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Georgios Chatzoudis | 11/01/2016 | 1840 Views | Interviews

"ForscherInnen speisen ihr Wissen in Debatten ein"

Interview mit Viola van Melis über Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften

Die Vermittlung von geisteswissenschaftlichen Ergebnissen in die Öffentlichkeit geht bis heute noch häufig klassische Wege: Besprechungen in Feuilletons, Rezensionen in Fachpublikationen, Vorträge auf Tagungen und Konferenzen. Erreicht wird darüber in der Regel ein Publikum, das vor allem aus Kolleginnen und Kollegen besteht, was den Vorwurf, die Geisteswissenschaften seien vor allem selbstreferentiell, zu bestätigen scheint. Dass dem nicht so ist, sondern dass geisteswissenschaftliche Disziplinen auch und gerade einer breiten Öffentlichkeit viel zu sagen haben, ist die Überzeugung moderner Wissenschaftskommunikation. Die Universität Münster hat aus dieser Überlegung heraus ein Pilotprojekt entwickelt und am Exzellenzcluster "Religion und Politik" ein Zentrum für Wissenschaftskommunikation gegründet. Wir haben der Leiterin des Zentrums, Viola van Melis, unsere Fragen gestellt.

Viola van Melis

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"Wissenschaftskommunikation ist in der Regel 'Naturwissenschaftskommunikation'"

L.I.S.A.: Frau van Melis, Sie leiten das Zentrum für Wissenschaftskommunikation des Exzellenzclusters "Religion und Politik" an der Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Warum hat ein Exzellenzcluster ein eigenes Zentrum für Wissenschaftskommunikation?  

van Melis: Mit der Gründung des Zentrums für Wissenschaftskommunikation am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ ist ein Pilotprojekt für die Geistes- und Sozialwissenschaften entstanden: Im Vergleich zu den MINT-Fächern sind sie Nachzügler in der Forschungsvermittlung. Sie vermitteln ihre Erkenntnisse weit seltener systematisch an eine breitere Öffentlichkeit. Insgesamt hat sich die Wissenschaftskommunikation in Deutschland zwar in den vergangenen zwei Jahrzehnten ausdifferenziert und professionalisiert, doch in der Regel ist es „Naturwissenschaftskommunikation“. Die Exzellenzinitiative bot in Münster die Chance, ein Modellprojekt für die Kommunikation aus gut zwanzig geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern aufzusetzen. Bundesweit hat unseres Wissens keine andere geisteswissenschaftliche Forschungseinrichtung eine solche Dialogstelle.

"Forscherinnen und Forscher speisen ihr Wissen in Debatten ein"

L.I.S.A.: Worüber berichten Sie aus dem Exzellenzcluster?     

van Melis: Wir bereiten Forschungsarbeiten aus dem Exzellenzcluster in verständlichen Text- und Veranstaltungsformaten auf. Das sind Studien aus verschiedensten Fächern – von der Geschichts-, Politik- und Islamwissenschaft über Philosophie und Theologie bis zur Judaistik und Soziologie. Bei Journalisten, Politikern, Bildungsschaffenden und Bürgern stoßen wir auf viel Interesse, wenn wir ihnen durch solche Forschungsergebnisse historische, ethische oder strukturelle Einordnungen aktueller Phänomene anbieten. Das reicht von philosophischen Überlegungen zur Flüchtlingsfrage über soziologische Einschätzungen zum Islam in Europa und ethische Beiträge zur Biopolitik bis hin zu historischen und theologischen Aussagen zum Verhältnis von Religion und Gewalt. Oft sind darunter Erkenntnisse, die bis dahin selten öffentlich zu hören waren, ob zur Integration fremder Religionen in früheren Epochen und Kulturen oder zur historischen Entwicklung von Religionspolitik.

Für unsere Themenangebote filtern wir Aufhänger und Argumentationslinien aus der Forschung heraus, die gesellschaftlich relevant sind. Hier liegt, journalistisch gesprochen, ihr Nachrichtenwert. Zu Projektbeginn hatten Skeptiker nicht erwartet, dass sich für geistes- und sozialwissenschaftliche Themen, besonders für die mit historischem Blickwinkel, so viel Aufmerksamkeit wecken lässt – es hieß, die Themen seien zu trocken, zu kompliziert, zu fern. Doch allein jede Pressemitteilung des Exzellenzclusters schlägt sich im Durchschnitt zehn Mal in Print-, Online-, Radio- oder TV-Beiträgen im In- und Ausland nieder. Im Schneeballeffekt folgen Einladungen zu Vorträgen und Podien in Stiftungen, politischen Gremien, Schulen, Museen, Bildungshäusern, Islamverbänden und Journalistenschulen. Im Ergebnis speisen wöchentlich mehrere Forscherinnen und Forscher unseres Verbundes ihr Wissen in Debatten ein. In der Beschneidungsdebatte etwa war rechts- und politikwissenschaftliche Expertise gefragt, auch religionsgeschichtliche, in Interviews, politischen Gremien und für eine Ausstellung.

