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Georgios Chatzoudis | 19.02.2015 | 1807 Aufrufe | Interviews

"Erinnerung ist kein Naturereignis, sondern immer gemacht"

Interview mit Markwart Herzog über Erinnerungskultur im Fußball


Trotz der noch frischen Erinnerungen an die deutschen NS-Verbrechen, die in der systematischen Vernichtung der europäischen Juden kulminierten, gab es bald nach dem Krieg erste Kontakte zwischen dem geteilten Deutschland und dem neuen Staat Israel. Viele dieser ersten Brücken gingen auf private bzw. persönliche Initiativen zurück, lange bevor die Bundesrepublik 1965 diplomatische Beziehungen zu Israel aufnahm. Einem gesellschaftlichen Feld kommt dabei eine größere Rolle zu: dem Sport, insbesondere dem Fußball. Doch welche genau? Dieser Frage widmet sich Ende Februar die 8. Sporthistorische Konferenz der Schwabenakademie Irsee zum Thema "Die deutsch-israelische Fußballfreundschaft". Wir haben im Vorfeld der Veranstaltung Dr. Markwart Herzog, dem Direktor der Schwabenakademie Irsee, Fragen zu Anlass, Programm und Ziele der Tagung sowie zur Bedeutung einer Erinnerungskultur im Fußball gestellt.

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Dr. Markwart Herzog, Direktor der Schwabenakademie Irsee

"Themen der Sportgeschichte in ein wissenschaftliches Tagungsformat bringen"

Borussia Mönchengladbachs Geschäftsführer Helmut Grashoff und Emanuel „Eddy“ Schaffer

L.I.S.A.: Herr Dr. Herzog, in der Schwabenakademie Irsee findet Ende Februar die inzwischen 8. Sporthistorische Konferenz statt. Thema ist die deutsch-israelische Fußballfreundschaft. Wie kam es zur Auswahl dieses Themas? Welche Gründe sprechen dafür?

Dr. Herzog:  Den äußeren Anlass der Veranstaltung bietet die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, die sich 2015 zum 50. Mal jährt. Darüber hinaus passt das Thema sehr gut in die Reihe der sporthistorischen Konferenzen der Schwabenakademie Irsee. Ein Grund für den großen Erfolg dieser Veranstaltungen war von Anfang an die Strategie, die Themen sehr eng zu fassen, also keinen allgemein formulierten Fragestellungen nachzugehen. Deshalb ist es uns von Anfang an, seit dem Jahr 2000, gelungen, wichtige Themen der Sportgeschichte zum ersten Mal überhaupt in ein wissenschaftliches Tagungsformat zu bringen.

L.I.S.A.: Welche thematischen Schwerpunkte haben Sie sich mit der Tagung gesetzt? Geht es ausschließlich um Israel und seine Fußballbeziehungen zu Deutschland oder thematisieren Sie auch Juden im deutschen Fußball?

Dr. Herzog: Den Schwerpunkt bildet zweifelsohne die Geschichte der zwischen beiden Ländern gewachsenen Fußballfreundschaft. Doch selbstverständlich kommen auch die Leistungen und Verdienste zur Sprache, die der deutsche Fußball jüdischen Bürgern verdankt. Als im Kaiserreich der aus England stammende Fußball von den Turnern noch als undeutsch beschimpft wurde, waren es zahlreiche Juden, die Fußballvereine gründeten, in diesen Clubs spielten – zwei von ihnen sogar in der Nationalmannschaft –, die ihr Knowhow in die Vereinsführungen einbrachten und als Sponsoren unverzichtbar waren. Sogar am Gründungsprozess des DFB waren mehrere Juden beteiligt, ein Feld, das der Bonner Anglist Heiner Gillmeister bereits in den 1990er Jahren aus den Quellen heraus erforscht hat.

Dass die beiden von Ihnen genannten Themen durchaus als Einheit gesehen werden, zeigt beispielsweise die Geschichte „meines“ Vereins, des 1. FC Kaiserslautern. Der FCK verdankt jüdischen Fußballenthusiasten in der Vereinsführung und in ihrer Rolle als Mäzene von der Kaiserzeit bis in die 1930er Jahre außerordentlich viel. Ein mit einer Jüdin verheirateter Spieler, der noch in Saison 1936/37 als Trainer im FCK nachgewiesen ist, trat zu Beginn der 1950er Jahre wieder in den FCK ein. Sechs Jahrzehnte später standen die israelischen Nationalspieler Gil Vermouth und Itay Shechter auf dem Betzenberg unter Vertrag. Aus diesem Anlass beauftragte mich die Vereinsführung damals, für das Mitgliedermagazin gleich eine ganze Serie von Artikeln über die Bedeutung und das Schicksal jüdischer FCK-Mitglieder zu schreiben.

