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Jens Holger Jensen | 07/13/2019 | 1703 Views | 4 | Articles

Frankfurt-Sachsenhausen näher betrachtet:
Das Sachsenhäuser Westend - Die Kennedyallee

(bis 1963: Forsthausstraße)

Der evangelische Pfarrer und Lokalhistoriker Anton Kirchner (1779 -1834) beschrieb im zweiten Teil seiner 1818 erschienenen „Ansichten von Frankfurt am Main der umliegenden Gegend und den benachbarten Heilquellen“ das Oberforsthaus als „Lieblingsort der gebildeten Welt, der eine Stunde weit von der Stadt, im Walde liegt.“  Wegen dieser Entfernung sollen deren Besucher und Gäste mehrheitlich in Kutschen dorthin unterwegs gewesen sein. Spaziergänger aus der Messestadt waren dort offenbar nicht sehr zahlreich anzutreffen. Das im städtischen Besitz befindliche Forsthaus diente dem Oberförster als Dienst- und Wohnhaus, eine in den Nebengebäuden untergebrachte Gaststätte den gehobenen Gesellschaftskreisen als vorzügliches Ausflugslokal. „Denn mit geistigem Genusse allein ist nicht jedermann gedient. Der Franzmann promenirt wohl um zu promeniren; der Deutsche aber will sich nach dem Spaziergange auf eine materiellere Weise erfrischen. Und weil das verzehrende Publikum einmal die Mehrheit bildet, so werden Lustörter, welche, wie das Forsthaus, mit einer trefflichen Küche billige Preise verbinden, immer den ersten Rang behaupten.“

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Google Maps

Der kürzeste Weg vom Forsthaus nach Sachsenhausen führte durch Wald (Holzhecke) und Wiesen (Lange Wiese), vorbei am Sandhof, der bei ungemütlichen Wetterereignissen gerne als Zwischenstation angesteuert wurde. Der aus dem Stadtwald kommende Königsbach war am „Hohersteg“ zu überqueren. Aus Oberrad oder gar aus Offenbach kommend, bot sich dagegen die Mörfelder Straße, am Riedhof vorbeiführend, als Wegeverbindung nach dem Oberforsthaus an.

Der 1850 in Hanau geborene Gymnasiallehrer und Lokalhistoriker Eduard Pelissier, (1850 -1931) beschrieb 1901 die linksmainische Landwehr der Reichsstadt Frankfurt. Ein von ihm erstellter Plan illustriert die Gegend zwischen Sachsenhausen und dem Dorf Niederrad und nennt die auch heute noch gebräuchlichen Namen der Flurstücke.

Das Gebäude des Oberforsthauses, dass sich seit Jahren in einem ruinösen Zustand befindet, ist inzwischen für niemand mehr ein Lieblingsort. Im Gegensatz dazu hat sich die Straße zum Forsthaus seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem bevorzugten Wohnort des gehobenen Frankfurter Bürgertums entwickelt. Beleg dafür sind die zahlreichen Porträts der dort ansässigen Repräsentanten dieser Bevölkerungsgruppe.

Wie eine Reihe von historischen Fotografien belegen entwickelte sich die seit 1963 als Allee bezeichnete Magistrale vom Fußweg über eine Fahrstraße zur zwischenzeitlichen Chaussee mit separatem Reitweg.

Dass die Kennedyallee zu einer Straße der Sieger wurde lässt sich auch mit den verschiedenen dort beheimateten Sportstätten erklären. Die Forsthausstraße war zumindest Anfang des 20. Jahrhunderts einer der ersten Adressen der Stadt. Vermutlich bestand damals nur eine Konkurrenz zur Bockenheimer Landstraße. Um es ortsfremden Leserinnen und Lesern zu verdeutlichen, nachstehend ein Vergleich mit zwei anderen deutschen Regionen. Wären die Herren Mumm von Schwarzenstein, Eduard Beit von Speyer oder Arthur von Weinberg in Hamburg tätig gewesen, hätten sie höchstwahrscheinlich die Elbchaussee oder vielleicht noch den Havestehuder Weg und im Ruhrgebiet sicherlich eine Nachbarschaft zur Villa Hügel als Bauplatz gewählt. 

Den vielen sich auf eine Straßenlänge von 2,7 km verteilenden Objekten  nachzuforschen hat mir wieder große Freude bereitet. Wie bei allen Projekten zuvor habe ich viel über meinen Stadtteil gelernt. Viele prominente Beispielen konnten aus den verschiedensten Buchveröffentlichungen, aus Archiven und durch Gespräche in einer bei Projektbeginn nicht erwarteten Fülle zu Tage gefördert oder wiederentdeckt werden. Vermutlich finden sich nur wenige Frankfurter Straßen über die direkt oder indirekt, ganz oder teilweise so viele Bücher geschrieben wurden. Am Ende dieses L.I.S.A.-Beitrages finden Sie eine Liste der von mir ausgewerteten Bücher, die zugleich als Lesetipps verstanden werden dürfen.

Danksagungen

Bei keinem der bisherigen Projekte zur Geschichte der Straßen des Frankfurter Malerviertels bin während der Recherchen auf eine so große Anzahl Bücher gestoßen die sich direkt oder indirekt mit einzelnen Liegenschaften oder Persönlichkeiten aus der Forsthausstraße beschäftigen. Als Beispiel möchte ich an meine zurückliegende Recherche zu Johann Theodor Wolfensperger erinnern, der ein Freund der Malerin Ottilie W. Roederstein und deren Lebenspartnerin Elisabeth Winterhalter war. Aus diesen Grund habe ich mich für das Ende 2018 veröffentlichte Buch der Frankfurter Bürgerstiftung zu Hanna Bekker vom Rath interessiert, die eine Schülerin Roedersteins war. Beim Studium dieses Buches wurde ich auf ein Werk aufmerksam, dass bereits vor einigen Jahren veröffentlicht wurde und sich mit dem Schriftverkehr des Kunstsammlers Carl Hagemann beschäftigte. In diesem Buch fanden sich Bemerkungen die mich veranlassten ein anderes Buch antiquarisch zu beschaffen, dass sich mit der Familie Sachs und Opel beschäftigte. Immer standen dabei Personen aus der Forsthausstraße im Mittelpunkt. Ähnlich erging es mir bei den Recherchen zu der Vielzahl an herausragenden Persönlichkeiten die entweder Hausbesitzer oder Mieter in der Forsthausstraße bzw. Kennedyallee waren. Hier waren die Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte wichtige Hinweisgeber. Vielfältige und immer sehr konkrete Unterstützungen sind mir auch dieses Mal wieder durch meine Kolleginnen und Kollegen der Frankfurter Stadtteil-Historiker zuteil geworden. Zwei von den Stadtteil-Historikern Dieter Mönch ("Wronker -Vergessene Namen, vernichtete Leben") und Wolfgang Storm ("Jakob Latscha") vor wenigen Monaten veröffentlichte Bücher  haben sich als sehr hilfreich erwiesen. Eine unerwartet großzügige Hilfestellung erhielt ich von einer Museumsleiterin aus der Stadt Guben in Brandenburg. Frau Rochlitz hat meine Fragen zu einem hier in Frankfurt völlig unbekannten Villenbesitzer sehr kenntnisreich beantworten können und mir eine umfangreiche Materialsammlung zur Verfügung gestellt. Ein besonderer Dank gilt auch Herrn Professor Michael Madeja vom Vorstand der Else Kröner Fresenius Stiftung. Er war es, der mir das umfangreiche Fotoarchiv der Stiftung zugänglich machte und damit bisher nicht veröffentlichtes Bildmaterial für diesen Beitrag zur Sachsenhäuser Geschichte zur Verfügung stellte.

Dr. Christoph Andreas, Dr. Clemens Bayer, Georg Becker, Elisabeth Bergmann, Prof. Klaus Bethe, Hans-Günter Bott, Beate Dannhorn, Werner Ebert, Robert Gilcher, Ulrike Heinisch, Georg Habs, Andrea Janssen, Bianka Jerke, Volker Harms-Ziegler, Christina Henrich-Kalveram, Jan Kaltwasser, Dieter Klar, Jessica Kotschi, Janica Kuhr, Luisa Kunkel, PD Dr. Michael Maaser, Prof. Dr. Michael Madeja, Dieter Mönch, Prof. Christiane Nüsslein-Volhard, Doris Oberbeck, Heike Rochlitz, Rainer Schaudt, Peter Schermer, Michael Schmidt, Michaela Schöler, Dr. Heinz Schomann, Wolfgang Storm, Richard Sturm, Matthias Thoma, Dr. Katharina Uhsadel, Franz Volhard, Solvejh Wach, Dieter Wesp.

Zur Orientierung:

15. / 16. Jahrhundert

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1692

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1790

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1829

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1865

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Stadtgrundkarte von 1883

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Ausschnitt aus der Stadtgrundkarte (Ravenstein) von 1883. Der Ausschnitt reicht von der Gartenstraße (rechts) bis auf die Höhe des Geländes auf dem später die Villa Mumm von Schwarzenstein und die dazugehörenden Parkanlage entstand (links). 1883 wurde die neue Eisenbahnbrücke und die beiden Bahndämme der Main-Neckar-Eisenbahn (Darmstadt) und der Bebraer-Eisenbahn (Hanau) fertiggestellt und deshalb auch in diesem Plan eingezeichnet. Man kann allerdings auch noch die mit zarten Linien eingezeichneten Verläufe der Eisenbahn über die erste Eisenbahnbrücke (heute: Friedensbrücke) erkennen.

Stadtgrundkarte von 1895

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Ausschnitt aus der Stadtgrundkarte von 1895. Der Ausschnitt reicht von der Gartenstraße (rechts) bis auf die Höhe der rund 10 Jahre später errichteten Villa Mumm von Schwarzenstein und der dazugehörenden Parkanlage (links).

Stadtgrundkarte von 1901

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Ausschnitt aus der Stadtgrundkarte von 1901. Der Ausschnitt zeigt die Forsthausstraße zwischen der Stresemann-Allee (rechts) bis zur Einmündung von Waidmann- und der Sandhofstraße (heute: Paul-Ehrlich-Straße) und der sogenannten Sandhof-Schleife kurz vor dem Bahndamm.

Stadtgrundkarte von 1925

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Ausschnitt aus der Stadtgrundkarte von 1825. Der Ausschnitt reicht von der Rubensstraße (rechts) bis zur Einmündung von Waidmann- und der Paul-Ehrlich-Straße und der sogenannten Sandhof-Schleife der Straßenbahn.

Stadtgrundkarte von 1939

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Ausschnitt aus der Stadtgrundkarte von 1939. Der Ausschnitt zeigt die Forsthausstraße zwischen der Saar-Allee (die heutige Stresemannallee) auf der rechten Seite und dem Bahndamm der ehemaligen Bebraer Eisenbahn (links).

Stadtgrundkarte von 1952

Der Sandhof

Die wechselvolle Geschichte des auf Sachsenhäuser Gemarkung aber geographisch in nächster Nähe zu Niederrad zu lokalisierenden Sandhofes endete im Bombenhagel vom März 1944. Ende des 12. Jahrhunderts besaß der Deutsche Ritterorden bereits kurz nach dessen offiziellen Anerkennung (6.Februar 1191) durch Papst Clemens III.  in der Gegend zwischen Sachsenhausen und Niederrad einige Ländereien (Güter). Die erste urkundliche Erwähnung Sachsenhausens geht auf den Deutschen Orden und eine Schenkung zurück. Es war das Jahr 1193 als Kaiser Heinrich VI. dem Hospital des Ritterordens das kaiserliche Allodialgut „am Frowenwege" (am Frauenweg) schenkte. Das Hospital selbst war von Kuno von Münzenberg errichtet worden. Das nun verschenkte Gut gehörte, wie manch anderes Gut in der Umgebung von Frankfurt, dem Kaiser persönlich. Heinrichs Sohn, der spätere Kaiser Friedrich II. schenkte dem Deutschorden das Hospital und die Kirche in Sachsenhausen. Friedrichs Sohn Heinrich übertrug dem Orden 1233 das Roderbruch, ein sumpfiges Gelände, das zwischen Niederrad und dem Frauenweg lag. Kaiser Ludwig der Bayer schenkte dazu 1338 den angrenzenden Teil des Reichsforts bis zur Oppenheimer Straße hin, der „Holzhecke" genannt wurde. Ursprünglich war das ganze Gebiet bewaldet, nach der Rodung nannte man es wegen der Bodenbeschaffenheit „Rodesand" oder „Sandried". Daher hat auch der auf einer kleinen Anhöhe erbaute Hof den Namen „Sandhof" erhalten. Die Deutschordensritter konnten mit dem Sandhof über ein wertvolles Stück Land verfügen, der Hof war zeitweise befestigt und von Wasser umgeben.

Der Deutsche Orden war zeitweise Miteigentümer von Niederrad, 1540 hatte er vom Grafen von Solms ein Viertel des Dorfes gegen verschiedene Ordensgüter in der Wetterau eingetauscht. Wegen der geographischen Nähe des Sandhofes zum Deutschordenshaus, an der Alten Brücke gelegen, war er für den Orden von besonderem Interesse sodass dieser obrigkeitliche Rechte beanspruchte. Seit 1569 war der Deutschorden mit Frankfurt die rechtmäßige Obrigkeit für die Niederräder. Während des Dreißigjährigen Krieges räumte König Gustav Adolf von Schweden der Stadt alle Güter und alles Einkommen des Deutsch-ordenshauses in Sachsenhausen ein, darunter auch den Sandhof. 1635 kam er wieder in den Besitz des Ordens, der hier wieder einen großen Schafhof etablierte. Statt der ursprünglichen 300 Schafe sollen rund 800 Schafe auf dem Hof gehalten worden sein. Wegen des Schafbetriebs kam es häufig zu Streitigkeiten mit der Stadt (siehe Kapitel „Schäfersteinpfad“). Anstelle des Schafhofes wurde im 18. Jh. von den wohlhabenden Deutschmeistern ein imposantes Gebäudeensemble errichtet. Der Neubau wurde mit seinem dort unterhaltenen Lokal zu einem Ausflugsziel für die Frankfurter, ähnlich dem Oberforsthaus. 1810 wurde der Sandhof, infolge der ein Jahr zuvor erfolgten Säkularisierung, versteigert und der Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann erhielt seinerzeit den Zuschlag. Mit dem Erwerb des Sandhofes ergänzte der Bankier seine bereits zuvor in seinen Besitz gelangte Güter wie den Riedhof und die Ziegelhütte und verfügte damit über einen großen zusammenhängenden Grundbesitz, der von dem heutigen Ziegelhüttenweg bis an die Niederräder Gemarkungsgrenze reichte. Der Sandhof wurde in den napoleonischen Befreiungskriegen im Jahre 1814 eine Zeitlang als Lazarett benutzt.

In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts erkannte die Frankfurter Bürgerschaft, dass die nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft angekündigten Neuordnungen nicht eintraten und begannen sich zu organisieren. Die Autoren des 1987 veröffentlichten Buches „Zwischen Sandhof und Mainfeld“ Hermann Mayenschein und Michael Uhlig berichteten dazu wie folgt: „Zum Hambacher Fest trafen sich 1832 die Bürger Süddeutschlands unter der schwarz-rot-goldenen Fahne und forderten Presse- und Versammlungsfreiheit. Auf dem Sandhof trafen sich aus diesen Anlass 3000 Menschen, die durch Gustav Bunsen eine Grußadresse nach Hambach in der Pfalz übermitteln ließen.“ … „Am 3. Mai 1848 fand auf dem Sandhof eine außerordentliche Konferenz statt, auf der die Einberufung einer Tagung beschlossen wurde, die am 21. Juni 1848 einen Appell zur Abhaltung eines Kirchentages in Wittenberg erließ. Der Kirchentag fand am 21. September 1848 statt und war der 1. Deutsche Evangelische Kirchentag. Im Jahre 1884 erwarb die Stadt Frankfurt durch Geländetausch den Sandhof und errichtete dort ein Alten- und Siechenheim.“  Auf dem Gelände des zerstörten Sandhofes wurde nach dem Zweiten Weltkrieg für die zahlreichen Flüchtlinge und obdachlos gewordenen Menschen ein Barackenlager eingerichtet. Dieses wurde später abgerissen um dem Städtischen Krankenhaus (heute Universitätsklinikum) eine Fläche für dessen Ausdehnung zur Verfügung zu stellen. An der Stelle des Schafhofes entstand unter anderem eine Schwesternwohnanlage.

Quelle: Hermann Mayenschein / Michael Uhlig: „Zwischen Sandhof und Mainfeld“; Prof. Wolfgang Klötzer „Frankfurt am Main in Fotografien von Gottfried Vömel 1900-1943

Der Schäfersteinpfad

Im Jahre 1190 gründeten Kreuzfahrer bei der Belagerung von Accon im heutigen Palästina einen Orden, dessen Hauptaufgabe im Samariterdienst an Verwundeten und Kranken bestand.

1199 erhielt der Orden durch Papst Innocenz die kirchliche Bestätigung und den Namen „Deutschordens-Ritter“. Nach der Vertreibung aus Accon hatte der Orden bis 1309 seinen Sitz in Venedig, später in Marienburg in Preußen. Darüber hinaus unterhielt der Orden „Kommenden“ (Stützpunkte) mit nicht unbeträchtlichem Grundbesitz in verschiedenen Städten, darunter auch in Frankfurt am Main.

Im Jahre 1180 gründete Kuno von Münzenberg am Sachsenhäuser Ufer des Maines ein Hospital mit einer kleinen Kirche, dem 1193 Kaiser Heinrich IV das Gut Sandhof zur Schafzucht schenkte. Dieser Akt führte zur ersten urkundlichen Erwähnung Sachsenhausens. Im Jahre 1221 übertrug Kaiser Friedrich II. den Münzenberger Besitz dem Deutschen Orden, schenkte ihm dazu die Holzhecke mit dem Weiderecht und der Erlaubnis, täglich 2 Fuhren Brennholz aus dem Wald zu holen, der damals ein Teil des Kaiserlichen Bannforstes war.

Als 1372 der Rat der Stadt Frankfurt von Kaiser Karl IV den Stadtwald als Lehen erwarb, erhob er auch Anspruch aus die Holzhecke, ein Wald- und Wiesengelände, begrenzt vom Luderbach, der Mörfelder Landstraße, dem Schwanheimer- und dem Niederräder Bruch. Reste davon sind die bis vor wenigen Jahren existierende Rennbahn und die Bürgerwiese. Der Deutsche Orden legte aber größten Wert auf dessen Besitz, vor allem als Weideland für seine Schafe da damals die Schafzucht für die Tuchbereitung von großer Bedeutung war. Aber auch die Stadt Frankfurt hatte Schafhöfe, einen in der Nähe des Sandhofes, er wurde allerdings 1454 abgebrochen. Ein zweiter wurde 1491 auf dem Bornacker an der Oppenheimer Landstraße errichtet. Es waren also Konkurrenzunternehmen, denen der Deutsche Orden das einträgliche Geschäft mit Schafwolle nicht einfach überlassen wollte. Zwischen Orden und Stadt entbrannte ein hundertjähriger Rechtsstreit, der 1484 mit einem Vergleich endete. Der Orden überließ der Stadt die Holzhecke gegen Zahlung einer Geldsumme und gegen das Recht, seine Schafe in einem bestimmten Teil des Stadtwaldes weiden zu lassen. Zur Begrenzung des Weidegebietes wurden im gleichen Jahre 60 durch einen Graben verbundene Grenzsteine aus Basalt gesetzt, die vermutlich in der Schwarzsteinkaut am gleichnamigen Weg gebrochen wurden. Sie tragen auf der Weideseite das Deutschordenskreuz und auf der Nichtweideseite ein F, das allerdings spiegelverkehrt ist. Es wurde lange Zeit als „das Frankfurter gotische F“ bezeichnet. Heute aber weiß man, dass ein Versehen der Steinmetze vorliegt, die die „F-Schablone“ verkehrt aufgelegt haben. Das ist nicht verwunderlich, da damals nur relativ wenige Menschen Schreiben und Lesen konnten, und auch auf anderen Grenzsteinen manchmal Buchstaben verkehrt eingehauen wurden.

Der Deutsche Orden, er war zur Zeit Napoleons und im Dritten Reich verboten, wurde 1954 in Deutschland neu gegründet. 1965, also 775 Jahre nach der Gründung des Ordens, war der Neubau des während des letzten Krieges zerstörten Deutschordenshauses (an der Alten Brücke gelegen) und der dazugehörigen Kirche beendet.

Auf verschiedenen Orientierungstafeln, auch am Schäfersteinpfad selbst, befinden sich Hinweise über den Deutschen Orden und den Erwerb des Waldes durch die Stadt Frankfurt am Main. (Siehe auch das Kapitel "Der Sandhof".)

Die Galopprennbahn

Der Eröffnung der Frankfurter Galopprennbahn am 20. August 1865 gingen zwei Renntage voraus, die zwei Jahre zuvor anlässlich des in Frankfurt veranstalteten Fürstentages abgehalten wurden. Diese von einem Renn-Komitee organisierten Pferderennen wurden auf einem Areal zwischen Main und der Mainzer Chaussee, vor den Augen zahlreicher Fürsten, dem König Maximilian II. von Bayern und dem Kaiser Franz Josef I. von Österreich abgehalten. Vorsitzender dieses Renn-Komitees war Nikolaus Prinz von Nassau. Diese Veranstaltung führte zur Gründung des Rheinischen Rennvereins. Erster Vorsitzender des Präsidiums des neu gegründeten Vereins war der bereits erwähnte Prinz Nikolaus von Nassau. Weitere Präsidiumsmitglieder waren Baron Alexander von Bethmann, Hermann Mumm, Dr. Georg Berna und Graf Anton Waldstein.

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Die Zeichnung zeigt die Galopprennbahn des Rheinischen Rennvereins wie sie 1865 ausgesehen haben soll. Die Forsthausstrasse existiert hier zwei Mal. Niederrad war zu diesem Zeitpunkt noch nicht nach Frankfurt eingemeindet. Die Eingemeindung erfolgte zum 01. Juli 1900. Um Verwechselungen zu vermeiden wurden einige Straßennamen, die doppelt anzutreffen waren, umbenannt. Aus der Niederräder Forsthausstrasse wurde deshalb am 01.01.1901 die Schwarzwaldstraße. Mein Stadtteil-Historiker Kollege Richard Sturm hat mich freundlicherweise auf diese historische Zeichnung aufmerksam gemacht.

Aus dem Mutterland der Pferderennen kommend verbreitete sich der Sport sukzessive auch auf dem europäischen Kontinent. Vor der Frankfurter Rennbahn waren in Deutschland in Doberan, Berlin und Breslau vergleichbare Sportstätten entstanden. Der Frankfurter Rennplatz lag ein ganzes Stück außerhalb der Stadt, auf einem Areal zwischen dem ehemaligen Sandhof, dem heutigen Oberforsthaus und dem noch nicht nach Frankfurt eingemeindeten Dorf Niederrad. Auf der eiförmigen Bahn wurden fortan mit wenigen kriegsbedingten Ausnahmen jährlich mehrere Renntage abgehalten, die zahlreichen hohen Besuch auf die Anlage lockten. Zum Teil vierspännig ließen sich der Herzog von Nassau, der Prinz von Hessen aber auch der Prinz of Wales oder Großherzog von Mecklenburg-Strelitz und viele mehr mit Gefolge auf die Rennbahn kutschieren. Der neue Frankfurter Rennplatz entwickelte sich zu einem Ort auf dem die besten Pferde Deutschland starteten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden für wenige Jahre sogar Trabrennen veranstaltet. 1896 ging aus der Zusammenführung des Rheinischen Rennvereins und einem 1893 entstandenen Verein für Hindernis-Rennen der Frankfurter Renn-Klub hervor, dessen Präsident der Frankfurter Stadtrat Albert von Metzler wurde. Unter seiner Ägide, die sich bis zu dessen Tod im Jahr 1918 erstreckte, entstand der Plan, ein Hippodrom zu bauen. 1898 entstand dieser repräsentative Bau an der Ecke der heutigen Stresemannallee und Kennedyallee (damals Wilhelm- und Forsthausstraße), zu der eine große Anzahl Stallungen gehörten. Der Standort war gut gewählt, verlief doch auf der rechten Straßenseite der Forsthausstraße ein Reitweg (heute ein Fuß- und Radweg), aber noch in einer angenehmen Nähe zu Stadt.
Mit der Geschichte der Frankfurter Galopprennbahn ist das Gestüt Waldfried verbunden, dass von den Brüdern Carl und Adolf von Weinberg 1891 gegründet wurde und seinen Sitz bis 1949 in Niederrad hatte. Es sollte eines der erfolgreichsten deutschen Vollblut-Gestüte werden. Bei den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs wurde das Gestüt im März 1944 total zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte durch den Schwiegersohn Arthur von Weinbergs, Graf Rudolf von Spreti, ab 1949 in Köln.
Die geographische Nähe der Tribüne, Sattelplatz und des Eingangs zur Rennbahn erklärt die sich lange im Sprachgebrauch gehaltene Bezeichnung „Niederräder Galopprennbahn“. Da die Niederräder Bevölkerung, und nicht die aus Sachsenhausen, an den Renntagen unter einer starken Verkehrsbelastung zu leiden hatte, gab es keinen ernsthaften Streit über diese semantische Annektierung der Galopprennbahn.
Die Frankfurter Galopprennbahn ist seit einigen Jahren Geschichte. Am 21. Juni 2015 stimmte die Frankfurter Bevölkerung bei einem ersten Bürgerentscheid darüber ab, ob die Rennbahn aufgegeben werden soll um einen großen Teil des Geländes dem Deutschen Fußballbund (DFB) zu verpachten. Weil das notwendige Quorom von 25 Prozent (rund 124.000 Stimmberechtigte) nicht erreicht wurde, scheiterte der Bürgerentscheid. Der DFB beabsichtigt dort eine Fußball-Akademie anzusiedeln. Bedingt durch bisweilen grotesk anmutende Rechtsstreitigkeiten zwischen der Stadt Frankfurt und einem zwischenzeitlichen Rechteinhaber wurde das mittlerweile freigeräumte Gelände mit einer deutlichen Verzögerung erst 2019 an den DFB übergeben.

DFB Fußball-Akademie

Der Sachsenhäuser Versuchsgartenverein

Am 6. September 1881 gründeten Sachsenhäuser Gärtner und Gartenfreunde des südlichen Stadtteils den Versuchsgartenverein Frankfurt am Main – Sachsenhausen. Als Vereinszweck wurde festgelegt, durch Anlage und Unterhaltung eines Versuchsgartens sowie durch Vorträge und Erörterungen gärtnerischer Fragen des Gartenbaus und das allgemeine gärtnerische Interesse zu fördern. Anlass zu dieser Vereinsgründung sollen die strengen Winter Ende der 1870er und Anfang der 1880er Jahre und deren Folgen gewesen sein. In der Gemarkung Sachsenhausen sollen damals die schönsten Bäume den strengen Frost leider nicht überstanden haben. Der erste Jahresbericht des Vereins wurde mit folgenden Formulierungen eingeleitet: „Unter der Bevölkerung Sachsenhausens nimmt seit Jahrhunderten das Gewerbe der Gärtner eine hervorragende Stellung ein. Seinen Erzeugnissen wurden bei verschiedenen Ausstellungen, insbesondere in Wien, eine außergewöhnliche Anerkennung zu Theil. Will indes dieses Gewerbe seine Stellung behaupten, soll ein so bedeutender Erwerbszweig unserem Gemeinwesen nicht nur erhalten, sondern immer mehr vervollkommnet werden, so ist es nicht genügend, daß man in den eingeschlagenen Bahnen weiterschreitet, vielmehr muß man neue Wege suchen und neue und bessere Methoden ersinnen und einführen. Es haben daher schon vor mehreren Jahren Gärtner und Gartenfreunde es als zweckmäßig erkannt, ein Versuchsfeld für die weiteren Bestrebungen zu schaffen, doch wollte es erst zu Ende des Jahres 1881 eine Anzahl Männer, die lange Zeit ein lebhaftes Interesse für diese Bestrebungen hegten und ihre eminente Wichtigkeit für die hiesige Gemeinde erkannten, gelingen , einen erfreulichen Anfang zu machen. Zu diesem Zweck luden die Gärtner und Gartenfreunde zu einer Versammlung ein und legten Zweck und Ziel ihrer Bestrebungen vor.“  Die Vereinsmitglieder verfolgten das Ziel, alle empfehlenswerte Neuheiten im vergleichenden Anbau mit den bewährten eingebürgerten alten Sorten zu züchten. Dem offenbar zahlreich vorhandenen Nachwuchs der Obst- und Gemüsegärtner sollten Chancen der beruflichen Aus- und Weiterbildung durch praktischen Erfahrung mit neuen und alten Methoden sowie neuen und alten Sorten und durch die Teilnahme am theoretischen Unterricht eröffnet werden. Im ersten Jahresbericht wurde für den Zeitraum vom 16 Monaten (September 1881 bis Dezember 1882) von 43 Sitzungen zuzüglich verschiedener Sitzungen von Spezialkommissionen berichtet. In den monatlichen Versammlungen, die stets am 1. Mittwoch des Monats abgehalten wurden, war mit durchschnittlich 52 Mitglieder eine relative große Personenzahl anwesend. Zum Stichtag 31.12.1882 verzeichnete der Verein eine Mitgliederzahl von erstaunlichen 318 Personen. Im Jahresbericht stellt sich der Verein selbst das allerbeste Zeugnis bezügliches einer harmonischen Vereinigung der verschiedensten „Stände“ der Stadt aus. Die große Anzahl an Gästen und Damen [sic!] die regelmäßig an den Sektionssitzungen teilnahmen, wurde als Bestätigung für die vereinsseitige Integrationsleistung bezeichnet.

Der erste Vereinsgarten wurde in der Nähe des Städel‘schen Kunstinstituts angelegt. Er umfasste neben einem Obst- und Gemüsegarten auch einen Landschaftsgarten sowie eine schulbotanische Abteilung und eine solche für den Anbau landwirtschaftlicher Gewächse. Nach einem Vereinsbestehen von 25 Jahren wurde 1906 von einem Umzug des ersten Gartens berichtet. Das wohl zwischen Schaumainkai und Gartenstraße gelegene Gartengelände fiel der Ausweisung eines neuen Baugebietes zum Opfer. Nach wenigen Jahren konnte der Verein an der linken Seite der Forsthausstraße gelegenes Gelände für die Dauer von 20 Jahren pachten. Wo genau sich dieses Gelände befand konnte nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden. Vermutlich lag es aber im Bereich zwischen der heutigen Eschenbachstraße und der Stresemannallee (siehe die nachstehende Stadtgrundkarte von 1895).

Die Leitung des dort angelegten Obstgartens lag in der Hand von Obergärtner Wellmann. Der Wellmann‘sche Garten soll sich bei Fachleuten und Laien hohe Anerkennung erworben haben. Vor Ablauf der vereinbarten Pachtzeit sah sich der Versuchsgartenverein bereits nach 12 Jahren in der Situation, erneut nach einem Gelände Ausschau halten zu müssen. Wieder wurde der Ausweisung eines Baugebietes seitens der Stadt eine höhere Priorität eingeräumt und nach weiteren Bemühungen konnte man das stadtauswärts linksseitig gelegene Gelände im Gleisdreieck pachten. Dieses Gleisdreieck war durch den Bau des Frankfurter Hauptbahnhofs sowie der damit verbundenen neuen Mainbrücke und der Aufschüttung von Bahndämmen in Richtung Hanau und Darmstadt entstanden. In den Wintermonaten 1897/98 konnte mit Bau der dortigen Gartenanlage begonnen werden. Der erneute Umzug und dessen Folgen wurden in einem der späteren Jahresberichte beschrieben. „Auf Grund seiner früheren Erfahrung entwarf Wellmann den Plan für die Anlagen im jetzigen [1906] Garten und leitete zum zweitenmale die Umpflanzung. Es bedarf keines Nachweises, dass diese wiederholten Verlegungen nicht bloss beträchtliche Ausgaben erheischten, sondern auch die Entwicklung der Obstbäume zurückhielten. Anderseits haben sie den Vorteil, dass die Anlagen immer vollkommner und schöner ausgeführt werden konnten. Über ihren Zustand im Sommer 1905 fällt die Deutsche Pomologen-Zeitung folgendes Urteil: >Die ganze Anlage macht durch ihre durchdachte Einteilung und durch ihre vorzügliche Ordnung den vortrefflichsten Eindruck. Ich sah, schreibt der Berichterstatter, z.B. niemals zuvor ähnlich schöne und gleich starke Bäume der Frühbirne Dr. Jules Guyut<.“ 

Die vom Verein angebotenen Unterrichtskurse für Gärtnerlehrlinge und Gehilfen wurden seit 1885 in die Lehrgänge der städtischen Gewerbeschule genommen und dort weitergeführt. Zu diesem Zweck hatte der Verein eine Fachbibliothek angeschafft. Das im Gleisdreieck entstandene Gartenhaus verfügte über einen „recht guten und praktisch eingerichteten Obstkeller“.  Der Verein dokumentierte in einem seiner jährlichen Berichte das dieser ab 1895 die vom Darmstädter Theodor Schwab begründete Blumenpflege durch Schulkinder in den Volkschulen Sachsenhausen eingeführt hat. Zwischen 160 und 200 Schülerinnen sollen jährlich mit je drei geeigneten Blumen beschenkt worden sein, die nach der Pflege im Sommer eines Jahres dem pflegenden Kind übereignet wurden. Ein damit verbundener Wettbewerb soll darüber hinaus auch noch eine Prämierung beinhaltet haben.