"Forschung verständlich, aber zugleich differenziert und ohne Übertreibung vermitteln"

L.I.S.A.: Sie haben zuletzt gemeinsam mit Kommunikatoren, Wissenschaftlern und Journalisten aus Hochschulen und Stiftungen „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR“ erarbeitet. Wie sehen die Leitlinien aus? Was sind die Ziele der Wissenschaftskommunikation?

van Melis: Die Leitlinien sind im Zuge einer bundesweiten Debatte über Qualitätskriterien der Wissenschaftskommunikation entstanden. Wir haben sie in einem überinstitutionellen Arbeitskreis entwickelt, den der Dachverband „Wissenschaft im Dialog“ und der Bundesverband Hochschulkommunikation organisiert haben. Im April wurde das Papier, das als Selbstverpflichtung gedacht ist, ähnlich wie der Pressekodex, erstmals in Berlin öffentlich vorgestellt und diskutiert. Dieser Prozess geht in Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen weiter. Im Kern geht es darum, dass in der Wissenschaftskommunikation nicht unredlich vereinfacht, geschönt oder gar übertrieben wird. Es geht um Wahrhaftigkeit, Transparenz und Offenheit der Wissenschaft für Dialoge mit der Gesellschaft. Die Präambel der Leitlinien hebt hervor: „Wissenschaft prägt weite Bereiche des privaten und gesellschaftlichen Lebens. Sie ist Grundlage für politische, wirtschaftliche und persönliche Entwicklungen und Entscheidungen.“ Umso wichtiger also, dass über Wissenschaft verlässlich und verständlich informiert wird.

Je größer die Konkurrenz in der Wissenschaftslandschaft, umso eher besteht die Gefahr, dass Kommunikatoren oder Wissenschaftler Ergebnisse größer, schöner oder bedeutsamer darstellen, als sie sind. Den Leitlinien ist eine detaillierte „Checkliste“ als praktische Hilfe angefügt, denn die Redlichkeit entscheidet sich in jedem Einzelfall neu. Nach unseren Erfahrungen am Exzellenzcluster lässt sich auch dann öffentliches Interesse wecken, wenn Forschung verständlich, aber zugleich differenziert und ohne Übertreibung vermittelt wird. Wir steuern in unseren Angeboten unredlichen Zuspitzungen gemeinsam mit den Forschern entgegen – etwa bei Erhebungen zum Image des Islams oder zur Haltung von Türkeistämmigen –, erlangen aber dennoch breite Aufmerksamkeit. Wir versuchen auch die Methoden einer Studie oder Grenzen der Fragestellung zu markieren.

"Das öffentliche Ansehen von Hochschule und Fächern stärken"

L.I.S.A.: PR, also Public Relation, klingt immer ein bisschen nach Werbung, bei der die Proportionen und Relationen selten mit der Realität übereinstimmen. Braucht Wissenschaft Werbung?  

van Melis: Forschung braucht keine Werbung, aber Öffentlichkeit. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse erblicken nie das Licht der Welt jenseits der Universitäten, obwohl sie durchaus von gesellschaftlicher Relevanz sind. Unser Ziel am Exzellenzcluster ist es, Wissenschaft nüchtern zu transportieren, ohne Übertreibung oder Verfälschung. Wir stellen auch nicht die Forschungseinrichtung ins Zentrum und betreiben für sie Werbung wie für ein Konsumprodukt, sondern verbreiten in nachrichtlich verfassten Texten wissenschaftliche Expertise. Zahlreiche gesellschaftliche Gruppen erhalten auf diese Weise Einblick in die Geistes- und Sozialwissenschaften, die ihnen zuvor oft verschlossen blieben. Sie erfahren mehr über Fächer, Methoden und Forschungsergebnisse, als es ohne eine aktive Vermittlung aus der Hochschule heraus möglich wäre. Die Forscherinnen und Forscher stellen der Gesellschaft damit ein Reflexionswissen und empirische Befunde zur Verfügung, die angesichts drängender Zukunftsfragen Orientierungswissen darstellen. Das stellt aktuelle Debatten und Ereignisse in einen weiten Horizont. Es schafft eine reflexive Distanz zur Aktualität, die in der Politik und in der Zivilgesellschaft hilft, Entscheidungen souveräner zu treffen. Im Idealfall tragen solche Einordnungen auch zur Versachlichung von hektischen, politischen Auseinandersetzung bei.

