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Georgios Chatzoudis | 13.02.2014 | 2739 Aufrufe | Interviews

"Falschen Vorstellungen und Begriffen energisch entgegenwirken"

Interview mit Martin Schulze Wessel über den Begriff "Polnische Konzentrationslager"

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) hat sich vor gut drei Wochen in einer Pressemitteilung gegen die Verwendung des Begriffs "Polnische Konzentrationslager" ausgesprochen. Wir hatten die Erklärung damals zum Anlass genommen, um ein Interview mit dem Historiker Dr. Stephan Lehnstaedt vom Deutschen Historischen Institut in Warschau zu führen. Nun haben wir mit Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, dem Vorstandsvorsitzenden des Historikerverbands, über das Echo auf die Pressemitteilung gesprochen.

Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, Vorsitzender des Vorstands des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)

"Antisemitismus wird nach Osten hin externalisiert"

L.I.S.A.: Herr Professor Schulze Wessel, der Verband der Historiker und Historikerinnen in Deutschland (VHD) hat mit Blick auf die Diskussion um die Begrifflichkeit „Polnische Konzentrationslager“ in einer Pressemitteilung vom 19. Januar Stellung bezogen. Was hat den Verband veranlasst, sich in diesem Zusammenhang öffentlich und sogar zweisprachig zu äußern?

Prof. Schulze Wessel: Der Begriff kommt in deutschen Medien immer wieder einmal vor, nicht häufiger als in anderen Ländern Westeuropas oder Nordamerikas, aber doch mit einiger Regelmäßigkeit. Selbstverständlich verbindet niemand damit die Behauptung, die Konzentrationslager seien von Polen errichtet worden, und wenn auf den Fehler hingewiesen wird, korrigieren die deutschen Medien den Fehler meist schnell und mit Bedauern.  Es handelt sich um eine Gedankenlosigkeit, der wir im Historikerverband durch den deutlichen Hinweis begegnen wollen, dass „polnische Konzentrationslager“ ein Unwort ist. Unklare, falsche Sprache ist aber oft bezeichnend für unklares Denken. Insofern geht es um mehr. Nehmen wir ein Beispiel, den Film „Unsere Mütter, unsere Väter“, der im deutschen Fernsehen mit einem Millionenpublikum und viel Beifall aus den Feuilletons gelaufen ist. Da wurden fünf Identifikationsfiguren gezeigt - „unsere Mütter, unsere Väter“ - , edle, sympathische und hochkomplexe Menschen, die im Laufe des Kriegs weniger edel wurden - mit Ausnahme des deutsch-jüdischen Protagonisten Victor, der im Film durchweg positiv bleibt. Der mit hohem didaktischem Anspruch gemachte Film zeigt sehr plausibel, wie Menschen von den Kriegsbedingungen korrumpiert werden. Diese Aussage gilt vermutlich immer und überall, unabhängig von jedem Kontext. Der Kontext aber war in diesem in diesem  - in militärhistorischer Hinsicht detailverliebten  - Film grundfalsch: Das Regime kam für „unsere Mütter, unsere Väter“, also die fünf Identifikationsfiguren, gleichsam von außen, keiner von ihnen ist bekennender Nationalsozialist oder Antisemit. Die Polen, die im Film gezeigt werden, sind dagegen durchweg Antisemiten, einer von ihnen rühmt sich gar, die Juden „wie die Katzen“ zu ertränken. Zwar hat es auch in Polen Antisemiten gegeben, aber zugleich hat kein Volk der Welt mehr „Gerechte unter den Völkern“ hervorgebracht: 6394 Polen hat die Gedenkstätte Yad Vaschem mit diesem Titel ausgezeichnet, demgegenüber eine vergleichsweise kleine Zahl von Deutschen: 525. Dass ein Film im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit einem hochdidaktischen Anspruch und mit vielen Fachberatern eine Geschichtslüge fabriziert, sollte zu denken geben, zumal der ZDF-Dreiteiler nun die Auszeichnung der Goldenen Kamera als bester Fernsehfilm erhalten hat, was befremdlich, ja eigentlich skandalös ist. Diese „Unbedachtheit“ hat eine fatale Logik, nämlich Antisemitismus nach Osten hin zu externalisieren. Das ist der gemeinsame Nenner mit dem ebenfalls gedankenlos verwendeten Begriff der „polnischen Konzentrationslager“.

