Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 29.01.2019 | 1517 Aufrufe | Interviews

"Es gab keine transatlantische Allianz kritischer Historiker"

Interview mit Philipp Stelzel über deutsche und US-amerikanische Geschichtswissenschaft

Während der Zeit des Nationalsozialismus emigrierten zahlreiche Wissenschaftler aus politischen Gründen oder aufgrund ihrer jüdischen Herkunft in die Vereinigten Staaten - darunter auch mehrere Historiker, die in den USA ihrem Beruf weiter nachgehen konnten. In dieser besonderen Konstellation begegneten sich deutsche und US-amerikanische Historiker neu. Der Historiker Dr. Philipp Stelzel von der Duquesne University in Pittsburgh hat diese Begegnung und vor allem die daraus resultierende gegenseitige fachliche Beeinflussung untersucht. In seinem Buch History after Hitler fragt er nicht nur, wie die US-amerikanischen Historiker auf ihre deutschen Kollegen und die Geschichtswissenschaft in Deutschland nach 1945 gewirkt haben, sondern auch umgekehrt, was deutsche Historikern bei den Fachkollegen in den USA bewirkt haben. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Deutsche Geschichte und Geschichtswissenschaft in Deutschland und den USA"

L.I.S.A.: Herr Professor Stelzel, Sie haben vor Kurzem ein Buch veröffentlicht, das den aufmerksamkeitsweckenden Titel „History after Hitler. A Transatlantic Enterprise“ hat. Darin zeichnen sie den Transformationsprozess der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 nach und analysieren dabei konkret den Austausch zwischen deutschen und US-amerikanischen Historikern. Ihre Studie ist nicht die erste zur Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft seit 1945. Die Bücher von Winfried Schulze, Georg W. Iggers oder auch Ernst Schulin fallen einem in diesem Zusammenhang gleich ein. Was hat Sie bewogen, sich dieses Themas neu anzunehmen? Was machen Sie anders als Ihre namhaften Vorgänger?

Prof. Stelzel: Die von Ihnen genannten Titel, besonders die Studien von Winfried Schulze und Georg Iggers, sind natürlich nach wie vor einschlägig. Mein Buch unterscheidet sich in zweierlei Hinsicht grundlegend von ihnen: während der Schwerpunkt von Iggers auf dem späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert lag und sich Schulze auf die eineinhalb Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs konzentrierte, widme ich mich der gesamten alten Bundesrepublik, von den späten 1940er Jahren bis zur Wiedervereinigung. Insbesondere interessieren mich der Wandel der deutschen Geschichtswissenschaft in den 1960er und 1970er Jahren. Zudem geht es in meinem Buch, wie Sie erwähnten, um deutsche Geschichte und die Geschichtswissenschaft in Deutschland und den USA, während Schulze und Iggers sich auf die deutsche Seite beschränkten.

Was die von Ernst Schulin betonte Hilfestellung amerikanischer Historiker bei der „Modernisierung“ der westdeutschen Disziplin betrifft, so setze ich in meinem Buch andere Akzente: Amerikanische Kollegen waren sicherlich aufmerksame Beobachter der deutschen Geschichtswissenschaft. Aber sie als eine Art intellektuelle Entwicklungshelfer zu begreifen, geht meiner Ansicht nach an der Sache vorbei. In methodischer Hinsicht gab es fraglos Impulse amerikanischer Historiker und Sozialwissenschaftler für die westdeutschen Kollegen. Allerdings fällt auch auf, dass viele amerikanische Deutschlandhistoriker dem Bielefelder Projekt der Historischen Sozialwissenschaft skeptisch gegenüberstanden, auch wenn sie Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka als Historiker und auch persönlich sehr schätzten.

"Die Sonderwegsthese war zunächst auf amerikanischer Seite populärer"

L.I.S.A.: Der Titel Ihrer Arbeit verleitet dazu, Hitler bzw. das Dritte Reich als zentralen Fluchtpunkt der Geschichtswissenschaft in Westdeutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu verstehen. War die Abgrenzung von Hitler das zentrale Leitmotiv deutscher Geschichtsschreibung nach 1945? Galt es Geschichtswissenschaft zu verstehen, als Geschichtswissenschaft in demokratischer Absicht? In der Politikwissenschaft war das die zentrale Absicht – Bundesbürger zu Demokraten zu erziehen. Ein anderer Aspekt: Wenn Hitler der Fluchtpunkt der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 war, was war mit der deutschen Geschichte vor Hitler? Sonderwegsthese? Läuft alles auf Hitler hinaus und nach ihm alles von ihm weg?

