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Judith Wonke | 24.05.2018 | 620 Aufrufe | Interviews

"Erinnern ist ein komplexer Prozess"

Interview mit Verena von Wiczlinski und Caroline Klausing zur europäischen Erinnerung an die Napoleonischen Kriege

Im Jahr 2013 jährten sich die Befreiungskriege und die Völkerschlacht bei Leipzig zum 200. Mal. Dieses Ereignis nahmen Dr. Verena von Wiczlinski und Dr. Caroline Klausing zum Anlass, ein Tagungsprojekt mit Studierenden durchzuführen. Im letzten Jahr erschien schließlich der Sammelband zur Tagung. Thematisiert wurde jedoch nicht um das Ereignis selbst, sondern vielmehr die heutige Rezeption. Im Interview haben wir die beiden Herausgeberinnen unter anderem nach den Hintergründen des Bandes und der europäischen sowie der nationalen Erinnerung an die Napoleonischen Kriege gefragt. 

Abbildung: Dr. Verena von Wiczlinski (l.) und Dr. Caroline Klausing (r.)

"Interpretation der Kriege in kultureller Perspektive"

L.I.S.A.: Dr. Klausing, Dr. von Wiczlinski, Sie haben einen Sammelband zur europäischen Erinnerung an die Napoleonischen Kriege herausgegeben. Woher rührt Ihr Interesse an diesem Thema?

Dr. von Wiczlinski / Dr. Klausing: Ausgehend vom zweihundertjährigen Gedenken an die Befreiungskriege und die Völkerschlacht bei Leipzig 2013 hatten wir beide Lehrveranstaltungen zu dem Thema angeboten und uns entschlossen gemeinsam mit den Studierenden für das folgende Jahr ein Tagungsprojekt vorzubereiten. Überdies hatte auch die Stiftung Kulturwerk Schlesien in Würzburg ein Interesse daran signalisiert.

Die vom Historischen Seminar der Universität Mainz gemeinsam mit der Stiftung Kulturwerk Schlesien im August 2014 veranstaltete Tagung griff das Thema der Napoleonischen Kriege im Hinblick auf die europäische Dimension auf. Dabei sollte es dezidiert nicht um einen ereignisgeschichtlichen Zugang gehen, sondern um die Interpretation der Kriege in kultureller und nationaler bzw. transnationaler und europäischer Perspektive.

"Paradigma der erinnerungskulturellen Forschung"

L.I.S.A.: Grundlage des Sammelbandes ist das Konzept des Erinnerungsortes, das auf das Beobachtungsfeld der Napoleonischen Kriege übertragen wurde. Was versteht man unter dem Konzept eines „Erinnerungsortes“?

Dr. von Wiczlinski / Dr. Klausing: Das von dem französischen Historiker Pierre Nora entwickelte Konzept des Erinnerungsortes ist ein weit über die Grenzen der Geschichts- und Kulturwissenschaften hinaus prominentes, bisweilen überstrapaziertes Paradigma der erinnerungskulturellen Forschung. Nach Nora sind Erinnerungsorte, die sich nicht nur auf geographische Orte, sondern auch auf Personen, mythische Gestalten, historische Ereignisse und Begriffe beziehen können, „Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität“. Das Konzept des Erinnerungsortes wurde bisher auf unterschiedlichste Epochen und Motive bezogen, bisher aber kaum systematisch auf die Ära der Napoleonischen Kriege im Zusammenhang mit dem Konstrukt Europa angewendet.

L.I.S.A.: In Ihrem Sammelband beleuchten Sie das Thema aus verschiedenen Sichtweisen, zum Beispiel der polnischen und österreichischen. Wie erfolgte die Auswahl der Beiträge?

Dr. von Wiczlinski / Dr. Klausing: Es handelt sich um den Tagungsband zu der genannten Mainzer Tagung vom August 2014. Die Beiträge wurden von den Referenten basierend auf ihren Vorträgen bearbeitet und zur Verfügung gestellt. Der Band analysiert die Erinnerung an die Napoleonischen Kriege vergleichend unter drei Perspektiven, erstens nationalen Erinnerungskulturen im Vergleich, zweitens Geschichtspolitik und Geschichtsbewusstsein, d.h. Deutungen und Umdeutungen der Befreiungskriege, sowie drittens Interpretationen und Instrumentalisierungen der Befreiungskriege im nationalen und europäischen Kontext.

"Innerhalb der einzelnen Länder gab es unterschiedliche Erinnerungsstränge"

L.I.S.A.: Wie unterscheiden sich die unterschiedlichen nationalen Erinnerungen an die Napoleonischen Kriege, können Sie ein Beispiel nennen? 

