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Georgios Chatzoudis | 04/25/2012 | 1438 Views | Interviews

"Friedrich II. hatte einen Hang zum Risiko"

Interview mit Dr. Jürgen Luh

Zum 300. Geburtstag von Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) eröffnet die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg am kommenden Samstag die Ausstellung "Friederisiko" im Neuen Palais in Potsdam. Bis Ende Oktober sind mehr als mehr als 500 Exponate zu sehen.

Wir haben Dr. Jürgen Luh, den Kurator von Friederisiko, interviewt und ihn nach dem Preußenkönig und der Ausstellung befragt.

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Das Ausstellungsplakat

"Die Legenden um den König nicht weitererzählen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Luh, in etwa einem Monat , am 28. April, öffnet  im Neuen Palais im Park Sanssouci in Potsdam die Ausstellung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg „Friederisiko“ ihre Pforten. Warum dieses Wortspiel? 

Dr. Luh: Weil Risikobereitschaft ein wesentlicher Charakterzug Friedrichs gewesen ist. Es war für ihn beispielsweise riskant, sich gegen seinen Vater aufzulehnen. Es war gewagt, ohne irgendwelche Erfahrung und Kenntnisse 1740 in den Krieg zu ziehen - das ist bei Mollwitz dann ja auch fast schief gegangen. Ähnliches kann man mit Recht auch für 1756 sagen, als er in Europa den Siebenjährigen Krieg begann. Seine Geldpolitik im Krieg war ebenfalls sehr gewagt. Zudem: Wir wollen in der Ausstellung das Risiko eingehen, die Legenden um den König nicht weiterzuerzählen. Und schließlich kommt hinzu: der Titel soll Aufmerksamkeit erzeugen und hat ja auch große Aufmerksamkeit hervorgerufen. Man spricht über ihn , denkt über ihn nach, bezieht Position. Das ist für das Thema "Friedrich" und die Ausstellung sehr positiv.

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Dr. Jürgen Luh, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg, Generaldirektion, Wissenschaft und Forschung

"Hauptkurator der Ausstellung ist Friedrich selbst"

L.I.S.A.: Was werden die Besucher in der Ausstellung mit dem Leitmotiv „Risiko“ zu sehen bekommen? Welches Friedrichbild soll transportiert werden? 

Dr. Luh: Die Ausstellung im Neuen Palais wird in 70 Räumen elf Themen behandeln und im Park den friderizianischen Garten in zehn Stationen. Hauptkurator ist Friedrich selbst, denn die Themen leiten sich aus seinen Gedanken, Ansprüchen und Leistungen ab, die in Gestaltung und Ausstattung des Neuen Palais eingeflossen sind. Wir machen sie dem Besucher nur deutlich und heben sie durch rund 400 herausragende, zusätzliche Exponate hervor. Themen sind beispielsweise "Risiko und Ruhm", "Körper und Seele", "Horizonte", "Europa und die Welt" oder "Entwicklungspolitik". Der Besucher wird sich seinen Weg durch das Schloss und die Themen, die er zuerst sehen mag, selbst wählen können. Etwas Besonders ist: Ein Drittel Schlossräume wird er überhaupt zum ersten Mal erleben.

"Für Maria Theresia war er nur 'der böse alte Mann'"

L.I.S.A.: Das Friedrichbild wurde nicht zu allen Zeiten in schillerndsten Farben gemalt. Heute wird er als Friedrich der Große gefeiert. Seine Zeitgenossen sahen es aber wohl anders, oder?

Dr. Luh: Die meisten Zeitgenossen eigentlich nicht. Friedrich hat sich den Beinamen "der Große" zwar selbst zusprechen lassen, doch hat dieser sich seit dem Siebenjährigen Krieg durchgesetzt, dank der preußischen Propaganda, aber auch weil Verbündete und Gegner, Briten und Franzosen, den König mit diesem Beinamen ansprachen. Auch dies wird in der Ausstellung zu sehen sein. Für Maria Theresia allerdings blieb Friedrich immer nur der Zweite oder der "böse alte Mann". 

"Friedrich II. konnte man nach seinem Tod für fast alles einspannen"

L.I.S.A.: Friedrich II. wird seit dem 19. Jahrhundert als historisches Vorbild geehrt. Selbst die DDR feierte in den 1980er Jahren das Friedrichjahr. Woran liegt das, dass die historische Figur für die unterschiedlichsten Positionen stehen kann?

Dr. Luh: Friedrich war so geschickt, in seinen Äußerungen Anknüpfungspunkte für im Grunde jeden Standpunkt zu liefern. Deshalb auch die immer wieder zitierte Widersprüchlichkeit. So konnte man ihn - ohne dass er sich dagegen wehren konnte - nach seinem Tod für fast alles einspannen. Für Politisches: gegen Napoleon, für ein deutsches Reich unter preußischer Führung; für Unsinnges, aber Populäres: als Kartoffelkönig, neuerdings soll er ja  laut Fernsehmacher höchstselbst die Stampfkartoffeln erfunden haben; für ein herausragendes Arbeitsethos, wobei man gern ignorierte, dass Friedrich sich doch viel Zeit für Vergnügungen nahm: ausgedehnte Essen, Musik, Unterhaltungen.

"Mit den Deutschen hatte Friedrich II. es nicht so"

L.I.S.A.: Friedrich gilt vor allem als bedeutender deutscher König. Hätte sich denn Friedrich selbst als Deutscher bezeichnet? 

Dr. Luh: Nein, das hätte er nicht. Mit den Deutschen und mit dem Deutschen hatte er es nicht so. Als Volk mit Esprit, den er so sehr liebte, hat Friedrich seine Untertanen und die "Deutschen" überhaupt nicht gesehen. Dass er die Entwicklung der deutschen Literatur verpasste, ist weit bekannt. Esprit, Geist, literarischer Fortschritt, Philosophie kamen für ihn aus Frankreich. Deren Basis war in Friedrichs Augen die Antike, von der er meinte, sie hätte in "Deutschland" keine Spuren hinterlassen und nicht nachgewirkt.

L.I.S.A.: Was ist in diesem Jahr an Feierlichkeiten und Ausstellungen noch zu erwarten?

Dr. Luh: Die kleine aber feine Ausstellung "Friedrich ohne Ende" in Schloss Rheinsberg vom 04. August bis zum 28. Oktober, die Ausstellung "Friedrich und Potsdam" im Potsdam Museum oder die Ausstellung "König und Kartoffel" im Haus der Brandenburgisch Preußischen Geschichte - und vieles mehr. Ausführlich informieren die websites www.friedrich300.de und www.friederisiko.de.

Dr. Jürgen Luh hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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