Ein weiterer Effekt ist mehr Transparenz, was die Nutzung von Steuergeldern an Hochschulen angeht, sowie eine gewisse Prävention, was ein womöglich wachsendes Misstrauen von Bürgern in die Wissenschaft angeht. Schließlich kann eine inhaltsstarke Wissenschaftskommunikation das öffentliche Ansehen und Profil einer Hochschule stärken, auch das Ansehen von Fächern. Ohne dass der PR-Gedanke hier im Zentrum steht, mag ein Imagegewinn oder Werbeeffekt erzielt werden, der die PR-Anliegen von Universitäten und ihrer zentralen Hochschulkommunikation unterstützt.

"Die Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt bei der Wissenschaftskommunikation der Kanal, über den kommuniziert wird? Hat sich im Zuge der Veränderung der Medien auch die Art verändert, wie man über Wissenschaft kommuniziert? Stichwort: Digitalität?  

van Melis: Der Kommunikationskanal bestimmt stark die inhaltlichen Möglichkeiten, Wissenschaft zu transportieren. Das tagesaktuelle Interview eines Forschers mit einer Nachrichtenagentur überbringt knappe wissenschaftliche Einordnungen, ein Gastbeitrag in einer überregionalen Zeitung oder Beiträge für ein ausführliches Radiofeature können ein Thema weit ausführlicher entfalten. Eine Ausstellung wiederum kann manches Thema stärker veranschaulichen, bildlich oder durch interaktive Instrumente. Eine Dialogveranstaltung ermöglicht den direkten Austausch zwischen Forschern und Bürgern. Wir wägen daher stets ab, welches Format sich für welches Thema eignet. Die Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle: Über Suchmaschinen werden unsere Themenangebote jederzeit im Web gefunden und vielfach weitergenutzt, auch dann, wenn wir Redaktionen damit nicht soeben aktiv beliefert haben. Social Media erhöhen diese Sichtbarkeit um ein weiteres, da immer mehr Nutzer sich hier gegenseitig Leseempfehlungen geben. Allerdings halte ich die Möglichkeiten eines seriösen Dialogs über geisteswissenschaftliche Inhalte in sozialen Netzwerken für beschränkter, als in der digitalen Anfangseuphorie zu hören war. Die Kommentare, die Forscher des Exzellenzclusters etwa auf Online-Gastbeiträge erhalten, beschränken sich, wie aus politischen Debatten bekannt, meist auf knappe, wertende Aussagen ohne Diskussionsanspruch. Davon unterscheiden sich wiederum Blogs, in denen Experten sich öffentlich miteinander austauschen.

"Als Kommunikatoren steigen wir in der Recherche tief in die Forschung ein"

L.I.S.A.: Wie sieht für Sie die ideale Kommunikation einer Wissenschaftlerin bzw. eines Wissenschaftlers aus? Was wünschen Sie sich von Ihren Kooperationspartnerinnen und -partnern aus der Wissenschaft?  

van Melis: Ein wichtiger Faktor ist das Vertrauen zwischen Wissenschaftlern und Kommunikatoren. Ist dies gegeben, lassen sich – durch Bündelung der wissenschaftlichen und der kommunikativen Expertise – gemeinsam komplexe Forschungen in verständlichen Vermittlungsformaten aufbereiten und damit teils hohe Reichweiten erzielen. Als Kommunikatoren steigen wir dazu in der Recherche tief in die Forschung ein und beziehen die unterschiedliche Logik des Wissenschafts- und Mediensystems in die Überlegungen ein. Beides dürfte das Vertrauen der Forscher stärken: dass wir die Früchte ihrer oft jahrelangen Arbeit umsichtig, aber doch effektiv öffentlich vermitteln. Ihr Part ist es dann, ob in Interviews oder auf Podien, das Fachwissen in verständlicher Sprache zu vermitteln, und auch in Dialog mit Laien zu treten. Dazu gehört mitunter, sich journalistischen Sachzwängen zu unterwerfen, etwa Interviews auch kurzfristig zu ermöglichen, damit sie tagesaktuell Gehör finden, oder an der einen Stelle nur kurze O-Töne zu liefern, an anderer Stelle dafür aber ausführliche Texte medial unterzubringen. Durch die institutionelle Verankerung der Wissenschaftskommunikation am Exzellenzcluster konnten unter den Forscherinnen und Forschern in den vergangenen Jahren viele zuvor brachliegende Begabungen, Forschung öffentlich zu vermitteln, geweckt und gefördert werden.

Viola van Melis hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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