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Dominic Larue | 02/22/2011 | 2199 Views | 2 | Events

Feiern – Singen – Schunkeln. Karnevalsaufführungen vom Mittelalter bis heute

11/11/2011 – 11/13/2011 | Hochschule für Musik und Tanz, Köln

Ein Symposion der Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte. Organisiert von Anno Mungen (Universität Bayreuth) und Christine Siegert (Universität der Künste Berlin) in Zusammenarbeit mit Arnold Jacobshagen und der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung.

Parallel zur Sessionseröffnung des Kölner Karnevals findet vom 11. bis 13. November 2011 in der Hochschule für Musik und Tanz in Köln ein internationales Symposion der Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte statt. Während auf den Straßen und Plätzen der Domstadt gefeiert wird, widmet sich die interdisziplinär besetzte Konferenz mit ReferentInnen aus Belgien, Deutschland, Italien, Österreich und den USA dem bunten Treiben drei Tage lang aus wissenschaftlicher Sicht. Vertreten sind neben der Musikwissenschaft auch Perspektiven anderer Disziplinen wie der Ethnologie, der Kunstgeschichte und der Theaterwissenschaft.
Thematisch stehen die Aufführungen des Karnevals sowie speziell deren musikalische Aspekte im Mittelpunkt der Veranstaltung. Egal ob bei sorgfältig geplanten Inszenierungen von Theaterstücken oder Karnevalssitzungen, Umzügen oder spontan stattfindenden so genannten Everyday Performances auf der Straße, bei Bällen oder in Kneipen: Die Bedeutung des Karnevals entfaltet sich im Tun, der Karneval ist immer performativ.
Musik spielt dabei eine zentrale Rolle: als Live-Darbietung von Kapellen, Bands und SängerInnen oder auch aus der ‚Konserve‘. Das Besondere an Karnevalsaufführungen ist die fehlende Trennung zwischen Ausführenden und Rezipienten. Die ‚Zuschauer‘ sind durch ihre aktive Beteiligung (Feiern, Singen, Schunkeln…) und Kostümierung gleichzeitig DarstellerInnen, sie inszenieren sich selbst. Ein solches Phänomen bietet einer aufführungstheoretisch orientierten Musikwissenschaft zahlreiche Anknüpfungspunkte an aktuelle Forschungsfelder wie die Gender Studies, die Sozial- und Kulturgeschichte der Musik oder auch Fragen von Musik und Identität.
Die zentralen theoretischen und methodischen Fragen, die das Symposion aufwirft, sind bislang kaum gestellt, geschweige denn beantwortet worden:

  • Welche Rolle spielt die Musik im Karneval?
  • Wie sehr bestimmt das große Maß der musikalischen und körperlichen Partizipation der TeilnehmerInnen das Phänomen des Karnevals als performatives Ereignis?
  • Welche Quellen stehen zur Verfügung, sich diesen Aspekten zu nähern?
  • Wie lässt sich ein in der Geschichte sowie in der Gegenwart ebenso zentrales wie ephemeres Ereignis wie der Karneval mitsamt seiner Musik der kulturgeschichtlichen Analyse zuführen?

Bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen decken die Konferenzbeiträge eine große historische Bandbreite ab und widmen sich der weit zurück liegenden Vergangenheit ebenso wie dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart. Räumlich wird Köln als Hochburg des Karnevals eine zentrale Rolle spielen. Internationale Vergleiche ermöglichen darüber hinaus aber auch die Behandlung systematischer Fragestellungen und eröffnen ein breites Panorama an Themen; zur Sprache kommen u.a. der Karneval in Brasilien und Peru, der Karneval im Italien der frühen Neuzeit, Oper und Karneval, Karneval und Kirche, volkskundliche und pädagogische Aspekte sowie Lokales wie der Altweiberkarneval in Eupen oder der „Stippeföttche“-Tanz der Männer im Kölner Karneval.
Um die theoretischen Überlegungen und Anregungen der Referate unmittelbar auf einen Gegenstand beziehen und reflektieren zu können, wurde ein spezielles Rahmenprogramm entworfen. So werden die TeilnehmerInnen des Kongresses zu Beginn der Tagung die Live-Übertragung der Kölner Karnevalseröffnung im Fernsehen verfolgen und darüber hinaus an einem Abend den Auftritt der kölschen Karnevalsband „de familich“ in einer Kneipe erleben können.

Comment

by M.A. Jens Christian Schneider | 01.03.2011 | 12:10
Zur Erhaltung regional/lokal bedeutsamer Traditionen muss man sie nicht nur miterleben, sondern sie auch erforschen und verstehen. Zumindest kann es nicht schaden, den Background solcher Veranstaltungen wie dem rheinischen (Straßen)Karneval auch auf anderem Niveau zu beleuchten als jenem, das leider häufig in Form von Schnapsleichen durch die Lokalnachrichten geistert. Karneval ist kein Fest der geistig Armen - gerade dieses Image zu beseitigen ist ein wertvoller Nebenaspekt von wissenschaftlichen Veranstaltungen, die sich nicht zu schade sind, etwas scheinbar Banales zu untersuchen. Ergebnis kann nur die Relativierung angeblicher Banalität sein - Karneval ist viel mehr als Büttenrede und Alkohol: Karneval ist identitätsstiftend für das Rheinland, ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur. Vielleicht sollten sich das alle jene Atheisten, Karnevalsfeinde und selbsterklärte Anti-Spießer mal vergegenwärtigen: Die Welt in der sie leben und die sie zu großen Teilen schätzen, ist erwachsen aus Dingen wie dem Karneval. Die Wurzeln der Gesellschaft und ihrer Kultur zu verleugen ist nicht viel besser als sich selbst zu verleugnen. Daher ein Hoch auf den Karneval und auf Veranstaltungen wie diese Tagung!

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by Ferdinand Bonse | 01.03.2011 | 13:03
Dem Kommentar von Herrn Schneider kann ich nur beipflichten. Und wenn ich die Ankündigung der Tagung richtig verstanden habe, geht es ja vor allem um den musikalischen Beitrag zum Karneval. Um dieses Volksfest herum ist ein gewaltiges Repertoire an Liedern entstanden, das in den Karnevalshochburgen näher und verbindender ist als beispielsweise Nationalhymnen es jemals sein können. Außerdem sollte man sich die emanzipatorische Wirkungsgeschichte gerade des rheinischen Karnevals vergegenwärtigen - da hat sich im 19. Jahrhundert das aufsteigende Bürgertum stark genug gefühlt, die Autoriäten nach Strich und Faden zu veräppeln. Das ist bis heute so geblieben. Viele Grüße, F. Bonse

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