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Georgios Chatzoudis | 28.02.2017 | 787 Aufrufe | Interviews

Fußball als Instrument der Nationenbildung?

Interview mit Markwart Herzog über Fußballnationalismus


Wie andere Sportarten auch wird der Fußball als Instrument der Völkerverständigung betrachtet, manchmal sogar als solches verklärt. Ein Aspekt, der bisher eher wenig Beachtung gefunden hat, ist dabei die von Eric Hobsbawm genannte Bedeutung, die dem Sport bei der Entstehung von Nationen zukommt: „The imagined community of millions seems more real as a team of eleven named people.“ Auf der 9. Sporthistorische Konferenz Irsee haben die Teilnehmenden aus zeit- und globalgeschichtlicher Perspektive diskutiert, inwiefern Fußball als massen- und medientaugliches Spiel weltweit zu einem zentralen Element und Instrument von Nationenbildung geworden ist. Organisiert und geleitet wurde die Tagung der Schwabenakademie Irsee von Dr. Markwart Herzog. Wir haben ihm unsere Fragen zu der Veranstaltung gestellt.

Flyer zur Tagung (415.19 KB)
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"Fußball ist zu einer Religion geworden"

L.I.S.A.: Herr Dr. Herzog, in der Schwabenakademie Irsee hatte die 9. Sporthistorische Konferenz stattgefunden – dieses Mal zum Thema „Fußball als Instrument der Nationenbildung“. Wie kam es zu diesem auf den ersten Blick kurios klingenden Thema?

Dr. Herzog: Das Thema mag kurios klingen, ist es aber wahrhaftig nicht. Seit dem Untergang der Sowjetunion haben wir vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten einen massiv grassierenden Nationalismus. Alle Propheten, die von einem postnationalen Zeitalter geträumt hatten, wurden durch diese Entwicklung eindrucksvoll widerlegt. Ob uns das sympathisch ist oder nicht! Peter Alter bezeichnete in einem L.I.S.A.-Interview „Nation“ einerseits als ein „unsichtbares gedankliches Konstrukt“, andererseits aber als „eine Art Ersatzreligion“. Eigentlich ist das ein Widerspruch in sich. Denn das Religiöse ist wahrhaft kein abstraktes Gedankenkonstrukt, sondern eine zutiefst emotionale Dimension menschlichen Lebens.

Genau hier kommt Sport ins Spiel. Bei Länderspielen im Stadion und vor dem Fernsehapparat wird Nation zu einer von intensivsten Gefühlen durchtränkten Größe. Und wenn Sie sich mit den europäischen Fanszenen befassen, drängt sich zwangsläufig der Eindruck auf: Fußball ist zu einer Religion geworden. Vereine werden zu einem alles erfüllenden Lebensinhalt und Sinnstifter vieler Menschen. Politik- und Sozialwissenschaftler subsumieren sowohl den Nationalismus als auch den Fußball unter der Kategorie „Ersatzreligion“. Im Fußball-Nationalismus verschränkt sich beides.

"Eine virtuelle Gemeinschaft national verzückter Anhänger"

L.I.S.A.: Wo ordnen Sie diese Identifizierungsprozesse mit Vereinen ein? Wie verhalten sie sich zum Fußballnationalismus?

Dr. Herzog: In der Tat kann die Identifikation mit einem lokalen Fußballverein ein Instrument der Nationenbildung sein. Für viele Anhänger des FC Barcelona steht Fußball für politischen Separatismus, für einen unabhängigen katalanischen Nationalstaat, ein Ausscheiden aus dem spanischen Staatsverband und damit auch aus der Europäischen Union. Ein Verwaltungsgericht in Madrid gestattete im Jahr 2016 auf Antrag des FC Barcelona den Fans des Vereins die separatistische Fahne im Stadion zu schwenken, nachdem die Regierung Spaniens den Fans das verbieten wollte.

L.I.S.A.: Inwieweit hat der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954, das sogenannte Wunder von Bern, mit bundesdeutscher Nationenwerdung zu tun? War das ein Anlass für Ihre Tagung?

