Register
bookmark
Jens Holger Jensen | 12/21/2017 | 1204 Views | 4 | Articles

Frankfurt-Sachsenhausen näher betrachtet:
Hans-Thoma-Straße 10 - Johann Theodor Wolfensperger

Lebensstationen in der Schweiz und Deutschland als Bankdirektor, Hausbesitzer, Großaktionär, Schweizerischer Honorarkonsul und Freund der Malerin Ottilie W. Roederstein


Google Maps

In der Schweiz

Als im Jahr 1920 die Malerin Ottilie Wilhelmine Roederstein ein Porträtgemälde von Anna Elisabeth Wolfensperger angefertigt hatte wurde der Bankdirektor Theodor Wolfensperger in Frankfurt am Main zum Schweizer Honorarkonsul ernannt.

Am 28. April 1871 kam Johann Theodor als zweitgeborener Sohn von Johannes und Magadalena Wolfensperger (geb. Basler) in Mönchaltdorf (Kanton Zürich, Bezirk Uster) in der Deutschschweiz auf die Welt. Sein am 13. Juli 1868 geborener Bruder Heinrich starb bereits am 25. August 1887.

Der Bankangestellte Theodor Wolfensperger heiratete am 27. Oktober 1904 Anna Elisabeth "Setti" Weidmann (geb. am 23. April 1881).

Der Frankfurter Bankdirektor

Zoom

Mitteilung der Mitteldeutschen Creditbank über die Bestellung von Theodor Wolfensperger als neues Vorstandsmitglied.

Im Alter von 26 Jahren ernannte ihn die Schweizer Kreditanstalt 1907 zu ihrem Vizedirektor. Er hatte diese Position bis zu seiner Bestellung zum Direktor und Vorstand der Mitteldeutschen Creditbank im Jahr 1916 inne. Am 1. Mai 1916 trat er seine neue Position in Frankfurt am Main an.

Die 1856 im Meiningen (Thüringen) gegründete Mitteldeutsche Creditbank hatte zum Zeitpunkt ihrer Verschmelzung mit der Commerz- und Privat-Bank, Anfang 1929, bereits eine wechselvolle Geschichte. Diese war von Anfang an mit Frankfurter Bankiers verknüpft, Wilhelm Friedrich Jäger, S.M. Schwarzschild und J.J. Weiller und Söhne. 1886 verlegte die Mitteldeutsche Creditbank ihren Hauptsitz nach Frankfurt am Main, in die Neue Mainzer Straße 32. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu Fusionen mit anderen Bankhäusern. 1898 mit B. Berlé in Wiesbaden, ein Jahr später mit S. Pflaum & Co. in Nürnberg und 1906 mit Aron Heichelheim in Gießen. Das Münchner Bankhaus Bernhard Weinmann wurde 1910 übernommen und im gleichen Jahr eine Beteiligungen am schwäbischen Bankgeschäft von Siegmund Weil (Tübingen, Hechingen) vereinbart. Weitere Geschäftsausdehnungen fand 1914 im norddeutschen Raum (Hannover, Hildesheim, Uelzen), in Nordhessen (Alsfeld), in Baden-Baden (Meyer & Diss), Karlsruhe (Alfred Seligmann & Co.), in Mainz (Weis, Herz & Co.) und 1915 in Berlin (Bankhaus Emil Ebeling) statt. Während der Vertragslaufzeit von Theodor Wolfensperger wurden mit dem Hanauer Bankgeschäft von J. Benjamin und Gebr. Fürth sowie L. Hess & Söhne in Köln Fusionen vereinbart. 1918 folgte das Bankhaus Gebr. Klopfer in Augsburg um 1920 mit der Übernahme des Bankgeschäftes E. Ahlenfeld & Co. nach Magedeburg vorzudringen. Diese enorme Expansion der Mitteldeutschen Creditbank fand 1922 mit einer Ausdehnung nach Königsberg ihren Höhepunkt. Hauptniederlassungen waren inzwischen aber Frankfurt am Main und Berlin. Infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung musste ab 1923 das Filialnetz verkleinert werden. Die sich verstärkende Bankenkonzentration führte schließlich zur Verschmelzung mit der Commerz- und Privatbank und 1932 mit dem Barmer Bankverein. 

* * *

Zoom

Die Villa in der Georg-Voigt-Straße 6 (ehemals: Roonstraße 6)

Das Ehepaar Wolfensperger bewohnte in der Frankfurter Roonstraße 6 ¹ (seit 1947: Georg Voigt-Straße 6 ²) offenbar eine Wohnung die ihnen von der Mitteldeutschen Creditbank vermittelt, wenn nicht sogar als Dienstwohnung zur Verfügung gestellt wurde. Diese Vermutung ist naheliegend, da in der offiziellen Mitteilung der Bank ausdrücklich bereits von einem Frankfurter Wohnsitz die Rede ist. Die repräsentative Villa existiert bis heute. Sie befindet sich in der nordwestlichen Ecke des Frankfurter Westendes, nur rund 300 Meter vom Messegelände und der Festhallte entfernt. Es handelt sich um eine der sogenannten "Professoren-Villen" in unmittelbare Nähe zum alten Universitätscampus.

1 Albrecht Theodor Emil von Roon, preußischer Generalfeldmarschall und Politiker, Mitarbeiter von Otto von Bismarck. Er wurde am 30. April 1803 in Pleushagen bei Kolberg geboren und er starb am 23. Februar 1879 in Berlin. Er war zeitweise preußischer Kriegs- und Marineminister. Für seine Verdienste wurde er 1871 in den preußischen Grafenstand berufen und er war später  Mitglied im preußischen Herrenhaus. Als König Wilhelm von Preußen, zu dessen engeren Bekanntenkreis er gehörte, im Kampf um die Heeresreform aufgeben wollte, schickte Roon an Bismarck am 18. September 1862 ein denkwürdiges Telegramm mit dem Satz: "Gefahr im Verzug! Beeilen Sie sich!". Das Telegramm veranlasste Bismarck, von seinem Pariser Botschafterposten nach Berlin zurückzukehren, wo der König ihn zum Ministerpräsidenten ernannte.

