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Georgios Chatzoudis | 27.10.2011 | 3557 Aufrufe | Interviews

"Freude in Südostasien über Arabischen Frühling"

Interview mit Prof. Dr. Claudia Derichs

Die arabische Welt befindet sich im Umbruch, der Islam wird bei der poltischen Restrukturierung eine Rolle spielen. Die Wahl in Tunesien hat gezeigt, dass mit dem politischen Islam zu rechnen sein wird, in Libyen hat der Übergangsrat jüngst angekündigt, die Scharia zur Grundlage der neuen Rechtsordnung zu machen.

Eine ganz andere Region der Erde, in der der Islam auch stark verwurzelt ist, hat den "Arabischen Frühling" in einer gewissen Weise schon vor mehr als zehn Jahren "vorgelebt": Südostasien. Sind da Parallelen erlaubt? Welche Rolle hat der politische, religiöse und kulturelle Islam während und nach dem Umbruch beispielsweise in Indonesien gespielt?

Wir haben die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Derichs von der Philipps-Universität Marburg gefragt. Sie ist Expertin die Politik des Nahen und Mittleren Ostens, Ost- und Südostasiens sowie für den politischen Islam und gender-bezogene Politikwissenschaft.

Zurzeit unternimmt Frau Prof. Dr. Claudia Derichs eine mehrwöchige Forschungsreise in Südostasien mit Aufenthalten in Singapur, Indonesien, Malaysia und den Philippinen. Wir haben Sie per E-Mail erreicht.

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Prof. Dr. Claudia Derichs, Professur für Vergleichende Politikwissenschaft, Philipps-Universität Marburg

L.I.S.A.: Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren als Politikwissenschaften sehr intensiv zu Südostasien. Was interessiert Sie an dieser Region besonders und wie passt sie in Ihr Forschungsprofil?

Prof. Derichs: Die Region Südostasien ist politisch höchst interessant. Wir finden in dieser Region nahezu alle "System-" oder "Regimetypen" (von Diktatur bis Demokratie), alle Weltreligionen, eine enorme kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt sowie eine erhebliche Bandbreite an Entwicklungserfahrungen (von sehr armen Entwicklungsländern wie Burma/Mynamar bis hin zu sehr fortschrittlichen, reichen Ländern wie beispielsweise Singapur).

Diese Vielfalt ist aus politikwissenschaftlicher Perspektive in vielerlei Hinsicht von großem Interesse - sei es in Bezug auf Fragen, die auch in Deutschland eine große Rolle spielen ("Wie kann religiöse und kulturelle Integration politisch gefördert werden?"), oder eben Fragen, die in Zeiten eines Umbruchs, wie wir ihn derzeit in der arabischen Welt erleben, von Bedeutung sind (also Fragen der politischen Transformation).

In mein eigenes Profil passt sich dies bestens ein, denn ich habe meinen akademischen Weg als Übersetzerin für die Sprachen Japanisch und Arabisch begonnen, d.h. ich bin von jeher sehr "interkulturell" unterwegs gewesen und halte dies auch in der heutigen Welt für eine wichtige Ressource in Forschung und Lehre.

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Karte von Südostasien

L.I.S.A.: Der Islam ist in Südostasien schon seit Jahrhunderten verwurzelt. Was unterscheidet die islamischen Gesellschaften Südostasiens von denen der arabischen Welt?

Prof. Derichs: Indonesien stellt den Staat mit der höchsten Anzahl an Muslimen weltweit dar. Dies wird häufig ausgeblendet, weil beim Stichwort "Islam" der Fokus doch immer (noch) stark auf die arabische Welt gerichtet ist. In Südostasien sprechen wir allgemein von einem "moderaten", sehr pluralistisch ausgerichteten Islam.

Doch dies ist nur eine Seite der Medaille - wenngleich die, die in aller Regel hervorgehoben wird, um den südostasiatischen vom arabischen Islam zu unterscheiden. Die andere Seite der Medaille besteht in einer zunehmenden Radikalisierung des Islam in Südostasien; die Anschläge auf der Ferieninsel Bali stehen quasi symbolisch dafür. Die Gesellschaften selbst versuchen dies teilweise auszublenden und als "eine kleine radikale Minderheit" darzustellen, doch es sollte nicht unterschätzt werden, dass diesen Minderheiten auch irgendwo der "geistige Boden" bereitet worden ist.

Insofern stimmt es, dass die Mehrheit der Muslime in der Region Südostasien tolerant, offen und moderat eingestellt ist, aber es stimmt ebenfalls, das Radikalisierungstendenzen allgegenwärtig und in dieser Hinsicht auch signifikante transnationale Verbindungen über die Region hinaus wirkmächtig geworden sind.