Dr. Herzog: Die WM 1954 hatte tatsächlich einen Impuls gegeben, diese Tagung zu organisieren. Spätestens ab dem Viertelfinale des Wettbewerbs trafen sich Millionen von Bundesbürgern in den Kneipen, um die Spiele der deutschen Nationalelf zu schauen, oder trafen sich mit Freunden in ihren Wohnungen zu den Radioübertragungen. Diese Erlebnisse legten den Grundstein zu einer virtuellen Gemeinschaft national verzückter Anhänger. Bereits damals war der im „Wunder von Bern“ verankerte Fußballnationalismus also auch durch mediale Verstärkung entstanden. In diesem Ereignis wollten manche so etwas wie einen Akt der „inneren Staatsgründung“ der Bundesrepublik Deutschland sehen. Joachim Fest bezeichnete Fritz Walter in aphoristischer Zuspitzung als „mentalen Gründungsvater“ der Bundesrepublik – Konrad Adenauer als politischen und Ludwig Ehrhard als wirtschaftlichen. Doch als der Pokal von der Herberger-Truppe errungen und der Wettbewerb vorbei war, war auch der Gemeinschaftsbildungseffekt ebenso schnell wieder verpufft, wie er aufgebrandet war. Die Sozial- und Kulturgeschichte hat erst nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten ausgiebig darüber reflektiert, welche Bedeutung das Ereignis für den noch jungen Staat hatte.

"Eine materielle Basis für die Renationalisierung der Fußballsymbolik"

L.I.S.A.: Fußballnationalismus ist also eine Größe, die sich situativ bedingt stärker oder schwächer bemerkbar machen kann?

Dr. Herzog: Nationalismus ist bekanntlich ein zentraler Bestandteil der politischen Moderne, der ebenso wie der Fußballnationalismus ganz unterschiedliche Konjunkturen erlebt hat. Kay Schiller von der Universität Durham hat seit den späten 1970er Jahren eine internationale „Renationalisierung des Fußballsymbolismus“ diagnostiziert. Wichtige historische Grundlagen für das Aufkommen eines emotionsgeladenen Fußballnationalismus waren die Entkolonialisierung Asiens und Afrikas und insbesondere das Ende des „Kalten Krieges“. Mittlerweile haben sich ein bestens organisierter Sporttourismus und ein gigantischer Markt für Fußballdevotionalien entwickelt. Damit wurde eine materielle Basis für die Renationalisierung der Fußballsymbolik gelegt, die durch Kommerzialisierung, Medialisierung und Memorialisierung zum globalen Entertainment geworden ist.

"Zu einem nationalen Heldenepos aufgebläht"

L.I.S.A.: Welche Fußballnationen standen bei der Konferenz im Vordergrund? Ging es dabei ausschließlich um Fußball auf nationaler Ebene?

Dr. Herzog: Die nationale Ebene stand tatsächlich im Zentrum. Im Tagungsprogramm haben wir Eric Hobsbawm zitiert. Ihm zufolge erscheint Nation im Sinn einer „imagined community of millions […] more real as a team of eleven named people“. Ein markantes Beispiel bietet der Vielvölkerstaat Jugoslawien. Nach dessen Zerfall glaubten serbische Politiker, einen eigenen Nationalstaat erkämpfen zu müssen, der möglichst viel „ethnisch bereinigtes“ Territorium umfassen sollte. In dem Jahre langen Bürgerkrieg rekrutierte Zeljko „Arkan“ Raznatovic, ein damals international gesuchter Kriegsverbrecher, der zugleich Präsident des FK Obilic war, seine Mordbrenner unter anderem in Belgrader Fußballfangruppen. Friedlicher formatiert waren Visionen, die in serbischen Medien in den 1990er Jahren konstruiert wurden. Ihnen zufolge sollte nationalserbische Staatlichkeit über die Vereinigung der Fußballverbände in den serbischen Republiken der kroatischen Krajina und in Bosnien-Herzegowina auf den Weg gebracht werden. Das ist ein von Richard Mills (University of East Anglia, Norwich) sehr gut erforschtes Thema.