2 Georg Philipp Wilhelm Voigt war als Nachfolger von Franz Adickes von 1912 bis 1924 Frankfurter Oberbürgermeister. Voigt wurde am 16. September 1866 in Klein-Schellmühl bei Danzig geboren. Er starb am 13. April 1927 in Marburg. Theodor Wolfensperger hat sich 1920, nach seiner Ernennung zum Honorarkonsul, auch bei dem OB Georg Voigt vorgestellt. 

Die Malerin Ottilie W. Roederstein

Ottilie W. Roederstein verlegte 1891 ihren Lebensmittelpunkt von Zürich nach Frankfurt am Main und später (1909) nach Hofheim am Taunus, wo sie zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Lebensgefährtin Dr. med. Elisabeth Hermine Winterhalter auf einem 1907 erworbenen Grundstück ein eigenes Haus mit Atelier errichtet hatten. O. W. Roederstein wurde am 22. April 1859 in Zürich als zweite Tochter des dort tätigen deutschen Kaufmanns Reinhard Roederstein und dessen Ehefrau Alwina geb. Braun geboren. Die Familie stammte aus dem Rheinland, von wo sie 1857 nach Zürich übersiedelte. Reinhard R. vertrat von dort aus ein Barmer Textilunternehmen in der Schweiz, Italien und Süddeutschland. Wie der von Frau Dr. Barbara Rök 1997 verfassten und 1999 im Jonas-Verlag veröffentlichten Dissertationsschrift zu entnehmen ist, stieß ihr Berufswunsch, Malerin zu werden, insbesondere bei ihrer Mutter zunächst auf große Ablehnung. Nach längeren innerfamiliären Kämpfen willigte letztendlich der Vater ein und die Tochter konnte in Zürich eine Ausbildung bei dem Maler Eduard Pfyffer beginnen. Für diese Einwilligung war der gewählte Ausbildungsort von großer Bedeutung, denn die angehende Künstlerin blieb so zunächst in der Obhut der Familie.

Der schweizerische Konsul (für die Provinz Hessen-Nassau, das Grossherzogtum Hessen und die Rheinprovinz)

Zoom

Im Januar des Jahres 1920 übermittelte die Schweizerische Gesandtschaft in Berlin dem Chef des Konsulardienstes des Eidgenössischen Politischen Departements in Bern eine erbetene Stellungnahme des Präsidenten der Schweizer-Gesellschaft in Frankfurt am Main, Pfarrer M. Correvon. Die Stellungnahme betraf den Vorschlag, Herrn Direktor Wolfensperger zum Konsul und Herrn Emil Deluz zum Vizekonsul zu wählen. Nachdem sowohl die „Handelsabteilung als auch der Vorort“ sich dem Vorschlag angeschlossen hatten, erfolgte am 29. März 1920 ein entsprechender Antrag an den Schweizer Bundesrat, dem am 6. April 1920 entsprochen wurde.

* * *

Zunächst blieb die Staatsangehörigkeit des Hausbesitzers unklar und welchen Bezug oder Verbindung dieser nach Frankfurt am Main hatte. Das sich hinter der Abkürzung „Th“ ein Theodor verbarg ließ sich im vorderen Teil der Adressbücher klären. Dort kann nach dem Nachnamen gesucht werden, dem stets auch der voll ausgeschriebene Vornamen beigefügt war. Damit war eine Frankfurter Melde- und Wohnadresse des Bankdirektors gefunden. Jedoch nur in den Jahren von 1920 bis 1922.

Der Eintrag des Jahres 1920 lautete:

Wolfensperger, Theodor, Bankdirektor, Roon-Straße 6 (Tel. Taunus 3261)

* * *

Zoom

Eine handschriftliche Notiz mit der aufgeklebten Visitenkarte von Konsul Wolfensperger. Der Verfasser der Notiz ist unbekannt.

In einem Dossier des Schweizer Bundesarchivs, über das Konsulat der Schweizerischen Eidgenossenschaft, findet sich eine handschriftliche Notiz mit einer aufgeklebten Visitenkarte von Herrn Wolfensperger. Dieser war wohl gemeint, wenn dort "Sehr tüchtig; guter Patriot!" steht. Wer die Priorisierung vorgenommen hat, ist leider ebenso wenig ersichtlich, wie der Verfasser der Notiz. Der unter Pkt. 3 "betr. Hauskauf" könnte auf den Kauf einer Frankfurter Liegenschaft durch Herrn Wolfensperger hinweisen. Der mit "Frankfurter Zeitung 8.9.1920 - Der bad. Bahnhof" unter Pkt. 1 vermerkte Zeitungsartikel dürfte für den Konsul und die Schweizer Behörden insgesamt ein ganz besonderes Ärgernis gewesen sein und deshalb zu dieser Priorisierung geführt haben. Vermutlich wurde eine Berner Regierungsbehörde durch den Konsul Wolfensperger aus diesen Artikel aufmerksam.

Frankfurter Zeitung vom 9. August 1920 "Badischer Bahnhof"

O du ahnungsloser Reisender der du - vorwärts mit frisch an Mut- von Frankfurt nach Basel fährst! Freust dich mit Recht auf die große, bequeme, saubere Stadt voller Schönheiten für die Augen und ungewohnter Genüsse für Zunge und Magen: Butter, Milch, Eier, Käse ... weiße Linnen auf Tisch und Bett. Das ist das Leitmotiv deiner dort erfüllten Wünsche. Du, lieber Reisender, hast wohl nur so nebenbei vernommen, daß man, von Freiburg i. Br. kommend, auf dem B a d i s c h e n  B a h n h o f, auf einer noch badischen Landzunge aussteigen muß und seit dem Kriege zwei Torbons von Helden in Helm und Käppi, mit strengen forschenden Blicken, zu passieren hat. Du bist ein harmloser Mann, führst gegen die Schweiz nichts Böses im Schilde, hast nur dein teuer erkauftes Schweizer Geld in der Brusttasche und deine deutsche Reservebarschaft irgendwo anders, bringst keine strafbare Margarine noch ein Stückchen unheimlicher deutscher Wurst mit. Dein Gewissen ist ruhig, dein Mund aber durstig, die Zunge klebt am Gaumen, von den Schläfen tropft es. 36 Grad im Schatten - und den gibt es nicht einmal, denn die deutschen Wagen haben keine Fenstervorhänge mehr, und du hast sieben Stunden ohne Erquickungstrost gebraten.

