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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 14.04.2018 | 331 Aufrufe | Interviews

„Es geht darum, Gesellschaften differenziert zu erforschen“

Internationaler Workshop „Gender(ed) Histories of Health, Healing and the Body, 1250-1550”

Wie waren Geschlecht, Gesundheit und Gesundheitsversorgung im Mittelalter miteinander verflochten? Welche geschlechterbezogenen Muster medizinischer Praxis lassen sich feststellen? Und welche Rolle spielten in diesem Zusammenhang die Träger, Produktion und Verbreitung von Wissen um den kranken, gebrechlichen oder reproduktiven Körper? Mit diesen Fragen an den Schnittstellen von Geschichtswissenschaften, Kunst- und Medizingeschichte hat sich der internationale Workshop „Gender(ed) Histories of Health, Healing and the Body, 1250-1550” beschäftigt, der am 25./26. Januar 2018 in Kooperation mit der Competence Area IV „Cultures and Societies in Transition“ und dem Zentrum für Mittelalterstudien bei der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities stattfand. Wir haben die beiden Organisatorinnen des Workshops, die Mediävistinnen Eva-Maria Cersovsky und Dr. Ursula Gießmann, im Vorfeld getroffen und mit ihnen über die Inhalte des Workshops und den Stand der Geschlechterforschung in der deutschen Mediävistik gesprochen.

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Programm (3.84 MB)
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a.r.t.e.s. Graduate School: Liebe Eva, liebe Ursula, ihr veranstaltet nächste Woche zusammen den Workshop „Gender(ed) Histories of Health, Healing and the Body, 1250-1550”. Ursula, du bist ehemalige Postdoktorandin des a.r.t.e.s. Research Lab, und du, Eva, bist aktuell Promotionsstipendiatin im Integrated Track. Wie habt ihr euch kennengelernt und wie seid ihr dazu gekommen, den Workshop gemeinsam in Angriff zu nehmen?

Eva-Maria Cersovsky (EMC): Ursula und ich kennen uns tatsächlich schon recht lange. Als ich 2012 als studentische Hilfskraft an den Lehrstuhl für spätmittelalterliche Geschichte der Uni Köln gekommen bin, war Ursula dort wissenschaftliche Mitarbeiterin und ich habe das Tutorium zu ihrer Einführungsveranstaltung gehalten. Dies war quasi unsere erste kleinere Kooperation.

Ursula Gießmann (UG): Die Idee zu dem Workshop ist dann konkret entstanden, als ich mich mit Eva über ihr Dissertationsprojekt zu Straßburger Gesundheits- und Fürsorgestrukturen im späten Mittelalter unterhalten habe. Wir beide haben Interesse an einem in der mediävistischen Forschung gerade wieder stärker betriebenen Forschungsfeld, nämlich der Geschichte der Unfruchtbarkeit – vor allen Dingen bei Männern –, an deren Wahrnehmungen und den daraus folgenden Praktiken. Aus diesem Themenbereich, der jetzt auch in unserem Workshop-Programm vertreten ist, und aus Evas Schwerpunkt der städtischen Gesundheitsversorgung aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive ist diese Idee für den Workshop entstanden.

Der Titel des Workshops eröffnet ein großes thematisches Spektrum innerhalb eines Zeitraums von 300 Jahren. Auf welche konkreten Inhalte fokussiert der Workshop, und wen habt ihr als Vortragende gewinnen können?

UG: Der Workshop wird am ersten Tag mit einer Keynote von Sharon Strocchia eröffnet. Strocchia forscht am Department of History der Emory University in Atlanta und arbeitet gerade an einem Buch zu ‚Cultures of Care‘. In ihrem Vortrag betrachtet Strocchia vor allen Dingen die geschlechterspezifischen Spielregeln der Ausübung und Herstellung von Medizin am Hof der frühen Medici. Wir haben gemerkt, dass der geschlechtergeschichtliche Blick auf Medizin und Pflege und auf den kranken, versehrten oder reproduktiven Körper in der deutschen Mediävistik bisher kaum betrieben wurde; die Angloamerikaner sind da schon etwas weiter als wir. Entsprechend haben wir relativ wenig Rückmeldungen aus dem deutschsprachigen Raum auf den Call for Papers erhalten. Dass nun drei Vortragende von deutschen Universitäten, Eva inklusive, an dem Workshop teilnehmen, freut uns sehr und wird den Forschungsbereich in der deutschen Mediävistik hoffentlich weiter stärken. Die anderen Vortragenden stammen überwiegend aus dem anglophonen Raum.