"Sportdiplomatie zu einer Zeit, als die Politik noch keine offiziellen Beziehungen hatte"

Günther Netzer und Shmuel Rosenthal, Borussia Mönchengladbach 1972

L.I.S.A.: Was sind die Marksteine der deutsch-israelischen Fußballfreundschaft? Wer oder was erinnert wie daran?

Dr. Herzog: Wissenschaftliche Forschungen, die aus den Quellen und Archiven schöpfen, sind wegen der geltenden Sperrfristen erst seit den 1990er Jahren möglich. Wahre Pionierarbeit hat auf diesem Feld der Kölner Sporthistoriker Professor Manfred Lämmer geleistet, der sich nicht nur in den Archiven glänzend auskennt, sondern auch über hervorragende Kontakte zu israelischen Behörden, Politikern und Spielern verfügt und nicht zuletzt zu den führenden Experten der Geschichte der Juden im Sport gehört. Überdies war er 1963 Mitglied der ersten Gruppe deutscher Sportstudierender, die nach dem Holocaust nach Israel reisen durfte. Schon in den 1960er Jahren war er maßgeblich an der Gründung des bilateralen Sportverkehrs in der Leichtathletik beteiligt. Insofern ist er selbst nicht nur ein wichtiger Forscher, sondern auch ein Pionier der Sportpolitik und wichtiger Zeitzeuge der Fußballfreundschaft, die Israel und Deutschland verbindet. Als Akademiedirektor bin ich sehr glücklich, dass Professor Lämmer diese Tagung mit seiner Fachkompetenz möglich gemacht hat.

Ebenso wichtig ist die Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes, die das Thema sehr ernst nimmt und diese Konferenz großzügig unterstützt. Der Deutsche Fußball-Bund hat von 1957 an durch finanzielle Unterstützung beispielsweise eine Reise Willi Daumes, Jahrzehnte lang Präsident des Deutschen Sportbundes und Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, sowie Fahrten der Deutschen Sporthochschule Köln nach Israel möglich gemacht. Das war Sportdiplomatie zu einer Zeit, als die Politik noch keine offiziellen Beziehungen aufgenommen hatte.

Was ebenfalls nicht vergessen werden sollte: Carl Diem, der Vordenker und Organisator des deutschen Sports und langjährige Rektor der Sporthochschule Köln, der von der NS-Presse als „weißer Jude“ beschimpft worden war und im israelischen Sport hohe fachliche Anerkennung genoss, begann bereits im Jahr 1945, die ersten Kontakte zu Israel herzustellen. Dies gelang ihm teils mit der Hilfe ehemaliger Absolventen der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin, von denen etliche nun in Israel lebten. Über diese sehr spannenden sporthistorischen Verbindungen hat jüngst Robin Streppelhoff, einer der Schüler Manfred Lämmers, intensiv geforscht. Er referiert ebenfalls auf unserer Tagung.  

L.I.S.A.: Können Sie weitere konkrete Beispiele nennen?

Dr. Herzog: Interessant ist, wie gesagt, dass die ersten Kontakte im Fußball schon früher datieren als die Aufnahme der offiziellen diplomatischen Beziehungen vor einem halben Jahrhundert. Unter dem Eindruck des Gewinns der Fußballweltmeisterschaft 1954 durch die deutsche Ländervertretung hatte der Israelische Fußballverband damit begonnen, seine besten Trainer nach Köln zu schicken, wo sie das Trainerdiplom erwerben konnten. So auch der ehemalige israelische Nationalspieler Emanuel Schaffer, der unter Hans „Hennes“ Weisweiler, der Trainerlegende von Borussia Mönchengladbach, den DFB-Trainerlehrgang an der Sporthochschule Köln absolvierte. Schaffer war übrigens der erste Israeli, der mit Rhenania Würselen eine deutsche Fußballmannschaft trainierte. Israel war unter Schaffers Leitung das bis heute einzige Mal bei einer Fußballweltmeisterschaft (Mexiko 1970) vertreten, und hatte sich im Sommer 1969 in einem dreiwöchigen Trainingslager in der Sportschule Hennef auf den Wettbewerb vorbereitet. Das Trainingslager endete mit dem ersten Länderspiel zwischen Deutschland und Israel am 2. September 1969.