Badischer Bahnhof - aussteigen!

Im Hammelherdenschritt geht's durch kalkgetünchte Mauern mit glühendem Glasdach. Halt! Einer nach dem Anderen! Kaum haben wir's bemerkt, da sind wir schon in einem engen, von rohen Holzplatten abgegrenzten Gang, dicht aneinandergedrängt. Durch das Glasdach sticht die Sonne, der Schweiß rinnt. Ein Mann in Uniform mitleidslos, steif, hebt die Holzlatte, die immer nur Zwei, vielleicht-Drei, durch energischen Schub von hinten angetrieben, passieren dürfen. Auf einem Brett ist ein Plakat angebracht mit der Aufschrift: "Pässe bereit halten!". Ja, wir halten sie fest umklammert, die schwer errungenen Paßheftchen. Vorsichtig streckt man den Kopf seitwärts außerhalb der Holzlatte, um zu erspähen, was aus den zwei glücklichen Vordermännern geworden ist. Sie stehen da unten vor einem langen Tisch, der mit behelmten Soldaten besetzt ist. Brieftaschen werden beschnuppert, Pässe durchgeblättert. Dann verschwinden die mit geöffnetem Handgepäck hinter einer Wand, bleiben dort ein Weilchen und wandern schließlich in eine große, öde, im Bau begriffene Halle, wo sie wieder vor einem langen. diesmal von Schweizer Kriegern besetzten Tisch verhört werden. Wenn diese Verdächtigen freigesprochen sind, folgen die nächsten aus der langen elend harrenden Reihe übermüdeter Reisenden.

In meiner Nähe befand sich ein älteres Ehepaar, daß ich schon in Frankfurt hatte in die Bahn steigen sehen. Der Herr - anscheinend Franzose- ein ehrwürdiger Künstlerkopf, friedlich und freundlich gesonnen, aber sichtlich besorgt um seine bleiche Frau die sich kaum aufrecht halten konnte. Ihr Haar, wohl einst gewellt, hing in feuchten Strähnen unter dem eleganten Hütchen hervor. Das Gesicht ist Leichenfarben, sie wankt. Eine dicke Reisetasche und der Korb einer Frau vom Lande bohren sich ihr von hinten in Rücken und Knie und pressen die dicht gegen eine vor ihr stehende Leidensgefährtin in durchschwitzter rotseidener Bluse. Sie blickt verzweifelt ihren Mann an; der zuckt die Achseln. Da hörte ich, wie die Leidende ein gut deutsches: "O Gott, ot Gott, ich werde ohnmächtig!" hervorstößt. Der alte Herr stützt sie.

Eine neue Stoßwelle bringt mich dem Paar ganz nahe. Die alte Dame in ihrem vornehmen grauen Reisekleid sieht mich mit einst vielleicht schönen Augen wie hilfesuchend an. Ich drücke diskret mein Bedauern über ihre Qualen aus. Im Nebengang huscht ein junges Fräulein mit einem Passierschein lächelnd an uns vorüber. Hinter ihr senkt sich sofort die Barriere wieder. Die Dame in Grau sagt in anheimelnden Tonfalle: "Warum kommt die denn durch?". Ich denke bei mir: "Vorortverkehr".

Bald darauf war ich unfreiwilliger Zeuge einer Auseinandersetzung über das Verhältnis der deutschen Dame zu dem Franzosen. Dieser und ich wurden endlich durchgelassen. Und der Balken wollte sich, die Gatten trennend, wieder senken, als der alte Herr ihn mit einer schnellen Gebärde erfaßte und hochhielt, indem er dem Soldaten zurief: "Monsieur, ma femme!". Das wurde denn doch respektiert, und auch die Dame durfte nun doch die Sperre passieren, die hinter uns zufiel.

Aber jetzt geht's in die Halle der Eidgenossenschaft. Auch hier kahle Wände. Durch hohe Glastüren sieht man im Schein der untergehenden Sonne die Stadt Basel. Die braven Deutschschweizer mit hoch geschnallten Ledergurt und Käppi zerpflücken mit roten Händen die Pässe und mustern verständnislos die Visa. Jeder hat ein großes Blatt vor sich: die Kontrolle. Da werden mit Blei alle harmlosen Reisenden (die gefährlichen kommen selten hierher) nach Paß und Angaben aufnotiert, als könnte es sich um eine Einbrecherschar handeln, die die Schweiz ausrauben will.

Jetzt nehmen die den Paß der deutsch-französischen Dame vor. Ich sehe, wie ihnen die dicken Tropfen von der Stirn über die Nase auf den Kontrollbogen laufen. Sie werden nicht klug aus dem Lebenslauf der Paßinhaberin. Nach einigen unverständlichen Vokabeln und wütenden Blicken schreien sie herüber: "Oú étes-vous?"

"Hier!" sagt die Dame.

"Wir wollen nicht wissen, wo Sie sind" herrscht die der Schweizer an, der die Frau für taub zu halten scheint, "sondern v o n wo?"

Dann sagt man d'où", erwidert die Angeschriene. "Wir kommen von Frankfurt."

Der gesamte Grenzschutz, fünf blaue Augenpaare, blicken entsetzt auf die elende Frau.

"Sind Sie Deutsche?" ruft jetzt ein langer Magerer herüber, der die fünf Sitzenden durch besondere Intelligenz beraten soll. Darauf erwidert die Dame: "Von Geburt ja, aber verehelichte Französin."

"Was Sie von Geburt sind, brauchen wir nicht zu wissen!. Wo wohnen Sie?"

"In der Schweiz, am Genfer See."

"Verstehen sie denn nicht deutsch! Hol's der ..." brüllt außer sich der schwitzende Grenzverteidiger. "wo sind Sie hingehörig? Das müssen Sie doch wissen ... In Ihrem Alter! Sie sind doch keine Schweizerin."

