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Georgios Chatzoudis | 12.12.2011 | 2413 Aufrufe | Interviews

"Es fehlt eine Vision davon, wie Europa sein soll"

Interview mit Prof. Dr. Andreas Fahrmeir

PIIGS - das ist die abwertende Bezeichnung für die fünf europäischen Staaten, die am Rande des Staatsbankrotts stehen. Hinter der Abkürzung verbergen sich die Länder Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Sie gelten als Problemstaaten, denen vermeintlich ein wirtschaftlich gesundes Europa gegenübersteht. Doch die Euro-Krise beschränkt sich längst nicht mehr auf diese Staatengruppe, sie hat sich inzwischen zu einer gesamteuropäischen Misere ausgeweitet. Das zentrale Friedens- und Wohlstandsprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg, die europäische Einigung, steht am Scheideweg - wieder einmal? Und wohin wird es diesmal gehen?

Wir haben den Historiker Prof. Dr. Andreas Fahrmeir von der Universität Frankfurt am Main befragt. Er ist dort Professor für Neuere Geschichte unter besonderer Berücksichtigung des 19. Jahrhunderts. Zuvor hatte er in Köln eine Professur für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts inne.

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Prof. Dr. Andreas Fahrmeir

"Europa wird mit der EU und die EU mit dem Euroland gleichgesetzt"

L.I.S.A.: Herr Professor Fahrmeir, man hat das Gefühl, dass Europa vor der möglicherweise schwersten Krise der Nachkriegszeit steckt. Trügt das Gefühl, Zeuge einer historisch beispiellosen Krise zu sein, oder ist da doch etwas dran?

Prof. Fahrmeir: Historisch beispiellos kann man die gegenwärtige Krise im Moment (zum Glück) nicht ernsthaft nennen. Schaut man auf einzelne europäische Staaten, so muss man sich ja nur auf die Niederschlagung der Freiheitsbewegungen in der DDR, Ungarn und der Tschechoslowakei, auf den Obristenputsch in Griechenland 1967, auf die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in Mittel- und Osteuropa nach 1989, vor allem aber auf die Kriege im ehemaligen Jugoslawien besinnen, um zu sehen, dass die derzeitige Lage vergleichsweise gut ist.

Selbst, wenn man nur von Wirtschafts- und Finanzkrisen nach 1945 spricht, haben die Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen Ostblockstaaten nach 1989 mindestens ebenso drastische Umbrüche erlebt, wie sie im Euroland derzeit zu beobachten oder abzusehen sind: Mit der Sowjetunion ist ja nicht nur ein Großreich, sondern auch eine Währungsunion untergegangen.

Daran, dass von der schwersten Krise "Europas" der Nachkriegszeit geredet wird, wird freilich (neben einem begrenzten historischen Horizont) eines deutlich: Im Mittelpunkt stehen nicht die Staaten oder Gesellschaften des europäischen Kontinents, sondern der Versuch, Europa in einer bestimmten Weise zu einigen. "Europa" bedeutet also hier die EU, und die EU wird wiederum implizit mit Euroland gleichgesetzt. Das unterschlägt, dass selbst in diesem eingeschränkten Sinne nicht ganz "Europa" in derselben Form der Krise steckt. Insofern stimmt die Formulierung irgendwie doch: Die Vorstellung, dass EU-Europa nur durch mehr gleichartige Regeln vorangebracht werden kann, steckt in der Tat in ihrer schwersten Krise seit der Nachkriegszeit.

"Kategorien wir Nord-Süd- oder Ost-West-Gegensatz sind zu grob"

L.I.S.A.: Die Geschichte Europas nach 1945 war vor allem vom Gegensatz zwischen Ost und West geprägt. Der aktuelle Kompass zeigt nun vor allem einen Nord-Süd-Konflikt. Ist der neu oder war der schon immer da und lediglich wegen der 45-jährigen Ost-West-Eiszeit eingefroren?

