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Georgios Chatzoudis | 10.06.2013 | 25089 Aufrufe | 1 | Interviews

"Es fehlt an einer Lobby für Nachwuchswissenschaftler"

Interview mit Behrang Samsami über Promovieren heute

Die Promotion ist die Eintrittskarte in die Wissenschaft. Jahr für Jahr werden in Deutschland rund 25.000 Doktortitel vergeben. Wer es geschafft hat, rechnet sich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus - ob in der Wissenschaft oder auch in anderen Berufsfeldern. Doch die Promotion ist heute kein Garant mehr für eine steile Karriere. Nicht selten stehen viele nach langem und entbehrungsreichem Studium ohne konkrete Berufsperspektiven da. Dr. Behrang Samsami hat die Promotion geschafft, blickt aber kritisch auf die vergangenen Jahre zurück. Wir haben ihn zu seinen Erfahrungen mit dem Verfassen einer Dissertation gefragt.

Dr. Behrang Samsami

"Abhängigkeit führt zu Angst"

L.I.S.A.: Herr Dr. Samsami, Sie wurden an der Freien Universität Berlin promoviert. Zuletzt veröffentlichten Sie in einer Wochenzeitung einen Beitrag über die Bedingungen, unter denen heute promoviert wird. Was hat Sie dazu veranlasst?


Dr. Samsami: Die unklare rechtliche Situation von Doktoranden, ihre unzureichende Bezahlung als Universitätsangestellte und das problematische Verhältnis zum Betreuer – das waren vor allem die Gründe, die mich bewogen, den Beitrag Professor Rabenvater zu veröffentlichen. In den letzten Jahren traf ich wiederholt auf andere Nachwuchsforscher, deren schwierige Lebens- und Arbeitssituation mich aufhorchen ließ. Die meisten von ihnen können sich nicht auf das Dissertationsprojekt konzentrieren, sondern jobben zusätzlich, um sich zu finanzieren. Haben sie das Glück, als wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität angestellt zu sein, müssen sie neben der eigenen Forschung und Lehre auch ihre Doktormutter bzw. ihren Doktorvater unterstützen – und das für wenig Geld.

Gegen die mangelhafte Entlohung und die kurzen, ein bis Jahre währenden Arbeitsverträge zu protestieren, können sich diese Doktoranden im wahrsten Sinn des Wortes aber nicht leisten. Ihre Abhängigkeit führt zu Angst. Die Doktoranden wehren sich nicht gegen die prekären Verhältnisse, nicht gegen ihre Ausbeutung, die wissenschaftlich sein kann, etwa wenn ihre Forschungsergebnisse plagiiert werden. Wer sich doch wehrt, nimmt in Kauf, nicht nur seine Stelle, sondern auch die Unterstützung des Betreuers zu verlieren, dessen Netzwerk sich für den Nachwuchsforscher verschließt, ja sogar gegen ihn gewandt werden kann. Darum gibt es nicht viele, die offen die ungerechten Zustände infrage stellen. Es steht viel auf dem Spiel.

"Universitäten agieren zunehmend wie Wirtschaftsunternehmen"

L.I.S.A.: Sie beklagen, dass Politik und Universitäten mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs gleichgültig umgehen. Woran machen Sie die These fest?


Dr. Samsami: Beide haben bisher keinen Schritt getan, etwa die unklare rechtliche Lage der Doktoranden in den Hochschulgesetzen zu korrigieren. Offene Briefe, in denen die jungen Forscher Vorschläge zur Verbesserung ihrer Lage machen, liegen vor. Es fehlt an einer Lobby, die die Interessen der jungen Wissenschaftler vertritt. Diese haben sich bisher aber auch noch nicht in einer Gruppe zusammengeschlossen, die bundesweit so vernetzt und einflussreich wäre, dass der von ihr ausgehende Druck positive Veränderungen für Nachwuchsforscher zur Folge hätte.

Darum sind Politik und Hochschulen auch nachlässig, wenn es darum geht, die Doktoranden stärker zu fördern. Und das obwohl beständig gesagt wird, dass Bildung der Schlüssel für Erfolg sei beziehungsweise in einem rohstoffarmen Land wie der Bundesrepublik Fachkräfte überragende Bedeutung hätten. Die Kritik, die ich äußere, betrifft denn auch nicht nur Geistes-, Sozial- und Politik-, sondern auch Naturwissenschaftler und Ingenieure, von denen allgemein gesagt wird, dass sie finanziell besser da stünden.