L.I.S.A.: Gab es ähnliche Initiativen in Kroatien oder Bosnien und Herzegowina?

Dr. Herzog: Zum ehemaligen Jugoslawien haben die Grazer Historiker Dario Brentin und Tamara Pavasović Trošt auf unserer Tagung einen kroatischen Fußballmythos behandelt und dekonstruiert. In der sportwissenschaftlichen Literatur wird unisono die These vertreten, dass einige durch Fangewalt spektakuläre Fußballspiele die Initialzündung für die Zerstörung Jugoslawiens und die Entstehung Kroatiens gegeben hätten. Jedoch stellte sich nun aufgrund intensiven Quellenstudiums heraus, dass diese Spiele keinerlei Einfluss auf den Zerfall des Vielvölkerstaates ausgeübt hatten. Sie wurden in der Retrospektive von Fußballenthusiasten und -wissenschaftlern zu einem nationalen Heldenepos aufgebläht, das keiner kritischen Prüfung Stand zu halten vermag.

"Spiele der Nationalelf ließen politische Gegensätze vergessen"

L.I.S.A.: In der Nationalismusforschung sind mit dem Prozess der Nationenbildung eher andere gesellschaftliche Felder verbunden – beispielsweise Politik, Kultur, Sprache oder Kommunikation. Die Konferenz beschäftigte sich stattdessen mit einer konkreten Sportart.

Dr. Herzog: Sprache und Sport sowie andere Kulturfelder können durchaus gemeinsam zu Instrumenten der Nationenbildung werden. Der katalanische Separatismus manifestiert sich nicht nur im Stadion des FC Barcelona, sondern auch in Institutionen, die sich der Erforschung, Pflege und Verbreitung der katalanischen Sprache widmen. Johann Gottfried Herder hatte bereits im 18. Jahrhundert die Bedeutung der Sprache für die kulturellen Unterschiede der Völker herausgearbeitet. Diese Ideen haben nicht zuletzt auch die politische Romantik des sezessionistischen Katalanismus befeuert.

Ein anderes Beispiel ist die Republik Irland. Der irische Nationalismus hat nicht nur Volksmusik und -tänze, sondern auch die gälische Sprache und gälische Spiele als Instrumente des nation-building propagiert. Für die Organisation nationaler Sportwettkämpfe wie Hurling oder Gaelic Football wurde die Gaelic Athletic Association gegründet. Dabei ist interessant, dass die militärischen Einheiten der Iren, die ihre Waffen gegen die britischen Truppen erhoben, viele Kämpfer aus den lokalen Sportvereinen rekrutierten. Gaelic Football diente hier nicht zuletzt auch dem Training jener Männer, die für den Unabhängigkeitskampf in den lokalen Vereinen fit gemacht wurden. Diese Variante des Fußballspiels, die mehr an Rugby erinnert, war nicht nur Ausdruck nationaler Identitätsbildung, sondern auch regionaler und lokaler Kultur.

L.I.S.A.: Sehen Sie hier Parallelen zur deutschen Turnbewegung?

Dr. Herzog: Turnen leistete einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu einer Nationalerziehung. Diese Pädagogik wurde durch die Verankerung in lokalen Vereinen in weite Teile der Bevölkerung getragen. Durch das gemeinsame Üben im örtlichen Turnverein wurde Patriotismus für den Einzelnen unmittelbar erlebbar und konkret erfahrbar. Die organisatorische und institutionelle Struktur des Turnens hat im 19. Jahrhundert zudem die Parlamentarisierung und Demokratisierung des zusammenwachsenden Deutschland gestärkt. Gaelic Football und Deutsches Turnen waren von Anfang an politische Bewegungen, das unterscheidet sie vom Fußball, der viel auf seine politische Neutralität hält, aber politisch instrumentalisiert werden kann.

Klar, es muss nicht immer Fußball sein. Werner Suppanz von der Universität Graz ging auf unserer Tagung auch auf den Skisport ein, der nach 1945 für die Konstitution einer österreichischen Sportidentität eminent wichtig wurde. Darüber hinaus analysierte er die Bedeutung der als „Wunderteam“ gefeierten Nationalmannschaft für die Konstitution einer österreichischen Sportidentität, als das Land in den 1930er Jahren von Bürgerkrieg, Straßenkämpfen und politischen Unruhen zerrissen wurde. Die Spiele der damals sehr erfolgreichen Nationalelf ließen die politischen Gegensätze vergessen.

