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Jens Holger Jensen | 08/01/2020 | 311 Views | 1 | Articles

Frankfurt-Sachsenhausen näher betrachtet: Das Sachsenhäuser Westend - Die Gartenstraße

Bis 1849: Mittelweg


Ausführliche Beschreibungen des Mittelweges, einem Feldweg der parallel zum Main in westlicher Richtung zum Sandhof-Gelände und dem Dorf Niederrad führte, sind leider nicht überliefert, aber auf zahlreichen Gemälden, Zeichnungen und Plänen ist dieses Sachsenhäuser Gebiet auszumachen. Mit dem Bau von sogenannten Gartenhäusern, die sich wohlhabende Frankfurter Bankiers und Kaufleute auf der südlichen Mainseite, unterhalb des Schaumaintors, ab den 18. Jahrhundert erbauen ließen, waren stets große Gartenanlagen verbunden. Diese Gärten erstreckten sich in südlicher Richtung auf einer Länge von etwa 250 Metern und waren oft in einen Zier- und Nutzgarten unterteilt. Die südliche Begrenzung des Gartengeländes stellte in vielen Fällen eine Mauer dar, die für kleine Gartenhäuschen zugleich als Stützmauer diente. Als es 1849 zu einer Umbenennung des Feldweges kommen sollte, denn die Planungen für eine Ausdehnung Sachsenhausens schritten unaufhörlich voran, kam nahezu zwangsläufig der Namen Gartenstraße zur Auswahl. In einem älteren Frankfurter Adressbuch wurde die Namensfindung kurz und treffend mit “Nach den früher dort befindlichen schönen Gärten„ beschrieben. Kurt Wahlig hat in seinem Frankfurter Straßennamen-Büchlein die Gartenstraße erst gar nicht erwähnt, offenbar war für ihn der Straßennamen selbsterklärend. Heute lassen sich auf der kompletten Länge der Gartenstraße nur noch bei ganz wenigen Häusern auf beiden Straßenseiten Vorgärten finden. Die beiden Grünanlagen, die entlang der Gartenstraße zu finden sind, tragen eigene Namen die auch keinerlei Bezug zu dem Straßennamen haben: Oppenheimer Platz und Otto-Hahn-Platz. Wir haben es also heute mit einer Gartenstraße ohne Gärten zu tun.

Unabhängig davon waren die Recherchen zur Geschichte und Entwicklung und speziell das Leben in der Gartenstraße wieder sehr spannend und förderte so manche Überraschung zu Tage. Das die Anfänge der bedeutendsten Gummiwaren-Fabrik Deutschlands in der Gartenstraße lag war mir zuvor nicht bekannt. Ebenso wenig war ich mir bei Beginn meiner Recherchen nicht darüber im Klaren, dass der Erfinder der Hessischen Bahnhofsbuchhandlungen in der Gartenstraße wohnte und eine der ältesten Schweizer Uhrenmarken einen Bezug zur Gartenstraße hat. Das an der Gartenstraße das „erste Prostituiertenhaus Deutschlands“ 1907 seiner Bestimmung übergeben wurde, war die größte Überraschung überhaupt. Bei dem Fotomaterial konnte ich ein paar Entdeckungen machen die auch Bezüge zu vorangegangenen L.I.S.A.-Beiträgen (Die Straßen rund um das Städel, die Straßen westlich vom Schweizer Platz, die Kennedyallee) haben. Nachdem das offizielle Stadtteil-Historiker Projekt zur Textorstraße 2012 beendet war habe ich mich der "lex Adickes" genähert und in den darauffolgenden Monaten weiter recherchiert. Mit dem Projekt zur Gartenstraße komme ich teilweise darauf zurück. Auf zwei markante Liegenschaften, die auf unterschiedliche Weise mit dem speziellen Frankfurter Gesetz verbunden sind, wird in diesem Beitrag näher eingegangen. 

Der komplette L.I.S.A.-Beitrag basiert, wie bei allen meinen vorangegangenen Beiträgen zur Sachsenhäuser Geschichte, auf einer Auswertung der historischen Adressbücher. Die tabellarische Zusammenfassung für die Gartenstraße, die mit dem Jahr 1870 beginnt und 1975 endet, ist Teil dieses Beitrags.

Am Ende dieses L.I.S.A.-Beitrages befindet sich eine Auflistung der für diesen Beitrag ausgewerteten Literatur.

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In der Bildmitte der Dr. Bockenheimer Brunnen. Dieser befindet sich auf dem Oppenheimer-Platz.

Danksagung

Den nachstehend genannten Personen danke ich sehr herzlich für eine großartige Unterstützung. Dieser Beitrag zur Sachsenhäuser Geschichte wäre ohne die vielfältige Hilfestellung, Hinweise  und Ratschläge in der vorliegenden Form sonst nicht möglich geworden. Dieser Dank ist leider auch mit einer traurigen Nachricht verknüpft. Mein langjähriger Ratgeber und Mitstreiter Günter Appel ist im November 2019 verstorben. Biggi Jacobs, die leider seit 2005 nicht mehr uns weilt, zeichnete  für eine gemeinsame VHS-Projektarbeit mit dem Titel "Sachsenhäuser Portraits" verantwortlich, die in einer selbstproduzierten Kleinstauflage 1997 das Licht der Welt erblickte und mir als ganz spezielle Quelle zur Verfügung stand. 

Eine mir leider nur mit den Vornamen bekannte Person habe ich ebenfalls zu danken. Dieter ... hat zu dem Projekt drei historische Fotografien beigesteuert, die einen der großen Frankfurter Kohlenhändler betreffen. Der Kontakt kam über eine Internetseite von Eisenbahnfreuden zustande. Von einem der Administratoren erfuhr ich vom Tod von Dieter ... . 

Ein ganz besonderer Dank gilt Frau Anja Döbritz-Berti, vom Frankfurter Auktionshaus Döbritz. Bei ihr hatte ich um eine Nutzungsgenehmigung für ein Repro von einem 2018 versteigerten Gemälde angefragt. Ihre Nachfrage bei dem Besitzer führt nicht nur zu der erbetenen Genehmigung, mir wurde sogar eine fotografische Abbildung von dem inzwischen restaurierten Gemälde zur Verfügung gestellt. Bei dem mir namentlich nicht bekannten Eigentümer des schönen Bildes möchte ich mich ebenfalls sehr herzlich bedanken.

 

Günter Appel †, Gertrud Bardorff, Kurt Beck, Georg Becker, Prof. Dr. Dr. Udo Benzenhöfer, Gabriela Betz, Beate Dannhorn, Anja Döbritz-Berti, Dr. Barbara Hamnes, Anne I. Hardy, Ulrike Heinisch, Miriam Heusel, Rico Heyl, Biggi Jacobs †, Jan Kaltwasser, Janica Kuhr, Jutta Leimbert, Volker Mahnkopp, Dr. Ulrich Meißner, Tobias Picard, Manfred Pohl, Kurt Schäfer, Rainer Schaudt, Dr. Heinz Schomann, Prof. Dr. Ernst-August Seyfarth, Silvia Stenger, Dieter Wesp, Solvejh Wach.

 

Zur Orientierung 1: Wie Maler das Gebiet der heutigen Gartenstraße sahen

Christian Georg Schütz d. Ä.

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Mitte des 18. Jahrhunderts malte Christian Georg Schütz d. Ä. (1718-1791) eine Mainansicht von Frankfurt am Main. Dieses Ölgemälde vermittelt einen wunderbaren Eindruck von der Sachsenhäuser Mainfront und dem südlich davon gelegenen Gelände bis zum Mühlberg und Stadtwald. Den damaligen Mittelweg darf frau/man sich in der rechten Bildhälfte dazudenken.

Johann Kaspar Zehender

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Das Gelände westlich der Schaumainpforte mit dem Treidelpfad . Den Mittelweg, die heutige Gartenstraße, muss man sich rechts davon vorstellen.

Der Zeichner, Maler und Radierer Johann Kaspar Zehender (1742-1805) erstellte im Auftrag von Johann Christian Gerning, einem wohlhabenden Kaufmann, eine Reihe von Ansichten von Frankfurt und Umgebung. Dazu zählen zwei Ansichten des Geländes westlich der Schaumainpforte mit dem Treidelpfad und dem Mittelweg, der heutigen Gartenstraße. Auf einer der Zeichnungen ist der Sandhof zu entdecken, zu dem Gelände der Mittelweg einst führte.

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Auf dieser Zeichnung ist links der Sandhof zu entdecken. Der Mittelweg führte einst zum Gelände dieses Hofes. Die Geschichte zum Sandhof, ist im L.I.S.A.-Beitrag zur Kennedyallee nachzulesen.

N.N. (Schaumaintor)

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N.N. (Garten von Johann Peter von Leonhardi)

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Das Ölgemälde soll um das Jahr 1800 entstanden sein. Es zeigt die Weingärten des Reichsfreiherrn Johann Peter von Leonhardi (1747-1830) in Sachsenhausen. Das Sommerhaus stand am Schaumainkai, ungefähr dort wo sich heute der Metzlerpark befindet. Das im Vordergrund abgebildete Gartenhaus stand am Mittelweg (seit 1849: Gartenstraße).

Diese fotografische Reproduktion des wundervollen Gemäldes ist einem schmalen Büchlein entnommen, dass anlässlich einer Ausstellung im Historischen Museum im Jahr 1988 herausgegeben wurde. Titel: "Entwicklung der Gärten und Grünflächen in Frankfurt".

Karl Sager nach Carl Georg Enslin

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Bei dieser fotografischen Reproduktion handelt es sich um die linke (westliche) Hälfte des Panoramas von Karl Sager nach Carl Georg Enslen.

Das von Carl Georg Enslin 1847 gemalte Panorama der Stadt Frankfurt vom Sachsenhäuser Brückenturm hat der Kopist Karl Sager 1909-1910 in einem großen Aquarell der Nachwelt überliefert. Auf der linken Bildhälfte, mit einem Blick in westliche Richtung ist rechts hinter der Villa Bansa ein Weg zu erkennen (weiße Linie) der in Richtung dem Sandhof und dem Dorf Niederrad durch das freie Feld führt. Dabei handelt es sich wohl um den Mittelweg.

Quelle: Historisches Museum Frankfurt

Adolf Eltzner

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Eine weitere Abbildung, die einen Eindruck von dem Areal des östlichen Teils der Gartenstraße vermittelt, ist ein Stich, der wohl kurz nach der Erbauung des Städelschen Kunstinstituts, also um 1880, von Adolf Eltzner als Vogelschau der Stadt Frankfurt angefertigt wurde.

Friedrich Wilhelm Delkeskamp

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Friedrich Wilhelm Delkeskamp legte 1864 einen Malerischen Plan der Stadt Frankfurt am Main vor, der auf der Sachsenhäuser Seite des Mains, westlich der Schifferstraße, rund ein Dutzend von sogenannten Gartenhäusern mit weitläufigen Gartenanlagen zeigte. Diese eher als Lust- und Sommerhäuser zu bezeichnenden Villen waren an den dem Main zugewandten Grundstücksseiten errichtet worden. Der Weg hinter den unterschiedlich breiten Gartenparzellen bekam den treffenden Namen Gartenstraße. Bis 1849 trug diese in westliche Richtung verlaufende Verbindung nach dem Dorf Niederrad den Namen Mittelweg. Diese Bezeichnung findet sich bereits in den Plänen aus dem 15./16. Jahrhundert, die Prof. Dr. Eduard von Pelissier 1901 in seiner Beschreibung der Frankfurter Landwehren verwendet hat. Damals querte der Mittelweg, dessen Namen sich wahrscheinlich von einer Flurbezeichnung ableiten lässt, das Mittelfeld und das Unterfeld in Richtung dem Sandhöfer Gelände.

Zur Orientierung 2: Historische Stadtpläne

15./16. Jahrhundert

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1790 (Christian Ludwig Thomas)

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1801 (Johann Heinrich Haas)

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1829 (Friedrich Wilhelm Delkeskamp)

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1853 (August Ravenstein)

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1935 (Frankfurt-Prospekt)

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1947 (Übersichtsplan Frankfurt und Umgebung)

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1960 (Satirischer Stadtplan der Amerikaner)

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Der erste Anwendungsfall des Umlegungs-Gesetzes "lex Adickes"

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Darstellung einer vorläufigen Version der Fluchtlinien. Dem Buch von Emil Klar "Die erste Baulanderschliessung nach dem Frankfurter Umlegungsgesetze (lex adickes) etnommen.

Die lebhafte bauliche Entwicklung Frankfurts in der Periode 1885 bis 1895 hat sich in dem auf dem linken Mainufer gelegenen Stadtteil Sachsenhausen nur wenig gezeigt. Lediglich kleine Baugebiete hatten sich dem Kern des alten Stadtteils angegliedert und in die sporadische, durchweg landhausmäßige Besiedlung eingeschoben. Nichtsdestoweniger fällt in jene Zeit eine Reihe von Ereignissen, die für die Entwicklung namentlich des westlichen teils von Sachsenhausen von grundlegender Bedeutung werden sollten. Mit der Veränderungder Bahnlinien anläßlich der Erbauung des Hauptbahnhofs, des Kohlehafens, des städtischen Krankenhauses ging Hand in Hand die Anlage neuer Verkehrstraßen. Unter Benutzung der für den Eisenbahnverkehre entbehrliche gewordenen Wilhelmsbrücke eröffnete sich ein neuer Straßenzug Hauptbahnhof - Wilhelm-Straße - Forsthaus-Straße - Stadtwald, der mit dem Inneren vom Sachsenhausen eine Querverbindung durch die Garten-Straße erhielt. Diese Straßenzüge bildeten mit der bereits 1878 geschaffenen verbindung Untermainbrücke - Schweizer-Straße - Mörfelder Landstraße das Rückrat für die Ende der 1890er Jahre einsetzende außerordentliche Entwicklung  dieses Stadtteils. 1897 begann die Erschließung des Sandhofstraßengeländes [die heutige Paul-Ehrlich-Straße]; bald darauf des Viertels zwischen Main und Garten-Straße, gleich jenem Gelände zumeist für die Bebauung mit Villen bestimmt. Eine große Zahl von Mietwohnungen  entstand auf dem stärker ausnutzbaren Gelände östlich und westlich der Schweizer-Straße, zwischen dieser und der Holbein-Straße. Der außerordentlich starke Ausbau Sachsenhausens findet seinen Ausdruck in der Bevölkerungszunahme dieses Stadtteils, die von 29.378 im Jahre 1895 auf 43.314 im Jahre 1905 stieg. Erleichtert wurden diese Erschließungen durch das Vorhandensein geschlossenen größeren Grundbesitzes und eine freiwillige Grundstücksumlegung vor dem Sachsenhäuser Bahnhof [unter der freiwilligen Umlegung ist in etwa das Areal zwischen Diesterweg-, Launitz-, Gutzkow- und Stegstraße zu verstehen].

Weniger günstiger lagen die Verhältnisse in dem 21 ha großen Gebiete zwischen Garten-Straße, Holbein-Straße, Güterbahnhof Sachsenhausen und Wilhelm-Straße. Zwar zeigte auch dieses Gebiet nicht das Bild der für die hiesigen Verhältnisse typischen Zersplitterung des Grundbesitzes, indem 13,6 ha, also nahezu zwei Drittel der Gebietsfläche, dem ehemaligen Gelände des Apothekerhofes entstammten und im Besitze zweier Eigentümer standen [Oeconom Gustav Adolf Freyeisen, Mörfelder Landstraße 80 und Privatier Wilhelm Ludwig Freyeisen, Westendstraße 14]. Ferner war auch die Stadtkämmerei mit einer ansehnlichen Fläche von 2,7 ha beteiligt. 

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Darstellung des Umlegungsgebiets in der endgültigen Version. Dem Buch von Emil Klar "Die erste Baulanderschliessung nach dem Frankfurter Umlegungsgesetze (lex adickes) etnommen.

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Ein nicht umgesetzter Fluchtlinienplan vom 7. April 1909. Der Flächenverbrauch für Straßen und Plätze und der Zuschnitt der Bauflächen fand keine Mehrheit.

In diesen, zum Teil zerstreuten und der Arrondierung ermangelnden Besitz schnitten aber kleinere Besitzstände recht empfindlich ein, ihn hie und da von den geplanten Straßen abschneidend, den Anschluss an vorhandene Straßen hindernd, oder, wie der eisenbahnfiskalische Bahndamm der verlassenen Bebraer Bahn, den großen Besitz des Apothekerhofes in zwei ungleiche Teile erlegend, Da aber auch bei fast allen dieser kleineren Eigentümer ein Interesse für die Erschließung jener Gegend zu erwarten stand, war keinerlei dem entgegenstehendes Hindernis zu erblicken.

Als daher vor nunmehr etwa 10 Jahren die Bebauung das Gebiet umfangen, mit dem Sandhofstraßengelände sogar übersprungen hatte, festigte sich allgemein, auch bei Personen, die mit den Imponderabilien [Unwägbarkeiten] des Erschließungsgeschäfts sehr wohl vertraut sind, die Meinung, dass nun die Erschließung des Gebietes bevorstehe. Einige auf diese Wahrscheinlichkeitsrechnung basierte Terrainkäufe aus jener Zeit zeigen so recht die Unsicherheit eines solchen Unternehmens bei zersplittertem Besitz: alle jene Terrainkäufe haben den Unternehmern so gut wie keinen Gewinn gebracht. Obwohl im Jahre 1899 bereits Verhandlungen wegen freiwilliger Umlegung, zunächst mit den Hauptbeteiligten eröffnet wurden, verging Jahr um Jahr, ohne das ein merklicher Fortschritt zu verzeichnen war. Inzwischen wurden die an der fertig ausgebauten Garten-Straße belegten Eigentümer, die ihr –vermeintlich baureifes – Gelände zu verhältnismäßig hohem Preise erworben hatten, immer dringender mit ihrem Ansuchen an die Stadt, mit Hilfe der Kämmereigrundstücke eine, wenn auch notdürftige Regelung ihrer Grundstücksgrenzen herbeizuführen und für die Grundstücksteile an der Garten-Straße Bauerlaubnis zu erteilen. Fast schien es manchmal. Dass die langwierigen, oftmals bereits aufgegebenen, dann wieder mit neuen Vorschlägen aufgegriffenen Verhandlungen hie und da zu einem ersprießlichen Ende führen könnten; schließlich zeigte sich doch immer , dass eine aus dem Zusammenhange herausgegriffene, von bestehenden Verhältnissen eingeengte Umlegung eines kleineren Besitzes ein so geringes wirtschaftliches Ergebnis zeitigte, dass an ihrem Zustandekommen nur wenig gelegen sein kann. Alle Verhandlungen wegen vorzeitiger Bebauung einzelner Teile des Umlegungsgebietes scheiterten. Der aus so manchen getäuschten Hoffnungen hervorgerufene Missmut klang hier und da noch in das Umlegungsverfahren hinüber.

So lagen die Dinge noch 1909, als die beiden größten Eigentümer des Gebietes die anderen Antragsteller auf zwangsweise Umlegung zusammenriefen. Von den 68 Eigentümern im Gebiete schlossen sich 41 dem Antrage an, die einen Besitz von 15,9 ha, also etwa 3/5 vertraten. Der Antrag wurde im Frühjahr 1909 beim Magistrat angebracht. Gegen den infolge des Antrages aufgestellten Plan der umzulegenden Grundstücke sind zwei Einwendungen ergangen:

  1. Von dem Eigentümer der bebauten Liegenschaft Garten-Straße 85 (Parzelle 15 des Plans)
  2. Von den Eigentümern des im freien Felde gelegenen, ebenfalls bebauten Grundstücks Schneckenhof-Straße 91 (Parzelle 7 und 8 des Plans).

 Während letztere sich nicht auf die Einbeziehung in die Umlegung an sich, sondern auf die erst später geltend zu machenden Entschädigungsansprüche bezog und deshalb zurückgezogen wurde, bezog sich jene auf die in völliger Übereinstimmung mit dem Wortlaut des Antrags erfolgte Einbeziehung auch des bereits bebauten Grundstücksteils an der Garten-Straße in das Umlegungsgebiet. Der Eigentümer befürchtete von dem angeblich infolge eines Versehens nicht beantragten Ausschlusse des bebauten Grundstückteils eine Aufrollung der Beitragsfrage für sein 1872, also vor dem Erlass der Anbau- und Beitragspflicht regelnden Straßenstatuten errichtetes Gebäude. Sein Einspruch konnte nicht zur gütlichen Erledigung gebracht werden und musste mit dem Umlegungs-Antrage der Eigentümer dem Bezirksausschusse unterbreitet werden.

Nach Prüfung der Sach- und Rechtslage erging am 1. Dezember 1909 der Beschluss des Bezirksausschusses, der die Voraussetzungen für die Anwendung des Gesetzes bejaht und den aufrechterhaltenden Einspruch zurückweist.

Nach eingetretener Rechtskraft dieses Beschlusses und Anhörung der Eigentümer wegen Ernennung der Umlegungskommission erfolgt die Einleitung des Verfahrens durch Verfügung des Regierungspräsidenten zu Wiesbaden vom 2. März 1910. Die gleichzeitig gebildete „Umlegungskommission 1 zu Frankfurt a.M.“ wurde wie folgt zusammengesetzt:

Kommissare des Regierungs-Präsidenten:

Regierungsassessor v. B i t t e r  in Frankfurt a.M., Vorsitzender,

Regierungsrat Dr. von C o n t a  in Wiesbaden, stellvertretender Vorsitzender

Mitglieder

Hermann S c h w a r t z, Architekt und verpflichteter Taxator

Max  K a y s e r, Landgerichtsrat

Gustav Emil L u b e, Vermessungsinspektor

Wilhelm H a r t m a n n, Geometer und Sachverständiger für Grundstücks-bewertungen

Die Arbeiten der Kommission erlitten in den ersten Stadien einen erheblichen Aufschub durch die Notwendigkeit, zunächst eine recht umfangreiche Abänderung des Bebauungsplanes durchführen zu müssen. Der geltende, im Jahre 1872 festgestellter Plan in Geltung war, erwies sich in städtebaulicher, sowie in wirtschaftlicher Hinsicht äußerst ungünstig. Sowohl der Magistrat, als auch einige der beteiligten Grundbesitzer hatten daher schon längst eine Änderung angeregt. Dass sie bis zum Beginn des Umlegungsverfahrens unterblieb, war insofern nicht von Nachteil, als mit dem 8. April 1910 eine Änderung der Bauordnung in Kraft trat und nun der Bebauungsplan im erwünschten Kontakt mit der Bauordnung neu bearbeitet werden konnte.

Die Gestaltung des neuen Bebauungsplanes begegnete dem lebhaften Interesse der Beteiligten. Ihre begründeten Wünsche und Anregungen werden in einem Kompromiss-Entwurf berücksichtigt, der in einer Verhandlung von den Beteiligten, mit Ausnahme der vorhin genannten einsprechenden Eigentümern (Parzelle 7 und 8 und 15), als Grundlage  für die Ausweisung der neuen Grundstücke gutgeheißen wurde. Der Bebauungsplan ist unter dem Gesichtspunkt aufgestellt, dass der abzutretende Anteil des Straßen- und Platzgeländes der gleiche, nämlich 35,4 Prozent, bleibt.

Die von den Eigentümern 7 und 8 und 15 erhobenen Einwendungen richteten sich nicht eigentlich gegen den neuen Fluchtlinienentwurf, sie wurden vielmehr vorgebracht, um vor Gewinnung eines Überblicks über das Resultat des Umlegungsverfahrens sich eines Mittels zur Behinderung des Verfahrens nicht zu begeben.

In Wahrheit lagen auch in den Verhältnissen der beiden Grundstücke die Schwierigkeiten des Verfahrens.

Grundstück 7 und 8, einer Erbengemeinschaft gehörig, wurde in den 1870er Jahren bebaut, zu einer Zeit, als es den Gemeinden noch nicht möglich war, das sogenannte wilde Bauen schlechtweg zu verhindern. Es leuchtet ein, dass die Umlegung für dieses Grundstück nicht das gleiche günstige Ergebnis haben konnte, wie für die anderen unbebauten Grundstücke des Gebietes.

Der Wert eines Stadterweiterungsgeländes beruht auf der Möglichkeit es in einer nach der Bauordnung, der örtlichen Lage und dem Stande der Technik bestimmten Art der Bebauung für Wohnungs- oder Erwerbszwecke nutzbar machen zu können. Dieser Zukunftswert wird im Verkaufswerte des rohen Stadterweiterungsgeländes eskompiert. Die Umlegung ist ein Hilfsmittel, diesen Wert zu realisieren.

Im vorliegenden Falle waren die Eigentümer bereits vor Jahren in der Lage, den damaligen Wert als Stadterweiterungsgelände zu realisieren. Allerdings konnte nun der Grundstückswert nicht mehr in gleicher Weise wie beim unbebaut gebliebenen Gelände steigen, weil einmal die allgemeine Wertsteigerung zum teil darauf beruht, dass auf dem unbebaut gebliebenen Gelände eben dem heutigen Stande des Wohnungsbaues entsprechende Bauten für die besten Mietkreise geschaffen werden können – was auf dem beregten Grundstücke erst nach Vernichtung des jetzigen Gebäudewertes möglich ist – und zum anderen, weil das in freiem Felde errichtete Haus eines straßenmäßigen Zugangs und aller Einrichtungen eines städtischen Hauses (Kanalisation, Wasserleitung, Beleuchtung) ermangelte. Diese könnten nun zwar im Anschluss an die Umlegung geschaffen werden, es fragt sich aber, ob nach wirtschaftlichen Grundsätzen hieran gedacht werden kann, ob die ganz erheblichen Aufwendungen für Straßenbau, Kanal, bauliche Veränderungen usw. den Wert des obsoleten, unzeitgemäßen Objekts entsprechend zu steigern vermögen. Und diese Frage war zu verneinen. Es ergab sich also bei Inanspruchnahme der vollen allgemeinen Abtretungsquote von 35,4 % ein Minderwert für die Liegenschaft. Seine Abgeltung durch eine Geldentschädigung gemäß § 16 des Gesetzes hätte vorliegendenfalls kaum im Interesse der Eigentümer gelegen. Diesen musste es vielmehr erwünscht sein, aus der Umlegung so viel Gelände zu erhalten, dass sich außer dem neugeformten Hausgrundstück ein weiterer Bauplatz ergab.

In dieser Richtung bewegten sich auch die Verhandlungen die zu einer Verständigung auf folgender Grundlage führten:

Den Eigentümern 7 und 8 wird bei voller Erfüllung des Straßenabtretung (35,4%) eine Mehrzuweisung von 115 qm Baugelände zugestanden. Ferner war die Stadt damit einverstanden, dass ihnen zur Bildung eines zweiten Bauplatzes eine Zuwendung von 100 qm aus städtischen Guthaben zugeteilt wird, gegen die sicherzustellende Verpflichtung, den Kaufpreis  für dieses Gelände bei Bebauung des Grundstücks zu zahlen. Hierdurch wird es den Eigentümern möglich, einen Bauplatz für ein Vierzimmerhaus ohne Niederlegung des bestehenden Gebäudes verwerten zu können und, wenn die allgemeine Entwicklung einen solchen Schritt rechtfertigt, an Stelle des bestehenden Hauses einen Neubau mit Fünfzimmerwohnungen zu errichten.