Prof. Fahrmeir: Ich glaube, dass beide Charakterisierungen die Komplexität Europas unterschätzen. Weder der Nord-Süd- noch der Ost-West-Gegensatz sind dauerhaft in die Geschichte Europas eingeschrieben. Erstens haben sich die Verhältnisse zumindest von Norden und Süden langfristig gewandelt.

In Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit war der Mittelmeerraum die prosperierende Region, nicht der Norden. Das ändert sich erst seit dem 17. Jahrhundert, als Teile des Nordens und Westens Europas die anderen Regionen demographisch, ökonomisch, technologisch und militärisch dauerhaft hinter sich zurückzulassen beginnen. Zweitens sind die Kategorien zu grob: Es ging nur um Teile des "Westens" und "Nordens - 
England, Frankreich, die Niederlande, deutsche Gewerbe- und Industrieregionen, Norditalien. Andere Regionen des "Westens" (oder des "Nordens") fielen relativ gesehen zurück: Spanien und Portugal, Süditalien, Schottland, Irland, die baltischen Länder, Finnland, Skandinavien. Manche dieser Länder sind weiterhin deutlich ärmer als der europäische Durchschnitt, andere haben mehr oder weniger dauerhaft den Anschluss an die Spitzengruppe gefunden.

Schließlich zogen sich die Bruchlinien, die man mit einem Nord-Süd oder Ost-West Gegensatz zu beschreiben sucht, immer durch politische Einheiten hindurch. Blickt man auf die Regionen, wird man feststellen, dass es in Europa Regionen relativ hoher Urbanisierung und relativ intensiver wirtschaftlicher Aktivität ebenso gibt wie Gegenden, in denen Städte lange eine geringere Rolle gespielt haben und die Wirtschaft länger am Rande des Subsistenzniveaus verharrte. Dabei liegen viele der über lange Zeiträume hinweg besonders wohlhabenden Regionen in einem Bogen zwischen etwa London und Mailand.

Kurz gefasst lautet die Antwort wiederum, dass Europa ein differenzierteres Bild bietet, als einfache Kontrastierungen suggerieren.

"Vorwürfe wie Korruptionsanfälligkeit haben religiöse Obertöne"

L.I.S.A.: In der politischen und medialen Debatte über die aktuelle europäische Krise erleben Begriffe wie "Kerneuropa", "Südeuropa" und "Nordeuropa" eine Renaissance, verbunden mit der Vorstellungen von einem kranken und korrupten Südeuropa und einem gesunden und integeren Nordeuropa. Wie stark sind die Vorstellungen historisch verwurzelt?

Prof. Fahrmeir: "Kerneuropa" könnte zwar den Kernlanden europäischer Dynamik entsprechen, scheint aber im Moment vorwiegend auf die spezifische Erfahrung der politischen Einigung (West-)Europas nach 1945 zu rekurrieren. Der Begriff bezeichnet in der Regel die ursprünglichen Partner (außer Italien), schließt aber England aus, das spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter in vielerlei Hinsicht Europas dynamischste Region war.

Der Kontrast zwischen Europas Süden und Norden ist dagegen in mehrfacher Hinsicht überdeterminiert: Er fällt mit der Konfessionsgrenze zwischen einer überwiegend katholischen und überwiegend protestantischen Bevölkerung ebenso zusammen wie mit der Weinbaugrenze, mit einer vermuteten Grenze zwischen einer eher strikten und eher laxen Arbeitsmoral usw. In diesem Kontext ist zumindest interessant, dass Vorwürfe wie Korruptionsanfälligkeit bis in das Vokabular hinein religiöse Obertöne haben - was auch erklären könnte, warum es so leicht fällt, geographisch nordeuropäische Länder wie Belgien und Irland irgendwie dem Süden zuzuschlagen.