Die Frau hat Tränen der Hilfslosigkeit in den Augen. Ihr Mann sucht vergeblich den Wortkampf zu begreifen. Als die Beängstigte auf die letzte Frage antwortet:

"Ich gehöre zu meinem Manne!" erschall an dem schwitzenden Kontrolltisch ein eidgenössisches Gelächter, das vielleicht nur noch durch Alphorngebläse hätte übertönt werden können. Alle sprechen durcheinander, ein Kauderwelch, kein Deutsch mehr; jeder die Sprache seines Heimatkantons. Die "Französin durch Heirat" aber starrt auf ihrem der Revision harrenden Koffer sitzend, wie abwesend auf den langen Tisch. Schließlich biete ich mich den braven Grenzwächtern an, Klarheit zu schaffen.

"Monsieur ist aus Marseille," sagt mir der eine Soldat. "Seine Frau ist aus Charlottenburg in Preußen. Halten die das für möglich?" 

"warum nicht`Vor dem Kriege konnte so etwas passieren." "Aber die hat doch keine Ortsangehörigkeit!"

"Da Madame, wie sie sagt, zu ihrem Manne gehört, ist es Marseille."

Nun nicken alle Fünf wie befreit. Im Kontrollbogen steht fünfmal "Marseille".

Der französische Herr wird gefragt: Beruf ...profession?"

"Ecrivain."

Der Soldat sagt: "Was ist das?!

Ein anderer ruft ihm zu: "Schreiber".

"Ach so! ... Bei der Post?"

"Non, privat."

Die Dame auf dem Koffer erwacht. Es wird dunkel. Man wirft kaum noch einen Blick in den Koffer aus Frankfurt. Seit unserer Ankunft in Basel sind zwei Stunden verflossen. Der französische Herr lüftet grüßend den Hit, wie zum Dank, daß ich eingeschritten bin. Wir treten auf den Platz vor dem Bahnhof. Er ist leer. Kein Wagen, kein Auto. Ein Träger bringt den schweren Koffer und stellt ihn vor die von der Vorhalle zum Platz herabführenden Stufen.

"Warten Sie nur hier, Herrschaften. Es kommt schon mal ein Wagen vorbei."

Er fordert barsch, als ob er es eilig hätte, seinen Durst zu stillen, seinen Lohn und verschwindet. Das französische Paar sieht sich verdutzt an. Als ich, zur Elektrischen hinabgestiegen, mich noch einmal umblicke, sehe ich, wie die Beiden jetzt auf dem Koffer sitzen. Der Herr zündet sich eine Zigarette an. Die Frau sieht in den stillen leeren angrenzenden Straßen ein Gefährt zu erspähen.

So im Abendschein, gleich Schiffbrüchigen, einsam auf dem Koffer sitzend, erschienen mir meine beiden Reisegenossen wie eine Monumentalgruppe für den Platz vor dem Badischen Bahnhof.

S.G.

 

Zoom

Artikel aus der Frankfurter Zeitung (Abendblatt) von Montag den 9. August 1920.

* * *

Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte (ISG) befindet sich eine Akte mit einem Schriftverkehr, vom Oktober 1920, zwischen Konsul Wolfensperger und dem Städtischen Arbeitsamt. Durch diese Schriftsätze gewinnt man einen Eindruck davon mit welchem Selbstbewusstsein der zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate amtierende Konsul mit dem Städtischen Arbeitsamt kommunizierte. 

Ein Mitarbeiter des Arbeitsamtes hat nach einem Gespräch mit dem Konsul und dem Kanzler des Konsulats eine Gesprächsnotiz angefertigt, die Th. Wolfensperger nicht im besten Licht erscheinen lässt.  Diese Notiz ist allerdings nicht frei von Polemik und einem gewissen Trotz des Städtischen Bediensteten.

Das im vorstehenden handschriftlichen Blatt, vermutlich auf den Konsul gemünzte Lob „sehr tüchtig; guter Patriot!“, findet in dieser Niederschrift durchaus eine Bestätigung. Jedenfalls dann, wenn man es aus einer Schweizer Perspektive betrachtet. Man kann aber auch schlicht feststellen, er hat seine Aufgabe erfüllt.

* * *

Das Frankfurter Konsulat der Schweizerischen Eidgenossenschaft hat sich mindestens seit dem 6. Juli 1920 für die in Hofheim am Taunus ansässige Malerin O. W. Roederstein und deren Bankgeschäfte vermittelnd eingesetzt. Sie hatte 1902 die Schweizer Staatsangehörigkeit erlangt, um die sie sich aktiv bemüht hatte. Der Schriftverkehr zwischen dem Frankfurter Konsulat und der Schweizer Gesandtschaft in London und der englischen Bank betraf den Wunsch von „Fräulein Roederstein“ deren Aktiendepot von der Frankfurter Filiale der Diskont-Gesellschaft auf die Londoner Filiale des gleichen Instituts zu übertragen. Die Briefe wurden fast ausnahmslos von Konsul Wolfensperger unterzeichnet. Der letzte Brief der von ihm in dieser Angelegenheit geschrieben worden war ist auf den 22. März 1922 datiert. Als Schweizer Staatsbürger, mit einem für lange Zeit gleichen Wohnort Zürich, dürften sich beide vor diesem Schriftverkehr persönlich gekannt haben. Soweit das dem im Schweizer Bundesarchiv aufbewahrten Dossier entnommen werden kann, erstreckten sich diese Bemühungen bis zum Mai 1924 und waren letztendlich nicht erfolgreich. In der Folge des Ersten Weltkriegs wurden einzelne Aktienpakete unter amerikanischen Aufsicht (Custodian in Washington) nicht mehr frei gehandelt, weshalb offenbar die für eine Depotübertragung notwendigen Bescheinigungen nicht beigebracht werden konnten.

* * *

Am 5. Mai 1922 teilte Theodor Wolfensperger dem Schweizer Bundesrat Giuseppe Motta, als Chef des Eidgenössischen Politischen Departements mit folgenden Worten mit, dass er seinen Posten als Konsul in Frankfurt verlassen wird.