Es lässt sich feststellen, dass Universitäten zunehmend wie große Wirtschaftsunternehmen agieren und sich weigern, den Doktoranden, die in ihrer Hierarchie an unterster Stelle stehen, ein Teil der Macht abzugeben und sie besser zu bezahlen. Damit gehen die Hochschulen mit anderen Branchen in Deutschland durchaus d’accord.

Durch die Plagiatsfälle wie die von Karl-Theodor zu Guttenberg und anderer Politiker ist die Promotion allerdings stark in den Fokus der Öffentlichkeit getreten und regelmäßig Thema in den Feuilletons deutscher Tageszeitungen. Die prekären Verhältnisse, in denen Doktoranden oft leben und arbeiten, werden aber zu wenig berücksichtigt. Stattdessen konzentrieren sich die Verantwortlichen, auch die neue Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, eher darauf, die Standards für Prüfverfahren zu vereinheitlichen, um Plagiatsfälle künftig zu vermeiden.

"Doktorväter haben viel Macht"

L.I.S.A.: Haben Promovierende gegenüber anderen Studierenden nicht eine privilegierte Position? Und wie steht es um das Verhältnis zum Doktorvater?


Dr. Samsami: Die Promovierenden sind in der vorteilhaften Lage, sich mit einem Thema über mehrere Jahre intensiv auseinanderzusetzen und in ihrem jeweiligen Forschungsfeld zum Experten zu werden. Wollen sie an der Universität eine akademische Laufbahn einschlagen, ist die Doktorarbeit dafür die Voraussetzung.

Diejenigen, die nach der Promotion keine wissenschaftliche Karriere anstreben und in einem anderen Arbeitsbereich tätig werden, können früher oder später von ihrem Titel profitieren – in Form von Sozialprestige und einer höheren Entlohnung. Sie machen aber auch die Erfahrung, für eine Vielzahl von Tätigkeiten, beispielsweise in der Medienbranche, überqualifiziert zu sein. Dagegen ist die Promotion in einigen naturwissenschaftlichen Fächern nötig, um nach dem Abschluss in der freien Wirtschaft überhaupt einen Job zu finden. Wichtig ist daher, sich vorher genau zu überlegen und gegebenenfalls einen Coach zu Rate zu ziehen, ob eine Promotion für die eigene berufliche Entwicklung sinnvoll und notwendig ist.

Wenn man sich für eine Promotion entscheidet, ist die Wahl des Doktorvaters zentral. Oft bietet der Hochschuldozent, bei dem man die Master- oder früher Magisterarbeit geschrieben hat, von sich aus die Betreuung an, wenn er den Nachwuchsforscher für geeignet hält. Sollte der Doktorand bei diesem als Mitarbeiter tätig sein, ist es noch wichtiger, ein für beide Seiten konstruktives Verhältnis zu haben. Meine Empfehlung ist auf jeden Fall, stets eine gewisse Distanz zum Betreuer zu wahren und sich von diesem, in welcher Form auch immer, nicht vereinnahmen zu lassen. Doktorväter haben viel Macht. Ähnlich wie bei anderen Chefs finden sich auch unter ihnen einige, die das extrem ausnutzen, Unterwerfung fordern und mit „Liebesentzug“ oder Abbruch der Zusammenarbeit drohen, wenn nicht Folge geleistet wird.

"Doktorandenkolloquien sollten fester Bestandteil der Promotion werden"

L.I.S.A.: Was müsste sich Ihrer Meinung nach am Promotionsverfahren ändern? Gibt es Vorschläge, wie die Situation Promovierender verbessert werden kann?


Dr. Samsami: Promovierende sollten einen rechtlich geklärten Status haben – so wie das bei Studenten der Fall ist. Das würde ihnen mehr Rechte einräumen: Sie wären als eine eigene Gruppe anerkannt, in Fragen der Mitbestimmung an der Universität nicht mehr ausgeschlossen und könnten sich auch sozialversicherungsrechtlich auf ihren Status berufen. Denjenigen, die als wissenschaftliche Mitarbeiter angestellt sind, steht zudem eine angemessene Bezahlung entsprechend ihrer vielseitigen und anspruchsvollen Tätigkeit zu.