Prof. Stelzel: In einem sehr allgemeinen Sinne grenzten sich deutsche Historiker vom Nationalsozialismus ab, aber über die Neuausrichtung des Faches gab es heftige Konflikte, wie dies bereits Winfried Schulze, Sebastian Conrad, Christoph Cornelissen, Thomas Etzemüller, Nicolas Berg und andere gezeigt haben. Insgesamt war die westdeutsche Geschichtswissenschaft  zunächst  sicher keine „Demokratiewissenschaft“ – so wandte sich etwa Gerhard Ritter vehement gegen die von sowohl von sozialdemokratischen als auch christdemokratischen Politikern geäußerte Forderung, das spätere Institut für Zeitgeschichte möge in diese Richtung wirken. Allerdings hatte Ritter natürlich keine Probleme mit einer explizit politischen Geschichtswissenschaft; ihm war nur die von diesen Politikern geforderte Richtung nicht genehm.

Die Frage, wie Hitler bzw. der Nationalsozialismus zu erklären seien, beschäftigte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Historiker auf beiden Seiten des Atlantiks. Interessant ist jedoch, dass die Sonderwegsthese implizit oder explizit zunächst auf amerikanischer Seite populärer war. Gordon Craig’s The Politics of the Prussian Army (erschienen 1955) betonte etwa den negativen Einfluss des Militärs auf die preußische und später deutsche Geschichte, die es in dieser Form in anderen Ländern nicht gegeben habe. Leonard Kriegers The German Idea of Freedom (1957), Fritz Sterns The Politics of Cultural Despair (1961), und George Mosses The Crisis of German Ideology (1964) beschrieben einen ideen- und kulturgeschichtlichen Sonderweg. Nach den 1960er Jahren ließ die Popularität der Sonderwegsthese in den USA jedoch stark nach, und in ihrer sozialgeschichtlichen Bielefelder Ausprägung hatte sie unter amerikanischen Historikern wenige Anhänger.

"Die Sozialgeschichte der 1970er Jahre war nicht einfach ein amerikanischer Import"

L.I.S.A.: Es ist bekannt, dass die während des Nationalsozialismus in die USA emigrierten deutschen Historiker, die nach dem Krieg zurückkehrten, neue Impulse aus der angelsächsischen Wissenschaftstradition mitgebracht hatten, die aber erst mit großer Verzögerung in der Bundesrepublik zur Wirkung kamen. Erst in den 1970er Jahren wurde insbesondere mit Hans-Ulrich Wehler die sogenannte Sozialhistorie zum dominierenden Geschichtsparadigma. Weniger bekannt ist Ihre These, dass die deutschen Historiker Einfluss auf ihre US-amerikanischen Kollegen gehabt hätten. Welchen? Was reizte an der deutschen Geschichtswissenschaft? Und wie sah der Austausch konkret aus – institutionell oder eher individuell?

Prof. Stelzel: Die Rolle der (sehr wenigen) remigrierten Historiker sehe ich anders. In der neueren deutschen Geschichte war dies ja nur Hans Rothfels (Hans-Joachim Schoeps remigrierte aus Schweden). Rothfels kam zwar ohne seinen völkischen Nationalismus der 1920er und 1930er Jahre zurück, aber wirkliche Impulse aus der angelsächsischen Wissenschaftstradition für die westdeutsche Geschichtswissenschaft sehe ich bei ihm nicht. Dietrich Gerhard, der abwechselnd semesterweise in St. Louis und Köln lehrte, war in Deutschland ja Amerikanist. Wichtiger in dieser Hinsicht war sicherlich der am Brooklyn College und dann in Berkeley lehrende Hans Rosenberg, der mehrmals als Gastprofessor in Berlin und Marburg unterrichtete und an der Freien Universität junge Historiker wie Gerhard A. Ritter, Gerhard Schulz, Karl Dietrich Bracher, Gilbert Ziebura und andere beeinflusste.

Die emigrierten Historiker beeinflussten jedoch aus den USA sowohl die transatlantischen Historikerbeziehungen als auch die westdeutsche Geschichtswissenschaft. Hajo Holborn und der früh verstorbene Klaus Epstein waren transatlantische Vermittler, ebenso wie Fritz Stern. Stern wirkte, abgesehen von seiner Intervention in der Fischer-Kontroverse, allerdings eher auf das Geschichtsbild der breiteren deutschen Öffentlichkeit als auf seine Kollegen auf der anderen Seite des Atlantik.