Weniger Schwierigkeiten erwuchsen dem Verfahren aus den Verhältnissen des Grundstücks Nr. 15. Der nach der Forsthaus-Straße zu gelegene Teil bildet den Wirtschafts- und Konzertgarten zu dem im Vorderhause an der Garten-Straße untergebrachten Restaurant. Für diese Zwecke ist der Garten mit Anlagen und primitiven Gebäulichkeiten ersehen (Schießstand, Laubengang, Kastanienbäume etc.), die in gewissem Umfange in die Straßenfläche fallen und zur Erzielung baugerechter Grundstücke an benachbarte Eigentümer übergehen müssen. Es konnte sich, da keinerlei Minderwert infolge der Umlegung festzustellen war, nur um eine Entschädigung für diese entzogenen Bestandteile der Liegenschaft handeln und diese wurde von der Kommission auf 650,- Mark festgesetzt. Der Eigentümer erklärte sich hinsichtlich dieser Schätzung einverstanden.

 

Quelle: ISG; Emil Klar: "Die erste Baulanderschliessung nach dem Frankfurter Umlegungsgesetze"

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Der Fluchtlinien vom 17. Februar 1911, der letztendlich zur Umsetzung kam. Auf beiden Plänen ist an der Gartenstraße eine Fläche vom Umlegungsverfahren "lex adickes" ausgenommen. Damit wurden bereits bestehende Gebäude, die der Dampfkaffeerösterei Wittwe Hassan [sic!], von dem neuen Verfahren ausgenommen.

Adressbuch-Eintragungen

Diese pdf-Datei entspricht 1:1 der von mir zuvor erstellten Excel-Datei. Nur aus zeitlichen Gründen habe ich dieses Mal auf eine Übernahme von Kurz-Porträts in die große Tabelle verzichtet.

Bedauerlicherweise wurden in einem im Besitz der Frankfurter Universitätsbibliothek  befindlichen Adressbuch des Jahres 1890 einige Seiten herausgetrennt. Zum Zeitpunkt der Digitalisierung des kompletten Adressbuches ist das leider nicht aufgefallen. Aus diesem Grund habe ich die Einträge zu einzelnen Haus-Nummern durch Einträge aus dem Jahr 1891 ersetzt.

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Sozialstruktur

Auch bei diesem Projekt habe ich mich für die Sozialstruktur der in den Adressbüchern vermerkten Berufe der Haushaltsvorstände interessiert. Die Zusammenstellung orientiert sich an der Methode die bei den vorangegangenen Projekten bereits zur Anwendung kam. Basis dafür war und ist eine vergleichbare Auflistung von Ralf Roth in seinem Buch "Stadt und Bürgertum in Frankfurt am Main - Ein besonderer Weg von der ständischen zur modernen Bürgergesellschaft 1760 - 1914".

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Leben in der Gartenstraße

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Postkartenausschnitt mit dem östlichen und mittleren Teil der Gartenstraße, aus den 1950er Jahren.

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Postkartenausschnitt mit dem mittleren und westlichen Teil der Gartenstraße, aus den 1950er Jahren.

Gartenstraße 1 (Ferdinand Leux, Bootsbauer)

Anfang des Jahres 1923 wurde die Frankfurter Bootbaufirma Ferdinand Leux, die bereits seit 1855 existierte, in eine Aktiengesellschaft - die Leux-Werke - umgewandelt. Die AG begann mit einem Eigenkapital von 10 Millionen Mark. Bereits im Sommer des Jahres 1923 wurde durch die Ausgabe weiterer Aktien eine Kapitalerhöhung auf 60 Millionen Mark und im August des selben Jahres auf 200 Millionen Mark durch die Generalversammlung beschlossen. Das Unternehmen beschäftige in der Spitze bis zu 250 Arbeiter.

Die Firmenadresse war die Schifferstraße 94 in Frankfurt-Sachsenhausen. Die Produktionsstätten lagen für Motor-, Ruder-, Segelboote, Kanadier, Kajaks und andere Kleinboote in Frankfurt-Niederrad und für Eisenschleppkähne, Personen- und Frachtdampfer, im Frankfurter Osthafen, wo auch andere  Eisenkonstruktion produziert wurden. Die Leux-Werke waren in Berlin und Hamburg mit Niederlassungen vertreten. 

Das Unternehmen kam wenige Jahre später in wirtschaftliche Schwierigkeiten, konnte diese aber durch Aufträge aus dem Ausland (1926) kurzfristig überwinden. Im Jahr 1927, die allgemeine Wirtschaftskrise machte auch vor den Leux-Werken nicht halt, kam es dann zum Ende der Aktiengesellschaft und der Produktion.

Ferdinand Leux, war der Großvater des bekannten Frankfurter Architekten Carl August Friedrich Ferdinand Kramer.

 

Quelle: http://www.dieter-engel.com/texte/firmen/werften/web-leux.htm; Dr. Ulrich Meißner: "150 Jahre Frankfurter Ruderverein von 1865"; Frankfurt Biographie;

 

Gartenstraße 2 (Dr. phil. Franz Vaconius, Pfarrer)

Franz Vaconius wurde am am 06.11.1866 in Frankfurt -Sachsenhausen geboren, gestorben ist am 24.12.1955 in F.-Sachsenhausen. Neben Pfarrer Holzamer war auch er Pfarrer an der Dreikönigskirche. Nach Unstimmigkeiten mit dem Vorstand und Pfarrer Holzamer löste er sich von seinem Amt und der Ev. Landeskirche und gründete mit Unterstützung vieler Sachsenhäuser Gemeindemitglieder, am 12.06.1925 die “Groß-Frankfurter Evangelisch-Lutherische Stephanus-Gemeinde“. In der Gartenstraße 2 war seine Wohnung und das Gemeindebüro. Hier ließ er auf die Außenmauern eigenwillige Sprüche in schwarzer Farbe, die Anfangsbuchstaben rot hervorgehoben, in alt-gotischer Schrift anbringen. Das war eine Sensation in Sachsenhausen.

Eine kleine Auswahl seiner Sprüche:

Mein Haus ist meine Burg, mein Heim ist meine Welt, der soll draussen bleiben, dem sie nicht gefällt.“

 „Es wünsche mir einer was er will, Gott schenke ihm zehnmal soviel.“

 Eine feste Burg ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffe.“

Das Haus wurde verkauft, er behielt den Garten und baute darauf seine kleine Kapelle; Später im Besitz der Stephanus-Gemeinde. In der Friedhofskapelle, Schiffer- Ecke Gutzkowstraße hielt er die Gottesdienste ab. Zu besonderen Anlässen zog er, singend mit der Fahne voran, mitsamt seiner Gemeinde von der Gartenstraße zu dieser Kapelle.

Das Grab von Franz Vaconius befindet sich auf dem Südfriedhof.

Quelle: VHS-Kurs Sachsenhausen näher betrachtet „Sachsenhäuser Portraits“ 1997

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Dr. Franz Vaconius

Gartenstraße 3 (Christian Leopold Bode, Maler)

Christian Leopold Bode wurde am 11.03.1831 in Offenbach/Main als Sohn des Malers Georg Wilhelm Bode geboren. Er starb am 26.07.1906 in Frankfurt/Main. Sein Vater war sein erster Lehrer bevor er ab 1848 am Städel Schüler von Jakob Becker, Johann David Passavant und Eugen Eduard Schäffer wurde. Von 1848 bis 1981 war er Schüler von Eduard Steinle. Einen freundschaftlichen Kontakt pflegte er zu den Kollegen der Kronberger Malerkolonie und machte sich insbesondere einen Namen als Historienmaler. Er wirkte als Lehrer an der Städelschule. Bode war 1880 an der Ausmalung des Frankfurter Opernhauses (heute Alte Oper) beteiligt und malte 1896 die Friedhofskapelle des Südfriedhofs aus.

 

Quelle: Frankfurt-Biographie

Gartenstraße 6

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre empörten sich zahlreiche Sachsenhäuser Bürgerinnen und Bürger über ein Bauvorhaben, dem der Verlust eines denkmalgeschützten historischen Gebäudes vorausgehen sollte. Ja, dieses Haus, ein in die Jahre gekommenes Gartenhaus, dessen Lage den Fußgängern einen im Vergleich zu den Nachbargebäuden - die bis heute über Vorgärten verfügen - einen deutlich schmaleren Bürgersteig freiließ, sollte einem Hochhaus weichen. Einer seit Jahren gültigen neuen Baufluchtlinie stand dieses schöne Haus, direkt gegenüber vom Oppenheimer Platz gelegen, sozusagen im Wege. Das alte Haus hatte in den Augen der Stadtplaner seinen bisherigen Wert verloren. Anders kann die Entscheidung für einen Abriss nicht gewertet werden. Selbst der Sachsenhäuser Bezirksverein stand letztendlich auf einem verlorenen Posten. Der neue Eigentümer bezog sich in seinem Bauantrag, für ein zwölfstöckiges Wohnhaus, auf die gültige Baufluchtlinie. Die Umsetzung dieser Bauvorschrift hatte zum damaligen Zeitpunkt bei den zuständigen Behörden eine höhere Priorität als der Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes. 

Seit rund 50 Jahren können seitdem die Betrachter dieses Abschnitts der Gartenstraße entscheiden ob sich das hohe Gebäude für sie in einer harmonischer Weise in das Straßenbild einfügt oder nicht.

Die Frage, ob das damals leerstehende Haus, mit der klassizistischen Fassade, noch einer neuen Nutzung hätte zugeführt werden können und wenn ja, ob es weitere 50 Jahre überstanden hätte ist und bleibt spekulativ. Für mich war es und bleibt es ein schmerzlicher Verlust im Sachsenhäuser Straßenbild.

Gartenstraße 10 (Philipp Wilhelm Ronnefeldt, Familie und Teehaus Ronnefeldt)

Vor 95 Jahren (1925) beschrieb der Frankfurter Landgerichtsrat Hans Majer-Leonhard, seines Zeichens auch Vorsitzender der Genealogischen Gesellschaft, die damals 100jährige Geschichte des Frankfurter Teehauses J. T. Ronnefeldt.

Der Bewohner der Liegenschaft Gartenstraße 10, Philipp Wilhelm Ronnefeldt war ein Sohn des Firmengründers Johann Tobias R., der sich 1823 in seiner Vaterstadt als selbstständiger Handelsmann niedergelassen hatte.  Zuvor hatte er eine Lehre im bekannten Frankfurter Handelshaus von Johann Christian Mühl absolviert und sich im Ausland weitergebildet und diese Gelegenheit genutzt neue Kontakte zu knüpfen. Eine erste Anstellung fand er in einem großen Rotterdamer Kolonialwarengeschäft. Dort sammelte er weitere Erfahrungen indem er sich mit den Gepflogenheiten des Im- und Exportgeschäfts vertraut machte und so die Basis für seine spätere Selbstständigkeit legte. 

Einige Jahre später heiratete er Friedericke Kluge, die Tochter des Frankfurter Bürgers und Kaufmanns Johann Christoph Kluge, und erwirbt mit ihr ein Haus an der Neuen Kräme, dass für 60 Jahre der Firmensitz bleiben sollte.

Der Verfasser der kleinen Jubiläumsschrift, Hans Majer-Leonhard, beschrieb Ronnefeldt wie folgt:

„Johann Tobias war ein großzügiger Kaufmann. Alljährlich machte er beschwerliche Reisen nach Holland und England zum Einkauf von Waren und zur Auswahl von Tee, der in jenen Tagen hauptsächlich über London eingeführt wurden. Wunderschöne Briefe an seine Gattin sind uns erhalten. In denen er die Umständlichkeit und Gefahren solcher Reisen von anno dazumal schildert. Der Geschäftsmann Ronnefeldt war zugleich ein treuer Bürger seiner Vaterstadt. Als Meister in der Loge „Zur Einheit“ und als Mitglied der Polytechnischen Gesellschaft hat er mit weitesten Kreisen der Bürgerschaft Fühlung genommen. Ganz besonderer Erwähnung aber verdient, daß er schon in jungen Jahren zum Ehrenmitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft ernannt wurde. Die Urkunde wird in der Familie mit Recht als wertvolle Erinnerung aufbewahrt. Was für den Adel der Adelsbrief, das war in Frankfurt für unsere Altvordern die Mitgliedschaft jener großartigen Gesellschaft, durch die sich die Bürgerschaft selbst ein unvergleichliches Ehrendenkmal gesetzte hat.

Mitten aus emsiger Tätigkeit ward der Gründer des Teehauses 1845 abberufen. Vom 19. Juli dieses Jahres noch datiert ein Visum seines Reisepaßes, das ihm Herr Johann Georg Behrends, der Konsul der Freien Stadt Frankfurt am Main, in London, ausstellte. Am 15. August trägt man ihn bereits zur letzten Ruhe. Ein[en] schwierig[en] Erbteil hatte seine Witwe Friederike zu verwalten. Fünf minderjährige Kinder waren vorhanden, das Geschäft hatte großen Umfang angenommen. Mit bewundernswürdiger Energie führte sie es im Sinne ihres Mannes fort. Friedrich Besthorn aus bekanntem Altfrankfurter Haus war ihr Prokurist und Mitarbeiter, bis sie 1860 die Leitung des Teehauses ihren Söhnen Carl Adolf und Philipp Wilhelm übergeben konnte. In Hamburg, London und Paris vorgebildet, konnten beide Brüder der väterlichen Firma zur weiteren günstigen Entwicklung verhelfen.“

Tee gewann als Getränk zunehmend an Bedeutung und in der Messestadt waren das gute Voraussetzungen die Marke Ronnefeldt-Tee über die Grenzen der Stadt bekannt zu machen.

Das trifft sicher auch auf die beiden aufregenden Jahren der Frankfurt Nationalversammlung (1848/49) zu. In diesen Jahren machten einige der politischen Persönlichkeiten Bekanntschaft mit dem Teehaus. 1880 verstarb Philipp Wilhelm, und sein Bruder Carl Adolf übernahm die Firma mit Unterstützung von zwei Prokuristen.

Dank einer weiterhin guten Geschäftsentwicklung wurden die Räumlichkeiten zu klein, weshalb Carl Adolf ein größeres Haus auf der Zeil erwarb, dessen Areal sich bis zum Holzgraben erstreckte. Der Umzug der Geschäftsräume erfolgte 1884. Carl Adolf war noch im hohen Alter von 87 Jahren in den Geschäftsräumen anzutreffen. Zu diesem Zeitpunkt war sein Sohn Rudolf bereits der eigentliche Geschäftsführer, der das Sortiment von Nebenprodukten befreite und damit sich auf den Teehandel konzentrierte.

1904 stand ein weiterer Umzug an, Hermann Wronker benötigte die Liegenschaft für seinen Neubau eines Warenhauses, gegenüber der kaiserlichen Hauptpost (heute: My Zeil). Das Teehaus Ronnefeldt verlagerte daraufhin seine Geschäftsräume zunächst an den Roßmarkt (Nr. 8) und ein zehn Jahre später in die Goethestraße (Nr.3).

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erfreute sich der Teekonsum einer sich steigender Beliebtheit, was dem Teehaus, nach schwierigen Kriegsjahren, wieder zu einer neuen Blüte verhalf. In den vielen Jahren der internationalen Geschäftstätigkeit waren natürlich viele Verbindungen entstanden. Eine dieser langjährigen Geschäftsbeziehungen bestand zu der 1796 in Hamburg gegründeten Firma G.W.A. Westpfahl & Sohn. Mit der Hochzeit von Emmy Ronnefeldt, der Tochter von Carl Rudolf und Emma Ronnefeldt geborene Roessler, mit Alfred Westphal, kam es auch zu einer verwandtschaftlichen Verbindung der beiden Teehäuser. Emmy Westphal brachte 1922 in Shanghai ihren Sohn Herwarth auf die Welt.

Hans Majer-Leonhard führte dazu wie folgt aus:

„Zu Beginn der 1920er Jahre lebten Alfred und Emmy Westphal gemeinsam in Shanghai, wo sie in einer Joint-Venture-Beziehung mit King & Ramsay zusammenarbeiten. Die chinesischen Städte Shanghai und Hankow (gehört zum heutigen Wuhan) sind zu dieser Zeit die wichtigsten Handelszentren für Tee und andere Kolonialwaren. Hankow hatte fünf ausländische Konzessionen, die auf das Vereinigte Königreich, Frankreich, Russland, Deutschland und Japan verteilt waren. Da Hankow schon immer ein Zentralmarkt für Schwarzen Tee war, lag hier auch der Schwerpunkt auf dem Export. Schon 1904 wurden über 10 Millionen Pfund Ziegeltee exportiert.“

Georg Lülmann, der aus einer alten Bremer Teehandelsfamilie stammt, war 1942 als Teilhaber zu Ronnefeldt gekommen. Er war zuvor bei einem anderen bis heute sehr bekannten Teehaus (Meßmer-Tee) Chefeinkäufer.

1962 wurde Herwarth Westphal Mitinhaber von Ronnefeldt. Er war im Jahr des 125-jährigen Firmenjubiläums 1950 in die Firma eingetreten, die nach der völligen Zerstörung der Liegenschaft in der Goethestraße inzwischen am Bockenheimer Kurfürstenplatz heimisch geworden war.

1984 übernahm Frank Holzapfel auf Wunsch von Herwarth Westphal als alleinig haftender Gesellschafter die Leitung des Unternehmens. Er war knapp 10 Jahre zuvor als Vertriebs- und Marktetingchef zu Ronnefeldt gekommen.  Ab dem Jahr 2005 übernahm Jan-Berend Holzapfel, Sohn von Frank H. als Geschäftsführer und Mitinhaber die entscheidende Position des bei Kennern weltweit unverändert hochgeschätzten Teehauses.

Quelle: Das tätige Frankfurt; Website Firma Ronnefeldt; ISG;

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Der Jubiläumsschrift "100 Jahre Ronnefeldt" wurden diese Porträtaufnahmen entnommen.

Porträts:

Im Uhrzeigersinn von linksoben nach linksunten:

Johann Tobias Ronnefeldt, Friedericke Ronnefeldt, Carl Adolf Ronnefeldt, Fritz Majer-Leonhard, Rudolf Ronnefeldt.

 

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Emma Ronnefeldt, geborene Rößler. Mitinhaberin des Teehauses Ronnefeldt und Tochter des Gründers der DEGUSSA (Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt).

Gartenstraße 11 (Familie Bansa)

Die Frankfurter Familie Bansa, die Kaufleute und Bankiers hervorbrachte, hat ihre Wurzeln in Westfalen. Von dort kam der 1612 in Hausbergen/Minden geborene Apotheker Matthias Bansa nach Frankfurt. Durch eine 1639 erfolgte Heirat mit Barbara Meinertshagen, geb. Wilhelms, erlangte er das Frankfurter Bürgerrecht. Ab 1641 pachtete er eine Apotheke die er jedoch nach nur 17 Jahren an die Familie des Besitzers abgeben musste. Sodann bemühte er sich mehrfach um eine Erlaubnis, in Sachsenhausen eine Apotheke eröffnen zu dürfen, die ihm nicht erteilt wurde. Daraufhin entschloss sich Bansa im Jahr 1659 eine Gewürz- und Specereihandlung im Haus „Zum Mohrenkopf“ zu eröffnen. Soweit es die Regularien erlaubten, stellte er dort im kleinen Umfang auch medizinische Produkte her. Auch sein Sohn, Johann Matthias Bansa (1652-1693), der das Geschäft nach dem Tod des Vaters (1674) weiterführte, erlangte keine Apotheker-Erlaubnis, um die er sich weiterhin bemühte hatte. Erst im Jahr 1732, die Nachkommen hatten sich längst als Bankiers etabliert, war der Rat der Stadt bereit eine entsprechende Konzession zu genehmigen. Familie Bansa war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an einer derartigen Erlaubnis interessiert. Das Gartengelände und die Villa Bansa sind im Malerischen-Plan von F. W. Delkeskamp (1864) sehr gut an der Straßenkreuzung Gartenstraße und dem Beginn der Oppenheimer Landstraße zu erkennen. Dieses Gartenareal erstreckte sich bis zur heutigen Schweizer Straße und dem Schweizer Platz. Vom Maler Fritz Ernst Morgenstern existiert ein Ölgemälde der Villa Bansa. Dieses Bild kam im Frühjahr 2018 in einem Frankfurter Auktionshaus zur Versteigerung.

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Beschriftung eines Parzellenplans, des ehemaligen Gartengeländes der Familie von Bansa, aus dem Jahr 1883.

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Die heutige Schweizerstraße entstand auf dem Gelände des ursprünglichen Heiligengässchens. Nach dem Bau der Untermainbrücke (1874) wurde dieses Gässchen für wenige Jahre in Untermain-Brückenstraße umbenannt. Diese Historie erklärt den Namen der rechts fluchtlinienartig eingezeichneten Straße.

Gartenstraße 14a (Prof. Dr. Helmut Walcha, Organist, Komponist)

Helmut Walcha wurde am 27.10.1907 in Leipzig geboren. Er besuchte bereits im Alter von 14 Jahren das Konservatorium in Leipzig. Während seiner Ausbildung verlor er durch einen Impfschaden sein Augenlicht. 1927 legte er seine Organistenprüfung ab um fortan bis 1929 dort als Assistent an der Thomaskirche tätig zu sein. Von 1929 bis 1944 hatte er die Organistenstelle an der Frankfurter Friedenskirche inne und wirkte zudem ab 1933 als Dozent am Hoch’schen Konservatorium. 1938 erfolgte dort die Berufung zum Professor und Leiter der Abteilung Kirchenmusik. Von 1946 bis 1981 wirkte er als Organist an der Sachsenhäuser Dreikönigskirche, hier wurde in den Jahren von 1957 bis 1961 nach seinen Plänen eine neue Orgel errichtet, die lange Zeit die größte Orgel Frankfurts war. Walcha wurde zu einem bedeutenden Bach-Interpreten und als „Kultur-Botschafter Frankfurts“ weltweit bekannt. Er legte größten Wert auf Stiltreue des Vortrages. Auch komponierte er Choralvorspiele (es erschienenen 4 Bände). 1981 beendete er sein öffentliches Wirken mit einem Konzert in der Dreikönigskirche. Er war Träger der Goetheplakette der Stadt Frankfurt und des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Ihm wurde zudem u. a. der Ehrenring der Stadt Frankfurt und das Große Bundesverdienstkreuz zuerkannt.

Walcha starb am 11.08.1991 in Frankfurt am Main. 

Quelle: Frankfurter Biographie; ISG; Sachsenhäuser Portraits des VHS-Kurs „Sachsenhausen näher betrachtet“, 1997

Gartenstraße 15 (Familie Schleussner)

Verschiedene Mitglieder der Unternehmerfamilie Schleussner waren über wenigstens drei Generationen meist als Chemiker und Firmengründer sehr erfolgreich tätig. Ein ausführlicher Beitrag zur Familie Schleussner mit ihren herausragenden Persönlichkeiten, deren Unternehmen, sowie die daraus hervorgegangenen besonderen Erfindungen konnte ich für den L.I.S.A.-Bericht zur Kennedyallee zusammentragen. Siehe dazu unter der Liegenschaft Forsthausstraße 104.

 

Gartenstraße 15 (Georg Krämer, Bildhauer, Brunnengestalter)

Georg Krämer erblickte am 22.2.1906 in Hanau das Licht der Welt. Er ging bei seinem Vater, einem Kunstschmied, in die Lehre. Im Anschluss besuchte er die die Hanauer Zeichenakademie. Seine Ausbildung zum Bildhauer, Medailleur absolvierte er an den Kunstgewerbeschulen in Offenbach und Frankfurt. Das er danach an der Städelschule ein eigenes Atelier hatte ist sicherlich ein Zeichen seines Könnens und Erfolges. Georg Krämer war nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt mit dem Erhalt und der Neugestaltung von Brunnen gut beschäftigt. Anlässlich der Sachsenhäuser Brunnenfeste gestaltete und restaurierte er über einen längeren Zeitraum jedes Jahr wenigstens einen Brunnen. Der wasserspeiende Frau-Rauscher-Brunnen in der Klappergasse, der sehr modern interpretierte Ritter-Brunnen sind nur zwei Beispiele. Zu den von ihm restaurierten Sachsenhäuser Brunnen zählen der Hirsch- und der Paradies- und der Bäckerbrunnen. Von ihm stammen auch eine ganze Reihe von Gedenktafeln wie die zu Ehren von Max Beckmann (Schweizer Straße 3), Carl Ferdinand Gutzkow (in der Oppenheimer Straße 50, existiert leider nicht mehr) oder auch für John F. Kennedy (an der Paulskirche) und viele andere mehr. Krämer gestaltete auch Plaketten und Medaillen für die Stadt Frankfurt. Dazu zählen die Römerplaketten und die Goethe-Medaillen.

Quelle: Frankfurt-Biographie; ISG; 

Ausblick I

Gartenstraße 16 (Familie Helme, Architektendynastie)

Die bekanntesten Vertreter der Familie Helme waren der Bauunternehmer Joseph sowie die Architekten Justus A.  und Maximilian Helme (*1878 in Ffm. † 1930 in Ffm.).

Der Stadtkonservator (Denkmalamt) schrieb 2004:  „J. A. Helme ist neben Joseph und Maximilian Helme der bedeutendste Vertreter der Architektendynastie Helme. Seine umfangreiche Bautätigkeit erstreckte sich in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf das gesamte Stadtgebiet. Er ist in Frankfurt am Main u.a. für die Baufirmen von Carl Schad, Phillip Carl Gabrian und Cohn & Kreh tätig. Häufig arbeitet er mit den Architekten Georg Harth und Heinrich Wagner zusammen. Im dem Architekturbüro J. A. Helme wird 1940 der Architekt P. Lehr der Inhaber.

Wie bei Justus A. Helme liegt auch bei Maximilian Helme die Bautätigkeit in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Beide bedienen die gleichen Bauherren. M. H. ist maßgeblich an der Bebauung des Frankfurter Nordends beteiligt. Neben seiner Architektentätigkeit tritt er auch als Bauherr auf.“

Quelle: Die Architekten und ihre Bautätigkeit in Ffm. In der Zeit von 1970 bis 1950;

Gartenstraße 17

Mein erster Gedanke beim Anblick dieser Fotografie war, dass es sich um einen Seiteneingang zum sogenannten Milchhof gehandelt haben könnte. Gemeint ist die Baulücke in der Gartenstraße. Der Milchhof befand sich dort wo heute die Drogerie Müller und der Rewemarkt sind. Die Drogerie Müller folgte vor wenigen Jahren auf das Kaufhaus Woolworth und dem ersten Mieter dieses Kaufhauses Bilka. Ob meine erste Assoziation zutrifft konnte ich leider nicht klären, würde mich aber über eine weiterführende Information sehr freuen.

