Login

Registrieren
merken
Uwe Protsch | 15.12.2014 | 862 Aufrufe | 7 | Artikel

Falsches Gedenken

Ein Aufruf

Nach langer Diskussion oder zumindest nach Jahren, in denen das Thema auf seiner Agenda stand, hat sich nunmehr der zuständige Ortsbeirat für eine recht unkonventionelle Form des Gedenkens entschieden.

PDF-Datei downloaden (41.85 KB)
Google Maps

Das einzige noch aus der Nazizeit erhaltene Relikt auf oder vielmehr an dem Gelände des ehemaligen „Arbeitserziehungslagers“ ist ein als „Bunker“ oder „Arrestzelle“ bezeichneter Raum, bei dem es aber zweifelhaft ist, ob er überhaupt zu dem Lager gehörte. Dessen ungeachtet soll demnächst in diesem lichtlosen Raum ein LED-Laufband installiert werden, auf dem ein erläuternder Text fortlaufend gezeigt wird. Es wird keine Gedenktafel, keinen Gedenkstein und keine Gedenksäule geben. Es werden auch nicht die Namen der im „Arbeitserziehungslager“ Hingerichteten oder anderweitig zu Tode Gekommenen erwähnt werden. Auch eine Ehrung von Hermann Herber, der die Gefangenen mit Nahrungsmitteln versorgt hatte, deshalb in ein Konzentrationslager deportiert wurde und schließlich in Flossenbürg starb, ist nicht vorgesehen!

Aber nicht nur diese Unterlassungen sind es, die mich empören. Wer die Örtlichkeit kennt, weiß, dass die Gedenkstätte kaum von der höhergelegenen Straße aus zu sehen ist; sie befindet sich gleichsam in eine Ecke des Grundstücks eingeklemmt. Fast könnte man den Eindruck haben, das Ganze solle versteckt werden. Die räumlichen Dimensionen oder gar die Bedeutung, die dieses Lager hatte, werden nirgends sichtbar. Statt dessen wird mit dem LED-Laufband eine aus meiner Sicht sehr problematische Lösung gewählt:

Der Gedenk-Text, der im Inneren des „Bunkers“ gezeigt wird, ist auf diese Weise den Blicken all Derer entzogen, die nicht gezielt dort hineinschauen. Wer also nur die umgebende Grünanlage betritt, hat zunächst gar keinen Anhaltspunkt, dass hier überhaupt eine Gedenkstätte existiert; er könnte das Ganze leicht für einen Aufenthaltsplatz für die Bewohner des benachbarten Gebäudes halten.

LED-Laufbänder werden gemeinhin für profane Zwecke, etwa in der Werbung, verwendet. Dort geht es meist darum, um jeden Preis aufzufallen, und weniger um eine seriöse Informationsübermittlung. Wenn man nicht gerade absichtlich provozieren will (und warum sollte man das tun?), sind sie für eine würdige Erinnerung an menschliches Leid ungeeignet. Bitte versetzen Sie sich einmal in die Lage älterer oder auswärtiger Besucher! Nicht wenige werden sich entrüstet abwenden.

Ich frage mich, ob ein längerer Text über eine ernste Angelegenheit sich überhaupt für ein LED-Laufband eignet.

Es erscheint zweifelhaft, ob das LED-Laufband über einen langen Zeitraum störungsfrei funktionieren wird. Fällt es aus, dann fällt damit auch sozusagen die Gedenkstätte aus, weil es dann nichts mehr gibt, was den Ort erklärt. Ebenso sind Bedenken angebracht, in wie weit die Installation vor Vandalismus, gezielter Zerstörung oder gar Manipulation des Textes resp. des Datenträgers geschützt werden kann.

Die Örtlichkeit ist schwer einsehbar und wird bisweilen von Jugendlichen für Zusammenkünfte genutzt. Nicht jeder Besucher wird sich zu jeder Zeit mit einem guten Gefühl dort längere Zeit aufhalten, um den Text zu lesen!