Die starke Abhängigkeit vom Betreuer ist ein dritter Kritikpunkt. Das Promotionsverfahren sollte künftig transparenter und strenger reguliert werden. So sollte das Projekt des Nachwuchsforschers zusätzlich durch einen, dem Doktorvater nicht bekannten Wissenschaftler betreut und benotet werden. Der Promovierende sollte auch die Möglichkeit bekommen, seine wissenschaftlichen Ergebnisse jedes Semester beim Promotionsbüro zu hinterlegen. So wäre es nicht mehr wie bisher möglich, dass etwa Erst- und Zweitgutachter einander decken, wenn einer von ihnen die Erkenntnisse des Doktoranden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen als seine eigenen ausgibt – Gutachter also Diebstahl fremden geistigen Eigentums begehen. Zudem sollten Doktorandenkolloquien zu einem festen Bestandteil der Promotion und nicht dem Willen des Betreuers allein überlassen werden.

Die verantwortlichen Stellen in Politik und Wissenschaft sollten, wenn sie nach den bekannt gewordenen Plagiatsfällen die Prüfstandards für Promotionsverfahren korrigieren wollen, die Prüfer nicht vergessen: Denn nicht nur die Leistung und Integrität des Nachwuchses, sondern auch die der Betreuer ist – bei aller Honorigkeit – zu überprüfen.

"Projekt so früh wie möglich in der Wissenschaft bekannt machen"

L.I.S.A.: Als Sie Ihr Dissertationsprojekt gestartet haben, wussten Sie da schon, was Sie erwarten würde? Und warum haben Sie trotz dieser Bedingungen promoviert?

Dr. Samsami: Die Promotion gab mir die wohl einmalige Gelegenheit, ein Thema über mehrere Jahre zu durchdringen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ich hatte mein Forschungsfeld im Studium entdeckt und ging hochmotiviert an die Arbeit. Mein Ziel war es anfangs auch, Wissenschaftler zu werden. Stünde ich heute wieder vor der Entscheidung, fiele sie genauso aus wie damals – auch, wenn ich heute nicht hauptberuflich als Germanist arbeite.

Wie andere Absolventen auch, mit denen ich gesprochen habe, würde ich im Nachhinein jedoch einiges anders angehen. So sollte man sein Projekt so früh wie möglich in der Wissenschaft bekannt machen, Aufsätze, Rezensionen und Tagungsberichte schreiben und offensiv Netzwerke aufbauen – um unabhängiger zu werden und selbstständiger zu agieren.

Während der Promotion kommt es regelmäßig zu Sinnkrisen. Die Forschungsarbeit ist schließlich ein langsamer und einsamer Prozess des Erkenntnisgewinns. Sie ist kräftezehrend, weil man immer wieder in Sackgassen gerät und von vorne beginnen muss. Wichtig ist, sich selbst stets neu zu motivieren. Dabei gibt es Strategien, negative Erfahrungen wie Burnout und Krankheiten zu verhindern. Man sollte sich ohne Angst mit anderen jungen Kollegen austauschen und sich notfalls professionell beraten lassen. Letztlich ist es wichtig, auf eine Work-Life-Balance zu achten, die das Forschen und Lehren nicht zu einem Dauerleiden macht. Der Kontakt zum „normalen Leben“ erdet und schafft eine gesunde Distanz zur Promotion.

Dr. Behrang Samsami hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Lebenslauf: Dr. Behrang Samsami

1981 im Iran geboren. 2002-2006 Studium der Neueren deutschen Literatur und Geschichte an der Freien Universität Berlin. 2009 dort promoviert in Neuerer deutscher Literatur mit der Studie „Die Entzauberung des Ostens“. Die Wahrnehmung und Darstellung des Orients bei Hermann Hesse, Armin T. Wegner und Annemarie Schwarzenbach (Aisthesis 2011). Mitherausgeber des Sammelbandes Das riskante Projekt. Die Moderne und ihre Bewältigung (Aisthesis 2011) und der Neuauflage von Nikolaus II. Glanz und Untergang des letzten Zaren (Frankfurt a.M. 2011) des Schriftstellers Essad Bey. Literaturkritische Publikationen unter anderem bei „der Freitag“, „Zenith. Zeitschrift für den Orient“ und „Literaturkritik.de“. Seit 2013 Volontär an der Evangelischen Journalistenschule, Berlin.

Kommentar

von C. Meyer | 17.06.2013 | 13:14 Uhr
In diesem Sinne sei hier auch auf einen kürzlich erschienenen Artikel im CAA Newsletter hingewiesen, gewissermaßen als Fortsetzung des Interviews:
http://chronicle.com/article/Self-Sabotage-in-the-Academic/138875/

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