Gartenstraße 20 (DuBois)

Philippe DuBois & Fils SA soll die älteste Uhrenfabrik der Schweiz sein. Seit 1785 können Uhren mit diesem Namen gekauft werden. Im schweizerischen Le Locle, sollen Philippe DuBois und seine Söhne die Philippe DuBois & Fils SA, ihre Uhrenfabrik gegründet haben. Das jedenfalls schreibt das Unternehmen auf der eigenen Website. 

Das Haus in der Sachsenhäuser Gartenstraße diente wohl als eine Art Dependance ohne das dort eine Fabrikation angesiedelt wurde. Es wäre keine Überraschung wenn diese Niederlassung und Verkaufsstelle vom Frankfurter Zweig der Familie DuBois geleitet worden wäre. Der Name DuBois war in Frankfurt jedenfalls bekannt.

Weitere Informationen sind auf www.duboisfils.ch zu finden.

 

 

Ausblick II

Gartenstraße 26 (Dr. Eduard Franz Souchay, Jurist, Lokalpolitiker)

Dr. Eduard Franz Souchay stammte aus einer alten hugenottischen Kaufmannfamilie, Souchay de la Duboissière, die es zu Wohlstand gebracht hat. Das Tuchhandelsunternehmen Schunck, Souchay & Co. war von seinem Vater, Cornelius Carl Souchay, gegründet worden. Seine Mutter Helene S. war eine geborene Schunck. Der 1800 in Frankfurt geborene Eduard S. besuchte von 1813 bis 1818 das Frankfurter Gymnasium und nahm danach in Heidelberg eine Jura- und Geschichtsstudium auf, dass er 1821 in Göttingen mit der Promotion zum Dr. jur. abschloss. Er ließ sich 1923 in seiner Geburtsstadt als Rechtsanwalt nieder. 1832 wechselte er als Stadtgerichtsrat in den Staatsdienst und diente von 1839 bis 1849 als Appellationsrat. Von 1832 bis 1849 gehörte er dem Frankfurter Senat an in dem er 1838 zum jüngeren Bürgermeister gewählt wurde. Der Gesetzgebenden Versammlung gehörte er darüber hinaus von 1832 bis 1857 an, der er in den letzten Jahren als Präsident vorstand. Als Bevollmächtigter vertrat er 1848/49 die Freie Stadt Frankfurt bei der Deutschen Nationalversammlung. Er war mit Heinrich von Gagern, dem Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung, befreundet. Diese  erteilte ihm 1849 den Auftrag eine provisorische Regierung von Schleswig-Holstein zu bilden. Mit dem Scheitern der Nationalversammlung gab Souchay seine Tätigkeit als Senator auf und betätigte sich fortan als Verleger des „Volksboten“ und engagierte sich als Leiter des Patriotischen Vereins. Seine liberalen politischen Vorstellungen fasste er in einem zweibändigen Werk „Anmerkungen zu der Reformation der freien Stadt Frankfurt“ (1849) zusammen. Später trat er auch als Autor der vierbändigen „Geschichte der deutschen Monarchie von ihrer Erhebung bis zu ihrem Verfall“ (1862) hervor. Nach der preußischen Annexion Frankfurts (1866) war Souchay bis zu seinem Tod (1872) Mitglied der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. Der Polytechnischen Gesellschaft gehörte er viele Jahre auch als Vorstandsmitglied an.

Quelle: Frankfurter Biographie; Wikipedia

Gartenstraße 27 (Kaiser's Kaffeegeschäft)

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Das Eckhaus Schweizer- und Gartenstraße. Links davon stand das Haus Schweizerstraße 34. Rechts davon sind die Liegenschaften Gartenstraße 29, 31 und 33 zu sehen.

Ich möchte an dieser Stelle bereits auf die Liegenschaft Gartenstraße 101-103 hinweisen. Dort kommt das Unternehmen Kaiser's Kaffeegeschäft noch einmal zur Sprache.

Das Ladenlokal in dem kriegsbeschädigten Eckhaus, bezog Willy Messerschmidt 1952 mit einem Fachgeschäft für Süßwaren, Weine, Spirituosen, Kaffee und Tee. Ich erinnere mich, dass sich zumindest bis Anfang der 1960er Jahren die Kaffeemühlen im Schaufenster drehten. Kleingebäck wurde aus Blechkisten einzeln, der Kaffee und Tee grammweise verkauft. Die Kaffeebohnen wurden auf Kundenwunsch stets frisch gemahlen. Messerschmidt zog später in ein kleineres Lakenlokal, ein paar Häuser weiter auf die Schweizer Straße. Das Geschäft warb dort für sich mit dem Slogan: "Messerschmidt Kaffee - für verwöhnte Ansprüche".

Eine Spezialität von Messerschmidt waren seine Präsentkörbe mit den schönsten Schleifen weit und breit. 

Gartenstraße 27 (Prof. Dr. Margit Stuffmann, Kunsthistorikern)

Die in Berlin geborene Kunsthistorikerin Margit Stuffmann (*24.11.1936 †17.02.2020) kam zusammen mit ihren Eltern nach Frankfurt und nahm nach dem Abitur in Frankfurt ein Studium der Kunstgeschichte auf, dass sie in Freiburg (Breisgau), Paris und München fortsetzte. 1962 wurde sie in München promoviert. Ihre Dissertationsschrift schrieb Stuffmann über den französischen Maler Charles de la Fosse, der von 1636 bis 1716 lebte. Nach einem Studienaufenthalt in Paris verbrachte sie einige Zeit zu Nachforschungen in London, Venedig und in Leningrad. Die Neue Zürcher Zeitung veröffentlichte in den 1960er Jahren zahlreiche Beiträge von Margit Stuffmann. 1966 kam sie zunächst als Volontärin an das Frankfurter Städel und war danach dort als Kustodin tätig. Dem Bestand der Europäischen Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts galt zunächst ihre Aufmerksamkeit, bis sie 1974 zur Leiterin der Graphischen Sammlung ernannt wurde.  Sie blieb in dieser Funktion bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2001. Während dieser Zeit lehrte sie am Kunstgeschichtlichen Institut der Frankfurter Goethe-Universität. Der Museumsbestand wurde in dieser Zeit vornehmlich mit französischen Zeichnungen und Druckgrafiken des 19. Jahrhunderts, sowie um Werke der amerikanischen Kunst nach 1945 erweitert. Im Jahr 1995 wurde Frau Professor Stuffmann mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet. Die Frankfurter Allgemeinen Zeitung würdigte sie in einem Nachruf treffend als Grand Dame der Frankfurter Museumslandschaft.

Quelle: ISG

Ausblick III

Gartenstraße 34 (Prof. Dr. Wilhelm Steinhausen, Mediziner)

Dr. phil. Wilhelm (gen. Willi) Steinhausen, (1887–1954) Universitätsprofessor für Medizin (Physiologie), Patensohn von Friedrich Steinhausen, dem Bruder des Malers, und Adolph Collischonn, dem Sohn von Philipp Jakob Collischonn. Sohn des Malers Dr. theol. h.c. Wilhelm August Theodor Steinhausen (1946-1924).

Quelle: ISG;

Gartenstraße 36 (Prof. Kurt Hessenberg, Komponist)

Am 17.09.1908 wurde Kurt Hessenberg als viertes und jüngstes Kind des Rechtsanwalts Eduard Hessenberg und dessen Ehefrau Emma, geb. Kugler in eine Frankfurter Familie hineingeboren, die in der Stadt und weit darüber hinaus große Bekanntheit erlangte. Kurt Hessenberg machte sich als Komponist, ab 1933 als Theorielehrer am Hoch‘schen Konservatorium und von 1963 bis 1973 als Professor für Komposition an der Frankfurter Musikhochschule einen Namen.  Er hatte zuvor von 1927 bis 1931 in Leipzig am dortigen Landeskonservatorium studiert. In einer Passage seiner „kleinen Selbstbiographie“ beschrieb Hessenberg eine Begebenheit während des Abschluss-Examens (im Hauptfach Klavier), das damals „Reifeprüfung“ genannt wurde, folgendermaßen: „… begreiflicherweise fiel mir als einem „Komponisten“ die Klausur in Harmonielehre und Kontrapunkt mit ihren mäßigen Anforderungen ziemlich leicht. So hatte ich Zeit, meine Modulationsaufgaben, bei denen ich – brav vierstimmig gesetzt – bekannte Volkslied- und Schlagermelodien verwendete, mit unterlegten Texten zu versehen, zum Beispiel „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin; ich ließ mich zur Prüfung verleiten, und die hat doch gar keinen Sinn.“ Oder (unter dem Eindruck des Films „Der blaue Engel“, nach Heinrich Mann mit Marlene Dietrich und Emil Jannings): „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Pleite eingestellt, um 50 Mark geprellt – und sonst gar nichts.“

Während ich noch, eine Formenlehre-Aufgabe lösend, im Klausurzimmer saß, kam Professor Davisson mit todernstem Gesicht zu mir herein und befahl mir, die Texte (die glücklicherweise nur mit Bleistift geschrieben waren) sofort auszuradieren, gestand mir dann aber, er und manche Kollegen hätten sich sehr darüber amüsiert. Allerdings nicht alle; einige Lehrkräfte sollen vor allem an dem Wort „geprellt“ Anstoß genommen haben und hatten Bedenken, mein Examen anzuerkennen. (Im Übrigen: die Prüfungsgebühr von 50 Mark war damals tatsächlich eine ganze Menge.) Die Verständnisvollen in der Prüfungskommission setzten sich aber durch, das Examen wurde anerkannt, und ich durfte mich „Staatlich geprüfter Klavierlehrer“ nennen, wenn ich auch von dieser Erlaubnis nie Gebrauch gemacht habe.“

Diese Episode war seinem späteren Schwiegervater, dem berühmten Medizinprofessor Franz Volhard vermutlich nicht oder noch nicht bekannt, als dieser von der Partnerwahl seiner jüngsten Tochter zunächst nicht begeistert war. Gisela Volhard, das zehnte und jüngste Kind des Mediziners und seit Dezember 1939 mit Kurt Hessenberg verheiratet, berichtete im Alter von 78 Jahren aus der eigenen Familiengeschichte. „Meinen Mann, ein Komponist, konnte er am Anfang nicht akzeptieren, schon wegen der Modernität seiner Werke nicht. Vater war an Klassik gewöhnt. „Wenn er wenigsten den Rosenkavalier geschrieben hätte!“ Darauf mein Mann: „Das wünschte ich auch – schon wegen der Tantiemen!“ Als er von seiner Verwandtschaft mit dem Struwwelpeter-Autor und Nervenarzt Heinrich Hoffmann erfuhr („Na, wenigsten in der Familie gibt es einen Arzt!“) und mein Mann berufliche Erfolge vorzuweisen hatte, schmolz das Eis ein wenig. Und als er dann bei unseren weihnachtlichen Treffen mit Gedichtaustausch namens Julklapp merkte, dass die dichterischen Fähigkeiten meines Mannes den Ansprüchen der Familie standhalten konnten – mein Mann dichtete hervorragend -, da hat Vater ihn dann endlich „vollgültig“ in die Familie aufgenommen."

In meinem letzten Beitrag zur Sachsenhäuser Geschichte habe ich mich mit der Geschichte der Kennedyallee (bis 1963: Forsthausstraße) beschäftigt. Darin befindet sich ein längerer Text zu Prof. Dr. med. Franz Volhard und dessen Familie. Zu der u.a. auch die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard gehört. Der in einem kleinen Auszug zitierte  launig geschriebene Text von Gisela Hessenberg, kann dort in der kompletten Fassung nachgelesen werden. Siehe dazu Forsthausstraße 103.

Die Kennedyallee.

Das verwandtschaftliche Verhältnis von Kurt Hessenberg zu Heinrich Hoffmann (*1809 †1894) geht auf seine Urgroßmutter Therese Hoffmann-Donner zurück, deren Ehemann der Gründer der modernen Frankfurter „Irrenanstalt“ und Struwwelpeter-Autor war.  

Der zweite Urgroßvater ist Dr. jur. Georg Wilhelm Hessenberg (*1808 †1860) der in Frankfurt als Konsistorialrat, Senator und Bürgermeister tätig war. Von 1845 bis 1846 war dieser Vorsitzender des Physikalischen Vereins in Frankfurt. 1848 gehörte der Jurist als Mitglied der Konstituierenden Versammlung der Freien Stadt Frankfurt ebenso an wie dem Vorparlament der Frankfurter Nationalversammlung.

Anlässlich seines 100. Geburtstags wurde 2008 in der Sachsenhäuser Dreikönigskirche die von Kurt Hessenberg komponierte Lukaspassion aufgeführt.  Bei dieser Veranstaltung traten seine Töchter Cornelia, ebenfalls Musikerin, und die Schauspielerin Monika auf. Cornelia Hessenberg spielte einige Kompositionen ihres Vaters und Monika Hessenberg las aus dessen Biographie.

Für ein eingehenderes Studium der Biographie, Bibliographie sowie Diskographie Kurt Hessenbergs möchte ich auf die hochinteressante Internetseite über Kurt Hessenberg verweisen. www.alt.kurthessenberg.de

Prof. Kurt Hessenberg ist am 17.06.1994 in Frankfurt am Main gestorben.

Prof. Walter Davisson, der Kurt Hessenberg 1931 als Mitglied der Leipziger Prüfungskommission den Ratschlag erteilte, seine humorvollen Texte auszuradieren, war später ebenfalls am Hoch'schen Konservatorium tätig. Davisson wohnte seinerzeit in der Rubensstraße 19. Siehe dazu meinen Beitrag zur Sachsenhäuser Geschichte: "Die Straßen rund um das Städel".

Der Text zu Prof. Davission ist in der tabellarischen Zusammenfassung der Adressbucheinträge der Rubensstraße zu finden.

 

Quelle: ISG; www.alt.hessenberg.de

Gartenstraße 42 (Dr. Philipp Kremer, Straßenbahn-Direktor)

Philipp Kremer erblickte am 17.08.1886 im oberbayrischen Weilheim als Sohn des Architekten und Ministerialrats der Obersten Münchner Baubehörde,  Philipp Kremer und dessen Ehefrau Rosa, geborene Schröder, das Licht der Welt. Sein jüngerer Bruder war der Maler Alfred Kremer (1895–1965).

Nach dem 1905 am Münchner Maximiliansgymnasium absolvierten Abitur studierte Kremer an der Technischen Hochschule München, das er 1922 als Diplom-Ingenieur abschloss. Bis 1924 arbeitete er bei der Firma BBC in Mannheim und Berlin. Von 1924 bis 1929 war er als Direktionsassistent bei der Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH tätig. 1928 promovierte er zum Dr.-Ing. mit der Dissertation "Einfluss der Bauart von Straßenbahnwagen auf die Wirtschaftlichkeit der Betriebsführung" und übernahm 1929 die Leitung des technischen Zentralbüros der Berliner Verkehrs-AG. Bereits ein weiteres Jahr später wechselte er nach Frankfurt am Main um als 1. Direktor die dortigen Verkehrsbetriebe zu leiten. Er bekleidete diese Funktion bis zum Jahr 1935. Von 1930 bis 1936 lehrte er als Privatdozent für Verkehrstechnik an der Technischen Hochschule Darmstadt. Von  1938 bis zur Entlassung am 17. August 1945 war er in der gleichen Funktion an der Technischen Hochschule Hannover tätig. 1953 wurde ihm, als Direktor der Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG, das Bundesverdienstkreuz zuerkannt. Dr. Ing. Philipp Kremer starb am 11.02.1955 in Hannover.

Quelle: ISG; Wikipedia;

Gartenstraße 44 (Dr. Karl Flesch, Sozialpolitiker und Stadtrat)

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Dr. Karl Flesch

Karl Ferdinand Moritz Flesch wurde am 6.7.1853 in Frankfurt a.M. geboren. Er besuchte zunächst die Musterschule in Frankfurt, danach das heutige Lessing-Gymnasium und legte 1872 das Abitur ab. Anschließend Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg und Berlin. Nachdem er sich 1880 in seiner Geburtsstadt als Rechtsanwalt niedergelassen hatte machte er sich einen Namen als engagierter Verteidiger von Arbeitern die wegen Vergehens aufgrund des Sozialgesetztes angeklagt waren. Von 1884 bis 1915 Stadtrat für soziale Angelegenheiten und Leiter des Frankfurter Armen- und Waisenamts. Damit zeichnete er verantwortlich für einen Vorläufer des heutigen Sozialamts. In dieser Funktion entwickelte er ein großes sozialreformerisches Engagement, dessen Ziel es war, auf längere Sicht die Armenpflege überflüssig zu machen. Dazu strebte er Regelungen an, wie sie heute üblich sind, beispielsweise arbeitsvertragliche Vereinbarungen. Auf seine Initiative ging auch die Einrichtung eines paritätisch besetzten gewerblichen Schiedsgerichts zurück, dass zur Klärung arbeitsrechtlicher Streitigkeiten angerufen werden konnte und bei Arbeitskämpfen als Einigungsstelle fungierte. Flesch legte ein vielfältiges sozialpolitisches Engagement an den Tag, so gehörte er in vorderster Linie zu den Wegbereitern der Volkshochschulen die ihren Anfang in einem „Ausschuss für Volksvorlesungen“ nahmen. In den Oberbürgermeister Miquel und Adickes hatte er, neben dem Freien Deutschen Hochstift, wichtige Fürsprecher und Unterstützer. Bei der Gründung der „Frankfurter Aktiengesellschaft für kleine Wohnungen“ waren Flesch und Miquel unmittelbar beteiligt. Er gehörte der Fortschrittlichen Volkspartei an und war in der Zeit von 1908 bis 1915 Mitglied des Preußischen Landtags. Er ist der Vater des Rundfunkpioniers Hans Flesch, des Medizinprofessors und Stadtverordneten Max Flesch-Thebesius sowie des Rechtsanwalts und Notars Jacob Flesch.

Dr. Karl Flasch starb am 15.08.1915 in seiner Geburtsstadt.

Quelle: Frankfurt-Biographie; Wikipedia; ISG

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Die Häuser Gartenstraße 46 und 44. Dieses Foto wurde im September 2019 aufgenommen.

Gartenstraße 45 (Jean Philipp August Schanz, Schlossermeister, Lokalpolitiker)

Jean Philipp August Schanz wurde am 5.10.1871 in Frankfurt a.M. geboren. Nach seiner Berufsausbildung zum Schlossermeister wurde er Ingenieur für Eisenkonstruktionen im Hochbau und für Maschinen und Inhaber der Frankfurter Firma Stahl Schanz. Auf dem von ihm erworbenen Baugrundstück Cranachstraße 12 errichtete er 1890 ein Gebäude in das seine 1886 in der Luisenstraße eröffnete Schlosserwerkstatt umzog. Seine sehr gut nachgefragten Produkte wie geschmiedete Eingangspforten, Umzäunungen und Grabeinfassungen erweiterte er in Sachsenhausen zunächst um die Anfertigung von Treppengeländern. Mit dem Kauf der Nachbargrundstücke wurde der Betrieb insgesamt deutlich vergrößert, der sich nun bis zur Gartenstraße erstreckte. Aus dem handwerklichen Betrieb war mit der späteren Installation von Transmissionsanlagen ein für die damalige Zeit hochtechnischer Betrieb geworden.  Wegen der infolge des Maschineneinsatzes eingetretene enorme Lärmbelästigung für die umliegende Wohnbevölkerung kam es zu erheblichen Beschwerden der Mieter der Cranachstraße. Die im Besitz der Philipp Holzmann AG befindlichen Häuser wurden kurzum von August Schanz gekauft, woraufhin er den Mietern mitteilte "man dürfe sich nun ab sofort bei ihm beschweren". Es trat der vermutlich von Schanz angestrebte Effekt ein. Es gab ab diesem Zeitpunkt keine Beschwerden mehr, obwohl die Lärmbelästigung damit nicht kleiner geworden sein dürfte.

Während des 1. Weltkriegs kam es mit der Herstellung von Schlittenkufen und Hufeisen zu einer radikalen Produktionsumstellung in deren Folge es während der Inflation und Wirtschaftskrise zu einem Aus der Firma kam. Schanz wandte sich verstärkt seiner Verbandstätigkeit und der politischen Arbeit zu. Er zeigte großes Engagement´für seine Branche indem er Obermeister der Schlosserinnung wurde sowie Mitbegründer und Vorsitzender der Frankfurter Handwerkskammer. Von 1919 war er für die Dauer von 5 Jahren ehrenamtlicher Stadtrat (Demokratische Partei).

August Schanz gilt als der Erfinder der Stahlzarge, jener Stahlkonstruktion für Türen und Fenster, die in dem genormten Wohnungsbau große Bedeutung erlangen sollte. Die sich aus einem soliden Handwerksbetrieb heraus entwickelte Großschlosserei kam wegen der vom Frankfurter Architekten und Stadtbaumeister Ernst May,  für dessen berühmten Neubauten, nachgefragten modernen Fenster- und Türrahmen aus Stahl wieder gut ins Geschäft wodurch sich eine große Expansion ergab. Nach ihm wurde im Preungesheimer Gewerbegebiet eine Straße benannt. August Schanz starb am 19.11.1935 in seiner Geburtsstadt. Das Unternehmen zog 1937 wegen eines fehlenden Gleisanschlusses komplett nach Mühlheim am Main um. Das Unternehmen konnte nach dem Ende des 2. Weltkriegs, wegen eines Produktionsverbots durch die amerikanische Militärregierung und nach einem Restitutionsprozess, mit den jüdischen Vorbesitzern des Mühlheimer Werksgeländes, die Produktion erst wieder Mitte der 1950er Jahren wieder aufnehmen. Zwischenzeitlich wurden die dortigen Werkhallen zeitweise an die Schuhfabrik „Tack“ und die Elektromotorenfabrik „van Kaick“ vermietet.

 

Quelle: Frankfurt Biographie: ISG Sammlung Ortsgeschichte Sign. S3/R 25.823

Gartenstraße 45 (Prof. Dr. Oskar Sommer, Architekt)

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Oskar Sommer.

Dr. Oscar Sommer stammte aus Wolfenbüttel, wo er am 07.12.1840 in eine Juristenfamilie hineingeboren wurde. Nach seinem Schulabschluss nahm er 1858 in Hannover ein Architekturstudium auf. Sein ursprünglicher Berufswunsch, Maler zu werden, war an familiären Widerständen gescheitert. Ab dem Jahr 1861 fand er in Gottfried Semper, der in Zürich Architektur lehrte, seinen großen Lehrmeister. Nach einer zwischenzeitlichen Tätigkeit in einem Berliner Architekturbüro ließ sich Sommer 1865 in Frankfurt nieder. Dort trat er in das neu entstandene Büro des Architekten Peter Schmick ein. Im darauffolgenden Jahr kam es, bedingt durch die preußische Okkupation der Stadt, im Baugewerbe vorübergehenden zu einer schlechten Austragslage. Sommer beteiligte sich deshalb zunächst an auswärtigen Ausschreibungen. Seine Beteiligung am Bau des Eisernes Stegs war 1868 sein erster großer Auftrag. 1869 erhielt Sommer einen Lehrauftrag an der Städelschule wo er ab 1887 als ordentlicher Architekturprofessor lehrte. Professor Oskar Sommer erhielt 1874 den Auftrag am Schaumainkai den Neubau des Städelschen Kunstinstituts zu errichten. Zusammen mit Rudolf Heinrich Burnitz zeichnete Sommer auch für den Neubau der Frankfurter Börse verantwortlich, der nahezu zeitgleich zum Städel entstand.

Zudem war er Vorsitzender des Architekten- und Ingenieurvereins, zu dessen 25-jährigen Bestehen er im Jahr 1892 eine Festrede über Frankfurts bauliche Entwicklung hielt. Zwei Jahre später starb Oskar Sommer am 13. Februar 1894 in Frankfurt am Main.

Er war mit Ernestine geb. Welb (1849–1896) verheiratet.

Quelle: ISG; Frankfurter Biographie;

Platz-der-vergessenen-Kinder

Gegenüber der Schillerschule, auf dem spitz zulaufenden Fußweg, zwischen der heutigen Hans-Thoma-Straße (ursprünglich Forsthausstraße) und der Gartenstraße beabsichtigte 1911 das städtische Hochbauamt eine kleine Grünanlage herzurichten und diese mit einer Pergola auszustatten. Diese bereits mit 1.500 Mark budgetierte Planung kam jedoch nicht zur Ausführung nachdem sich Sachsenhäuser Bürger, vertreten von Franz Bär aus der Forsthausstraße 28, bei der Stadt gemeldet hatten. Herr Bär berichtete von einer Spendensammlung bei der 500 Mark zusammenkamen. Verbunden mit dem Wunsch mit diesem Betrag den Ankauf eines durch den Bildhauer Johann Beltz ausgeführten Brunnen und die Herstellung eines einfachen gärtnerischen Hintergrundes zu unterstützen. Nachdem das Hochbauamt diese Idee positiv bewertete, stimmte der Magistrat am 17. Oktober 1911 einem entsprechenden Antrag zu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1953) wurde der Brunnen an den heutigen Standort, auf die kleine Grünanlage vor den Häusern Kennedyallee 34 und Gartenstraße 77 verlegt.

Der ursprüngliche Standort des Brunnens erhielt am 26. April 2017 den Namen „Platz der vergessenen Kinder“. An diesem Tag wurde dort zudem ein Denkmal feierlich enthüllt das an die von den Nazis deportierten und ermordeten Kinder eines jüdisches Kindeshauses in der Hans-Thoma-Straße 24 erinnert.

Link:

https://platz-der-vergessenen-kinder.de/

Weitere historische Aufnahmen sind im L.I.S.A. - Bericht über die Kennedyallee zu finden.

Gartenstraße 46 (Prof. Augusto Varnesi, Bildhauer)

Giulio Cesare Augusto Varnesi kam am 2.2.1866 in Rom als Sohn eines Bildhauers und Erzgießers auf die Welt. Er begann sein Kunststudium in seiner Vaterstadt an der Academia di San Luca und bei Wilhelm Widemann. 1883 folgte er seinem Lehrer Widemann zunächst nach München, später nach Berlin. Dort war er als Bildhauer an der plastischen Ausgestaltung des Berliner Reichstags unter Paul Wallot beteiligt.  1895 erhielt Varnesi einen Lehrauftrag für Zeichnen, Entwerfen und Modellieren an der Technischen Hochschule Darmstadt. 1896 zog er nach Frankfurt am Main um, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1941 als freischaffender Künstler wirkte. 1897 war Varnesi von der TH Darmstadt zum außerplanmäßigen und nach weiteren 10 Jahren zum außerordentlichen Professor ernannt worden. Er erwarb sich durch seine künstlerische Vielseitigkeit hohe Anerkennung. Im sakralen Bereich fertigte er Tabernakel für den Fuldaer Dom, Plastiken für den Mainzer Dom und die Wiesbadener Lutherkirche sowie den Hauptalter für die Hamburger Michaelskirche aus. Auch war er für den Vatikan tätig, für den er mehrere Bildwerke schuf.  In Frankfurt wurden von ihm mehrere Reliefdarstellungen für das Schauspielhaus geschaffen („Dichtung“, „Tragödie“ und „Komödie“). Das Grabmal für den Frankfurter Oberbürgermeister Miquel stammt ebenso von ihm wie die der Familien von Bethmann und de Ritter.  Das vermutlich berühmteste Frankfurter Werk des Künstlers dürfte der Einband des Goldenen Buches der Stadt Frankfurt sein, den er 1907 fertigstellte. Von ihm stammt auch die 1932 entworfene Goethemedaille der Stadt Frankfurt. Varnesi war seit 1911 Träger des Ritterkreuzes I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmächtigen, nachdem ihm zuvor bereits der preußische Rote-Adler-Orden IV. Klasse verliehen worden war.