Die regelmäßigen Führungen, die der Verein anbot, wurden offenbar von vielen Gästen aus nah und fern angenommen. Für das Jahr 1903 ist dazu folgender Bericht überliefert: „Auch im Jahr 1903 wurde der Garten von vielen einheimischen und auswärtigen Freunden des Obstbaus in Augenschein genommen. Mehrere Obstbauvereine aus der Umgegend besichtigten unsere Anlagen unter fachmännischer Führung durch die betreffenden Obstbautechniker oder unseren Obergärtner. Um die große Schar der Spaziergänger, die alltäglich an unserem Eingangstor an der Forsthausstraße vorbeifluten, noch nachdrücklicher auf unseren Garten hinzuweisen, hat der Vorstand am ersten Eisenbahnviadukt, neben der Ausstiegstelle der städtischen Straßenbahn ein Schild anbringen lassen, das nach dem Gartentor hinweist. Dort macht ein zweites Schild darauf aufmerksam, daß der Zutritt allen Freunden des Garten- und Obstbaues gestattet ist. Sie haben sich nur bei unserem Obergärtner zu melden, der ihnen gerne den Garten zeigen und Auskunft erteilen wird.“

Wie man von einem Versuchsgartenverein erwarten würde, war in den Jahresberichten auch stets die Rede von den verschiedenen Wetterereignissen, wie zum Beispiel ein plötzlicher Hageleinschlag die schönsten Obstblüten und ersten kleinen Fruchtansätze zerstörte. Selbstverständlich wurde von Ernteerfolgen aber auch von mancher Missernte Report erstattet. Im Jahr 1903 wurde zum Beispiel von einem erhöhten Grundwasserspiegel berichtet der seit längerer Zeit Anlass zu großer Sorge gab. Mit der Verlängerung bzw. dem Bau einer Kanalisation bis zur neu errichteten Villa der Familie Mumm von Schwarzenstein, die auch das vereinseigene Gartenhaus versorgt haben soll, war ein Absinken des Grundwasserspiegels verbunden. Die zuvor kränkelnden Apfelbäume sollen sich in der Folge erholt haben und eine prächtige Ernte ermöglicht haben.

Wenn ein Versuchsgarten Nachbarn hatte, wie der in der Forsthausstraße, überrascht es aus heutiger Sicht nicht, wenn es zu der einen oder anderen Beschwerde von dort kam. Ein Bewohner aus der nahen Waidmannstraße 45 sah sich veranlasst dem Magistrat der Stadt am 23. Juni 1926 einen Brief zu schreiben, in dem der Herr von einem gewaltigen Lärm berichtete und um Abhilfe bat. Dieser Lärm soll von einem "Motorpflug oder einem ähnlichen Apparat" ausgegangen sein, der über Stunden anhielt. Der Radau sei sogar an den Osterfeiertagen und dann auch noch zur Zeit des Hauptgottesdienstes und abends nach 21:00 Uhr zu hören gewesen. Wie sich herausstellte hat der Obergärtner des Vereins im Versuchsgarten eine neu angeschaffte Fräsmaschine und eine elektrisch betriebene Bodenbearbeitungsmaschine Gartenbesuchern und Interessenten vorgeführt. Im Antwortschreiben des Oberbürgermeisters, dass nach Rücksprache mit dem Obergärtner verfasst wurde, war vom Bedauern des Obergärtners die Rede. Es wurde aber auch darauf hingewiesen, dass man dem Gartenverein an Wochentagen den Einsatz der Fräsmaschine nicht untersagen könne. Bei diesem handele sich ja schließlich um einen gemeinnützigen Verein. Der abendliche Lärm soll von Schüssen ausgegangen sein, der den äußerst schädlichen Amseln gegolten habe die in den Nutzgärten erhebliche Schäden angerichtet hätten. "Zudem als anerkannte Feinde der Vogelwelt auf ein Mindestmaß beschränkt werden müssten."

Die Arbeit des Sachsenhäuser Versuchsgartenverein wurde von zahlreichen Handwerken unterstützt, die für ihre Leistungen keine Rechnungen ausstellten. Anlässlich des 25jährigen Vereinsjubiläums bedankte sich der Vereinsvorstand aber auch für in nachhaltiger Weise gewährten finanziellen Unterstützungen durch die Königliche Regierung zu Wiesbaden, den städtischen Magistrat und die hiesige Polytechnische Gesellschaft.

Im Januar 1928 berichtet das städtische Siedlungsamt dem Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann von der einvernehmlichen Feststellung von Landwirtschaftskammer und dem Versuchsgartenverein, dass die damalige Gartenanlage „infolge einer Überalterung für die Durchführung neuzeitlicher Versuchszwecke nicht mehr in Frage käme“.  Das Siedlungsamt erklärte ferner, im Rahmen eines Generalbebauungsplanes nach einem geeigneten Gelände Ausschau zu halten und die Finanzierungsmöglichkeiten einer neuen Gartenanlage prüfen zu wollen. Damit war klar, die Versuchsgartenanlage an der Forsthausstraße hatte keine große Zukunft mehr. In einer Magistratsakte (ISG, Signatur 9.548) findet sich ein am 14.01.1938 verfasstes Schreiben eines Frankfurter Rechtsanwalts und Notars, der am 22.12.1936 vom Frankfurter Amtsgericht zum Liquidator des Versuchsgartenvereins bestellt wurde. Dr.  Hermann Rumpf stellte fest, dass keinerlei Forderung gegenüber dem Verein bestehen und der Verein inzwischen aus dem Vereinsregister gelöscht worden sei. Der noch vorhandene Guthabenbetrag von etwas mehr als 1.500 RM werde einem Konto der Stadtgemeinde Frankfurt gutgeschrieben. Wie so oft wenn es etwas zu holen gibt, meldete danach aber auf einmal eine ganz andere Partei, in diesem Fall der "Reichsnährstand Landesbauernschaft Hessen-Nassau", Ansprüche auf das Restvermögen an.

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Blick über die noch im Bau befindliche Heimatsiedlung in Richtung des Universitätsklinikums. Im geteilten Gleisdreieck ist sowohl das Gelände des Sachsenhäuser Versuchsgartenvereins als auch des Sportclubs Forsthausstraße (links) gut er erkennen. Die Aufnahme dürfte Anfang der 1930er Jahre entstanden sein.

Die Radrennbahn am Oberforsthaus

Der Ingenieur Heinrich Kleyer war 1881 maßgeblich an der Gründung des 1. Frankfurter Bicycle Clubs, zugleich dem zweitältesten deutschen Fahrradclubs beteiligt. Kleyer hatte frühzeitig die Bedeutung des Fahrrads als Verkehrsmittel für die breite Bevölkerung erkannt und bereits 1880 eine „Maschinen- und Velocipedhandlung“ in der Frankfurter Bethmannstraße eröffnet. Dr. Ing. Heinrich Kleyer wurde damit zum Begründer der deutschen Fahrradindustrie. Im Radsport, den er selbst betrieb, sah er eine gute Möglichkeit seine Produkte zu testen und der potentiellen Kundschaft erfolgreich vorzuführen.

Direkt gegenüber dem Oberforsthaus, an der Stelle wo heute der Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe e.V eine Wohnanlage für körperlich Schwerbehinderte unterhält, war 1884 eine Radrennbahn entstanden. Der Bau erfolgte durch den „Frankfurter Bicycle-Club von 1881“ so rechtzeitig im Jahr, dass bereits am 7. Mai 1884 die Bahn eröffnet werden konnte. Die ovale Rennbahn hatte eine Länge von 400 m, die 100 m langen Kurven waren um 35 cm erhöht. Die Breite der Bahn betrug 5 m und erweiterte sich auf der Zielgeraden auf 11 m. Mit größter Sorgfalt hatte man den Unterbau hergestellt. Nachdem der Grund abgetragen war, wurde auf eine genau nivellierte Sandfläche eine 10 cm dicke Schicht des zuvor abgetragenen Grundes aufgebracht. Darauf erfolgte eine 12 cm hohe Lage aus Schottersteinen, die wieder von einer 5 cm hohen Schicht des von den Basaltstraßen der Umgegend abgekratzten Bindegrundes bedeckt wurde. Den Abschluss bildete eine 2 cm dicken Lage von feinkörniger Kohlenasche, die schließlich mit feinem Sand überdeckt wurde. Jede Schicht war selbstverständlich begossen und sorgfältig glatt gewalzt worden, sodass die Bahn den damaligen Ansprüchen wohl genügen konnte. Die Zuschauerräume – eine Tribüne war auch vorhanden – konnten bequem 5000 Personen fassen. Die Bahn, in unserem herrlichen Stadtwald gelegen, bot gleichzeitig eine schöne Aussicht nach dem Taunus; mit Stolz konnte man sie eine der schönsten Deutschlands nennen.

Durch zahlreiche größere und kleinere Zeitungsnachrichten war Frankfurts sportfreundlich gesinnte Bürgerschaft über den bau der Bahn und über das am 18. Mai 1884 stattfindende „I. Frühjahrs-Velociped-Wettfahren für Amateurs“ unterrichtet worden. Die äußere Festordnung war die gleiche, wie sie viele Jahre lang gebräuchlich war. Nach einem gemeinschaftlichen Mittagessen setzte sich vom Opernplatz aus der aus ungefähr 120 Rädern bestehende Korso um die Taunus-Anlage nach dem Forsthaus in Bewegung. Dieser für Frankfurt erste Korso hatte eine große Zuschauermenge angelockt. Auch die Rennen waren gut besucht, sodass neben dem sportlichen Erfolg auch ein finanzieller zu verzeichnen war. Für den Klub wurden von Heinrich Kleyer der 1. Preis im Dreiradfahren und von Haack und Neuhaus die beiden ersten Preise im Gauverbandsfahren gewonnen. Die Preise waren teils gestiftet, teils vom Vorstand gekauft und wurden gleich nach dem Rennen auf der Rennbahn durch den Herrn Polizeipräsidenten von Hergenhahn den Siegern überreicht. – Das Herbstrennen musste des schlechten Wetters wegen um 3 Tage verschoben werden und konnte auch dann aus dem gleichen Grunde kaum abgehalten werden, war aber ein voller sportlicher Erfolg für die Fahrer des Klubs. Für die Klubkasse aber war das ein wenig Erfreuliches, was umso bedauerlicher war, weil sie durch den Bau der Rennbahn stark in Anspruch genommen war. Durch die bewundernswerte Opferwilligkeit der Mitglieder wurden aber alle Schwierigkeiten beseitigt. Mit dem Bewusstsein, dem Sport in hervorragender Weise gedient und ihm eine Heimstätte in Frankfurt geschaffen zu haben, wurde diese erste Radrennsaison geschlossen.

Auch im folgenden Jahre fanden wieder zwei Rennen statt. Für das Frühjahrsrennen hatte man zwei französische Berufsfahrer verpflichtet, die einen Kampf über 30 km ausfochten. Sie zeigten Leistungen, wie sie unsere deutschen Fahrer noch nicht zu bieten vermochten. Man wollte dadurch den Frankfurtern die Leistungsfähigkeit der Velocipede vor Augen führen und hat diesen Zweck auch erreicht. Von Klubmitgliedern gewannen Otto Heinmüller und M. Ehrhardt die beiden ersten Dreiradrennen, während Kleyer-Heinmüller das Dreirad-Tandemrennen nach Hause bringen konnten. – Obgleich das Wetter denkbar schlecht war, konnte man doch einen guten Besuch feststellen. Auch das Herbstrennen zeigte, diesmal gegen die Regel bei schönem Wetter sehr gute sportliche Leistungen. Der Besuch hatte bedeutend zugenommen – ein Beweis für das immer mehr zunehmende Interesse des Frankfurter Publikums an unseren Rennveranstaltungen, was sich auch in der Stiftung von Ehrenpreisen und in der Teilnahme der besseren Gesellschaftskreise zeigte. Auch die finanziellen Ergebnisse konnten als leidlich bezeichnet werden.

Die Rennbahn am Oberforsthaus hatte ihren Zweck voll und ganz erfüllt; sie hatte den Radrennsport in Frankfurt bekannt und beliebt gemacht. – Sie hatte aber den sehr in die Waagschale fallenden Nachteil, für die damalige Verkehrsverhältnisse zu weit von der Stadt entfernt zu sein.

(Quelle: Frankfurter Biographie; Festschrift zur Feier des 50. Stiftungsfestes des Frankfurter-Bicycle Club von 1881)

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Auf diesem Areal, direkt gegenüber dem Gebäude des ehemaligen Oberforsthauses soll die Radrennbahn gestanden haben. Rechts die Einmündung der Schwarzwaldstraße.

Fluchtlinienplanung, Trassierung und Bebauung

Der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung für die Verbindung nach dem Oberforsthaus eine Straße neu herzustellen und diese Forsthausstraße zu nennen, erfolgte im Jahr 1874. Zuvor standen lediglich Feld- und Waldwege zur Verfügung. Die entsprechende Fluchtlinienplanung schloss auch das Areal der heutigen Waidmannstraße (ursprünglich Goldsteinstraße) und der von dort in nördlicher Richtung abgehenden, die Forsthaus- und Paul Ehrlich-Straße (ursprünglich Sandhofstraße) querenden Straßen (Vogelweid- und Eschenbachstraße), mit ein. Auch die in ostwestlicher Richtung verlaufende Töplitzstraße (ursprünglich Tannenstraße) war im Fluchtlinienplan der „unteren Forsthausstraße“ mit einbezogen. Der an der Schweizer Straße beginnende östliche Teil der Forsthausstraße, seit 1919 Hans-Thoma-Straße (Anlass war der 80. Geburtstags des Malers), wurde ab 1876 bebaut. Die Bebauung der Forsthausstraße zwischen Garten-/Holbeinstraße und Stresemannallee (ursprünglich Wilhelmstraße) erfolgte ab 1912. An der damals bereits sehr großzügig geplanten Straßenkreuzung von Forsthaus- und Wilhelmstraße war 1898 das Hippodrom als imposanter „Reitertempel“ seiner Bestimmung übergeben worden. Im weiter stadtauswärts gelegenen Areal wurden nahezu zeitgleich kurz nach der Jahrhundertwende die beiden großen Villen von Eduard Beit von Speyer (Nr.70) und Hermann Mumm von Schwarzenstein (Nr. 151) als luxuriöse Privathäuser in großen Parkanlagen errichtet. In der Nachbarschaft der Villa Speyer entstanden ab 1904 zahlreiche andere Villen, vornehmlich für Architekten und Fabrikanten. Das von Arthur von Weinberg an der Niederräder Gemarkungsgrenze (Holzhecke) 1909 errichtete komfortable Wohngebäude „Haus Buchenrode“ (Nr. 148) war wohl in eine ähnliche Kategorie wie die Villen Mumm und Speyer einzuordnen.

Über die Straßenbreite gab es beim städtischen Bauausschuss, dem Stadtgärtner und dem Tiefbauamt zwischen 1877 und 1905 die unterschiedlichsten Vorstellungen. Die Überlegungen variierten zwischen 41 m, 28,5 m und 17 m, je nachdem ob ein Reitweg/Radweg und/oder Bäumen an beiden Straßenseiten berücksichtigt wurden. Eine Projekt-Skizze vom 24. Januar 1882 verwendet für den separaten Weg den Begriff „Promenadeweg“. Einige Bauherren bildeten eine Interessengemeinschaft und forderten zugunsten von mehr Baufläche die Tiefe der Vorgärten von den geplanten 12 m auf 8,5 m zu reduzieren, um dann 10 m genehmigt zu bekommen. Aus heutiger Sicht ist es vielleicht keine große Überraschung, wenn ein Bauherr wie Hermann Mumm von Schwarzenstein wegen der nicht eingehaltenen Bauflucht für das Pförtnerhaus und die Stallung eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Baubehörde riskierte. In der entsprechenden Magistratsakte wurde die Aufhebung des Dispenses mit der Feststellung versehen, dass es sich um einen „herrschaftlichen Besitz“ handeln würde. Arthur von Weinberg erreichte auf ähnliche Weise die Genehmigung seiner Stallanlage. 1904 beantragte der Sportclub Sachsenhausen Forsthausstraße (SAFO) im Gleisdammzwickel, der zusammen mit dem Versuchsgarten-Verein genutzt wurde, ein Sporthaus auf der Baugrenze errichten zu dürfen. Wegen der beengten Verhältnisse im Gleisdreieck wurde die Genehmigung erteilt.

1910 finden sich in den Magistratsakten Forderungen nach einer Straßenbeleuchtung bis zur Niederräder Landstraße, worauf ein Straßenlampenplan erstellt wurde.

Aus dem Jahr 1911 liegt zum endgültigen Ausbau der Forsthausstraße eine ausführliche schriftliche Stellungnahme des Tiefbau-Amts an den Magistrat vor. Hier ist von einer „Hauptverkehrsader“ die Rede, die „von der Stadtmitte zum Stadtwald und darüber hinaus“ führt. Mit Erstaunen nimmt man heute die damals gewählten Lösungsansätze für die verschiedenen Arten der Fahrbahnbefestigungen zur Kenntnis:

„Die Art der Befestigung der Straße kann mit Rücksicht auf die verschiedene Art der Bebauung und die Art der Benutzung keine einheitliche sein. Soweit die Straße bebaut ist, kann nur ein geräuschloser Belag in Betracht kommen, während auf der unbebauten und der im Walde gelegenen Strecke die Forderung nach Geräuschlosigkeit zurücktritt und nur Staubfreiheit Bedingung wird. Ferner ist bei der bebauten Strecke, die durch Luxus- und Reitverkehr in Anspruch genommen wird, auf eine geräuschlose Pflasterart Bedacht zu nehmen, welche den Pferden einen sicheren Halt bietet. Schließlich ist von etwaigen noch nicht erprobten Befestigungsarten Abstand zu nehmen und ist nur auf Beläge zurückzugreifen, die sich hinreichend bewährt haben. Nach diesen Gesichtspunkten empfiehlt sich:

  1. Schweizer-Straße bis Gartenstraße (ohne Reitweg): Stampfasphalt
  2. Gartenstraße bis Paul-Ehrlich-Straße (mit Reitweg): Weichholz
  3. Paul-Ehrlich-Straße bis Oberforsthaus: Kleinpflaster" [sogen. Katzeköpp]

Diese Pflasterung löste einen Protest des „Frankfurter Reit- und Fahrklubs“ aus, der allerdings nicht von Erfolg gekrönt war. Und das, obwohl ein sogenannter Hippodrom-Reiter bereits hingefallen sei und „in letzter Zeit auch seine Exzellenz der kommandierende Herr General sich bei einem Sturz auf den Asphalt nicht unerheblich verletzt habe“. Im Vergleich dazu war in der benachbarten Gartenstraße auf einer Teilstrecke ein weiches Holzpflaster verlegt. Die Beschwerde der Reiter galt allerdings auch den auf der Forsthausstraße verkehrenden Automobilen (1912).

In den Jahren 1909 und 1914 wurde von nächtlichen Ruhestörungen zwischen 21 Uhr und 7 Uhr berichtet, die von der Müllabfuhr versucht worden sein sollen. Der Magistrat versprach bezüglich der ersten Beschwerde bis Ende 1909 zumindest in der Sandhofgegend eine Verbesserung und das „ohne dafür die „ruhige Trambahn zu nehmen“.

Das Hippodrom

Frankfurt war Ende des 19. Jahrhunderts eine dem Reitsport sehr zugewandte Stadt. Der von vielen Reitwegen durchzogene Stadtwald zog täglich unzählige Reiter hoch zu Ross an. Pferdefuhrwerke und Kutschen waren weitverbreitet. 1865 bekam der sich aus England auch auf den Kontinent verbreitende Pferderennsport auch in Frankfurt eine Galopprennbahn. Pferde gehörten einfach zum alltäglichen Straßenbild. So wundert es nicht, dass von dem aus dem Rheinischen Rennverein hervorgegangene Frankfurter Renn-Klub, mit seinem Präsidenten Albert von Metzler, eine Initiative für den Bau einer großen Reithalle entwickelte. Die Frankfurter Baufirma Philipp Holzmann war 1898 von der Hippodrom AG beauftragt worden nach den Plänen der Architekten J. Christoph Welb und Adolf Haenle an der Ecke Wilhelm- und Forsthausstraße (heute Stresemann- und Kennedyallee) auf einem 11.330 qm umfassenden Areal ein repräsentatives Gebäude zu errichten. Die Grundfläche des zweigeschossigen Gebäudekomplexes umfasste rund 95 mal 39 Meter und die Höhe 25 Meter. Dadurch die Ställe für nahezu 130 Pferde, Remisen, Schmiede, Kantine, Warteraum und der Aufsitzraum ebenerdig lagen, verfügte das Hippodrom über 2 Pferdeaufzüge, der die Tiere auf die höher gelegenen Reitbahnen transportierte. 1909 wurden zuvor mobil konstruierte außenliegende Rampen durch solche aus Beton ersetzt. Im direkt an der Kreuzung von Wilhelm- und Forsthausstraße gelegene Empfangsgebäude befanden sich, neben dem Vestibül, auf zwei Etagen verteilt zwei Restaurants. Der stützenlose Innenraum der großen Reithalle war 50 mal 25 Meter groß, die im nördlichen Gebäudekomplex gelegene kleine Reithalle maß 21 mal 12 Meter. Bei allem Optimismus der damaligen Zeit waren die Bauherren realistische Kaufleute. Das Hippodrom wurde deshalb so konstruiert, dass es auch durch andere Veranstaltungen genutzt werden konnte. Heute würde man wohl von einer Multifunktionshalle sprechen. Die Halle verfügte über einen mobilen Bodenbelag der in kurzer Zeit, es wird von nur 30 Minuten berichtet, den Reitboden in einen Parkettsaal verwandelte. Die für Reitveranstaltungen mit 2.900 Plätzen ausgestattete Halle, davon 1.500 Stehplätze, bot bei einer Konzertbestuhlung des Innenraums 2500 Personen Platz. Genutzt wurde das Hippodrom neben den Reitveranstaltungen auch für Konzerte und Varieté-Vorführungen. Während des Erstes Weltkriegs wurde dort eine Lazarett-Station eingerichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Gebäudekomplex zerstört. Die einsturzgefährdete Ruine wurden 1956 abgerissen und durch einen Neubau für den Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektroindustrie e.V. ersetzt. Seit einigen Jahren wird dieses Gebäude durch ein Konsulat der Volksrepublik China genutzt. Leider sind seitdem die zuvor offenen gärtnerischen Außenanlagen hinter einer hohen Mauer versteckt. Der Verlauf der Schreyerstraße mit einer kleinen Grünanlage ist dem ursprünglichen Baukörper und dem Bauvolumen des Hippodroms geschuldet.

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Blick über das Außengelände des Hippodroms. Die Gebäude im Hintergrund befinden sich in der Garten- bzw. der Schaub- und Steinlestraße.

Sportclub Sachsenhausen Forsthausstraße (SAFO)

Die Vertreter von zwei vormals selbstständigen Frankfurter Sportvereinen ersannen nach deren Zusammenschluss 1904 einen neuen Vereinsnamen, der von der Adresse des Vereinsgeländes abgeleitet war. Als die Adresse nach fast 60 Jahren des Vereinsbestehens auf einmal nicht mehr mit dem Vereinsnamen übereinstimmte wurde von den Vereinsmitgliedern soweit bekannt klaglos hingenommen. Was war geschehen?

1904 hatte sich der 1861 gegründete „Frankfurter Schlittschuhclub“ mit der „Lawn Tennisvereinigung 1898“ zum Sportclub Sachsenhausen Forsthaussstraße zusammen geschlossen. Das von der Stadtgemeinde gepachtete Vereinsgelände befand sich von Anfang an im Gleisdreieck, dass damals noch vom Sachsenhäuser Versuchsgartenverein mitgenutzt wurde. Der Versuchsgarten erstreckte sich von der Mitte des Areals über den östlichen Teil der Fläche zum Bahndamm an der Waidmannstraße. Dem Sportclub stand die restliche Fläche bis zum Bahndamm an der Richard-Strauß-Allee zur Verfügung. Seit dem Jahr 1905 verfügte der Sportclub über ein an der Straßenfront errichtetes Clubhaus. Nach der Auflösung des Versuchsgartenvereins konnte 1938 der als Gartenanlage genutzte Teil des Gleisdreiecks vom Sportclub übernommen werden. Dieser nutzte die willkommene Gelegenheit und baute dort einen Allwetter- und Rasenhockeyplatz.

Nur wenige Monate nachdem der amerikanischen Präsidenten John Fitzgerald Kennedy am 25. Juni 1963 die Mainmetropole besucht hatte erlag er am 22. November 1963 einem in der texanischen Stadt Dallas verübten Attentat. Kennedy war damals auf dem Weg vom Flughafen über die Forsthausstraße zum Römerberg gefahren. Zur Ehren des verstorbenen amerikanischen Präsidenten wurde die Forsthausstraße umbenannt und trägt seitdem den Namen Kennedyallee. Von einer Umbenennung des Sachsenhäuser Sportclubs konnte dagegen keine Rede sein. Dadurch blieb der alte Straßennamen im Vereinsnamen erhalten.

Nachdem Anfang des Jahres 1861 im Frankfurter „Intelligenzblatt“ ein Aufruf zur Gründung eines Schlittschuhclubs erschienen war fand sich tatsächlich eine Zahl von etwas mehr als 100 Personen, die diesem Club beitraten. Vereinszweck war „Die Förderung der Schlittschuhfahrkunst, die Herstellung geeigneter Eisbahnen, Entfernung des Schnees, Begießung der Eisbahnen, Abstecken gefährlicher Strecken im Main und  Herstellung von Übergängen über das rauhe, schlechte Maineis.“  Eisstockschießen und Eishockey waren populäre Sportarten die der Frankfurter Schrittschuhclub auf dem Main und anderen zugefroren Gewässern betrieben hat. Wie einer Jubiläumsschrift aus dem Jahr 2011 zu entnehmen ist, soll der Frankfurter Schlittschuhclub am 2. Januar 1872 den ersten in Deutschland ausgetragenen Eisschnelllaufwettbewerb ausgerichtet haben. Im inneren einer auf dem Areal des Frankfurter Palmengartens befindlichen Radrennbahn soll sich eine 6.000 qm große Rasenfläche befunden haben, die im Winter für das Eislaufen hergerichtet wurde. Dort aber auch auf auf dem Main wurden sportliche Veranstaltungen ausgetragen die als Kunst- und Schnelllaufwettbewerbe beschrieben werden. Es soll so etwas wie Volksschlittschuhlaufen mit Ausfahrten von bis zu 400 Teilnehmern bis nach Mainz gegeben haben. Selbst sportliche Hindernis- und Rückwärtsfahrten mit einer Länge von bis zu 1.000 Metern sollen von populären Frankfurter Sportgrößen ausgetragen worden sein. Namen wie die vom Ruderer Achilles Wild (Germania), dem Radweltmeister August Lehr oder Fritz Opel werden in diesem Zusammenhang erwähnt.

Die Rasenflächen im Innenraum der Radrennbahn des Palmengarten sollen im Sommer Tennispielern vermietet worden sein. Nach dem Vorbild von Major Walter Wingfield, der sich die Regeln  des von ihm erfundenen „Lawn-Tennisspiels hatte patentieren lassen, hatte sich 1898 in Frankfurt die Lawn Tennisvereinigung 1898 gegründet.  

1904 nun vereinigten sich der junge und der alte Verein zur SAFO. 1963 kamen die erfolgreiche Hockeypieler des TV Sachsenhausen 1857, die sich zuvor als Hockeyclub Sachsenhausen  selbstständig gemacht hatten, zum SAFO. Dort gab es bereits seit den 1930er Jahren eine  Hockeyabteilung mit Herren- und Damenmannschaften.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Vereinsgelände in einem für den Sport völlig unbrauchbaren Zustand. Der regelmäßige Spielbetrieb musste in den Jahren 1941 (Herren) und 1942 (Damen) eingestellt werden. Der Hockeyrasenplatz konnte aber wenigstens noch als Gemüse- und Kartoffelacker genutzt werden. Bei den Bombenangriffen wurden die Spielplätze und das Clubhaus völlig ruiniert. Vielen tätkräftigen Händen der ehemaligen Vereinsmitglieder gelang es bis binnen eines Jahres die Tennis- und Hockeyplätze soweit wieder aufzubauen,  dass an der Forsthausstraße wieder gespielt werden konnte.

Diese drei Säulen des Vereins blicken auf große sportliche Erfolge zurück. 1939 und 1943 konnten die deutsche Feldhockeymeisterschaft (Herren) gefeiert werden. In den 1960er Jahren war die Herrenmannschaft mehrfach Hessenmeister (1964, 1966, 1967) sowie Süddeutschermeister (1966) im Feldhockey und 1967 in der Halle geworden. 1998 und 1999 konnten die bisher größten Mannschaftserfolge errungen werden. 1998 der Deutsche Hockeypokal und 1999 sogar der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger. Herausragend ist sicherlich der Gewinn der olympischen Goldmedaille von Horst Dröse mit der deutschen Nationamannschaft 1972 in München. Neben Dröse haben weitere deutsche Nationalspieler und Olympiateilnehmer beim Sportclub Sachsenhausen Forsthausstraße e.V. gespielt: Utz Aichinger, Christian Büchting, Klaus Lauth, Klaus Woeller (1960 im Rom), Utz Aichinger und Klaus Greinert (1968 in Mexico City) sowie Detelf Kittstein zusammen mit Horst Dröse (in München).

1978 konnte der Gewinn der Europameisterschaft im Eisstockschießen gefeiert werden.

Hessenmeisterschaften im Tennis durch die 1. Herrenmannschaft.

Noemi Hemmerich wurde 2011 im Tennis-Einzel 2011 Hessenmeisterin.

Ruhebank (auch als "Kiepenstein" bekannt)

Etwa 100 m westlich der Kreuzung von Stresemann- und Kennedyallee, bereits auf dem früheren „Promenadeweg“ bzw. Reitweg, befindet sich eine der letzten Ruhebänke von Frankfurt. Diese Steine mit Steinbank waren Stationen zum Ausruhen für Lastenträger (auch Kiepenträger genannt). Die Trägerinnen und Träger setzten beispielsweise eine Kiepe noch im Stehen auf den hohen Stein und sich selbst auf die Bank daneben. Eduard Pelissier schrieb dazu 1905: „Sowohl bei Fahr- als bei Fusswegen finden sich an den Durchgängen oft Ruhebänke, ursprünglich von Holz, die erhaltenen meist aus >Bockenheimer Blauem< (Basalt), selten aus rotem Sandstein. Ihr niederer Teil diente als Sitz, der höhere zum Abstellen der Kopflasten. Die Ruhebänke stehen meist innerhalb oder in seltenen Fällen ausserhalb der Landwehr, fast immer parallel dem Wege, aber bald rechts, bald links.“ In Terrain von Sachsenhausen und Niederrad soll es auch noch in der Mörfelder Straße, im Sachsenhäuser Feld und der Niederräder Landwehr derartige Ruhebänke gegeben haben. In der Kennedyallee hat sich das letzte Exemplar dieser Ruhebänke im linksmainischen Stadtgebiet erhalten. Nachdem im Februar 1889 die Waldbahnstrecke nach Niederrad eingeweiht worden war konnte der Transport von und zu den Niederräder Wäschereien durch diese regelmäßig dampfbetriebene Bahn übernommen worden. Dadurch schlief sukzessive der mühselige Transport durch Trägerinnen und Träger ein.  

Der Rotkäppchenbrunnen

Der auf der kleinen Grünanlage, von den Häusern Kennedyallee 34 und 36 befindliche Rotkäppchen-Brunnen hatte ursprünglich einen anderen Standort. Gegenüber der Schillerschule auf dem spitz zulaufenden Bürgersteig zwischen der heutigen Hans-Thoma-Straße und der Gartenstraße beabsichtigte 1911 das städtische Hochbauamt eine kleine Grünanlage herzurichten und diese mit einer Pergola auszustatten. Diese bereits mit 1.500 Mark budgetierte Planung kam jedoch nicht zur Ausführung nachdem sich Sachsenhäuser Bürger, vertreten von Franz Bär aus der Forsthausstraße 28, bei der Stadt gemeldet hatten. Herr Bär berichtete von einer Spendensammlung bei der 500 Mark zusammenkamen. Verbunden mit dem Wunsch mit diesem Betrag den Ankauf eines durch den Bildhauer Johann Beltz ausgeführten Brunnen und die Herstellung eines einfachen gärtnerischen Hintergrundes zu unterstützen. Nachdem das Hochbauamt diese Idee unterstützte stimmte der Magistrat am 17. Oktober 1911 einem entsprechenden Antrag zu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1953) wurde der Brunnen an den heutigen Standort verlegt.

Der ursprüngliche Standort des Brunnens erhielt am 26. April 2017 den Namen „Platz der vergessenen Kinder“. An diesem Tag wurde dort zudem ein Denkmal feierlich enthüllt das an die von den Nazis deportierten und ermordeten Kinder eines jüdisches Kindeshauses in der Hans-Thoma-Straße 24 (ursprünglich Forsthausstraße) erinnert.

Link:

https://platz-der-vergessenen-kinder.de/

 

Adressbucheintragungen

Die beiden pdf-Dateien unterscheiden sich lediglich dadurch, dass die erste Datei mit zusätzlichen Informationen zu ausgewählten Bewohnern und/oder Hauseigentümer ergänzt wurde. Die zweite Datei entspricht 1:1 der von mir zuvor erstellten Excel-Datei.

