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Dr. Jürgen Wenzel | 18.07.2013 | 2101 Aufrufe | Artikel

Forschungen zu Armut und Armenfürsorge in Spanien in der Frühen Neuzeit

Spaniens Gesellschaft am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit: viele offene Fragen

Für die Forschung stand schon seit Längerem fest, dass mit der Renaissance in den protestantischen Teilen Europas auch ein Wandel der Armenfürsorge stattfand. Die Städte rückten dabei in den Vordergrund, indem sie durch Armenordnungen die Versorgung einheimischer Armer regelten und auswärtige Bettler auswiesen. Gleichzeitig erfolgte eine Kommunalisierung der überwiegend kirchlichen Hospitäler und deren Zusammenschluss zu größeren Einheiten unter städtischer Ägide. Disziplinierende Maßnahmen gegen die Armen, wie z. B. durch den Humanisten Juan Luis Vives formuliert, fanden Eingang in verschiedenen Armenordnungen.

Mit seiner Dissertation zur Armut und Armenfürsorge in Spanien in der Frühen Neuzeit (ISBN 978-3943025033) hat sich der Kieler Historiker Jürgen Wenzel mit der Frage beschäftigt, ob diese Umbrüche auch für den christlichen Teil Spaniens zu beobachten sind. Nach überwiegender Forschungsmeinung blieb dort die Armenfürsorge in den Händen der katholischen Kirche und erfuhr nicht die erwähnten strukturellen und inhaltlichen Veränderungen.

Die Dissertation legt nahe, dass dieses fundamentale Urteil nicht haltbar ist. Lokalstudien Wenzels zur Situation in Navarra und seiner Hauptstadt Pamplona belegen, dass die wesentlichen Institutionen der Armenfürsorge in städtische Verwaltung übergingen und dass diverse Armenspitäler zu der größeren Einheit des Hospital General zusammengefasst worden sind. Für andere Städte Spaniens lassen sich ähnliche Hinweise finden.

Es ist davon auszugehen, dass die Frühe Neuzeit in Spanien mit wenigen Jahrzehnten Verzögerung ähnliche Veränderungen der Armenfürsorge mit sich brachte wie in anderen Regionen Europas. Die Sicht auf diese Entwicklung war möglicherweise bislang verstellt durch den einseitigen Blick der Wissenschaft auf Kirche und Krone Spaniens, der zu einem anderen Eindruck führen kann.

Somit bleibt die Feststellung, dass Lokalstudien zu anderen Regionen Spaniens zu dieser Fragestellung noch spannende Fakten hervorbringen können und dass sich hier ein weites Feld auftut, dass auf seine Bearbeitung wartet.

Frappierend ist bei der Beschäftigung mit der Geschichte der öffentlichen Armenfürsorge immer wieder, dass einem Instrumente begegnen, die in der Tagespolitik unter fast gleichen Vorzeichen diskutiert werden. Schon allein deshalb lohnt sich ein Blick auf die Thesen von Juan Luis Vives in seinem Werk: De subventione pauperum.

Bibliographische Angaben: Jürgen Wenzel: Armut und Armenfürsorge in Spanien in der Frühen Neuzeit. Studien zur Sozialgeschichte Pamplonas im 16. Jahrhundert. Solivagus Verlag Kiel 2012. ISBN 978-3-943025-03-3.

 

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