Quelle: Frankfurt Biographie; Hessische Biographie; Wikipedia;

Gartenstraße 47 (Max Göllner, Photograph)

Max Göllner wurde am 11.04.1898 in Frankfurt am Main geboren. Er erlernte in Offenbach am Main den Beruf des Photographen. 1923 machte er sich selbstständig um ab 1928 hauptsächlich als selbstständiger Industriephotograph zu arbeiten. Ab 1932 weitete er seine Tätigkeit auch auf die Bildberichterstattung aus. Auslöser für die berufliche Expansion soll die Anschaffung der ersten Leica-Kamera gewesen sein. In der Zeit von 1939 bis 1945 war er dem Propagandaministerium von Paul Joseph Goebbels unterstellt. Göllner baute ab 1946 seinen Betrieb wieder auf. In der Schweizer Straße betrieb Göllner ein Fachgeschäft, zunächst in der Schweizer Straße 54a, am Schweizer Platz im Haus der Confiserie Jamin, später im Haus mit der Nummer 22a.  Ab 1964 existierte nur sein Photo-Archiv. Max Göllner starb 1979 in Frankfurt am Main.

Quelle: ISG

 

Gartenstraße 57 (Schillerschule)

Die Wirkung des heutigen Schulgebäudes, gegenüber der Lukaskirche gelegen, ist im Vergleich, mit dem ursprünglich im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Gebäude, deutlich weniger dominant. Jedenfalls in meinen Augen, der ich das alte Schulgebäude allerdings auch nur noch aus Fotografien kenne. Unabhängig davon handelt es bei der Schillerschule um ein Gymnasium das sich einer großen Bekanntheit und Beliebtheit erfreut. Für die 1908 eröffnete höhere Mädchenschule, hatte sich der Bezirksverein Sachsenhausen mit einem Gesuch an den Magistrat sehr eingesetzt. In diesem Gesuch, vom 15.Januar 1904, verwies der Bezirksverein auf die im Jahr 1901 eröffnete höhere Knabenschule (bis Ende des Zweiten Weltkriegs "Sachsenhäuser Oberrealschule", heute "Carl-Schurz Gymnasium"). Der westliche Teil von Sachsenhausen wurde wie folgt als geeigneter Standort für eine höhere Mädchenschule angepriesen:

"...Da nun nach der bestehenden Bauordnung in einem verhältnismässig grossen Teil der westlichen Sachsenhäuser Gemarkung nur Häuser mit zwei Obergeschossen, ja zum Teil nur Einfamilienhäuser erbaut werden dürfen, da ferner auf dem Sachsenhäuser Berg eine ähnliche Bauordnung Platz greifen soll, so sind auf diese Weise zwei Villenviertel in unserem Stadtteil in der Entstehung begriffen, welche in Gemeinschaft mit den bereits im Westen Sachsenhausens und am Mainufer befindlichen Villen eine wohlhabende Bevölkerung nach Sachsenhausen ziehen werden, wie sie -abgesehen vom Westend- in keinem anderen Frankfurter Stadtteil sein dürfte. Nun schicken aber Bürger, welche Einfamilienhäuser oder welche Wohnungen von 5,6,7 und mehr Zimmern bewohnen, ihre Söhne im Allgemeinen in höhere Knaben-, ihre Töchter in höhere Mädchenschulen. Derartige Bürger pflegen daher nur in solchen Stadtteilen Wohnung zu nehmen, in welchen die betreffenden Schulen nicht nur für ihre Söhne, sondern auch für ihre Töchter vorhanden sind.

Soll deshalb in der Entwicklung unseres Stadtteils durch den gänzlichen Mangel einer höheren Mädchenschule kein Stillstand eintreten, so muss notwendigerweise die Errichtung einer höheren Mädchenschule in Sachsenhausen baldigst erfolgen.

Aber nicht nur die gedeihliche Entwicklung unseres Stadtteils ist es, welche die Errichtung einer höheren Mädchenschule dringend fordert, noch in viel grösseren Masse ist die Errichtung einer solchen Schule ein notwendiges Bedürfnis für die nicht wohlhabende Bevölkerung Sachsenhausens.

Jeder Bürger, insbesondere aber der Bürger mit mittlerem und geringem Einkommen muss bestrebt sein, nicht nur seinen Söhnen, sondern auch seinen Töchtern eine Allgemeinbildung zu geben, die ihren Fähigkeiten und Gaben entspricht und die gebührende Rücksicht nimmt auf die etwaige Berufswahl der Kinder".

 

Quelle: Universitätsbibliothek der J. W. von Goethe Universität; Chronik der Schillerschule;

 

 

Das im Krieg stark beschädigte Schulgebäude stand an der Ecke Garten- und Morgensternstraße und gehörte zur Gartenstraße. Erst mit dem in den 1950er Jahren errichteten Neubau erhielt die Schule eine Adresse in der Morgensternstraße. An der Stelle des alten Schulgebäudes wurde ein, aus Turnhalle und Aula bestehender zweigeschossiger Anbau errichtet. Im Jahr 1968 öffnete sich die Schule auch für Schüler und hat seitdem gemischte Schulklassen.

Die Schriftstellerin Mile Braach, Jahrgang 1898, erinnerte sich in ihren Lebenserinnerungen an die Schulzeit an der Schillerschule.

"Unsere Familie wohnte 1904 in der Wolfsgangstraße, also wurde ich für die Vorklasse der Elisabethenschule angemeldet. Wir waren etwa 40 Mädchen, aber herausragende Erinnerungen an diese Jahre habe ich nicht mehr.

1909 wechselte ich mit meinen beiden jüngeren Schwestern auf Wunsch der Eltern auf die Schillerschule. Sie stand damals im Ruf, die beste und modernste Mädchenschule in der Stadt zu sein. Und trotz des weiten Schulwegs (wir wohnten damals in der Roseggerstraße), den ich, wenn es irgendwie ging, mit dem Fahrrad bewältigte, war das eine gute Entscheidung. ich habe nur gute Erinnerungen an eine wunderschöne Zeit. Die Lehrkräfte waren meist jung, es herrschte ein lockerer Ton, ein anregendes Klima. In den Pausen ging's fröhlich zu, wir spielten auf dem Hof Ball, und was mir besonders gefiel, wir mußten nicht nach Pausenende antreten, um dann in Reih und Glied zum Klassenraum hinaufzustampfen.

Über der Schule thronte der allgegenwärtige Direktor Claudius Bojunga, ein dynamischer Mensch, ein Erlebnis für alle guten Schüler, aber auch eine Strafe für die, denen das Lernen schwer fiel. Bojunga war aber auch ein knochenharter Nationalist. Seine politische Gesinnung faßte er in einem Vierzeiler zusammen und donnerte ihn uns Schülern anläßlich vaterländischer Feiern in der Aula entgegen:

Wir lieben vereint,
wir hassen vereint,
wir haben alle nur einen Feind:
England!

Manches Kind ertrug dies nicht und verließ weinend die Feier. Das erzählte ich zu Hause, und mein Vater, immer auf der Seite der Schwächeren, beschwerte sich persönlich bei Bojunga. Ob das half, weiß ich nicht mehr, mich persönlich ließ der Direktor die Intervention meines Vaters nicht spüren.

Wie hatten tüchtige Lehrkräfte, wirkliche Pädagogen: die Herren Sander und Schlosser, der sehr gerechte Mathematiker Zeisberg. Etwa die Hälfte des Kollegiums waren Frauen. Mir ist vor allem noch Frau Niebuhr in Erinnerung, eine exzellente und konsequente Lehrerin.

Einmal wöchentlich hatten wir einen Spielnachmittag (Hockey, Schlagball) auf den Sandhöfer Wiesen. Dann mußte ich also insgesamt viermal quer durch die Stadt radeln. Wenn sich eine von uns beim Spielen verletzte, das kam durchaus öfter vor, dann ging sie zu Frau von Weinberg im benachbarten Haus Buchenrode und wurde dort von ihr selbst versorgt und getröstet und, falls der Schaden recht hinderlich war, auch mit dem Auto nach Hause gebracht. 

... Mit einigen Klassenkameradinnen verließ ich 1914 nach dem "Einjährigen" die Schule.

Aus der Schillerschule ging eine Vielzahl sehr erfolgreicher Persönlichkeiten hervor, die in der Politik, dem Sport, der Wissenschaft oder der Kunst große Erfolge erreichten. Als Beispiele können stellvertretend Helene Meyer "Die blonde He" die 1928 mit einer Goldmedaille im Fechten von den Olympischen Spielen an die Schule zurückkehrte, die Schauspielerin Ilse Werner, oder Elisabeth Schwarzhaupt, die erste Bonner Bundesministerin (für das Gesundheitswesen, im Kabinett von Konrad Adenauer) aber auch die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard genannt werden.

 

Quelle: ISG; Chronik der Schillerschule; Mile Braach: "Rückblende - Erinnerungen einer Neunzigjährigen"

Gartenstraße 69 (Lukaskirche)

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Die Lukaskirche in ihrem ursprünglichen Zustand.
Zwischen dem Kirchturm und dem Pfarrhaus ist im Hintergrund das Dach des Sachsenhäuser Realgymnasiums (heute Carl-Schurz-Schule) zu erkennen.

Mit der Ausdehnung Sachsenhausens nach Westen, der Bezirksverein Sachsenhausen verwendete dafür den Begriff "Sachsenhäuser Westend" siedelte sich eine überwiegend wohlhabende Bürgerschaft im Malerviertel an. Pfarrer Volker Mahnkopp schildert die Umstände der Neugründung der Lukasgemeinde ähnlich wenn er schreibt: "Im Zuge der Südwest-Erweiterung der Stadt Frankfurt entstand 1903 mit dem neu erschlossenen, attraktiven Wohngebiet eine neue, wohlhabende Kirchengemeinde, die ihre Lukaskirche am 12. Oktober 1913 einweihen konnte Die Grundsteinlegung hatte am, 10. März 1912 stattgefunden und der erste Spatenstich im Oktober 1911 erfolgt. Der Entwurf im Jugendstil stammte vom Frankfurter Architekten Carl Friedrich Wilhelm Leonhardt (1881–1918). Da der Apostel Lukas sowohl als Schutzpatron der Maler gilt, als auch Arzt gewesen sein soll und das Frankfurter Uniklinikum im Gemeindegebiet liegt, paßte die Namenswahl trefflich. Die Walcker-Orgel war ausgerüstet mit 65 klingenden Registern und einem Fernwerk, das den Klang über die Holzdecke von der Ost- zur Westwand trug. Die damals größte Frankfurter Orgel übte auf Albert Schweitzer einen besonderen Reiz aus; er spielte dort öfter und gab im Sommer 1928 ein Konzert. Vier der fünf nach 1922 aus Spenden (wieder) beschafften Bronzeglocken wurden 1942 konfisziert und, wie bereits im Ersten Weltkrieg, zu Kriegszwecken eingeschmolzen." 

Die Sachsenhäuser nannten sie früher "die Bilderkerch", weil sie der Maler Wilhelm Steinhausen (*1846 †1924) mit großformatigen Wandbildern aus der biblischen Geschichte und einem segnenden Christus ausgestaltet hatte. Leider sind diese Kunstwerke den Brandbomben, die die Kirche am 22. März 1944 trafen, und dem Dacheinsturz zum Opfer gefallen. Die Kirche wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut und im Inneren völlig umgestaltet. Die äußere Form blieb erhalten, lediglich das Dach hat eine flachere Konstruktion erhalten. Ganz aktuell wurde das benachbarte Gemeindehaus umgebaut. 

Quelle: ISG, Pfarrer Volker Mahnkopp, https://maria-magdalena-gemeinde.de/aus-der-gemeinde/historisches/die-baugeschichte-der-lukaskirche-1912-1944/; Günter Appel in dem Buch: "Sachsenhausen neu entdecken";

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Blick auf der Schillerschule auf die Lukaskirche.

Gartenstraße 72 (Theodor Derlam, Architekt, Oberbaurat)

Theodor Derlam wurden am 13.03.1886 in Freiburg/Breisgau geboren, verstorben ist er am 04.11.1970 in Frankfurt am Main. Er war der Sohn eines Bockenheimer Bauunternehmers. An der Frankfurter Musterschule machte er sein Abitur um ab 1904 an den Technischen Hochschulen in München, Darmstadt und Berlin Architektur zu studieren. Von 1910 bis 1912 war Derlam als Regierungsbauführer am Frankfurter Hochbauamt tätig. 1913 trat er in den Dienst der Stadt Frankfurt ein und übernahm 10 Jahre später die anspruchsvolle Aufgabe in der Frankfurter Altstadt die notwendigen Sanierungs-, Auskernungsarbeiten und die Modernisierung zu leiten. Als „Baumeister der Altstadt“ war er ein enger Mitstreiter des „Altstadtvaters“ Fried Lübbecke. Dank der von Derlam unter der Altstadt gebauten Verbindungstunnel konnten sich viele Menschen nach den Bombenangriffen 1944 aus der zerstörten Altstadt retten.

Er erwarb sich bereits vor dem Krieg große Verdienste um die Wiederherstellung und Restaurierung historischer Gebäude. Dabei ist das Karmeliterkloster zu hervorzuheben, dessen Kirche, Kreuzgang und Refektorium einer erneuten Nutzung zugeführt wurden. Bei diesen Arbeiten wurden die von Jerg Ratgeb geschaffenen Fresken wiederentdeckt und freigelegt. In der Nachkriegszeit setzte er sich neben den notwendigen Bauen für eine größtmögliche Berücksichtigung der Tradition ein. Sein Name ist mit dem Wiederaufbau des Doms, der Goethehauses und des Römers verbunden sowie zahlreicher Kirchen. Dazu zählen neben der Nicolai-, der Leonhardskirche auch die Katharinenkirche sowie das Dominikaner- und Karmeliterkloster. Frankfurt verdankt ihm die Erhaltung des Portals des Palais Thurn und Taxis.

Quelle: ISG; Frankfurt Biographie;

Gartenstraße 72 (Dr. Ludwig Florian, Vize-Polizeipräsident)

Dr. rer. pol. Ludwig Maria Florian wurde am 18.01.1900 in Neustadt/Kreis Marburg geboren. Er war ab 1945 als Geschäftsführer der Frankfurter IHK tätig und baute zusammen mit dem von den Amerikanern ernannten Präsidenten, Alfred Petersen, diese Organisation wieder auf. Er wechselte als Abteilungsleiter ins hessische Wirtschaftsministerium. Bereits 1947 war Florian als Verwalter der Mitteldeutschen Creditbank, der hessischen Filiale der Commerzbank, tätig. Dabei war er u.a. mit der Überwachung der Großbankenreform beschäftigt. Diese Tätigkeit endete 1952. Von 1953 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1965 war Dr. Florian Vizepräsident der Frankfurter Polizei. Er gehörte der CDU an und war ab 1948 als Stadtverordneter und stellvertretender Fraktionsvorsitzender tätig. Von 1947 bis 1852 hatte er den Vorsitz des Stadtkreisverbandes der CDU inne.

Florian war seit 1919 Mitglied der Unitas Winfridia Münster. 1948 wurde er in St. Augustin zum Vorsitzendes des Verbandes der Wissenschaftlichen Katholischen Studentenvereine UNITAS gewählt. In dieser Zeit konnte der Unitas-Verband nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges neu aufgebaut werden.

1969 wurde Florian zum Präsidenten der Katholischen Deutschen Akademikerschaft KDA, einem Verband mit mehr als 60.000 Mitgliedern, gewählt.

1954 wurde er von Kurienkardinal und Großmeister Nicola Kardinal Canali zum Ritter des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem ernannt.

Dr. Florian starb am 16.12.1973 in Frankfurt am Main.

Nachrichtlich: In einem anderen L.I.S.A. - Beitrag konnte ich die Ergebnisse meiner Recherchen zu einem Vorstandmitglied der Mitteldeutschen Kreditbank, Johann Theodor Wolfensperger, ausführlich dokumentieren.

Quelle: ISG

Verkehrsführung

Erst mit dem Durchbruch der Walter-Kolb-Straße wurde eine Verbindung der Gartenstraße zur Alten Brücke bzw. der Elisabethen- und Brückenstraße geschaffen. Dadurch wurde eine schnelle Verbindung zur Kennedyallee hergestellt und dieser Teil der Gartenstraße bis zum Otto-Hahn-Platz zu einer stark befahrenen Durchgangsstraße.

Seit wenigen Jahren besteht zwischen der Schaubstraße und Stresemannallee (in westlicher Richtung) ein Durchfahrverbot. Verkehrsteilnehmer die von der Gartenstraße zum Theodor-Stern-Kai fahren möchten müssen seitdem einen Umweg über die Kennedyallee und Stresemannallee nehmen. Zur Überquerung der Friedensbrücke (in Richtung Hauptbahnhof) besteht die Möglichkeit über den Schaumainkai. Dafür kann rechts in die Holbeinstraße abgebogen werden.

Der westliche Abschnitt der Gartenstraße ist mindestens seit dem Jahr 1951 Einbahnstraße für den stadteinwärts (in östlicher Richtung) fahrenden Verkehr.  

In der Gartenstraße liegen Schienen die von verschiedenen Straßenbahnlinien genutzt werden. Begonnen hat der Schienenverkehr über die Wilhelmsbrücke am 31.07.1897 mit der Pferdebahn auf der Strecke vom Hauptbahnhof zur Gartenstraße. Die Strecke wurde 1900 elektrifiziert und bis zur Sandhofschleife, durch die heutige Paul-Ehrlich-Straße, verlängert. Ab dem 2.10.1908 fuhr die erste Straßenbahn durch die Gartenstraße. Es handelte sich um die Strecke vom Lokalbahnhof bis zum Hippodrom. Dort war ein Umsteigen und damit eine Weiterfahrt nach Niederrad möglich. Beim Hippodrom handelt es sich um die heutige Haltestelle "Stresemannallee/Gartenstraße". Vor 1888 soll sich dort der sogenannte "Betriebsbahnhof Süd" der Eisenbahn befunden haben. In der Mitte der Gartenstraße liegt die Haltstelle "Otto-Hahn-Platz" und an der Straßenkreuzung mit der Schweizer Straße die Haltestelle "Schweizer-/ Gartenstraße". Vor einigen Jahren wurde die Haltstelle "Vogelweidstraße" in die Gartenstraße verlegt und befindet sich zwischen der Vogelweid- und Ludwig-Rehn-Straße. 

Tag der Architektur 2017

Am Tag der Architektur des Jahres 2017 wurde auf der Grünanlage, vor dem Rotkäppchen-Brunnen, eine Open-Air-Ausstellung organisiert. Für die Nachbarschaft bestand die Gelegenheit sich über Architektur und Stadtentwicklung auszutauschen.

Versuchsgarten

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Stadtgrundkarte von 1883.

Bei meinen Recherchen zur Geschichte der Forsthausstraße (seit 1963: Kennedyallee) bin ich 2019 auf den Sachsenhäuser Versuchsgartenverein aufmerksam geworden, Dieser wurde 1881 von Sachsenhäuser Gärtnern und Gartenfreunden gegründet. Zweck des Vereins war durch die Anlage und die Unterhaltung eines Versuchsgartens sowie durch geeignete Fortbildung die gärtnerischen Kenntnisse zu erweitern. Hintergrund der Vereinsgründung waren zurückliegende strenge Winter und deren katastrophale Folgen, wie der Verlust von Bäumen durch Frostschäden.

Der erste Versuchsgarten befand sich in der Nähe des Städel‘schen Kunstinstituts, an der heutigen Rembrandtstraße. Er umfasste neben einem Obst- und Gemüsegarten auch einen Landschaftsgarten sowie eine schulbotanische- und eine Abteilung für den Anbau landwirtschaftlicher Gewächse. 1906 erfolgte ein Umzug innerhalb Sachsenhauens in südwestlicher Richtung. Auf dem nachstehenden Plan ist das Areal gut zu erkennbar, auf dem die Häuser in der Rembrandtstraße erbaut wurden.

Gartenstraße 77-81 (Bombenschäden)

Weil Sachsenhausen bei der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg, im Vergleich zum restlichen Stadtgebiet, glimpflich davon kam sind heute nur wenige Nachkriegsbauten in der Gartenstraße zu finden. Im Straßenabschnitt zwischen der Kennedyallee und der Rubensstraße (im Bereich der Rembrandtstraße) hatte es allerdings mehrere Wohnhäuser auf beiden Straßenseiten nahezu komplett getroffen. Die Häuser 79 bis 83 sowie 90 und 92 wurden nach dem Krieg durch Neubauten ersetzt, das Eckhaus mit der Hausnummer 77 wurde im ursprünglichen Zustand wieder errichtet. Ein damaliger Bewohner der Rembrandtstraße hat die Trümmerlandschaft der Häuser 79-83 fotografisch festgehalten. Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte sind Aufnahmen archiviert die u. a. die Kriegszerstörung der übrigen umliegenden Gebäude der Gartenstraße zeigen. Dadurch ist es möglich einen 3-Phasen-Vergleich zu präsentieren. Die Situation von vor dem Krieg, die Zerstörung und der heutige Zustand. 

Gartenstraße 88-92 (Bombenschäden)

Gartenstraße 85 (Gärtner und Gastwirte Wilhelm Paul Umpfenbach und Georg Umpfenbach)

Nachstehend der die Liegenschaft Gartenstraße 85 betreffende Text von Emil Klar, den dieser nach der erfolgreichen Anwendung der Baulanderschließung gemäß der "lex Adickes" in einer Chronik der damaligen Ereignisse verfasst hat:

... "Weniger Schwierigkeiten erwuchsen dem Verfahren aus den Verhältnissen des Grundstücks Nr. 15. Der nach der Forsthaus-Straße zu gelegene Teil bildet den Wirtschafts- und Konzertgarten zu dem im Vorderhause an der Garten-Straße untergebrachten Restaurant. Für diese Zwecke ist der Garten mit Anlagen und primitiven Gebäulichkeiten ersehen (Schießstand, Laubengang, Kastanienbäume etc.), die in gewissem Umfange in die Straßenfläche fallen und zur Erzielung baugerechter Grundstücke an benachbarte Eigentümer übergehen müssen. Es konnte sich, da keinerlei Minderwert infolge der Umlegung festzustellen war, nur um eine Entschädigung für diese entzogenen Bestandteile der Liegenschaft handeln und diese wurde von der Kommission auf 650,- Mark festgesetzt. Der Eigentümer erklärte sich hinsichtlich dieser Schätzung einverstanden."

Bei dem Eigentümer handelte es sich um den Gärtner und Gastwirt Georg Umpfenbach, vermutlich der Sohn von Wilhelm Paul Umpfenbach und dessen Ehefrau Margarete, geb. Kissel. Beim Blick in die Adressbücher kann dieser Rückschluss gezogen werden. In einer im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte archivierten Akte findet sich eine Zeichnung des von Klar beschriebenen Grundstücks zwischen der Garten- und Forsthausstraße (heute Kennedyallee).  Der spätere Eigentümer dieser Liegenschaft war der Bäckermeister und spätere Besitzer einer Hefe-Fabrik, Josef Pleser.

 

Quelle: ISG; Emil Klar: "Die erste Baulanderschliessung nach dem Frankfurter Umlegungsgesetze"

Ausblick IV

Gartenstraße 100 (Prof. Dr. Friedrich Dessauer)

Im unterfränkischen Aschaffenburg wurde Friedrich Josef Vinzenz Hubert Maria Dessauer am 19.07.1881 als jüngstes von zehn Kindern in eine Industriellenfamilie geboren. Dessen Vater Philipp D. (*1837  †1900) war der Gründer der Aschaffenburger Weißpapier- und Zellstofffabrik. Dessen Mutter, Elisabeth Maria Karoline, geb. Vossen (*1843  †1920), stammte aus Lüttich und war die Tochter des dortigen Farbenfabrikanten Franz Daniel Vossen.

An der Münchner Universität nahm Dessauer 1899 ein Studium der Elektrotechnik und der Physik auf und wechselte zum Sommersemester 1900 an die Darmstädter TH.  Anne I. Hardy beschreibt diese Situation in ihrem 2013 im Societäts-Verlag veröffentlichten Buch über den Röntgenpionier, Biophysiker und Demokraten wie folgt: „Er stürzte sich mit viel Elan ins Studium, musste aber schon bald feststellen, dass seine Vorbildung durch das humanistische Gymnasium nicht ausreichend war, um den Vorlesungen folgen zu können. Wie schon in der Schule, fiel ihm das Lernen nicht leicht, wenn er den praktischen Nutzen nicht erkennen konnte. Wiederholte Erkrankungen, möglicherweise die ersten Nebenwirkungen seines ungeschützten Experimentierens mit Röntgenstrahlen, erschwerten das Studium. So beschloss er, zum Sommersemester 1900 an die Technische Hochschule in Darmstadt zu wechseln, dort hoffte er, den Lernstoff besser bewältigen zu können.“

Zwei familiäre Schicksalsschläge durchkreuzten diese Planung. Zunächst erkrankte sein elf Jahre älterer Bruder Hugo schwer. Zu diesem Zeitpunkt hatte Friedrich D. bereits einen mobilen Röntgenapparat gebaut und war mit diesem an das Krankenbett seines Bruders geeilt. Die Ärzte konnten das Leben von Hugo D. nicht mehr retten. Der zweite noch gravierendere Einschnitt war wenige Monate später der plötzliche Tod seines Vaters im August 1900. Die Witwe rief ihren jüngsten Sohn zurück nach Aschaffenburg was zwangsläufig zum Abbruch des Studiums führte. Es sollte mehr als zehn Jahre dauern bis er sein Studium wieder aufnahm und promovierte.

