Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 03.09.2015 | 2152 Aufrufe | 3 | Interviews

"Es gibt nur noch Gegenwartsbewusstsein"

Interview mit Ferdinand Fellmann über gegenwärtiges Geschichtsbewusstsein

Wer sich über die Zeitlichkeit menschlichen Daseins bewusst ist, verfügt über Geschichtsbewusstsein: die Existenz des Menschen ist endlich und das Verständnis beziehungsweise Urteil des Menschen immer nur vorläufig. Das Bewusstsein von Geschichtlichkeit ist aber zugleich auch immer ein Gegenwartsphänomen. Es konkretisiert sich im Jetzt und bettet die Gegenwart in historisch bedingte Sinnzusammenhänge ein. Der Philosophieprofessor Ferdinand Fellmann meint nun aber einen Verlust an Geschichtsbewusstsein zu beobachten. Wie das genau zu verstehen ist und was das mit den aktuellen Flüchtlingsbewegungen zu tun hat, dazu haben wir ihm unsere Fragen gestellt.

Prof. em. Dr. Ferdinand Fellmann, Gründungsprofessor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der TU Chemnitz

"Römerinnen im H&M-Look, der sie uns so vertraut erscheinen lässt"

L.I.S.A.: Herr Professor Fellmann, Sie haben zuletzt einen Aufsatz über „Historisches Bewusstsein in der postmodernen Lebenswelt“ veröffentlicht. Darin konstatieren Sie, dass der Blick auf die Geschichte seit der postmodernen Wende vor allem aus der Perspektive der Betroffenen erfolge. Durch diese Subjektivierung der Geschichte sei etwas verloren gegangen. Was denn?

Prof. Fellmann: Verloren gegangen ist die Distanz, die wir brauchen, um unsere gegenwärtige Lage realistisch einzuschätzen. Diese Distanz gewinnt man, wenn man sich an Ideen oder Werte hält, welche Epochen voneinander unterscheiden. Sicherlich kann es ergreifend sein, sich in den Standpunkt der Betroffenen zu versetzen, aber da bleibt man im Menschlich-Allzumenschlichen. Damit gelangt man nicht zu einem wirklichen Verständnis der Alterität, die vergangene Epochen von der Gegenwart trennt. Man bleibt dann bei sich selbst, beim eigenen Lebensgefühl. Geschichtliche Wirklichkeit wird zur Fiktion. Das erleben wir derzeit im Fernsehen, in den Soap-Dokus, in denen authentische Aufnahmen mit nachgestellten Szenen vermischt werden. Römerinnen im H&M-Look, der sie uns so vertraut erscheinen lässt. Die Kommentare der Archäologinnen und Museumsdirektoren dürfen nicht fehlen. Sie belehren uns, dass Pompeji aus lauter Eros-Center bestand, bis der Vesuv die Häupter mit Asche bedeckt hat.

"Die erlebte Zeit entspricht nicht der geschichtlichen Zeit"

L.I.S.A.: In Ihrem Artikel heben Sie hervor, dass die Subjektivierung der Geschichte einher geht mit dem Lebensgefühl des postmodernen Menschen. Läuft es auf eine Dichotomisierung hinaus – Emotionalität vs. Vernunft, Relativismus vs. Eindeutigkeit, situativ vs. kontextgebunden, Fragmentarisierung vs. Einheitlichkeit, hedonistisch vs. nüchtern? Welche Folgen hat das für unser gegenwärtiges Geschichtsbewusstsein?

Prof. Fellmann: Dichotomien sind so schlecht nicht wie ihr Ruf. Emotion und Intelligenz gehören im normalen Leben natürlich zusammen. Wenn aber das Emotionale zu dominant wird, ist es hilfreich, daran zu erinnern, dass man mit Affektprogrammen allein das kulturelle Leben nicht gestalten kann. Die Folgen für das gegenwärtige Geschichtsbewusstsein sind, dass es dieses gar nicht mehr gibt. Es gibt nur noch Gegenwartsbewusstsein, das in die Vergangenheit projiziert wird. Zeitgeschichte, Zeitzeugen und Autobiographien bestimmen derzeit unsere Erinnerungskultur. Der Unterschied zwischen Geschichts- und Gegenwartsbewusstsein entspricht dem zwischen Erinnerung und Gedächtnis. Erinnerung setzt voraus, dass man selbst dabei war. Ich kann mich beispielweise daran erinnern, dass mir als Kind ein russischer Soldat Sonnenblumenkerne zu essen gegeben hat. Ich spüre den Geschmack heute noch, so wie Marcel Proust es in der Madeleine-Episode beschrieben hat. Aber die erlebte Zeit entspricht nicht der geschichtlichen Zeit, die sich an den objektiven Daten orientiert. So der 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, nach dem nichts mehr so war wie vorher. Die politische Bedeutung des polnischen Einmarsches in Schlesien nach der Kapitulation habe ich erst viel später von den Historikern gelernt. Das macht das historische Gedächtnis aus, das noch wirksam bleibt, wenn sich niemand mehr an die Erlebnisse erinnern kann.

