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Georgios Chatzoudis | 15.10.2019 | 679 Aufrufe | Interviews

"Erste allgemeine Orientkunde in deutscher Sprache"

Interview mit Helmut Brall-Tuchel zum Niederrheinischen Orientbericht aus dem 14. Jahrhundert

Hat man die Zeit der Kreuzzüge vor Augen, ist die Vorstellung von denen, die sich im Verlauf von fast 300 Jahren feindlich gegenüber standen, ziemlich schematisch: auf der einen Seite christliche Heere, auf der anderen muslimische. Doch so scharf voneinander geschieden waren die beiden Welten tatsächlich nicht. Vielmehr gab es bis ins 14. Jahrhundert hinein vielfältige Formen der Überlagerung beider Kulturen, des Austausches und der gegenseitigen Befruchtung. Entsprechend strahlten damals vielerlei Phantasien über das Morgenland weit in die abendländische Welt hinaus, die allerdings in der Regel mit der Realität kollidierten. Eine bemerkenswerte Ausnahme bei der Vermittlung des Orients in den Okzident war der sogenannte Niederrheinische Orientbericht, den der Germanist und Mediävist Prof. Dr. Helmut Brall-Tuchel als erste allgemeine Orientkunde in deutscher Sprache bezeichnet und gerade in einer neuen Edition veröffentlicht hat. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Differenzierter, als man dies für das Zeitalter der Kreuzzüge gemeinhin annimmt"

L.I.S.A.: Herr Professor Brall-Tuchel, Sie haben unter Mitarbeit von Jana Katczynski, Verena Rheinberg und Sarafina Yamoah den „Niederrheinischen Orientbericht“ aus dem 14. Jahrhundert neu herausgegeben, übersetzt und kommentiert. Um was für einen Bericht handelt es sich hierbei? Und warum haben Sie sich diesem Text zugewandt, der lange kaum Beachtung fand? Was interessiert Sie daran?

Prof. Brall-Tuchel: Beim Niederrheinischen Orientbericht handelt es sich um den ersten Bericht in deutscher Sprache, der sich mit den politischen, geographischen, religiösen und ethnischen Zuständen im Vorderen Orient auseinandersetzt. Der erste Teil berichtet von den Völkern, Religionen und Herrschern. Den zweiten Teil könnte man als allgemeine Orientkunde bezeichnen. Die Vorstellungen vom Orient und die Einstellung zum Islam sind in der Überlieferung des Mittelalters weitaus differenzierter, als man dies für das Zeitalter der Kreuzzüge gemeinhin annimmt. Ein Grund dafür liegt in der regional sehr unterschiedlichen Perspektive auf den Orient. Der Niederrheinische Orientbericht entstand knapp 150 Jahre vor dem breiter überlieferten und besser bekannten Reisebericht des in Erkelenz begrabenen Ritters Arnold von Harff. Zusammen mit meinem Kollegen Folker Reichert von der Universität Stuttgart haben wir durch eine kommentierte Übersetzung des Textes und Ausstellungen in Grevenbroich, Erkelenz und Bedburg das Interesse an historischen Orientreisenden und Entdeckern aus der Region wieder wecken können. Das Orientthema hat mich seither so fasziniert, dass ich nun auch diesen älteren Bericht ediert und übersetzt habe, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts im Raum zwischen Köln und Aachen entstanden ist.

"Mehr als ein Dutzend Jahre in der Osttürkei, Armenien, Georgien, Palästina und Ägypten"

L.I.S.A.: Der Autor des Niederrheinischen Orientberichts ist unbekannt. Es gibt nur Vermutungen über ihn. Wie stellen Sie sich den Anonymus, wie Sie ihn in Ihrer Edition nennen, vor? Und woher hatte er sein Wissen über den Orient?

Prof. Brall-Tuchel: In der Forschung geht man allgemein von einem Laien aus Kaufmannskreisen aus. Diese Auffassung teile ich nicht. Erfolgreiche Kaufleute gaben ihr Wissen über Geschäfte im Fernhandel nicht ohne Weiteres preis. Der Autor des Niederrheinischen Orientberichts hielt sich mehr als ein Dutzend Jahre in der Osttürkei, Armenien, Georgien, Palästina und Ägypten auf. Das ist ein ungewöhnlich langer Zeitraum und auch keine übliche Handelsroute für einen Kaufmann. Ich halte den Verfasser eher für einen Kriegsmann oder einen Ordensritter, der auf eigene Faust im Orient geblieben ist und bei unterschiedlichen Herren in Diensten stand. Er hatte eine gewisse Bildung, war aber schreibsprachlich nicht besonders geübt – ein Kleriker kommt somit nicht in Frage. Nach meiner Überzeugung hatte er aber Kontakt zu anderen Orientreisenden der Zeit, von denen einige den Weg zurück in das christliche Abendland nicht mehr gefunden haben. Sein Wissen über den Orient stammt teils aus der westlichen Tradition, vom berühmten Venezianer Marco Polo, aus Sagenüberlieferungen und antiken Fabeln über Mischwesen. Ohne Zweifel berichtet er aber auch aus eigener Erfahrung; er nahm teil an der Hofhaltung der Mamelukensultane und er kannte die christlichen Gemeinden im Orient aus eigener Anschauung.