Dessauer, ganz geschäftstüchtiger Erfinder, nutzte diese studienfreie Zeit die Vermarktung seiner Röntgenapparatur voran zu treiben und sich mit einer Patentanmeldung zu befassen. In der Folgezeit entwickelte sich ein harter Wettbewerb mit anderen Herstellern von Röntgengeräten. Erfolge bei öffentlichen Vorführungen und in wissenschaftlichen Publikationen ermunterten ihn derart, dass er bereits kurze Zeit später seine erste eigene Firma das „Elektrochemische Laboratorium Aschaffenburg (ELA) gründete. Im Juni 1901 erteilte ihm das Münchner Patentamt zwei Patente. Der Vorteil, seiner der Ärzteschaft bei zahlreichen Veranstaltungen immer wieder höchst persönlich vorgeführten Apparaturen soll deren kompakte Bauweise gewesen sein. Die bisher hauptsächlich in Krankenhäusern eingesetzten Röntgengeräte, waren für den Einsatz in Arztpraxen nicht geeignet, die ELA-Geräte dagegen schon. Bei  zahlreichen Demonstrationsveranstaltungen zog sich Dessauer massive Strahlenschäden im Gesicht sowie an Hals und Brust zu. Frau Hardy vermerkte dazu: „Dessauer sollte sein Leben lang an den Folgen seines ungeschützten Experimentierens mit Röntgenstrahlen leiden. Mehr als 100 Operationen, bei denen teilweise bösartige Tumore entfernt und Haut transplantiert wurden, waren notwendig. Die damals üblichen steifen Hemdkragen mussten durch Kragen aus weichem Stoff ersetzt werden.“

Im weiteren Leben des Jungunternehmers Dessauer, die ELA hatte inzwischen eine enorme Expansion erlebt, kam es 1906 zur Fusion der ELA mit dem in Frankfurt ansässigen „Elektrotechnischen Institut und feinmechanischen Werkstätte“ (EIF) zur VEIFA (Vereinigte Elektrotechnische Institute Frankfurt-Aschaffenburg GmbH), die 1910 ihren Sitz von Aschaffenburg nach Frankfurt, in der Mainzer Landstraße 148, verlegte, dem ehemaligen Sitz des EIF. Eigentümer der Aschaffenburger Liegenschaft, in der die ELA und nachfolgend die VEIFA ihren Sitz hatte, war die Unternehmerfamilie Elshorst (Besitzer einer Feinmechanischen Werkstätte). Die Unternehmertochter Elisabeth „Else“ Elshorst, heiratete 1909 Friedrich Dessauer. Das Ehepaar bezog 1911 in der zweiten Etage der Gartenstraße 100 eine Wohnung.

Das Ehepaar Dessauer bezog 1923 ihr neu gebautes Haus in der Wilhelmstraße 36 /Ecke Waidmannstraße. Das entsprechende Grundstück hatte Dessauer 1920 erworben. Nach der Geburt des dritten Kindes bot die Wohnung in der Gartenstraße keinen ausreichenden Platz mehr. Das Ehepaar Dessauer hatte seit 1910 (Gerhard) und 1914 (Ottmar) bereits zwei Söhne. Anne I. Hardy beschreibt diese Veränderung wie folgt: "Am 3. Februar 1920 wurde die Tochter Maria geboren. Da die Wohnung in der Gartenstraße nun zu eng wurde, kauft Friedrich Dessauer ein Grundstück in der Wilhelmstraße (später Stresemannallee), das nur durch seinen Garten von einem doppelten Bahndamm getrennt war. Ihr für alles Technische begeisterte Vater habe deshalb diesem Grundstück den Vorzug vor einem ruhiger gelegenen gegeben, erinnert sich Maria Dessauer."

Ein wichtiges Resultat seiner Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Strahlentherapie, der er sich nach seinem Umzug nach Frankfurt verstärkt zuwandte, war die Entwicklung der Röntgen-Kinematographie, mittels der es ihm 1909 erstmals gelang das Schlagen eines Herzens vorzuführen. Die sogenannte Tiefentherapie, womit die Behandlung tieferliegender Geschwüre und Tumore mittels Radium verstanden wird, geht ebenfalls auf seine Forschungstätigkeit zurück. Aus der darauf basierenden Grundlagenforschung konnte die sogenannte Kreuzfeuermethode entwickelt werden. Die moderne Krebsbehandlung geht auf diese Forschungsergebnisse zurück. Des weiteren beschäftigte sich Dessauer mit der Wirkung von unterschiedlich stark dosierten Bestrahlungen und entwickelte daraus die Quantenbiologie. Sein Name ist zudem mit der von ihm entwickelten systematisch physikalische Methode verbunden, die von Dessauer in die medizinische Therapie eingeführt wurde. Mit seinem Namen sind erste Weiterbildungsveranstaltungen "Unterrichtskurse für Ärzte" für die praktische Anwendungen von Röntgenapparaturen und Strahlentherapien verbunden, die schnell von Mitbewerbern kopiert wurden. 

1920 wurde er zum ordentlichen Honorarprofessor an die Frankfurter Universität berufen. Dazu Frau Hardy:  "24.04.1920: Berufung zum ordentlichen Honorarprofessor in der naturwissenschaftlichen Fakultät. „Ab dem 1. August 1920 mietete Dessauer acht Räume in dem in wirtschaftliche Not geratenen Institut für animalische Physiologie im Theodor-Stern-Haus. Institutsleiter war Prof. Dr. Albrecht Bethe, der Vater des Physikers und späteren Nobelpreisträgers Hans Bethe.“

Dank der im Februar 1921 von dem Frankfurter Rechtsanwalt und Geheimen Justizrat Dr. Henry Oswalt gegründeten Oswalt-Stiftung gelang es, das im selben Jahr gegründete Institut für medizinische Physik auf stabile Beine zu stellen. Aus diesem, von Dessauer geleitenden Institut, ging 1936 das Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Biophysik (das heutige Max-Planck-Institut für Biophysik) hervor. Das KWI wurde in der ehemaligen Villa des Bankiers Eduard Beit von Speyer (Forsthausstraße 70) untergebracht. (Für vertiefende Informationen dazu empfehle ich das Buch meines Kollegen Dieter Wesp: Villa Kennedy: Wohnhaus, Forschungslabor, Luxushotel)

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ging Dessauer in die Politik und das neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler. Frau Hardy schreibt dazu: "Das Frankfurter Bürgertum wählte den engagierten und begabten Redner schnell zu seinem Fürsprecher. Ende November wurde er eines von zwölf Mitgliedern im Vorstand des Frankfurter Bürgerrats, der als Pendant zu den Arbeiterräten entstanden war. In dieser Funktion wirkte er in stundenlangen Verhandlungen mit dem Arbeiterrat ausgleichend und warb um gegenseitiges Verständnis. Ende November 1918 trat Dessauer in die Zentrumspartei ein, die bis dahin in Frankfurt nur schwach vertreten war. Er hielt sie "für die am wenigsten schlechte Partei". Von 1919 bis 1924 gehörte er der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung an und war von 1924 bis 1933 Mitglied im Reichstag. Reichskanzler Brüning, zu dem der Frankfurter Abgeordneten ein enges Vertrauensverhältnis entwickelte, ließ sich von Dessauer beraten.  Anne I. Hardy berichtet in ihrem sehr lesenswerten und hoch informativen Buch von gemeinsamen Wahlkampfauftritten der beiden Zentrumspolitiker, z.B. im Hippodrom, und von Übernachtungen des Regierungschef im Privathaus der Familie Dessauer in der Wilhelmstraße.

Die 1913 ins Leben gerufene Frankfurter Volkszeitung zählte zur politischen Mitte und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu den wenigen selbstständigen Zeitungen, der jedoch kein wirtschaftlicher Erfolg beschieden war. Die Zeitung schrieb rote Zahlen. Ein 1918 von Dessauer gewährtes Darlehen konnte leider nicht verhindern, dass die Zeitung 1921 von einem Bankrott bedroht wurde. Dessauer wurde wieder um Hilfe gebeten und bot diese auch an. Nachdem seine Pläne auf eine große Akzeptanz gestoßen waren, er forderte eine Neuorganisation und es gelang das Kapital mehrfach zu erhöhen, übernahm Dessauer Anfang des Jahres 1923 den Aufsichtsratsvorsitz der Zeitung. Im gleichen Jahr wurde die ebenfalls in eine finanzielle Schieflage geratene Offenbacher Volkszeitung (OV) übernommen. Zum 1. Oktober 1923 entstand aus der Fusion mit der OV die "Rhein-Mainische Volkszeitung".

Sein Engagement bei der Zeitung und seine offensiv vertretene Haltung gegenüber den seit Januar 1933 regierenden Nationalsozialisten brachte Dessauer 1934 einen Diffamierungsprozess und seine Verhaftung ein. Er entging einer Verurteilung wurde jedoch seines Frankfurter Lehrstuhl enthoben. Die Leitung des von ihm geführten Instituts wurde fortan von Boris Rajewski geführt. Dessauers Gegner gaben jedoch keine Ruhe. Am 6. Februar 1934 machte sich eine aufgehetzte Gruppe von rund 80 Personen, in der Mehrzahl wohl nationalsozialistische Studenten, auf den Weg zum Wohnhaus Dessauers. Es kam zu einem Überfall gegen 21:00 Uhr. Dem Mobb gelang es die Eingangstür zu zerstören und in das Haus einzudringen. Dessauer, der zusammen mit seiner Frau, zwei der Kinder und zwei Dienstmädchen anwesend war, wurde bedrängt und bedroht. Die Täter verließen das Haus, dass durch Steinwürfe weitere Schäden erlitt, erst, als Polizeisirenen zu hören waren.

Dieter Wesp berichtet im seinem Buch über die Geschichte der Villa Kennedy und die wenig rühmliche Karriere Rajewskis. Dessauer nahm 1934 einen Ruf an die Universität Istanbul an. Dort leitete er als Direktor das Radiologische Institut. Drei Jahre später wechselte er in die Schweiz nach Fribourg und übernahm die Leitung des Physikalischen Instituts der dortigen Universität. Bereits 1946 wurde er durch die Frankfurter Universität rehabilitiert und gab ab 1950 zunächst Gastvorlesungen und ab 1951 wieder regelmäßige Vorlesungen an der Frankfurter Universität. 1953 verlegte er seinen Wohnsitz wieder nach Frankfurt. Dessauer wurde 1956 emeritiert. Der Ehrenbürger der Städte Frankfurt und Aschaffenburg starb durch weitere Auszeichnungen hochgeehrt am 16.02.1963 in Frankfurt am Main. Er hinterließ eine Vielzahl an Publikationen. Es sollen rund 400 fachwissenschaftliche Arbeiten aber auch zahlreiche philosophische Schriften sein. 

Quelle: Anne I. Hardy: Friedrich Dessauer, Röntgenpionier, Biophysiker und Demokrat; Frankfurter Biographie; Wikipedia; Dieter Wesp: Villa Kennedy: Wohnhaus, Forschungslabor, Luxushotel;

Gartenstraße 101 - 103 (Wittwe Hassan)

Die Feinkostkette Wittwe Hassan wurde 1878 gegründet. Ob die Eigentümer der 1930er Jahre auch die Gründer waren konnte ich leider nicht ermitteln. Die beiden jüdischen Kaufleute Alfred Mayer und Julius Sommer waren die Besitzer der Mayer & Sommer OHG mit dem Sitz in der Hanauer Landstraße. Wie aus einem Briefkopf von 1934 hervorgeht befanden sich die Firmenräume in einem großen Backsteingebäude, das wohl in erster Linie ein Lagerhaus gewesen sein dürfte.

Benno Nietzel schildert in seiner 2012 im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht veröffentlichten Dissertationsschrift mit dem Titel „Handeln und Überleben – Jüdische Unternehmer aus Frankfurt am Main 1924 – 1964" die Ereignisse die zum Verkauf der des Feinkostunternehmes führte und wer die neuen Eigentümer waren.

Demnach bestand das Unternehmen Wittwe Hassan Mitte der 1930er Jahre aus 36 Filialen in Frankfurt am Main und Umgebung. Vergleichbar mit dem deutlich größeren Lebensmittels-Handelunternehmen Schade & Füllgrabe und dessen jüdischen Besitzern wurden auch die Herren Alfred Mayer und Julius Sommer von den lokalen Ortsgruppen der NSDAP bedrängt das Unternehmen komplett zu verkaufen. 1936 gaben die beiden Besitzer dem Druck nach und verkauften den größten Teil der Filialen an verschiedene andere Handelsunternehmen der gleichen Branche. 11 Filialen gingen im März 1936 an Kaiser's Kaffeegeschäfte mit  Sitz in Viersen. Weitere Geschäfte wurden an zwei Unternehmen verkauft. Das waren 1937 die Emmericher Warenexpedition mit 7 Filialen. An das Bayerische Schokoladenhaus, mit Sitz in Würzburg, waren bereits 1936 8 Filialen verkauft worden. Da die Emmericher Warenexpedition ihre gerade erworbenen Filialen an die Würzburger weiterverkaufe erhöhte sich deren Frankfurter Läden auf 15. Herr Nietzel beendet seine Aufführungen bezüglich der Frankfurter Feinkostkette und  deren Eigentümer mit: "Nach diesen Verkäufen verblieben den jüdischen Inhabern noch mehrere Filialen, von denen sie einige 1938 an verschiedene Frankfurter Einzelpersonen verkauften. Vier Ladengeschäfte waren im November noch nicht verkauft und fielen den Zerstörungen des Progroms zum Opfer. Die Firma Mayer & Sommer wurde seit Dezember von einem staatlichen Abwickler liquidiert."

Mir ist das Unternehmen "Wittwe Hassan" erstmals im Zusammenhang mit meinen Recherchen zu "lex Adickes" und dem ersten Anwendungsgebiet zur Baulanderschliessung nach dem Frankfurter Umlegungsgesetz aufgefallen. In einem Plan war in der Gartenstraße ein Grundstück ausdrücklich von dem Anwendungsgebiet ausgenommen. Gemeint war das Doppelgrundstück Gartenstraße 101 - 103, wo sich die Dampf-Kaffeerösterei der Wittwe Hassan befand. Da diese Grundstücke bereits bebaut waren bestand keine Notwendigkeit diese Fläche in das Umlegungsgebiet einzubeziehen. Die entsprechenden Karten, mit unterschiedlichen Fluchtlinienplänen, sind im vorstehenden Kapitel "lex Adickes" enthalten. Hier ist lediglich noch ein Ausschnitt (Gartenstraße) aus dem endgültigen Plan beigefügt.

 

Quelle: ISG; HHStA in Wiesbaden; Benno Nietzel:  „Handeln und Überleben – Jüdische Unternehmer aus Frankfurt am Main 1924 – 1964"; Emil Klar: Die erste Baulanderschliessung nach dem Frankfurter Umlegungsgesetze (lex Adickes)

Ausblick V

Gartenstraße 114 (Julius Vaternahm, Buchhändler)

Mit dem Namen von Carl Wilhelm Josef Vaternahm (1844-1917) war in Frankfurt über viele Jahrzehnte eine Institution verbunden, die erste Bahnhofsbuchhandlung im Frankfurter Hauptbahnhof mit Ablegern in vielen weiteren Bahnhöfen der Region. Die Anfänge gehen auf das Jahr 1869 zurück, wo der aus Brandenburg (Neuruppin) stammende junge Buchhändler, zunächst im Gießener Bahnhof und ab 1870 auch in Frankfurt erste unternehmerische Erfolge feiern durfte. Der Hauptbahnhof war noch nicht errichtet und der Eisenbahnverkehr wurde über die drei nebeneinander liegenden Bahnhöfe der Taunus-, Main-Neckar- und Main-Weser-Bahn abgewickelt. Vaternahm trat auf den Bahnsteigen mit einer Tasche voller Lesevergnügen (Zeitungen, Zeitschriften und Büchern) als fliegender Händler auf eine Kundschaft, die eine zeitraubende Reise in Aussicht hatte. Die neuartige Geschäftsidee etablierte sich und ernährte den Jungunternehmer, der seinen Geschäftssinn im Laufe der Zeit auf den Handel mit Blumen ausgedehnt hatte. Im 1888 eröffneten riesigen Frankfurter Hauptbahnhof war Vaternahm sogleich mit der ersten Bahnhofsbuchhandlung vertreten. Diese existierte über drei Generationen bis zum 8. Mai 1945 im Hauptbahnhof und wurde nach dem Tod des Gründers im Jahr 1918 zunächst von den Söhnen Alfred Franz Oskar V. (1872-1923) und Julius Paul Johannes Vaternahm (1875-1931) und ab 1931 vom Herbert Julius V. (*1904), einem Sohn von Julius Paul Johannes V., geführt. Das Unternehmen konnte 1969 sein 100jähriges Jubiläum feiern. Zu diesem Zeitpunkt war längst nach dem Urenkel Erich Julius Otto V. (1893-1964) mit dessen Sohn wieder ein Julius der Unternehmenschef.

Eines Morgens um fünf Uhr

„Man könnte denken, die beiden an jenem 18. August 1888 spät abends heraneilenden Lokomotiven mit dem Wiesbadener Zug hinter sich hätten allein dem schönen Ereignis zu Ehren den Kopfblock überfahren und erst auf dem Querbahnsteig eingehalten: Einmal und nicht wieder. Sie haben es aber wohl eher deshalb getan, um gleich am ersten Tag zu verstehen zu geben. Ihr werdet es schon noch erleben. Passt nur mal auf!“

Mit diesen Worten führte Karl Zimmermann in seinem 1954 im Waldemar Kramer Verlag veröffentlichten Buch “Bahnhof - geliebt und erforscht“ in eine Geschichte ein, die von nicht vorschriftsmäßig zum Halt gekommenen Lokomotiven berichtete. Der Höhepunkt der nacherzählten Begebenheiten ereignete sich 1901 am Nikolaustag um 5 Uhr in der Frühe. Die friedliche Bahnhofsruhe wurde durch ein Notsignal eines einfahrenden Zuges und durch einen ungewöhnlichen Lärm schlagartig unterbrochen.

Was war geschehen? Karl Zimmermann schilderte es so:

„Vor dem Wartesaal draußen, an der Sperre zum Bahnsteig 2 visitierte der Bahnsteigschaffner Halblein die Fahrkarten, ganz ruhig, wie das so üblich ist. Er hatte gerade ein Fahrscheinheft in der Hand, da reißt ihn irgendjemand zur Seite, ein Schlafwagenkontrolleur. Der Schaffner wachte im selben Moment geradezu auf und hört ein Donnern und Pfeifen, Mahlen und Krachen und die Erde lebt, scheint zu bersten. An ihm vorbei rast über Kiesschüttung und Asphaltpflaster eine Lokomotive, mit ihren Wagen hintendran, reißt den Pressbock >wie ein Streichholz zusammen<. Drei Schlafwagen machen von da an nicht mehr mit. Gepäck- und Postwagen bleiben auf dem Querbahnsteig. Die Maschine selbst aber, >Mainz 329<, mitsamt ihrem Tender rennt weiter, durchbricht die Fassade des Empfangsgebäudes, die ein Meter zwanzig dicke Mauer, schlägt ein 10 Meter breites und 12 Meter hohes Loch, wuchtet mit Furioso ins Innere, schiebt die Trümmer, die schweren Quadersteine noch ein Stück vor sich her und kommt erst mitten im Wartesaal unter dem Lüster zum Halten.  

Der Portier hatte das herannahende Ungetüm zuerst bemerkt. Er hatte vielleicht ebenso wie draußen der Kondukteur die verzweifelten Notsignale des Zuges vernommen. Jedenfalls schrie er pflichtgemäß: „Rette sich, wer kann!“  Kreischend führen die Büfettdamen davon, ein Kellner ihnen nach. Der andere vermag sich vor Schreck nicht zu rühren und läßt das ganze Tablett mit allem darauf zu Boden fallen. Der Herr im Sofa, der sich so unversehens geweckt und eingesperrt sieht, bemüht sich verzweifelt, frei zu kommen.

Aus der Lokomotive fuhr zischendes Wasser, blasendes Gewölk. Der Lokführer, der mit dem Heizer abgesprungen war, wagte sich wieder hinauf und stellte den Dampf ab. >Die Maschine stand mitten im Wartesaal und alles war wieder ruhig“, heißt es in der Zeitung.< 

Nun hatte der Bahnhof, groß und feierlich, wie er war und wirkte, eine ihm angemessene Sensation. Zwar waren Lokführer und Heizer etwas mitgenommen. Aber im übrigen nur Sachschaden, vor allem deshalb, weil zu so früher Stunde kaum Menschen im Bahnhof, auf der inneren Bahnhofspromenade, eben dem breiten Querbahnsteig, zugegen gewesen waren.“

 (…) Um zwei Uhr mittags war die Lokomotive selbst schon wieder draußen. Teilweise war der Schornstein abgebrochen. Puffer und Laterne waren demoliert, Kessel und Zylindergehäuse stark verbeult. Das Laufbrett war verbogen, der Führerstand beschädigt. Alle inneren Teile der Maschine erwiesen sich als intakt. Und ganz oben auf der Lok fand sich ein Roman von Sudermann mit dem passenden Titel „Glück im Winkel“. Das Ungetüm nämlich war auch über eine der Verkaufsbuden des Buchhändlers Vaternahm hinweggefaucht und hatte alles durcheinandergewirbelt.“

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Die Wiesbadener Buchhandlung Dr. Vaternahm im April 2020

1935 gründete der 1888 in  Wiesbaden geborene Dr. Otto Friedrich Vaternahm in der Wiesbadener Langgasse 25 eine Buchhandlung die seit 1959 an prominenter Stelle der Wiesbadener Innenstadt (An den Quellen 12) ihren Sitz hat. Dessen Sohn, Claus V. hat das Geschäft im Jahr 1962 von seinem Vater übernommen und es bis 1999 geführt. Er übergab das Geschäft an seine langjährige Mitarbeiterin Christiane Stockhausen, die ihrerseits 2008 die Leitung an die jetzige Inhaberin, Jutta Leimbert übergeben hat. Dr. Otto Vaternahm war ein überzeugter Gegner des NS-Regimes. Diese Haltung begünstigte ihn in der Nachkriegszeit dadurch, dass er als einer der ersten eine Lizenz zur Wiedereröffnung von der amerikanischen Militärregierung erhielt. Carl Vaternahm absolvierte Ende der 1950er Jahre eine Ausbildung zum Buchhändler und führte das moderne Geschäft zusammen mit seiner Frau Erika. Zusammen mit zwei anderen Wiesbadener Buchhändlern initiierte er 1991 die sehr erfolgreiche Veranstaltungsreihe „Wiesbadener Büchertage“ die bis zum Jahr 2000 zahlreiche Autoren und Musiker zu musikalisch-literarischen Leseabenden einlud.

In Nordhessen (Kassel, Vellmar) und dem südlichen Niedersachsen (Göttingen) betreibt H. Vaternahm & Co. mehrere Buchhandlungen. Alle vorgenannten Buchhandlungen bzw. deren Gründer standen mit dem aus Neuruppin stammenden Carl August Vaternahm in einem verwandtschaftlichen Verhältnis.

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Die Autoren Lothar Bembenek und Axel Ulrich haben im Jahr 1990 eine Dokumentation, im Anabas-Verlag, mit dem Titel "Widerstand und Verfolgung in Wiesbaden 1933 – 1945" veröffentlicht. Darin berichtet u. a. Claus Vaternahm über seinen Vater, Dr. Otto Vaternahm, und dessen Freundeskreis:

Auch nachdem inzwischen so viele Jahre verstrichen sind und ich diese Zeit ja doch als Jugendlicher erlebte, haben sich dennoch eine ganze Reihe von Erlebnissen, Eindrücken oder Erinnerungen an Stimmungslagen aus der Zeit der Nazi-Herrschaft unauslöschlich ins Gedächtnis eingemeißelt. Bestimmte Dinge kann man eben nicht einfach so ohne weiteres vergessen.

So ist mir auch jetzt noch die helle Aufregung bei uns zu Hause unvergesslich, die ich als vierzehnjähriger Bub verursacht hatte, weil man mich dabei erwischt hatte, wie ich abends heimlich Radio Beromünster abhörte. Ich hatte übrigens zuvor schon meinen Vater häufiger dabei beobachten können, wie er vorsichtig einen anderen Sender in seinem Radiogerät einstellte, die Lautstärke auf ein Minimum zurückdrehte und dann ganz begierig Nachrichten hörte, die gewiss nichts gemein hatten mit diesen für die damalige Zeit so typischen Propagandameldungen der deutschen Sender. Mein Vater war dabei offenkundig sorgsam darauf bedacht, dass ich nur ja nichts von seinen Aktivitäten mitbekäme. Aber, wie das nun einmal vor allem bei Kindern und Jugendlichen so ist: Gerade bei den Dingen, die eigentlich vor ihnen verborgen bleiben sollen, spitzen sie besonders ihre Ohren. Und genauso verhält es sich bekanntlich mit den verbotenen Früchten, die aller Erfahrung nach besonders lecker munden. Ich konnte damals natürlich bei weitem nicht die ganze bedrohliche Tragweite meines Handelns ermessen, aber der Reiz des Verbotenen, der von den Programmen der Feindsender, wie es damals hieß, ausging, ließ schließlich auch mich zu einem regelmäßigen und begeisterten „Feindhörer“ werden. Zudem wurde von Radio Beromünster ein faszinierendes Musikprogramm geboten. Auf jeden Fall setzte es einen fürchterlichen Krach, als mich meine Eltern mit einem Radioapparat unter einer Decke ertappten, die ich mir eigens zu dem Zweck über den Kopf gezogen hatte, um die verräterischen Übertragungsgeräusche möglichst abzudämpfen. Ob ich nach diesem Vorfall weiterhin heimlich Radio Beromünster hörte, weiß ich allerdings nicht mehr so recht.

Mein Vater war ein großer Pazifist und entschiedener Gegner der Nazis und hatte dementsprechend auch erhebliche wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Unsere Buchhandlung, die sich damals in der Langgasse 25 befand, hat sich in meine Erinnerung vor allem durch ihre traurig-leeren Regale eingeprägt. Die ganzen NS-Verlage und besonders der Münchener Zentralverlag der NSDAP, Franz Eher Nachfolger, belieferten uns schon längst nicht mehr, was sich natürlich ganz erheblich auf den Umsatz niederschlug. Obwohl wir eine ganze Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften führten, war beispielsweise der „Völkische Beobachter“ bei uns nicht erhältlich. In diesem Zusammenhang fällt mir folgende Episode ein: Fast täglich ging ich nach der Schule in unsere Buchhandlung, um dort herumzustöbern. Eines Tages – es kann 1944 gewesen sein – war mein Vater dort mit einem Mann konfrontiert, der ihn eindringlich danach fragte, warum er denn noch immer kein Hitler-Bild und keinen „Völkischen Beobachter“ in seiner Schaufensterauslage habe. Ich werde es nie vergessen, wie mein Vater schlagfertig darauf reagierte und sagte, das habe er doch gar nicht nötig, er trage schließlich Adolf Hitler im Herzen. Ich war irgendwie fassungslos ob dieser gewitzten Reaktion. Dieser Mann musste jedenfalls betreten und unverrichteter Dinge unsere Buchhandlung verlassen. Übrigens durften wir etliche Jahre das Geschäft nicht unter unserem Familiennamen führen, obwohl mein Vater es nach wie vor leitete. In jener nicht nur wirtschaftlich schwierigen Zeit hat er uns vornehmlich durch den An- und Verkauf von Bibliotheken über Wasser gehalten.