EMC: Insgesamt ist der Workshop in vier Sektionen mit je drei Vorträgen unterteilt. Wir versuchen auf der einen Seite, bestimmte Bereiche abzudecken, die in den klassischen Studien zu Medizin und Gesundheitsversorgung unterrepräsentiert sind. Ein Beispiel dafür wäre die lokale, alltägliche Versorgung durch ‚fromme Frauen‘, also Frauen, die in religiösen Gemeinschaften unterschiedlicher Art lebten und ganz aktiv an der Gesundheitsversorgung Bedürftiger innerhalb und außerhalb dieser Gemeinschaften beteiligt waren. Dies untersuchen wir in der ersten Sektion „Sources of Religious Healing“. Ein weiterer Schwerpunkt ist dann die Produktion, Anwendung und Verbreitung von medizinischem Wissen um den weiblichen und männlichen Körper, aber auch um die Herstellung von Arzneien, womit wir uns in der zweiten Sektion „Producing, Transmitting and Applying Knowledge“ beschäftigen. In der dritten Sektion „Infirmity and Care“ geht es um den Umgang mit männlicher Beeinträchtigung aus der Perspektive der Dis/Ability History und um Praktiken der Pflege in häuslichen Kontexten. Dort gliedert sich auch mein Vortrag ein, der auf die Diskursgeschichte von geschlechterspezifischen Wahrnehmungen und Begründungsmustern von Pflege abzielt. Und die vierte Sektion „(In)Fertility and Reproduction“ bespricht das Wissen über Fortpflanzung und Unfruchtbarkeit sowie Vorstellungen und Praktiken hinsichtlich Verhütung, Abtreibung oder Menstruationsbeschwerden. Es wird insgesamt auch stark darum gehen, welche Quellen uns überhaupt zur Verfügung stehen, welche Strukturen diese Quellen haben und welche Möglichkeiten und Grenzen des Zugriffs auf geschlechtergeschichtliche Fragen sie uns erlauben.

Interdisziplinarität innerhalb der Geisteswissenschaften ist einer der Grundpfeiler von a.r.t.e.s., und ihr bewegt euch mit euren Forschungsprojekten ebenfalls schon lange im Spannungsfeld ganz verschiedener mediävistischer Teilgebiete. Habt ihr den Workshop bewusst thematisch breit angelegt, und inwiefern hilft er euch für eure eigenen Forschungen weiter?

UG: Wir haben einerseits Gäste aus den spezifischen Fachdisziplinen – also den Geschichtswissenschaften, der Medizingeschichte und der Kunstgeschichte – eingeladen, und auf der anderen Seite einzelne Personen, die sich an den Schnittstellen dieser Disziplinen bewegen, wie etwa Sharon Strocchia. Die Renaissanceforschung, die sie betreibt, ist beispielsweise in der deutschen Mediävistik und frühen Neuzeitforschung nicht so stark ausgebildet. Ebenso ist die institutionelle Gliederung in und die Trennung zwischen Medizingeschichte und Geschichtswissenschaften im Ausland nicht so stark wie bei uns. Die meisten Forscherinnen und Forscher, die in Deutschland zur Medizingeschichte arbeiten – oft in Verbindung mit Ethik der Medizin –, haben ein Medizinstudium absolviert und dann zum Teil zusätzlich eine geisteswissenschaftliche Promotion abgeschlossen. Dies trägt mit Sicherheit dazu bei, dass in den deutschen Geschichtswissenschaften eben nicht so viel in medizinhistorische Forschungsfelder eingegriffen wird. In den USA und Großbritannien laufen diese Themenfelder dagegen stärker unter History of Science, die sich in den deutschen Geschichtswissenschaften noch nicht in vergleichbarer Weise etablieren konnte. Dies gilt insbesondere für die mittelalterliche Geschichte.