"Sport als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln"

L.I.S.A.: Könnten Sie uns auch an anderen Beispielen aufzeigen, welchen Einfluss der Fußball auf Nationsbildungsprozesse haben kann?

Dr. Herzog: Kosovo und Palästina sind aussagekräftige Beispiele. Im Windschatten der kosovarischen Balkan-Politik haben Fußballfunktionäre so geschickt operiert, dass die UEFA und die FIFA das Kosovo letztlich als Mitglied anerkannten. Das steht eigentlich in scharfem Gegensatz zur Politik sowohl des Kontinental- als auch des Weltverbandes. Denn deren Statuten sehen nationale Verbände nur dann als Mitglieder vor, wenn sie ihren Sitz in einem von den Vereinten Nationen anerkannten Staat haben. Das Kosovo hatte seine Unabhängigkeit zwar 2008 proklamiert; gleichwohl liegt die internationale Anerkennung der Region als Staat aufgrund der Blockade Russlands gleichsam auf Eis. In diese Konfliktzone stößt nun der Sport vor. Auf dem Weg zu einer spezifisch kosovarischen Identität und Eigenstaatlichkeit spielt nicht nur der Fußball eine Rolle. Denken Sie beispielsweise an die 2016 von der Ringerin Majlinda Kelmendi bei den Olympischen Sommerspielen in Rio gewonnene erste Goldmedaille für das Kosovo. Damals wurden viele blau-gelbe Flaggen des Kosovo, weniger die Fahne Albaniens mit schwarzem Adler auf rotem Grund geschwenkt. 2012, bei den Spielen in London, musste Kelmendi noch für Albanien starten. Aber das hatte sich im Jahr 2014 geändert. Das IOC hatte das in seinem völkerrechtlichen Status umstrittene Kosovo damals gegen den erbitterten Widerstand Serbiens als Vollmitglied aufgenommen und damit den Weg für eine Teilnahme des Kosovo an den Spielen 2016 in Rio endgültig freigemacht. Die FIFA zog in diesem Jahr nach und nahm das Kosovo als Mitglied in den Fußballweltverband auf. Diese Beschlüsse des IOC, der UEFA und der FIFA bedeuten nicht nur einen sportlichen, sondern auch einen politischen Durchbruch. Diese Entwicklungen im Sport kommen der Balkan-Politik der westlichen Schutzmächte des Kosovo sehr entgegen. Sie verfolgen nämlich mit Nachdruck das Ziel, dass das Kosovo keinen Anschluss an Albanien sucht. Denn die Albaner in Serbien oder Mazedonien könnten dies als einen Schritt auf dem Weg zu einem Großalbanien verstehen, was einen neuen Balkan-Krieg heraufbeschwören könnte.

L.I.S.A.: Und wie verhält es sich mit Fußball und dem von Ihnen angesprochenen Palästinenserstaat?

Dr. Herzog: Die Gründung eines palästinensischen Staates ist tatsächlich noch nicht so weit vorangekommen wie die des kosovarischen. Aber auch hier wird Sport als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln aufgefasst und eingesetzt. Wie im Kosovo sehen die Palästinenser ihre Fußballnationalmannschaft als einen Akteur in einer dynamischen Entwicklung, die über die Nationsbildung zur Staatsgründung führen soll. Immerhin ist Palästina bereits seit 1998 vollwertiges Mitglied der FIFA, bei der UNO jedoch vorerst nur ein Nichtmitgliedsstaat mit Beobachterstatus.

"Ausschlaggebend waren kommerzielle und genuin sportliche Interessen"

L.I.S.A.: Beim Kosovo und Palästina geht es darum, aus einem Staat auszuscheren und einen eigenen Nationalstaat zu gründen. Gibt es auch entgegengesetzte Beispiele, die zeigen, dass Fußball auseinanderdriftende Staaten zusammenzuhalten vermag?