„Hochgeachteter Herr Bundesrat!

Ich beehre mich, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass ich infolge einer Berufung in das Direktorium der Eidgenössischen Bank A.G. in Zürich, Frankfurt verlassen und deshalb das Amt des Schweizerischen Konsuls hier niederlegen muss. Ich bitte Sie dementsprechend sich um den von mir übernommenen Pflichten entbinden zu wollen.

Ich erlaube mir gleichzeitig die Kandidaten zu nennen, die nach meiner Kenntnis der Verhältnisse und den Erkundigungen, die ich eingezogen habe, für meine Nachfolge in Frage kommen könnten:

  1. Herr Dr. Georg C. Du Bois, Direktor der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt & Mitglied des Aufsichtsrates der Metallbank & Metallurgischen-Gesellschaft in Frankfurt am Main.
  2. Herr Paul Häflinger, Direktor der kaufmännischen Abteilung der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron.
  3. Herr Ferdinand I. Spoerri, Zürich“

In den ausführlichen Vorstellungspassagen der einzelnen Kandidaten wird auch den erwarteten steuerlichen Sonderbehandlungen Ausdruck verliehen. Diese Unverschämtheiten werden nicht verklausuliert, sondern klar und direkt angesprochen, so als wäre das eine absolut übliche Angelegenheit, die es in diesen Kreisen vielleicht sogar war.

Die drei Herren sollten bei meinen weiteren Recherchen, in unterschiedlichen Zusammenhängen, noch einmal auftauchen. Dr. George C. Du Bois trat 1923 die unmittelbare Nachfolge von Konsul Wolfensperger an. Auf Herrn Du Bois folgte später  Paul Häflinger, der sein Amt als Schweizerischer Honorarkonsul 1938 aufgab. 

Der Frankfurter Hausbesitzer

Bei meiner Auswertung der Frankfurter Adressbücher im Projekt Die Straßen rund um das Städel bin ich als ehemaliger StadtteilHistoriker in der Hans-Thoma-Straße auf den Hauseigentümer Th. Wolfensperger gestoßen. Der dort über einen verhältnismäßig langen Zeitraum (1925 - 1960) vermerkte Hausbesitzer wurde stets mit dem Wohnort "Zürich" genannt.

 

* * *

Zoom

Die Fassade des bei einem Luftangriff am 12. 09.1944 völlig ausgebrannten Hauses Hauffstraße 4 (heute: Wilhelm-Hauff-Straße)

In den Frankfurter Adressbüchern taucht im Jahr 1921 Theodor Wolfensperger bei zwei Liegenschaften als Eigentümer auf. Die im Westend (Hauffstraße 4) und im Nordend (Auf der Körnerwiese 5) gelegenen Mietshäuser waren demzufolge bereits in seinem Besitz als er ein Jahr später das Mietshaus in der Sachsenhäuser Hans-Thoma-Straße erworben hatte.

Zoom

Auf der Körnerwiese 5

Zoom

Hans-Thoma-Straße 10

Zoom

Nesenstraße 9

Im Adressbuch des Jahres 1922 wird Th. Wolfensperger dann bereits als Besitzer von sechs Mietshäusern genannt. Es kam noch ein Mietshaus in der Nesenstraße 9, einer Seitenstraße der Wolfsgangstraße und zwei Mehrfamilienhäuser in der Wolfsgangstraße (Nrn. 85 und 89) hinzu.

Zoom

Zoom

Wolfsgangstraße 85

Zoom

Wolfsgangstraße 89

Zoom

Wolfsgangstraße 87

Die ursprünglichen Eigentümer der Liegenschaften in der Wolfsgangstraße waren die Erben von Isaac Weill. Der Hausbesitz der Weill Erben umfasste auch das Gebäude Wolfsgangstraße 87. Alle drei Gebäude wurden an Schweizer Staatsbürger verkauft. Neben Th. Wolfensperger war das der Kaufmann Ferdinand Spörri. Hier also taucht ein erster Name aus der vorgenannten Vorschlagsliste für das Schweizerische Konsulat auf. Wenn man die Adressbücher jährlich durchschaut, fällt auf, dass im Jahr 1927 das Haus Wolfsgangstraße 87 von F. Spörri gekauft worden sein muss, denn nun wird Th. Wolfensperger als Hausbesitzer dieser drei nebeneinanderliegenden Liegenschaften genannt. Das bleibt so bis zum Jahr 1936. Nur im Jahr 1937 wird dann als Hausbesitzer der Name „Spoerle, Hausbesitzer (Zürich)“ erwähnt. Ab 1938 „L. Wolfensperger, General-Direktor (Zürich)“ für die drei Häuser in der Wolfsgangstraße. 1939 wird dann für die Nummer 87 ein im Saarland wohnhafter Eigentümer mit dem Namen „Leyser“ aufgeführt. Ich bitte die Vor- und Nachbesitzer der hier genannten Liegenschaften der nachstehenden Tabelle zu  entnehmen.

 

Tabelle mit der Eigentümerstruktur (1917 - 1971/72) der Frankfurter Liegenschaften die zeitweise im Besitz von Theodor und Elisabeth Wolfensperger waren (76.64 KB)

* * *

Der Schweizer Bankdirektor als Bauherr und Großaktionär

Das 1922 nach Zürich zurückgekehrte Ehepaar Wolfensperger lebte dort zunächst in einer Mietwohnung (Adressbuch der Stadt Zürich, 1923) in der Tödistraße 7. Das Adressbuch der Stadt Zürich für das Jahr 1915 kennt in der Tödistraße 7 eine Großbuchbinderei G. Wolfensperger, möglicherweise bestand hier eine verwandtschaftliche Beziehung. Nach ein paar Jahren zog das Ehepaar W. in eine ab 1927 erbaute eigene Villa in Zürich. Die Liegenschaft bot damals und bietet bis heute einen wunderbaren Blick auf die Stadt, den Zürichsee und die schneebedeckten Berge. Der heute vollständig bebaute Berghang gehört zum Stadtteil Fluntern, der 1893 als Dorf in die Stadt Zürich eingemeindet wurde.

