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M.A. Tina Öcal | 03/06/2014 | 1622 Views | Articles

F for Festival - Von den Beltracchi-Festspielen zum View Festival of Art History

Wohl seit dem Mittelalter wurden in der Kunst nicht mehr derartige Mengen an Blattgold verarbeitet wie gegenwärtig in den Originalen Wolfgang Beltracchis. Vielleicht hätten jene Blattgoldexzesse durchaus das Prädikat „Jahrhundert“ verdient; über den Rest ließe sich zumindest diskutieren. Der kulturbeflissenen Öffentlichkeit jedoch scheint geradezu alles an Beltracchi „Jahrhundert“ zu sein und so feiert man bereits das, was Beltracchi schon immer getan hat, als hätte man einen neuen Kontinent entdeckt. „Er malt wieder“, frohlockt es sodann vom einen ins andere Printmedium, während die Beltracchi-Sonderkuriere vor lauter Beltracchi aus allen Nähten platzen. Also kämpft das „kleine Ach“ (notabene eine der raren Artikel-Perlen in der Beltracchi-Berichterstattung) alsbald live und in Farbe um die Liebe, denn fernab der eigentlichen Fälscherprofession schrieb man sich ‚from JVA with Love’, woraus eine Veröffentlichung hervorging, die ganz zum erneuten Leidwesen der bekunsteten Öffentlichkeit selbstverständlich keine epischen Listen noch unbekannter Fälschungen dafür aber detailreiche Auszüge der eigenen Liebesbriefe offenbart. Was man im Englischen als „TMI“ (too much information) bezeichnet - denn manch ein Geständnis wünschte man sich doch ins Intime zurück - erlebt Martin Walser wiederum als die „Geburt der Literatur aus dem Geist der Einsamkeit“.

So viel Ehre wurde bislang selbst hochrangigen KünstlerInnen selten zuteil, aber einen neuen Kontinent entdeckt man nicht alle Tage, genauso wenig wie einen neuen Campendonk, Derain oder Pechstein. In der Tat weisen die medialen Lobgesänge auf Beltracchi erstaunliche Parallelen zum Spekulanten-Hype im Hochpreissegment des Kunstmarktes auf. Während der pekuniäre Wert von Bluechips mit jeder Auktion zuweilen markante Höhen erreicht, ohne dabei tiefer gehende Fragen nach ihrer Provenienz oder Faktur aufzuwerfen, tourt Beltracchi in Wort und Bild durch sämtliche Medien, ohne dass offensichtliche Ungereimtheiten seiner Aussagen überhaupt bemerkt geschweige denn thematisiert würden. Beltracchi könnte ebenso die Bedienungsanleitung seiner Waschmaschine vorlesen - ganz im Stile John Howards, der für ein derartiges Romanmanuskript freundliche und besonders den Inhalt lobende Worte der Verlage erhielt, die allerdings schon seine vorherigen Manuskripte nie gelesen hatten - und dennoch bräche frenetischer Beifall aus.

Ja, Beltracchi entlarvt durchaus. Doch nicht den Kunstmarkt, dem er sich eher bediente, sondern vielmehr die geistige Mattheit der gegenwärtigen Medienlandschaft. Deren Entdeckerfreude wirkte wiederum noch bis 2011, also bis zur Entlarvung der Fälschungen Beltracchis und darüber hinaus, derart ungebremst, dass sein „Schlüsselwerk der Moderne“ als „traumhaft-vitale naturmystische Szenerie“ gepriesen wurde, dem man eine „mysteriöse und erotisch aufgeladene Stimmung“ attestierte, während man sich an der „wunderbar bemalte[n] Rückseite“ als „kostenlose Zugabe“ erfreute. Führten also die Werke Beltracchis etwa noch als Originale Campendonks zu regelrechten Bildmeditationen, verehrt man nun den Fälscher jener Werke in gar kultischer Manier. Seine Fälschungen hingegen finden kaum noch Beachtung und sind gerade einmal den Rahmen wert, der sie umgibt. Die derzeitigen Ehrerweisungen an den „Meisterfälscher des Jahrhunderts“ („perhaps of all time“) sind insofern symptomatisch für eine Historie des Fälscher-Kults, der den eigentlichen Kern, die Fälschung als aufschlussreiches Zeitdokument, nur selten erreicht. Aus der Perspektive der Kunstgeschichte betrachtet, sind zwar einige der Standpunkte der beiden Journalisten und Autoren Tobias Timm und Stefan Koldehoff durchaus diskussionswürdig, dennoch sind sie es, die in der medialen Betrachtung der Causa Beltracchi den bisher kritischsten Einblick lieferten.