Allerdings ist auch hier das Bild komplizierter. Dass Deutschland ganz zum "Norden" gehört, ist keineswegs selbstverständlich. Hier war der Nord-Süd-Gegensatz lange überaus virulent - die Vorwürfe, die heute gegenüber den "PIIGS-Staaten" erhoben werden, konnte man im Kaiserreich gegenüber Bayern hören. In Frankreich sahen viele Beobachter bis in die 1930er Jahre ebenfalls eine Grenze zwischen dem Norden und Süden des Landes. Insofern hat sich - wenn man die heutige Diskussion in Italien verfolgt - der Norden offenbar mit der Zeit nach Süden verlagert (ganz ebenso wie die West-Ost-Grenze langsam nach Osten unterwegs ist).

Die positive Bewertung des Nordens und die negative des Südens sind zudem nicht die einzige Deutungsmöglichkeit: 
Schließlich ist die Tradition, den Süden als Ort von Kunst, Kultur, Kreativität und Lebensart zu sehen, immer noch präsent.

"Die EU verliert gegenüber Euroland deutlich an Bedeutung"

L.I.S.A.: Die Europäische Union wird heute von Deutschland und Frankreich dominiert wie noch nie zuvor. Großbritannien schaut gegenwärtig mehr zu, als aktiv politisch zu agieren. Die übrigen Staaten reagieren auf Beschlüsse oder orientieren sich an Berlin und Paris. Erleben wir zurzeit die Herausbildung einer neuen europäischen Konstellation, eines neuen europäischen Mächtekonzert? Was bedeutet das für die stets postulierte Vertiefung der EU?

Prof. Fahrmeir: Ich würde die Dinge etwas anders lesen. Die derzeitige Dominanz Deutschlands und Frankreichs ist das Resultat eines doppelten Effekts: der Regel "wer zahlt, schafft an" und der ausschließlichen Konzentration auf die Probleme der Euro-Zone, zu der Großbritannien (aus seiner Sicht wohl: Gott sei dank!) ja nicht dazugehört. Insofern beobachten wir eine Konstellation, in der die EU gegenüber Euroland erkennbar an Bedeutung verliert. Sollte die Sorge vor einem Euro-Crash auch zu einer finanziellen und wirtschaftlichen Entflechtung mit den Ländern führen, die der Euro-Zone nicht angehören, dann läge darin ein nicht zu unterschätzendes Risiko für die EU.

Dass die Vertiefung der EU außerhalb Eurolands - vermutlich zumindest mittelfristig - ins Stocken geraten ist, dürfte zudem klar sein. Das hat ebenfalls mehrere Gründe: Verträge, die man ohne Probleme brechen kann, haben ja offenkundig keine große Bindungswirkung; wieso sollte man also mehr davon machen? Auf der Ebene der EU gibt es nur schwach demokratisch legitimierte Institutionen, und die nicht-Euro Staaten haben zum Teil besonders starke demokratische Traditionen. Selbst in der Euro-Zone sind die Grenzen der Integration kaum zu übersehen.

Impulse der Eurokratie zur Lösung der Krise verpuffen. Ein Konsens der Regierungen scheint angesichts ihrer sehr unterschiedlichen Interessen als Gläubiger und Schuldner (und angesichts der sehr verschiedenen Ursachen der jeweiligen Schuldenkrisen) derzeit illusorisch. Eine pure deutsch-französische Dominanz wird diese Legitimitätslücke nicht auf Dauer schließen können.

"Die Vokabel 'Solidarität' hat fast einen nostalgischen Klang"

L.I.S.A.: Inwieweit leidet bei der aktuellen Krise der europäische Solidaritätsgedanke, der dem europäischen Gedanken seit den Römischen Verträgen stets inhärent war?