Diese Villa wechselte bereits im Jahr 1938 den Eigentümer. Das Ehepaar Wolfensperger verkauft das Haus an eine "Immobilien-Gesellschaft Maienburgweg A.G.", behielt darin aber ein lebenslanges Wohnrecht. Diese Angaben decken sich mit Adressbucheinträgen und mit Ausführungen aus einem im Jahr 1946 erstellten Revisionsbericht:

„Internationale Gesellschaft für Chemische Unternehm. A.G.  (I.G. CHEMIE Basel)   (bzw. seit 19.12.45 Internationale Industrie- und Handelsbeteiligungen A.G., Basel)“

*********                                                                                                                                         Bankhaus H. Sturzenegger & Cie., Basel  (ehemals Ed. Greutert & Cie., Basel)

 

In diesem Bericht wurde neben Theodor Wolfensperger und Eduard Greutert unter anderem auch George C. Du Bois erwähnt. Diesen Herrn Du Bois setzte Herr Wolfensperger im Jahr 1922 auf die vorher erwähnte Vorschlagsliste für seine Nachfolge als Schweizer Konsul.

kompletter Revisionsbericht (http://dodis.ch/9266) (35.01 MB)

Auszug aus dem Revisionsbericht, Betreff: Dr. Georges C. Du Bois, Peseux/Neuch.

Auszug aus dem Revisionsbericht, Betreff: Theodor Wolfensperger, Zürich

Auszug aus dem Revisionsbericht, Betreff: Eduard Greutert, Basel

* * *

In einem 1998 im Franz Steiner-Verlag von Hans Pohl herausgegebenen und von Stefanie Knetsch verfassten Buch „Metallbank - Das Bankinstitut der Metallgesellschaft 1906 bis 1928“  wird Eduard Greutert in einer Fußnote wie folgt erwähnt:

Seite 113 

Eduard Greutert, wohnhaft in Basel, war seit der Gründung der Schweizerischen Gesellschaft für Metallwerte ein Geschäftsfreund der Familie Merton. Von 1912 bis 1919 war er stellvertretendes Vorstandsmitglied der Metallbank und Metallurgischen Gesellschaft. Hans Achinger: Richard Merton, S. 140; Achinger: Wilhelm Merton, S. 377. Nähere biographische Angaben zu Eduard Greutert sind nicht zu ermitteln.

* * *

Mit dem Erlös aus dem Zürcher Hausverkauf finanzierte Th. Wolfensperger den Kauf eines großen Aktienpakets an der Industriebank A.G.

Der in der Schweiz lebende Journalist Shraga Elam recherchierte für das 1997 erschienene Buch „Die Schweiz am Pranger“ auch über Theodor Wolfensperger. Der Untertitel seines Buchkapitels lautet: "Wie das Auslandsvermögen der "I.G. Farben" ins Eigenkapital der "Schweizerischen Bankgesellschaft" kam.

Herr Elam schrieb darin u.a. wie folgt: 

„... Im Fall der "I.G. Farben" war zwar Hermann Schmitz zunächst selbst der Präsident, wurde später durch seinen in der Schweiz ansässigen Schwager Albert Gadow ersetzt. In zweiter Position kamen lokale Vertrauensmänner zum Zug, im konkreten Fall vor allem Eduard Greutert, sein Schwager August und dessen Sohn Walter Germann, Hans Sturzenegger und Felix Iselin.

Letzterer gehörte gleichzeitig einer dritten Kategorie an, nämlich der lokalen Prominenz; er war zudem hoher Armeeoffizier. Eine andere Person, die offenbar in beiden Kategorien figurieren kann, war Theodor Wolfensperger, der gleichzeitig Direktor der "Eidgenössischen Bank und Verwaltungsratspräsident der "I.G. Farben"-Tarnbank, der "Industriebank" war; die beiden Finanzinstitute hatten denselben Geschäftssitz. Hinzu kamen Aushängeschilder wie Professor Fritz Fleiner und, nach dessen Tod, Ständerat Gottfried Keller.

Erst im Februar 1929 fand die eigentliche Kapitalfluchtaktion statt. Anlaß war eine massive Kapitalerhöhung bei der "I.G.Chemie". Es wurden an der Schweizer Börse Aktien im Wert von 270 Millionen Franken emittiert, angeblich um das teure Projekt mit dem synthetischen Benzin zu finanzieren. Die Emission war ein Erfolg, aber die tatsächlichen Käufer  waren nicht Schweizer Anleger, sondern Deutsche, denen ein interessantes Angebot gemacht wurde: Die "I.G. Farben"-Aktionäre durften Aktien zum halben Preis erstehen, und obendrauf erhielten sie eine Dividendengarantie, d.h. den Aktionären der "I.G.Chemie" wurde der gleiche Dividendensatz versprochen, den die "I.G. Farben" für das jeweilige Geschäftsjahr auf ihre Stammaktien ausschüttete. Es wurden zwei Kategorien von Aktien verkauft: Es gab 400 000 Vorzugsaktien, die später aus 100 000 reduziert wurden; sie garantierten die Kontrolle über die Geschäfte und wurden in Schmitz' Tarnfirmen, wie der "Industriebank Zürich", deponiert. Diese wurde übrigens offensichtlich für keinen anderen Zweck als diesen 1929 von "I.G. Farben" in den Räumlichkeiten der "Eidgenössischen Bank" gegründet.“

Die von den Nazis 1933 verhängte Todesstrafe auf Fluchtkapital-Vergehen führte zum Versuch der Tarnung der bisherigen und künftigen Geschäfte. Diese Geschäfte warfen offenbar weiterhin einen sehr hohen Profit ab.

"Während der ganzen Zeit wurde fröhlich weiterhin Kapital in die Schweiz verschoben."

Um welche Art von Kapital es dabei ging ist wohl bis heute unklar geblieben. Die Spekulationen reichen dabei von "Enteignungen deutscher Juden" bis zu "Geld jüdischer Führungskräfte der I.G. Farben".