Ein anderer Auslöser für die Erklärung des Verbands ist eine Gesetzesnovelle, die in Polen zur Zeit diskutiert wird. Diese sieht hohe Strafen für die Verwendung von Begriffen wie „polnische Konzentrationslager“ sowie für die öffentliche Bezichtigung polnischer Unabhängigkeitsverbände an der Beteiligung an Massenverbrechen. Wir sind skeptisch, ob das Strafrecht das richtige Mittel ist, falschen Geschichtsvorstellungen entgegenzuwirken. Für umso wichtiger halten wir Aufklärung. Insbesondere im Schulunterricht und an den Universitäten muss falschen Vorstellungen und Begriffen aktiv und energisch entgegengewirkt werden.

"In Polen war die Reaktion überwältigend"

L.I.S.A.: Welche Reaktionen gab es auf die Erklärung des VHD? Fühlt sich der Verband richtig verstanden?

Prof. Schulze Wessel: Die Reaktion war sehr breit und überwiegend sehr positiv. Von mehreren Zeitungsredaktionen haben wir gehört, dass sie entsprechende interne Anweisungen an ihre Redakteure gegeben haben. Überregionale und auch viele regionale Zeitungen haben über den Aufruf berichtet. In Polen war die Reaktion überwältigend. Die große liberale Zeitung Gazeta Wyborcza hat die Erklärung des Historikerverbands auf Seite 1 als Aufmacher gebracht und ihn auf Seite 2 zustimmend kommentiert. Der polnische Historiker und Direktor des Breslauer Willy-Brandt-Zentrums Krzysztof Ruchniewicz hat die Erklärung des Historikerverbands als die bislang wichtigste Stimme in der Debatte erklärt. Auch die nationalkonservativen Zeitungen haben positiv registriert, dass der deutsche Historikerverband sich nachdrücklich gegen die Verwendung des Begriffs gewandt hat, allerdings auch kritisiert, die Erklärung komme sehr spät.

Auch der andere Aspekt unserer Erklärung, die Kritik an einer Anwendung des Strafrechts im Falle der Verwendung von Begriffen wie „polnische Konzentrationslager“, ist in Polen überwiegend positiv aufgenommen worden. Die Polnische Historische Gesellschaft (PTH) hat am 3. Februar eine offizielle Erklärung veröffentlicht, in der sie sich mit Bezug auf die Erklärung des VHD gegen Geschichtspolitik mit dem Strafgesetzbuch gewandt hat.

Auf der Homepage des Historikerverbandes gibt es einen Pressespiegel, der das mediale Echo unserer Erklärung dokumentiert.

"Gedankenlose Verkehrung von Subjekt und Objekt"

L.I.S.A.: Den Begriff „Polnische Konzentrationslager“ hat der Verband als Unwort bezeichnet. Ist es heute nach wie vor notwendig darauf hinzuweisen? Haben Sie den Eindruck, dass inzwischen die Sensibilität für Semantiken mit Blick auf den Nationalsozialismus und seine Verbrechen abhandenkommt? Wie sehen das beispielsweise die Polen bzw. die polnischen Historiker?

Prof. Schulze Wessel: In Bezug auf Polen geht es eher darum, diese Sensibilität erst zu entwickeln und zwar nicht nur in Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus. 1772, 1772 und 1795 wurde bekanntlich Polen von Preußen, Russland und der Habsburgermonarchie dreimal geteilt. Diesen Vorgang bezeichnet man begriffslogisch zutreffend als „Teilungen Polens“. Daneben hat sich im Deutschen aber auch die Wendung „polnische Teilungen“ eingebürgert. Auch das ist eine gedankenlose Verkehrung von Subjekt und Objekt. Man stelle sich vor, so gedankenlos in Bezug auf die deutsche Geschichte zu sprechen, sagen wir von „sudetendeutschen Vertreibungen“. Der berechtigte Protest der Sudetendeutschen Landsmannschaft wäre einem sicher. Das Gedankenexperiment anzustellen zeigt, wie eingeschliffen einige falsche Begrifflichkeiten in Bezug auf Polen immer noch sind.

Prof. Dr. Martin Schulze Wessel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Twitter-Debatte zum Interview mit Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

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