Damals intensivierten sich die Fußballbeziehungen auch auf anderen Ebenen. So spielte Mitte 1969 der FC Bayern Hof unter der Leitung des populären Sportreporters, Kommentators, Regisseurs und Kabarettisten Sammy Drechsel als erster deutscher Verein in Israel. Dass sich danach mehrere israelische Erstligisten nach Deutschland aufgemacht haben, bezeichnet Manfred Lämmer sehr zu Recht als ein „Sommermärchen“. Uwe „Klima“ Klimaschefski, der auf unserer Tagung als Zeitzeuge spricht, ging 1970 als erster deutscher Trainer nach Israel, zu Hapoel Haifa, und 1972 wurde mit Shmuel Rosenthal der erste Israeli als Profikicker von Borussia Mönchengladbach in die Bundesliga verpflichtet. Von großer Bedeutung waren insbesondere die insgesamt 27 Freundschaftsspiele, die Borussia Mönchengladbach seit 1970 in Israel austrug. Das erste Spiel am 25. Februar 1970 im Bloomfield-Stadion von Tel Aviv-Jaffa soll einen wahren „Freudentaumel“ unter den Zuschauern ausgelöst haben, der eine größere völkerverbindende Kraft entwickelt habe als die damalige politische Diplomatie. Ich freue mich sehr, dass mit Mordechai „Motti“ Spiegler, Jochanan Wallach und Herbert Laumen mehrere Spieler, die in dieser Zeit aktiv waren, auf unserer Tagung als Zeitzeugen sprechen werden.

Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis etwa die klare Aufteilung, dass Araber in Israel – im Gegensatz zu den Juden – der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drücken, aufgeweicht wurde. Nach Moshe Zimmermann, einem israelischen Sozialhistoriker, der auf unserer Tagung als Referent über dieses Thema spricht, hat sich das seit der Jahrtausendwende geändert. Viele Israelis empfinden das fußball-patriotische Deutschland nicht mehr als feindlich, stattdessen begeistern sie sich für den Bundesligafußball – wie übrigens auch die Briten. Wenn sich die israelische Fußballnationalmannschaft demnächst wieder für eine Weltmeisterschaft oder überhaupt zum ersten Mal für eine Europameisterschaft qualifizieren sollte, dann geschieht das gewiss auch Dank der Aufbauarbeit eines Deutschen. Denn derzeit ist Michael Nees in Israel für das Training der U21 zuständig. Auch er wird auf unserer Konferenz als Diskussionsteilnehmer über die zwischen Israel und Deutschland ausgespannte Brücke des Fußballs und den Jugendaustausch berichten.

"Der Vernichtung des Judentums in der NS-Zeit gedenken"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung kommt angesichts einer deutsch-israelischen Fußballfreundschaft der Erinnerung an die Vernichtung des europäischen Judentums durch Deutsche zu?

Dr. Herzog: Diese beiden Themen kann man nicht voneinander trennen. Wenn eine deutsche Nationalmannschaft in Israel spielt, ist es ganz selbstverständlich, dass sie der Vernichtung des Judentums in der NS-Zeit gedenkt und an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Kränze niederlegt. Dass der DFB sein heutiges, der Völkerverständigung geltendes politisches Engagement mit der Stiftung eines Preises verbindet, der nach dem von den Nazis ermordeten Nationalspieler Julius Hirsch gewidmet ist, ist ein weiterer wichtiger Beleg für den untrennbaren Zusammenhang beider Themenbereiche.

"Zu Recht kritisiert, dass die Schattenseiten des Fußballs ausgeblendet werden"

L.I.S.A.: Sie haben jüngst im „Handbuch der Religionen“ einen Artikel über Erinnerungskultur im Fußballsport veröffentlicht. Darin stellen Sie die These auf, dass es sich dabei um ein bisher eher unterbelichtetes Thema handelt. Worauf gründet Ihre Beobachtung? Ist denn die Erinnerung an Fußballereignisse heute nicht beinahe allgegenwärtig, wenn Sie an die Medialisierung beispielsweise von Weltmeisterschaften denken wie 2006, die zu einem „Sommermärchen“ verklärt wird?