Tabelle mit allen Adressbucheinträgen der Forsthausstraße bzw. Kennedyalle in der Zeit von 1880 bis 1975 (mit Zusatzeinträgen) (667.75 KB)
Tabelle mit allen Adressbucheinträgen der Forsthausstraße bzw. Kennedyalle in der Zeit von 1880 bis 1975 (Rohfassung, ohne die Zusatzinformationen) (415.78 KB)

Sozialstruktur

Tabelle der in den Adressbüchern vermerkten Berufe der Haushaltsvorstände. Daraus ergibt sich eine Sozialstruktur der Forsthausstraße/Kennedyallee. (183.84 KB)
 L E B E N   I N   D E R   F O R S T H A U S S T R A S S E
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Forsthausstraße Nr. 33 - Conrad Peter Straßheim (1850-1923)

Der Name von Conrad Peter Straßheim ist eng mit der Königin der Blumen verbunden, der Rose.  Er kam am 24.3.1850 in der Wetterau, in Griedel bei Butzbach, auf die Welt. Seine Eltern starben früh, es sollen einfache Schneider gewesen sein. Als Waise war er in jungen Jahren darauf angewiesen für sich selbst zu sorgen. Nach der Ausbildung zum Zimmermann ging er auf die Walz und absolvierte so seine Lehr- und Wanderjahre. Anschließend war er als Pflasterer tätig. Der ehemalige Leiter der Frankfurter Palmengartens, Gustav Schoser, vermutete das diese körperlich sehr anstrengende Tätigkeit Straßheims Hinwendung zu Pflanzen und insbesondere zu den Rosen erklären kann. „Es war Ausgleich für oft schwere und eintönige Arbeit. Er ging in den Garten, wie es auch für ihn sprichwörtlich geworden ist. Seine Zuneigung galt den Rosen, egal ob es um >Wildlinge< oder >Edellinge< handelte. Schon mit 28 Jahren erhielt er Diplome für außerordentliche gärtnerische und züchterische Leistungen auf Rosenausstellungen.“ Zu dieser Zeit war er bereits als Bauunternehmer tätig, nachdem er am 1.4.1876 sein eigenes Unternehmen in der Sachsenhäuser Heisterstraße gegründet hatte. Das Fabrikgrundstück befand sich im Ziegelhüttenweg 37 an das sich ein großer Garten anschloss. Er verlegte später seinen Sitz in die Oskar-Sommer-Straße 27. Das Bauunternehmen C.P. Straßheim warb in Frankfurter Zeitungen u.a. für den Bau von Radfahrbahnen, Lawn-Tennis-Courts, sowie Asphalt- und Holzpflaster und dem Hinweis „Vielfach prämiert. Erste Referenzen.“ 1888 legte er in der Hedderichstraße einen Wildrosen-Versuchsgarten an und gründete 1894 zusammen mit anderen Rosenliebhabern den Frankfurter Rosisten Verein, der sich zunächst nur dem Züchten von Rosen verschrieben hatte. Später weitete sich das Engagement der Rosisten auf das Schrebergartengebiet aus. Es kam zu einer Kombination von Schau- und Nutzgärten, die während des Ersten Weltkriegs eine besondere Bedeutung erlangte. Im Jahr 1894 gehörte er zu den Mitbegründern des “Internationalen Rosisten-Vereins“ in Amsterdam. Als sachkundiger Redakteur der Deutschen Rosenzeitung hatte er sich da längst in Fachkreisen einen Namen gemacht.

http://www.geschichtsverein-buchschlag.de/historie

(Quelle: ISG und Wolfgang Storm: „Jakob Latscha -Kaufmann und Sozialreformer 1849-1912“)

Allgemeine Rosen-, Blumen- und Pflanzenausstellung 1897.

1897 trat er als Initiator der großen Rosen-, Blumen- und Pflanzenausstellung an der Forsthausstraße in Erscheinung. Das damalige Ausstellungsgelände erstreckte sich von der heutigen Holbeinstraße bis zur Stresemannallee (damals Wilhelmstraße). In Erinnerung an diese Ausstellung entstand 1914 der heutige Otto-Hahn-Platz, den alle Sachsenhäuser bis heute eigentlich nur als „das Rosengärtchen“ (ursprünglich offiziell Holbeinplatz) kennen.

Anfang des 20. Jahrhunderts zählte Straßheim zu den Investoren in der von Jakob Latscha*, initiierten Waldsiedlung Buchschlag. C.P. Straßheim bezog ein Eigenheim in dieser, in der Gemarkung Mitteldick gelegenen Siedlung, wo er am 8.3.1923 starb.

*Bei Jakob Latscha handelte es sich um den Gründer einer Frankfurter Lebensmittelhandlung die sukzessive ein großes über die Stadtgrenze hinausreichendes Filialnetz betrieb. 

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Situationsplan des Ausstellungsgeländes.

Forsthausstraße Nr. 38 - Helga Braun-Pfeil

Helga Braun-Pfeil hat sich in den 1950er Jahren mit der Erfahrung als ehemaliger Chefsekretärin und Prokuristin mit einer privaten Schule für Sekretärinnen selbstständig gemacht. In mehrtägigen Kursen vermittelte Sie den Damen das nötige Rüstzeug um sich am Arbeitsmarkt als qualifizierte Fachkräfte mit besten Umgangsformen erfolgreich zu bewerben. Braun-Pfeil war international tätig und deshalb in Brüssel, Paris aber auch in Hamburg und München mit ihren Kursangeboten anzutreffen. Sie trat auch als Fachbuchautorin in Erscheinung.

(Quelle: ISG)

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Die Häuser Kennedyallee 38, 36 und 34.

Forsthausstraße Nr. 38 - Alfred Weichselbaum (1922-1984)

Alfred Weichselbaum (*22.10.1922 in Frankfurt †8.2.1984 ebenda) Er verbrachte seine Schüler- und Jugendzeit in Frankfurt. 1938 ging er in die Emigration nach Frankreich. Dort verhalf er gefährdeten jüdischen Mitmenschen durch illegale Transporte zur Flucht in die Schweiz. Diese nicht unentdeckt gebliebenen Tätigkeiten führte zu seiner Verhaftung und Deportation in das Konzentrationslager Auschwitz. Nach der Befreiung des Lagers kehrte er 1945 nach Frankfurt zurück.

Seit 1952 war er Mitglied im Jüdischen Gemeinderat Frankfurt, später Vorsitzender dieser Gemeindevertretung. Er war zudem im Vorstand der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung tätig.  Auch leitete zeitweise die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (ZWST). Am 5. März 1981 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz überreicht. Der damalige Stadtkämmerer Ernst Gerhardt ging in seiner Rede auch auf die große soziale Ader Weichselbaums ein: „Sein jüdisches Engagement im Wohlfahrtsleben hatte ihn nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch über die Grenzen hinaus an führenden Stellen tätig werden lassen.“ Er, der sich stets als „Frankfurter Bub“ bezeichnet hat, dankte für diese Ehrung und erinnerte in großer Dankbarkeit an seine Eltern. „Die mir verliehene Auszeichnung gebührt nur zu einem kleinen Teil mir. Der Hauptteil gebührt meinen Eltern, die mich lehrten, Jude und Mensch zu sein. Ihre Liebe und Ihre Erziehung wirkten so stark, dass selbst die Abgründe der Hölle, durch die ich musste, nicht ganz zerstören konnten, was sie mich lehrten.“ Als sein Beruf wurde in den Adressbüchern Journalist vermerkt.

(Quelle: ISG)

Forsthausstraße Nr. 39 - Dr. Wolfgang Schmidt-Scharff (1869-1954)

Friedrich Wolfgang Schmidt-Scharff wurde am 17.10.1869 als Sohn von Adolph Schmidt-Scharff (1833-1889) und Victoire geb. Scharff (1842-1926) in Frankfurt am Main geboren. Er besuchte die Wöhlerschule und anschließend das Städtische Gymnasium von Frankfurt, dass er 1887 nach erfolgreicher Abiturprüfung 1887 verließ. Im direkten Anschluss begann er ein Jura-Studium in Bonn, das er während eines freiwilligen Jahres (1888) bei der reitenden Abteilung eines in Würzburg stationierten Feldartillerie-Regiments unterbrochen hatte. Wie er selbst festhielt, hatte er sich in dieser Zeit an der Würzburger Universität eingeschrieben, dort aber keine Vorlesungen gehört. 1889 setzte er sein Studium in Berlin fort, wo er im November 1890 ein Examen ablegte und in der Folgezeit seinen Referendardienst am  Rüdesheimer Amtsgericht ableistete. An der Göttingen Universität legte er 1891 sein Doktorexamen ab. In den darauffolgenden Jahren war er am Frankfurter Landgericht und bei der Staatsanwaltschaft von Hamburg-Altona tätig. Nach einer ausgedehnten Reise durch Mittel- und Nordamerika kehrte er in seine Geburtsstadt zurück um am dortigen Amts- und Landgericht tätig zu sein.  1895 bestand er sein Examen als Assessor in Berlin und kam nach Frankfurt zurück. Hier gründete er seine eigene Rechtsanwalt-Kanzlei. Im darauffolgenden Jahr wurde er in den Vorstand der Frankfurter Sparkasse von 1822 berufen dem er insgesamt 12 Jahre angehörte. Schmidt-Scharff zeigte ein großes ehrenamtliches Engagement in mehreren Frankfurter Institutionen, die sich dem Gemeinwohl auf unterschiedlichste Weise verpflichtet sahen. So diente er u.a. dem Verschönerungsverein als Vorstandsmitglied (1899), war Kandidat der Nationalliberalen Partei für das Stadtparlament (1900) und nach eigener Feststellung „maßgeblich an der Schaffung der Erdbebenwarte auf dem kleinen Feldberg beteiligt“ (1908-1913). Während des Erstes Weltkrieges wurde er zum 31.12.1914 zum Justizrat ernannt. Er erlebte den Krieg teilweise an der Westfront (Somme, Ypern, Arras, Ostende) und erkrankte zeitweise so schwer, dass ein Frontdienst ausgeschlossen war. In Landau war er 1917 als Kriegsgerichtsvorsitzender und stellvertretender Kriegsgerichtsrat tätig. Der allgemeinen Luftfahrtbegeisterung, die durch die 1909 in Frankfurt veranstaltete Internationale Luftfahrt Ausstellung (ILA) ausgelöst wurde, konnte sich Schmidt-Scharff nicht entziehen. Er selbst formulierte das 1919 so: „..ich machte mehrere Freiballonfahrten sowie Fahrten mit dem Parzival- und Zeppelin-Luftschiff (Victoria-Louise) mit. Auch arbeite ich eifrig in dem Vorstand des hiesigen Luftschifffahrtvereins mit.“ Der Fleckschen Stiftung diente er als Administrator (1917), dem Frankfurter Geschichtsverein als Vorstandsmitglied (1920) sowie dem Verein für das Historische Museum als Vorsitzender (1941). 1924 gründete er die Wolfgang und Henriette Schmidt-Scharff Familienstiftung, die den Zweck dienen sollte notleidende Familienmitglieder zu unterstützen. Er trat mit der Veröffentlichung zahlreicher Publikationen auch als Lokalhistoriker in Erscheinung. 1913 verfasste er die Geschichte des Frankfurter Frauenvereins. 1916 folgte eine sogenannte Skizze zum Gedenken an seinen Großvater Alexander Scharff, anlässlich des 100. Geburtstags. 1894 hatte er bereits als Student eine kleine Schrift über die Wallservitut herausgegeben.

Wolfgang Schmidt-Scharff war seit dem 30.09.1902 mit Helene Luise Amalie Henriette Manskopf verheiratet. Es ist mir leider nicht gelungen die Anzahl der Kinder in Erfahrung zu bringen. Dr. jur. Wolfgang Schmidt-Scharff starb 1954 in Frankfurt am Main.

(Quelle: ISG; Wikipedia)

Forsthausstraße Nr. 43 - Conrad Binding (1846-1933)

Conrad Binding wurde am 23.12.1846 in Frankfurt am Main in eine Bäckerfamilie geboren. Seine Eltern waren der Bäckermeister Daniel Binding (*1810 †1883) und dessen Ehefrau Maria Sibylle geb. Bieber (*1822 †1854). Er verbrachte seine Schulzeit von 1854 in der Musterschule und ab 1858 am Städtischen Gymnasium. Sein Berufswunsch war Bierbrauer. Dazu absolvierte er zunächst eine zweieinhalbjährige Lehre bei dem Sachsenhäuser Küfermeister Raumer, die er ab Spätsommer 1864 bei dem Bierbrauermeister Dahlem in Aschaffenburg fortsetzte und abschloss. Ein gutes Jahr später ging er als Bierbrauergeselle auf Wanderschaft durch Süddeutschland und Österreich sowie durch Frankreich. Weihnachten 1869 kehrte er zurück nach Frankfurt. Am 1. August 1870 erwarb er die kleine Brauerei von Ernst Ehrenfried Glock, die sich in der Altstadt am Garküchenplatz befand und gründete in der Folge die Binding Brauerei. Zu der Brauerei gehörte ein Felsenkeller in der Darmstädter Landstraße 163. Am 3.9.1873 heiratet Binding die aus einer Bierbrauerfamilie stammende Cathinka Dorothea Scherlenzky in Frankfurt. Conrad Bindung beschrieb in seinen 1921 verfassten Lebenserinnerungen seine Frau mit folgenden sehr geschäftsmäßig klingenden Worten: „Ich hatte diesen Schritt nie zu bereuen, denn meine Frau empfing die Kundschaft im Büro und führte das Treberkonto*. Sogar bis zum 21.April 1888 hat sie das Treberbuch eigenhändig eingetragen. Den 22. April 1888 verschied meine gute Frau.“ Aus der Ehe ging kein Nachwuchs hervor.  1884 war der Umzug von der Altstadt in die Darmstädter Landstraße 186 erfolgt und ein Jahr später wurde die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft vollzogen. 1891 erfolgte die Hochzeit mit Anna Margaretha Lindheimer in Frankfurt. Aus dieser Ehe ging der 1892 geborene Sohn, Otto Theodor Binding († 1980), hervor. Die Expansion des Unternehmens setzte sich fort und wurde durch Zukäufe anderen Brauereien und die Fusion der Hofbierbrauerei Schöfferhof und der Frankfurter Bürgerbräu zur größten Frankfurter Brauerei. 1931 wurde eine Seitenstraße der Darmstädter Landstraße nach Conrad Binding benannt. Conrad Binding starb am 17.12.1933 in Frankfurt am Main. Seine zweite Ehefrau überlebte ihn 23 Jahre.

* Bei Treber handelt es sich um ein Rückstandsprodukt das bei der Bierherstellung anfällt. Das Ursprungsprodukt ist Braumalz.

(Quelle: Elmar Wolfart: „Conrad Binding 1846-1933“)

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ISBN 3-7829-0523-7

Forsthausstraße Nr. 44 - Alois Mosthaf (1888-1956)

Alois Mosthaf kam im Jahre 1888 im fränkischen Waldmühlbach zur Welt. Im Alter von 16 Jahren begann er in Frankfurt bei der Firma Hafer & von Stein seine Lehre als Stempelmacher, die er derart erfolgreiche absolvierte, dass er seinen Lehrbetrieb im 1909 kaufen konnte. Der Eintrag in das Handelsregister erfolgte am 08.Oktober 1909. Zu dieser Zeit war der Betrieb in der Neuen Kräme ansässig. 1919 zog die Firma in die Große Eschenheimer Straße 10 um. Mosthaf erwarb 1926 das Haus in der Hochstraße 33, welches dann für lange Zeit zum Firmensitz wurde. Am neuen Firmensitz wurde das Sortiment erweitert und der Firmennamen in „A. Mosthaf Stempel- und Schilderfabrik“ geändert. Basis für die Sortimentsausweitung war die Lizenz für ein neues Verfahren für die Herstellung von Tagesleuchtschildern. Durch den Erwerb einer weiteren Lizenz, diesmal von den I.G. Farben, konnten sogenannte Nitro-Schilder hergestellt werden. Davon profitierte das Unternehmen während des Zweiten Weltkriegs, denn es wurden in dieser Zeit beispielsweise 100.000 nachleuchtende Hausnummernschilder hergestellt, die den Menschen in den verdunkelten Abendstunden eine Orientierung ermöglichten. Am 29. Januar 1943 wurde die Fabrikation durch eine Luftmine zerstört. Unmittelbar nach Kriegsende begann dann die Wiederaufnahme der Produktion in der Hochstraße. Alois Mosthaf starb kurz nach seinem 68. Geburtstag im Dezember 1956. Das Unternehmen wurde ab diesen Zeitpunkt in der zweiten Generation durch einer seiner Söhne, Harald und ab 1989 und seinen Enkel Axel Mosthaf weitergeführt und produktionstechnisch weiterentwickelt.  

(Quelle: ISG)

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Die Häuser Kennedyallee 46, 44, 42, 40.

Forsthausstraße Nr. 44 - Jean Stern (1889-1974)

Jean Stern wurde am 22. Juni 1889 in Ludwigshafen geboren. Seine Eltern legten ihm eine kaufmännische Berufsausbildung nahe, die er auch aufnahm. Offenbar verfügte der junge Jean aber nicht über das nötige Sitzfleisch und die Bereitschaft sich an das Büroklima zu gewöhnen. Er wechselte nach Mannheim um bei der Maschinenfabrik Lanz den Beruf des Drehers zu erlernen. Nach Dienstschluss und in seiner Freizeit galt sein Interesse dem Theater und der Oper, wo er sich bereits während seiner Lehrzeit als Statist für achtzig Pfennige und eine Freikarte auf die Bühne stellte. Er begann sich mit dem Klavier anzufreunden und nach Lust und Laune zu singen. Sein gesangliches Talent wurde von dem lettischen Tenor Hermann Jadlowker entdeckt, der ihn förderte und in Karlsruhe ersten Unterricht erteilte. Stern setzte danach sein Gesangsausbildung bei Wilhelm Fenten in Mannheim fort. In Graz, wo sein Vetter Hagin als Theaterdirektor tätig war erweiterte er seine Ausbildung. Jean Stern folgte seinem Vetter und studierte erste Partien im Fach der Basssänger ein. Nach einem ersten Engagement in Nürnberg begann die Karriere so richtig und der Aufstieg über Hamburg, Kassel nach Basel. Dort wurde aus dem Bass ein Bariton. Dazu gibt es eine kleine Geschichte die mit einem der berühmtesten Tenöre überhaupt zu tun hat. Jean Stern war für kurze Zeit auch Schüler von Richard Tauber. Dieser soll einen sehr guten Riecher für die Besten der Besten gehabt haben und sagte damals zu dem jungen Jean: „Jeanche, du bist kein Bass, nein, du bist ein ausgesprochener Charakter-Bariton.“ Genau so sollte es letztendlich auch kommen. 1923 wurde Jean Stern als Bariton nach Frankfurt verpflichtet. Nach einer wunderbaren Entwicklung stand ihm hier die Welt offen. Er hat als Gast in London (Covent Garden) ebenso gesunden wie an der Mailänder Scala oder in Buenes Aires und an vielen großen Häusern in Kontinentaleuropa. In Deutschland war ihm wohl keine Bühne fremd. Den Frankfurtern war er richtig ans Herz gewachsen. Sie gingen in die Oper wenn es hieß: „heute singt Jean Stern“.

Er erlebte den Aufstieg und die Zerstörung der Frankfurter Oper. Nach 1945 erwarb sich Jean Stern große Verdienste um den Wiederaufbau der Städtischen Bühnen. Trotz seiner vielseitigen Tätigkeit als Opernsänger hat sich Jean Stern immer mit Rat und Tat für die Interessen seiner Kollegen eingesetzt. Von 1945 bis zu seinem Ruhestand war er Obmann der Oper. Darüber hinaus Vorsitzender des Beirats der Deutschen Bühnengenossenschaft. Sein Engagement bei den städtischen Bühnen endete Ende August 1953. Am 1.September 1953 ging er in Ruhestand.

Bei den Recherchen zum Buch „Die Textorstraße -Geschichte und Geschichten“ hat sich mit Frau Seubert eine Zeitzeugin (Textorstraße 81) an Jean Stern erinnert und folgende kleine Anekdote erzählt: „Das Kolleg der Gaststätte Schuster war in den 50er Jahren ein Treffpunkt der Zahnärzte aus dem Carolinum. In diesem Lokal trafen sich auch gerne Künstler der Oper und des Theaters. Dazu gehörte auch der bekannte Sänger Jean Stern. Mein Vater hatte zwei Hunde, einen Dackel sowie einen Schäferhund, die er manchmal mit in das Lokal nahm. War Jean Stern da, bekamen sie immer eine Wurst von ihm, die er dann extra bestellte. Auch er war ein großer Eintracht-Anhänger.“ Erika Seubert erinnerte sich auch an eine Geschichte, die sie selbst mit ihrer Mutter in der Oper erlebt hatte: „Wir waren in der Opernaufführung – Die Italienerin in Algier- und saßen im Parkett. Während einem Szenenwechsel lauschten die Künstler hinter der Bühne einer Fußballreportage im Radio und auf einmal sang Jean Stern aus lauter Kehle „Die Eintracht hat gewonnen“. Der ganze Saal freute sich und applaudierte.“

Jean Stern wurden verschiedene große Ehrungen zu Teil: 1960 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, 1964 die Ehren-Plakette der Stadt Frankfurt. Bereits 1948 hatten die Städtischen Bühnen Kammersänger Stern zu ihrem Ehrenmitglied ernannt. Aus seiner Ehe mit Elisabeth Pörtner gingen zwei Söhne hervor. Jean Stern starb am 20. Mai 1974 in Bad Gastein.

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/frankfurt_sachsenhausen_naeher_betrachtet._die_textorstrasse?nav_id=4128

 

(Quelle: ISG, J-H.Jensen „Die Textorstraße“)

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Jean Stern.

Forsthausstraße Nr. 49 - Dr. Alfred Wiedemann (1883-....)

Der 1883 in Leipzig geborene Dr. jur. Alfred Wiedemann wurde 1921 Direktor der großen Zweigniederlassung einer Versicherung in Dresden. 1929 stieg in den Vorstand der Allianz und Stuttgarter Verein Versicherung-Aktien-Gesellschaft auf. Am 1. April 1934 übernahm Wiedemann als Generaldirektor und Betriebsführer die Leitung der Neuen Frankfurter Versicherung. Mit Beginn des Jahres 1935 führte er schließlich alle zum Allianz-Versicherungskonzern gehörenden Frankfurter Gesellschaften. Wiedemann war zeitweise Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer für das rhein-mainische Wirtschaftsgebiet und gehörte in den 1930er Jahren verschiedenen Ausschüssen der Deutschen Versicherungsbranche sowie des Landes Hessen an, wie beispielsweise dem Beirat der hiesigen Wirtschaftskammer. 

(Quelle. ISG)

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Kennedyallee Nr. 49

Forsthausstraße Nr. 50 - Arnold Jung (1859-1911)

Mit dem Namen von Arnold Jung (* 8.1.1859 † 8.1.1911) ist eine Lokomotivfabrik verbunden die er 1885 zusammen mit Christian Staimer gegründet hatte und die zunächst unter der Bezeichnung "Jung & Staimer OHG" firmierte. Diese Fabrik befand sich in Kirchen im Siegerland, im heutigen Rheinland-Pfalz direkt an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen, in den ehemaligen Hallen einer Baumwollspinnerei seines Vaters Gustav. Die Firma begann mit dem Bau von dampfbetriebenen Tenderlokomotiven für Werks- und Feldbahnen. Bereits im Jahr 1886 wurden erste Lokomotiven für Kunden im Ausland gebaut. Wegen des frühen Todes des Miteigentümers und Lokomotiven-Konstrukteurs Christian Staimer, im Jahr 1888, war Jung gezwungen sich nach einem anderen Konstrukteur umzuschauen. In Paul Pillnay fand er einen Fachmann und den technischen Leiter seines Unternehmens. Eine Produktionserweiterung führte dazu, dass auch Lokomotiven für die Preußischen Staatseisenbahnen hergestellt werden konnten.  Im Jahr 1891 soll die 100ste, 1897 die 300ste und 1907 die 1000ste Lokomotive gebaut worden sein.

Als studierter Bergfachmann investierte Arnold Jung unter anderem auch in Zechen und Bergbaubetriebe. An seinem 50sten Geburtstag im Jahr 1909 wurde Arnold Jung der Titel königlich preußischer Kommerzienrat verliehen. Er nahm den Titel zwar an, soll jedoch allen Personen in seiner privaten und beruflichen Umgebung untersagt haben ihn mit diesem Titel anzusprechen.

Nach dem Tod Arnold Jungs 1911 wurde das Unternehmen 1913 in eine GmbH umgewandelt und der Firmenname in "Arnold Jung Lokomotivfabrik GmbH, Jungenthal" geändert. In den 1920er Jahren wurde mit dem Bau von Motorlokomotiven begonnen und auch Akku- und Pressluft-Grubenlokomotiven waren im Angebot. Das Unternehmen kam Ende der 1920er Jahre verhältnismäßig gut durch die Krisenjahre, was vermutlich darin begründet lag, dass man nicht nur von den Aufträgen der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft abhängig war. Auch das Ende des Lokomotivbaus ebenso wie die Auflösung des Unternehmens verlaufen unspektakulär und immer ohne wirtschaftliche Zwänge. Jung zog sich 1976 aus der angestammten Produktion zurück, um sich auf die Herstellung von Werkzeugmaschinen, Transportwagen, Panzerplatten, Kräne und Brückenausleger zu konzentrieren. Dazu gehörten auch Grubenlokomotiven, die man noch bis 1987 baute. Im Herbst des Jahres 1993 wurde das Werk geschlossen und die Produktionshallen vermietet, ein Teil des Firmengeländes wird jetzt von anderen Unternehmen genutzt. Die Jung-Jungenthal GmbH besteht jedoch weiterhin unter dem Namen "Jungenthal Systemtechnik GmbH."  

Link:

https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Jung_Lokomotivfabrik

(Quelle: Internet)

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Häuser Kennedyallee 52, 50, 48

Forsthausstraße Nr. 51 - Carl Gottlob Wilke (1796-1875) und dessen Nachkommen

Der 1796 in Forst geborene Unternehmer Carl Gottlob Wilke war ein Hutmacher, der sich als Unternehmer einen großen Namen machte. Er begründete mit seiner Ansiedlung in Guben im Jahr 1822 die Tradition der weithin bekannten und geschätzten Hutmacherstadt an der Neiße. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine Hutmacherlehre und die obligatorische sechsjährige Wanderschaft als Hutmachergeselle durch Süddeutschland, Böhmen und Österreich absolviert und die anschließende Meisterprüfung in Guben bestanden. Ausgestattet mit dem Gubener Bürgerrecht eröffnete er noch im gleichen Jahr im Hinterhaus seines Bruders eine eigene Werkstatt. Aus einer 1825 geschlossene Ehe mit Caroline Hiersemann gingen 8 Kinder hervor. Um die große Familie ernähren zu können fertigte Wilke neben Mützen und Zylinder auch Filzschuhe, die zunächst zur ersten Einnahmequelle wurden. Mitte des 19. Jahrhundert kamen die sogenannten Calabreser in Mode, die aus Hasen- und Kaninchenhaar gefertigt wurden. Wilke entwickelte jedoch Hutmodelle aus Schafswolle anstatt aus Hasenhaar, wodurch die Kopfbedeckungen preiswerter aber auch robuster wurden. Diese neuartigen Modelle hatten einen weiteren nicht unbedeutenden Vorteil; die Farben entwickelten eine höhere Intensität, was sich als verkaufsfördernd erwies. Die bis dahin aus dem Ausland bekannten Wollhüte hatten den Nachteil, dass diese bei feuchtem Wetter rasch ihre Farbe und Form verloren. Als tüftelnder Fachmann begann Wilke sich einer Technik zu bedienen die er aus der Tuchindustrie mitbekommen hatte. Das Dämpfen der Hutstumpen. Eine Technik, die bis heute auch von Modisten angewandt wird um den über eine Form gezogenen (oder gepressten) Hut eine hohe Stabilität zu geben. Für dieses industrielle Herstellungsverfahren wurde Wilke 1852 das entsprechende Patent erteilt. Zwei Jahre später schaffte er mit dieser Technik den ersehnten unternehmerischen Durchbruch. Die Nachfrage nach diesen witterungsbeständigen Wollfilzhüten stieg stetig an und brachte der Firma C.G. Wilke den lang erhofften Aufschwung, der mit dem Bau neuer Fabrikgebäude und dem Anstieg der beschäftigten Gesellen und Arbeiter einher ging. Carl Gottlob Wilke war ein sehr gläubiger Mensch der seit 1849 der Evangelisch-Lutherischen Kirche angehörte und seiner Kirchengemeinde einen Raum in seinem Wohnhaus für gemeinsame Gottesdienste zur Verfügung stellte. Zehn Jahre später übergab er als Obermeister der Gubener Hutmacherinnerung die Betriebsführung an seinen zweitältesten Sohn Johann Friedrich Wilke. Als C. G. Wilke am 22. November 1875 starb hinterließ er seinen Söhnen sein Lebenswerk und das geheime Verfahren zur Herstellung von witterungsbeständigen Wollfilzhüten.

Die Leitung des Unternehmens wurde 1859 von dessen Sohn Friedrich Wilke weitergeführt. Dieser stiftete 1887 in Guben, in Erinnerung an seine im Alter von 13 Jahren an Typhus verstorbene Tochter, dass bis heute bestehende Krankenhaus Naëmi-Wilke-Stift. Als sein jüngster Sohn Karl Emil Friedrich Wilke 1901 bei einem Unfall ums Leben kam, stiftete er den Neubau der Kirche des Guten Hirten in Guben. Friedrich Wilke zeigte in der Folge des bedeutenden wirtschaftlichen Erfolges auch firmenintern großes soziales Engagement. Auf Ihn gehen u.a. die Gründung einer Betriebskrankenkasse, einer Betriebssparkasse, sowie einer Betriebsbibliothek und eine Betriebskantine zurück. Er zeichnete darüber hinaus für ein weitere Gubener Stiftung verantwortlich, die er in Erinnerung an seine zuvor verstorbene Ehefrau die Sophie-Wilke-Stiftung, eine Einrichtung für Pfarrwitwen und Waisen der altlutherischen Kirche. Nach ihm wurde in Guben der Friedrich-Wilke-Platz benannt. Die kontinuierliche Auswärtsentwicklung des Unternehmens führte dazu, dass im Jahr 1900 täglich 2400 Hüte die Hutfabrik C. G. Wilke verließen.

Nach dem Tod von Friedrich Wilke übernahm dessen ältester Sohn Max 1908 die alleinige Firmenleitung, der spätestens dann ein ebenso angesehener Hutfabrikant war wie sein Großvater und Vater zuvor. Sowohl Carl Gottlob als auch Friedrich Wilke wurden für ihre unternehmerischen und sozialen Leistungen hohe Ehrungen zu Teil. Kaiser Wilhelm I. verlieh 1873 Carl Gottlob Wilke den Kronenorden, vergleichbar mit dem heutigen Bundesverdienstkreuz. 1879 ernannte Wilhelm I. Friedrich zunächst zum Kommerzienrat und 1886 zum Geheimen Kommerzienrat.

Einen Bezug der Familie Wilke zu Frankfurt am Main ist nicht zu erkennen, auch nicht über die letzte Eigentümerin des Unternehmens, der Tochter von Max Wilke, Elisabeth Wolf (*1894 † 1987), die die Hutfabrik von 1931 bis 1945 leitete, bis es durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) beschlagnahmt wurde und letztendlich in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt wurde. Elisabeth Wilke heiratete 1922 den Gubener Tuchfabrikanten Erich Wolf. 1925 gab Erich Wolf den Bau einer modernen Privatvilla für sich und seine Frau in Auftrag. Der damals noch unbekannte Architekt Ludwig Mies van der Rohe erbaute im östlichen Teil von Guben, auf der anderen Seite der Neiße (heute: im polnischen Gubin), eine sogenannte Bauhaus-Villa. Der zweigeschossige Klinkerbau hatte ein typisches Flachdach. Während des Zweites Weltkriegs wurde diese Villa völlig zerstört. Als Bauherr der Frankfurter Villa, im Jahr 1923, kommt in erster Linie Max Wilke in Betracht. Diese Villa dürfte einem Unternehmensvertreter wohl als Wohnsitz und vielleicht auch als Dienstsitz gedient haben.

In einem interessanten Detail ist eine unerwartete Parallele zur Familie von Dr. Oscar Löw-Beer (Forsthausstraße 115) zu verzeichnen. In beiden Unternehmerfamilien gab es Mitglieder die sich in den 1920er Jahren Villen von Ludwig Mies van der Rohe bauen ließen. (siehe auch Kennedyallee 115)

Links: 

https://www.museen-guben.de/de/

https://www.museen-guben.de/de/stadt-und-industriemuseum/die-hauben-und-stationen

https://www.naemi-wilke-stift.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Wolf_(Guben)

(Quelle: Stadt- und Industriemuseum Guben)

Forsthausstraße Nr. 52 - Egon Steigenberger (1889-1958)

Der im bayerischen Deggendorf geborene Albert Steigenberger (1889 – 1958) begann 1930 in der Hotelbranche und übernahm 1940 den Frankfurter Hof, der damals bereits einen internationalen Ruf hatte. Es gelang ihm den Ruf des Hauses über die Kriegsjahre zu wahren und das im Krieg ruinierte Hotel trotz großen Materialmangels Zug und Zug wiederaufzubauen und zum ersten Haus am Platz zu machen. Als er 1958 starb gehörten der A. Steigenberger KG u. a. große Häuser in Bad Homburg, Baden Baden, Düsseldorf und Stuttgart. Sein Sohn Egon Steigenberger wurde am 07.09.1926 in Baden Baden geboren. Er absolvierte hinsichtlich der geplanten späteren Übernahme der väterlichen Hotels, in Heidelberg ein Studium der Betriebswirtschaft. Im Jahr 1948 trat er in das väterliche Unternehmen ein, das seit dem Jahr der Übernahme des Frankfurter Hofes (1940) seinen Sitz in Frankfurt hatte. Egon St. unternahm 1953 zunächst eine große Studienreise durch die Vereinigten Staaten von Amerika um danach die Leitung des Düsseldorfer Park-Hotels zu übernehmen. Nach dem Tod von Albert Steigenberger baute er das Unternehmen zu einem Konzern mit zeitweise 29 Häusern aus, womit er die Anzahl der eigenen Hotels, im In- und Ausland, nahezu verdreifachte. Egon Steigenberger war Mitglied der Vollversammlung der IHK Frankfurt und engagierte sich als ehrenamtlicher Handelsrichter. Er betätigte sich zudem als Förderer des Frankfurter Rennclubs, dem er den jährlichen Großen Preis der Steigenberger Hotelgesellschaft stiftete. Im Jahr 1984 wurde Steigenberger mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen geehrt. Der Generalkonsul der Republik Panama, Egon Steigenberger, starb am 4.1.1985 in Ruhpolding.  