Vor allem erbittert es mich aber, dass sich die Zuständigen offenbar der Bedeutung dieses Ortes nicht hinreichend bewusst sind! Das „Arbeitserziehungslager“ war keineswegs ein beliebiges (sofern dieser Ausdruck überhaupt statthaft ist) Lager wie viele Andere auch und diente schon gar nicht der „Erziehung“. Es wurde zeitweise auch als „erweitertes Polizeigefängnis“ genutzt und war die wichtigste Einrichtung der Gestapo in Frankfurt; es fungierte als Ort völliger Rechtlosigkeit, entsetzlicher Grausamkeiten und mehrerer Hinrichtungen. Von den Haftbedingungen her war es mit einem Konzentrationslager vergleichbar und spielte als Transfereinrichtung eine wichtige Rolle im NS-Lagersystem. Und es war einer der wenigen Orte, an denen die Verbrechen der Nazis unter den Augen, mit dem Wissen und leider auch einer gewissen Akzeptanz der örtlichen Bevölkerung stattfanden. Die Gestaltung der Gedenkstätte als auch die Beschilderung und die Hinweisschilder müssen dieser Sachlage Rechnung tragen, unabhängig von Budgetfragen und administrativen Aspekten! An anderen Orten in Frankfurt, etwa der Gedenkstätte Neuer Börneplatz, wurden keine Mühen gescheut, in eindringlicher Weise an die Nazi-Verbrechen und ihre Opfer zu erinnern. Ist das „Arbeitserziehungslager“ nur ein Gedenkort zweiter oder dritter Klasse, sind Diejenigen, die dort gequält und ermordet wurden, weniger relevant? Warum wird die Angelegenheit allein dem Ortsbeirat überlassen? Begreift der Magistrat der Metropole Frankfurt dies nicht als überörtliche, herausragende Aufgabe?

Mehr als einmal hatte ich dem Ortsbeirat meine Bedenken übermittelt, leider ohne Erfolg. Auch ein Schreiben an den Oberbürgermeister blieb ohne nennenswerte Reaktion.

Deshalb bleibt mir nur noch der Weg an die Öffentlichkeit und die Bitte um Unterstützung. Ich rufe also Alle dazu auf, sich schriftlich an die folgenden Institutionen zu wenden und auf eine angemessene und würdige Gestaltung der Gedenkstätte „Arbeitserziehungslager“ in Frankfurt-Heddernheim hinzuwirken:

Ortsbeirat 8: ortsbeirat8@gmx.de

Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt: amt-oberbuergermeister@stadt-frankfurt.de

Hessischer Ministerpräsident: https://staatskanzlei.hessen.de/kontaktformular-staatskanzlei

Für Rückfragen und Anregungen stehe ich unter uwe.protsch@gmx.de zur Verfügung. Herzlichen Dank für jede Unterstützung!

Richtiges Gedenken?

Ich möchte darüber hinaus das Thema zum Anlass nehmen, hier bei L.I.S.A. eine Diskussion darüber zu führen, wie man „richtig“ gedenken sollte, und was Historiker und Interessierte dazu beitragen können oder müssen. Auch wenn es pathetisch klingt: Wir haben eine Verantwortung vor der Jugend! Das Erinnern muss wachgehalten werden, nicht um des Erinnerns willen, aber um nachfolgende Generationen gegen Barbarei und Gleichgültigkeit zu sensibilisieren!

Hier den richtigen Weg zu suchen, sollte eine lohnende Aufgabe sein.

Kommentar

von Marie Andres | 15.12.2014 | 09:15 Uhr
Mir ist diese Idee mit dem LED-Laufband auch übel aufgestoßen. So etwas von seelenlos, ein Reklameschriftzug! Man fasst sich an den Kopf, was Verantwortlichen so alles einfällt. Letztlich geht es hier tatsächlich mehr um das Unsichtbarmachen von einer Geschichte, die man nicht mehr sehen möchte.

Richtiges Gedenken? Schwer zu sagen. Würde, Demut und Distanz zur eigenen Nation sind für mich zwei Hauptzutaten.

Kommentar

von MC FFM | 18.12.2014 | 15:11 Uhr
ich finde die idee mit dem led-laufband gut. dinge ändern sich, auch formen, wie man sich erinnert. letztlich ist der text entscheidend. wenn der angemessen ist, kann es gut gehen. ein kühles laufband vermittelt vielleicht genau die kälte und trostlosigkeit, die opfer gefühlt haben. abwarten.