"Geschichten verstellen den Blick auf die Wirklichkeit der Geschichte"

L.I.S.A.: Sie beklagen den Verlust einer Idee von Geschichte, eines historischen pneumas – genauer: eines aktualisierten Verständnisses von Geschichtsphilosophie. Das klingt sehr nach 19. Jahrhundert. Sind die Geisteswissenschaften nicht längst über das Verständnis der Geschichte als Akteur des Weltgeschehens hinaus?

Prof. Fellmann: Das 19. Jahrhundert hat mit seiner Geschichtsphilosophie doch mehr gebracht, als wir heute anzuerkennen bereit sind. Man braucht ja nicht unbedingt an Hegel zu denken und in Napoleon den Weltgeist zu Pferde zu sehen. Die Menschen machen die Geschichte gemäß ihren zeitbedingten Interessen. Dabei spielen Charaktere und Zufälle eine Rolle. Die Nase der Cleopatra hat sicherlich Geschichte gemacht. Aber bei aller Kontingenz, das Handeln der Menschen erzeugt Strukturen, die sich gegen die Akteure wenden. Die Eigendynamik der Strukturen ist oft so gewaltig, dass sie die Agenten auf den Plan ruft, die sie brauchen. Und wenn es der eine nicht gemacht hätte, wäre ein anderer an seine Stelle getreten. Vielleicht gilt das sogar für Adolf Hitler, der mit seiner verbrecherischen Politik gewisserweise den Zeitgeist bedient hat. Der Geist der Weimarer Republik steuerte darauf hin, so dass es kein Entrinnen gab und selbst die stärksten Persönlichkeiten machtlos waren. Zum Verständnis solcher Konstellationen bedarf es nach wie vor der Großerzählungen. Ihre postmoderne Auflösung in Geschichten hilft hier nicht weiter. Im Gegenteil: Geschichten verstellen den Blick auf die Wirklichkeit der Geschichte mit ihren schicksalhaften Zwängen. Die heute beliebte Darstellung von Begriffen in Geschichten bedient unseren Subjektivismus. Sie ist vergleichbar mit der Auflösung des Monotheismus und der von prominenten Philosophen allen Ernstes propagierten Rückkehr zum Polytheismus. Jeder soll sich seinen persönlichen Gott schaffen, der allerdings meist im Konsum gefunden wird. Ob die hidden persuaders die Erlösung bringen, die der religiöse Glaube an den einen Gott verheißt, bleibt mehr als fraglich.

"Hauptsache der Familie ging es gut"

L.I.S.A.: Kommen wir zurück zum historischen Bewusstsein und verbinden wir es mit einer aktuellen Thematik: Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, überwiegend aus dem Nahen und Mittleren Osten, aber auch aus Südosteuropa, retten sich in ihrer Not nach Deutschland. Die Sorge und Angst vor Flüchtlingen ist groß, gewaltsame Gegenreaktionen an der Tagesordnung. Dabei ist Deutschland ein Land, dass viele eigene Flüchtlingsgeschichten hat – Flucht im Zweiten Weltkrieg, Flucht aus der DDR während des Kalten Krieges, Flucht aus der DDR im Zuge der deutschen Vereinigung. Auch ein Fall von unterentwickeltem historischem Bewusstsein?

Prof. Fellmann: Nein, das hat überhaupt nichts mit historischem Bewusstsein zu tun. Worum es dabei geht, kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Ich bin selbst Flüchtling und habe noch den Flüchtlingsausweis A. Wenn ich jungen Menschen heute erzähle, was wir auf der Flucht erlebt haben, so finden die das „spannend“ - übrigens eine Kategorie, die heute auch von Historikern gern verwendet wird. Da kann man besser gleich Karl May lesen. Schon Aristoteles wusste, dass die Dichtung das Wesen der Menschen besser beschreibt als die Historiker. Worum es den Flüchtlingen wirklich ging, war die Sorge um ein neues Zuhause mit Wohlstand und Anerkennung von den Einheimischen. Mein Vater war Mitglied des BHE, des „Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten“, der für den Lastenausgleich eintrat. Was sich daraus an historischen Einsichten ergab, wurde mir erst viel später klar, als Bundeskanzler Ludwig Erhardt 1965 das Ende der Nachkriegszeit verkündete. Meinen Eltern war das egal; „Nachkriegszeit“ oder nicht - Hauptsache der Familie ging es gut. Ich glaube, so geht es allen Flüchtlingen, ja allen Menschen in Not. Erst das Überleben, dann das gute Leben und, wenn es hochkommt, die politische Aktion: Nie wieder Krieg!