(Quelle: ISG, Frankfurter Biographie)

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Egon Steigenberger.
ISG, Signatur S7P_13.778

Forsthausstraße Nr. 55 - Carl Junior (1859-1946)

Information zur Familie/Firma: Der 1859 in Bad Soden geborene Jacob Carl Junior war Architekt und Gründer eines erfolgreichen Bauunternehmens und Eigentümer einer Vielzahl von Wohn- und Geschäftshäusern in Frankfurt am Main. Das in den 1880er Jahren gegründete Baugeschäft bestand bis in die 1920er Jahre als GmbH fort und wurde dann in eine GbR umgewandelt. 1914 stiftete die Familie Junior einen Betrag von zunächst 50.000 Mark um in Vielbach/Westerwald ein Kindererholungsheim für rund 70 Kinder des Frankfurter Mittelstands zu errichten. Die Aufgabe der J. C. Junior’sche Liegenschaftsverwaltung war sich um die Verwaltung des eigenen umfangreichen Besitzes, wozu eine größere Anzahl sehr repräsentativer Gebäude im Stadtzentrum gehörte, zu kümmern. Nach dem Tod von Jacob Carl, im Jahr 1946, übernahm dessen Sohn Kurt Junior die Geschäftsführer. Er betrieb den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Liegenschaften. 1951 entstand als eines der ersten neuen Geschäftshäuser das „Juniorhaus“ am Kaiserplatz. Kurt Junior starb im Jahr 1960, Gerhard Junior, der Enkel des Firmengründers, führte von da an die Geschäfte der Gesellschaft, deren Sitz sich lange gegenüber dem Hauptbahnhof befand. 

(Quelle: ISG)

Forsthausstraße Nr. 56 - Dr. Kurt Wendler (1906-1995)

Kurt Wendler wurde am 24.12.1906 in Neumünster/Holstein geboren. In Berlin-Zehlendorf absolvierte er 1925 sein Abitur. Er nahm sodann ein Jurastudium auf, dass er in Berlin und Tübingen erfolgreich absolvierte um im direkten Anschluss 1931 zum Dr. jur. zu promovieren. 1933 trat er Breslau in den Dienst der dortigen Reichsbahndirektion, wo er zunächst als Ausbildungsassessor und wissenschaftlicher Hilfsarbeiter tätig war. Weitere Stationen waren Berlin, Limburg (Lahn), Halle (Saale) und Stuttgart um schließlich 1942 in das Berliner Reichsbahnministerium berufen zu werden. Von 1945 bis 1947 übernahm er eine Tätigkeit als Referent in der Oberbetriebsleitung der amerikanischen Zone, mit Sitz in Frankfurt (Main). Nach einer 2-jährigen Tätigkeit in der Privatwirtschaft kehrte er als 1952 als Referent in die Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn zurück. Im März des Jahres 1965 wurde er im Frankfurter Palmengarten in einer großen ehrenvollen Veranstaltung in das Amt des Präsidenten der Frankfurter Bundesbahndirektion eingeführt, dass er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1970 begleitete. Dr. Kurt Wendler starb am 24.10.1995 in Michelstadt/Odenwald.

(Quelle: ISG)

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Dr. Kurt Wendler.

Forsthausstraße Nr. 70 -Eduard Beit von Speyer (1860-1933)

Die jüdische Familie Speyer hat mehrere bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht. Einer aus diesem Personenkreis war Eduard Beit von Speyer, der Bauherr der sogenannten Villa Speyer, Forsthausstraße 70. Seit 2006 ist diese Villa zentraler Teil des Luxushotels Villa Kennedy. Eduard Beit war der jüngste von vier Söhnen von Ferdinand Beit (*1817 †1870) und Johanna Ladenburg (*1829 †1915). Er wurde am 22.09.1860 in Hamburg in eine jüdische Familie geboren. Beit war Student in Oxford und absolvierte in New York eine Ausbildung als Bankkaufmann. Seine Ausbildungsstätte wurde ihm vom Bruder seiner späteren Frau vermittelt. Aus der 1892 geschlossenen Ehe mit Hannah Lucie Speyer (*1870 †1918), der Schwester seines Studienfreundes und späteren Teilhabers des Frankfurter Bankhauses Lazard-Speyer-Ellissen, sollten vier Kinder (Erwin, Hedwig, Herbert, Ellin) hervorgehen. Eduard Beit war 1892 nach seiner Rückkehr aus der New Yorker Dependance zunächst als Prokurist in das Frankfurter Stammhaus eingetreten und ab 1896 Teilhaber von Lazard-Speyer-Ellissen. Von 1902 bis 1928 war er Vorstand, anschließend bis 1931 im Aufsichtsrat dieses bedeutenden Bankhauses. Zudem durch weitere hervorgehobene Positionen, wie dem Vorsitz des Frankfurter Bankvereins, als Aufsichtsrat der Frankfurter Bank sowie der Metallgesellschaft auf das engste mit der Frankfurter Wirtschaft verbunden. Er gehörte als großzügiger Stifter zu den Mitgliedern des Großen Rates der Frankfurter Universität. Sein großes Engagement für soziale und wissenschaftliche Einrichtungen wird durch die weiteren zusätzlichen Funktionen beispielhaft sichtbar, die er wahrnahm: Förderer und Aufsichtsratsvorsitzer der Aktiengesellschaft für kleine Wohnungen, Mitbegründer der Frankfurter Künstlerhilfe, Vorstandsmitglied der Georg und Franziska Speyer’schen Studienstiftung. Der Stadtteil-Historiker Dieter Wesp berichtet in seinem 2017 veröffentlichten Buch „Villa Kennedy: Wohnhaus – Forschungslabor – Luxushotel“ wie Beit zu seinem Adelstitel kam: „Die Eheleute Eduard und Lucie Beit gehörten zu den führenden Kreisen des Bürgertums der Mainmetropole. Der 1910 geadelte Eduard Beit von Speyer hatte 1902 die Leitung des Bankhauses Lazard-Speyer-Ellissen übernommen.“ … „Nach dem Tod Franziska Speyers, der Cousine von Lucie, im Jahr 1909 wurden die von dem Ehepaar Speyer eingerichteten Stiftungen aus dem Nachlass durch den Testamentsvollstrecker Eduard Beit von Speyer aufgestockt und durch weitere Einrichtungen ergänzt. Auch die Nobilitierung der Beit von Speyers steht mit dem Schicksal ihrer Verwandten in Zusammenhang: Da die männliche Linie der Speyers nicht fortgeführt werden konnte – der Sohn Franziska und Georg Speyers war geistig behindert und stand unter Vormundschaft – wurden Eduard und Hannah Lucie in den Adelsstand erhoben, um den Familiennamen Speyer in Frankfurt zu erhalten.“ Der amerikanische Bestsellerautor  Stephen Birmingham (*1929 †2015) schilderte 1967 in der in den U.S.A. veröffentlichten Originalausgabe des Buch „Our Crowd“ (das 1969 in deutscher Übersetzung mit dem Titel „In unseren Kreisen – Die großen jüdischen Familien New Yorks“ erschien) wie es ganz konkret zu dieser Nobilitierung kam. Jimmie Speyer wird als ein adretter kleiner Mann, mit einem Stehkragen, beschrieben mit einem etwas schwierigen Charakter. Ihm sei, so Birmingham, nie ganz klar gewesen, wie jüdisch er war.  Er hatte von seinem Onkel Philip die Firma Speyer & Co. geerbt. Auch zeigte er einen stark ausgeprägten Stolz auf seinen Familiennamen. „Sein Stolz auf den Namen Speyer hatte ihn dazu verleitet, einige >künstliche< Speyers durch kaiserliches Dekret schaffen zu lassen.  „Als er einmal mit dem alten Kaiser Wilhelm speiste (so altmodisch-europäisch konnte Jimmie Speyer sein) sprach er von seiner Sorge darüber, daß er keine Söhne hatte, die sein Geschäft hätten weiterführen können. >Aber es gibt doch noch andere Speyers in Frankfurt<, meinte der Kaiser. >Nein, keine mehr<, erwiderte Speyer traurig. >Das geht nicht an! Es muss immer einen Speyer in Frankfurt geben!<, sagte der Kaiser. Er verlieh daher Speyers Schwager Eduard Beit ein Adelsprädikat und gestattete ihm, an seinen Namen ein, >von Speyer< anzuhängen.“

Eduard Beit von Speyer starb am 08.03.1933 im Alter von 72 Jahren. Nach dem Tod des Vaters verließen dessen Kinder Deutschland und gingen in die Schweiz. Von dort bemühten sie sich die große Liegenschaft und das schlossähnliche Wohnhaus zu verkaufen. Diesen Bemühungen unterband die Stadt Frankfurt, namentlich Oberbürgermeister Friedrich Krebs. Nur der konsequenten Recherche von Dieter Wesp ist es zu verdanken, dass die diesbezüglichen Geschäftspraktiken der Frankfurter Stadtverwaltung, die absolut skandalös waren, nach mehr als 80 Jahren ans Licht kamen. Offensichtlich gab es aus sehr persönlichen Motiven zwischen OB Krebs und dem früheren Stellvertreter von Professor Friedrich Dessauer (Gründungs-direktor des Frankfurter Instituts für physikalische Grundlagen der Medizin) Prof. B. Rajewski eine Übereinkunft, das Haus für ein neu einzurichtendes Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) nutzbar zu machen. Am 1. Dezember 1937 wurde der Vertrag zwischen der Stadt Frankfurt und dem KWI über die Zurverfügungstellung des bisherigen Wohnhauses der Familie Beit von Speyer, unterschrieben. Das KWI richtete dort unter der Leitung von Rajewski das KWI für Biophysik ein. Die Stadt Frankfurt hatte zuvor der Familie Beit von Speyer das Haus und die dazugehörige Grundstücksfläche von 8.680 qm für die geradezu lächerliche Summe von 137.000 Reichsmark abgepresst bzw. entzogen. Verhandlungsführer seitens der Stadt Frankfurt war Adolf Miersch. Dieser war zum Zeitpunkt der Eingemeindung Fechenheims, im Jahr 1928, Bürgermeister dieses Dorfes. Er bekam eine Beschäftigung im Bauamt der Stadt Frankfurt, dass von Stadtbaurat Ernst May verantwortet wurde. Im Dezember 1948 wurde durch die Erben Beit von Speyer, aufgrund der durch die Militärverwaltung erlassenen Gesetze, ein erster Antrag auf Rückerstattung gestellt. Dieser Fall lag 1949 auch auf den Schreibtisch von OB Walter Kolb, der den nach dem Kriegsende zum Stadtrat aufgestiegenen Adolf Miersch beauftragt hatte, entsprechende Verhandlungen aufzunehmen. Ausgerechnet Adolf Miersch! Im September 1949 vereinbarte die Stadt mit den inzwischen schwerkranken Erben Beit von Speyer eine Entschädigung in der völlig unangemessenen Höhe von 150.000 DM.

Aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik wurde nach dem 2. Weltkrieg das Max-Planck-Institut für Biophysik, das bis zum heutigen Tag in Frankfurt existiert. Es hat allerdings durch einen Umzug in einen Neubau am Campus Westend die ehemalige „Villa Speyer“ verlassen. Die Stadt Frankfurt verkaufte daraufhin die Liegenschaft für satte 18 Mio. DM an einen Investor. 2003 startete der Um- und Neubau des eröffneten Luxushotels „Villa Kennedy“.

Ich möchte allen interessierten Leserinnen und Lesern das Buch von Dieter Wesp zur Lektüre empfehlen. 

Link:

https://www.epubli.de/shop/buch/Villa-Kennedy-Wohnhaus---Forschungslabor---Luxushotel-Dieter-Wesp-9783745041125/62359

 

(Quelle: ISG, Frankfurter Biographie; Dieter Wesp „Villa Kennedy: Wohnhaus, Forschungslabor, Luxushotel“)

Forsthausstraße Nr. 75 - Prof. Dr. Victor Schmieden (1874-1945)

Victor Gottfried Otto Schmieden wurde in Berlin am 19. Januar 1874 in die Familie des Geheimen Baurat und Architekten Dr. Ing. Heino Schmieden und dessen Ehefrau Elise geb. Meyer geboren.

Victor Schmieden legte 1892 im Gymnasium von Joachimsthal sein Abitur ab und begann an der Albert-Ludwigs-Universität von Freiburg ein Medizinstudium, das er danach an den Universitäten von München, Berlin und Bonn fortsetzte. Er promovierte 1897 mit einer Dissertation zur Magenchirurgie zum Dr. med.. 1903 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Karzinome. Zusammen mit seinem Mentor August Bier wechselte er 1907  an die Charité, wo er bereits ein Jahr später zum außerordentlichen Professor ernannt wurde. Schmieden wurde 1913 Ordinarius für Chirurgie an der Universität in Halle an der Saale. Im Ersten Weltkrieg diente als Stabsarzt. Auf die dort erworbenen Erfahrungen geht sein 1917 veröffentlichtes „Lehrbuch für Kriegschirurgie“ zurück.

Ende 1919 kehrte Schmieden auf seinen Lehrstuhl in Halle zurück, wo er das Dekanat der Medizinischen Fakultät übernahm. Am 1. Oktober 1919 folgte er einem Ruf an die Frankfurter Goethe Universität als Nachfolger von Ludwig Rehn, wofür ursprünglich Ferdinand Sauerbruch berufen wurde. Schmieden genoss damals weit über Frankfurt hinaus den Ruf eines hervorragenden Chirurgen insbesondere für Bauch-, Krebs- und Herzoperationen. Auf ihn geht der Ausbau der städtischen Krankenhausabteilung zur Chirurgischen Universitätsklinik zurück, wobei er zunächst verschiedene Spezialabteilungen gegründet hatte.

Schmieden war seit 1937 Mitglied der NSDAP, nachdem er sich bereits seit 1933 offen mit dem nationalsozialistischen Gedankengut identifizierte. Sabine Hock schreibt in der Frankfurter Biographie dazu: „Gleich 1933 schloß sich Sch. begeistert der nationalsozialistischen Bewegung an, an deren Idealen er in grenzenloser politischer Verblendung bis zuletzt glaubte.“ Schmieden agierte in den Jahren 1927/1928 sowie 1937 als Dekan der Medizinischen Fakultät. Infolge der schweren Luftangriffe der alliierten Luftstreitkräfte auf Frankfurt leitete er in den Operationseinrichtungen der Bunker Massenoperationen und führte diese zum Teil selbst aus. 1944 wurden ihm mehrere Ehrungen wie die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft, das Kriegsverdienstkreuz I. Klasse mit Schwertern und die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt zuerkannt. Er verfasst zusammen mit Ferdinand Sauerbruch eine „Chirurgische Operationslehre“ und trat als Mitherausgeber des „Zentralblattes für Chirurgie“ in Erscheinung.  Prof. Dr. med. Victor Schmieden starb am 11. Oktober 1945 in seinem Jagdhaus in Lichtenberg (Odenwald).

Der südliche Teil der Vogelweidstraße wurde 1988 nach Victor Schmieden benannt. Auf Initiative des zuständigen Ortsbeirats, der eine Recherche der SPD-Fraktion zur Vergangenheit Schmiedens vorausging, erfolgte 1994 eine Umbenennung nach dem bekannten Rosenzüchter Peter Conrad Straßheim (siehe dazu auch Kennedyallee 33).

(Quelle: Frankfurter Personenlexikon; ISG, Sammlung Ortsgeschichte)

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Prof. Dr. med. Victor Schmieden war von 1936 bis 1943 Präsident der Polytechnischen Gesellschaft in Frankfurt am Main.

Forsthausstraße Nr. 76 - Dr. Ferdinand Kalle (1870-1954)

Wilhelm Ferdinand Jakob Kalle wurde am 19.02.1870 in Biebrich geboren. Er absolvierte sein Chemiestudium in Genf, Straßburg, Erlangen und an der TH Dresden. Nach seiner Promotion im Jahr 1897 wurde er Teilhaber der Chemischen Fabrik Kalle & Co. in seinem Geburtsort Biebrich. Nachdem das Familienunternehmen 1904 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde zog Ferdinand Kalle in den Vorstand ein. Mit der Eingliederung der Kalle AG in den Verbund der I.G. Farben wechselte er 1925 in den Aufsichtsrat. Kalle übernahm dort die Leitung des sogenannten Kalle-Kreises, der sich aus politischen Mandatsträgern der Führung der I.G. Farben zusammensetzte. Wie der Rolf Faber (Mitautor des Buches „Wiesbaden – Das Stadtlexikon“) 2017 schreibt, „unterstütze der >Kalle-Kreis< das konservativ-bürgerliche Parteienspektrum. Seit dem 1937 war Kalle stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der I.G. Farbenindustrie AG und gehörte dem Reichsverband der Deutschen Industrie an. Die TH München verlieh ihm die Ehrendoktorwürde eines Dr. Ing. e.h..“ Kalle wurde im Jahr 1912 Biebricher Stadtverordneter. Er diente seinem 1882 zur Stadt erhobenen Geburtsort für mehrere Jahre als Stadtverordnetenvorsteher und trat nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der Deutschen Volkspartei bei. Mit diesem Parteibuch war er von 1919 Mitglied der Verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung und ab 1921 des Preußischen Landtages. Von 1924 bis 1932 gehörte er, als Abgeordneter für Hessen-Nassau dem Reichstag an. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entkam Kalle der nicht unwahrscheinlichen Anklage bei den Nürnberger Prozessen auch deshalb, weil er trotz der Beteiligung der I.G. Farben an Kriegsverbrechen offenbar auch Verbindungen zu Regimegegnern gepflegt haben soll. In Wikipedia steht in diesem Zusammenhang, „er habe während des Zweites Weltkriegs die Entwicklungen zu Zyklon-B indirekt an die U.S.A. verraten und das habe ihm eine Anklage in Nürnberg erspart.“  Die Stadt Wiesbaden ernannte ihn im Jahr 1953 zum Ehrenbürger. Jens Ulrich Heine beschreibt Kalle wie folgt in seinem Buch Verstand & Schicksal: „W.F. Kalle war eine sozialpolitisch engagierte Persönlichkeit, wirkte schüchtern im Auftreten und agierte vorsichtig und abwägend still hinter den Kulissen und war stets bestrebt, es mit keinem zu „verderben“.“

Dr. phil. Wilhelm Ferdinand Jakob Kalle starb am 07.09.1954 in Wiesbaden.

(Quelle: Wiesbaden – Das Stadtlexikon; Wikipedia; Jens Ulrich Heine: „Verstand & Schicksal – Die Männer der I.G. Farbenindustrie AG in 161 Kurzbiographien“)

Forsthausstraße Nr. 80 - Dr. Eduard Ritsert (1859-1946)

Eduard Ritsert wurde am 11.11.1859 in Darmstadt geboren. Dort besuchte er das Gymnasium bis zur Obersekunda und begann 1876 in der Eberbacher Mohren-Apotheke eine pharmazeutische Ausbildung. Anschließend war er weitere drei Jahre als Apothekerassistent in Deutschland (Balingen und Hamburg) und der Schweiz (Basel und Zürich) tätig. Von 1882 bis 1884 studierte Ritsert in Gießen Pharmazie und absolvierte nach dem Staatsexamen als Militärapotheker bis 1885 seinen Militärdienst in Darmstadt, wo er auch am chemischen Institut des Polytechnikums arbeitete. Im darauffolgenden Jahr (1886) ging Ritsert für einige Monate an die Deutschen Apotheke nach London. Hier hat er ein patentiertes Verfahren zur Herstellung eines dem Lanolin ähnlichen Wollfettes entwickelt. 1887 kehrte er nach Eberbach zurück und wirkte anschließend ein Vierteljahr in Heidelberg als Assistent in der Apotheke des Akademischen Krankenhauses. 1888 war er auch an der Offenbacher Rosen-Apotheke tätig. 1889 setzte er seine Studien in Gießen fort. Bereits im darauffolgenden Jahr promovierte er in Bern mit dem Thema „Untersuchung über das Ranzigwerden der Fette“ bei Alexander Tschirch, der 1856 in Guben geboren wurde und von 1890 bis 1932 als Professor für Pharmazie in Bern tätig war. Ritsert trat, nachdem er seine Promotion in der Tasche hatte, in die Berliner Redaktion der Pharmazeutischen Zeitung ein. Ferner richtete er in Berlin das erste bakteriologische Untersuchungsinstitut ein.

Bereits 1888 hatte sich Ritsert mit der Herstellung einer fiebersenkenden Substanz befasst, um damals verwendete Substanzen zu ersetzen, die toxisch nicht unbedenklich waren. Das von ihm entwickelte Präparat hat nicht die angestrebte fiebersenkende Wirkung, wohl aber eine lokalanästhetische. Ritsert soll seinerzeit diese neue Substanz der Firma Hoechst überlassen haben, wo sie unter der Bezeichnung „Anaesthesin“ geführt wurde. Mit dem Anaesthesin, auf das er während seiner Zeit in Offenbach gestoßen war, hatte Ritsert die Basis für eine Reihe weiterer Kokainsubstitute geschaffen, die in der Medizin als Lokalanästhetika überragende Bedeutung erlangten.

Ritsert verließ 1891 Berlin und übernahm zusammen mit seinen Schwägern die Firma seines Schwiegervaters. 1901 errichtete er in Frankfurt/M. ein chemisches Laboratorium ein, aus dem 1903 eine Fabrik für chemisch-pharmazeutische Präparate hervorging, in der auch weitere Anaesthesin-Derivate produziert wurden. Dr. phil. Eduard Ritsert starb am 06.01.1946 in Eichberg bei Erbach.

1944 wurde die Fabrik in der Weserstraße mit allen Maschinen und Einrichtungen ein Opfer der Bomben. Bereits wenige Wochen später konnte die Produktion durch eine provisorische Unterbringung auf 35 qm in einer ehemaligen Hanau Diamantschleiferei fortgeführt werden. Der Sohn des Firmengründers, Hans Ritsert war seit dem 1. Januar 1944 der alleinige Komplementär der Familien KG. Ihm gelang es nach Kriegsende den regulären Betrieb wiederaufzubauen und seit 1950 in der Forsthausstraße neu zu etablieren. Die Fabrik, die 1964 nach Eberbach (Neckar) verlegt wurde, wird bis heute erfolgreich durch seine Nachfahren unter dem Namen Dr. E. Ritsert fortgeführt. 

(Quelle: Pharmazeutische Zeitung; Deutsche Biographie; Das tätige Frankfurt)

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-452009/eduard-ritsert-und-das-anaesthesin/

https://www.deutsche-biographie.de/sfz106040.html

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Kennedyallee Nr. 80.

Forsthausstraße Nr. 87 - Dr. Eduard Fresenius (1874-1945)

Johann Eduard Fresenius wurde am 17.11.1874 in Frankfurt am Main in eine Familie geboren, die seit 1743 über das Bürgerrecht der Stadt verfügte. Der Konsistorialrat Prof. Dr. Johann Philipp Fresenius predigte in Frankfurt zunächst an der Peterskirche und danach an der Katharinenkirche. Dieser in Frankfurt in hohem Ansehen stehende Pastor hatte 1748 Goethes Eltern Johann Caspar Goethe und Katharina Elisabeth Textor getraut und deren Sohn und später Frankfurts berühmtesten Sohn Johann Wolfgang von Goethe 1749 getauft und später auch konfirmiert. Er gilt als der Stammvater einer weitverzweigten Familie die neben Pfarrern auch Lehrer und Naturwissenschaftler hervorbrachte. Carl Remigius Fresenius (*1818 †1897), ein Urenkel des Frankfurter Geistlichen war in Gießen als Chemiker Assistent von Justus Liebigs tätig, der ihn auch förderte. Fresenius erlangte dort 1842 seine Promotion. Aufgrund seines Rufes als Professor für Chemie, Physik und Technologie kam er 1895 an das herzoglich-nassauische Institut der Landwirtschaft kam er 1845 nach Wiesbaden, dessen späterer Ehrenbürger er wurde. Eine Spezialität des von ihm geleiteten Instituts war die Untersuchung der Quellwasser von Wiesbaden und anderer Kurorte. Er fungierte dort viele Jahre als Vorsitzender der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung. Die Gründung des seit 1975 in Taunusstein ansässigen Fresenius Instituts geht letztendlich auf Carl Remigius Fresenius zurück.

Der in Frankfurt ansässige gebliebene Teil der Familie Fresenius hatte sich der Pharmazie verschrieben. Johann Philipp Fresenius konnte ihm Jahr 1871 die 1462 gegründete Hirsch-Apotheke erwerben. Diese war ursprünglich von Johannes von Steinheim als „Apotheke an der Pfarr“ in der Nähe vom Frankfurter Dom gegründet worden. Seit dem Jahr 1581 war die Apotheke dann als „Apotheke zum güldenen Hirsch“ und später nur noch als „Hirsch-Apotheke“ sicherlich allen Frankfurtern ein Begriff. Die Verlegung des Standortes auf die Zeil 43 erfolgte 1791. Durch die Erweiterung der Zeil um rund 500m und die Vereinigung von „Zeil“ und „Neue Zeil“ erhielt die Liegenschaft im Jahr 1911 die Nr. 111. Die Zeil war auf dem Weg Frankfurts wichtigste Geschäftsstraße zu werden. Wie den Frankfurter Adressbüchern zu entnehmen ist, hatten sich in der von der Familie Fresenius erworbenen Liegenschaft zahl-reiche Mediziner mit eigenen Polikliniken eingemietet. Heute würde man von einen Ärztehaus sprechen. Die Hirsch Apotheke wurde zu dieser Zeit noch immer von Eduards Vater, Johann Philipp Fresenius, geführt. Dieser war mit Anna Gertrude Emilia geb. Nortz verheiratet. Eduard war das zweitälteste von vier Kindern. Sein 1878 geborener Bruder Ferdinand Jacob Fresenius stand als Chemiker in einer der Familie Fresenius nicht unbekannten Tradition. Die beiden anderen Geschwister waren früh gestorben.

Eduard Fresenius besuchte in Frankfurt das Realgymnasium Wöhlerschule wo er 1894 sein Abitur machte. Nach der Reifeprüfung sammelte er erste berufliche Erfahrungen in der Hirsch-Apotheke. Er nahm 1899 in München ein Studium der Pharmazie auf, dass er nach der damals kürzest möglichen Studienzeit vor nur drei Semestern, mit der Erteilung der pharmazeutischen Approbation, im Jahr 1900, abschloss. Im Anschluss an sein Studium leistete er den obligatorischen Militärdienst in Hessen ab und soll während dieser Zeit als Rittmeister sowohl das hessische als auch das preußische Reserveoffizierspatent erworben haben. Seine spätere Wohnadresse in der Sachsenhäuser Forsthausstraße hatte übrigens eine räumliche Nähe zu Pferden. Ob sein Umzug vom Blittersdorfplatz 43 in die Forsthausstraße 87 damit in einem Zusammenhang steht ist nicht belegt. 1901 verheiratete sich Eduard Fresenius mit Else Pospisil, die in Dresden geboren wurde. Seine berufliche Betätigung lag zunächst in der väterlichen Apotheke, wo er sich in die erforderlichen Verwaltungsaufgaben einarbeitete. 1904 nahm er in Gießen ein weiteres Studium auf, dass der Staatswissenschaft, Botanik und Physik. Seine Dissertation die er bei Prof. Magnus Biemer 1906 vorlegte hatte den Titel „Zur Reform des Apothekerwesens“. Darin beschäftigte er sich sowohl mit der Entwicklung des Handels und der Herstellung von Arzneimitteln seit der Antike als auch mit der des Apothekerwesens im Deutschen Reich. Bereits am 1. April 1905 hatte er von seinem Vater die Leitung der Hirsch-Apotheke übernommen. Er beließ es allerdings nicht nur dabei eine Apotheke zu führen, sondern hatte den Ehrgeiz diese zu einem Großhandelsbetrieb mit Direktbelieferungen auszubauen, und erweiterte den Kundenkreis indem er sich um Geschäftsbeziehungen zu den nahegelegenen Kurstädten im Taunus bemühte. Die Hirsch-Apotheke wurde  nicht nur zum Arzneimittellieferanten der Kureinrichtungen, Kontakte zu den Kurgästen, die auch aus den europäischen Fürstenhäusern kamen, ermöglichten eine Ausweitung der Umsätze. So zählten das rumänische Königshaus ebenso zu den Kunden wie griechische. Englische Adelshäuser wurden ebenso beliefert wie Mitglieder der russischen Aristokratie. Die Entscheidung von Dr. Fresenius, neben der Apotheke auch ein pharmazeutisches Labor (Holzgraben 16) zu betreiben erwies sich für die weitere Entwicklung als goldrichtig. Die Autoren des 2010 veröffentlichten Buches „Wer, wenn nicht wir -Else Kröner Unternehmerin und Stifterin“ Dr. Michael Kamps und Dr. Florian Neumann vergleichen diese Entscheidung mit der von Christian Friedrich Boehringer in Stuttgart und Heinrich Emanuel Merck in Darmstadt aus deren Anfängen sich erfolgreiche Pharmaunternehmen entstanden waren. Die Anfänge beider Konzerne lagen ebenfalls in Apotheken. Es wäre nicht als Überraschung zu bezeichnen, wenn sich Fresenius deren Entwicklung zum Vorbild genommen hätte. Anfang Oktober wurde im Frankfurter Handelsregister die aus dem Laboratorium hervorgegangene „Dr. Eduard Fresenius Chemisch-pharmazeutische Industrie“ eingetragen. Die Autoren Kamps/Neumann führen dazu aus: „Die Zeit für den Aufbau eines Pharmaunternehmens war günstig, denn in der medizinisch-pharmazeutischen Forschung herrschte Aufbruchstimmung. Es war noch keine 40 Jahre her, dass Louis Pasteur in Paris und Robert Koch in Berlin einen Durchbruch bei der Aufklärung des Entstehens von Infektionskrankheiten erreicht hatten und damit den Weg zu ihrer medikamentösen Prävention und Bekämpfung bahnten.“ …“Und 1909 hatten der Frankfurter Serologe und Pharmakologe Paul Ehrlich und Sarachiro Hata Salvarsan zur Behandlung der Syphilis entwickelt. Eduard Fresenius nahm an diesen Entwicklungen regen Anteil. Noch zu Lebzeiten seines Vaters hatte er für Paul Ehrlich zur Verbesserung des ab 1910 von der Firma Hoechst vertriebenen Salvarsans an der Entwicklung von sterilen Lösungen gearbeitet und die Herstellung großer Mengen bidestillierten, pyrogenfreien Wassers für die Injektions- und Infusionslösungen aufgenommen.“

Ausgehend von derartigen Kooperationen ergaben sich weitere Geschäftsbeziehungen auf dem Gebiet der Infusionen die vom Unternehmen Fresenius entwickelt und im großen Mengen produziert wurden. Eine dieser Kooperationen bestand beispielsweise mit Prof. Dr. Carl von Noorden, der sich an der 1895 gegründeten und seinen Namen tragenden Klinik (später Schiffer-Krankenhaus, heute Krankenhaus Sachsenhausen) auf Stoffwechselkrankheiten spezialisiert hatte. Diese Fachklinik für Diabetes war eine der führenden in ganz Europa. Fresenius stellte das für die Behandlung benötige Insulin her. Eduard Fresenius war offenbar um eine breite Produktpalette bemüht, denn sein Interesse galt auch Naturheilverfahren und homöopathischen Heilmitteln. Heute würde man dafür den Begriff Diversifikation verwenden. Der bei seinem Jagdhaus, in Schmitten im Taunus, angelegte große Kräutergarten diente Fresenius dafür als „Rohstofflieferant“.  Politisch stand Fresenius der Monarchie nahe. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs blieb er dem aus dem Land geflohenen ehemaligen Kaiser verbunden und belieferte diesen in seinem Exil. Kaiser Wilhelm II. hatte während seiner häufigen Kuraufenthalte in Bad Homburg offenbar einige Fresenius-Produkte kennengelernt. Dazu sollen „Kuritol-Zigaretten“ gehört haben, die „als Ersatz-Zigaretten für Menschen entwickelt“ worden waren „denen der Arzt vom Rauchen abriet“ (Kamps/Neumann).

Infolge eines Familienzwistes, der sich zunächst nur um eine Neubewertung der Liegenschaften Zeil 111 und Holzgraben 16 während der Inflationszeit von 1923 drehte, einigte sich Eduard Fresenius mit seinem Bruder Ferdinand vor Gericht, diesem 300.000 Goldmark zuzüglich Zinsen zu zahlen. Dazu führten Dr. Kamps und Dr. Neumann in ihrem Buch aus: „Die Übereinkunft erfolgte nur vor Gericht und damit nach außen hin einvernehmlich. Zwischen den Brüdern ging der Streit weiter. Die finanziellen Leistungen, die Eduard gegenüber Ferdinand Fresenius zu erbringen hatte, kamen ihm alles andere als gelegen. Inzwischen hatten sich in der Apotheke, im ihr angegliederten Pharmagroßhandel und im chemisch-pharmazeutischen Unternehmen finanzielle Probleme eingestellt, die immer größer wurden. Die Gründe dafür waren vielfältig.“ Ein Wirtschaftsprüfer stellte eklatante Versäumnisse fest. Diese lagen in einer unzureichenden Organisation und einem fehlenden kaufmännischen Sachverstand. Der fehlende Überblick über die Ertragssituation der drei Geschäftsbereiche hatten Eduard Fresenius leichtfertig handeln lassen. „Dr. Fresenius hatte seit Mitte der 1920er Jahre im blinden Vertrauen darauf, dass die Apotheke große Überschüsse abwarf, in großen Stil Privatentnahmen getätigt, die allerdings weit höher waren als die Gewinne, die die Apotheke erzielte. Und in anderen Geschäftsbereichen sah es nicht besser aus.“ Durch eine gleichzeitige Erhöhung der Verbindlichkeiten ergab sich eine zu geringe Liquidität des Unternehmens. „Angesichts dessen fasste Dr. Fresenius den Plan, das gesamte Geschäft an einen Großproduzenten oder an ein Krankenhaus zu verkaufen.“

Nachdem einige Zeit vergangen war setzte sich bei Fresenius die Zuversicht auf eine positive Geschäftsentwicklung der Hirsch-Apotheke und der „Dr. Eduard Fresenius Chemisch-pharmazeutische-Industrie KG“ durch. Bei Fresenius setzte sich die Erkenntnis durch, auch aus organisatorischen und buchhalterischen Gründen, eine räumliche Trennung der beiden Betriebe vorzunehmen. Lokale Umstände erleichterten Eduard Fresenius die 1934 Entscheidung seinen chemisch-pharmazeutischen Betrieb nach Bad Homburg zu verlegen. Er konnte einen Teil der ehemaligen Produktionsstätten der 1929 in Konkurs gegangenen Schokoladenfabrik Holex übernehmen. Mit seiner Produktpalette, zu der auch Präparate gegen Erkältungskrankheiten gehörten, konnte Dr. Fresenius die Stadtoberen der Kurstadt überzeugen. Das Unternehmen passte schon damals sehr gut zu einer Kurstadt. Bad Homburg wurde für das Unternehmen zu einem bestens geeigneten Standort.