Mein Vater hatte damals glücklicherweise einen doch recht großen Freundeskreis, der durch seine Ablehnung des ganzen Nazismus vereint war. Hierzu zählten vor allem Dr. Friedrich Mörchen, Erich Zimmermann, Heinrich Roos oder Ferdinand Grün. Für diese gelang es ihm immer wieder, auf welche Weise weiß ich natürlich nicht, ausländische Zeitungen zu besorgen, die allgemein sehr begierig aufgenommen wurden. Dr. Mörchen war fast täglich in unserer Buchhandlung, um für sein Buch „Der nervöse Mensch in unserer Zeit“ zu recherchieren. Hier wurde er auch einmal durch die Gestapo verhaftet; daran kann ich mich genau erinnern. Auch mein Vater wurde in regelmäßigem Turnus immer wieder einmal zur Gestapo vorgeladen. Darüber sprach er natürlich niemals, aber wie häufig machte meine Mutter ihm Vorhaltungen, indem sie zu ihm sagte: „Du bringst uns noch einmal in Teufels Küche!“ Übrigens existierten mehrere diesbezügliche Abschiedsbriefe meines Vaters. Zum Glück blieb allerdings der Gestapo jener Sachverhalt verborgen, dass in der hintersten Ecke unseres Büros stapelweise Flugblätter der Weißen Rose versteckt waren. Wie mein Vater an dieses Material gelangt war und wie es gegebenenfalls weiterverbreitet wurde, das weiß ich natürlich beim besten Willen nicht. Auf jeden Fall kann ich mich noch genau an das Flugblattformat erinnern. Aber in welche Gefahr sich mein Vater dadurch begeben hatte, das ist mir dann begreiflicherweise erst sehr viel später so richtig bewusst geworden.

Die Atmosphäre jener Zeit habe ich insgesamt als sehr bedrückend und bedrohlich in Erinnerung. Dies betraf auch das Verhältnis zu den NS-treuen Teilen unsere Nachbarschaft. Insofern empfanden wir den Einmarsch der Amerikaner im Frühjahr 1945 tatsächlich damals als einer Art Befreiung: Man konnte endlich wieder erleichtert aufatmen, weil man die Nazi-Zeit doch überstanden hatte.

Flugblätter der Weißen Rose gelangten u. a. nachweislich in 400 Exemplaren auch nach Frankfurt/M. und wurden dort von Studenten weiterverteilt; ob Dr. Otto Vaternahm auf diese Weise mit dem erwähnten Material beliefert wurde oder ob dies aus den Abwürfen von Propagandamaterial durch alliierte Flieger stammte, lässt sich nicht mehr ermitteln. Die Buchhandlung erhielt 1945 eine der ersten Lizenzen und firmierte kurz darauf als „Verlagshaus der amerikanischen Armee, Auslieferung für Hessen, Buchhandlung Vaternahm“. Dr. Vaternahm gehörte zudem zum Kreis der Mitbegründer der Wiesbadener CDU. - Auch unter der Ladentheke der Buchhandlung Arthur Schwaedt am Luisenplatz wurde während der NS-Zeit verbotene Literatur gehandelt.

 

Gartenstraße 125 (Louis Peter)

Eine europaweit sehr bedeutende Fabrik von Gummiwaren wurde 1872 in der Gartenstraße von Louis Peter gegründet, die „Mitteldeutsche Gummiwarenfabrik Louis Peter“. Am 21. 02. 1841 wurde Friedrich Ludwig „Louis“ Peter in Alleringhausen als fünftes von sieben Kinder einer bäuerlichen Familie geboren. Sein Geburtsort liegt im Landkreis Waldeck-Frankenberg und ist seit der Eingemeindung im Jahr 1970 ein Stadtteil von Korbach. Seine beruflichen Anfänge lagen in der Landwirtschaft wo er zunächst als Knecht auf einem Hof im benachbarten Dorf Lengefeld arbeitete. Nach seinem Militärdienst, den er im waldeckischen Bataillon in Arolsen abgeleistet hatte, ging er 1863, zur Arbeitssuche nach Frankfurt am Main. Im Gummiwarengeschäft Roller fand er schnell eine Anstellung als Kassenbote und Zulieferer. Den damals sehr populären Namen „Louis“ hat er sich in dieser Zeit zugelegt. Nur wenige Jahre später, der Preußisch-Österreichische Krieg war 1866 ausgebrochen, wurde er als Angehöriger des waldeckischen Regiments in die preußische Armee eingezogen. Frankfurt hielt als freie Reichsstadt bekanntlich zu Österreich und die Preußen wurden nach der Okkupation der stolzen Stadt nicht gerade freudestrahlend begrüßt. Nach dem Krieg machte Louis Peter diese Erfahrung ganz direkt, denn er konnte nicht an seine alte Arbeitsstelle zurückkehren. Er fackelte offenbar nicht lange und gründete zunächst sein eigenes Gummiwarengeschäft in der Kaiserstraße.

Nach der Heirat mit der aus Langenlonsheim stammenden Margarethe Claus, am 28. Januar 1870, und dem wirtschaftlichen Aufschwung, der nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1871) und der Reichsgründung eingesetzt hatte, schaute sich Peter nach einer Liegenschaft um, in der er seine eigene Gummiwarenfabrik etablieren wollte. Das beachtliche Vermögen, dass seine Frau mit in die Ehe gebracht haben soll, erleichterte ihm die am 1. März 1872 erfolgte Gründung einer Fabrik. Anfänglich produzierte er in der Gartenstraße mit sechs Mitarbeitern Wasser- und Bierschläuche, die sicherlich in den Sachsenhäuser Brauereien guten Absatz fanden, und ab 1889 Kissenreifen. 1893, die Räumlichkeiten in der Gartenstraße waren zu klein geworden, verlegt er die Produktion auf ein Areal des durch die Trockenlegung des Wolfssees gewonnenen Baugeländes. Es handelt sich konkret um das Areal zwischen Mainzer Landstraße, Gutenbergstraße, Frankenallee und Wolfseestraße (heute: Hellerhofstraße). Später nahm er zudem die Produktion von Luftreifen für Fahrräder in sein Fertigungsprogramm auf, die er unter dem Markennamen „Peters Union Formreifen“ verkaufte. Ab 1910 kam die Produktion von Motorrad- und Automobilreifen hinzu. England konnte mit den in hoher Qualität hergestellten Produkten wie „Peters Union-Massivreifen“ und „Peters Union-Pneumatik“ sehr erfolgreich erobert werden. Die Zahl der Mitarbeiter stieg bis in eine Größenordnung von 1000 Beschäftigten, 1907 sollen allein 700 Arbeiter an der Mainzer Landstraße beschäftigt gewesen sein.

Die Stadtteil-Historikerin Renate Ullrich berichtete 2012 in ihrem Buch über die Geschichte der Mainzer Landstraße über die weiteren Baupläne Peters im Gallusviertel wie folgt. „Im Jahr 1904 plante Louis Peter die Erweiterung der Fabrikanlage zwischen Frankenallee und Mainzer Landstraße 196, ein Vorhaben, das die Baupolizei missbilligte. Das Tiefbauamt beklagte die Bauabsichten auf dem ehemaligen Kommerzialrat Aschrott gehörenden Grundstück und wollte eine weitere Fabrikanlage im Wohngebiet nördlich der Mainzer Landstraße verhindern. Er schlug vor, der Fabrik an der Front der Frankenallee, die einen hässlichen Anblick bieten würde, eine bessere Nutzung und architektonische Ausgestaltung zu geben, denn die bestehende Fabrik gereiche der Gegend nicht zur Zierde.

Eine weitere Fabrik ließ Louis Peter 1908 in Korbach errichten. Diese produzierte bald darauf mit 350 Mitarbeitern Schläuche und Fahrradreifen, ab 1910 kamen Vollgummireifen für Lastwagen, Kutschen und Elektrokarren hinzu.“

In Korbach entstand Anfang des 20. Jahrhunderts die zweite große Gummiwarenfabrik. 1904 wandelte er das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um. Am Rande der Korbacher Werksanlagen ließ er eine Siedlung für Werksangehörige errichten. Seit 1910 wurden in Korbach Fahrradbereifungen gefertigt. Das Frankfurter Werk lieferte nur noch Auto- und Motorradreifen, womit Louis Peter als erster deutscher Gummiwarenhersteller in der Fabrikation auf eine Spezialisierung setzte. Ende der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts erwarb Peter in Sumatra Kautschuk-Plantagen. Infolge einer Absatzkrise in der Gummiwaren-Industrie kam es im Aufsichtsrat, in der die Dresdner Bank vertreten war, zu Uneinigkeiten. Der Aufsichtsrat hatte die Übernahme von Peters Krediten abgelehnt. Der Firmengründer musste die Plantagen und ein großes Aktienpaket verkaufen und aus dem Aufsichtsrat ausscheiden.  Dank zweier Neffen, die sich ebenfalls in der Gummiwaren-Industrie mit der „Liga-Gummiwerke Heinrich Peter & Co. GmbH“ selbstständig gemacht hatten, gelang es durch den Rückkauf der Aktien das der Firmengründer wieder in den Aufsichtsrat seines alten Unternehmens gewählt wurde. 1921 fusionierten beiden Unternehmen und nannten sich fortan „Peters Union AG“. 1929 erfolgte der Zusammenschluss der „Peters Union AG“ mit der Continental Gummiwerke AG“ Sie ist der Vorläufer der heutigen Continental AG und der ContiTech GmbH.

In seiner waldeckischen Heimat trat als großzügiger Spender in Erscheinung indem er das Arolser Krankenhaus und manch andere Einrichtung unterstützte. Der zum Kommerzienrat ernannte Fabrikant ist bis heute in Korbach und Umgebung hoch geehrt. Eine Straße, die frühere Skagerrakstraße, sowie eine Schule sind nach ihm benannt und sogar der heutige Continental-Werkschor trägt seinen Namen. Der Korbacher Ehrenbürger Louis Peter (seit 1920) starb am 26. 02.1921 wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag.

Quelle: Renate Ullrich: "Von der Straße nach Mainz zur Mainzer Landstraße"; http://regiowiki.hna.de/Louis_Peter; ISG; Volker Rödel: "Fabrikarchitektur in Frankfurt am Main";

Frankfurter Nachrichten vom 1. März 1922

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Frankfurter Nachrichten vom 01. März 1922. Ein Artikel aus Anlass des fünfzigsten Firmenjubiläums der Mitteldeutschen Gummiwarenfabrik Louis Peter - Peters Union.

Aus der Stadt

50 Jahre Peters Union.

Ein Frankfurter Industriejubiläum

Heute am 1. März begeht die Mitteldeutsche Gummiwarenfabrik Louis Peter Aktiengesellschaft, Peters Union, die Feier ihres fünfzigjährigen Bestehens. Aus den bescheidensten Anfängen hat sich ein Unternehmen von Weltruf entwickelt und mit besonderem Stolz darf darauf hingewiesen werden, daß dieses Jubiläum ein Markstein in der Entwicklung der Frankfurter Großindustrie ist und daß auch „Gummipeter“, wie das Werk seit Jahrzehnten volkstümlich benannt wird, in sich ein halbes Jahrhundert deutscher Wirtschaftsgeschichte verkörpert.

Ältere Frankfurter werden sich noch der bescheidenen Anfänge dieses und anderer Frankfurter Industriewerke erinnern, die heute, trotz aller Anstrengungen des feindlichen Auslandes mit unerreichter Qualitätsarbeit den Ruhm und das Ansehen deutscher Arbeit wieder in alle Welt tragen. Es war das Verdienst kraftvoller Persönlichkeiten, Wesen und Bedürfnisse einer neuen Zeit rechtzeitig erkannt und mit weitblickender Tatkraft in segenspendende Arbeit umgewandelt zu haben. Der im vorigen Jahre als Achtzigjähriger verstorbene Kommerzienrat  L o u i s  P e t e r begann 1872 mit wenigen Arbeitern in Sachsenhausen in der Gegend wo heute das Hippodrom steht, die Fabrikation von technischen Gummiartikeln und heute besteht Peters Union aus zwei mächtigen Fabrikanlagen in Frankfurt und in Corbach in Waldeck, weit über 2000 Personen sind beschäftigt, vor allem aber repräsentieren die Fabrikate im In- und Ausland ein Qualitätserzeugnis, das mit Stolz das „Made in Germany“ für sich beansprucht, jene spöttische Charakterisierung deutscher Ware, die sich längst in einen Ruhmestitel verwandelt hat. Das aber ist in erster Linie dem Gründer des Werks zu danken. Heute, am 50. Geburtstag des großen Frankfurter Industriewerks muß in Dankbarkeit der Persönlichkeit dieses Mannes gedacht werden, dessen ganzes Leben bis zum biblischen Alter nur Arbeit war, an dem sich das Wort bestätigte: vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt, dem aber auch schwere Schicksalsschläge nicht erspart blieben. Kommerzienrat Peter war wie die meisten Industriekapitäne eine kraftvoll-eigenwillige Persönlichkeit, aber gerade das, was das höchste Glück der Erdenkinder unter Umständen mit tiefstem Leid verbindet, die Persönlichkeit , ein eiserner Wille, eine kolossale Arbeitsfähigkeit, setzte Peter instand, das Werk zu schaffen, das heute in glänzender Entwicklung seinen 50. Geburtstag feiert. Von dem Schuppen in Sachsenhausen ging es nach der Mainzer Landstraße; zu den technischen Artikeln kam der erste massive Gummibelag auf dem Fahrrad, die Werkstätten wuchsen, Peter brachte den ersten elastischen Luftreifen auf den Markt, die industrielle Tätigkeit setzte mit Peters Union Formreifen ein und dann ging es mächtig aufwärts: eins bahnte dem andren die Wiege – der technisch immer mehr vervollkommnete Gummireifen dem Fahrrad, das immer praktischere und soziale Entwicklungsformen annehmende Fahrrad dem Pneumatik, bis die junge Automobilindustrie den Kreis der Aufgaben immer mehr vergrößerte und die Arbeitsräume sich zu jenen Anlagen entwickelten, die draußen an der Mainzer Landstraße und in dem Waldeckischen Städtchen Corbach Tausenden Arbeit, Brot und lohnende Verdienste haben. 1908 wurde das Werk in Peters Heimat Corbach in Betrieb genommen, 1910 bereits entstand die imposante Anlage mit dem schönen Verwaltungsgebäude, dessen Aufgang die Büsten Louis Peters und seiner Lebensgefährtin schmücken. In Frankfurt steht unmittelbar die Grundsteinlegung eines großen Verwaltungsgebäudes bevor. Schwere Krisen und die anfänglichen Hemmungen des Krieges mit der Absatz- und Rohstoffblockade sind überstanden. Peters Union erobert sich aufs neue wieder den Weltmarkt. Die wirtschaftlichen Krisenjahre 1910/18, die auch zum Rücktritt des greisen Schöpfers des Werkes führten, wurden glücklich überwunden; wie ein ausgleichender Akt der Gerechtigkeit des Schicksals berührt es, daß Peter kurz vor seinem Lebensende als Aufsichtsrat wieder in die Verwaltung eintreten konnte. Dieser Erfolg krönt gewissermaßen das Lebenswerk des ungewöhnlichen Mannes, dessen Name in unlöslichem Zusammenhang mit seinem Werk steht.

Mit berechtigtem Stolz blickt Frankfurt heute auf das blühende Unternehmen. Die heimische Industrie erfreut sich einer berechtigten Popularität, denn ja als mehr ist mit ihr das Schicksal der Stadt und ihre Zukunft verknüpft. Es ist die Freude an dem Wachsen und Gedeihen schöpferischer Kräfte, die dem heimischen Boden entsprossen, soziales und wirtschaftliches Verständnis für die Bedeutung der Frankfurter Industrie , die mit ihren ausgezeichneten Erzeugnissen dem Namen der alten Stadt einen neuen, weithin durch die Welt hallenden Klang verliehen hat. Auch   P e t e r s  U n i o n  gehört zu den starken Kräften einer verheißungsvollen wirtschaftlichen Zukunft nicht nur Frankfurts, sondern Deutschlands und deshalb geleitet ein starkes bodenständig-wirtschaftliches Interesse die Gesellschaft mit herzlichen Wünschen in eine neue Epoche erfolgreicher Tätigkeit.

H. Th. W.

 

In einen Teil des ehemaligen Fabrikgeländes (Frankenallee 71-81) zog nach dem Zweiten Weltkrieg die Societäts-Druckerei. Später wurden Redaktionsräume der Frankfurter Neuen Presse, (FNP) und der F.A.Z. dort eingerichtet. Nach einer Übernahme der FNP und der Frankfurter Rundschau (FR) durch den Ippen-Verlag befinden sich dort u. a. die Redaktionsräume dieser Zeitungen in dem für das Rhein-Main Gebiet bedeutenden Medienhaus.

The Bomber's Baedeker

Für diese Projektarbeit habe ich erstmals in dem vom Mainzer Leibniz Institut für Europäische Geschichte digitalisierten Guide "The Bomber's Baedeker" nach einem der Ziele geschaut, die einen Bezug zur Gartenstraße hatten.

Das kein in der Gartenstraße gelegenes Ziel in diesem Führer (zweite Ausgabe von 1944) beschrieben wurde, war zu erwarten. Es überrascht auch nicht, dass dagegen rund um die Mainzer Landstraße mehrere Ziele beschrieben wurden und das sich darunter auch das von Louis Peter gegründete Werk befand.

Gutenberg Capture ist das Online-Portal der Mainzer Universitätsbibliothek zur digitalen Erschließung und Bereitstellung von Quellenmaterial für die Wissenschaft.  Das digitalisierte Exemplar ist Eigentum der Bibliothek des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte (IEG Mainz). Es steht übrigens jedermann zur freien Nutzung zur Verfügung. Das gilt auch für viele weitere hochwertige Digitalisate.

"Bomber’s Baedeker" enthält eine Übersicht deutscher Städte, ausgewertet nach der kriegswirtschaftlichen Bedeutung ihrer jeweiligen Industrie, ihrer Infrastruktur und ihren Verkehrswegen. Während sich die erste Ausgabe auf Städte mit mehr als 15 000 Einwohnern konzentrierte, enthält die zweite Ausgabe auch Orte mit weniger als 1000 Einwohnern, sofern sie Standorte kriegswichtiger Industrien waren. Zudem wurde eine differenzierte Priorisierung der Ziele vorgenommen. Neben den Kategorien 1 bis 3 wurde zum Beispiel die Kategorie 1+ eingeführt für Industrieanlagen von entscheidender Bedeutung für die deutsche Kriegsführung.

Der diesem sehr speziellen >Reiseführer< entnommene Text lautet:

"Diese große Kautschukfabrik war früher als Peters Union Gummiwerke bekannt. Es ist jetzt Teil des Continental-Konzerns, dessen Hauptsitz sich in Hannover befindet.

In den Frankfurter Werken sollen rund 1.500 Mitarbeiter für die Herstellung von Reifen und Schläuchen für den Kraftverkehr und für andere Gummiwaren beschäftigt sein."

 

 

 

 

Gartenstraße 134 (Johannes Alt, Buchhandlung)

Die Buchhandlung Johannes Alt, Gartenstraße 134, die in medizinischen Fachkreisen weit über die Grenzen Frankfurts hinaus bekannt ist feierte im Februar 1968 ihr 100jähriges Bestehen. Johannes Alt hatte im Februar 1868 seine Buchhandlung gegenüber dem Goethehaus eröffnet. Den jungen Buchhändler lockte die Zukunft einer Handelsmetropole, deren Aufschwung er für sein eigenes Unternehmen zu nutzen hoffte. Sein Programm umfasste Literatur von der Theologie bis zur Kunst, von den Naturwissenschaften bis zur Musik. Ganz besonders aber zog ihn die Medizin in ihren Bann, so dass er sukzessive sein Geschäft zur Fachbuchhandlung auf diesem Gebiet ausbaute. Einer der berühmtesten Kunden war Paul Ehrlich, der zu den Abonnenten eines medizinischen Lesezirkels gehörte. Kurz nachdem sich Alt selbstständig gemachte hatte erwarb er von der Buchhandlung Sonnemann, die liquidiert wurde, zwei medizinische Lesezirkel und erreichte dadurch einen neuen Kundenkreis. Er legte damit die Basis für eine zusätzliche medizinische Fachausrichtung seiner Buchhandlung, ohne jedoch die bewährten anderen Bereiche wie Kunst und Technik außer Acht zu lassen. Am 1. Januar 1879 eröffnete er im Kleinen Hirschgraben eine Spezialbuchhandlung für Medizin, Theologie, Kunst und Gewerbe. In einer Jubiläums-Festschrift wurde die sehr spezielle Geschäftsbeziehung zu dem berühmten Kunden wie folgt beschrieben: „Der medizinische Lesezirkel hatte in seiner besten Zeit 600 Abonnenten, die in drei Gruppen beliefert wurden. Alle zwei Wochen, so erzählte uns die jetzige Inhaberin Frau Pfeifer-Alt, wurden schwarze Wachstuchmappen gefüllt und innerhalb dreier Tage von dem Markthelfer Mangoldt ausgetragen, den sich Alt eigens aus Leipzig hatte kommen lassen. Mangoldt hatte das Privileg, bei Paul Ehrlich als einziger das Arbeitszimmer zu betreten, dessen Anblick wegen der überall verstreuten Bücher und Zeitschriften verwirrend war. Ein sechster Sinn half Mangoldt, stets einen Platz für die neue Sendung zu finden und jene Zeitschriften herauszusuchen die ausgebraucht waren. Übrigens brachte er nicht nur medizinische Literatur, sondern auch Kriminalromane, die der berühmte Forscher und spätere Nobelpreisträger zur Erholung in großen Mengen las. Dem Lesezirkel gehörten auch auswärtige Bezieher an, sogar ausländische. Er bestand bis 1943.“

Auch die technischen Entwicklungen, vor allen auf dem Gebiet der Elektrizität, fanden das Interesse des Buchhändlers Alt. So hatte er bei der Tagung des Elektrotechnischen Vereins 1891 seinen Stand elektrisch beleuchtet, damals eine Sensation. Nebenher betrieb Johannes Alt auch einen Verlag, in dem unter anderem Studien über medizinische Themen wie Zahnpflege, Wochenbettfieber, Angina pectoris und Heilmöglichkeiten durch Orthopädie erschienen. Eine Zeitschrift für ärztliche Landpraxis erschien 1892.

Für Johannes Alt war es selbstverständlich, dass er auch für seinen Berufsstand wirkte und sich dem Börsenverein für bestimmte Aufgaben ehrenamtlich zur Verfügung stellte. Nach seinem Tode am 3. Juli 1894 übernahm sein Sohn Friedrich das Geschäft. Seinem Vater ähnlich, hatte er weitgespannte Interessen. Lange Zeit war er Vorsitzender des Mitteldeutschen Buchhändler-Verbandes und des Vereins der Frankfurter Buchhändler. Nach vielen Umzügen verlegte er 1914 sein Geschäft ins eigene Haus in der Gartenstraße, Ecke Wilhelmstraße (heute Stresemannallee). Er hatte einen Bauplatz im damals noch freien Feld, unweit der Wilhelmsbrücke (heute Friedensbrücke) erworben und sich entschlossen dort sein eigenes Wohn- und Geschäftshaus zu errichten. Friedrich Alt bewies damit einen außergewöhnlichen Weitblick, denn viele konnten sich zunächst nicht vorstellen wie dort eine Buchhandlung existieren sollte. Es war die Zeit des Frankfurter Oberbürgermeisters Franz Adickes, mit dessen Namen eine gesetzliche Regelung zur „Baulanderschließung nach dem Frankfurter Umlegungsgesetz (lex adickes)“ verbunden war, dass seine erste Anwendung ab dem Jahr 1909 in Sachsenhausen fand. Die Gartenstraße bildete dabei die nördliche Grenze eines 21 ha umfassenden Areals, dass bis zur Holbeinstraße im Osten, der Wilhelmstraße im Westen und dem Bahndamm im Süden reichte. Auf Visionäre wie Franz Adickes und Wilhelm Merton geht die Gründung der Frankfurter Universität im Jahr 1914 zurück, deren medizinische Fakultät und Kliniken in Sachsenhausen (Gartenstraße 231 und Theodor-Stern-Kai) angesiedelt wurden. Die Fachbuchhandlung befand sich nunmehr in unmittelbarer Nähe dazu.

Nach dem Tode von Friedrich Alt am 8. September 1937 führte seine Witwe, Elisabeth Alt, das Geschäft bis 1945. Aber da das Haus mit allen Lagerbeständen und dem wertvollen Antiquariat am 20. Dezember 1943 ausgebrannt und zur gleichen Zeit der Neffe und Erbe Otto Pfeifer gefallen war, übergab sie im September 1945 die Buchhandlung ihrer Schwägerin Else Pfeifer-Alt, der zweitjüngsten Tochter von Johannes Alt.

Obwohl die neue Inhaberin bereits im sechzigsten Lebensjahr stand, begann sie den Geschäftsbetrieb in einer Notunterkunft im Hause der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) wieder in Gang zu bringen. Kollegen halfen bei der Erteilung der Lizenz durch die amerikanische Besatzungsbehörde. Nach und nach gab es auch wieder Lehrbücher. Wenn die Studenten erfuhren, dass wieder eine Büchersendung zu erwarten war, stellten sie sich nachts vor der Ladentür an, um am Morgen aus dem kleinen Kontingent etwas zu erwerben.

In der von Friedrich Wittig, dem ehemaligen Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, verfassten Festschrift wird von einem sehr speziellen Schreckmoment berichtet, den Else Pfeifer-Alt an Pfingsten 1946 ereilte.  „Am Pfingstsamstag kehrte die Inhaberin von einer Reise nach Frankfurt zurück und sah abends noch einmal nach der Buchhandlung. An der Tür hing ein Plakat „Wegen Todesfall bleibt mein Geschäft am Pfingstdienstag geschlossen. Erschrocken eilte sie in die Wohnung von Robert Zimmer (einem langjährigen Mitarbeiter), um zu fragen, was vorgefallen war. Es war nichts vorgefallen. Einige Studenten hatten sich das Plakat ausgedacht, um den Andrang am Dienstag zu stoppen.“  Als das Provisorium in der AOK immer drückender wurde, begann man 1947, das alte Gebäude wieder instand zu setzen. Im Juni 1948 konnte man einen Teil des Hauses wieder benutzen. Erst am 2. April 1952 war der Ausbau ganz beendet – die Buchhandlung war wieder am alten Platz. Die Chefin Else Pfeifer-Alt, begann das Firmenjubiläum 1968 im Alter von 84 Jahren.

Heute befindet sich die medizinische Fachbuchhandlung Johannes Alt KG auf dem Gelände der Frankfurter Universitätsklinik in der Galerie am Rosengarten (der Ladengalerie des Uniklinikums), Theodor-Stern-Kai 7. Einige Jahre logierte das Unternehmen in der Paul-Ehrlich-Straße 24/Ecke Vogelweidstraße. Nachdem die Reste des im Krieg stark beschädigten Hauses in der Gartenstraße 134 einem Neubau weichen sollten war der Umzug erforderlich geworden. 2018 feierte das Unternehmen seit 150jähriges Bestehen. Mediziner, Forschungseinrichtungen, Institutionen und Studenten finden bis heute in der Johannes Alt KG einen hochkompetenten Ansprechpartner bei der Wahl ihrer Fach-, Studien- und Forschungsmedien und das seit mehr als eineinhalb Jahrhundert.  Die Geschäftsführung liegt inzwischen in den Händen der Familie Lemmerz.