"In Wahrheit bahnt sich eine Transformation unserer Kultur an"

L.I.S.A.: Im Deutschlandfunk haben Sie zuletzt die These aufgestellt, bei der Flüchtlingsbewegung handele es sich tatsächlich um eine neue Völkerwanderung. Was genau meinen Sie damit? Was bedeutet das für die Einheimischen? Welche Folgen sind zu erwarten?

Prof. Fellmann: Drei sehr schwierige Fragen. Am leichtesten fällt mir die Beantwortung der ersten. Der Unterschied zwischen Flüchtlingsströmen und Völkerwanderung liegt nicht in der enormen Anzahl von Menschen, die nach Europa kommen, sondern in der Qualität der Bewegung. In Analogie zur Völkerwanderung in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten ist die gegenwärtige Wanderung dabei, die Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Dass die Politiker das nicht anerkennen, hängt mit dem Mangel an historischem Bewusstsein zusammen. Unser Gegenwartsbewusstsein verzerrt unsere Wahrnehmung des Fremden. Wir verurteilen heftig fremdenfeindliche Ausschreitungen, und das mit Recht. Doch die meisten von uns wohnen und leben in Verhältnissen, in denen sie mit Ausländern nicht wirklich konfrontiert werden. Bei der Fremden-Euphorie der Intellektuellen ist viel falsches Bewusstsein im Spiel. Wir halten es für ein Zeichen der Toleranz, dass muslimische Mädchen in der Schule Kopftücher tragen dürfen, aber wenn unsere eigenen Töchter sich so anziehen müssten, bekämen wir es doch mit der Angst.

Auf die Frage danach, was die neuzeitliche Völkerwanderung für uns Europäer bedeutet, lautet meine Antwort: Sein oder Nichtsein. Wir sprechen zwar von Integration, aber in Wahrheit bahnt sich eine Transformation unserer Kultur an, vor der wir panische Angst haben. „Angst essen Seele auf“ gilt nun auch umgekehrt für uns. Wir werden mit Wertvorstellungen konfrontiert, die unserem Liberalismus widersprechen. Etwa mit der konservativen Rolle der Frau in der Familie, um nur ein Beispiel zu nennen, das mit dem Islam zusammenhängt. Dem hat unser überzogener Individualismus und Subjektivismus wenig entgegenzusetzen. Die Säkularisierung und die Verwandlung von Gotteshäusern in Konsumtempel zeigen Parallelen zur Dekadenz der Oberschicht im weströmischen Reich bei der ersten Völkerwanderung. Byzanz dagegen war durch seine gesellschaftlichen Strukturen resistenter. Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, dass unsere Gesellschaft dekadent ist, aber es gibt doch Alarmsignale. Abschied vom Prinzipiellen, grenzenlose Freiheit durch Selbstverwirklichung, Liebe als Beziehungskiste, das sind alles Symptome dafür, dass unsere Demokratie in ein spätkulturelles Stadium eingetreten ist. Spätkulturen aber sind kaum in der Lage, auf Dauer dem Druck standzuhalten, der von institutionell gestützten Lebensformen außereuropäischer Kulturen ausgeht.

