtlich unterschiedlicher ethnischer Herkunft treffen, um gemeinsam zu essen und dann ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft im Fernsehen zu sehen, in der jeweils die Söhne dieser Menschen spielen. Ich denke, dass Fußball – wie andere Sportarten auch – tatsächlich integratives Potential hat und gerade auch Menschen mit Migrationshintergrund eine Perspektive eröffnet (die dann wiederum Vorbildfunktion für andere übernehmen können: Özil, Khedira usw.). Daraus ergibt sich im Umkehrschluss natürlich, dass Fußball (wiederum wie andere Sportarten) durchaus für politische Zwecke instrumentalisiert werden kann – aber nicht nur von Seiten der Mächtigen, sondern auch als Instrument des Widerstandes: ein gutes Beispiel für letzteres sind zum Beispiel fußballspielende Mädchen im Iran.

[[Welchen Beitrag leistet nun der Fußball zur nationalen Identitätsbildung?
Auszug aus Prof. Dr. Silvia Mergenthals Vortrag, gehalten am 2. April 2008 in Bern

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive generiert Fußball Erinnerungsorte – im Sinne von "Two World Wars and One World Cup", ein Lied, mit dem englische Fußballfans die Niederlage der deutschen Mannschaft im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft von 1966 mit der deutschen Niederlage in den beiden Weltkriegen korrelieren. Und: Über Fußball werden Bilder, Erlebnisse, Emotionen in das kollektive Gedächtnis einer Nation eingeschrieben.

Aus sozialpsychologischer Perspektive hat der Körper (als Idential) eine zentrale Bedeutung für den Sport einerseits, für eine ethnische Gemeinschaft andererseits. Hinsichtlich der Bedeutung des Identials Name genügt ein Verweis auf die Sportberichterstattung, die weitgehend eine Abfolge von Mannschafts- und Spielernamen ist. Was schließlich das Idential "(Lebens-)Geschichte" anlangt, so gilt mit Henning Eichberg:
Weder der Körper noch der Namen sind unveränderlich. Beide sind grundlegend historisch, ebenso wie das individuelle Selbst der Lebensgeschichte unterliegt. Diese Zeitdimension geht als ein weiteres Element in den Identitätsprozess ein. Man vergewissert sich seiner Identität nicht zuletzt in Reaktion auf die Veränderlichkeit der Zeit, durch Berufung auf das Bleibende und Kontinuierliche, auf 'Tradition' und 'Erbe'. [Eichberg, Henning, "Sport, Nation und Identität", in: Heinemann, Klaus und Manfred Schubert (Hg.), Sport und Gesellschaften. Schorndorf: Hoffmann, 2001, 37-61]

Fußball hat in unterschiedlichen Kulturen einen unterschiedlichen Stellenwert – und vielleicht gibt es tatsächlich auch national unterschiedliche Fußballstile (die zum Teil organisatorisch bedingt sind, zum Teil auch auf die bereits erwähnten kulturellen Unterschiede in der sozialen Körperlichkeit zurückzuführen sind). Allerdings muss in diesem Kontext natürlich immer wieder auch darauf verwiesen werden, dass Fußball als eine global populäre und vermarktete Sportart auch eine transnationale Dimension besitzt.

Das Sprechen über Fußball, insbesondere die mediale Repräsentation von Fußball, bedient sich oft einer ausgeprägten militärischen Terminologie. Hierfür ein Beispiel aus einem frühen Fußballhandbuch, das versucht, Fußball durch Anpassung an die dominante Militärkultur der wilhelminischen Epoche gewissermaßen "einzudeutschen" und so gegen den Vorwurf, bei Fußball handle es sich um eine "undeutsche" Sportart, zu verteidigen:
Zwei Parteien von gewöhnlich je elf Kämpfern befinden sich im Kriegszustande. Es handelt sich darum, einen großen Lederball vermittels der Füße auf feindliches Gebiet und womöglich in das Heiligtum des Feindes, den durch die beiden Pfähle gekennzeichneten 'Stand' zu bringen. Gelingt dies auf regelgerechte Weise, so ist ein 'Stand' gewonnen, und die Anzahl der gewonnenen bzw. verlorenen 'Stände' entscheidet über Sieg und Niederlage. Zum Verständnis der unten folgenden Regeln bemerken wir noch, dass jede Partei unter einem 'Kapitän' respective Führer steht, der seine Kräfte über das Feld verteilt. In erster Linie, nahe dem zu erwartenden Ball, wird er einen oder zwei geschickte, ausdauernde und offensiv tüchtige Spieler stellen, dann wird das Gros seiner Armee folgen, er selbst sich in der Rückgarde derselben halten, um im Falle der Not wirksam einer drohenden Gefahr entgegenzutreten. [Raquet, F. W., Moderne englische Spiele. Zum Zweck der Einführung in Deutschland, 1882; zitiert in: Brändle, Fabian und Christian Koller, Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fussballs. Zürich: Orell Füssli, 2002, 189]

Mittlerweile ist das Sprechen über Fußball nicht mehr ganz so martialisch, jedoch haben sich Restbestände der Militärsprache als "tote Metaphern" in der Fußballterminologie erhalten (Flanke usw.). Andere Aspekte der medialen Repräsentation, die Einfluss auf Nostrifikationsprozesse haben können, sind die Verwendung von Auto- und Heterostereotypen sowie (unvermeidlich) die Perspektivierung, also die Konzentration auf die "eigene" Mannschaft und deren Leistungen.

Schließlich: Vielleicht hat der Fußball auch intrinsische Eigenschaften, die ihn in gewisser Weise zu einem Idential prädestinieren: Er ist als Mannschaftsspiel dichotomisch angelegt, begünstigt also die Polarisierung von "uns" und "den anderen". Seine räumlichen Konstellationen begünstigen ein Denken in Kategorien von "hier" und "dort", und zwar sowohl im Stadion (räumlich gegeneinander abgegrenzte Fanblöcke) als auch auf dem Spielfeld (die beiden Hälften, die Strafräume usw.). Und: Das Stadion selbst ist ein Raum, in dem über intensive Kommunikation der Fans miteinander und mit den Spielern eine transitorische Gemeinschaft gestiftet wird (an der "die Nation" über die Massenmedien teilnehmen kann).

Zusammenfassend kann man also mit Wolfgang Pyta formulieren:
Rückt man also die gemeinschaftsbildende Potenz des Fußballs ins Zentrum, dann liegt es nahe, den Fußball als integralen Bestandteil jener symbolisch vermittelten Verständigung aufzufassen, welche die inhaltliche Seite von Gemeinschaftlichkeit konstituiert. Der Fußball ist eine geradezu unerschöpfliche Quelle von Sinnbezügen und fordert förmlich zu konfigurativer Sinnerschließung auf. Im Sinne einer praxeologisch ausgerichteten Kulturtheorie geht es daher um Prozesse der Aneignung solcher kollektiver Sinnmuster, die in Fußball symbolisch eingelassen sind. [Pyta, Wolfgang, "Einleitung. Der Beitrag des Fußballsports zur kulturellen Identitätsstiftung in Deutschland", in: Pyta, Wolfgang (Hg.), Der lange Weg zur Bundesliga. Zum Siegeszug des Fußballs in Deutschland. Münster: LIT, 2004, 1-30, hier 5-6]]

Prof. Dr. Silvia Mergenthal hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. Zusätzlich hat Sie uns das Manuskript ihres Vortrages zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür und auch für das entgegengebrachte Vertrauen!

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