EMC: Ich untersuche in meiner Dissertation, welche Strukturierungskraft Geschlecht für die städtische Gesundheitsversorgung hatte, also für die Wahrnehmungen und Handlungsmöglichkeiten von Frauen und Männern, die in Medizin und Pflege tätig waren, aber auch dafür, welchen Zugang Bedürftige zu Versorgung hatten und wie sie diese Versorgungsmöglichkeiten nutzten. Der Workshop wird mir auf jeden Fall helfen, mit denjenigen Forscherinnen und Forschern in Kontakt zu kommen, die derzeit, zum Teil auch schon länger, in diesem Bereich unterwegs sind. Das Netzwerken und der interdisziplinäre Ideenaustausch mit Menschen, die sich wie ich für die Verbindungen von geschlechter- und medizinhistorischen Fragen interessieren und wirklich ‚drin sind‘ in dem Thema – darauf freue ich mich am meisten.

UG: Mein Interesse gilt zurzeit dem Umgang mit männlicher Unfruchtbarkeit im späten Mittelalter und der Renaissance. Dabei konzentriere ich mich insbesondere auf historiographische Berichte. Mit Catherine Rider haben wir eine Referentin für den Workshop gewinnen können, die zu den Expertinnen in diesem Bereich gehört. In ihren Forschungen hat sie sich mit Bewältigungsstrategien von männlicher Unfruchtbarkeit in magisch-theologischen Texten auseinandergesetzt. Ich bin sehr froh, im Rahmen dieses Workshops mit ihr in Austausch zu treten und möglicherweise weitere Kooperationen anzustoßen.

Zuletzt noch eine Frage zur Geschlechterspezifik des Workshops und des Forschungsbereichs: Wenn man sich das Programm anschaut, fällt auf, dass bis auf eine Person alle Vortragenden Frauen sind, und auch ihr beiden Organisatorinnen seid Frauen. Würdet ihr sagen, dass Forschung zu geschlechterspezifischen Fragen noch immer primär von Frauen betrieben und vorangetrieben wird?

EMC: Wir hatten uns im Vorfeld des Calls keine Gedanken über eine Quote oder Ähnliches gemacht. Wir haben aber nur eine einzige Bewerbung von einem Mann bekommen, und ihn haben wir dann auch gerne eingeladen. Es gibt in manchen Forschungsbereichen definitiv noch immer eine starke Geschlechterspezifik: Meiner Erfahrung nach werden Themenbereiche wie Militärgeschichte auch heute noch hauptsächlich von Männern betrieben, geschlechterhistorische Forschungsthemen bearbeiten dagegen überwiegend Frauen. Das ist schade und auch ein bisschen verrückt.

UG: Wir würden uns auf jeden Fall sehr freuen, wenn der Workshop beispielsweise dazu beitragen würde, dass auch Männer unseres Instituts oder bei a.r.t.e.s. Interesse an dem Themenbereich entwickeln. Denn die Zugänge – Körpergeschichte, Kulturwissenschaften, Sozialgeschichte – sind ja sehr divers und können unabhängig von dem geschlechtergeschichtlichen Fokus grundsätzlich alle ansprechen, die an mittelalterlichen Gesellschaften interessiert sind. Geschlecht als soziokulturelles Differenzmerkmal steht zwar im Zentrum des Workshops, wird aber in den meisten Beiträgen intersektional oder relational gesehen, also eben im Zusammenspiel mit anderen Differenzkategorien. Im Endeffekt geht es darum, spätmittelalterliche Gesellschaften differenziert zu erforschen und zu diskutieren.

Wir danken Eva-Maria Cersovsky und Ursula Gießmann für das Gespräch!

 

von Julia Maxelon
(a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne)

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