Ebenso war die Sozialgeschichte der 1970er Jahre nicht einfach ein amerikanischer Import. Hans-Ulrich Wehler profitierte zweifellos von seiner genauen Kenntnis des Literatur zum amerikanischen Imperialismus (er hatte ja auch seinen ersten Habilitationsversuch zu diesem Thema unternommen) und von den persönlichen Kontakten zur Wisconsin School um William A. Williams, als er an seinem Buch „Bismarck und der Imperialismus“ arbeitete. Und Jürgen Kocka verbrachte nach seiner Promotion ein Jahr in Harvard, wo er an einer vergleichenden Studie zu deutschen und amerikanischen Angestellten arbeitete und dabei im engen Kontakt zu Oscar Handlin und Alfred D. Chandler stand. Wenn man sich jedoch die programmatischen Texte gerade dieser beiden Historiker zur methodischen Neuausrichtung der deutschen Geschichtswissenschaft ansieht, findet man dort nur sehr wenig, was auf direkte amerikanische Einflüsse schließen lässt, sondern mehr auf die Entstehung der Historischen Sozialwissenschaft in einem deutschen Kontext.

Deutsche Einflüsse auf amerikanische Historiker wurden zuerst durch die emigrierten Historiker vermittelt. Hans Rosenberg prägte am Brooklyn College eine ganze Reihe von zukünftigen Historikern, und keineswegs nur diejenigen, die später über Deutschland schrieben, sondern zum Beispiel auch Eugene Genovese, später einer der wichtigsten Historiker der Sklaverei in den USA. Hajo Holborn betreute an der Yale University über fünfzig Dissertation von Historikern, die später zum Großteil selbst an prominenten Universitäten lehrten. Später waren es besonders die Historiker der Bielefelder Schule, die amerikanische Kollegen in vielfacher Hinsicht anregten. Auch wenn es, entgegen der Bielefelder Selbstschau, keine transatlantische Allianz kritischer Historiker gab, sondern sich im Gegenteil viele Amerikaner gerade an der Sonderwegsinterpretation abarbeiteten, so war für sie etwa Wehlers Kaiserreich-Buch oftmals der Ausgangs- oder zumindest der Bezugspunkt für die eigenen Forschungen. Aber auch Wehlers großer deutscher Antipode, Thomas Nipperdey, fand mit seinen Büchern ein nachhaltiges Echo auf der anderen Seite des Atlantiks.

"Wichtig waren für mein Buch vor allem Historikernachlässe"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial stützen Sie sich in Ihrer Analyse? Welches davon ist neu?

Prof. Stelzel: Wichtig waren für mein Buch vor allem Historikernachlässe. Aufgrund seiner zentralen Stellung innerhalb der westdeutschen Geschichtswissenschaft und seiner langjährigen HZ-Herausgeberschaft war Theodor Schieders Nachlass sehr aufschlussreich.

Im bislang noch wenig genutzten Nachlass Hans Rosenbergs wiederum fanden sich zahlreiche, ausführliche Briefe Hans-Ulrich Wehlers, in denen dieser sehr offen über seine Pläne für die Neuausrichtung der deutschen Geschichtswissenschaft sprach, weil Rosenberg für Wehler eine Art Vaterfigur war, wie der jüngere Historiker es selbst formulierte.

"Die Entstehung der transatlantischen Historikercommunity ist eine Erfolgsgeschichte"

L.I.S.A.: In Ihrem Buch heben Sie die Untersuchung des, wie Sie schreiben, intellektuellen und kulturellen transatlantischen Austausch in der Geschichtswissenschaft auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene.  Sie behaupten, dass die These von der Verwestlichung bzw. der Amerikanisierung der westdeutschen Gesellschaft zu simpel und letztlich falsch sei. Sprechen die großen Linien in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft aber eben nicht doch ehre dafür – angefangen von der Westbindung politisch und militärisch, die popkulturellen Übernahmen in Film, Musik und Lifestyle bis hin zu den wissenschaftlichen Einflüssen eines vornehmlich auf Empirie fußenden Positivismus?

Prof. Stelzel: Dass die bundesdeutsche Gesellschaft ebenso wie die Geschichtswissenschaft in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg westlicher wurde, bestreite ich nicht. Und mit dem Verständnis der Amerikanisierung als selektiver Aneignung amerikanischer Einflüsse versuche ich auch, die Entwicklung der Disziplin mit der politischen und kulturellen Entwicklung der Bundesrepublik in Bezug zu setzen. Schließlich haben Studien zur Amerikanisierung in den letzten Jahren ebenso in Richtung einer „selective appropriation“ amerikanischer Einflüsse argumentiert.

Selbstverständlich gab und gibt es auch Unterschiede. Meines Erachtens ist die Entstehung der transatlantischen Historikercommunity nach dem Zweiten Weltkrieg insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Und selbst wenn die europäische und somit auch die deutsche Geschichte an amerikanischen Universitäten in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren hat, die Intensität des deutsch-amerikanischen Austauschs unter Historikern hat darunter nicht gelitten.

Prof. Dr. Philipp Stelzel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

VMHCXH