Quelle: ISG; Website des Unternehmens;

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Ausschnitt aus der Stadtgrundkarte von 1925.

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Gartenstraße 137 - 139

Auf einer über viele Jahre unansehnlichen "Ecke" der Gartenstraße, die schon vor rund 30 Jahren so benannt werden konnte, ist eine durch neue Wohnhäuser deutlich aufgehübschte Gegend geworden. Auf einem Hinterhofbereich, mit einer Vielzahl an Garagen, wurde in den vergangenen Jahren moderne Wohngebäude errichtet. Unmittelbar vor Beginn der Bauaktivitäten durfte ein Graffiti-Künstler an einer hässlichen Hauswand seiner Kunst nachgehen. Ein Neubau hat 2019 die Lücke, die einen Blick auf dieses Graffiti freigab, geschlossen.

Der Kohlehafen

In Zusammenhang mit dem Bau des Westhafens, der 1886 als „Sicherheits- und Handelshafen“ der Bestimmung übergeben wurde, entstand auf der gegenüberliegenden Mainseite ein Kohlehafen. Auf einer Länge von rund einem Kilometer, zwischen der Wilhelmsbrücke (heute Friedensbrücke) und der Mündung des Luderbachs, lagen die Lagerplätze verschiedener Kohlenhändler. Westlich davon, auf Niederräder Gemarkung, hatte die von Daniel Leichter gegründete gleichnamige Kohlenhandlung ihren ersten Lagerplatz und gab damit ein bisschen den Raum für eine Expansion vor. Nach der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts des Frankfurter Osthafens, im Jahr 1912, wurden an der Ruhrorter Werft die dort im großen Stil montierten Kräne im modernen neuen Kohlehafen in Betrieb genommen. Nach und nach übersiedelten die Kohlenhändler von der Sachsenhäuser Seite in den Osten der Stadt.

 

Volkstimme vom 8. Juli 1910

Die Verlegung des alten Kohlehafens

ist in letzter Zeit mehrfach Gegenstand der Erörterung gewesen. Jetzt nimmt der Magistrat in der Frage das Wort, indem er der Stadtverordnetenversammlung eine ausführlich begründete Vorlage zugehen läßt. Darin wird gefragt: Mit seinem großen Verkehr und der von ihm ausgehenden Staub- und Rauchbelästigung ist der Kohlehafen für seine Umgebung recht unangenehm und schädlich, entwertet das benachbarte Villengelände, belästigt die Anwohner und stört die Insassen des Krankenhauses. Ein weiterer Grund ist, daß der alte Kohlehafen selbst den Anforderungen des Verkehres und den Bedürfnissen das Kohlehandels in keiner Weise mehr entspricht. Es sind im Laufe der Zeit im Kohlehafen sehr beengte Verhältnisse entstanden, die auf den Verkehr des Frankfurter Hafens und den Umsatz der einzelnen Geschäfte ungünstig einwirken. Der Bedarf an Kohlelagerplätzen in Frankfurt a. M. beträgt schon jetzt über 100.000 Quadratmeter, also mehr als doppelt soviel, wie der im alten Hafen verfügbare Platz. Von den 100.000 Quadratmetern entfallen 22.000 Quadratmeter auf neue Firmen und 78.000 Quadratmeter auf bereits ansässige Firmen.  Der alte Kohlehafen ist ferner in seiner Anordnung und seinen Einrichtungen unzweckmäßig und veraltet. Schließlich kommt noch in Betracht, daß die Königliche Eisenbahn-Direktion den Anschluß des Kohlehafens an die Station Sachsenhausen auf den 1. April 1912 gekündigt hat, und daß die Erneuerung des Vertrages nur unter Bedingungen möglich sein wird, die wesentlich ungünstiger sind, als die bisherigen.

Vor allem aber sprechen w i r t s c h a f t l i c h e  E r w ä g u n g e n  für die Aufgabe des alten Kohlehafens. Das Anlagekapital des Kohlehafens beträgt einschließlich des Grunderwerbs: für den eigentlichen Kohlehafen rund 1.370.000 Mark, für den linksmainischen Hafenbahnhof rund 600.000 Mark, für Kai mauern, Erbarbeiten und dergl. rund 1.130.000 Mark, zusammen 3.100.000 Mark. Dieses Anlagekapital erfordert jährlich mit 51/4 Prozent eine Annuität von zirka 168.000 Mark. Der Betriebsüberschuß im Etatjahr 1908 betrug jedoch bei 168.700 Mark Ausgaben und 198.500 Mark Einnahmen nur 29.800 Mark oder rund 30.000 Mark, die noch nicht einmal eine Verzinsung von 1 Prozent des Anlagekapitals ergeben, so daß das Ordinarium durch den alten Kohlehafen jährlich mit einer Ausgabe von zirka 138.000 Mark belastet ist.

Diesem großen Fehlbetrag steht nun die g r o ß e W e r t s t e i g e r u n g des              G r u n d und B o d e n s gegenüber. Während der Grunderwerb seinerzeit nur 709.000 Mark erfordert hat, beträgt der Wert des Grund und Bodens jetzt schon zirka 5.300.000 Mark. Die erhebliche Wertsteigerung ist aber solange nicht realisierbar, als das Hafengelände noch für den Kohlenverkehr ausgenutzt wird. Der n e u e  O s t h a f e n ist imstande, den gesamten Kohleverkehr in Frankfurt aufzunehmen und dauernd zu behalten. Im ersten Ausbau werden zirka 65.000 Quadratmeter solcher Plätze am Flußhafen und Vorhafen und zirka 45.000 Quadratmeter am unteren Industriehafen bereit gestellt. Diese Plätze mit zusammen 110.000 Quadratmeter Ausdehnung reichen zur Unterbringung der angemeldeten 100.000 Quadratmeter aus, ohne daß eine Erweiterung des ersten Ausbaues und die Inanspruchnahme neuer Geldmittel erforderlich wird. Für die spätere Vergrößerung des Kohleverkehrs können weitere 51.000 Quadratmeter Kohlelagerplätze am unteren Industriehafen bereit gestellt werden; reicht diese Fläche nicht aus, so bietet der Oberhafen weiteren Platz in beliebigem Umfange. Der neue Osthafen wird ferner durch seine neuen,    m o d e r n e n  B e t r i e b s e i n r i c h t u n g e n leistungsfähiger und vollkommener als der alte Kohlehafen. Die Anordnung der Plätze, der Lade- und Löscheinrichtungen, der Gleisanschlüsse usw. wird nach den neuesten Erfahrungen in vollkommenster Weise angelegt; der Anschluß an die Staatsbahn ist sichergestellt.

Die Verlegung des gesamten Kohleverkehrs vom Westhafen nach dem Osthafen ist aber auch von g r o ß e r  f i n a n z i e l l e r  B e d e u t u n g. Bliebe der alte Kohlehafen bestehen, so würde neben den Mieten, die er jetzt einbringt (zirka 51.000 Mark) im Osthafen mit nur zirka 32.000 Mark Mieten zu rechnen sein. Wird aber der Westhafen aufgegeben, so kommen die älteren Firmen in die Lage, sich im Osthafen größere Lager als die bisher hatten, einzurichten. Die Stadt wird dann ihre Mietplätze fast vollständig unterbringen und hätte entsprechend den bereits vorliegenden Anmeldungen eine Mieteinnahme für Kohlelagerplätze im Osthafen von nicht weniger als 150.000 Mark pro Jahr. Die Mehreinnahme der Stadt beläuft sich daher auf 67.000 Mark und die des Osthafens für sich allein auf 118.000 Mark, die bei dreiprozentiger Verzinsung die man für Lagerplätze anzusetzen pflegt, allein schon nahezu vier Millionen des Anlagekapitals des Osthafens, das ohnedies aufgewendet werden muß, verzinsen. Außerdem wird dadurch dem Osthafen sofort mit der Betriebseröffnung ein sehr großer und reger Verkehr zugeführt, der auf die Ansiedlung anderer Geschäftszweige, auf die Verwertung der übrigen Lager- und Industrieplätze, überhaupt auf die ganze Entwicklung dieses Unternehmens von dem allergünstigsten Einfluß sein wird.

Die Anmeldungen für die Kohlenlagerplätze Osthafen, die für den Fall gelten, daß der alte Kohlehafen binnen zwei Jahren aufgegeben wird, erstrecken sich bereits auf 18 Firmen mit zirka 100.000 Quadratmetern Flächenbedarf. Von diesen haben 13 mit 77.000 Quadratmetern Flächenbedarf keine Bedenken gegen die Verlegung des Kohleverkehrs, so daß nur fünf Firmen mit 23.000 Quadratmetern dagegen sind.

Selbstverständlich werden mit dem Kohlehafen auch die im Westen liegenden Petroleumlageranlagen beseitigt und nach dem Osthafen verlegt werden, wo ein geeigneter Platz am Osthafenende des Unterhafens, an der Stelle, wo bisher die Werft projektiert war, vorhanden ist, so daß auch diese sehr unangenehme Nachbarschaft des städtischen Krankenhauses verschwindet.

Für ausgeschlossen hält der Magistrat es, daß der alte Kohlehafen für andere Handelszweige ausgenutzt werden kann, und zwar sowohl aus betrieblichen wie auch finanziellen Gründen. Es kommt vielmehr nur die Verwertung des Gebietes als B a u g e l ä n d e  in Betracht. Die Gartenstraße wird mit 18 Meter Breite nach Westen fortgesetzt und am Maine eine 25 Meter breite Kaistraße mit einer doppelten Baumreihe am Ufer angelegt, die mit der Gartenstraße durch eine Anzahl Querstraßen verbunden wird. Die Baublöcke zwischen der Kaistraße und der Gartenstraße, die 70 bis 95 Meter tief werden, sollen geteilt als Bauplätze verkauft werden, während das Gelände, das südlich der Gartenstraße und westlich des Krankenhauses verbleibt, für dessen Erweiterung reserviert wird. Das ganze Gebiet umfaßt 139.900 Quadratmeter, von diesen entfallen auf Straßenflächen ohne den bereits ausgebauten Teil der Gartenstraße 48.200 Quadratmeter und auf nutzbares Gelände 96.700 Quadratmeter. Letzteres teilt sich in 78.200 Quadratmeter verkaufsfähiges Bauland und 18.500 Quadratmeter Gelände für das Krankenhaus. Das der Eisenbahnverwaltung gehörige Gelände des alten Bahndamms ist dabei unberücksichtigt geblieben; es wird wohl möglich sein, es auf dem Wege des Tausches zu erwerben. Durch dieses Projekt wird au[ch] die Fortsetzung der Gartenstraße und damit die dringend notwendige zweite und direkte                            S t r a ß e n v e r b i n d u n g nach N i e d e r r a d möglich.

Mit der Verwertung des Kohlehafengeländes für Bauzwecke hofft die Stadt ein gutes Geschäft zu machen. Den Wert des 96.700 Quadratmeter großen Geländes schätzt sie auf 7.292.400 Mark.  Diesem Erlös stehen allerdings verschiedene Verluste und Aufwendungen gegenüber. Sie berechnet die notwendigen Aufwendungen für Umbauten usw. auf insgesamt 8.886.500 Mark. Rechnet man hiervon noch 20 Prozent Zinsverluste mit 777.500 Mark und als Unkosten des Verkaufsgeschäftes 4 Prozent von 4.848.400 Mark, also 194.000 Mark, so betragen die g e s a m t e n        A u s g a b e n  4.857.800 Mark, denen 5.384.400 Mark E i n n a h m e n gegenüberstehen. So verbleibt daher als Ueberschuß ein Betrag von 526.600 Mark, die dem Osthafenunternehmen zugeführt und zur teilweisen Deckung dessen Anlagekapitals bezw. Tilgung der Anleiheschuld verwendet werden kann.

Quelle: ISG, Volkstimme vom 08.07.1910;

Gartenstraße 145 (Piepmeyer & Oppenhorst, Kohlenhandel)

Die Kohlenhandlung Piepmeyer und Oppenhorst wurde am 1. März 1887 von J.W. Piepmeyer aus Kassel und Theodor Oppenhorst aus Frankfurt am Main als GmbH gegründet. Die beiden Gründer waren bereits vorher geschäftlich miteinander verbunden, denn Oppenhorst betreute vor der Gründung die Frankfurter Kundschaft der Kasseler Kohlenhandlung Piepmeyer. Am Frankfurter Westhafen wurde ein Kohlenlager eröffnet, 1893 eine Filiale in Duisburg in Betrieb genommen. Der dortige Leiter wurde Johann W. Welker, der spätere Alleininhaber der Firma P.& O. Im gleichen Jahre wurde die Firma Joh. Wilhelm Kloppenburg aus Ruhrort übernommen. Durch diese Expansion, dem direkten Kontakt zu den Kohleproduzenten wie den Zechen der Firma Haniel und dem Schiffstransport wurde bei den führenden Kohlegroßhandlungen auch ein Interesse am Reedereigeschäft geweckt. So dauerte es nicht lange bis die Transporte mit eigenen Lastkähnen wie der „Piepmeyer & Oppenhorst 1“ abgewickelt wurden.  Mit Johann Welker und P.& O. ist eine im Jahr 1903 durchgeführte Pioniertat verbunden, die erste Probefahrt eines Dampfschleppers auf dem bis dahin noch nicht für den Schiffsverkehr freigegebenen Oberrhein, von Ruhrort nach Basel.  Auf diese Initiative geht der erste Kohlentransport in die Schweiz im Jahr 1904 zurück. 1905 verlegte das Unternehmen seinen Hauptsitz von Frankfurt nach Ruhrort. Zwei Jahre später wurden die Unternehmen Carl. W. Mellinghoff (Mühlheim/Ruhr) und Liebrecht & Co. (Ruhrort) übernommen. Von 1909 bis 1912 entstand im Frankfurter Osthafen ein 15.000 qm großes Kohlenlager, das über einen Gleisanschluss verfügte. P & O umwarb seine Kundschaft mit seiner besonderen Leistungsstärke dank eigener Bergwerke, einem großen Eisenwagenfuhrpark und als Besitzer seiner großen Schiffs- und Dampferflotte  sowie als Halter von eigenen Umschlagseinrichtungen , Lastwagen und Fuhrwerken.

1918 wurde die Firma Piepmeyer & Oppenhorst für die Dauer von fünf Jahren an Haniel verpachtet. 1921 entstand in Duisburg ein weiteres Kohlenlager mit Gleisanschluss. Im darauffolgenden Jahr wurde die „Düsseldorfer Kohlen- und Kokskontor GmbH“ gegründet. 1924 erwarb der Haniel Konzern sämtliche Anteile von P & O.

Ausblick VI

Gartenstraße 140 (Allgemeine Ortskrankenkasse -AOK)

Das ehemalige Gebäude der AOK entstand nach den Plänen des Architekten Ernst Balser. Der Bauplatz, im Gebiet des früheren Kohlenhafens, war zunächst nicht in den Blick genommen worden. Wie Balser in einer im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte aufbewahrten Denkschrift festgehalten hat wurde als erstes das Areal hinter dem Frankfurter Schauspielhaus, in der Hofstraße, favorisiert (Februar 1925). Diese Pläne zerschlugen sich jedoch, weil der Bauplatz, zur Überraschung der AOK, von der Stadt angekauft wurde. Als zweiter Bauplatz wurde im Sommer des Jahres 1925 eine Fläche in Sachsenhausen in den Blick genommen, die vom Schaumainkai, Wilhelm-, Garten- und Schaubstraße begrenzt wurde. Die Größe des Bauplatzes erwies sich jedoch als zu klein für den entworfenen Baukörper. Ernst Balser, der stattdessen den späteren Bauplatz, an der Gartenstraße, vorschlug, erntete erstaunte Fragen, „Wieso er dazu käme, sein eigenes Kind umzubringen?“. Der Architekt will erwidert haben, „dass man wohl Fehler im Leben machen könne, aber keine bauen dürfe.“ 

Nach vielen Bemühungen, so Balser in seiner Denkschrift, gelang es mir von der Grundbesitzverwaltung der Stadt Frankfurt das Gelände westlich der Wilhelmstraße (alter Kohlehafen) für die Projektierung eines weiteren Projektes zur Verfügung gestellt zu bekommen.

In der Vorstandssitzung der AOK vom 30.07.1926 soll folgender Text protokolliert worden sein: „Der Erwerb eines Grundstückes zur Errichtung eines neuen Verwaltungsgebäudes wird zurückgestellt. Herr Balser wird nachträglich beauftragt, noch ein weiteres Projekt für das Gelände an der Gartenstrasse auszuarbeiten.“  

Der Kostenvoranschlag lag bei Baubeginn für den Roh- und Ausbau bei 4,6 Millionen Reichsmark, die dann im Sommer 1931 vorgelegten tatsächlichen Baukosten beliefen sich einschließlich dem Grundstückserwerb (641.576 Rmk) auf 6.693.076 Rmk. Das darin enthaltene Honorar für den Architekten belief sich auf von 292.500 Rmk. Kostensteigerungen und eine wenig effiziente Kostenüberwachung gab es zu allen Zeiten und nicht erst seit dem Umbau von Bahnhöfen ( z. B. Stuttgart 21) oder den Neubau eines Hauptstadtflughafens (BER).  

Gartenstraße 140 (Institut für Erbbiologie undRassenhygiene)

Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Gebäude als „Haus der Volksgesundheit“ bezeichnet. Wie den Eintragungen der Adressbücher zu entnehmen ist, war eine Vielzahl an Verbänden dort als Mieter untergebracht. Die Deutsche Apothekerschaft, das Oberversicherungsamt mit seiner Spruchkammer, die Reichsversicherung der Ortskrankenkassen sowie das Landesarbeitsamt Hessen logierten bis Kriegsende in der Gartenstraße 140. Zu den Mietern zählte auch das vom NS-Rassentheoretiker Otmar von Verschuer geleitete Universitäts-Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene.

Das 1935 gegründete Institut hat bereits im ersten Jahr seines Bestehens 170.000 Personen erbbiologisch erfasst. 1937/38 sollen es bereits 250.000 Personen gewesen sein.

Darüber hinaus war das Institut an der Durchführung von Zwangssterilisationen beteiligt. Freiherr von Verschuer führte in dem von ihm bis 1942 geleiteten Institut ganz gezielt rassenanthropologische Erforschung an Sinti und Roma durch. Aufgrund dort erstellter Gutachten wurden Zwangssterilisationen durchgeführt.

Peter Sandner beschreibt auf der Website von Frankfurt1933-1945 die Geschehnisse in der Gartenstraße 140 u. a. wie folgt:

1935 wurde das Frankfurter „Universitätsinstitut für Erbbiologie und Rassenhygiene“ in der Gartenstraße 140 gegründet. Am 1. April 1935 übernahm Otmar Freiherr von Verschuer den Direktorenposten und wurde zugleich Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt. Zuvor war er Abteilungsleiter am Berliner „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ gewesen. In seinem Werk „Leitfaden der Rassenhygiene“ forderte Verschuer 1941 „eine neue Gesamtlösung des Judenproblems“. Im Einklang mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 vertrat er die Position, die „einzige fremdrassige Einwanderung nach Deutschland“ sei „durch die Juden und die Zigeuner erfolgt.“

Neuartig war Verschuers Bestreben, neben Lehre und Forschung auch die gesellschaftliche Anwendung der Wissenschaft voranzutreiben. Verschuer verstand sich als „Erbarzt“. Die Schaffung einer institutionellen Basis hierfür erreichte er durch Einrichtung der amtsärztlichen „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege II“. Diese war zuständig für Frankfurt-Süd (Teile südlich des Mains), während die Beratungsstelle I im Stadtgesundheitsamt die Zuständigkeit für Frankfurt-Nord erhielt. In Frankfurt-Süd war Verschuer für die Eheberatung mit rassenhygienischer Zielrichtung zuständig. Außerdem war er an der Zwangssterilisationspraxis beteiligt. Jährlich wurden in der Beratungsstelle II etwa 1.000 Personen amtsärztlich untersucht, die wegen Eheberatung, Untersuchung wegen „Ehestandsdarlehen“, Ausstellung von „Ehetauglichkeitszeugnissen“ und Begutachtungen zur Unfruchtbarmachung dorthin kommen mussten.

Wie exemplarisch belegt ist, verweigerte Verschuer Sinti und Roma das „Ehetauglichkeitszeugnis“ aus rassischen Gründen ohne gesetzliche Grundlage und trug damit zur Auferlegung von Eheverboten bei. Ebenfalls lässt sich beispielhaft belegen, dass Verschuer sich vehement für die Zwangssterilisation bei Sinti und Roma einsetzte, obwohl Zwangssterilisationen vom NS-Staat offiziell zwar aus gesundheitlichen, nicht aber aus „rassischen“ Gründen vorgesehen waren.

Josef Mengele, der später in Auschwitz medizinische Versuche an Menschen durchführte, war seit 1937 Mitarbeiter am Institut, Verschuer sein Doktorvater.

 

Dazu führt Peter Sander wie folgt aus:

1942 ging Verschuer als Leiter des „Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ nach Berlin. In Frankfurt folgte ihm bis 1945 Heinrich Wilhelm Kranz (1897-1945). Kranz sah Forschungen über Sinti und Roma als Beitrag zur Lösung einer „außerordentlich wichtige[n] und rassen- wie erbbiologisch durchaus vordringliche[n] Frage“, die „bevölkerungs- und rassenpolitische praktische Folgerungen“ erfordere.

Die Geschichte des Frankfurter Universitätsinstituts ist auch mit dem Namen von Josef Mengele verbunden, der ab 1937 Verschuers Assistent in Frankfurt war. Mengele behielt diese Stellung formal bis 1945, war aber seit 1940 nicht mehr in Frankfurt tätig. Im Mai 1943 kam Mengele ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und beteiligte sich dort am Genozid an Sinti und Roma. Von Auschwitz aus kooperierte er mit seinem nun in Berlin ansässigen ehemaligen Vorgesetzen Verschuer. Verschuer wurde zum wissenschaftlichen Nutznießer der Medizinverbrechen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. 1946 bis 1949 versuchte Verschuer vergeblich, seinen früheren Frankfurter Lehrstuhl wiederzuerlangen. Mit Blick auf seine Vergangenheit bot ihm die Universität die Gelegenheit zur wissenschaftlichen Forschungstätigkeit an, allerdings ohne Professorentitel und Institutsleitung. Verschuer verzichtete. Bald darauf wurde er von der Universität Münster auf einen eigens geschaffenen Lehrstuhl berufen und übernahm 1951 die Leitung des neuen Instituts für Humangenetik in Münster.

Quelle: https://www.frankfurt1933-1945.de/home/; Landesgeschichtliches Informationssystem Lagis;

 

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Otmar Freiherr von Verschuer

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Josef Mengele

Gartenstraße 140 (AEG)
offizielle Adresse: Theodor-Stern-Kai 1

Das im Frankfurt der 1950er Jahre häufig als „Hochhaus-Süd“ bezeichnende 46 Meter hohe Bürogebäude (12 Etagen) war auf einem Areal errichtet worden auf dem viele Jahre Zirkusse ihre Zelte aufgebaut hatten (z.B. Krone 1917 und 1927, Althoff 1918, Blumenfeld 1921, Hagenbeck 1921). In den 1930er Jahren gab es eine Planung dort die von Martin Elsaesser entworfene Kunstgewerbeschule zu errichten. Die schwierige Wirtschaftslage machte jedoch eine Realisierung dieser Planung unmöglich. Bei Baubeginn im Jahr 1949 machte sich Frankfurt noch Hoffnungen im Wettbewerb mit Bonn Bundeshauptstadt zu werden und das Bundesarbeitsministerium sollte dort einziehen. Dadurch dass Bonn diesen Wettbewerb gewann, konnte die AEG dort ihre Konzernzentrale in der sogenannten „Zentralverwaltung-West“ einrichten, Berlin galt zunächst weiterhin auch noch als Konzernsitz. 1957 erwarb der Elektrokonzern das benachbarte AOK-Gebäude und stockte es um drei zusätzliche Etagen auf. Beide Gebäude waren durch flache Anbauten miteinander verbunden. In der ehemaligen Schalterhalle des AOK-Gebäudes richtet die AEG ein kaufmännisches Rechenzentrum ein. Die offizielle Adresse der AEG lautete Theodor-Stern-Kai 1. Aus eigener Erfahrung und Anschauung kann ich davon berichten, dass sich im Keller des Hochhauses ein gut sortierter Weinkeller und in der obersten Etage ein Casino für die Leitenden Angestellten befand. Die Kantine der sonstigen Belegschaft sowie eine Bibliothek befand sich im früheren AOK-Gebäude. Der von flachen Anbauten begrenzen Wirtschaftshof der AEG lag an der Gartenstraße. In den Anbauten waren mehrere Einzelhandelsgeschäfte untergebracht, die zusammen mit einer Bäckerei, einer Postfiliale und einem Friseursalon die in den gegenüberliegenden Mietshäusern zu finden waren, die Nahversorgung der Büroangestellten und der umliegenden Wohnbevölkerung sicherstellten.

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Die Bauarbeiten zur Instandsetzung der Friedensbrücke (vormals Wilhelmsbrücke) und zum Bau des modernen Verwaltungsgebäudes im Jahr 1951.

Baustellen auf und neben der Wilhelmsbrücke.

Das Brückenbauwerk wurde in den Jahren von 1844 bis 1848 als Eisenbahnbrücke errichtet und erhielt den Namen: Main-Neckar-Brücke. Bedingt durch den Bau des Frankfurter Hauptbahnhofs (Einweihung im Jahr 1888), einer neuen Eisenbahnbrücke (an der Mündung des Luderbachs) sowie eines Bahndamms und der Verlegung des Eisenbahnverkehrs, bekam die Brücke 1891 einen anderen Namen:  Wilhelmsbrücke. Auf die neue Eisenbahnbrücke wurde der bisherige Name "Main-Neckar-Brücke" übertragen. Kurz vor Kriegsende, vor dem Einmarsch der amerikanischen Armee wurde die Brücke durch angeordnete Sprengungen von der Wehrmacht stark beschädigt, jedoch nicht völlig zerstört. Die von der amerikanischen Besatzung vorläufig für den Verkehr als Provisorium hergerichtete Brücke bekam für wenige Monate den Namen "Golden Gate Bridge" und stand zunächst nur den Amerikanern zur Verfügung. 1950 erfolgte der Abriss der Brücke, die dem allgemeinen Verkehrsaufkommen nicht mehr gewachsen war und durch einen Neubau ersetzt. Die neue "Friedensbrücke" wurde am 01.03.1951 feierlich eingeweiht. 

Knapp zwei Monate später wurde das Verwaltungsgebäude der AEG seiner Bestimmung übergeben.