Dr. Herzog: Sie haben durchaus Recht mit der Behauptung, dass die Erinnerungen an Fußballereignisse, aber auch an die Stars und Funktionäre von einst, allgegenwärtig sind – und das gilt nicht erst seit dem „Sommermärchen“ der Fußballweltmeisterschaft 2006. Meine These von der „Unterbelichtung“ der Thematik bezog sich auf die wissenschaftliche Erforschung der Erinnerungskultur im Fußballsport. Was Deutschland betrifft, so wurde das Thema bis vor kurzem fast ausschließlich im Hinblick auf die Bewältigung der Gräuel und Schrecken der beiden deutschen Diktaturen fokussiert. Alle anderen Aspekte schienen dagegen geradezu irrelevant zu sein. Insofern ist es kein Wunder, dass die Schwabenakademie Irsee im Jahr 2010 zum ersten Mal überhaupt eine interdisziplinäre Konferenz veranstaltet hat, die sich mit einem internationalen Stab von Sporthistorikern auf dieses Feld gewagt hat. Auch bei dem aus dieser Tagung hervorgegangenen, im Stuttgarter Kohlhammer-Verlag publizierten Sammelband „Memorialkultur im Fußballsport: Medien, Rituale und Praktiken des Erinnerns, Gedenkens und Vergessens“ handelt es sich um die weltweit erste Buchveröffentlichung, die sich auf einer so breiten Basis von Einzeluntersuchungen über ein knappes Dutzend europäischer Länder genau dieser Sache widmet.  

L.I.S.A.: Inwiefern sind Erinnerungskulturen heute "gemacht"? Haben die eigentlichen Träger der Fußballbegeisterung, die Fans, heute noch Einfluss auf die kollektive Erinnerung bzw. auf Formen und Inhalte des Erinnerns?

Dr. Herzog: In der Tat, Erinnerung ist kein Naturereignis, sondern immer „gemacht“. Grundsätzlich gilt: Wer eine Geschichte erzählen will, muss Erinnerungen gestalten, er muss Schwerpunkte setzen und Episoden auslassen, sich für eine Perspektive entscheiden. Bei den „Machern“ der Erinnerung im Fußball zeichnet sich momentan ein bemerkenswerter Wandel ab. Die Fans üben auf diesen so überaus wichtigen Bereich der Vereinskultur mittlerweile großen Einfluss aus. Früher hatten die Bosse der Fußballclubs das Heft allein in der Hand gehabt. Wichtige Medien der Erinnerung waren – und sind nach wie vor – prächtig illustrierte Festschriften und Biografien, die zu besonderen Jubiläen auf den Markt der Fußballbegeisterung geworfen werden. Man hat an diesen Schriften, häufig zu Recht, kritisiert, dass die Schattenseiten des Fußballs ausgeblendet werden – insbesondere dann, wenn man beispielsweise die Geschichte des „Dritten Reichs“ auf Torfolgen, Spielergebnisse und Tabellen reduzieren wollte. Noch um die Jahrtausendwende waren zahlreiche Fußballclubs zögerlich bis ablehnend, sich diesem unangenehmen Thema zu stellen. Aber vor allem mit der tatkräftigen Unterstützung des Deutschen Fußball-Bundes hat seitdem ein spürbarer Wandel eingesetzt.  

L.I.S.A.: Welche Beispiele können Sie dafür nennen?

Dr. Herzog: Das habe beispielsweise ich zu spüren bekommen, als ich just im Jahr 2000 mit den Recherchen für mein Buch „Der ‚Betze‘ unterm Hakenkreuz: Der 1. FC Kaiserslautern in der Zeit des Nationalsozialismus“ begann. Trotz der häufigen Wechsel in der Führung des Vereins wurde ich bis zur Buchpräsentation im Presseraum des FCK im Jahr 2006 immer tatkräftig, konstruktiv und freundlich unterstützt, selbst dann, wenn ich sehr unerfreuliche Wahrheiten ans Licht gebracht hatte. Später waren es ebenfalls Fans, die die entscheidenden Impulse setzten, die schließlich zur Gründung des FCK-Museums führten.