Während also in Deutschland die „Beltracchi-Festspiele“ toben, trafen sich vom 7. bis 9. Februar internationale ExpertInnen zum „View Festival of Art History“ in London, um sich in mehreren Sektionen von der Rolle der Museen und der Frage nach nationalen Identitäten (in) der Kunst über die Zukunft der Kunstgeschichte bis hin zum Einfluss von Sammlungen und Sammlern auch und im Besonderen Fälschungen und der Frage nach Authentizität zu widmen. Bereits die Eröffnungsfeier begeisterte mit der seltenen Vorführung des herausragend subtilen, feinfühligen sowie instruktiven Dokumentarfilms „Making a Killing“ (UK, 1998) von Anne Webber, der Lili und Bernard Gutmanns über 50-jährige Suche nach den verschollenen Kunstwerken ihrer Familie und deren nahezu unmöglich scheinende Restitution thematisiert. Der Film wurde in Deutschland gerade einmal im Rahmen der Ausstellung „Raub und Restitution“ im jüdischen Museum in Berlin gezeigt, obgleich er eine wichtige Schlüsselrolle in zwei Restitutionsfällen in Chicago und Seattle einnahm. Welche spürbaren Auswirkungen der Dokumentarfilm „Beltracchi - Die Kunst der Fälschung“ hingegen haben wird, bleibt abzuwarten.

Gerahmt wurden die Eröffnungsfeierlichkeiten des View Festivals von einem über seine zeitlichen Grenzen weit hinausreichenden und immer noch nachwirkenden Podiumsgespräch, das auch im Bereich der Raubkunst die nahezu fehlende Provenienzrecherche insbesondere hochpreisiger Kunstwerke verdeutlichte. Mit ihrem Vortrag „The Material (Im) Possibility of a Perfect Forgery“ eröffnete sodann Jilleen Nadolny, die zusammen mit Nicholas Eastaugh zu den führenden Experten der „Technical Art History“ gehört, die Sektion „Fakes & the Issue of Authenticity“, die kurz darauf zur „Behind-The-Scenes Tour of Christie's Picture Warehouse“ einlud und somit der Festival-Intention entsprechend, Theorie und Praxis bestmöglich miteinander verband.

„How do Copies and Forgeries affect Art History?“, eine weitere, für wissenschaftliche Tagungen eher ungewöhnlich instruktive und anregende Podiumsdiskussion, lieferte bereits die Avisierung des Vortrags „It doesn't look like Leonardo: The Inside Stories of Leonardos and Non-Leonardos“ von Martin Kemp, ehemaliger Professor für Kunstgeschichte der University of Oxford und der weltweit bekannteste Leonardo-Experte, sowie des Vortrags „Michelangelo: Portrait of the Artist as a young Forger“ Thierry Lenains, Professor für Kunsttheorie an der Université Libre de Bruxelles. In seinem Vortrag wie bereits in seiner Publikation „Art Forgery: The History of a Modern Obsession“ (Reaktion Books, 2011) verweist Lenain auf die kulturelle Diversität der Kunstfälschung sowie auf ihre Zugehörigkeit zum kunsthistorischen Korpus und spiegelt damit den Tenor der gesamten Sektion aber auch der vielen weiterführenden Gespräche wieder. Kemp wiederum, der heute kaum noch Leonardo-Fälschungen erwarten würde, da die Fälschung von Renaissance-Gemälden naturwissenschaftlich nahezu unmöglich geworden ist (Beltracchi würde dem natürlich widersprechen), thematisierte die fälschungstypische „Cascade: Once you know that it's a forgery, you notice what is wrong with it.” Jean Michel Massing, Professor für Kunstgeschichte und Mitglied am King's College der University of Cambridge, lieferte sodann mit seinem Vortrag „Authenticity in Early African Art“ fundierte Einblicke in ein noch junges Terrain ebenso wie Giovanni Villa, Professor für Kunstgeschichte an der Università degli Studi di Bergamo, der über „Faking the Masterpieces of Italian Renaissance, from Bellini to Titian“ sprach. Mit Vernon Rapley lud man wiederum den Sicherheitsleiter des Victoria and Albert Museums ein, Fälschungen wie die John Myatts und John Drewes, die seinerzeit unter Rapleys Leitung von Scotland Yard ermittelt wurden, aus kriminologischer Sicht in seinem Vortrag „Investigating Art Fraud“ darzustellen.

Das „View Festival of Art History“, das erstmals jenseits seines berühmten und etablierten Vorläufers in Fontainebleau, dem „Festival de l’Histoire de l’Art“, in London stattfand, schuf somit nicht nur eine fundiert diskursive Brücke von der Zukunft und (inter)nationalen Identität der Kunstgeschichte zur Sammlung Gurlitt und dem Fall Beltracchi, es diente zugleich als Auftakt und Allianzschmiede für neue internationale Projekte im Bereich der Kunstfälschung und ist „definitely the start of an institution“.

Dieser Beitrag erschien am 05.03.2014 auch im arthistoricum Blog.

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