Prof. Fahrmeir: Eine solche Frage verführt zu der Gegenfrage: Solidarität von wem mit wem? Zunächst zum positiven: Die Solidarität der Regierungen scheint weiterhin hoch. Die griechischen Manipulationen vor dem Euro-Beitritt hatten keine erkennbaren Folgen, noch nicht einmal als Karrierehindernis für die beteiligten Amtsträger. Viele Regierungen waren bislang eher bereit, sich abwählen zu lassen, als den Versuch zu unternehmen, sich gegen das europäische Projekt zu stellen oder auch nur eine strikte Erfüllung der europäischen Verträge anzumahnen. Insofern scheinen die Strukturen der europäischen Einigung auf der Ebene der nationalen wie der europäischen politischen Eliten (noch) bemerkenswert stabil.

Mit Blick auf die Bevölkerung(en) ist es komplexer. Das liegt auch daran, dass eine Vokabel wie "Solidarität" fast einen nostalgischen Klang hat - das war irgendwie "seventies". Spätestens seit den 1990er Jahren wurden andere Werte - Konkurrenz, Selbstverantwortung, Mobilität - dominant, die "Ich-AG" beschrieb das ganz gut. Solidarität wurde nach innen zu Gunsten von Dynamik, Effizienz und (wie wir jetzt
wissen: der Illusion einer) nachhaltigen Haushaltskonsolidierung abgewertet.

Das galt bereits innerhalb der relativ stabilen Nationalstaaten; es überrascht nicht, dass der Effekt in einer deutlich schwächer ausgeprägten "imagined community" wie der EU eher noch drastischer ausfällt. Man kann als Regierung kaum nach innen Konkurrenz predigen und in dem Zwischenraum zwischen innen und außen, den die EU darstellt, unbegrenzte Solidarität fordern - schon gar nicht, wie es derzeit etwa in der Relation Slowakei-Griechenland oder Portugal-Italien passieren würde, Solidarität der Armen mit den Wohlhabenderen.

"Kurzlebigkeit der endgültigen Rettungspläne ist atemberaubend"

L.I.S.A.: Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, damit Europa die Krise überwinden kann?

Prof. Fahrmeir: Wenn ich das wüsste, hätte ich sicher eine andere Stellung. Ich kann nur sagen, was mich an der gegenwärtigen Diskussion wundert. Das ist erstens, dass man sehr stark davon ausgeht, eine Lösung für sehr unterschiedliche Probleme finden zu müssen: für einen erkennbar dysfunktionalen Staat in Griechenland, für die Folgen einer Bankenkrise in Irland, für die Folgen einer Immobilienblase in Spanien, für eine übermäßig spendierfreudige Regierung in Italien. Lag nicht Europas Stärke immer in seiner Vielfalt und der Fähigkeit, nicht alles über einen Kamm scheren zu wollen?

Zweitens ist die Kurzlebigkeit der endgültigen Rettungspläne schon atemberaubend. Erkennbar fehlt eine Vision davon, wie Europa aussehen soll, die ja notwendig wäre, damit man Wege identifiziert, auf denen man dahin gelangen kann. Ohne eine solche Vision wird man aus der gegenwärtigen Krise aber kaum herauskommen.

Drittens, und das ist vielleicht der schwerwiegendste Punkt, sollte klar sein, dass jede angestrebte Lösung unter den bestehenden Rahmenbedingungen auch ökonomisch funktionieren muss. In der Euro-Zone, wie sie gegenwärtig aufgestellt ist, ist diese Bedingung nicht erfüllt. Hier besteht also grundlegender Änderungsbedarf. Die angestrebten Lösungen müssen also mittel- und langfristig realistisch und tragfähig sein. Es ist aber doch selbst für den Laien evident, dass eine Situation, in der Staatsanleihen "sicherer" Staaten (die unter Einbeziehung von Bürgschaften allerdings ebenfalls massiv überschuldet sind) real Verluste einbringen, vermutlich diese Bedingung nicht erfüllt. Warum diese Erkenntnis selbst vermeintlichen "Technokraten" so schwer fällt, bleibt rätselhaft und besorgniserregend.

Prof. Dr. Andreas Fahrmeir hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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