(Quelle: Dr. Michael Kamps und Dr. Florian Neumann: „Wer, wenn nicht wir -Else Kröner Unternehmerin und Stifterin“; Wiesbaden Das Stadtlexikon; Frankfurter Biographie)

Forsthausstraße Nr. 87 - Else Kröner (1925-1988)

Else Elisabeth Fernau wurde am 25. Mai 1925 in Frankfurt als Tochter von Christoph Fernau (*1892 †....) und Thekla Therese Fernau geb. Reucker (*1889 †....) geboren. Chr. Fernau, gebürtig aus Cornberg, einem kleinen Ort bei Rotenburg an der Fulda, kam wie seine spätere Ehefrau auf der Suche nach einer Ausbildung bzw. Arbeitsstelle nach Frankfurt. Therese Reucker stammte aus Lollar. Nach einer ersten Anstellung in Hungen, wo sie als Hausmeisterin im Schloss der Herren von Falkenstein arbeitete, folgte sie ihrem älteren Bruder nach Frankfurt. Sie fand dort eine Anstellung als Haushälterin bei dem kinderlosen Ehepaar Fresenius, was sich für beide Seiten als sehr glücklich erweisen sollte. Sie lernte ihren späteren Ehemann, der in Frankfurt eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte kennen, bevor er im Ersten Weltkrieg als einfacher Soldat diente. Nach seiner Rückkehr nach Frankfurt trat er zunächst als kaufmännischer Mitarbeiter in ein kleines Frankfurter Transportunternehmen ein, dessen Chef Friedrich Schmidt war. Schmidt heiratete später Fernaus Schwester.  Nachdem Schmidt Chr. Fernau zu seinem Teilhaber gemacht hatte, erfolgte ab 1922 eine Namensänderung der Firma in Schmidt & Fernau. Die Hochzeit von Chr. Fernau und Therese Reucker fand im darauffolgenden Jahr am 8. Juni in Frankfurt statt. Das junge Ehepaar wohnte im gleichen Haus wie das Ehepaar Fresenius, in der Forsthausstraße 87, zur Miete. Die Tatsache, dass der Unternehmer Dr. Eduard Fresenius im großbürgerlichen Sachsenhäuser Westend nicht ein eigenes Haus bewohnte, sondern nur eine Wohnung, in der Belle Etage einer Villa, ist im Gegensatz zur Nachbarschaft schon bemerkenswert. Bei den Nachbarn handelte es sich häufig um ebenfalls erfolgreiche Persönlichkeiten der Frankfurter Wirtschaft und Wissenschaft, wie er selbst auch. Das junge Ehepaar Fernau bewohnte das aus drei Zimmern bestehende Dachgeschoss. Dort wuchs die im Frankfurter Maingau-Krankenhaus geborene Tochter Else auf. Das Familienglück war aber leider nur von kurzer Dauer. Christoph Fernau kam im März des Jahres 1929 mit dem Verdacht auf einen Durchbruch des Blinddarms ins Krankenhaus. Wie der Patient selbst, waren operierenden Ärzten über dessen Zuckerkrankheit nicht informiert. Aus diesem Grund waren die während der Operation aufgetretenen Komplikationen nicht beherrschbar. Christoph Fernau starb am 27. März 1929 im Alter von nur 37 Jahren. Die junge Witwe stand mit ihrer dreijährigen Tochter ohne eine finanzielle Absicherung vor einer ungewissen Zukunft. Das kinderlose Ehepaar Fresenius nahm sich der jungen Mutter an, die unverändert in deren Haushalt tätig war und unterstützte diese und das Kind in großzügiger Weise. Eduard und Else Fresenius bemühten sich auf vorbildliche Art und Weise, mehr als es ihre Verpflichtung gewesen wäre um ihr Patenkind, dass in der Sachsenhäuser Lukaskirche auf die Namen ihrer Taufpatinnen Else Fresenius und Elisabeth Reucker am 28.06.1925 getauft worden war. Bei Elisabeth R. handelte es sich um die Ehefrau des älteren Bruders von Therese Reucker, Hermann Else Fresenius engagierte sogar ein Kindermädchen für ihr Patenkind. Else Fernau besuchte seit Frühjahr 1931 in Sachsenhausen zunächst die Schwanthalerschule und danach das Mädchengymnasium Schillerschule. Dort war die bis heute in Sachsenhausen legendäre Elisabeth Disselnkötter ihre Klassenlehrerin. Einen kleinen Einblick in das Leben im großbürgerlichen Teil von Sachsenhausen bietet eine Schilderung der Autoren Dr. Kamps und Dr. Neumann zu einem seltenen Fehltritt den sich Else Fernau als Kind geleistet haben soll: „Viele Möglichkeiten für Unartigkeiten gab es nicht, und so war es letztlich nur ein einziges schweres Vergehen, das sich Else Fernau in ihrer Kindheit zu Schulden kommen ließ. Dieses wurde ihr dafür aber von >Onkel Doktor< und >Gotchen< und ihrer Mutter umso öfter vorgehalten. Einmal war sie zusammen mit ihrer Freundin Irmy Schneider in den Garten eines Nachbarn eingedrungen und hatte dort Stiefmütterchen ausgerissen und mitgenommen. Als der Nachbar Dr. Fresenius den Diebstahl meldete wurde Else zu Hause gehörig gescholten und musste sich bei dem Nachbarn persönlich entschuldigen.“

Bevor Else Fernau ab März 1943 das Abitur in der Tasche hatte war sie im Herbst des Jahres 1941 im Tanzstundenunterricht Hans Roessler begegnet, der ersten Liebe ihres Lebens. Vermutlich sind sie sich die beiden zuvor schon in Sachsenhausen über den Weg gelaufen, hatten aber noch keinen Sinn für das andere Geschlecht. Hans Roessler war der Sohn von Dr. jur. Hector Roessler und dessen Ehefrau Lisa. Bei der in Frankfurt hochangesehenen Familie Roessler handelt es sich um die Gründerfamilie der Degussa (Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt). Die Familie von Hector Roessler bewohnte eine Villa in der Thorwaldsenstraße 19, nur wenige hundert Meter von der Forsthausstraße 87 entfernt. Die Tatsache, dass Frau Disselnkötter seit den 1940er Jahren zusammen mit ihrer Lebenspartnerin und Direktorin der Schillerschule Dr. Natalie Schöpp (bis Anfang der 1970er Jahre) eine gemeinsame Wohnung im Haus Thorwaldsenstraße 19 gemietet hatte, könnte einer der Gründe gewesen sein weshalb der Kontakt von Else Fernau und Hans Roessler brieflicher und fernmündlicher Art war. Die Autoren Dr. Kamps/Dr. Neumann führen dazu aus: „Wenn sie mit Hans ausgehen wollte, war das nicht so einfach möglich. >Du weißt>, erklärte sie Hans dazu, >ich bin noch sehr jung und habe in erster Linie meinen Eltern zu gehorchen. Anders wäre die Sache, wenn ich älter wäre und auf eigenen Füßen stünde. Ich bin nun einmal nicht so frei aufgewachsen wie die heutige Jugend im Allgemeinen.> Um trotz dieser Hindernisse den Kontakt zu Hans aufrecht zu erhalten, war sie auf die Idee gekommen, sie könnten sich Briefe schreiben. Von einem Briefwechsel innerhalb Frankfurts wollte Hans allerdings nichts wissen. Doch schließlich fanden sie eine Möglichkeit, miteinander in enger Verbindung zu bleiben: Sie schrieb ihm Briefe und er antwortete per Telefon.“ … „Allerdings nutzte das Else und Hans nicht mehr viel, denn Hans Roessler wurde im Frühjahr 1942 zur Wehrmacht eingezogen.“  Es gelang jedoch beiden den Kontakt aufrecht zu erhalten. Sie tauschten sehr ausführliche Briefe aus, zeitweise mehrere pro Woche, und sahen sich bei den seltenen Heimatbesuchen. Hans Roesslers Einheit war ab Anfang 1943 in Polen, später in Russland im Fronteinsatz. Zu diesem Zeitpunkt war sie, die nach dem Abitur eine Ausbildung in der Hirsch-Apotheke begonnen hatte, obligatorisch zum Reichsarbeitsdienst (RAD) und anschließend zum Kriegshilfsdienst (KHD) verpflichtet worden. Von diesen Dienstverpflichtungen waren damals alle Abiturienten betroffen. Else Fernau leistete den mit einem harten Drill verbundenen RAD im mittelhessischen Altenschlirf (seit 1972 ein Ortsteil von Herbstein) und in Darmstadt den KHD als Straßenbahnschaffnerin, jeweils sechs Monate lang, ab. Der letzte Brief der sie von Hans erreichte hatte er am 16. August 1944 geschrieben. Am 7. September erfuhr sie von seiner Mutter, das Hans seit dem 17. August in Russland vermisst wurde. Für Else Fernau kam es zu keinem Wiedersehen mit ihren geliebten Hans.

Obwohl sie seit dem 1. April 1944 in der Hirsch-Apotheke arbeitete pendelte sie häufig noch nach Bad Homburg um auch dort in der Fabrik zu arbeiten und hinzuzulernen. In dieser Zeit hatte sich Dr. Fresenius bereits aus der Leitung der Apotheke zurückgezogen und diese verpachtet. Das Haus Forsthausstraße 87 wurde bei den Bombardierungen Ende Januar 1943 getroffen und brannte völlig aus. Die Apotheke war nach einem nächtlichen Angriff am 23. 1944 zerstört worden. Wie alle anderen Menschen hat Else Fernau die ständigen Fliegeralarme und Bombardierungen, sowohl in Darmstadt als auch in Frankfurt miterlebt und zum Glück überlebt. Wie auch Eduard Fresenius in Bad Homburg. Else Fresenius hatte in ihrem Testament ihre jahrzehntelange Stütze Therese Fernau, mit der sie den schneereichen Februar 1944 im Jagdhaus in Schmitten verbracht hatte, sehr großzügig bedacht und damit indirekt auch eine Vorsorge für Else Fernau getroffen. Else Fresenius war am 7.November 1944 in Bad Homburg gestorben. Dr. Eduard Fresenius ging es da gesundheitlich schon nicht mehr sehr gut. Er starb am 12. November 1945 in Bad Homburg. Dr. Fresenius hat seinerseits testamentarisch verfügt, dass er die Hälfte seines Firmenbesitzes an seine langjährige enge Mitarbeiterin Emilie Scheele und je ein Viertel an Therese Fernau und Else Fernau, vererbt. Die aus den drei Frauen bestehende Erbengemeinschaft war sich einig. Sie verstanden sich gut und konnten gemeinsam die Basis für den späteren Aufstieg zum Weltkonzern Fresenius ausbauen und fortentwickeln.  Else Fernau begann 1946 an der Mainzer Universität das seit langer Zeit angestrebte Pharmaziestudium, dass sie zum Wintersemester 1947/48 in Erlangen fortsetzte und im Sommer 1950 beendete. Ihre letzte Prüfung legte sie im November 1950 ab. Damit waren alle Voraussetzungen erfüllt Anfang 1951 in der Hirsch-Apotheke als examinierte Assistentin zu arbeiten. Die staatliche Zulassung als Apothekerin erhielt sie im Mai 1952. Entsprechend den mit Emilie Scheele und ihrer Mutter als Erbengemeinschaft getroffenen Vereinbarungen kümmerte sich fortan Else Fernau um die Frankfurter Apotheke und den Bad Homburger Betrieb. Seit 1948 wurde die Apotheke, in angemieteten Räumen der Zeil 115 von einem neuen Pächter betrieben. In der Folgezeit wurde die Apotheke in einer für die damalige Zeit häufig anzutreffenden Provisorium betrieben. Der Verkaufspavillon befand sich in der nahegelegenen Hasengasse. Es dauerte einige Jahre bis das Haus Zeil 111 neu errichtet wurde und die Apotheke Ende 1950 an ihren Stammsitz zurückkehrte.

Es gelang Frau Fernau kompetente Geschäftspartner und Mitarbeiter ins Haus zu holen. Das galt in den frühen 50er Jahren insbesondere durch habilitierte Mediziner wie Dr. Richard Martin oder den Bad Homburger Apotheker Rudolf Hawickenbrauck. Mit dem Dipl.-Volkswirt und Jurist Hans Kröner, der sie zunächst in privaten Rechtsfragen beriet fand sie auch einen wichtigen Ratgeber in betriebswirtschaftlichen Angelegenheiten. Hans Gottfried Noël Kröner wurde am 25.12.1909 in eine Münchner Kaufmannsfamilie geboren. Er war von 1949 bis 1955 für die IG Farben in Liquidation und von 1955 bis 1960 für die Farbwerke Hoechst tätig. Von 1960 bis 1972 war er im Vorstand eines Münchner Keramikherstellers aktiv. Es sollte eine ganze Weile dauern bis sich die beiden persönlich näher kamen. Die Hochzeit fand am 30. April 1964 in Frankfurt statt. Weil dem Ehepaar eigene Kinder verwehrt blieben entschlossen sie sich Kinder zu adoptieren. Die erste Adoption fand 1968 statt, es war ein neunjähriges Mädchen. Im Herbst des folgenden Jahres folgten ein Geschwisterpaar, ein elfjähriges Mädchen und ein dreizehnjähriger Junge. 1976 adoptierte das Ehepaar Kröner noch zwei Brüder, die als zehn- und elfjährige Burschen zu Ihnen nach Bad Homburg kamen. Zu diesem Zeitpunkt waren die älteren Kinder bereits aus dem Haus. Im Leben als Firmenchefin mit langen Arbeitstagen war wenig Zeit für das Leben als Mutter. Alle unter einen Hut zu bekommen war nicht leicht, denn zahlreiche soziale Engagements forderten ihr zudem viel Zeit ab. Else Kröner mutete sich und ihren Kindern dieses aber auch vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung als gefördertes Patentkind zu.

Die weitere geschäftliche Entwicklung verlief außerordentlich erfolgreich. Die vielfältigen beruflichen Erfahrungen von Hans Kröner kamen der „Dr. Eduard Fresenius Chemisch-pharmazeutische Industrie KG“ sehr zu gute. Trotz manchem durchwachsenen Geschäftsjahr ging es doch immer weiter bergauf und es konnten neue innovative Geschäftsfelder eröffnet werden. 1981 wurde das bis dahin stetig fortentwickelte Familienunternehmen in eine Aktiengesellschaft überführt deren Mehrheitsaktionärin Else Kröner war. Heute handelt es ich um ein weltweit tätigen Gesundheitskonzern mit vier großen Geschäftsbereichen. Fresenius Medical Care, Fresenius Kabi, Fresenius Helios und Fresenius Vamed. Die Mitarbeiterzahl des Konzerns, der in Bad Homburg seinen zentralen Sitz hat, bemisst sich schon lange nicht mehr mit mehreren Hundert sondern in mehr als 270.000. Viele Mitarbeiter von Else Kröner, manche davon heute längst im Ruhestand, erinnern sich mit großer Hochachtung an diese sehr sozial eingestellte und den Menschen zugewandte Chefin sehr gerne. Ihr bescheidenes Auftreten rechnen ihr diese Personen heute noch sehr hoch an. Else Kröner gründete 1983 die Else Kröner-Fresenius-Stiftung, der sie testamentarisch ihr gesamtes Vermögen vermachte.  Else Kröner starb am 5. Juni 1988 in Bad Homburg. Hans Kröner, der das expandierende Unternehmen bis 1992 als Vorstandsvorsitzender weiterführte und danach als Ehrenvorsitzender dem Unternehmen eng verbunden blieb, starb am 27. Juni 2006 in München.

(Quelle: Dr. Michael Kamps und Dr. Florian Neumann: „Wer, wenn nicht wir -Else Kröner Unternehmerin und Stifterin“; EKFS;)

Forsthausstraße Nr. 89 - Walter Neumann (1892-1948)

Walter Neumann wurde am 13.12.1892 in Friedberg (Hessen) geboren. Dort soll er auch die Schule besucht haben. Wo er eine Berufsausbildung absolvierte war nicht in Erfahrung zu bringen. Er war ein begeisterter Fußballer und gehörte als aktiver Spieler von 1908 bis 1912 zur Reservemannschaft von Phoenix Karlsruhe. Eine schwere Augenverletzung, die er im Ersten Weltkrieg erlitten hatte, beendete leider frühzeitig seine aktive Zeit als Fußballer. Mindestens ab Ende der 1920er Jahre war Neumann bei allen Frankfurter Fußballanhängern und ganz speziell bei allen „Eintrachtlern“ bekannt. Walter Neumann war jüdischen Glaubens. Bekannt ist, dass er Miteigentümer einer in der Mainzer Landstraße 251 ansässigen Spezialfabrik für Kamelhaarschuhe, mit dem Namen „Neumann und Adler“, war. Ebenfalls in der Mainzer Landstraße (Nr. 281) befand sich die Schuhfabrik von John und Carl August Schneider, die aus einem im Frankfurter Nordend befindlichen Firma durch Übernahme einer kleinen Manufaktur zunächst zur „Erste Frankfurter Babyschuhfabrik“ (1908) expandierte. 1911 verkauften die Gebrüder Schneider die inzwischen kurz ICAS genannte Fabrik an Ludwig und Lothar Adler. Walter Neumann war zunächst stiller Teilhaber der unverändert unter dem „ICAS“ expandierenden Schuhfabrik. Vor dem Ersten Weltkrieg sollen dort rund 100 Mitarbeiter beschäftigt gewesen sein. Die Tagesproduktion soll nach Ende des Erstes Weltkrieges auf enorme 75000 Paar Schuhe gesteigert worden sein. Matthias Thoma, Leiter des Eintracht Frankfurt Museums, schreibt im 2007 erschienen Buch „Wir waren die Juddebube – Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit“ dazu: Die Superlative über die Firma Schneider schwanken zwischen „größte Schuhfirma des Kontinents“ und „Größte Schuhfirma der Welt“, pro Tag werden bis zu 75.000 Paar Schuhe produziert. Mehr als 3.000 Angestellte, im Volksmund „ICASianer“ genannt, verdienen in den Fabrikationsanlagen ihr Geld. „Schlappeschneider“-Schuhe werden nach Großbritannien, Belgien, Dänemark, Norwegen, Schweden und in die Niederlande exportiert. Walter Neumann, der „Schlappe-Stinnes“, ist großer Eintracht-Anhänger, er unterstützt den Verein mit viel Engagement. In der Festschrift „50 Jahre Eintracht“ von 1949 wird rückblickend berichtet: „Der Mann, der die Eintracht führte, ohne auf dem Stuhl des Präsidenten zu sitzen, hieß Walter Neumann. Er besaß eine unbändige Lebenslust, aber sobald es um den Verein ging, wurde es bei ihm ernst.“ Neben der finanziellen Unterstützung des Vereins bietet der „Schlappeschneider“ Spielern der Eintracht sichere Arbeitsplätze mit flexiblen Arbeitszeiten an und hat damit maßgeblichen Anteil am wachsenden sportlichen Erfolg des Vereins Ende der 1920er Jahre. Offiziell unterliegen Fußballer dem Amateurstatus und erhalten von den Vereinen kein Geld. Verstöße gegen das Amateurstatut sind zwar ein offenes Geheimnis, werden aber bei Bekanntgabe vom Verband hart bestraft. So gehen die Vereine dazu über, talentierte Fußballer mit dem Angebot von Arbeitsplätzen zu locken. Dass die Eintrachtler, die beim Schlappeschneider arbeiteten, keinen besonders anstrengend Job hatten, bestätigte einst die Ehefrau von Nationalspieler Franz Schütz, der mit der Eintracht 1932 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft stand: „Der Franz war auch ein ICASianer, aber der ist zur Arbeit gekommen, wann er wollte. Die meiste Zeit war sein Schreibtisch leer.“

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten, im Jahr 1933, bekamen auch die jüdische Familie Neumann zu spüren. Am 20. Februar 1934 wurde Walter Neumann von der Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen eines angeblichen „Devisenvergehens“ für einen Tag inhaftiert. Diese besondere Erfahrung dürfte das Ehepaar Neumann veranlasst haben, zusammen mit ihren beiden Kindern (Hans und Manon), im Oktober 1935 Deutschland zu verlassen. Nach einem Zwischenaufenthalt in Amsterdam wanderten die Neumanns im Juni 1936 nach London aus. Später verließen sie die britische Hauptstadt um sich in Blackburn endgültig niederzulassen. Im März des Jahres 1938 verliert die Familie aufgrund der von den Nazis erlassenen Rassengesetze die deutsche Staatsangehörigkeit. Der dafür erforderliche Antrag wurde zuvor von der Frankfurter Gestapo begründet: „Neumann hat durch sein volksschädliches Verhalten bewiesen, dass er nicht wert ist, die deutsche Reichsangehörigkeit zu besitzen.“ Wie viele andere Familien, die Deutschland in Richtung der englischsprachigen Welt verließen, passten sie die Schreibweise ihres Namens der neuen Heimat an. Aus Neumann wurde „Newman“. In Blackburn gründet Walter Newman eine neue Firma in seine seiner angestammten Branche, die „Newman`s Slippers Ltd“. Matthias Thoma schreibt dazu: „Während des Zweiten Weltkriegs beliefert die Firma hohe Offiziere der US-Armee – so tragen etwa General Eisenhower und General Doolittle Schuhe aus Neumanns Kollektion. „Newman`s Slippers Ltd.“ wird auch international erfolgreich: Bald stammen 40 Prozent der Schuhexporte Großbritanniens aus dessen Produktion. Walter Neumann ist ein prominentes Mitglied der Jüdischen Gemeinde und findet bei den Blackburn Rovers seine neue sportliche Heimat. Ein ähnliches Engagement wie am Riederwald gibt es in Blackburn aber nicht. Sein Sohn Hans, der sich nun „Jack“ nennt, erbt die Fußballbegeisterung nicht. Er interessiert sich für Motorsport und wird erfolgreicher Rennfahrer. Nach einer schweren Krankheit verstirbt Walter Neumann am 3. September 1948. Am Tag der Beerdigung bleibt  „Newman`s Slippers Ltd.“ geschlossen. Trotzdem haben sich viele Angestellte am Werksgelände versammelt, um dem Firmenbesitzer die letzte Ehre zu erweisen. Der feierliche Trauerzug zum Friedhof führt am Firmengelände vorbei. In Blackburner Zeitungen werden Walter Neumann Nachrufe gewidmet, in denen auch sein Engagement für die Eintracht Würdigung findet. Lotte Neumann besucht ihre alte Heimat im September 1949, vermutlich verfolgt sie das 2:2 gegen den 1. FC Nürnberg am 10. September 1949. Einige Monate später senden die Verantwortlichen der Eintracht die goldene Ehrennadel und die Festschrift nach Blackburn, für die sich Lotte so ergreifend bedankt. Lotte Neumann verstirbt im August 1959 in Blackburn. Anlässlich der Verlegung der Stolpersteine für Walter und Charlotte "Lotte" Neumann, am 23.06.2014, vor der Liegenschaft Kennedyallee 89, wurde ein Dankesschreiben von Charlotte Newman durch Matthias Thoma verlesen, dass diese dem Präsidium von Eintracht Frankfurt geschrieben hatte:

„Blackburn den 20. 01. 1950 Ich bin wirklich ganz gerührt über die große Freundlichkeit, daß die Eintracht mir im Andenken an meinen Mann die goldene Ehrennadel geschickt hat. Ich wünschte nur, er hätte das selbst noch erleben können. So danke ich Ihnen und den maßgeblichen Herren. Mögen die nächsten 50 Jahre der Eintracht denselben Aufstieg bringen, der sie in der Vergangenheit an die Spitze deutscher Sportvereine brachte. Als ich im September in Frankfurt a.M. war und nach so vielen schweren Jahren zum ersten Male die Eintracht wieder spielen sah, als mir die Herren Stubb und Kirchheim im Namen des Vorstandes einen Blumenstrauß überreichten, war ich derart überwältigt von Gefühlen, daß es mir unmöglich war, mich seinerzeit persönlich zu bedanken. Ich hole dieses hiermit nach. Wir alle haben in den letzten 17 Jahren Schwerstes erleben müssen. Beim Lesen Ihrer Festschrift kamen so viele frohe und vergnügte Erinnerungen zurück, daß die schlimmsten Jahre momentan unwirklich erscheinen. Möge der Sport wie in der Vergangenheit völkerversöhnend wirken. Hier in England sind wir getreue Anhänger der Blackburn-Rovers geworden, die den alten Eintrachtlern nicht unbekannt sind. Nochmals meinen aufrichtigsten Dank. Ich verstehe, in welchem Sinn mir die Nadel geschickt wurde. Ihre Charlotte Newman.“

Forsthausstraße Nr. 91 - Johann Christoph Welb (1847-1922)

Johann Christoph Welb wurde am 02.11.1847 in Frankfurt in die Familie des Zimmermanns Johann Jakob Welb (*1803 †1891) geboren. Wie sein älterer Bruder Adolph (*1838 †1880) war er ein in seiner Geburtsstadt bekannter Architekt. 1900 errichtete er sein eigenes Wohnhaus in der Forsthausstraße 91, nachdem er wenige Jahre zuvor (1898) maßgeblich am Bau des in der Nähe befindlichen Hippodroms, der großen zweigeschossigen Reithalle, beteiligt war. Welb gehörte der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung von 1892 bis 1909, für die Nationalliberale Partei, an. Offensichtlich hat diese politische Betätigung den Architekten Christoph Welb dazu veranlasst sich mit detaillierten Vorschlägen für den Bau eines neuen Rathauses (1892) und einem Straßendurchbruch („Straßenfreilegung in der Altstadt“) durch die Frankfurter Altstadt (1893) in die Stadtplanung einzuschalten. Seine diesbezüglichen Vorstellungen hat er seinerzeit als Magistratsvorlagen in die Stadtverordneten-versammlung eingebracht. Als „Projekt Welb“ sind diese Ideen, im Institut für Stadtgeschichte (ISG) dokumentiert.

Johann Christoph Welb starb am 22.02.1922 in Frankfurt am Main.

(Quelle: ISG; Frankfurter Biographie; Der Stadtkonservator: „Die Architekten und ihre Bautätigkeit in Frankfurt am Main in der Zeit von 1870 bis 1950“)

Forsthausstraße Nr. 93 - Hugo Rückert (1858-...)

Hugo Rückert wurde am 01. Mai 1858 als Enkel des Dichters Friedrich Rückert geboren. Er verbrachte seine Jugend in Neues bei Coburg und machte sein Abitur in Hildburghausen. Rückert studierte in Tübingen, Berlin und Halle (Saale) Jura. Nach seiner zweiten juristischen Staatsprüfung war er in Naumburg und wohnte bei Friedrich Nietzsche. Als Assessor war er anschließend bis 1892 in Halle (Saale) tätig. Im gleichen Jahr erfolgte seine Versetzung nach Neuwied, 1895 trat er eine Stelle als Amtsrichter in Frankfurt am Main an. Dort führte er bis zu seiner Pensionierung, im Jahr 1924, das Dezernat für Privatklagen.  Im Ersten Weltkrieg verlor er einen seiner beiden Söhne. Anlässlich seines 70. Geburtstags berichtete eine Frankfurter Zeitung, dass Rückert sich als ein sogenannter Vergleichsrichter einen Namen gemacht habe. „Denn er verstand es in vielen Fällen, die streitenden Parteien zu einer gütlichen Einigung zu führen, indem er sie mit einer glänzenden Menschenkenntnis, mit echtem Humor oder ernsten Ermahnungen versöhnlich stimmt. Schon als junger Mensch war er ein begeisterter Wagnerianer. Seine musikalischen Neigungen wurden vielfach gefördert durch hervorragende Persönlichkeiten des musischen Lebens, mit denen er in Berührung kam. Seinen 70. Geburtstag begeht Geheimrat Rückert in außergewöhnlicher Rüstigkeit." Das Todesdatum von Hugo Rückert konnte ich leider nicht ermitteln.

(Quelle: ISG)

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Zeitungsbericht vom 29. April 1928

Forsthausstraße Nr. 96 - Prof. Dr. Helmut Coing (1912-2000)

Helmut Coing wurde am 28. Februar 1912 in Celle geboren. Er absolvierte sein Abitur am Ratsgymnasium in Hannover, um sich dann dem Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Kiel, München, Göttingen und Lille zu widmen. An der Universität Göttingen wurde er 1935 mit der Arbeit „Die Frankfurter Reformation von 1578 und das Gemeine Recht ihrer Zeit“ zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert. 1938 habilitierte er sich an der Goethe Universität mit der Schrift „Die Rezeption des römischen Rechts in Frankfurt am Main“. Coing wurde 1941 Professor für Römisches und Bürgerliches Recht an der Frankfurter Universität. Er blieb während der Zeit des Nationalsozialismus unbelastet und wurde nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft zum Ordinarius für Bürgerliches und Römisches Recht an die wiedererrichtete Goethe Universität berufen.

Notker Hammerstein berichtete in seinem umfangreichen Werk zur Geschichte der Frankfurter Stiftungsuniversität u. a. auch von den Wohnungsproblemen in der Phase des Wiederaufbaus. Er zitierte darin aus einem Anfang 1947 verfassten Schreiben Rektor Walter Hallsteins an den Frankfurter OB Kolb, in dem er über die sehr konkreten Problemen der bereits wieder tätigen Professoren ebenso berichtet wie von den großen Schwierigkeiten Professoren nach Frankfurt zu holen und bittet um Unterstützung: „… Im gleichen Brief erwähnte der Rektor ferner, daß Frankfurt Gefahr laufe, Helmut Coing zu verlieren, der in Wiesbaden wohne. Er habe einen Ruf nach Marburg und dort >eine Wohnung angeboten> bekommen. „Er macht die Entscheidung darüber, ob er in Frankfurt bleibt oder nach Marburg geht, von der Wohnungsfrage abhängig. Auch hier besteht ein dringendes Interesse der Universität.“  Die homogen und gut zusammengesetzte Fakultät würde durch seinen Weggang aufs Empfindlichste getroffen.“

Neben seiner Zeit als Rektor der Frankfurter Universität, von 1955 bis 1957, war er  in den Jahren 1956 und 1957 auch der erste Vorsitzende der Westdeutschen Rektorenkonferenz und nach seiner Ablösung als Universitätsrektor Vorsitzender des Wissenschaftsrates (1958–1960).  Coing wurde 1964 zum Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte gewählt und blieb in dieser Position bis zu seiner Emeritierung im Februar 1980. Von 1970 bis 1973 war er Vorsitzender der Geisteswissenschaftlichen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft sowie von 1970 bis 1972 auch Leiter der dortigen Satzungskommission und schließlich 1978 bis 1984 Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Coing erhielt 1958 die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt  und 1966 wurde er zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. Im Jahr 1973 wurde er Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste, zu dessen Kanzler er 1984 gewählt worden war. Die Republik Italien verlieh ihm im 1990 mit dem Verdienstorden des Landes, das Komturkreuz. In Deutschland wurde er im selben Jahr mit dem großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband sowie dem Hessischen Verdienstorden geehrt. Prof. Dr. jur. Helmut Coing starb am 15. August 2000 in Kronberg im Taunus.

(Quelle: ISG, Frankfurter Personenlexikon und „Die Johann Wolfgang Goethe Universität – Von der Stiftungsuniversität zur staatlichen Hochschule, Band 1, 1914 bis 1950“; Universitätsarchiv Frankfurt)

Forsthausstraße Nr. 97 - Georg von Sodenstern (1889-1955)

Georg von Sodenstern wurde am 15. November 1889 in Kassel geboren. Er trat nach seiner Kadettenausbildung am 13. März 1909 als Fähnrich in das 3. Oberschlesische Infanterie-Regiment Nr. 62 ein, in dem er am 27. Januar 1910 zum Leutnant befördert wurde. Mit seinem Regiment zog er 1914 als Kompanieoffizier in den Ersten Weltkrieg. 1915 wurde er zum Oberleutnant befördert. Von Sodenstern war Träger des Eisernes Kreuzes I. und II. Klasse. 1917 wurde er zum Hauptmann befördert.

Er fand auch nach dem Ersten Weltkrieg weiterhin eine Verwendung beim Militär und wurde zunächst in die Reichswehr übernommen und im Reichswehr-Infanterie-Regiment 27 eingesetzt. Es wurde danach Kompaniechef im 6. Infanterie-Regiment. 1924 wurde er zunächst Stabsoffizier beim Gruppenkommando 2 in Kassel, wechselte 1925 in den Generalstab des Infanterieführers III nach Potsdam, um 1926 in die Heeres-Organisationsabteilung beim Reichswehrministerium in Berlin versetzt zu werden. 1927  wurde er dem Truppenamt zugeteilt und am 1. Februar 1928 zum Major befördert. 1931 folgte eine weitere Beförderung als er zum Adjutanten des Chefs des Truppenamtes ernannt wurde. Als solcher wurde Georg von Sodenstern im darauffolgenden Jahr zum Oberstleutnant und am 1. September 1934 zum Oberst befördert.  Im Oktober 1935 übernahm er als Kommandeur das neuaufgestellte Infanterie-Regiment 65 in Delmenhorst. Dieses Amt gab er im August 1937 ab und wurde Chef des Generalstabs des VI. Armeekorps in Münster. Nachdem er am 1. März 1938 zum Generalmajor befördert worden war, wurde von Sodenstern am 1. Dezember 1938 Chef des Generalstabs beim Gruppenkommando 2.