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Religionen in Indonesien

L.I.S.A.: Wie wird der Umbruch in den arabisch-islamischen Ländern in Südostasien wahrgenommen? Wie berichten die Medien darüber?

Prof. Derichs: Der Umbruch ist auch in Südostasien größtenteils ein Grund zu Freude und Sympathie mit den arabischen Reformbewegungen. Allerdings muss man auch sehen, dass die Region Südostasien mit dem Sturz der Marcos-Diktatur in den Philippinen (1986) und der Suharto-Diktatur in Indonesien (1998) auch ein wenig ein "déjà vu" wahrnimmt. Der damalige indonesische Interimspräsident Habibie beispielweise hat sich schon recht früh zu den Transformationschancen in der arabischen Welt geäußert – wohl wissend, dass eine Demokratisierung in einem Land mit religiöser Vielfalt keine so leichte Aufgabe ist.

Überdies ist Indonesien Mitglied in der "Organisation of Islamic Conference" (OIC). Auch diese Organisation stellt ein geeignetes Forum dar, um die Transformation im geschlossenen islamischen Kreis vor dem Hintergrund bereits gemachter Erfahrungen zu diskutieren - ohne großartige westlich-säkulare Einflussnahme, wenn man so will. Das entgeht uns in Europa weitgehend, fürchte ich, und führt auch unweigerlich zu realitätsfernen Prognosen und Einschätzungen.

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Flagge der "Organisation of Islamic Conference" (OIC) und Karte der Mitgliedsstaaten (dunkelgrün) und Beobachterstaaten (hellgrün)

L.I.S.A.: Machen die Umstürze in Tunesien, Ägypten und Libyen Eindruck auf die Machthaber in Malaysia und Indonesien? Könnte sich dort etwas Ähnliches abspielen?

Prof. Derichs: Nun, in Indonesien hat sich die Revolution ja 1998 bereits vollzogen. Indonesien zeigt daher eher umgekehrt einen möglichen Entwicklungspfad für die Transitionsstaaten der arabischen Welt auf. Die autoritär regierten Staaten Südostasiens sind in wachsamer Haltung, denn der Funke der Rebellion könnte ja auch ohne weiteres überspringen - vor allem angesichts der prominenten Rolle der sozialen Netzwerke (Facebook usw.). Die regierungsnahen Medien befinden sich daher in einem Balanceakt zwischen "Applaus" für den arabischen Frühling und gleichzeitiger Beschwörung der politischen Stabilität im eigenen Land.

Just vor wenigen Tagen stieß ich noch auf eine Zeitungsmeldung in Malaysia, die eine Zensur der sozialen Netzwerke als Durchsetzung nationalen Rechts verstanden wissen will - als Schutz der Bürger - und nicht als Zensur. Daran erkennt man, dass die Arabellion in einigen Staaten doch auch Anlass bietet, "vorbeugend" tätig zu werden.

L.I.S.A.: Sie haben sich auch sehr intensiv mit der arabischen Region beschäftigt. Wenn Sie eine Prognose wagen müssten, wohin wird sich der Aufbruch entwickeln? Kehren die alten Machthaber irgendwann wieder zurück und es ändert sich fast nichts? Wird der politische Islam die Oberhand gewinnen? Oder steht die Region vor einer umfassenden Demokratisierung ihrer politischen Strukturen?

Prof. Derichs: Das ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu prognostizieren. In Tunesien hatten ja viele Beobachter auf einen Erdrutschsieg der orthodox islamischen Al-Nahda bei den jüngsten Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung gewettet, doch der Wahlsieg bewegt sich bei weniger als der Hälfte der Sitze für diese Partei. Und sicher werden sich die Verhältnisse in Zukunft auch noch einmal verändern, wenn sich eine neue Parteienlandschaft etabliert hat. Insofern liegt Vieles heute im Bereich der Spekulation. Eine Politik ohne Religion halte ich indes für eine illusorische Vorstellung. Die westliche Welt hat lange genug die Augen davor verschlossen, dass Religion eine äußerst determinierende Rolle für politische Prozesse einnimmt (das gilt für die USA genauso wie für Israel, Palästina, Polen, die Philippinen und viele andere Staaten auf der Welt). Insofern ist "Islam" nicht wegzudenken aus dem politischen Geschehen in der arabischen Welt.

Die Gretchenfrage ist vielmehr, inwieweit es den neuen politischen Machthabern - und ich würde mir wünschen, dass in diesen Reihen beide Geschlechter vertreten wären! - gelingen kann, Toleranz und Pluralismus zu verinnerlichen und diesen Gedanken auch auf die Bevölkerungsmehrheit zu übertragen. Ein Zurück-zu-Punkt-Null wird es nicht geben, aber jenseits dieses Befundes wage ich kaum eine Prognose.

Prof. Dr. Claudia Derichs hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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