Für eine Antwort auf die letzte Frage nach den Folgen müsste ich Prophet sein. Der Prophet gilt bekanntlich im eignen Lande nichts, und schon gar nichts, wenn er so alt und konservativ ist, wie ich es nun einmal bin. Aber die wirklich revolutionären Ideen stammen immer von den Alten, die über die bloße Erinnerung hinaus ein historisches Bewusstsein entwickelt haben. Arthur Schopenhauer, der von Geschichtsphilosophie nicht viel hält, hat den Wert der Geschichte in diesem Sinne auf den Punkt gebracht: „Was die Vernunft dem Individuo, das ist die Geschichte dem menschlichen Geschlechte: Vermöge der Vernunft nämlich ist der Mensch nicht wie das Tier auf die enge, anschauliche Gegenwart beschränkt; sondern erkennt auch die ungleich ausgedehntere Vergangenheit, mit der sie verknüpft und aus der sie hervorgegangen ist; hierdurch aber erst hat er ein eigentliches Verständnis der Gegenwart selbst und kann sogar Schlüsse auf die Zukunft machen“. Aus dieser Position der Vernunft, die den Subjektivismus übersteigt, kann ich so viel voraussehen: Europa wird durch die Wanderung der Völker aus Afrika und aus dem Nahen Osten wie damals das weströmische Reich durch die Germanen in seinem Selbstverständnis neu geordnet. Nur müssen unsere Eliten zunächst einmal die Lage erkennen und die Sache beim Namen nennen. "Völkerwanderung" ist keineswegs nur eine Frage der Nomenklatur. Aus der richtigen Benennung („Richtigstellung der Namen“ ist ein Prinzip des Konfuzianismus, den ich sehr schätze) folgt die Bereitschaft, die eigenen Wertvorstellungen zu überdenken und an veränderte Lebensbedingungen anzupassen. Das muss nicht der Untergang des Abendlandes sein. Eher seine Wiederauferstehung aus den Ruinen unseres Lebensgefühls individueller Selbstverwirklichung, die in Wirklichkeit eine Flucht vor der Verantwortung gegenüber der geschichtlichen Wirklichkeit ist.      

Prof. Dr. Ferdinand Fellmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Peter Albin, Unternehmer | 13.09.2015 | 18:50 Uhr
Prof.Fellmann, lassen Sie sich nicht durch den Begriff Völkerwanderung entmutigen! "Volk" ist eben ein belasteter Begriff, der aber an der Sache nichts ändert, dass unsere Gesellschaft von den Einwanderern verändert werden wird. Das wollen diejenigen nicht wahrhaben, die in ihrem Gegenwartsbewusstsein gefangen sind. Wenn man sieht, wie die großen Gefühle politisch instrumentalisiert werden ("Mom Merkel"), ist ein nüchterner Blick über den Tellerrand gefragt. Nur so können wir verhindern, dass unsere Gesellschaft vom Lebensgefühl der Ahnungslosen rechts und links noch stärker gespalten wird.

Kommentar

von Prof. Ferdinand Fellmann | 15.09.2015 | 21:08 Uhr
Besten Dank Herr Albin für Ihre ermunternden Worte. Ich lasse mich nicht entmutigen, auch wenn mir Dinge unterstellt werden, die mich kränken. Ich will nur die Vorgänge richtig benennen, denn das ist die Voraussetzung für vernünftiges politisches Handeln. Flüchtlingen, die Verfolgung und Tod entronnen sind, ist es egal, wo sie landen. Hauptsache, sie sind in Sicherheit. Dagegen wollen viele Einwanderer unbedingt nach Deutschland, weil sie hier bessere soziale Bedingungen erwarten. Dass Deutschland alle mit offenen Armen aufnimmt, hat sich längst herumgesprochen und eine Kettenreaktion ausgelöst. So jedenfalls haben es Syrer, die in meiner Nachbarschaft einquartiert wurden, mir authentisch berichtet. Sie wollen auch ihre kulturelle und religiöse Identität bewahren. Das ist verständlich, wird uns aber vor gewaltige Probleme stellen. Durch Integration allein lässt sich eine multikulturelle Gesellschaft nicht aufbauen. Integration bleibt einseitig und ist eine paternalistische Haltung, die wir nur überwinden, wenn auch wir bereit sind, unsere kulturelle Identität in Frage zu stellen. Das wird unsere Wertegemeinschaft verändern - zum guten oder zum schlechten, wer weiß ?

Kommentar

von Peter Albin, Unternehmer | 19.09.2015 | 14:02 Uhr
Ich habe gerade im Radio ein Interview mit dem österreichischen Außenminister gehört, der Ihre Einschätzung bestätigt. Es gibt eine merkwürdige Metamorphose der Flüchtlinge, die der Minister aus eigener Anschauung in der Türkei plastisch geschildert hat: Sobald Flüchtlinge in Sicherheit sind, verwandeln sie sich in Einwanderer, die genau wissen, wohin sie wollen und schlagartig ein entsprechendes Anspruchsdenken entwickeln. Also doch eine neue Form von Völkerwanderung, auf die Europa nicht vorbereitet ist! Ich hoffe, dass Ihre Betrachtung dazu beiträgt, die Lage realistisch einzuschätzen

Kommentar erstellen

0ZIWZJ