Ab 1946 wirkte Sodenstern im Rahmen der deutschen Abteilung der kriegsgeschichtlichen Forschungsgruppe der United States Army, der Operational History (German) Section der „Historical Division“, an der Ausarbeitung von Studien zum Zweiten Weltkrieg mit. Seit 1954 gab von Sodenstern mit anderen eine Wehrwissenschaftliche Rundschau heraus die sich die „Verbreitung von historischen Themen über das Wehrwesen“ zur Aufgabe gemacht hatte. Den Verein soll die Dienststelle Blank, der getarnte Vorläufer der Bundeswehr, mit hohen Mitteln laufend aus dem Etat des Bundespresseamtes finanziert haben. Er starb am 20. Juli 1955 in Frankfurt am Main.

Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte existiert eine Fotografie, vom 23. September 1933, auf der möglicherweise Georg von Sodenstern (von hinten und mit einem "?" gekennzeichnet) zusammen mit dem damaligen Gauamtsleiter Heinrich Ritter, dem Reichsbahn-direktionspräsident Karl Steuernagel und dem Polizeipräsident Adolf Beckerle abgelichtet wurde. Die Herren stehen auf dem Flughafen Rebstock und warten auf die Ankunft von Adolf Hitler. Der wurde zum ersten Spatenstich für die Reichsautobahn erwartet.    

(Quelle: Wikipedia, ISG)

Forsthausstraße Nr. 98 - Prof. Dr. Eduard Güntz (1903-1973)

Eduard Güntz wurde am 27. August 1903 in Erfurt geboren. In Dresden studierte er Medizin wo er auch als Assistenzarzt am Pathologisch-Anatomischen Institut tätig war und sein spezielles Interesse für Wirbelsäulenerkrankungen geweckt wurde. Güntz war bereits Professor und Leiter der Orthopädischen Abteilung und Poliklinik an der Chirurgischen Universitätsklinik in Kiel, bevor er 1946 auf den Frankfurter Lehrstuhl für Orthopädie berufen wurde. Er leitete von 1951 bis 1969 in Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim. Eduard Güntz starb am 28.06.1973. In einem Nachruf sagte dessen Nachfolger Professor Dr. Heipertz:  Mit bewundernswürdiger Energie die schweren Folgen einer 1939 überstandenen Kinderlähmung überwindend, hatte Eduard Güntz die Aufgaben als Hochschullehrer und als ärztlicher Direktor der großen Klinik gemeistert. In den schweren Jahren der Zerstörung hat er mit seinen Mitarbeitern großes geleistet.“

(Quelle: ISG)

Forsthausstraße Nr. 99 - Prof. Dr. Gustav Embden (1874-1933)

Prof. Dr. med. Gustav Embden wurde am 10.11.1874 in Hamburg in eine Kaufmannsfamilie jüdischer Abstammung geboren, die jedoch zum Protestantismus übergetreten war. Sein Medizinstudium absolvierte er in Freiburg, Straßburg, München, Berlin und Zürich und wurde 1899 in Straßburg zum Dr. med. promoviert. Nach einer Assistententätigkeit in Straßburg wurde er 1904 Direktor des chemischen Laboratoriums beim Städtischen Krankenhaus in Frankfurt-Sachsenhausen (dem heutigen Universitätsklinikum). 1907 habilitierte er sich in Bonn, 1909 wurde er außerordentlicher und 1914 ordentlicher Professor und Direktor des Institutes für vegetative Physiologie der neugegründeten Universität Frankfurt am Main, an der Embden seitdem als Professor lehrte. Im Studienjahr 1925/26 übernahm er, wie einige Jahre zuvor sein Freund Prof. Albrecht Bethe, dass Amt des Rektors der Frankfurter Universität.  Aus seiner Ehe mit Johanna geborene Fellner (* 23. 9. 1884) gingen vier Kinder hervor. Johanna Fellner war eine Enkelin des letzten Oberbürger-meisters der freien Stadt Frankfurt. Bevor die Familie in die Forsthausstraße zog, bewohnte sie eine Wohnung in der Souchaystraße 3, in der Nähe des Schweizer Platzes.

Am 1. April 1933 trieben Studenten Gustav Embden mit einem Schild „Ich bin ein Jude” durch die Stadt. Im Juni 1933 wurde Embden in das Nervensanatorium in Nassau an der Lahn aufgenommen, wo er wegen Depression behandelt worden sein soll. Gustav Embden nahm sich dort am 25. Juli 1933 das Leben. Das Zentrum für Biologische Chemie-Biochemie I-Pathobiochemie des Universitätsklinikums Frankfurt trägt den Namen von Gustav-Embden.

Vor dem Haus Kennedyallee 99 befindet sich ein Stolperstein mit seinem Namen.

(Quelle: Frankfurter Personenlexikon; Ernst-August-Seyfarth „Albrecht Bethe“; Stolperstein-Initiative Frankfurt)

Forsthausstraße Nr. 99 - Prof. Dr. Albrecht Bethe (1872-1954)

Am 25. April 1872 wurde Prof. Dr. med. Albrecht Bethe in Stettin geboren. 

Anfang der 1930er Jahre zog der Geh. Med. Rat Professor Albrecht Bethe mit seiner zweiten Ehefrau in die Holbeinstraße 56, was den Vorteil hatte, er war in kurzer Zeit an seinem Arbeitsplatz im Physiologischen Institut am Theodor-Stern-Kai. Zuvor lebte er viele Jahre im Kettenhofweg, später dann im Blumenweg 12. So kam er aus dem Frankfurter Westend über das Nordend in das Malerviertel, dass Sachsenhäuser Westend. Prof. Bethe hatte seit 1915 eine Professur in Ffm. und gilt als Reformer des Medizinstudiums. 1917-1918 war er Rektor der Universität in Frankfurt. Wie Prof. em. Ernst-August Seyfarth in seinem 2018 erschienenen Buch über Albrecht Bethe schreibt, wurde er wegen seines Engagements für nicht-privilegierte Studenten und Mitarbeiter als „roter Rektor“ bezeichnet. Zudem war er Gründungsdirektor des Instituts und ein sehr sportlicher Herr. Aus seiner ersten Ehe, mit Anna Kuhn, einer Jüdin, ging 1906 ein Sohn hervor, Hans Albrecht Bethe. Hans Bethe, der über ein großes mathematisches Talent verfügte hatte Physik studiert und war 1933 in Tübingen als Privatdozent tätig als ihm wegen seiner jüdischen Mutter von den Nationalsozialisten die Ernennung zum Professor verweigert wurde. Er verließ darauf Deutschland, mit einer Zwischenstation in England, in Richtung USA. Er wurde einer der bedeutendsten Physiker weltweit und erhielt 1967 den Physik-Nobelpreis.

Prof. Albrecht Bethe wurde 1937 von dem Regime in den Ruhestand versetzt, nahm seine Arbeit aber im Oktober 1945 wieder auf. Während seiner Pensionierung durfte er weiterhin seiner Forschungstätigkeit nachgehen, aber keine Vorlesungen halten. 

Ende der 1920er Jahre heiratete Albrecht Bethe die 25 Jahre jüngere Vera Congehl (*1897 † 1977), die ebenfalls jüdischer Abstammung war. Die zweite Ehefrau und Mutter der Kinder Doris (*1933) und Klaus (*1934) hatte eine große musische Begabung und ein abgeschlossenes klassisches Musikstudium absolviert. Sie gab als Solistin Violin-Konzerte. Das Ehepaar Albrecht und Vera Bethe und die Kinder Doris und Klaus waren Mitglieder der evangelischen Lukasgemeinde.  

Doris Bethe war ein sehr sportliches junges Mädchen und blieb dem Sport stets verbunden. Sie besuchte zunächst die Anna-Schmidt-Schule und wechselte nach Kriegsende auf die Schillerschule. Klaus Bethe besuchte die Schwanthalerschule und ging dann auf das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, die heutige Freiherr-vom-Stein-Schule.

Das Haus Holbeinstraße 56 wurde am 29. Januar 1944 beim ersten Tagesangriff schwer getroffen und zerstört. Zwischen den befreundeten Familien Bethe und Embden galt eine Vereinbarung, einander Unterkunft zu gewähren sollte eine ihre Wohnung durch die Kriegseinflüsse verlieren. Die Witwe Johanna Embden nahm deshalb in beengten Wohnverhältnissen Albrecht und Vera Bethe zusammen mit den Kindern Doris und Klaus im Haus Forsthausstraße 99 auf. Doris Bethe studierte nach ihrem Abitur, im Jahr 1953, in Köln an der Sporthochschule, Klaus Bethe studierte an der TU Darmstadt. Er wurde später Professor für Elektrotechnik an der TU Braunschweig. Doris Bethe war eine sehr erfolgreiche Sportlerin.  Sie errang mehrere Deutsche Meistertitel im Turnen.  Prof. Albrecht Bethe starb am 19.10.1954 in Frankfurt am Main.

Ich möchte allen interessierten Leserinnen und Lesern das Buch über Albrecht Bethe ans Herz legen und darauf hinweisen, dass in der Buchreihe zum 100 Geburtstag der Goethe Universität Frankfurt auch ein Buch über Friedrich Dessauer im Societätsverlag veröffentlicht wurde. Dessauer und Bethe waren miteinander befreundet und beide in Sachsenhausen zuhause. Friedrich Dessauer wohnte im eigenen Haus in der nahen Stresemannallee 36, Ecke  Waidmannstraße.

(Quelle: Ernst-August-Seyfarth „Albrecht Bethe“)

Forsthausstraße Nr. 99a - Georg Krebs

Georg Krebs betrieb im Haus Kaiserstraße 18 eine 1834 von ihm gegründete Zigarrenhandlung. Offenbar handelte es sich bei Krebs um einen tüchtigen Kaufmann, der es mit dem Handel von Tabakwaren zum Hoflieferanten von „seiner Majestät dem Deutschen Kaiser und Königs von Preußen“ gebracht hatte. Das Zigarrensortiment von Georg Krebs umfasste acih die Eigenmarke Francofurtia. In der Münchner Maximilianstraße betrieb er eine Filiale. Den Kopf seines Briefpapiers schmückten die Wappen einer Vielzahl europäischer Königs-, Herzogs- und Fürstenhäuser: des Königs von Bayern, des Königs von Rumänien, des Prinzen von Wales, der Großherzöge von Hessen, und von Luxemburg, der Herzöge von Anhalt und von Nassau sowie des Fürsten von Bulgarien.  Wie der 2011 von Axel C. Hüntelmann im Wallstein-Verlag veröffentlichen Biographie über Paul Ehrlich („Paul Ehrlich, Leben -Forschung – Ökonomien – Netzwerke“) zu entnehmen ist, zählte auch der berühmte Mediziner, Forscher und Nobelpreisträger mindestens im Jahr 1900 zu den Kunden von Georg Krebs.

(Quelle: ISG; Axel C. Hüntelmann „Paul Ehrlich, Leben -Forschung – Ökonomien – Netzwerke“)

Forsthausstraße Nr. 101 - Prof. Albrecht Schmidt (1864-1945)

Albrecht Karl Schmidt wurde am 03.07.1864 im westfälischen Grevenbrück als Sohn des Hüttendirektors und Regierungsrats Dr. Karl Schmidt (*1831 †1906) und dessen Ehefrau Bertha geb. Dieckerhoff (*1832 †1908) geboren. Er legte am Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasium sein Abitur ab und studierte, nach einem freiwilligen einjährigen Militärdienst, in Darmstadt, Heidelberg und Straßburg, Physik, Chemie sowie Mineralogie. In Straßburg beendete er auch sein Studium und wurde dort 1887 zum Doktor phil. promoviert. Bei Schering in Berlin fand er 1887 seine erste Anstellung. Aus dieser bis 1898 währenden Anstellung sind eine Reihe von Erfindungen und Patente im Bereich Pharmazie überliefert. 1898 wechselte er zu den Farbwerken Hoechst und verlegt sein Arbeitsgebiet hin zu Farben und trat wiederum auch hier mit einer großen Anzahl Patentanmeldungen in Erscheinung. Vor und während der Zeit des Ersten Weltkriegs (1914-1918) war Schmidt mit der sogenannten Wehrchemie beschäftigt und wurde ganz speziell mit der für die Marine sehr bedeutsamen Erfindung des „künstlichen Nebels“ bekannt. Die sogenannten „großen Leistungen Schmidt’s zur Landesverteidigung“ sollen ihm 1917 durch das Berliner Kultusministerium den Professorentitel eingebracht haben. In der Nachkriegszeit war Prof. Schmidt auf dem Gebiet der Schädlingsbekämpfungsmittel tätig und ab 1925 beim Zusammenschluss der Deutschen Farbenindustrie als ordentliches Vorstandsmitglied der I.G. Farbenindustrie AG tätig. Ende des Jahres 1931, im Alter von 65 Jahren und nach 44jähriger Berufstätigkeit ging er in den Ruhestand. Ihm wurden mehrfach besondere Ehrungen zuteil: 1931 Ehrensenator der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin, 1932 Ehrendoktorwürde der TH Braunschweig, 1935 Ehrenbürger der Stadt Frankfurt, 1939 Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft der Stadt Frankfurt und 1944 Ehrensenator der TH Darmstadt. Er war Träger nachstehender militärischer Orden: 1917 Eisernes Kreuz II. Klasse am weißschwarzen Bande für die Schlacht am Skagerak, 1917 Eisener Halbmond für die Rettung der Kriegsschiffe Goeben und Breslau, 1917 der Franz-Josephs-Orden mit der Kriegsdekoration für die Schlacht von Otranto (Italien), wo die Österreichische Flotte durch den künstlichen Nebel gerettet wurde.

Bei Wikipedia (stand 29.02.2019) findet sich zu Schmidt eine Passage die seine Unterstützung des Terrorregimes der Nazis zum Inhalt hat: „Albrecht Schmidt, dem Ehrgeiz sowie Geltungsbedürfnis nachgesagt wurde, trat im Frühjahr 1933 der NSDAP, im März 1938 auch der SS bei. Eine seit 1937 in der NS-Gauleitung Hessen-Nassau ausgeübte ehrenamtliche Tätigkeit als Berater für Wirtschafts- und Hochschulfragen führte 1939, inzwischen 75 Jahre alt, zu seiner Ernennung zum SS-Obersturmbannführer sowie 1944 zu seinem 80. Geburtstag zum SS-Brigadeführer durch Heinrich Himmler. Er beriet Gauleiter Jakob Sprenger (Politiker) bei der Besetzung von Chemielehrstühlen in seinem Gau. Schmidt stimmte nur partiell der nationalsozialistischen Politik zu und zeigte sich insbesondere von den Gewaltexzessen befremdet. Dennoch unterstütze er das Regime, wohl auch wegen seiner persönlichen Nähe zu Funktionären der Nationalsozialisten.“

Wie einer im ISG archivierten Selbstauskunft zu entnehmen ist wurde die Liegenschaft Forsthausstraße 101 am 02.10.1943 durch eine Luftmine beschädigt. Das wiederaufgerichtete Haus wurde am 07.01.1944 durch Bombentreffer nochmals schwer beschädigt.

Professor Albrecht Schmidt, der seit 1895 mit Carlota Maria geborene Brune (1875–1965) verheiratet war verstarb am 27.05.1945 im Alter von 80 Jahren in Remscheid. Carlota Schmidt war die Tochter eines brasilianischen Plantagenbesitzers. Das Ehepaar hatte vier Kinder

Ich sehe es als meine Plicht an noch auf eine Information des AStA der Frankfurter Universität aufmerksam zu machen. Der AStA hat sich kritisch mit der Person Albrecht Schmidt auseinandergesetzt. Siehe folgenden Link:

https://asta-frankfurt.de/aktuelles/materialien-dokumente-zu-albrecht-schmidt

(Quelle: ISG; Jens Ulrich Heine „Verstand & Schicksal – Die Männer der I. G. Farbenindustrie A.G. in 161 Kurzbiographien“)

Die Dokumentation des AStA der Frankfurter Goethe Universität zu Albrecht Schmidt. (Stand 24.06.2019) (5.68 MB)

Forsthausstraße Nr. 101 - Musikverlag Carl Friedrich Peters

Der Musikverlag von Carl Friedrich Peters nahm in Leipzig seinen Anfang.  Dort hatte der aus Rottenburg am Neckar gebürtige Komponist und Dirigent Franz Anton Hoffmeister (*1754 †1812) zusammen mit dem 1771 im schlesischen Lobendau geborenen Organisten Ambrosius Kühnel 1800 ein „Bureau de Musique“ als Instrumentenhandlung und Verlag von Büchern und Musikalien gegründet. Der 1812 in Wien verstorbene Hoffmeister hatte sich allerdings schon 1805 dazu entschlossen, Leipzig in Richtung der Donaumetropole zu verlassen. Kühnel, nun der alleinige Geschäftsinhaber, starb bereits im darauffolgenden Jahr, 1813.  Dadurch bot sich dem Leipziger Buchhändler Peters die Chance das Musikbüro zu übernehmen und es fortan unter seinem Namen fortzuführen. Leider war auch ihm kein langes Leben beschieden, er starb 1827. Das Unternehmen wurde allerdings unter seinem Namen fortgeführt und existiert nach zahlreichen Eigentümerwechseln bis heute. Trotz der großen Veränderungen bei den Eigentümern hat sich das Unternehmen in der Musikwelt seinen ausgezeichneten Ruf erhalten. Die verlegerische Tätigkeit umfasste u. a. die Werke von Johann Sebastian Bach, Brahms, Dvořák, Flotow, Grieg, Liszt, Lortzing, Smetana und Wagner um einige aufzuzählen. Wie das Unternehmen auf seiner Webseite berichtet, zählte auch Johann Wolfgang von Goethe zu den persönlichen Kunden der Leipziger Unternehmung. Einem der späteren Eigentümer des Musikverlages, Dr. Max Abraham (*1831  †1900) gelang es durch eine Reihe technischer Neuerungen und die Zusammenarbeit mit einer Leipziger Druckerei mit der sehr bekannten „Edition Peters“ Musikalien einer breiteren Bevölkerung preisgünstig anzubieten. Zuvor war es weitverbreitet, benötigte Musikalien auszuleihen.

1894 nahm Abraham seinen Neffen Dr. Henri Hinrichsen, als Teilhaber in das Unternahmen auf. Nach dem Tod Abrahams im Jahr 1900 übernahm Hinrichsen die alleinige Geschäftsführung. In den 1930er Jahren traten die Söhne Hinrichsens Max (*1901 †1965), Walter (*1907 †1969) und Hans-Joachim (1909 †1940) als Mitarbeiter in den Verlag ein. Die jüdische Familie wurde nach dem Machterhalt der NSDAP diskriminiert. 1938 erteilten die Nationalsozialisten den Teilhabern der Firma Henri und Hans-Joachim Hinrichsen Berufsverbot. 1939 kam es zum zwangsweisen Verkauf des Verlages. Das Ehepaar Henri und Martha Hinrichsen sowie die Söhne Hans-Joachim und Paul verloren in der Zeit der Naziherrschaft ihr Leben. Der 1937 mit seiner Frau nach London ausgewanderte Sohn Max gründete dort die Hinrichsen Edition Ltd. die später in Peters Edition Ltd. umbenannt wurde. Die weitere Entwicklung beschreibt der Verlag C.F. Peters auf seiner Internetseite wie folgt: „Nach jahrelangem Kampf um die Rechte am Peters-Katalog errang er 1951 vor dem Obersten Gerichtshof einen uneingeschränkten Sieg. Neben dem Fortführen der Leipziger Tradition setzte Max Hinrichsen Schwerpunkte im Bereich der der Orgelliteratur, des englischen Brass-Band-Repertoires und der zeitgenössischen britischer Musik. Nach seinem Tod übertrug seine Witwe Carla Hinrichsen die Londoner Firma an die von ihr gegründete Hinrichsen Foundation, eine gemeinnützige Stiftung, deren Zweck in der Förderung zeitgenössischer Musik besteht.

Max Bruder Walter Hinrichsen war 1936 in die USA ausgewandert, wo er später die New Yorker Firma C. F. Peters Corporation aufbaute – beginnend mit dem Nachdruck von Leipziger Titeln. In der Nachkriegszeit machte er und seine Frau Evelyn sich dann als Anwälte der zeitgenössischen amerikanischen Musik einen Namen. So nahmen sie etwa den jungen John Cage unter Vertrag und bauten C. F. Peters Corp. zu einem angesehenen Verlag mit eigenständigem Profil aus. Das Unternehmen ging später in den Besitz ihrer Kinder Martha (1948–2016) und Henry (1949–2016) über.“

Schon unmittelbar nach Kriegsende kehrte Walter als amerikanischer Staatsbürger und Musikoffizier der US-Armee nach Leipzig zurück. Gemeinsam wirkte er und sein Bruder Max auf eine Verlegung des Firmensitzes aus der Sowjetischen Besatzungszone nach Frankfurt am Main hin. Am neuen Standort kam es zu einer schwierigen Zusammenarbeit mit Dr. Johannes Petschull (1901–2001), der seit 1939 den Leipziger Verlag geleitet hatte und nun gemeinsam mit den Hinrichsen-Brüdern Teilhaber des Frankfurter Unternehmens wurde. Petschull hatte das Musikalienangebot durch die Übernahme von Henry Litolff’s Verlag im Jahr 1940 erweitert, und es folgten weitere Ankäufe: 1974 wurde die Edition Schwann (gegr. 1821) erworben, fünfzehn Jahre später C. F. Kahnt – ein ebenfalls aus Leipzig stammender Verlag, dessen Geschichte bis in das Jahr 1851 zurückreicht.

Die weitere Entwicklung des Musikverlages wird auf der Internetseite des Verlags wie folgt beschildert: Auf den Fall der Berliner Mauer und die deutsche Wiedervereinigung folgten jahrelange Wirren und Streitigkeiten um die Eigentumsverhältnisse am Leipziger Stammhaus, das 1993 schließlich in den Besitz der Frankfurter Firma gelangte. Infolge unternehmerischer Entscheidungen von Dr. Petschull musste der Betrieb in Leipzig fast vollständig eingestellt werden, und als einziger Repräsentant des Verlags verblieb der frühere langjährige Geschäftsführer Norbert Molkenbur. Das historische, fast zwei Jahrhunderte alte Leipziger Verlagshaus war nur noch ein Schatten seiner selbst.

Es folgten wiederholte Versuche, die dem Unrecht des 20. Jahrhunderts geschuldete Zersplitterung in Einzelfirmen zu überwinden. Als einschneidend erwies sich die im Jahr 1995 erfolgte Berufung von Nicholas Riddle zum Geschäftsführer des Londoner Unternehmens. Er erkannte, dass Peters der Sprung ins 21. Jahrhundert nur mit vereinten Kräften, in den Händen gemeinsamer Eigentümer und durch den Einsatz neuer Technologien gelingen würde. Mit diesem Ziel vor Augen – und nach mehreren Anläufen – konnten die Peters-Firmen und ihre Anteilseigner schließlich 2010 eine Vereinbarung unterzeichnen, mit der die Gründung der Edition Peters Group und der Ausstieg der Erben von Dr. Petschull vollzogen wurde. Mehrheitseigentümerin der Gruppe ist seither die Hinrichsen Foundation – die mit ihren Einkünften aus dem Verlagsgeschäft Musikleben und musikalische Bildung fördert –, während die restlichen Anteile von Christian Hinrichsen, einem Enkel von Walter Hinrichsen, gehalten werden.

Schon bald wandte sich die junge Unternehmensgruppe wieder ihrer alten Heimat Leipzig zu, und historische Bande wurden neu geknüpft. Im Jahr 2011 kehrte zunächst die Leihbibliothek für den gesamten europäischen Markt zurück nach Leipzig und hauchte dem altehrwürdigen Gebäude in der Talstraße 10 neues Leben ein. Nach langjährigen Verhandlungen kam 2013 ein Kaufvertrag zwischen den Erben von Henri Hinrichsen und der Stadt Leipzig zustande, mit dem der dauerhafte Verbleib der wertvollen Musikbibliothek Peters gesichert werden konnte. Zuletzt wurde 2014 die Frankfurter Niederlassung geschlossen und der Hauptsitz der Edition Peters Group nach Leipzig zurückverlegt – dorthin, wo die Geschichte des Verlags mehr als 200 Jahre zuvor begonnen hatte.

(Quelle: Internet https://www.edition-peters.de/verlag)

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Kennedyallee Nr. 101 und 101a.

Forsthausstraße Nr. 101 - Dr. Johannes Petschull (1901-2001)

Dr. Johannes Petschull wurde 1901 in Diez an der Lahn geboren. Er arbeitete nach seinem Studium der Volkswirtschaft, Finanz- und Musikwissenschaften zunächst ab 1924 als Redakteur in Musikverlagen in Siegen und Berlin. 1939 ging er nach Mainz zum Musikerlag B. Schott, wo er geschäftsführender Gesellschafter wurde.

 Dr. Johannes Petschull starb knapp hundertjährig am 09. Januar 2001.

(Quelle: ISG)

Forsthausstraße Nr. 101a - Dr. Carl Hagemann (1867-1940)

Dr. Carl Hagemann war ein nicht nur in deutschen Kunstkreisen bekannt, als er 1940 im Alter von 73 Jahren starb. Von Beruf war er Chemiker. Nach dem Abitur 1886, das er in seiner Geburtsstadt Essen ablegte, nahm er im gleichen Jahr in Tübingen ein Chemiestudium auf. 1892 schloss er dieses in Leipzig mit der Promotion „summa cum laude“ ab. Nach zwei Jahren als Assistent seines Doktorvaters Prof. Johannes Wislicenus empfiehlt dieser ihn, als einer seiner besten Schüler, den Farbenwerke verm. Friedr. Bayer & Co. bevor diese von Elberfeld nach Leverkusen umzogen. Bereits in jungen Jahren meldete er zahlreiche Patente an, deren Erträge ihn früh zu einem wohlhabenden Mann machten. Auf ihn geht die Entwicklung eines lichtechten schwarzen Farbstoffs zurück. Er war von 1921 als Werksleiter und stv. Geschäftsführer in einer leitenden Position der Leopold Cassella & Co. und von 1926 bis 1931 auch im Vorstand der I. G. Farben. Er blieb zeitlebens unverheiratet, seine große Liebe war die Kunst. Insbesondere die Maler Ernst Ludwig Kirchner und Ernst Wilhelm Nay standen in seiner Gunst. Nach seinem Umzug nach Frankfurt erwarb Hagemann das Haus in der Forsthausstraße 101a. Dem 2004 in Hatje Cantz Verlag erschienenen Buch „Kirchner, Schmidt-Rottluff, Kircher, Nay … Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann“ ist zu entnehmen, dass er dieses Haus zusammen mit zwei alten Damen, seiner Haushälterin Frl. Dinkgraeve und seiner Tante Helene (Frau Dr. Ahrens) bewohnte. (Den Adressbüchern sind die Namen der beiden Damen übrigens nicht zu entnehmen.) Die Autoren, Hans Delfs – Mario Andreas v. Lüttichau – Roland Scotti, des vorstehend genannten Buches beschreiben Dr. Hagemann u.a. wie folgt: „Carl Hagemann … war zwischen den beiden Weltkriegen einer der wichtigsten privaten Förderer moderner Kunst in Deutschland. Seine Sammlung, die insgesamt über 1800 Kunstwerke verschiedener Künstler umfasst, ist leider nicht mehr in der ursprünglichen Form erhalten. Trotzdem gehört sie zu den bedeutenden Zeugnissen eines deutschen Bildungsbürgertums, das es als eine seiner vornehmen Aufgaben ansah, der zeitgenössischen Kunst den Raum für eine kontinuierliche Entwicklung zu geben, und dessen Engagement sich nicht nur auf Kunstwerke, sondern auch auf die Künstler selbst bezog. Der Briefwechsel Hagemanns mit verschiedenen Künstlern wie Kirchner, Nolde, Heckel, Schmidt-Rottluff und Nay, aber auch mit Museumsdirektoren wie Ernst Gosebruch [Kunstmuseum Essen; Museum Folkwang] zählt zu jenen herausragenden Quellen, aus denen man die Entwicklungsgeschichte der klassischen Moderne ablesen beziehungsweise rekonstruieren kann. Es gibt einen Einblick in die künstlerischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, welche die Epoche vom Kaiserreich bis 1933 als einzigartige Verdichtung widerstrebender Tendenzen erscheinen lassen.“

Hagemann wurde am 9. April 1867 in Essen geboren, sein Leben endete auf eine tragische Weise, er wurde am 20. November 1940 vor einer Straßenbahn vor dem Frankfurter Hauptbahnhof überfahren.

(Quelle: Ffm. Biographie u. „Kirchner, Schmidt-Rottluff, Kircher, Nay … Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann“)

Forsthausstraße Nr. 103 - Prof. Dr. Franz Volhard

Franz Volhard wurde am 2. Mai 1872 in München als Sohn des Chemie-Professors Jacob Volhard (1834–1910) und dessen Ehefrau Josephine geborene Backofen (1842–1935) geboren. Er begann seine Schullaufbahn in Erlangen und war Schüler der in Naumburg (Sachsen-Anhalt) befindlichen altsprachlichen Klosterschule und Internat Pforta. Sein Abitur legte er in Halle (Saale) ab um ebendort ein Medizinstudium aufzunehmen. 1897 folgte seine Promotion und 1901 bereits die Habilitation in Gießen. Seine Gießener Tätigkeit ist mit folgender, im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte archivierten Anekdote (Frankfurter Neue Presse vom 30. April 1947), verbunden: „Auch er begann einmal als Assistent an einer Klinik, und zwar bei Geheimrat Prof. Riegel in Gießen. Und das auf folgende Weise. Volhard suchte eine Assistentenstelle und reiste von Klinik zu Klinik. Auf dieser Fahrt hielt er in Gießen. Er sah das Bahnhofsschild, rief aus, „hier ist doch eine Universität,“ und sprang auf gut Glück aus dem Zug. Bislang hatten die Professoren seine Bewerbung abgelehnt, da er zugleich erklärte, daß er heiraten wolle. Riegel nahm ihn trotzdem.“

Volhard heiratete 1899 Else Toennies. Aus dieser Ehe gingen zehn Kinder hervor. Zu seinen insgesamt 29 Enkeln zählt die ehemalige Schillerschülern und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard.

Volhard ging 1905 als Chefarzt an ein Dortmunder Krankenhaus, wo er sich bereits sehr intensiv mit Nierenkrankheiten beschäftigte, und von dort im Jahr 1908 nach Mannheim um dort die Position des Direktors der städtischen Krankenanstalten zu übernehmen. Während des Ersten Weltkrieges war Volhard 1914 kurzzeitig als Marinearzt in Kiel tätig, wohin er eingezogen wurde.  Er konnte jedoch bald nach Mannheim zurückkehren und dort u. a. auch kriegsverletzte Soldaten in Lazaretten internistisch zu behandeln. In Mannheim richtete er auch ein spezielles „Nierenlazarett“ ein. Bevor Volhard 1927 nach Frankfurt berufen wurde hatte er 1918 an der Universität in Halle eine ordentliche Professur für Innere Medizin übernommen. Zu Anfang seiner Frankfurter Zeit war er noch mit einer publizistischen Tätigkeit als Fachbuchautor beschäftigt. Für das Handbuch der Inneren Medizin veröffentlichte er zusammen mit Friedrich Suter das Werk „Nieren und ableitende Harnwege“ 1931.  Im Hessischen Ärzteblatt veröffentlichten 1988 die Ärzte Herbert Mahr (Bad Nauheim), Prof. Paul Christ (Frankfurt) und Lutz Walz (Schotten) einen Aufsatz über den „Kliniker“ Franz Volhard. Darin ist die Rede von einer großen wissenschaftlichen und publizistischen Leistung Volhards: „Als Motto für sein etwa 1800 Seiten umfassendes doppelbändiges Werk, wozu man, wie er selbst sagte, zehn Jahre braucht, um es zu schreiben, und ein Jahr um es zu lesen, wählte er die Worte aus Goethes „Wilhelm Meisters“: „Alles worein der Mensch sich ernstlich einläßt, ist ein Unendliches.“ Dieses mit wirklich unermeßlichem Fleiß geschriebene Hauptwerk, das 1931 erschien und in dem er die Ergebnisse der gesamten wissenschaftlichen Weltliteratur dieses Wissenszweiges den eigenen Ideen kritisch gegenüberstellte, bezeichnete Louis R. Grote, als „entsagungsvolles Ringen um die Wahrheit“ und wahrlich ein >monumentum aere perennius<.“ 

„Franz Volhard aber allein als „Nierenpapst“ sehen zu wollen, wäre völlig falsch. Als Kardiologe hat er sich schon früher profiliert. Beim Internistenkongreß 1902 in Wien hatte er bereits einen Vortrag über „Venenpulse“ gehalten. Die Herzpathologie, Probleme des hohen Blutdrucks und Fragen um die Kreislaufregulation haben ihn immer beschäftigt.“

„Aus der Zeit der Frankfurter Klinik unter Volhard ist für F. Doenicke (Homburg/Saar) immer in Erinnerung geblieben, daß ein Mann wie Volhard mit seiner Freude an jeglicher Form der äußeren Anerkennung sagen konnte, er hätte in seinem Leben am meisten aus Diskussionen mit Medizinpraktikanten gelernt.“

Im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes wird ein ebenfalls in der Forsthausstraße wohnhafter Kollege Volhards wie folgt erwähnt: „In idealer Weise arbeitete Volhard mit dem Chirurgen Victor Schmieden zusammen. Sie kannten sich aus gemeinsamer Zeit in Halle und hatten schon 1923 auf der Versammlung der Naturforscher- und Ärzte-Versammlung in Leipzig über die „Erkennung und Behandlung der Umklammerung des Herzens durch schwielige Perikarditis“ vorgetragen, wobei Volhard auf das typische Bild hinwies, das er als >Einflußstauung< bezeichnete. Das damals in solchen Fällen von >Panzerherz> die Herzbeutelresektion eine häufige und typische Operation geworden ist, geht auf die Initiative Volhards zurück. Schmieden hat die weitaus größte Zahl davon operiert.“

Volhard soll sich 1917 als konservativer Patriot der Deutschen Vaterlandspartei angeschlossen haben. .