Dr. von Wiczlinski / Dr. Klausing: Selbst innerhalb der einzelnen Länder gab es unterschiedliche Erinnerungsstränge. In Deutschland war etwa im Norden, insbesondere in Hamburg, die Erinnerung stark negativ durch die französische Besetzung konnotiert. In Preußen bedeuteten die Niederlage bei Jena und Auerstedt und der nachfolgende Friede von Tilsit 1807 den Verlust der friderizianischen Großmachtstellung und leiteten das Zeitalter der nationalen Erhebung ein. Im Süden dominierte zumindest in den Anfangsjahren des Rheinbundes, ein positives Bild Napoleons als Reformer und Modernisierer. Im östlichen Europa, speziell in Russland, entstand das Narrativ des „Vaterländischen Krieges“, der die Perspektive der Napoleonischen Kriege auf den Russlandfeldzug verengte. In Polen hingegen konkurrierten zwei Deutungen, die sogenannte „weiße Legende“, die Napoleons als „Erwecker Polens“ und Kämpfer für die Freiheit des Landes feierte, und die „schwarze Legende“, die ihn als „Tyrann“ charakterisierte.

"Versuch der Stiftung eines europäischen Erinnerungsortes"

L.I.S.A.: Im Sammelband gehen Sie auf eine mögliche europäische Erinnerung an die Napoleonischen Kriege ein. Was schlussfolgern Sie: Gibt es diese europäische Erinnerung? Wenn nicht, wäre dies Ihres Erachtens sinnvoll? 

Dr. von Wiczlinski / Dr. Klausing: Nach Dieter Langewiesche können die Napoleonischen Kriege als „Gründungkriege des modernen Europa“ verstanden werden. Gemeinsam ist der grenzüberschreitenden Wahrnehmung, dass sowohl der Russlandfeldzug 1812 als auch die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 bereits von den Zeitgenossen als historische Zäsur betrachtet wurden. Zudem gab schon damals eine Rezeption und Vermittlung dieser Geschehnisse, die sich etwa in Literatur und Kunst in ganz Europa niederschlug, z.B. in Romanen wie Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, Haydns Paukenmesse oder Beethovens Eroica. Darüber hinaus unterscheiden sich die zentralen Deutungsmotive in den einzelnen Nationen jedoch sehr stark und wurden bzw. werden von den jeweiligen politischen Systemen und gesellschaftlichen Strömungen instrumentalisiert und in die entsprechenden Narrative eingebettet. Gegenwärtig kann von dem Versuch der Stiftung eines europäischen Erinnerungsortes gesprochen werden, der sich etwa an der Veranstaltung zum 200. Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig 2013 und die Schlacht bei Waterloo 2015 zeigte, die internationalen Eventcharakter trugen und eine differenzierte und reflektierte Analyse zugunsten einem ebenso konsensfähigen wie austauschbaren Aufruf zu Frieden, Völkerverständigungsbekundung  und europäischer Einigung aufgaben. Unseres Erachtens ist es nicht die Aufgabe der Geschichtswissenschaft, an der Etablierung neuer Erinnerungsorte mitzuwirken, sondern bestehende Narrative zu analysieren, in ihre historischen Kontexte einzubetten, damit verständlich zu machen und zu dekonstruieren.

"Teil einer größeren kollektiven Erinnerung"

L.I.S.A.: Sofern es eine europäische Erinnerung an die Napoleonischen Kriege gibt: Was denken Sie, wie prägen nationale Erinnerungsstrukturen auch jene auf der europäischen Ebene? Und inwiefern beeinflussen sich die nationalen Erinnerungen gegenseitig?

Dr. von Wiczlinski / Dr. Klausing: Die verschiedenen Beiträge des Bandes machen deutlich, dass Erinnern ein komplexer Prozess ist, der kontinuierlich gepflegt werden muss, um Teil einer größeren kollektiven Erinnerung und damit ein wirklicher Erinnerungsort zu werden. Das Konzept der Erinnerungsorte ist für die Napoleonischen Kriege damit durchaus fruchtbar: Es gibt geteilte und umstrittene, geographische, personelle oder auch immaterielle Erinnerungsorte, wobei deren Kontexte nicht immer eindeutig zuzuordnen sind. Klar wird, dass Erinnerungsorte stets auch fluide, mithin „wandernde Orte“ sind, die immer wieder in neuen Bezügen erscheinen und mit unterschiedlichen Inhalten – je nach politischen Identitäten und Konjunkturen auch europäischen – aufgeladen werden können.

Dr. Verena von Wiczlinski und Dr. Caroline Klausing haben die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet. 

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