Bei Eintracht Frankfurt verlief das ganz ähnlich: Ein Student schrieb seine Abschlussarbeit über die Eintracht in der NS-Zeit und über das Schicksal der Juden in diesem Verein – und heute ist er Chef des Vereinsmuseums. In zahlreichen europäischen Fußballclubs organisieren Fangruppierungen in Absprache mit und unterstützt von den Vereinen Friedhofsführungen, in deren Rahmen die Gräber der Helden früherer Jahrzehnte besucht werden. Der große Vorteil bei allen diesen Entwicklungen und Tendenzen: Es entstehen Synergieeffekte, die sich für alle Beteiligten auszahlen. Die Fans intensivieren ihre emotionale Beziehung zum Verein und vertiefen ihre historischen Kenntnisse – über ihren Verein und weit darüber hinaus. Die Vorstände in den Fußballclubs haben längst die Geschichte des eigenen Vereins als einen wichtigen Bestandteil der corporate identity und des Marketing entdeckt. Und das schließt, wohl gemerkt, auch die dunklen Seiten mit ein.

Mein Club, der FCK, konnte in der öffentlichen Meinung und in den Medien mächtig Pluspunkte sammeln, als bei der Buchpräsentation publik wurde, wie konstruktiv, unverkrampft und offen die Bosse der „Roten Teufel vom Betzenberg“ meine Arbeit Jahre lang unterstützt hatten. In zahlreichen deutschen Fußballclubs sind es die Fans, die im Stadion mit spektakulären Choreografien an die ehemaligen jüdischen Sportler, Trainer und Funktionsträger ihrer Vereine vor großem Publikum erinnern. Die Nazis wollten die Juden nicht nur physisch vernichten, sondern auch die Erinnerung an sie, an ihre Liebe zum Fußball, an ihre Leistungen und Verdienste auslöschen. Sporthistoriker, Fans und für die Thematik sensible Vereinsbosse bringen sie heute ins Gedächtnis des Fußballs zurück.

"Diskutieren, ob der Sport eher Frieden oder aber Unfrieden zu säen geeignet ist"

L.I.S.A.: Kommen wir noch einmal zurück zur Tagung: Welche Signale kann eine gemeinsame Erinnerung an eine deutsch-israelischen Fußballgeschichte aussenden? Auf welche Bereiche kann sich das auswirken?

Dr. Herzog: Nach Manfred Lämmer hat der Fußball „maßgeblich zum Wandel des Deutschlandbilds in der israelischen Öffentlichkeit beigetragen“. Aber wie sich das en détail vollzogen hat, darüber wissen wir noch immer viel zu wenig. Mit Wissenschaftlern, Politikern, Zeitzeugen und Funktionsträgern des DFB wollen wir auf der Tagung dieser Frage nachgehen. Im Besonderen interessiert mich, ob der Sport tatsächlich von Anfang an einer der Initiatoren der Aussöhnung zwischen Deutschland und Israel gewesen ist oder ob er nicht vielmehr von bereits bestehenden politischen Rahmenbedingungen profitiert hat und man deshalb seine Relevanz für die Friedenspolitik überbewertet. Wir dürfen nicht unterschätzen, dass vom Fußball auch Unfrieden ausgehen kann: erschreckend deutlich in Ländern des ehemaligen Ostblocks, und nicht zu vergessen die antisemitischen Ausschreitungen bei Sportveranstaltungen, an denen israelische Athleten teilnehmen. Von daher ergibt sich die Grundsatzfrage, inwieweit sich die Israel-Erfahrungen politisch verallgemeinern lassen. Spiegelt das gesellschaftliche Subsystem Sport schon bestehende politische Beziehungen oder hat er die Kraft, diese auch zu initiieren?

Die deutsch-israelische Fußballfreundschaft ist ein klasse Beispiel, an dessen Geschichte wir prüfen und diskutieren können, ob der Sport eher Frieden oder aber Unfrieden zu säen geeignet ist. Mit dem Sportwissenschaftler Sven Güldenpfennig haben wir zu der Konferenz einen dezidierten Skeptiker eingeladen, der bei der Eröffnung der Veranstaltung gemeinsam mit Willi Lemke, dem Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung, diese Grundsatzfrage diskutieren wird. Ich bin schon jetzt sehr gespannt!

Dr. Markwart Herzog hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Erinnerungskultur im Fußballsport

Ein ausführlicher Aufsatz über die Zusammenhänge von Erinnerungskultur und Fußballsport ist von Dr. Markwart Herzog im Handbuch der Religionen Online erschienen.

Wir danken dem Olzog Verlag, insbesondere Barbara Voit, für die Bereitstellung des Aufsatzes im PDF-Format.

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