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten soll er Mitglied verschiedener NS-Organisationen, wie der SA-Reserve, und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt gewesen sein. Mitglied in der NSDAP soll er dagegen nicht gewesen sein. Als Dekan soll er sich mehrfach für jüdische Fakultätsmitglieder eingesetzt haben, deren Entlassung er aber nicht verhindern konnte. Seine Möglichkeiten wurden daraufhin eingeschränkt. Während einer Südamerikareise erreichte ihn die Nachricht seiner Zwangsemeritierung zum 1. Oktober 1938. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er in seiner Frankfurter Arztpraxis, sowie an einem Sanatorium in Bad Nauheim, das von einem seiner früheren Mitarbeiter geleitet wurde. Die US-Militärregierung setzte Volhard 1945 wieder als Direktor der Medizinischen Klinik der Universität Frankfurt ein.

Am Vorabend seines bevorstehenden 75. Geburtstages berichtete die Frankfurter Neue Presse 1947 über den Frankfurter Arzt: „Anekdoten gibt es in Fülle. Im Umgang mit Volhard dürfen nur Männer von über fünfzig Jahren mit der Anrede „Sie“ rechnen. Aber die Anregung des jüngsten Assistenten erscheint ihm der Nachprüfung wert. Er ist ein kühner Autofahrer." 

"Was erzählt man sich von ihm? Eine Studentin tappt verspätet in den Hörsaal. Volhard unterbricht verärgert. „Warum kommst du so spät? Wo hast du dich denn die Nacht herumgetrieben? Antwort der Studentin „Das geht dich gar nichts an, Franz!“

"Der junge Volhard wird in Gießen zu einem Patienten namens Rothschild gerufen. Der atmet nicht. Fast tot. Zwanzig Stunden lang macht Volhard im Schweiße seines Angesichts Wiederbelebungsversuche. Endlich Erfolg! Doch es stellt sich heraus, daß Herr Rothschild der unbemittelten Linie seines Hauses angehört.“

Prof. Dr. med. Franz Volhard starb am 24. Mai 1950 an den Folgen eines Autounfalls. 

Seine Tochter Gisela, verheiratete Hessenberg, erinnerte sich im Alter von 78 Jahren an den längst verstorbenen Vater in launigen Worten, wie dem nachstehenden Dokument zu entnehmen ist.

https://www.mpg.de/459856/entwicklungsbiologie_wissM2

(Quelle: ISG; Frankfurter Personenlexikon; Wikipedia)

Forsthausstraße Nr. 103 - Willi Emrich (1893-1963)

In Frankfurt wurde Willi Emrich am 14. Juli 1893 geboren und besuchte die Klingerschule im Stadtteil Nordend. Als er 1911 in die Frankfurter Stadtverwaltung eintrat amtierte noch Franz Adickes als Oberbürgermeister. Emrich hat später, die weitsichtige Amtsführung von Adickes war längst anerkannt, diesen als seinen ersten Dienstherrn bezeichnet. Emrich war von 1914 bis 1918 Teilnehmer des 1. Weltkriegs, zuletzt als Rittmeister in Darmstadt. Im Anschluss arbeitete er zunächst beim Personalamt der Stadt und ab 1922 in der Stadtkanzlei. Diese leitete er von 1930 bis zu seiner Zwangspensionierung im August 1945. In der Zeit bis zu seinem Wiedereintritt in die Frankfurter Stadtverwaltung war er für den Deutschen Städtetag u.a. als Gutachter tätig und arbeitete zeitweise auch für andere Stadtverwaltungen. Von 1949 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1958 leitete er das städtische Revisions- und Organisationsamt. Während dieser Zeit wirkte er zudem auch als Lehrkraft am Seminar für Verwaltungsbeamte. Er verließ die Stadtverwaltung als Obermagistratsdirektor. Willi Emrich trat schriftstellerisch als Autor zahlreicher Fachbücher in Erscheinung. Zwei wichtige Beiträge zur Frankfurter Stadtgeschichte waren beispielsweise seine in den in den 1950er Jahren erschienen Bücher „Reichspräsident Ebert und die Stadt Frankfurt“ und „Das Goldene Buch der Stadt Frankfurt“. In den 1960er Jahren veröffentlichte er als Chronist zudem die Bücher „Träger des Goethepreises der Stadt Frankfurt, im Spiegel der Zeit 1927-1961“ und „Aus sieben Jahrzehnten Frankfurter Geschichte, Erlebnisse und Erfahrungen im Römer“. Emrich war im Bund tätiger Altstadtfreunde als einer der Mitbegründer dort auch als Vorstandsmitglied aktiv. Bereits seit dem Jahr 1931 war Emrich in der deutschen Tierschutzbewegung engagiert, dessen Präsident er zeitweise war. Für die Frankfurter Zeitung schrieb Emrich im Stadtblatt, dem Vorgänger der heutigen Rhein Main Zeitung. Im November 1956 wurde ihm das von Bundespräsident Theodor Heuss verliehene Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, durch den Frankfurter Bürgermeister Dr. Walter Leiske, überreicht. Willi Emrich starb in seiner Geburtsstadt am 03.September 1963. Zwei Monate vor seinem Tod war ihm noch die Frankfurter Ehrenplakette zuerkannt worden

(Quelle: ISG, Frankfurter Biographie)

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Willi Emrich

Forsthausstraße Nr. 103 - Friedrich Kolander (1904-....)

Friedrich Kolander (Geburtsname: Kohlhase) wurde am 12.11.1904 in Straßburg geboren. Er starb am 29.01.1979 in Berlin, Kolander war als Schauspieler 12 Jahre (1958 - 1970) an den Städtischen Bühnen in Frankfurt engagiert. Er ging in Hannover zur Schule und studierte u.a. in Marburg, München und Berlin. Der als großgewachsener stattlicher Herr beschriebene Schauspieler debütierte 1928 am Coburger Landestheater. Weitere Stationen waren Oldenburg, Magdeburg, Hannover, Kiel und Gelsenkirchen. Er trat zudem als Theaterregisseur und Autor von Theaterstücken („Die Stunde Null“ oder „Ballade in Texas“) in Erscheinung. Kolander arbeitete auch als Sprecher in Hörspielen wie den Buddenbrooks und von Jim Knopf.

(Quelle: ISG)

Forsthausstraße Nr. 103 - Walter Gore (1910-1979)

Walter Gore war ein britischer Choreograph. Er wurde 8. Oktober 1910 im schottischen Waterside geboren. Er stammte aus einer Familie die seit mehreren Generationen Schauspieler hervorbrachte. Nach ersten Schauspielrollen orientierte es sich aber bereits im Teenageralter um, verlor sein Herz an das Tanztheater das dessen Leidenschaft wurde. Nach verschiedenen Engagements in ganz Europa, er war in den 1930er Jahren mit dem berühmten „Marie Rambert Ballett“ oder „Sadlers Well Theater“ als Solist unterwegs, der als „Weltkoryphäe“ beschriebene russische Tänzer und Choreograph Leonide Massine nahm ihn unter Vertrag. Nach seinem Frankfurter Engagement (1957 - 1959) leitete er von 1961 bis 163 das London Ballett und danach das Australian Theatre Ballett in Melbourne.  Er gründete auch das berühmte Gulbenkian Ballett in Lissabon. Gore, der mit der Schauspielerin Paula Hinton verheiratet war, starb am 16. April 1979 in Pamplona.

Links:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Walter_Gore

(Quelle: ISG)

Forsthausstraße Nr. 104 - Familie Schleussner

Verschiedene Mitglieder der Unternehmerfamilie Schleussner haben sich über wenigstens drei Generationen meist als Chemiker und Firmengründer sehr erfolgreich betätigt. Es existieren einige Querverbindungen zu weiteren erfolgreichen Unternehmerfamilien die ebenfalls ihren Ausgangspunkt in Frankfurt hatten und ihren Wohnsitz in der Forsthausstraße nahmen.

Johann Carl Peter Ferdinand Schleussner (*1830 †1899) wurde in Biedenkopf an der Lahn geboren und war der Sohn des Großherzoglich Hessischen Obereinnehmers Friedrich Heinrich „Fritz“ Schleussner und dessen zweiter Ehefrau Caroline Christiane Johannette geb. Kärcher. Carl Schleussner absolvierte in der Apotheke seines Bruders Emil Friedrich Ludwig Schleussner eine Lehre in Romrod (bei Alsfeld). Nachdem er 1852 in Darmstadt seine Ausbildung als Pharmazeut erfolgreich beendet hatte nahm er in Heidelberg sein Chemiestudium auf, dass er 1857 in Gießen mit seiner Promotion abschloss. Danach arbeitete er in der später von Eduard Fresenius (siehe Forsthausstraße 87) betriebenen Hirsch-Apotheke. Sicherlich hat die räumliche Nähe seiner Arbeitsstätte zum Römerberg und des dort ansässigen Siegellackfabrikanten Franz Rinn (*1801 †1865) es begünstigt, dass er dessen Tochter Elisabeth Christiane „Elise“ kennenlernte, die er 1860 ehelichte. Im Haus seines Schwiegervaters gründete Schleussner ein chemisch-pharmazeutisches Laboratorium. Dort stellte er neben Silberlack überwiegend Silbernitrat her, welches als Basismaterial für die Herstellung von sogenannten photographischen Platten benötigt wurde. Dabei handelte es sich um ein sogenanntes „nasses Verfahren“. Schleussner wurde so zum Begründer der ersten photochemischen Fabrik, die ihren Sitz vom Römerberg 18 in die Stiftstraße 8 verlegte. 1874 wurde von ihm der „Verein zur Pflege der Photographie und verwandter Künste“ gegründet, der in vielen andren Großstädten im In- und Ausland zu vergleichbaren Vereinsgründungen führte. Seit dem Jahr 1876 betätigte sich Schleussner auch als Herausgeber einer Zeitschrift mit dem Namen „Photographische Monatsblätter“. Als Photographie-Pionier zeigte er ein außerordentliches Engagement als er 1880 die erste Photographenversammlung nach Frankfurt am Main einberief. Nach jahrlangen Experimenten entwickelte Schleussner bis 1881 ein patentiertes Verfahren für die Herstellung von Trockenplatten (Gelatine-Emulsion). 1885 gelang es die kontinuierlich weiter verbesserten Trockenplatten maschinell herzustellen. 1892 erfolgte der Umzug von der Stift- in die Elbestraße, wo Räume für eine neue Fabrik zur Verfügung standen. Schon im Jahr 1896, wenige Monate nach der ersten wissenschaftlichen Demonstration der Röntgenstrahlen durch Professor Konrad Wilhelm Röntgen, stellte Schleussner photographisches Negativmaterial für die wissenschaftliche und medizinische Röntgenphotographie her. Infolge eines Schlaganfalles, den Schleussner am Tag der Eröffnung der neuen Räumlichkeiten in der Elbestraße erlitten hatte, zog er sich sukzessive aus der Geschäftsführung zurück, die er an seine Söhne Carl Moritz und Carl Friedrich Schleussner übergeben hatte. Die technische Fabrikleitung lag bei Carl Moritz Schleussner. Vorübergehend war auch sein Schwiegersohn Eduard Ritsert (siehe Forsthausstraße 99) in der Geschäftsführung tätig. Dr. phil. Johann Carl Peter Ferdinand Schleussner starb am 15.12.1899 in Frankfurt. Kurze Zeit später hatten die Schleussner-Röntgenplatten bereits den Weltmarkt erobert.

Ende des 19. Jahrhunderts experimentierte das 1897 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Unternehmen „Dr. Carl Schleussner Trockenplattenfabrik“ mit Rollfilmen die man zur Marktreife brachte. Aus einer Kooperation mit der Kölner Firma Westendorp & Wehner ging 1903 die Gründung der „Deutschen Rollfilmgesellschaft mbH“ hervor. Für Carl Moritz Schleussner war die Beschäftigung seines Unternehmens mit Kinospielfilmen eine logische Konsequenz aus den langjährigen Erfahrungen. Der Name Schleussner war nicht nur eng mit der Entwicklung der Photographie verbunden, die ersten bedeutenden deutschen Spielfilme wurden unter Verwendung  des Schleussner-Filmmaterials von der Deutschen-Bioscop-Gesellschaft hergestellt, die zu den Vorgängern der UFA zählt. Von 1919 bis 1924 war er als Abgeordneter der Deutschen Volkspartei und Mitglied der Frankfurter Stadtverordneten-versammlung. Carl Moritz Schleussner war am 18.10.1868 in Frankfurt geboren worden. Nachdem er sein Abitur in der Tasche hatte studierte er in Freiburg und Heidelberg Chemie, dass er 1893 mit der Promotion abschloss. Die Ehe mit Johanna Caroline Adele Laurenze (*1884 †1943) blieb nicht kinderlos. Ich habe darauf verzichtet den weiteren Nachkommen nachzuforschen. Im Jahr 1926 übergab Carl Moritz Schleussner die Firmenleitung an seinen Sohn Carl Adolf Schleussner, der 1895 in Frankfurt geboren wurde. 1927 verlegten die „ADOX Fotowerke Dr. C. Schleussner die Produktion der Foto- und Röntgenfilme sowie der Fotopapiere und -chemikalien in ein neu errichtetes Werk in Neu-Isenburg. Die Fotoplattenproduktion wurde in ein von Walter Carl Schleussner (*1900 †1956) geleitetes Zweigwerk, das durch den Zusammenschluss mit Westendorp & Wehner in Köln entstanden war, verlagert. 1938 wurden die Wiesbadener Wirgin-Kamerawerke vom deutschen Staat beschlagnahmt und im Rahmen der „Arisierung“ an ADOX verkauft. Die Brüder Heinrich, Max, Josef und Wolf Wirgin bauten diverse Kameramodelle in dem 1920 errichteten Werk in der Dotzheimer Straße 172. Die jüdische Familie Wirgin stammte aus der polnischen Stadt Radon.

Carl Adolf und sein Vater Carl Moritz gehörten zu den Pionieren des Rundfunks und 1923 zu den Mitbegründern der „Südwestdeutschen Rundfunkdienst AG“ (SÜWRAG) in Frankfurt am Main. Daraus ging später der Hessische Rundfunk hervor. Während Carl Moritz bis 1932 Aufsichtsratsvorsitzender der SÜWRAG war, arbeitete Carl Adolf Schleussner als Abgeordneter des Aufsichtsrats im Vorstand. Der berief den in Frankfurt aufgewachsenen Hans Flesch (*1896 †1945) zum künstlerischen Leiter des Senders. 1932 wurde die SÜWRAG verstaatlicht. Wegen der Zusammenarbeit mit dem Juden Hans Flesch war Carl Adolf Schleussner heftigen Anfeindungen durch die Nazis ausgesetzt und wurde gleich 1933 entlassen. 1962, drei Jahre nach dem Tod von Carl Adolf Schleussner, wurde das Neu-Isenburger von seinen Söhnen an den amerikanischen Chemiekonzern DuPont verkauft. 1946 hatte Carl Adolf Schleussner das Biotest-Serum-Institut zur Herstellung von Blutgruppen-Testseren, Blutkonserven und Infusionslösungen gegründet. Er übertrug 1947 seinem Sohn Hans Schleussner (*1927 †2015) die Leitung des Unternehmens, dass 1948 als erstes in Europa ein Serum zur Bestimmung des Rhesus-Faktors entwickelte. Das Forschungszentrum dieses Unternehmens hatte von 1956 bis 1990 seinen Sitz in der ehemaligen Villa Manskopf, am Oberforsthaus. 1987 erfolgte die Umfirmierung in „Biotest AG“ und die Übersiedlung nach Dreieich. (Siehe auch Kennedyallee 103 in der Adressbuch-Tabelle)

(Quelle: ISG; Frankfurter Biographie; Das tätige Frankfurt; Wiesbaden – Das Stadtlexikon)

Forsthausstraße Nr. 104 - Dr. h.c. August Euler (1868-1957)

August Euler wurde am 22.11.1868 in Oelde als August Heinrich Rieth als Sohn des Försters August Reith und Karla Euler geboren. Einer seiner Vorfahren war der Mathematiker Leonard Euler. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre, arbeitete anschließend als technischer Kaufmann im In- und Ausland. Seine Reisen führten ihn u. a. nach Russland, Japan und China. Er beherrschte mehrere Sprachen wie Englisch, Französisch und Russisch. Als Sportler war er als Boxer und Rad- und Autorennfahrer aktiv. 1905 machte er sich in Frankfurt mit einem Handelsunternehmen für Konstruktionsmaterial für Autos und Flugzeuge selbstständig und vertrat als Importeur als einer der ersten französische Automobilfirmen in Deutschland. Im Jahr 1908 erwarb er von den Gebrüdern Voisin die Baulizenz für eine erfolgreiche Flugzeugkonstruktion, da er frühzeitig die großen Perspektiven der Flugtechnik erkannt hatte. Im gleichen Jahr errichtete Euler in Griesheim bei Darmstadt die erste deutsche Flugzeugfabrik, wo er auch sein erstes Flugzeug baute. Mit dieser neuartigen Konstruktion gelang es ihm gegenüber dem Bautyp der Gebr. Voisin eine Gewichtsreduzierung von rund 50 Prozent. Mit seinem Flugzeugtyp nahm Euler als erster Deutscher auf der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) 1909 in Frankfurt teil und konnte sich mit berühmten ausländischen Fliegern messen. Es gelang ihm sogar eine Tageswertung für sich zu entscheiden. Nach erfolgreicher Flugzeugführerprüfung wurde August Euler am 01. Februar 1910 das Flugzeugführerzeugnis mit der Nummer 1 ausgehändigt. 1911 erwarb Euler von der Stadt Frankfurt ein großes Gelände in der Gemarkung Schwanhein und erbaute dort eine aus fünf Flugzeughallen und Werkstätten bestehende Flugzeugwerft. Der Versailler Vertrag untersagte eine weitere Flugzeugproduktion auch für die Eulerwerke. Euler selbst ging als Staatssekretär ins Berliner Reichsamt für Luftverkehrsordnung. 1928 zog er sich ins Privatleben zurück und bezog seine Villa in der Forsthausstraße 104.  Nachdem er bereits 1919 von der TH Braunschweig mit einer einem Ehrendoktor gewürdigt worden war, wurde ihm 1952 für seine langjährigen Bemühungen um den Flugverkehr auch das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland zuerkannt.  Dr. h.c. August Euler starb am 01.07.1957 in seinem Haus auf dem Feldberg im Schwarzwald.

Link:

http://www.august-euler-museum.de/geschichte/august+euler+ein+staatsmann+und+sein+gelber+hund/

(Quelle: ISG, Frankfurter Personenlexikon, Polytechnische Gesellschaft: „Zwischen Sandhof und Mainfeld“)

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Gruppenfoto auf dem Augst-Euler-Flugplatz im Frankfurter Stadtteil Goldstein, u.a. mit August Euler

Forsthausstraße Nr. 104 - Prof. Dr. Ferdinand Wiethold (1893-1961

Ferdinand Wiethold wurde am 24.12.1893 in Bocholt geboren. Er absolvierte nach der Reifeprüfung an den Universitäten in Berlin, Bonn, Kiel, Münster und München ein Medizinstudium, dass er 1918 beendete. 1920 wurde er an der Frankfurter Universität zum Dr. med. promoviert. Seine Assistenzarztzeit verbrachte er am Pathologischen Institut der Universität Frankfurt, am Preußischen Hygienischen Institut in Landsberg an der Warthe sowie an der Universitäts-Nervenklinik Rostock. Anschließend war er zudem als außerplanmäßiger Assistent am Gerichtsärztlichen Institut der Universität Breslau sowie ab 1926 als Assistent am Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Bonn tätig. In Bonn habilitierte er sich im Jahr 1929. Mit seinem Lehrer Prof. Victor Müller-Heß ging er 1930 an das Gerichtsmedizinische Institut der Charité und wurde dort 1932 zum außerordentlichen Professor ernannt.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten soll Wiethold 1933 Mitglied der SA geworden sein. Ernst Klee gibt in seinem Buch „Personenlexikon zum Dritten Reich“ eine Äußerung Wietholds wieder, die dieser 1934 über die Regierung von Adolf Hitler formulierte: „Unsere neue Regierung hat nun in vorbildlicher Tatkraft … Rassenpflege und Aufartung zu beherrschenden Gesichtspunkten der Staatsführung“ erhoben.“ Wiethold ereilte 1935 der Ruf an die Kieler Universität, wo er als außerordentlicher Professor tätig war und das örtliche Institut für Gerichtliche Medizin leitete. Ab 1937 soll Wiethold Mitglied der NSDAP gewesen sein. Im Mai 1941 wechselte er auf den Lehrstuhl für gerichtlichen Medizin an die Universität Frankfurt am Main und stand dem dortigen Institut für gerichtliche und soziale Medizin als Direktor vor.

In Wikipedia (stand 13.03.2019) wird sein Wirken in der Nachkriegszeit wie folgt beschrieben: „Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er 1945 durch die amerikanische Militärregierung seines Hochschulamtes enthoben. Da er durch seinen ehemaligen Lehrer Müller-Heß einen Persilschein erhielt, wurde Wiethold nach einem Spruchkammerverfahren im April 1948 als entlastet entnazifiziert. Im April 1949 konnte er als persönlicher Ordinarius auf seinen Lehrstuhl an der Universität Frankfurt zurückkehren und verbleib in dieser Funktion bis zu seinem Tod. Wiethold gehörte ab 1950 der medizinisch-juristischen Arbeitsgemeinschaft am privaten Institut für Sexualforschung von Hans Giese an und setzte sich in den 1950er Jahren für eine Liberalisierung des § 175 StGB ein.“  Prof. Ferdinand Wiethold starb am 17.04.1961 in Frankfurt am Main.

(Quelle: ISG; Wikipedia; Personenlexikon zum Dritten Reich)

Forsthausstraße Nr. 105a - Prof. Dr. Alexander Ellinger (1870-1923)

Der am 17. 04.1870 in Frankfurt am Main geborene Alexander Ellinger war jüdischer Abstammung. Seine Eltern waren der Besitzer eines Metallgeschäfts Philipp Ellinger und dessen Ehefrau Mathilde, geb. Ruben. Er absolvierte ab 1887 an den Universitäten Berlin und Bonn ein Studium der Chemie, dass er 1892 mit der Promotion abschloss. Anschließend ging er nach München um dort noch ein Studium der Medizin aufzunehmen. 1897 wechselte er an die Universität Königsberg, an der er 1898 die medizinische Promotion erlangte und sich ein Jahr später für Medizinische Chemie und Pharmakologie habilitierte.

Ab 1911 wirkte er als Nachfolger von Max Jaffé als Professor in Königsberg. 1914 wechselte er an die in seiner Heimatstadt neu gegründete Universität Frankfurt, an der er bis zu seinem Tod als ordentlicher Professor für Pharmakologie fungierte. Die Laboratorien waren gemeinsam mit denen des Lehrstuhls für vegetative Physiologie, dessen Inhaber Prof. Dr. Gustav Embden (siehe Forsthausstraße 99) war, im Theodor-Stern-Haus untergebracht. Professor Dr. phil. Dr. med. Alexander Ellinger war der erste Dekan der Frankfurter Medizinischen Fakultät.

Mit seiner Frau, einer Nichte Jaffés, hatte er zwei Töchter und zwei Söhne. Er starb am 26.07.1923 in seiner Geburtsstadt.   

(Quelle: Die Gründung der Universität Frankfurt; Die Frankfurter Universität; Wikipedia; Deutsche Biographie)

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Häuser Kennedyallee 105a und 107

Forsthausstraße Nr. 111 - Carl von Opel (1869-1927)

Georg Adolf Carl Opel war der älteste der fünf Söhnen von Adam Opel und dessen Ehefrau Sophie Marie, geb. Scheller. Er wurde am 31.08.1869 in Rüsselheim geboren. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er 1895 zusammen mit seinen Brüdern die Leitung des Rüsselsheimer Unternehmens, dass mit der Herstellung von Nähmaschinen seinen Anfang nahm. Die Brüder Carl, Wilhelm und Fritz Opel bauten aus der inzwischen auch zu einem Fahrradproduzenten ausgeweiteten Firma 1898 einen internationalen Hersteller von Automobilen. Carl Opel heiratete Ende Mai 1895 Helene Wilhelmine Mouson, die Tochter des Frankfurter Seifen- und Parfümfabrikanten Johann Jacob Mouson und dessen Ehefrau Sophie Eleonore Dorothea, geb. Hock. Helena Wilhelmine Opel erblickte am 27. Oktober 1875 in Frankfurt das Licht der Welt. Carl Opel wurde am 17. Januar 1918 in Darmstadt vom letzten Großherzog Ernst Ludwig in den großherzoglich hessischen Adelsstand erhoben und am 7. März zum Geheimrat ernannt. Er war nicht nur ein führender Industriekapitän, um einen älteren und aus der Mode gekommenen Begriff zu verwenden, nein, er war in seiner Jugend ein großer Sportler. Carl von Opel machte sich, wie später auch seine Brüder Wilhelm und Fritz, als erfolgreicher Radrennfahrer einen Namen und engagierte sich als großer Förderer für den Radsport. Carl von Opel starb am 16. Februar 1927 in Frankfurt am Main. Das im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte (ISG) archivierte Sterberegister nennt als letzte Adresse die Forsthausstraße 111.

(Quelle: ISG)

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Kennedyallee 111 und 113

Forsthausstraße Nr. 111 - Heinrich von Opel (1873-1928)

Als Eigentümer(-in) der Liegenschaft Forsthausstraße 111 findet sich in den Jahren 1935 und 1940 in den Adressbüchern der Eintrag „E. von Opel“. Ob es sich dabei um Emilie von Opel, die Witwe von Heinrich von Opel handelt, bleibt unklar. Heinrich Adam Opel wurde am 22. 09. 1873 in Rüsselheim als dritter von fünf Söhnen von Adam Opel und dessen Ehefrau Sophie Marie, geb. Scheller geboren. Heinrich wurde zusammen mit seinem Bruder Wilhelm im März des Jahres 1917 vom letzten Großherzog Ernst Ludwig in Darmstadt zum Geheimrat ernannt und gleichzeitig in den großherzoglich hessischen Adelsstand erhoben. Heinrich von Opel starb am 25. Mai 1928 in Mainz.  Er war seit 1898 mit Wilhelmine Luise Emilie, geb. Weber (*1878 †1928) verheiratet. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Heinz (1899–1922), Emmy (1902–1963) sowie die erfolgreiche Springreiterin Irmgard (1907–1986) hervor. Der vorstehend genannte Adressbucheintrag könnte sich allerdings auch auf die Tochter Emmy von Opel beziehen. Der im Rahmen eines 1937 geführten Schriftverkehrs zwischen Ernst Gosebruch (Leiter des Essener Kunstmuseums) und Dr. Carl Hagemann (siehe Forsthausstraße 101a) genannte Namen Elinor von Opel (*1908 †2001) passt scheinbar nicht in die Forsthausstraße. Elinor von Opel war die Tochter des zweiten von fünf Söhnen Adams Opels, Wilhelm von Opel (*1871 †1948) und erste Ehefrau von Willy Sachs (Fichtel & Sachs) und Mutter von Gunter Sachs.

Brief von Ernst Grosebruch (Berlin-Wilmersdorf) an Carl Hagemann vom 21.11.1937.

Im Textanhang: "Im Bristol saß gestern eine sehr merkwürdige Dame am Tisch neben uns, sehr korpulent, aber noch keineswegs alt, in dem sehr vollen Gesicht war recht auffallend das starke Kinn. Zu einer ganz schlichten Wollbluse trug sie einen ganzen Laden von Brillianten, hatte an der linken Hand einen riesigen Stein von einem Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe. Man konnte diese Strahlen nur auf Sekunden aushalten. Wir hielten sie für eine Amerikanerin, hörten dann aber vom Kellner, daß es eine Frau von Opel ? wäre, die durch ihre Leidenschaft für kostbare Steine bekannt sei. Ob das wohl Ihre Nachbarin sein kann, die sich aus dem Fenster gestürzt hat? Die berühmte Reiterin war es nicht.

Brief von Ernst Grosebruch (Berlin-Wilmersdorf) an Carl Hagemann vom 27.11.1937.

Im Textanhang: "Die "Brilliantenfee" scheint also die Frau v. Opel zu sein, die sich in der Forsthausstraße aus dem Fenster gestürzt hat. Na, ihre Rundlichkeit wird den Fall gemildert haben. Heil Eleonore!"

(Quelle. ISG; Wikipedia; Wilfried Rott: „Sachs – Unternehmer, Playboys, Millionäre“; „Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde, Nay … Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann“)

Forsthausstraße Nr. 115 - Dr. Oscar Löw-Beer (1878-....)

Oscar Löw-Beer wurde am 21. April 1878 in Brünn in eine weitverzweigte Kaufmanns- und Industriellenfamilie hinein geboren. Die deutsch-jüdische Familie Löw-Beer betrieb zu dieser Zeit mehrere Textilfabriken und trug bedeutend zum wirtschaftlichen Aufschwung Brünns bei. Auch die weltbekannte funktionalistische Villa Tugendhat ist mit den Löw-Beers verbunden: Auftraggeberin Greta Tugendhat war eine Tochter von Firmenmagnat Alfred Löw-Beer. Der Großteil der Familie floh 1939 vor den Nazis nach Großbritannien, Alfred Löw-Beer starb 1939 unter ungeklärten Umständen auf der Flucht. Oscar Löw-Beer besuchte in seiner Geburtsstadt die Staats-Oberrealschule und begann dort auch ein Studium der Chemie und Zoologie. Später wechselte an die Heidelberger Universität, wo er 1901 zum Dr. phil. promovierte. Er sammelte anschließend in diversen europäischen Industrieunternehmen (Deutschland, Österreich, England) ausreichend Berufserfahrung um 1910 die Geschäftsführung des von seinem Schwiegervater geleitenden Chemiewerk Griesheim zu übernehmen. Löw-Beer hatte am 18.01.1910 die am 15.04.1888 geborene Hedwig Marx geheiratet. Die Eltern von Hedwig Marx waren Dr. Hermann Marx (*..  †2.9.1910 in Wien) und Elisabeth „Elise“ geb. Nassauer (*..  †09.03.1937). Dr. phil. Hermann Marx lebte von 1902 bis zu seinem Tod mit seiner Familie im eigenen Haus in der Sandhofstraße 20 (heute Paul-Ehrlich-Straße), also in unmittelbarer Nähe zur Forsthausstraße. Gemäß dem Frankfurter Adressbuch blieb das Haus bis Anfang 1918 im Besitz von Elisabeth Marx. Aus der Ehe von Oscar und Hedwig Löw-Beer gingen drei in Frankfurt geborenen Töchter (Edith May *1911; Elly Vera *1914 und Haidi Dorrit *1921) hervor. Im Jahr 1915 erwarb Löw-Beer die Chemischen Fabriken Worms AG., auf deren Leitung er sich ab 1916 konzentrierte. In diesem Jahr war das Griesheimer Unternehmen an die IG der Anilin-Farben abgetreten worden. Wie einem Bericht der „Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft“ aus dem Jahr 1917 zu entnehmen ist, war Dr. Löw-Beer auch seit dem Jahr 1910 Mitglied dieser Gesellschaft für die er in der Nachfolge des im 1. Weltkrieg gefallenen Vorgängers, Dr. Winter, die Aufgabe des ersten Schriftführers übernahm. Dieses Amt übernahm er auch in den beiden darauffolgenden Jahren. Anlässlich der Jahrhundertfeier der Senckenbergischen Gesellschaft stiftete der Chemiker die nach ihm benannte Oscar-Löw-Beer Stiftung einen Betrag von 200.000 Mark. Als Stiftungszweck nannte er im Stiftungsbrief: „zur Anregung und Förderung der Forschungen auf dem Gebiete der malignen Tumoren. Die Forschungen sollen auf biochemischem Wege systematisch die Ursachen der Veränderungen in den Zellen ergründen, die die Proliferation der Zellen zu malignen Tumoren hervorrufen.“ Dem wissenschaftlichen Ausschuss der Stiftung gehörte auch der Geh. Reg.-Rat Dr. phil. Arthur von Weinberg (siehe Forsthausstraße 148) als ständiges Mitglied an. Georg Gaugusch geht im zweiten Band seines monumentalen Werkes „Wer einmal war – Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938“ auf insgesamt 20 Seiten auf die die vier Linien der Familie Löw-Beer ein. Aus der ersten Linie ging u. a. Margarethe „Grete“ Löw-Beer hervor, die in zweiter Ehe mit dem Textilindustriellen Fritz Tugendhat verheiratet. Zur Hochzeit bekam diese von ihrem Vater Alfred Löw Beer (*1872 in Wien †1939 in Mies bei  Tachau) ein Baugrundstück in Brünn geschenkt. Darauf errichtete der Architekt Ludwig Mies van der Rohe die berühmte Villa Tugendhat, die bis heute als eine große Sehenswürdigkeit der mährischen Metropole gilt. Die Villa wird zu den bedeutendsten Bauten Mies van der Rohes in Europa gezählt und gilt ein herausragendes Beispiel für moderne Architektur.

Samuel Löw Beer (*1804 in Boskowitz/Mähren †1926 in Wien) wird als Kopf der vierten Linie als Boskowitzer Handelsmann und Begründer der Schafwollwarenfirma seines namens beschrieben. Aus dessen Ehe mit Rosalie Singer (*1814 in Eibenschütz/Mähren †1901 in Brünn) sind die Kinder Ignaz Nathan (*1841 in Brünn †1926 in Wien), Rosa Therese (*1846 in Brünn †1851 in Brünn) und Pauline (*1848 in Brünn †1930 in Wien) hervorgegangen. Der Schafwollhändler Ignaz Löw-Beer übernahm die Firmenleitung von seinem Vater. Aus dessen Ehe mit Bertha Strakosch (*1854 in Butschowitz/Mähren †1941 in Wien) gingen die Kinder Rudolf (*1877 in Brünn †1916 in Wien), Oscar, sowie Felix Löw Beer (*1879 in Brünn †1964) hervor. Rudolf begründete die Österreichisch-Amerikanischen Lederwerke Rudolf Löw-Beer in Stadlau bei Wien. Die näheren Umstände, die offenbar die Familie von Dr. Oscar Löw-Beer zum Ablegen des Namensteils „Löw“ am 1. Februar 1922 veranlasst haben sollen (Quelle: G. Gaugusch), bleiben im Unklaren.