Kommentar

von Uwe Protsch | 18.12.2014 | 19:17 Uhr
Was ist mit "abwarten" gemeint? Was soll abgewartet werden? Die Reaktionen? Und wenn diese negativ ausfallen, wird dann das Laufband demontiert und eine andere Lösung gefunden? Bestimmt nicht! Wenn das Laufband erst einmal installiert ist, dann wird es viele Jahre bleiben; es sei denn, es ist so anfällig, dass es schon nach kurzer Zeit seinen Geist aufgibt.

Der Text kann noch so "angemessen" sein, er muss gelesen werden. Ich glaube nicht, dass sich Viele in die abgelegene Ecke vor den "Bunker" stellen und einen anspruchsvollen Text auf einem Laufband verfolgen werden. Allein die Vorstellung, mit dem Rücken zur Grünanlage in ein dunkles Loch zu starren, wird für Manchen schon abschreckend sein.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir heute das nachempfinden können, was die Opfer damals gefühlt haben. Ein Mitempfinden geschieht allein in der Vorstellung Desjenigen, der sich mit den Fakten befasst. Ein Laufband, ein Stein oder eine Tafel vermitteln m.E. erst einmal gar nichts.

Ich mache auch auf einen weiteren Aspekt des Gedenkens aufmerksam, der meiner Meinung nach meistens vernachlässigt wird: Die Haltung der Opfer. Nicht wenige Insassen des Lagers haben trotz brutaler Haftbedingungen auf die eine oder andere Art Widerstand geleistet oder ihre Empörung zum Ausdruck gebracht. Es ist verführerisch, die Opfer nur als hilflos und ausgeliefert zu sehen. Aber damit wird ihnen Unrecht getan; und ich würde so weit gehen zu sagen, dass ihnen damit auch ihre Würde genommen wird.

Kommentar

von Jens Holger Jensen | 25.12.2014 | 12:50 Uhr
Ihr Entsetzen über einen äußerst unsensibel agierenden Ortsbeirat ist leider nachvoll-ziehbar. Auch deshalb, weil es leider kein Einzelfall ist. Ein kundiger StadtteilHistoriker (Hans-Günther Thorwarth) berichtete kürzlich, in einem Referat, über den Umgang mit Gedenkstätten zum 1. Weltkrieg von einem anderen Frankfurter Ortsbeirat, der kein Verständnis aufbrachte, ein in seinem Bezirk befindliches Denkmal -im Gedenkjahr 100 Jahre 1. Weltkrieg- von Schmutz und Müll säubern zu lassen.
Prof. Gerd Krumreich berichtete in einer äußerst interessanten Podiumsdiskussion (das entsprechende Video wurde am 21.12.2014 bei l.i.s.a eingestellt) auch von einer speziellen Sorte Politiker, die Schweigen offenbar für den besten Weg hält. Wer das Video nicht über die komplette Länge von 5/4 Stunden ansehen möchte, sollte in diesem Zusammenhang wenigsten die Ausführungen von Krumreich ab 1:07:30 ansehen und anhören. Er, Krumreich, belässt es beispielsweise nicht bei seinen schlechten Erfahrungen wenn er auf den zurückliegenden Wechsel an der Spitze des Bundesaußenministerium ganz konkret hinweist.

Von welchen Mitgliedern (Fraktion) des Ortsbeirats wurde der Vorschlag für das LED-Laufband in das Stadtteilparlament eingebracht und mit welcher Mehrheit wurde der Vorschlag beschlossen ?
Die Demokratie ist bisweilen anstrengend aber weitestgehend transparent, weshalb in dieser Staatsform noch am ehesten eine angemessene Erinnerungskultur möglich erscheint. Ein Minister oder ein Lokalpolitiker muss einfach nur als Mensch agieren und Emphatie zulassen.