Shraga Elam geht auch auf eine im Jahr 1929 in den U.S.A. gegründete Chemische Produktionsfirma "American IG Chemical Co. (AIG)" ein. Die wahren Eigentümer dieser Firma wurden verschleiert, was die amerikanische Börsenaufsicht "Securities and Exchanges Control" 1934 zu intensiven Nachfragen und Überprüfungen veranlasst haben soll. Um die verdächtigte Abkürzung AIG loszuwerden, so Elam, wurde der Namen in "General Aniline and Film Corp. (GAF)" umbenannt. Wegen eines wachsenden Drucks durch die Briten auf die U.S.A., deutsche Vermögen zu blockieren, bemühte man sich bei der "I.G. Chemie" diese offiziell als schweizerische Firma bestätigen zu lassen um dann als neutrale Eigentümerin der GAF auftreten zu können. 1942 kam es zu einer Revision der "I.G. Chemie" nachdem diese Druck auf die Schweizer Politik ausgeübt haben soll um eine dringend benötigte schweizerische Bescheinigung zu bekommen. Herr Elam zitierte wie folgt aus dem "streng vertraulichen Revisionsbericht":

„Vorstehende Verhältnisse (...) zeigen, daß es sich bei der "I.G. Chemie" um eine zwischengeschaltete Gesellschaft handelt, die von der "I.G. Farben" ins Leben gerufen worden ist, um ihre Beteiligungen in Drittländern, namentlich in den USA, Norwegen und der Schweiz, zu verwalten.“

Herr Elam kommt in weiteren Ausführungen auf den Frankfurter Bankdirektor zurück, wenn er schreibt:

„Die Aufbewahrer der Vorzugsaktien, Wolfensperger (60%) und Carlo Mollwo (40%), hätten zwar versucht, die Affidativ-Erklärungen glauben zu machen, daß deren wahren Besitzer die Sturzenegger-Bank sei, aber die nähere Prüfung [hat] Verschachtelungen und vertragliche Bindungen zutage gefördert, die jetzt von Herrn Wolfensperger selbst als allzu "kunstvolles Gebäude" bezeichnet werden.“

Dem Leser dieser Ausführungen wird damit deutlich vor Augen geführt, Theodor Wolfenperger war spätestens durch seine berufsbedingten Frankfurter Verbindungen und sicherlich auch Freundschaften aktiv in Geschäfte verwickelt, die vorsichtig ausgedrückt, unethisch und skrupellos waren.

Während meiner Recherchen, die mit einem kleinen Eintrag in einem Frankfurter Adressbuch ihren Ausgang nahmen, hat sich zwangsläufig ein Überraschungsmoment eingestellt, nachdem sich aus den verschiedenen Quellen ein immer umfangreicherer Frankfurter Immobilienbesitz herausstellte. Es gibt keinerlei unseriöse Anhaltspunkte bei dem gesamten Immobilienerwerb, innerhalb so kurzer Zeit. Ich stelle mir aber die Frage, ob der Verkauf und Rückkauf der Liegenschaft Wolfsgangstraße 87 an und von „Spoerle, Hausbesitzer (Zürich)“ in einem Zusammenhang mit der Kapitalbeschaffung für den Kauf der Aktien der "Industrie-Bank" zu sehen ist. Vielleicht lässt sich diese Frage noch beantworten. Dafür wäre vielleicht der eine oder andere Hinweis der Leserinnen und Leser hilfreich, die sich der Mühe unterzogen haben diesen L.I.S.A.-Beitrag bis hierher zu lesen. 

1926: Roederstein porträtierte Th. W.
1938: Wolfensperger porträtierte O. W. R.

Zoom

Die Reproduktion einer Fotografie der Kohlezeichnung die Ottilie W. Roederstein 1926 von Theodor Wolfensperger angefertigt hat

Dieser L.I.S.A. - Beitrag hat mit Ottilie W. Roederstein begonnen und ich komme jetzt auf die Schweizer Malerin zurück. Im Jahr 1926 ließ sich auch Theodor Wolfensperger von ihr porträtieren. Eine Fotografie dieser Kohlezeichnung hat sich im Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte, als Teil eines Zeitungsartikels erhalten. Dadurch bekommt die Geschichte über Th. Wolfensperger gegen Ende noch ein Gesicht.

Ein Jahr nach dem Tod von Ottilie W. Roederstein (26.11.1937) stellte die Berner Kunsthalle vom 3. August bis. 4. September Bilder und Gemälde von ihr aus. Der dazugehörige Katalogtext, über die befreundete Malerin, ist von Theodor Wolfensperger verfasst worden, der über eine größere Kunstsammlung verfügt haben soll. Der Verbleib dieser Sammlung, insbesondere der Porträts des Ehepaars Wolfensperger, ist leider unbekannt.

Die von Th. Wolfensperger zitierte Schrift von Dr. Clara Tobler

Zoom

Im Bibliotheksbestand der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich befindet sich das im Jahr 1929 von der Schweizer Kunsthistorikerin Dr. Clara Tobler verfasste Buch mit der Festschrift über die Malerin Roederstein (Signatur: 9 Conv. 6926). Frau Dr. Tobler schrieb das 30-seitige Porträt anläßlich des 70. Geburtstags der Künstlerin und beschreibt darin auf eine wunderbare Weise das Städtchen Hofheim am Taunus und sehr detaillreich das dortige Leben von Ottilie W. Roederstein und Elisabeth H. Winterhalter. 

PDF download (4.22 MB)

1946: Situationsbericht über den aus 6 Häusern bestehenden [Frankfurter] Hausbesitz

Zoom

Herr Wolfensperger bemühte sich während der Zeit der alliierten Bombardements im Zweiten Weltkrieg, von Zürich aus einen brieflichen Kontakt zu dem von ihm beauftragten Hausverwalter G. Fassbender aufrecht zu halten. Das dies in dieser Zeit nicht immer reibungslos möglich war, leuchtet ein. Der Altkonsul nutzte deshalb mehrmals Kontakte über das Schweizerische Konsulat in Frankfurt, wohin der Hausverwalter einberufen wurde oder von sich aus vorstellig wurde. Der Hausbesitzer wurde so sukkzessive auf dem Laufenden gehalten. Nach Kriegsende erstellte Herr Fassbender einen detaillierten Bericht über die Situation der einzelnen Liegenschaften.