In einem interessanten Detail ist eine unerwartete Parallele zur Familie von Carl Gottlieb Wilke (Forsthausstraße 51) zu verzeichnen. In beiden Unternehmerfamilien gab es Mitglieder die sich in den 1920er Jahren Villen von Ludwig Mies van der Rohe bauen ließen. (siehe auch Kennedyallee 51)

Link:

https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Tugendhat

(Quelle: Senckenbergische Naturforschenden Gesellschaft; Georg Gaugusch „Wer einmal war“; Wikipedia)

Forsthausstraße Nr. 119 - Familie Röver / Fertsch-Röver

Information zur Familie Röver:  Der aus seinem väterlichen Färberbetrieb  in Groß-Goltern, in Niedersachsen, stammende  Kaufmann August Röver ließ  sich zusammen mit seinem Bruder und Färbermeister Fritz in Mainz nieder.  1889 übernahmen beide mit einem Eigenkapital von 10.000 Mark die etwa 1882 von Carl Deissmann gegründete "Dampfschönfärberei und chemische Waschanstalt ". Nachfolgend firmierte diese als "Mainzer Dampf-Färberei und Chemische Wasch-Anstalt Gebrüder Röver, vormals Deissmann." Fritz Röver übernahm die technische und August die kaufmännische Leitung. Die gute Geschäftswicklung erlaubte 1895 den Bau einer neuen Fabrik in Mainz und die Expansion mit 400 Annahmestellen im Gebiet zwischen Mainz und Frankfurt. Nach der um 1900 erfolgten Werksverlegung von Mainz  in die Niederräder Goldsteinstraße 151 waren die "Färberei und Chemischen Reinigungswerke Gebrüder Röver", zeitweise das größte Reinigungsunternehmen Deutschlands. Wilhelmine, die  zweitälteste Tochter von Karl Friedrich "Fritz" Christian Röver, ehelichte  August Georg Ludwig Fertsch, der als  Zweitnamen den seiner Frau annahm. Dieser Ehe entstammen drei Söhne (Dieter, Wolfgang und Günther). August Georg Ludwig Fertsch-Röver war nicht nur Geschäftsführer und Teilhaber der Reinigungswerke sondern auch politisch aktiv und den Nationalsozialismus gegenüber kritisch eingestellt. Seine Tätigkeit als Arbeitsrichter und Stadtverordneter der DVP, endete 1933. Im April 1945 wurde er von der  amerikanischen Militärregierung zum stellvertretenden Bürgermeister für Frankfurt-Süd  ernannt  und hatte diese Funktion bis Juni 1945 inne.  1945 gehörte Fertsch-Röver auch dem Bürgerrat und dem Hauptausschuss für Entnazifizierung an. Er gehörte dem Kreis der der Parteigründer der F.D.P. an. Sein Sohn Dieter, war von 1983 bis 1987 Mitglied des Hessischen Landtags und der F.D.P.-Fraktion.  

(Quelle: ISG)

Forsthausstraße Nr. 148 - Arthur von Weinberg

Arthur Weinberg wurde am 11.08.1860 in Frankfurt in eine aus Kassel stammende jüdische Familie geboren. Die Eltern waren der „Oeconom“ Bernhard Weinberg (*1815  †1877) und dessen Ehefrau Pauline, geb. Gans, Schwester von Leo Gans. Bernhard Weinberg war Teilhaber der Frankfurter Farbengroßhandlung Leopold Cassella & Comp. 1878 nahm Arthur Weinberg in Straßburg ein Studium der Chemie, Physik, Mathematik und alter Sprachen auf. 1880 wechselte er an die Münchner Universität, wo er Schüler, des späteren Nobelpreisträgers für Chemie, Johann Friedrich Wilhelm Adolf von Baeyer wurde. Zusammen mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder Carl „Carlo“ Weinberg (*14.09.1861  †14.03.1943), der eine kaufmännische Ausbildung in der Firma seines Onkels Leo Gans absolvierte, konvertierte er 1880 zum evangelischen Glauben. Monika Groening berichtet in ihrem 2012 im Societäts-Verlag erschienen Buch „Leo Gans – Arthur von Weinberg, Mäzenatentum und jüdische Emanzipation“ vom unternehmerischen Erfolg von Cassella, der u.a. auf einer Forschung von Adolf von Baeyer basierte. Diesem war 1878 in Versuchen die Herstellung des Farbstoffs Indigoblau gelungen. „Durch seine Forschungen wurde von der BASF eine erste industrielle synthetische Herstellung von >Indigo auf Textilien< möglich gemacht, ein technischer Fortschritt. der später auch dem Cassella-Unternehmen zugutekam.“ … „1882 promovierte Arthur Weinberg zum Dr. phil. mit einer Dissertation „Über das Carbostryl“, eine Arbeit, zu der er im Zusammenhang mit der Bestimmung der Konstitution des Indigos vom Chemiker Paul Friedländer angeregt worden war.“ … „Nach der Promotion blieb er noch ein Vierteljahr Assistent von Adolf von Baeyer, um dann als Einjährig-Freiwilliger seiner Militärpflicht bei einem in Augsburg stationierten Reiterregiment nachzukommen.“ Im Alter von 23 Jahren trat er 1883 in die Frankfurter Anilinfarbenfabrik von Gans & Co. ein, das Unternehmen seines Onkels Leo Gans. 1894 hatten die Teilhaber die Frankfurter Anilinfabrik mit der Farbengroßhandlung verschmolzen. Die neue Firma nannte sich Leopold Cassella & Co.  1904 gingen die Cassella mit den Farbwerken Höchst eine wechselseitige Kapitalverflechtung ein, den sogenannten „Zweibund“. 1907 entstand durch den Beitritt der Chemischen Fabrik Kalle in Biebrich der sogenannte „Dreierverband“. Arthur und Carl Weinberg übernahmen 1907 die Leitung, des im damals noch selbstständigen Dorf Fechenheim angesiedelten Unternehmens. Fechenheim kam durch Eingemeindung erst am 1. April 1928 zu Frankfurt. Unter der Leitung der Weinberg-Brüder entwickelten sich die Cassella rasch zum weltgrößten Hersteller synthetischer Farbstoffe.  1925 wurde die Interessengemeinschaft Farbenindustrie (I.G. Farben) aus dem 1904 entstandenen „Dreibund“, dem die Unternehmen Bayer AG (Leverkusen), BASF (Ludwigshafen) und Agfa (Berlin) angehörten und dem „Dreierverband“ der Cassella, Hoechst und Kalle gebildet. Arthur von Weinberg hatte am Zustandekommen des Fusionsvertrages der I.G. Farben mitgewirkt. 1926 wurde er Mitglied des Aufsichts- und Verwaltungsrates mit der Zuständigkeit für Wissenschaft, Patente und der Farbenfabrikation. 1936 schied er zunächst nur aus dem Verwaltungsrat aus. Die vom Naziregime erzwungene Arisierungen ließen Arthur keine andere Wahl als 1938 von allen anderen Ämtern zurückzutreten.

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Arthur von Weinberg.

Zusammen mit seinem Bruder Carl gründete der pferdeverrückte Arthur Weinberg Anfang der 1890er Jahre das bei der Frankfurter Galopprennbahn angesiedelte Gestüt Waldfried. Deren Pferdezucht soll am 21. März 1896 ihren Anfang genommen haben. Damals soll die Fuchsstute „Digitalis“ ihr erstes Fohlen „Diligenz“ im Gestüt geboren haben. Wie sportlich und pferdeaffin Arthur Weinberg war, wird daran deutlich, dass er sein Automobil des Öfteren in der Garage stehen ließ und stattdessen von seinem Landsitz, dem Haus Buchenrode, nach Fechenheim, zur Cassella, ritt. Eine historische Fotografie zeigt die beiden Brüder hoch zu Pferd bei einem Ritt auf dem Gelände des eigenen Gestüts.

Mit dem Übertritt zum christlichen Glauben verbanden die Brüder Weinberg die Erwartung einer deutlich höheren Akzeptanz durch die Frankfurter Oberschicht, der sie sich zugehörig fühlten. Mit dem im August 1905 beim Berliner Heroldsamt gestellten Antrag auf Verleihung des erblichen Adels wurde diese Erwartung sogar noch gesteigert. In der damaligen Zeit war ein derartiges Ansinnen kein Einzelfall in der Frankfurter Oberschicht. Monika Groening zitiert wie folgt aus einem an den preußischen König gerichteten Schreiben: „Durch die rastlose Arbeit unseres Vaters und durch unser Streben, den von ihm ererbten Traditionen zu folgen, ist es uns möglich geworden, eine, wie wir hoffen, gerechte Stellung in den Reihen unserer Provinz, vielleicht auch über deren Grenzen hinaus, zu erwerben. Durch unsere Bestrebungen zur Hebung der deutschen Pferdezucht haben wir die Ehre gehabt, dem Herrn Landwirtschaftsminister bekannt zu werden, und dürfte derselbe geneigt sein, über den Erfolg unserer Versuche ein Urteil abzugeben. Wir haben die Absicht, unser bedeutendes Vermögen der Familie und dem Vaterlande zu erhalten. Grundbesitz zu erwerben sind wir in der Lage und hierzu bereit. Die Erfahrung zeigt aus dem Beispiel anderer Familien, wie die Begnadigung mit dem Adel den künftigen Generationen dauernde Verpflichtung gegen Thron und Staat auferlegt. An diesen sich bestätigen zu dürfen wäre der Ehrgeiz unserer Familie.“

Nach jahrelangen Verhandlungen mit dem preußischen Landwirtschaftsminister und der Bereitschaft der Weinbergs die Summe von 800.000 Mark für einen Landerwerb in der Ostmark einzusetzen und damit die kaiserliche Politik zu unterstützen, erging im Juni des Jahres 1908 die Mitteilung, dass für den Kaiser keine Gründe mehr vorlägen dem Brüdern Arthur und Carl Weinberg den Adel zu verweigern. Fortan hatten es nicht nur die Freunde des Reitsports mit Arthur und Carl von Weinberg zu tun. Nachdem Arthur von Weinberg 1896 Mitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft geworden war, er gehörte mit Unterbrechungen von 1909 bis 1930 dem Direktorium der Gesellschaft an, durfte diese sich über großzügige zweckgebundene Spenden freuen. Er gründete 1909 die nach ihm benannte Stiftung mit einem Stiftungsvermögen von 300.000 Mark. Deren Ziel war es die Forschung und Lehrtätigkeit auf dem Gebiet der Naturwissenschaften (Chemie und Physik) zu fördern und damit die spätere Universitätsgründung maßgeblich voranzutreiben. 1912 stockte Arthur von Weinberg das Stiftungskapital seiner Stiftung um weitere 300.000 Mark auf. Die Verdoppelung des Stiftungsvermögens erfolgte mit einem ausdrücklichen Hinweis auf die „demnächst hier zu errichtende Universität“. Er engagierte sich zu diesem Zeitpunkt auch als Vorstand des Physikalischen Vereins. Für die Gründung der Frankfurter Universität trat der Onkel von Carl und Arthur von Weinberg, Leo Gans an vorderster Stelle, zusammen mit Persönlichkeiten wie dem Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes und Wilhelm Merton ein. Mit Carl von Weinberg gab es einen weiteren großzügiger Spender aus der Familie Gans/von Weinberg. Zahlreiche Ehrungen die Arthur von Weinberg zuerkannt wurden, wie die Ehrenpräsidentschaft der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Frankfurt (1930) und die der Goethe-Medaille der Stadt Frankfurt (1932) konnten die spätere Verfolgung durch die Nazis nicht verhindern. Monika Groening verweist bezüglich der politischen Einstellung Arthur von Weinbergs und dessen Bruder Carl auf deren Zugehörigkeit zu „einem relativ kleinen Kreis von deutschen Wirtschaftsführern, in dem es als ein Zeichen kultureller Identität galt, zumindest latent antisemitisch zu sein. Das Bekenntnis zum Antisemitismus wurde zu seinem Signum der Zugehörigkeit zu einem spezifischen kulturellen Lager. Beide Brüder gelten in der neuesten historischen Forschung als >vollkommen assimilierte Chemieindustrielle< (Münzel, Die jüdischen Mitglieder, 89), die sich  - wie andere jüdische Angehörige der deutschen Wirtschaftselite auch-  weit von ihren jüdischen Wurzeln entfernt hatten. >Es ist wohl so gewesen, dass auch Arthur von Weinberg sich seiner jüdischen Herkunft im Alltagsleben nicht mehr bewusst war und sie verdrängte. Diese Haltung erwies sich als besonders tragisch für ihn, zumal sie mit idealistischen Vorstellungen und großer Zuneigung zu seinem deutschen Vaterland verbunden war. Er konnte sich – wie viele zumal patriotische Deutsche -die grausamen Konsequenzen des gewalttätigen Naziregimes nicht vorstellen.“

Arthur von Weinberg wurde 1938 von der Stadt Frankfurt zum unfreiwilligen Verkauf seines Landsitzes „Haus Buchenrode“ gezwungen. Das Haus war zu diesem Zeitpunkt bereits für die Nutzung des noch zu gründenden Musischen Gymnasiums, eine Eliteanstalt, vorgesehen. Die Fläche des zum Haus Buchenrode gehörenden Areals erstreckte sich auf einer bewaldeten Fläche von 4,16 ha. Dieses Haus befand sich etwa 100 m abseits der Forsthausstraße. Arthur von Weinberg hatte das Gebäude 1909 für sich und seine im Februar desselben Jahres geehelichte Frau Wilhelmine Huygens (*20.03.1872), verwitwete Peschel und eine gebürtige Holländerin, errichten lassen. Wilhelmine von Weinberg brachte aus der ersten Ehe zwei Töchter mit, die von Arthur von Weinberg adoptiert wurden. Die Nobilitierung schloss die Töchter Marie und Charlotte mit ein. Der Landsitz befand sich in einer kurzen Entfernung zur Galopprennbahn und dem dort angesiedelten Gestüt Waldfried, dass den Brüdern Carl und Arthur gehörte. Arthur von Weinberg zog nach dem Verlust seines Hauses zu seiner Adoptivtochter Marie an den Ammersee. Dort wurde er 1942 verhaftet und in das KZ Theresienstadt deportiert. Er starb dort am 20. März 1943 an den Folgen einer Gallenblasenoperation. Seine Frau Wilhelmine war bereits am 12.09.1935 in Holland gestorben.

(Quelle: Frankfurter Biographie; Monika Groening: Leo Gans - Arthur von Weinberg, Mäzenatentum und jüdische Emanzipation; Richard Wachsmuth: Die Gründung der Universität Frankfurt; ISG; Jens Ulrich Heine: Verstand & Schicksal; Richard Becker: 125 Jahre Pferderennen in Frankfurt)

Forsthausstraße Nr. 148 - Das musische Gymnasium

Das Wohnhaus Arthur von Weinbergs, die Villa Buchenrode, nahm in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1939 das aus der Staatlichen Hochschule für Musik hervorgegangene Musische Gymnasium auf. Ein Jahr zuvor war aus dem Hoch’schen Konservatorium zwangsweise die Staatliche Hochschule für Musik geworden. Zusammen mit der städtischen Jugendmusik-schule, der eine sogenannte HJ-Standortspielschar angegliedert war, wurde daraus das Musische Gymnasium. Die zunächst mit einer 3. und 4. Grundschulklasse und je einer 5. bis 7. Oberschulklasse gestartete Anstalt hatte, als Leiter den anerkannten Musikpädagogen Professor Kurt Thomas und als dessen Stellvertreter Oberstudienrat Rudolf Holler, der von der Sachsenhäuser Oberrealschule (heute Carl-Schurz-Schule) kam. Der Schulbetrieb war mit dem Beginn am 1. April 1939 mit 8 Planstellen für städtische Beamte ausgestattet. Bevor der Schulbetrieb in der Villa Buchenrode Einzug halten konnte musste das Institut den provisorischen Betrieb in zwei, im Frankfurter Westend befindlichen, Häusern starten. Das waren die Liegenschaften Bockenheimer Landstraße 70 und Kronberger Straße 32. Einige Monate später erfolgte der Umzug in das enteignete Haus Buchenrode, Forsthausstraße 148.

Es sollte eine für Deutschland einzigartige „Ausleseanstalt“ sein, in der „die künstlerische Anlagen der Jugend ebenso wie die charakterlichen, geistigen und körperlichen Kräfte planmäßig so gefördert werden, dass die Jungen diese Schule zu Höchstleistungen im Dienste unserer deutschen Musikkultur und unserer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft befähigt werden.“

Ein Schüler dieses Gymnasium war der Schauspieler Hans Clarin, der sich in seiner Autobiographie an diese Zeit wie folgt erinnerte: „Es war ein wunderschönes Haus, die Heimat meiner Kindheit, und hundertfünfzig Kinder nannten es >Die Insel der Glückseligkeit<. Sozusagen unter der Obhut des Kultusministers Rust und seines Staatssekretärs Dr. Miederer, der die Verantwortung für die Schule trug, wurde im Keller des Hauses Buchenrode der verbotene Hindemith und der nicht erlaubte Mendelssohn-Bartholdy gehört. Jeder in der Schule wusste das wir einen jüdischen Klavierlehrer hatten und einen, wenn auch bei uns Schülern unbeliebten, so doch antinazistischen Englischlehrer namens Dr. Schmitz.  Auch das interessierte keinen.  Es ging jedem allein um die >glückselige Insel<, um die Schule, eine Einmaligkeit, die nie wiederholt wurde. … Dort wuchs eine große Zahl bedeutender Musiker und Musikpädagogen heran die nach dem Krieg in Deutschland, in Europa und in der Welt Musikkultur verbreiten und lehren konnte.“

Wie Kurt Schäfer in seiner Studie „Schule und Schulpolitik in Frankfurt am Main“ weiter ausführte, stellten sich durch öffentliche Konzerte erste Erfolge sein, die das Gymnasium weithin bekannt machten. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend, am 21.12.1943, wurde die „Insel der Glückseligkeit“ durch einen Bombentreffer zerstört. Die Schule wurde in eine um 1900 erbaute und rund 350 Räume umfassende Klosteranlage in Untermarchtal an der Donau (40 km südwestlich von Ulm) verlegt. In die Instandsetzungsmaßnahmen der durch die vorherige Nutzung durch die SS und die Volksdeutsche Mittelstelle (Berlin), die dort volksdeutsche und slowenische Familien unterbracht hatte, war der Frankfurter OB Friedrich Krebs unmittelbar eingebunden. Dieser entsandte im Juni 1944 eine städtische Delegation, die aus Gartenbaudirektor Bromme, Volkswirtschaftsrat Dr. August Wiederspahn, Verwaltungsdirektor Hans Grau vom Rechnungsprüfungsamt bestand, nach Untermarchtal. Zudem unternahm der Frankfurter Obermagistratsrat Adolf Miersch im Auftrag von OB Krebs im Juli 1944 eine weitere Inspektionsreise an die Donau. Durch einen hohen Anteil an Eigenleistungen, die von den Lehrern und Schülern des Gymnasiums erbracht wurden, konnten die Räumlichkeiten des Klosters genutzt werden. Hans Clarin schilderte diesen Umzug in seiner Autobiographie: „Das Gymnasium wurde mitsamt den vielen Klavieren, die noch im unzerstörten Pferdestall standen, mit all den anderen Musikinstrumenten und den geretteten doppelstöckigen Eisenbetten nach Untermarchtal an der Donau evakuiert. Dort steht auf einem Hügel ein wunderschönes Kloster. … Wir teilten das Haus mit den Nonnen, die uns großzügig Gastfreundschaft gewährten.“  Bei den Nonnen handelte es sich um die Genossenschaft der württembergischen Vinzenzschwestern, die dort ein Heim und eine Schule für „gefallende Mädchen“ betrieben haben sollen. Im Spätsommer und Herbst des Jahres 1944 wurde noch eine Konzertreise durch Württemberg, Franken und Thüringen geplant, die 24 Städte umfasste. Ministerialrat Dr. Miederer vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung war direkt in die Organisation eingebunden der diese Musikreise als KDF-Veranstaltungen propagierte. Nach dem Kriegsende wurde die „Ausleseanstalt“ aufgelöst. Damit ging ein hoffnungsvoll gestartetes schulisches Konzept nach 4 ½ Jahren zu Ende.

Am 22. Juli 1944 hatte Dr. Miederer an OB Krebs die Mitglieder des Musischen Gymnasium für Leistungen der ganz speziellen Art wie folgt belobigt: „Im übrigen kann ich Ihnen zu Ihrer Freude mitteilen, daß das Musische Gymnasium im Rahmen des Musischen Wettbewerbs der Hitlerjugend im Gebiet Hessen-Nassau am besten abgeschnitten hat. … Darüber hinaus hat das Musische Gymnasium als geschlossene Hitler-Jugend-Einheit in den Wehrertüchtigungs-lagern die meisten Scharfschützen von sämtlichen Wehrertüchtigungslagern Großdeutschlands hervorgebracht. Dies hat allgemein großes Erstaunen ausgelöst.“

Wie Artikeln der Nordwestzeitung und des Höchster Kreisblatts zu entnehmen waren, zählte auch der bekannte Jazzmusiker Paul Kuhn zu den Schülern des Musischen Gymnasiums.

Forsthausstraße Nr. 151 - Familie Mumm von Schwarzenstein

Mit der Villa Mumm und dem Namen >Mumm von Schwarzenstein< sind mehr als nur eine Person, beispielsweise die des Bauherrn, in Verbindung zu bringen. Die verschiedenen Linien der Familie Mumm gehen auf Peter Arnold Mumm (*1733 †1797) zurück, der aus einer Solinger Kaufmanns- und Schwertschmiedefamilie stammte. Er war der Gründer des Kölner Großhandelshauses P.A. Mumm. Im Jahr 1772 vermählte er sich mit der Frankfurter Bankierstochter Elisabeth Ziegler (*1748 †1828) und eröffnete dort eine Dependance seiner Firma. Aus der Ehe mit Elisabeth gingen drei Söhne hervor: Wilhelm Mumm (*1774 †1832), Jacob Mumm (*1779 †1836) und Gottlieb Mumm (*1781 †1852) hervor.

Wilhelm Mumm gründete 1805 in Frankfurt das Bankhaus Wilhelm Mumm & Co. Dessen Sohn Daniel Heinrich wurde am 18.12.1818 in Frankfurt geboren. Er war ein Frankfurter Gymnasialschüler. Das in Berlin und Heidelberg absolvierte Jurastudium schloss er 1840 in Heidelberg mit seiner Promotion ab. Bis 1856 war er in Frankfurt als selbstständiger Rechtsanwalt tätig. Er wechselte in den städtischen Dienst um am Stadtgericht und später am Appellationsgericht zu amtieren. Mumm wurde Ende des Jahres 1865 in den Senat der Stadt gewählt. Das darauffolgende Jahr brachte mit der preußischen Okkupation für die bis dahin freie Reichsstadt große Veränderung in die Stadt, die sich auf das Leben Mumms direkt auswirken sollte. Dr. jur. Daniel Heinrich Mumm wurde nach der Einführung der preußischen Gemeindeverfassung Ende November 1867 für die Dauer von 12 Jahren zum Ersten Bürgermeister der Stadt Frankfurt gewählt. Von 1869 bis 1879 führte er den Titel „Oberbürgermeister“.  Während dieser Amtszeit setzte in Frankfurt eine große Bautätigkeit von zum Teil sehr repräsentativen Gebäuden ein. Zu nennen sind da beispielsweise die Mainbrücken „Eiserne Steg“ (1969), Obermainbrücke (1874) -seit 2000 „Ignaz-Bubis-Brücke“, Untermainbrücke (1878) -möglicherweise demnächst „Hilmar-Hoffmann-Brücke“. Aber auch die Errichtung der Quellwasserleitung (1875) aus dem Spessart und Vogelsberg, die Fertigstellung der Kleinmarkthalle (1879) sowie der der Bau des Opernhauses (1880) zu rechnen. Dr. jur. Daniel Heinrich Mumm von Schwarzenstein ist am 29.04.1890 in Frankfurt gestorben.

Gottlieb Mumm betrieb den väterlichen Weinhandel im Rheingau, der von seinem Vater Peter Arnold Mumm 1761 als Großhandelshaus „P.A. Mumm“ in Köln gegründet wurde. Als außerordentlich erfolgreicher Kaufmann kam er zu größerem Reichtum. Ihm war es gelungen Weinberge in der Champagne, im Raum Reims, zu erwerben, die zuvor im Besitz eines Marschalls von Napoleon gewesen sein sollen. Dieser Coup ermöglichte es Mumm nach einer Reihe von Jahren, in die Champagnerproduktion einzusteigen. Dazu gründete er in der Stadt Reims die Société P.A. Mumm. Das äußerst erfolgreiche Unternehmen stieg in der Folge zum Lieferanten der wichtigsten europäischen Königshäuser auf, es wurde zum Hoflieferanten. Seine Ernennung zum Dänischen Generalkonsul in Frankfurt war mit einem enormen Gewinn an Renommee verbunden. Aus der Ehe mit Elisabeth Henrietta von Scheibler (*1786 †1864) ging drei Kinder hervor. Neben zwei Töchtern auch der Sohn Jacob Georg Hermann (*1816 †1887), der das Handelsunternehmen erfolgreich fortführte. Er trat auch die Nachfolge seines Vaters als königlich dänischer Generalkonsul an. Am 31. März 1873 wurde dieser Familienzweig von Kaiser Wilhelm I. wegen der Verdienste um die Pflege der Qualität der Rheingauer Weine in den Adelsstand erhoben. Der zuerkannte Titel war „Mumm von Schwarzenstein“. Jacob Georg Hermann Mumm von Schwarzenstein war seit dem 16.11.1841 mit Eugenie Sophie Lutteroth (*1822 †1888) verheiratet, die 1842 den Sohn Peter Arnold Gottlieb Hermann zur Welt brachte. Dessen Vater war am 16.07.1887 in Frankfurt gestorben. Peter Arnold Gottlieb Hermann Mumm vom Schwarzenstein führte nicht nur die Geschäfte seiner Vorfahren fort, er machte sich als „Deutscher Champagnerbaron“ einen Namen. Seit dem 22.11.1871 war er mit Emma Louise Marie Passavant (*30.09.1852 †11.11.1922) verheiratet. Er war der Erbauer der Villa Mumm, die im Jahr 1903 bezogen wurde. Leider hatte Peter Arnold Gottlieb Hermann Mumm von Schwarzenstein nur für eine relativ kurze Zeit Freude an diesem neuen Zuhause. Er starb bereits am 25.05.1904 In Frankfurt an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine aus einer alteingesessenen Frankfurter Familie stammende Ehefrau, mit der er neun Kinder hatte, wurde im Volksmund die „Königin von Frankfurt“ genannt, lebte nach dem Tod ihres Mannes viele Jahre alleine in der großen Villa. Der Erste Weltkrieg setzte diesem glanzvollen Leben allerdings ein Ende. Die Familie Mumm von Schwarzenstein wurde von den Franzosen enteignet und durften nur noch deutschen Sekt produzieren. Ohne den lukrativen Besitz in der Champagne konnten sie sich den luxuriösen Lebensstil nicht mehr leisten. Emma Mumm von Schwarzenstein zog sich in den Rheingau zurück und lebte bis zu ihrem Tod am 11.11.1922 auf dem Landsitz der Familie in Geisenheim-Johannisberg. 1938 wurde die Sachsenhäuser Villa an die Stadt Frankfurt verkauft.

Bettina Vaupel schrieb 2009 in einem Beitrag für >Monumente< (Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz) über die Historie der Villa Mumm. Darin berichtete die Autorin über die weitere Nutzung des Gebäudes:

 „Lange Zeit nahm man an, dass sich die Gestapo nach 1933 in der Villa Mumm eingerichtet hatte. Jüngste Archivrecherchen, an denen unter anderem ein Mitglied des Ortskuratoriums Frankfurt am Main der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beteiligt ist, haben jedoch die Berichte einer Zeitzeugin bestätigt, dass die deutsche Wehrmacht Behörden und Schulungseinrichtungen in dem Gebäude unterhielt. Im Bunker, der unter einem Teil des Gartens gebaut wurde, verweisen noch heute Einbauten für Luftschutzeinrichtungen auf dieses düstere Kapitel der Geschichte. 1945 übernahmen die Amerikaner das im Krieg beschädigte Haus.“  Für die Zeit nach dem 10. Mai 1949, dem Tag an dem der Parlamentarische Rat über die künftige Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland abstimmte, hatte sich Frankfurt voller Optimismus auf die Entscheidung vorbereitet und in gedruckter Form zwei Übersichten mit Gebäuden in Frankfurt und der näheren Umgebung zusammengestellt, die für die Nutzung der Bundesbehörden vorgesehen waren. („Die Bundesorgane in Frankfurt“ und „Der vorläufige Sitz der deutschen Bundesorgane“). 

Zusammen mit zwei anderen Gebäuden war die Villa Mumm darin zur Nutzung durch das Ministerium der Post vorgesehen. Diese Quelle steht im Widerspruch zu zahlreichen anderen Veröffentlichungen, die alle von einer vorgesehenen Nutzung durch den Bundespräsidenten berichten. Gemäß den vorstehend genannten Übersichten sollte das deutsche Staatsoberhaupt dagegen das Bad Homburger Schloss beziehen. Nach der Entscheidung zugunsten von Bonn musste das repräsentative Gebäude im westlichen Teil von Sachsenhausen einer anderen Nutzung zugeführt werden. Einer im Institut für Stadtgeschichte archivierten Aktennotiz aus dem Jahr 1954 ist zu entnehmen, dass die Villa zwischenzeitlich für ein in Frankfurt zu etablierendes Postmuseum vorgesehen war, nachdem das Gebäude bereits für 500.000 DM renoviert/instandgesetzt wurde. Ich selbst erinnere mich an viele Jahre, wo an den Tagen der offenen Tür im Garten der Villa die Reiter- und Hundestaffel der Polizei ihr Leistungsspektrum vorführte und dies mit der einen oder anderen Kunstfertigkeit von Menschen und Tieren verband. Zuvor schon, wurde das Anwesen von der Oberpostdirektion und von der Organisation Gehlen, aus der der BNP (Bundesnachrichtendienst) hervorging, genutzt (Bettina Vaupel) bis Mitte der 1950er Jahren die Villa vom Institut für Angewandte Geodäsie (heute Bundesamt für Kartographie und Geodäsie) bezogen wurde. Das auf dem Gelände vorhandene funktionale Bürogebäude wurde in den 1980er Jahren für das Institut errichtet. Damit blieb aber bis in die 2010er Jahre der weitläufige an der Kennedyallee gelegene Gartenbereich und das Pförtnerhaus ungenutzt. Nachdem dort vor wenigen Jahren 9 Wohngebäude mit 140 Wohnungen errichtet wurden, ist von der Kennedyallee aus die Villa Mumm nur noch an wenigen Stellen einsehbar. Die postalische Adresse der Villa Mumm wurde bereits vor langer Zeit in Richard-Strauß-Allee 11 geändert. Der ursprüngliche Name der Richard-Strauß-Allee leitete sich übrigens von dem dort entlangfließenden Gewässer ab, „Am Königsbach“. Die Wohngebäude tragen die Hausnummern  Richard-Strauß-Allee 13 bis 29. Die zahlreichen Villen, die nach dem Verkauf der Liegenschaft an die Stadt Frankfurt im ehemaligen Mumm’schen Park in den 1930er und 1950er Jahren in der Humperdinck- und der Max-Reger-Straße errichtet wurden gehören zu den begehrtesten Wohngebieten der Stadt.

(Quelle: Frankfurter Biographie; Walter Lachner: Villa Mumm; Bettina Vaupel: Das prickelnde Erbe)

Zum Abschluss noch zwei Luftaufnahmen aus den 1950er Jahren (Postkarten)

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Literaturverzeichnis (pdf-Datei)

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by Hans Günter Thorwarth | 14.07.2019 | 11:40
Chapeau Herr Jensen!
Mein großes Kompliment für diesen ebenso interessanten wie umfangreichen Beitrag!
Sie haben sich nach Ihren bisherigen, schönen Arbeiten wohl noch selbst übertroffen. Nicht nur für Frankfurter Geschichtsinteressierte eine reiche Quelle wertvoller Informationen bis in die aktuelle Zeit, illustriert mit einer großen Auswahl von seltenem Bild- und Kartenmaterial.
Das Werk ist gelungen - Ihr Fleiß hat sich gelohnt!

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by Udo Heitzmann | 14.07.2019 | 19:32
Eine tolle Arbeit, die soviele Namen wieder lebendig werden lässt und das Interesse weckt, einfach mal in alten Adressbüchern zu stöbern.

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by Anton Seelig, 16.07.2019 | 16.07.2019 | 19:53
Lieber Herr Jensen,
herzlichen Glückwunsch für diese großartige Ausarbeitung. Mit großem Interesse habe ich diese Arbeit gelesen, nicht zuletzt weil ich davon auch etwas betroffen bin. Mein Sohn Peter mit seiner Familie hat eine Mietwohnung in der Kennedyallee 44, und meine Enkel Anne und Line spielen im Hockeyclub von SAFO.
Herzliche Grüße Anton Seelig.

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by Barbara Geier | 17.07.2019 | 18:05
Ein höchst interessanter Beitrag für mich, die ich seit meiner Geburt im Jahr 1949 bis 1961mit meinen Eltern und Schwestern in der Forsthausstraße 98, 1. Stock, gewohnt habe. In der Wohnung über uns lebte Professor Güntz mit seiner Frau, direkt daneben, sozusagen Balkon an Balkon Professor Coing. Gegenüber auf der anderen Straßenseite lebte meine Freundin, eine Fertsch-Röver. Schade, dass es just über das Haus Nr. 98 kein Foto gibt, aber wenigstens eins der Nr. 104. Dort lagen, während ich dort lebte, immer Leichen im Keller. Es war damals die Frankfurter Gerichtsmedizin. Als Kind spielte ich oft in deren großen Garten und schaute heimlich durch die Kellerfenster.

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