Panorama-Aufnahmen der Sprengung vom AEG Hochhaus

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Das zur Sprengung vorbereitete ehemalige Hochhaus der AEG Hauptverwaltung.

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Der Moment der Sprengung im Bild festgehalten.

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Eine Staubwolke statt dem Hochhaus.

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Nun ist auch das ehemalige AOK-Verwaltungsgebäude abgetragen und das gesamte Gelände wird für einen Neubau der Allianz-Versicherung vorbereitet.

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Blick vom Hochhaus des Universitäts-Klinikums auf das freigeräumte Gelände auf dem sich zunächst ein Teil des Kohlehafens und eine Aufstellfläche für Zirkusse befand. Ab 1930 das AOK-Verwaltungsgebäude und ab 1951 auch das AEG-Hochhaus standen.

Gartenstraße 229 (Städtisches Krankenhaus)

Die Ansiedlung des Städtischen Krankenhauses im westlichen Teil der Sachsenhäuser Gemarkung erfolgte auf stadteigenem Grund und Boden. Ein ebenfalls in Erwägung gezogenes Areal am Röderberg kam wegen der dortigen Eigentumsverhältnisse nicht zum Zuge. Für eine Bebauung wäre zunächst der Ankauf der Grundstücke erforderlich geworden was mit einer zeitlichen Verzögerung des Projektes verbunden gewesen wäre.

Der ehemalige Frankfurter Oberbürgermeister, Franz Adickes, beschrieb die sich damals verändernde Situation der Gesundheitsversorgung in den kurz vor seinem Tod,  im Jahr 1915, veröffentlichten "Persönliche Erinnerungen zur Vorgeschichte der Universität Frankfurt a.M."  folgendermaßen:

„Die in der alten freien Reichsstadt Frankfurt bestehenden Einrichtungen auf dem Gebiete der Armen- und Krankenpflege waren höchst eigentümlicher Art. Dr. Adolf Varrentrapp, der spätere Stadtrat und Bürgermeister, hat sie als junger Jurist in dem Sammelwerk von Emminghaus über das Armenwesen eingehend geschildert. Hier muß der Hinweis genügen, daß es städtische Krankenhäuser im eigentlichen Sinne nicht gab, daß vielmehr für die Armen- und Krankenpflege eine Anzahl öffentlicher milder Stiftungen errichtet waren, welche unter der Leitung von sogenannten, aus Bürgern der Stadt gebildeten Pflegeämtern standen. Sie waren wohl der Aufsicht der städtischen Behörden unterstellt, genossen aber die Rechte weitgehender Selbstverwaltung. Unter diesen öffentlichen milden Stiftungen waren das Waisenhaus und das als Hauptkrankenhaus für die alte Reichsstadt dienende Hospital „Zum heiligen Geist“ mit Vermögen reich ausgestattet, während das Rochus-Hospital, welches sich der Pflege der Aussätzigen und an anderen ansteckenden Krankheiten Leidenden widmen sollte, erst später errichtet wurde und sich mit verhältnismäßig geringen Mitteln bescheiden mußte. Für das Hospital zum Heiligen Geist war in den 20er Jahren im Ostend nach den Plänen des Architekten Friedrich Rumpf ein geräumiger, noch heute benutzter Bau ausgeführt worden, bei dem freilich wegen der engen Begrenzung des Geländes eine wesentliche Vergrößerung ausgeschlossen war.

In das verhältnismäßig ruhige und idyllische Leben dieser Pflegeämter brachte nun die Einverleibung der Stadt Frankfurt in Preußen und die damit verbundene Einführung der Freizügigkeit die größten Umwälzungen, indem das bis dahin zurückgehaltene Wachstum der ärmeren Bevölkerung wesentlich veränderte Formen annahm, sodaß die Zunahme der Kosten des Armen- und Krankenwesens  bald einen Gegenstand steter Sorge für die neu errichteten städtischen Behörden bildete und die Unzulänglichkeit der bisherigen Einrichtungen immer gebieterischer eine völlige Umgestaltung forderte.

Indessen gelang es erst im Jahre 1881 der mit dem Oberbürgermeister Miquel eintretenden neuen Verwaltung mit der Stadtverordneten-Versammlung eine Einigung über die bisher lebhaft umstrittene Frage herbeizuführen, auf welchem Gelände  die neuen Krankenhäuser zu errichten und wie dieselben im Einzelnen zu gestalten seien. Oberbürgermeister Miquel gab dem im städtischen Besitz befindlichen, wenn auch tief gelegenen und der Aufhöhung bedürfenden Grundstücke an der Gartenstraße in Sachsenhausen den Vorzug vor den erst zu erwerbenden Grundstücken am Röderberg, und so wurde mit der Errichtung einer städtischen Krankenhausanlage erst in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen.“

[…] „So entstand von jetzt ab in dem neuen städtischen Krankenhaus an der Gartenstraße ein Komplex von Kliniken, welche durch wiederholte Vergrößerungen zu immer wachsender Bedeutung gelangten, und schon nach kurzer Zeit erschien es als ganz selbstverständlich, daß die wissenschaftlichen Anstalten und Spezialkliniken, über deren Neuschaffung in den nächsten Abschnitten zu berichten sein wird, nur im Anschluß an diese städtischen Krankenanstalten erbaut werden konnten. Damit bildete sich ein medizinisches Zentrum, das, mehr und mehr sich erweiternd, immer geeigneter wurde, die Unterlage für die heute medizinische Fakultät zu bilden.“

Quelle: Frankfurt-Biographie; Benzenhöfer, Das Städtische Krankenhaus in Frankfurt am Main von 1884 bis zur Eröffnung des Universitätsklinikums 1914; Benzenhöfer, Die Universitätsmedizin in Frankfurt am Main von 1914 bis 2014; Adickes, Persönliche Erinnerungen zur Vorgeschichte der Universität Frankfurt am Main; Frankfurter Historische Kommission, Franz Adickes – Sein Leben und sein Werk; Wachsmuth, Die Gründung der Universität Frankfurt;

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"Das neue Hospital am Sandhof". Eine Aufnahme aus dem Jahr 1884.

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Dem Buch "Frankfurt am Main und seine Bauten" entnommen. Es wurde 1886 vom Frankfurter Architekten- und Ingenieur-Verein herausgegeben.

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Das erste an der (verlängerten) Gartenstraße errichtete Krankenhausgebäude war das für „Hautkrankheiten und Syphilis“. Es ersetzte das „Rochushospital“, ein seit dem Mittelalter in Frankfurt existierten Haus zur Behandlung bzw. Absonderung von Hautkrankheiten. Dieses befand sich ursprünglich im Bereich des Gutleuthofes und später des Städelhofes (Allerheiligenviertel). 1845 konnte die ein Jahr zuvor zu einer „milden Stiftung“ erklärten Einrichtung am Oberräder Fußweg einen Neubau beziehen. Das Hospital wurde 1881 von der Stadt übernommen. Das 1884 fertiggestellte Haus bekam die Adresse Gartenstraße 229.

Der weitere Aus- und Erweiterungsbau des städtischen Krankenhauses erfolgte in dem Areal, dass sich bis zur Eschenbach-, Paul-Ehrlich-Straße und dem Bahndamm der Bebraer-Bahn erstreckte, über einen Zeitraum von dreißig Jahren, wobei eine besonders große Bautätigkeit ab 1907 erfolgte. Mit der Universitätsgründung und der Eingliederung des städtischen Krankenhauses in das Universitätsklinikum erfolgte ab 1914 der weitere Ausbau als Teil der Universität. Nachstehend eine Übersicht über die Bautätigkeit (bis 1910), ohne die in dieser Zeit vorgenommen Erweiterungen bestehender Häuser.

1884  Klinik für Hautkranke (Bauteil A)

1884  Wirtschaftsgebäude

1892  Verwaltungsgebäude

1893  Chirurgische Klinik

1894  Medizinische Klinik

1898  Wohnhaus des Direktors der medizinischen Klinik

1899  Königliches Institut für experimentelle Therapie

1900  Personalhaus

1900  Waschhaus

1907  Poliklinik und neurologisches Institut; Bibliothek

1907  Pathologisches Institut

1907  Wohnhaus des Verwaltungsdirektors

1907  Klinik für Hautkranke (Bauteil C)

1907  Georg Speyer-Haus mit biologischem Institut

1908  Frauenklinik

1908  Medizinische Klinik für Kinder

1908  Klinik für Hautkranke Kinder

1908  Erweiterung Klinik für Hautkranke

1908  Dampfkesselhaus

1908  Maschinenhaus

1908  Desinfektionsanstalt

1909  Kochküche

1909  Hygienisches Institut

1910  Aufnahmegebäude und Therapeutikum

1910  Carolinum (Zahn-, Hals-, Nasen- und Ohrenklinik)

1910  Augenklinik

1910  Wohnhäuser für Oberärzte

1910  Wohnhaus des Direktors der chirurgischen Klinik

Prof. Benzenhöfer merkte in einer Fußnote in seinem Buch: "Das Städtische Krankenhaus in Frankfurt am Main von 1881 bis zur Eröffnung des Universitätsklinikums 1914" ein besonderes Detail bezüglich des Neubaus der Klinik für Hautkranke (Bauteil C) an. „Der Neubau der Klinik für Hautkranke C war nach Herxheimer et al. 1908, S. 16 besonders interessant, da er „wohl der erste Krankenhausbau in Deutschland ist, der eigens zum Zwecke der Aufnahme polizeilich eingewiesener geschlechtskranker Mädchen erbaut worden ist. Wo sonst besondere Bauten heute zu diesem Zwecke dienen, sind sie erst später dazu hergerichtet worden“. Die Betonung lag also auf „eigens zum Zwecke“. In einer Veröffentlichung von Landes und Menzel 1989, S. 11 wurde daraus das erste [!] Prostituiertenhaus [!!] Deutschlands“.

Das Gebäude entstand, neben der Dr. Senckenbergischen Anatomie, mit seiner Längsfront an der Gartenstraße und sollte sich ab 1910 in unmittelbarer Nachbarschaft zur Augenklinik befinden.

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Dieser Lageplan wurde dem Buch von Dr. Franz Adickes "Persönliche Erinnerungen zur Vorgeschichte der Universität Frankfurt a.M.", das im Oktober 1915 im Verlag Englert & Schlosser erschien, entnommen.

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Luftaufnahme aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.

Gartenstraße 229 (Universitäts-Klinikum)

In der 1929 von der Frankfurter Historischen Kommission herausgegebenen Biographie über Franz Adickes (*1846 in Harsefeld bei Stade †1915 in Frankfurt), dem noch heute in Frankfurt hochverehrten Frankfurter Oberbürgermeister, gehörte dessen Bruder Prof. Dr. Erich Adickes (*1866 in Lesum †1928 in Tübingen) zu den Autoren. Prof. Berthold Freudenthal (Jurist und erster Dekan an der Frankfurter Universität) und Ludwig Heilbrunn (Rechtsanwalt und enger Freund des OBs), waren die Autoren des Kapitels „Franz Adickes als Universitätsgründer“. In dem einleitenden Text ist von unsicheren Überlieferungen die Rede, die von Bemühungen berichten das einerseits der Frankfurter Rat im 14. Jahrhundert versucht haben soll die Verlegung der Pariser Universität, deren Lage  infolge der doppelten Papstwahl von 1378 schwierig war, zu erreichen. 490 Jahre gab es nochmals eine entsprechende Initiative. Freudenthal und Heilbrunn führten dazu aus: „1868 ist die Frage der Universität Frankfurt wieder Gegenstand öffentlicher Erörterung, sowohl im Sinne einer Neugründung wie einer Verlegung der Marburger Universität. Die Anregung dazu ging von dem früheren Zivilgouverneur für Hessen-Nassau und Frankfurt, Freiherrn von Platow, damaligem preußischen Abgeordneten, aus.“

Mit der Übernahme des Amtes des Frankfurter Oberbürgermeisters durch Dr. Franz Bourchard Ernst Adickes sollte dieser bald eine weitere Initiative zur Gründung einer Frankfurter Universität starten. Anknüpfend an die Schrift „Frankfurts Gegenwart und Zukunft“, die der Journalist und ehemalige Stadtverordnete Otto Kanngießer 1892 kurz vor seinem Tod vorgelegt hatte, in der dieser Argumente für die Begründung einer Universität in Frankfurt vorlegte, schrieb Adickes in seinen persönlichen Erinnerungen zur Vorgeschichte der Universität (1915) wie folgt:

„Sie machte aber umso mehr Eindruck auf mich, als sie in einer Aufforderung an meinen Vorgänger, den damaligen Finanzminister Miquel, und mich gipfelte, der Begründung dieser Universität unsere Kräfte zu widmen. So wenig ich zunächst zu übersehen vermochte, ob in  dieser Aufforderung ein wirklich beachtenswerter Kern steckte, so prägte sie sich mir doch tief ein, und so sehr ich auch in der Folge von einer sich immer wieder erneuernden Fülle von Arbeiten belastet und bedrängt wurde, so blieb doch der Gedanke der Errichtung einer Universität in Frankfurt immer der leuchtende aller der Sterne, die mich lockten und meine Weg erhellten.“

Dank eines ausgezeichneten Netzwerkes und einer stiftungsfreudigen Bürgerschaft sollte den jahrelangen Bemühungen 1914 die Gründung der Frankfurter Universität folgen.

Im Stiftungsvertrag (vom 28.09.1912) wurde festgelegt welche Gebäude auf dem Krankenhausgelände auszuführen waren. Professor Richard Wachsmuth veröffentlichte 1929 im Auftrag des Senats der Universität in einer Denkschrift die vormaligen Geschehnisse in einem Buch mit dem Titel: „Die Gründung der Universität Frankfurt“. Darin ist die bauliche Entwicklung u. a. wie folgt beschrieben.  „Verhältnismäßig einfach war die Errichtung eines Gebäudes für die normale Anatomie sowie die übrigen auf dem Krankenhausgelände auszuführenden Anbauten. Da ein Anatom noch nicht berufen war, wurde Professor Gasser in Marburg bei der Aufstellung der Pläne um seinen Rat gebeten. Bauherr war die Dr. Senckenbergische Stiftung (Vorsitzender Dr. Ernst Rödiger). Der Bau wurde zum Oktober 1914 fertig. Die Stadt baute einen großen Hörsaal für Chirurgie und richtete verschiedene Polikliniken ein, für deren Betrieb sie im Lauf der Jahre immer erheblichere Kosten aufwendete. Das Theodor Stern’sche Medizinische Institut, das sich nur verpflichtet hatte, in ihm zur Verfügung gestellten Räumen des Krankenhauses ein Physiologisches Institut einzurichten und dauernd zu betreiben, entschloß sich zu einem Neubau, der so große Ausmaße erhielt, daß auch ein Pharmalogisches Institut dort Platz fand. Für diesen Gemeinschaftsbau war als Termin der Fertigstellung der 1. April 1915 genannt. An dem Bau, zu dem die Stadt wieder das Gelände gab, beteiligte sich auch die Neubürger-Stiftung für ihr Institut für Kolloid-Chemie.“

Im sich von der Gartenstraße bis zum Theodor-Stern-Kai erstreckenden Theodor-Stern-Haus, befanden sich die Institute von Prof. Gustav Embden und Prof. Albrecht Bethe. Beide Persönlichkeiten wurde in vorangegangenen L.I.S.A.-Beiträgen, zur Holbeinstraße und zur Kennedyallee, vorgestellt.

Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte ist der Nachlass von Otto Kanngießer archiviert. In einer Dokumentenmappe befindet sich eine Kopie eines großen Artikels zu den Anfängen der Frankfurter Universität, der 1926 im Frankfurter General Anzeigers abgedruckt wurde. Autor des Artikels war der Rektor der Universität, Prof. Dr. Gustav Embden.

 

Quelle: Frankfurt-Biographie; Benzenhöfer, Das Städtische Krankenhaus in Frankfurt am Main von 1884 bis zur Eröffnung des Universitätsklinikums 1914; Benzenhöfer, Die Universitätsmedizin in Frankfurt am Main von 1914 bis 2014; Adickes, Persönliche Erinnerungen zur Vorgeschichte der Universität Frankfurt am Main; Frankfurter Historische Kommission, Franz Adickes – Sein Leben und sein Werk; Wachsmuth, Die Gründung der Universität Frankfurt; ISG;

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Luftaufnahme des Uni-Geländes mit Markierungen zur besseren Orientierung.

Frankfurter General-Anzeiger vom 29.Mai 1926

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Das Werden der Frankfurter Universität.

Ein Überblick. 

Von Professor Dr. Gustav Embden, Rektor der Universität.

Zwölf Jahre sind bald verflossen, seit die Universität Frankfurt als gleichberechtigtes Mitglied in die Reihe ihrer älteren Schwestern eintrat. Zeit genug, um zu vergessen, daß das, was heute eine Selbstverständlichkeit ist, damals heftig befehdet wurde, weil seine Existenz als unnötig, als überflüssig, ja als schädlich angesehen wurde. Die Pläne zur Errichtung einer Universität in Frankfurt lassen sich bis ins Mittelalter hinein zurückverfolgen. Es war im Jahr 1384, da gingen einsichtige Männer mit dem Gedanken um, der damals weltbeherrschenden Universität Paris, in der Frankfurt ein Gegengewicht zu schaffen. Die Stadt, in der das heilige römische Reich deutscher Nation seinen Herrscher kürte, in der Handel und Industrie Deutschlands sich auf den Messen ein Stelldichein gaben, sollte zum Mittelpunkt deutscher Bildung werden. Es ist nicht dazu gekommen; unruhige Zeiten brachen über Deutschland herein und entzogen den Universitätsprojekten den Boden. Vergessen waren die deshalb nicht. Im Zeitalter der Aufklärung, seit 1781, begeisterte der Plan, eine f r e i e, vom Staat unabhängige Universität zu gründen, wiederum wissenschaftshungrige Reichsstädter. Als Napoleon das heilige römische Reich deutscher Nation zu Boden warf und aus den Trümmern den ihm ergebenen Rheinbund schuf, wähnte der Jurist und Theaterdirektor Johann Friedrich v. Meyer den Augenblick gekommen und legte Großherzog von Dalberg die Verwirklichung der alten Hoffnung nahe. 1815 wies Goethe seine Landsleute darauf hin, daß die Senckenbergische Stiftung zu einer „wissenschaftlichen Anstalt“ ausgebaut werden müsse. Die Nöte der Zeit lenkten die Aufmerksamkeit von der geplanten Bildungsstätte ab, bis das Jahr 1848 die erste deutsche Nationalversammlung in Frankfurts Mauern sah. Es war nicht verwunderlich, wenn die Gelehrten, die im Parlament in der Paulskirche wirkten, der erstrebten deutschen Einheit ein Symbol in einer „allgemeinen deutschen freien akademischen Universität“ geben wollten. Ehe diese Erwägungen festere Gestalt annahmen, löste sich die Nationalversammlung auf, und achtzehn Jahre später ging die ruhmreiche Vergangenheit Frankfurts als selbstständiges Gemeinwesen innerhalb des Reiches zu Ende. Unter den Aequivalenten, die die neue preußische Landeshoheit für den Verlust der Reichsfreiheit gewähren sollte, stand auch die Gründung einer Universität. Aber der Vertreter Frankfurter Interessen versäumte den günstigen Augenblick und überließ die Durchführung des Universitätsplanes Männern, die nicht vor persönlichen und fachlichen Schwierigkeiten zurückschreckten. Die siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ließen erkennen, daß die Hoffnung auf eine eigene Universität nicht aufgegeben war; der reichsstädtische Patriot Otto Kanngießer war sich 1892 zum beredten Fürsprecher dieses Gedankens auf, und seine Schrift „Frankfurts Gegenwart und nächste Zukunft“ erweckte ein Echo in dem neuen Oberbürgermeister Franz Adickes.

Was bisher gefehlt hatte: eine Persönlichkeit, die all ihre Kräfte für eine als richtig erkannte Sache einsetzte, die mit dem Schwung tonangebender Initiative Widerstände brach und auch den Gegner für die eigene Sache zu gewinnen wußte – das vereinigte sich in A d i c k e s. In ihm paarte sich friesische Hartnäckigkeit und Ausdauer mit romantischer Beweglichkeit und Gewandtheit, in ihm verband sich geniale Großzügigkeit mit feiner Diplomatie und schuf aus Zukunftsperspektiven Wirklichkeit. Mit zukunftsfroher Begeisterung, aber auch mit nüchternem Tatsachenblick erfaßte er den Universitätsgedanken, erwog Für und Wider, musterte die vorhandenen Grundlagen, die sich zum Weiterbau verwerten ließen. Mehrfach hat er ihm angebotene hohe Staatsstellen ausgeschlagen und „mein stiller Hintergedanke bei den Ablehnungen“, so hat er noch 1913 gesagt, „war immer die Universität“. Die Ueberwindung der mannigfachen Schwierigkeiten materieller und ideeller Art waren kleine diplomatische Meisterstücke. In knapper Uebersichtlichkeit hat Adickes in seinen „Persönlichen Erinnerungen zur Vorgeschichte der Universität Frankfurt a.M.“ selbst die Arbeit geschildert, derer es bedurfte, um die Universität zu schaffen: „So sehr ich auch in der Folge von einer sich immer wieder erneuernden Fülle von Arbeiten belastet und bedrängt wurde, so blieb doch der Gedanke der Errichtung einer Universität in Frankfurt immer der leuchtendste aller der Sterne, die mich lockten und meinen  Weg erhellten.“  Ein Grundstock war schon vorhanden in den zahlreichen bestehenden Instituten, deren Ausbau immer nur dem einen Ziel diente. Im preußischen Kultusministerium fand Adickes in dem Ministerialdirektor Althoff einen Förderer seiner Pläne, während Frankfurter Bürger die finanziellen Mittel bereitstellten.

Der Hauptkampf stand aber noch bevor, als die letzte große Schlacht geschlagen werden mußte, als Adickes an die Zusammenstellung aller vorhandenen Institute heranging. In Wort und Schrift nahmen die Gegner zu der beabsichtigten Neugründung Stellung. Man fand „Frankfurt als Universitätsplatz an sich ungeeignet, vor allem zu teuer und zu nahe bei anderen Universitäten gelegen“. Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit wurden bestritten, und man erblickte hinter den willkürlichen und innerlich unbegründeten Gedanken die krankhafte Sucht Frankfurts, alles an sich zu reißen. Dank der unermüdlichen Tätigkeit Adickes und seiner treuen Helfer wurden die Angriffe abgeschlagen. Ein Gefühl innerer Zufriedenheit beherrschte den immer Tätigen, als ein kaiserlicher Erlaß vom 1. August 1914 den preußischen Kultusminister mit der Durchführung der Universitätsplanungen beauftragte, nachdem schon am 10. Juni 1914 die Errichtung der Universität genehmigt worden war. Am 18. Oktober 1914 eröffnete die bisherige Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften, mit den anderen Instituten des Physikalischen Vereins, der Städtischen Krankenanstalten, der Georg-Speyer-Stiftung, der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft ihre Tore als jüngste deutsche Universität. Der erste Vorsitzende des Kuratoriums war Franz Adickes. Er übernahm die Fortführung des Begonnenen, denn noch war vieles zu erledigen. Es mangelte an Räumlichkeiten für den Unterrichtsbetrieb, einzelne Bauten waren noch nicht fertiggestellt. Wenn auch das erste Semester nur 618 Studierende und 377 Hörer brachte, so hoffte Adickes doch nach Schluß des Krieges auf 1800 Studierende. Da die Universität nur auf den Stiftungen Frankfurter Bürger basierte, so war besondere Aufmerksamkeit nötig, um neben der Erhaltung des Bestehenden und Vorbereitungen für die Zukunft zu ermöglichen. Vor allem galt es, die noch fehlende Universitätsbibliothek zu schaffen, die schon Goethe als „Grund zu allen wissenschaftlichen Bemühungen“ betrachtet hatte. Es ist Adickes nicht mehr vergönnt gewesen den Schlußstein einzusetzen. Krieg und Inflation erschütterten die Grundlagen des allgemeinen Lebens und es schien der Tag nicht mehr fern zu sein, an dem die junge Alma mater ihr Pforten schließen mußte, ehe ihre Wirksamkeit recht begonnen hatte.

Da griff wiederum tätiger Bürgersinn ein; Männer des praktischen Lebens wurden zu Trägern der Adickesschen Gedanken und Taten. Wiederum, wie zu Althoffs Zeiten, sprang auch das preußische Kultusministerium helfend bei. Das Schlimmste wurde verhütet, und das die Stabilisierung der Währung kam, da begann langsam der Aufstieg der jungen Universität. Adickes‘ Optimismus hatte mit 1800 Studierenden gerechnet, im letzten Wintersemester 1925-26 wurde die doppelte Zahl der Universitätsbesucher überschritten. Dem Lehrkörper. Der 1913  55 Mitglieder zählte, gehören heute 249 Dozenten an. Die Zahl der Institute hat sich bedeutsam vermehrt, sodaß ihre Unterbringung im Universitätsgebäude nicht mehr möglich ist. Die Tatsachen haben diejenigen widerlegt, die noch 1911 einer Frankfurter Universität die Existenzberechtigung absprachen.

Aber vieles bleibt noch zu tun. Wie die Vorgeschichte der Universität und ihr bisheriges Leben gezeigt hat, ist sie in Kind Frankfurter Unternehmergeistes. Tätiger Bürgersinn hat sie unter Führung ei n e s Mannes schließlich geschaffen und ihr über die schlimmsten Zeiten hinweggeholfen. Auch in Zukunft wird die Universität aufs engste mit der Stadt verbunden bleiben, sie wird für ihre Arbeit immer wieder Verständnis finden. So wird sich das Wort erfüllen, mit dem Goethe seinen Frankfurtern die Errichtung einer „Wissenschaftlichen Anstalt“ empfahl: „Es geziemt Frankfurt, von allen Seiten zu glänzen  und nach allen Seiten hin tätig zu sein; … und Frankfurt hat gar wohl ein Recht, nach seinem Zustand, seiner Lage, seinen Kräften für so löblich Zwecke mitzueifern.“

Literaturverzeichnis

Ähnlich wie bei meinem vorangegangenen Projekt wurde ich auch dieses Mal von der großen Anzahl an Büchern überrascht, die die Gartenstraße direkt oder indirekt behandeln. Stets kommt diese darin mit ihren Bewohnern, Haus- und Fabrikeigentümern oder dort tätigen Menschen vor. Bei einigen älteren Buchveröffentlichungen steht die Landschaft, in Gemälden und Zeichnungen, sowie die Geschichte der Gärten im Mittelpunkt.

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Comment

by Hans Günter Thorwarth | 02.08.2020 | 10:14
Wieder ein hervorragender Beitrag zur Frankfurter Geschichte!
Unglaublich was Herr Jensen an interessanten Informationen, schönen Bildern und Plänen zur Gartenstraße zusammengetragen hat.
Eine wahre Fundgrube nicht nur für Anwohner und Sachsenhausenfreunde sondern für alle Geschichtsinteressierte auch außerhalb Frankfurts.

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