Dr. Herzog: Moldawien ist in dieser Hinsicht interessant. Hier hat sich die separatistische Region Transnistrien mit Unterstützung Russlands de facto von dem Balkan-Staat abgespalten. Die Region verfügt immerhin über eine eigene Währung, Nationalhymne und Armee. Aber Moldawien als Fußballnation ist im Sog dieses Zerfallsprozesses nicht untergegangen. Im Gegenteil verhindern vor allem kommerzielle und genuin sportliche Interessen, dass die abtrünnige Region sich im Fußball von Moldawien abspaltet und einen eigenen nationalen Verband gründet. Denn bei einem Austritt Transnistriens aus dem moldawischen Fußballverband müsste sich der Rekordmeister FC Sheriff von den lukrativen UEFA-Pokalwettbewerben verabschieden. Schon ein oberflächlicher Blick auf die Tabelle der obersten Spielklasse Diviza Nationala zeigt, dass das Territorium des moldawischen Fußballverbandes weiter reicht als die Macht der Regierung in Chisinau. Anders als im ehemaligen Jugoslawien verbindet der Fußball in Moldawien, und das nicht zuletzt auch mit der ethnisch gemischten Nationalelf als einem Faktor der Integration dieses zerrissenen Landes.

Für diese verbindende Funktion des Sports gibt es weitere Beispiele. So wiesen Constantinos Adamides und Sertac Sonan von der Universität Nicosia auf unserer Tagung darauf hin, dass türkische und griechische Sportfunktionäre im politisch geteilten Zypern ein „provisional agreement“ auf den Weg brachten. Kofi Annan, der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, hatte es gemeinsam mit FIFA und UEFA initiiert. Damit war der Sport der Landespolitik einen Schritt voraus. Ausschlaggebend waren auch in diesem Fall kommerzielle und genuin sportliche Interessen: Denn der vom zypriotischen Fußballverband abgespaltene türkische Verband wurde von UEFA und FIFA nicht anerkannt. Deshalb sind die türkisch-zypriotischen Fußballclubs mit ihren maroden Spielplätzen völlig bedeutungslos geworden, wohingegen die griechisch-zypriotischen Vereine, vor allem der APOEL FC aus Nikosia, teilweise sehr erfolgreich in der UEFA Champions League und der UEFA Europa League spielen.

"Allenfalls Indikatoren für Transformationsprozesse"

L.I.S.A.: Wie verhält es sich mit dem viel diskutierten deutschen „Sommermärchen“? 

Dr. Herzog: Das deutsche „Sommermärchen“ mit seinem fröhlichen Partypatriotismus bei der Fußball-WM 2006 belegt, dass nationaler Fußballenthusiamus auch ein freundliches Gesicht haben kann. An diesen Feiern hatten sich auch viele Nichtdeutsche mit schwarz-rot-goldenen Fahnen beteiligt. Und das ist beileibe keine Ausnahme. Bei der Europameisterschaft zehn Jahre später in Frankreich haben die Mannschaften und Fans aus Island, Irland und Nord-Irland ihren Nationalstolz ausgiebig gefeiert, ohne in aggressive nationalistische Verhaltensmuster zu verfallen. Als „Wikingermärchen“ ist der Sieg Islands über das hoch favorisierte England in die Annalen der Sportgeschichte eingegangen. In den Medien wurden alle nur möglichen Klischees der Ethno-Folklore mobilisiert: gehörnte Helme, wallende Bärte, sagenhafte Helden der altnordischen Literatur – und nicht zuletzt wurden die historischen Raubzüge der Wikinger an der englischen Küste humoristisch beschworen. Solche nationalen Stereotype sind essenzielle Bestandteile des Fußballnationalismus. Sie werden bei internationalen Fußballwettbewerben regelmäßig beschworen – und von dem Literatur- und Medienwissenschaftler Rolf Parr (Universität Duisburg-Essen) bei jeder WM und EM ausgiebig erforscht. So schwadronieren englischsprachige Medien, wenn Deutschland spielt, regelmäßig vom „German Blitzkrieg“, selbst wenn die Spielweise der deutschen Mannschaft solchen Etikettierungen nicht mehr entspricht.