"Neue Informationen über Land und Leute, Sitten und Gebräuche"

L.I.S.A.: Was hat den Autor bewogen, diesen Bericht zu schreiben? Dazu noch in einer Sprache, der niederrheinischen Variante des Ripuarischen, und somit nur für eine überschaubare Leserschaft verständlich. Und warum gab es ausgerechnet im Rheinland Interesse am Orient?

Prof. Brall-Tuchel: Über seine Person wie über seine Motivation hüllt der Verfasser sich in Schweigen. Das mag daran liegen, dass er auf eigene Faust, d. h. ohne erkennbaren diplomatischen, militärischen oder missionarischen Auftrag aus Kirche und Reich, dafür aber über einen sehr langen Zeitraum im Orient unterwegs war. Die Rheinlande hatten aufgrund des blühenden Wallfahrts- und Pilgerwesens, des Fernhandels und der Verehrung der Heiligen Drei Könige ein intensives Interesse an Kontakten mit und am Wissen über den Orient und insofern eine sehr vernehmbare Stimme in der spätmittelalterlichen Orientkunde. Diese Bemühungen wurden auch durch Vertreter des Adels und der Kirche bestärkt und gefördert. Sowohl die Dreikönigslegende des Johannes von Hildesheim als auch die Reiseberichte über Palästina von Wilhelm von Boldensele und Ludolf von Sudheim gehören in diesen Kontext. Insofern bot es sich für diesen guten Kenner der Verhältnisse „über See“ an, hier neben Bekanntem auch neue Informationen über Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Wunderbares und Reales zu präsentieren. Der Schreibdialekt der niederrheinischen Region war dabei kein Nachteil, wenn die Gelehrtensprache Latein nicht zu Gebote stand. Man verstand hier, was er mitzuteilen hatte und man hatte Sinn für neue Details. Heute existieren allerdings nur noch zwei Handschriften dieses Orientberichts, die nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 jedoch wieder restauriert wurden.

"Der Autor zeigt sich in kultureller Hinsicht erstaunlich offen"

L.I.S.A.: Die Kreuzzüge sind zu der Zeit weder vergessen noch Geschichte. Der Orient galt dem Westen als Land, in dem Ungläubige leben und herrschen. Drückt sich das Islambild der Kreuzfahrerzeit auch in diesem Orientbericht aus? Wie verhält sich der Autor zu den Völkern und Kulturen des Orients? Und wenn man davon ausgeht, dass Stereotype über Kulturen und Völker lange eingeübt sind, sich über Jahrhunderte hinweg tradieren, finden Sie in dem Niederrheinischen Orientbericht Anhaltspunkte dafür, dass dort bis heute wirkmächtige Stereotype über den Orient verankert sind?

Prof. Brall-Tuchel: Natürlich ist das pejorative Islambild der Kreuzfahrerzeit auch dem Niederrheinischen Orientbericht noch eingeschrieben. Zwar teilt er aus eigenem Wissen nicht mehr die Einschätzung, dass der Islam keine monotheistische Religion sei, aber Muslime sind für ihn eben die „Heiden“. Die orientalischen Gemeinden beurteilt er nach ihrer Verträglichkeit mit katholischen Glaubensüberzeugungen und christlichen Lebensformen sowie ihrer Wehrhaftigkeit, denn man suchte im 14. Jahrhundert noch immer nach Bündnispartnern gegen die islamischen Herrscher. Dennoch zeigt sich der Autor in kultureller Hinsicht erstaunlich offen, er misst orientalische Sitten und abweichende Lebensgewohnheiten nicht ausschließlich an den Standards seiner Herkunftsgesellschaft. Zu den wirkungsmächtigsten Stereotypen über den Orient, die er kolportiert und bestätigt, gehören jedoch die Vorstellungen über den unerhörten Luxus der Potentaten, die Prachtentfaltung bei der Repräsentation von Macht und Herrschaft, die Grausamkeit bei der Bestrafung von Verbrechern und Verrätern sowie eine gewisse Freizügigkeit bei Männern und Frauen in sexueller Hinsicht.

"Gerechte Strafe Gottes für die unbedachte und rücksichtslose Politik des Westens"

L.I.S.A.: Welche Passage des Berichts hat Sie möglicherweise am meisten überrascht? Welche liegt Ihnen besonders am Herzen?

Prof. Brall-Tuchel: Überraschend an diesem Text war für mich die deutliche Kritik am Kreuzzugsaufruf des französischen Königs Philipp VI. von Valois, weil diese Nachricht zu Verfolgung und Benachteiligung der Christen im Heiligen Land geführt hat. Gemeinsam mit den orientalischen Christen fühlte sich der Autor im Stich gelassen und begrüßte den beginnenden Krieg zwischen England und Frankreich, den später so genannten Hundertjährigen Krieg, als gerechte Strafe Gottes für die unbedachte und rücksichtslose Politik des Westens. Besonders beeindruckt hat mich die Schilderung des Lebens der christlichen Gefangenen in der Umgebung von Kairo, die unbeschadet ihres Standes zu Zwangsarbeit verurteilt waren, bis das geforderte Lösegeld eintraf. Bei aller Härte der Kriegsführung schimmert hier doch ab und an auch der Respekt der Sieger für die religiösen Bedürfnisse der Besiegten durch, z.B. dass diese ihre Feiertage in einer eigenen Kirche begehen konnten.

Prof. Dr. Helmut Brall-Tuchel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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