Kommentar

von Hans Dieter Schneider | 27.12.2014 | 20:28 Uhr
LED-Laufband-Werbung bitte dort, wo es angebracht ist, aber bitte nicht bei einer Gedenkstätte. Das ist würdelos.
An der höher gelegenen Straße könnte eine LED-Laufband als Hinweis gebracht werden, damit mehr Publikum auf diesen Gedenkort aufmerksam gemacht wird. Und unten im Verlies könnte ein Tafel mit einem erläuternden Text des Gedenkens angebracht werden.
Aber die Stadt Frankfurt tut sich schwer bei solchen Entscheidungen. Entscheidungsgrundlage ist immer, daß keine Kosten entstehen, die die Budgets der einzelnen Ämter belasten. Man sollte weniger auf die Mitglieder des zuständigen Ortsbeirates schimpfen; die versuchen ihr Bestes, um den städtischen Amtsbedenkenträgern zu widersprechen. Der Ortsbeirat wäre gut beraten einen interfraktionellen Antrag als Ortsbeiratsinitiative in dieser Angelegenheit auf den Weg zu bringen. Und die geht nicht an dem Oberbürgenrmeister der Stadt Frankfurt vorbei.
Eine würdevolle Gestaltung dieses Platzes ist schon seit vielen Jahre ein Anliegen dieses Ortsbeirates.

Kommentar

von Hans Günter Thorwarth | 31.12.2014 | 11:58 Uhr
Es liegt meist nicht am Geld!
Meistens sind es doch politische Entscheidungen und Einzelpersonen die über die Art des Gedenkens und die Höhe der Zuschüsse, die dazu nötig sind bestimmen.
Am Geld liegt es dabei nicht. Für Vieles scheinen unbeschränkte finanzielle Mittel vorhanden zu sein - auch in Frankfurt.
In Berlin wurde 2009 ein Ehrenmal für die getöteten Bundeswehrsoldaten für ca. 4 Millionen Euro gebaut, mit einem Lichtlaufband. Das traf gerade bei den Angehörigen auf berechtigte Kritik, da die Namen nur für Sekunden sichtbar sind.
Der größte Ortsbeirat 6 hatte ein Jahres-Budget von ca. 125.000 Euro, aber keine Mittel für eine kleine Erinnerungstafel für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Der Ortsbeirat 2 konnte keine Mehrheit für eine Reinigung eines Denkmals aus dem Jahr 1925 finden. Es verfällt seit Jahren.
Wer sich mit den Schrecken und dem Leid gerade des 1. Weltkriegs befasst und die Gedenkkultur in den Nachbarländern kennt, versteht das alles nicht!
Zurück zum Zwangsarbeiterlager in Heddernheim: Eine Lichtlaufbandanlage oder ähnliches finde ich auch völlig ungeeignet um an das Schicksal der Opfer zu gedenken.

Kommentar

von Jens Holger Jensen | 31.12.2014 | 14:58 Uhr
Die Frankfurter Neue Presse (FNP) berichtete gestern über die Planung des LED-Schriftbandes am ehemaligen Arbeitserziehungslager Frankfurt-Heddernheim. An der Planung für den Stromanschluss für das LED-Laufband sollen fünf verschiedene Ämter, sowie ein Unternehmen beteiligt gewesen sein. Die Kosten für den Stromanschluss sollen den Etat des Ortsbeirats in Höhe von 14.000 Euro belasten. Das gesamte Projekt wird mit 26.000 Euro beziffert.
Ich kann nicht beurteilen ob die Kosten für die erforderlichen Arbeiten angemessen sind, gering sind diese jedenfalls nicht. Insofern möchte ich die diesbezüglichen Ausführungen von Herrn Thorwarth unterstreichen.
Wie dem ParlamentsInformationssystem (Parlis) im Internet zu entnehmen ist wurde das Projekt von sechs Parteien unterstützt. Die Planung lässt sich in den entsprechenden Protokollen bis in das Jahr 2008 zurückverfolgen.
Die kenntnisreichen Ausführungen von Herrn Schneider zu den sogenannten städtischen Amtsbedenkenträgern und deren Arbeitsweise lassen den Leser kopfschüttelnd und staunend vor Schreck zurück.
Dadurch, dass es sich um eine so langdauernde Initiative und keine Billiglösung handelt, wird für mich die Entscheidung für eine elektrische Lösung mit dem LED-Schriftband noch unverständlicher. Hoffentlich kommt nicht ein voller Empathie agierender (Amts-)Bedenkenträger in den nächsten Zeit auf eine Stromspar-Idee.

Kommentar erstellen

8W155T