L.I.S.A.: Misst man dem Fußball in diesem Zusammenhang nicht eine zu große Bedeutung bei?

Dr. Herzog: Das trifft für jene Mythen zu, die eine Gründung Kroatiens durch Fußballspiele behaupten oder den Fußballsport an der „mentalen Gründung“ der Bundesrepublik Deutschland beteiligt sehen. In diesen Fällen wird in den Fußball einerseits zu viel hinein interpretiert, andererseits wird er überschätzt. Schon in der Zeit des Nationalsozialismus hofften die Politiker, dass Stadionerlebnisse die „Volksgemeinschaft“ bei Großveranstaltungen lebendig erfahrbar machen würden. Diese Rechnung ist jedoch allenfalls bei Fußball-Länderspielen aufgegangen. Aber der „Vereinsfanatismus“ der Fußballanhänger stand der „NS-Volksgemeinschaft“ immer im Weg.

Auch in Belgien wurde die Rolle des Fußballs für den Zusammenhalt der Nation diskutiert, und zwar anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2014. Damals sangen Flamen und Wallonen nicht nur die eigenen Lieder, sondern auch die der anderen Volksgruppe. Das von nationalistischen Verwerfungen geplagte Belgien erlebte während des Wettbewerbs gleichsam ein „rotes Wunder“. Bekanntlich wird die Nationalmannschaft als „Diables Rouges“, als „Rote Teufel“ bezeichnet. Die belgischen Medien erinnerten damals an das deutsche „Wunder von Bern“, das genau 60 Jahre früher datiert. Aber wie in Deutschland im Jahr 1954 so hielt die Euphorie auch in Belgien nicht lang an. Frei nach Nationaltrainer Marc Wilmots kann man sagen, dass die Politik trennt, wo der Fußball eine Nation zu einen vermochte. Aber eben nur für kurze Zeit. Denn die kollektiv gefeierte Freude über die Matches und Siege war so flüchtig wie die 90 Minuten eines Spiels.

Der Sportphilosoph Sven Güldenpfennig hat verschiedene Sportereignisse analysiert, von denen behauptet wird, sie hätten wichtige politische Veränderungen angestoßen. Er vertritt die Auffassung, dass Fußballspiele und andere Sportwettbewerbe allenfalls Indikatoren für Transformationsprozesse sein können, nicht aber deren Ursachen.

"Kultureller Eigensinn und Autonomieanspruch des Sports"

L.I.S.A.: Was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus der Konferenz?

Dr. Herzog: Die Vorträge haben einerseits gezeigt, dass die Sportpublizistik oft zu viel in den Fußball hinein interpretiert und ihn überfordert, wenn sie ihm zutraut, die Welt dort verbessern zu können, wo die Politik scheitert. Auf der anderen Seite spielen Wettbewerbe, Nationalmannschaften und Vereine durchaus eine Rolle im Rahmen politischer Entwicklungen der Nationsbildung. Sven Güldenpfennig kritisiert gleichwohl mit guten Gründen den Missbrauch des Sports. Wer die politische Neutralität des Fußballs für außersportliche Ziele verrät, vergeht sich zugleich am kulturellen Eigensinn und Autonomieanspruch des Sports.

Aber gerade wenn dieser Anspruch gewahrt wird, kann sich Sport auch politisch segensreich auswirken. Genau dies veranschaulichte auf unserer Tagung Nicola Sbetti von der Universität Bologna am Beispiel des postfaschistischen Italien. Dort vermochte Fußball politische Grenzen zu überbrücken, die durch die Feindschaften der Parteien gezogen waren. Nach der Herrschaft Mussolinis verständigten sich die Printmedien aller parteipolitischen Lager nämlich darauf, politische Fragen aus dem Thema Nationalmannschaft auszublenden. Eben dieser Respekt vor der Neutralität des Sports machte den Weg frei, dass die „Azzurri“ zu einem Symbol nationaler Einheit aufsteigen konnten.

Dr. Markwart Herzog hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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