In den verschiedenen Schriftsätzen tauchte u.a. auch die Sachsenhäuser Textorstraße und der Textorblock auf. Im Haus Textorstraße 15 wurden in den Jahren 1944 und 1945  Sprechstunden des Konsulats abgehalten, als dieses außerhalb des Stadtgebietes in Assenheim (Kreis Friedberg) untergekommen war. Der Textorblock war seit März 1930 je zur Hälfte im Besitz von der Eidgenössischen Bank AG, Zürich und der Schweizerischen Unfallversicherungs-gesellschaft, Winterthur. Das Konsulat machte Herrn Fassbender darauf aufmerksam, dass der Verwalter des Textorblocks möglicherweise Blech für eine Notreparatur am Haus Wolfsgangstraße 85 abgeben kann.

Tod

Johann Theodor Wolfensperger starb am 1. Juli 1950 in Zürich. Dadurch wurde seine  Witwe zur alleinigen Inhaberin der Frankfurter Liegenschaften, die Zug um Zug verkauft wurden. Anna Elisabeth Wolfensperger starb am 13. Februar 1969 in Zürich. Das Ehepaar ist kinderlos geblieben.

Danksagung

Die Recherchen zu diesem Beitrag zur Sachsenhäuser und Frankfurter Geschichte brachte mich mit vielen zuvor unbekannten Menschen in Kontakt. Alle von mir angesprochenen oder angeschriebenen Personen haben mich mit ihren Kenntnissen und Hinweisen immer ein Stück weitergebracht. Weil ich während der sich über rund zwei Jahren erstreckenden Recherchen, zu einem zunächst unbekannten Schweizer Bankdirektor, drei größere Beiträge für L.I.S.A. geschrieben und eine Veranstaltung in der Städelschule vorbereitete, war jedes Mal ein neuer Anlauf erforderlich um bei der Person Wolfensperger weiterzukommen, der übrigens fälschlicherweise auch als Wolfensberger in Akten oder einem Buch mit dem Vornamen  „Thomas“ zu finden ist. Ich danke folgenden Personen für ihre hilfreiche und stets freundliche Unterstützung:

Dr. Christoph Andreas, Georgios Chatzoudis, Shraga Elam, Esther Fuchs, Jens Giessen, Melina Gnägi, Jaroslava Havran, Ulrike Heinisch, Jan Kaltwasser, Irene Kremser, Dr. Detlef Krause, Martin Leonhard, Mario Lüscher, Tobias Picard, Dr. Barbara Rök, Rainer Schaudt, Nadine Schwald, Rebekka Spring, Solvejh Wach, Esther Walldorf, Bernt Weber, Andreas Weil, Marita Zabel, Alfred Zschietzschmann.

AUFRUF

Mühsam und mit freundlicher Unterstützung des Staatsarchivs des Kantons Zürich und des Zürcher Stadtarchivs ist es mir gelungen, einen Stammbaum der Familie Wolfensperger zu erstellen. Dieser umfasst jedoch nur die Zeit von 1792 bis 1969 und entstand bei der Suche nach Kindern, Geschwistern und Neffen der Eheleute Wolfensperger. Bewusst habe ich auf die Wiedergabe dieses selbsterstellten Stammbaums verzichtet. Nachdem ich die Personen aus der Todesanzeige von Frau Wolfensperger nicht mit dem Stammbaum in Übereinstimmung bringen konnte, bleibt dieser mein Arbeitsmittel. 

Selbstverständlich habe ich als ein StadtteilHistoriker keinen Anspruch auf weitere Detailinformationen. Trotzdem halte ich es für äußerst interessant, nach so vielen Jahren noch in Erfahrung zu bringen, wohin die Kunstsammlung des Ehepaars Wolfensperger gelangte.

Es wäre gut, wenn jemand beispielsweise über den Verbleib der in diesem Beitrag vorgestellten Porträts Auskunft geben könnte. Das Werksverzeichnis von Ottilie W. Roederstein zu vervollständigen, ist meines Erachtens eine sinnvolle Motivation.

Comment

by Carmen | 22.12.2017 | 16:16
Hoch interessant und informativ. Gut geschrieben und die begleitenden Fotos toll ! Nur ein kleiner Druckfehler im ersten Paragraph. Heinrich Wolfensperger wurde bestimmt in 1868 geboren und nicht in 1968. Solche Artikel von meiner ehemaligen Heimatstadt sind immer ein Fest fuer meine lesenden Augen.

Comment

by Georgios Chatzoudis | 22.12.2017 | 16:20
Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Tippfehler soeben behoben.
Ihre L.I.S.A.Redaktion

Comment

by Felix Gabor | 23.12.2017 | 14:29
Sehr geehrte Redaktion,
sehr geehrter Herr Kollege Jensen,

bitte überprüfen Sie die Transkription:

"Ich bitte Sie dementsprechend sich um den von mir übernommenen Pflichten entbinden zu wollen.

Ich bitte Sie dementsprechend mich von den von mir übernommenen Pflichten entbinden zu wollen."

LG
Felix Gabor
Stadtteilhistoriker Wiessbaden

Comment

by Jens-Holger Jensen | 23.12.2017 | 18:53
Sehr geehrter Herr Gabor,

besten Dank für den freundlichen Hinweis zur nicht korrekten Textübertragung im vierten Kapitel "Der schweizerische Konsul (für die Provinz Hessen-Nassau, das Grossherzogtum Hessen und die Rheinprovinz)". Ich bedauere den Fehler sehr und bitte diesen zu entschuldigen!

Ich möchte an dieser Stelle aber auch meine Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass Sie sich der Mühe unterzogen haben den langen Textbeitrag sehr aufmerksam zu lesen.

Mit weihnachtlichen Grüßen in die Landeshauptstadt
Jens-Holger Jensen

Kommentar erstellen

XGWAM3