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Georgios Chatzoudis | 15.10.2012 | 4013 Aufrufe | 1 | Interviews

"Eric Hobsbawm war ein Einzelkämpfer"

Interview mit Peter Alter zum Tod von Eric Hobsbawm

In unserem zweiten Interview in Erinnerung an den vor zwei Wochen verstorbenen britischen Historiker Eric Hobsbawm haben wir mit dem Historiker und Nationalismusforscher Prof. Dr. Peter Alter gesprochen. Neben dem Forschungsfeld Nationalismusforschung verbinden Prof. Dr. Peter Alter mehrere Begegnungen mit Eric Hobsbawm.

"Von akademischem Hochmut keine Spur"

L.I.S.A.: Herr Professor Alter, vor zwei Wochen ist der berühmte britische Historiker Eric Hobsbawm im Alter von 95 Jahren gestorben. Wie haben Sie den Historiker, aber auch den Menschen Eric Hobsbawm in Erinnerung? Bei welchen Gelegenheiten sind Sie ihm begegnet?

Prof. Alter: Eric Hobsbawm war für mich der bedeutendste britische Historiker unserer Zeit  – wegen seiner Themen, der Weite seines Horizonts und seiner Sprachkunst. Seine Werke erlangten ja nicht nur in Großbritannien fast den Rang von Bestsellern. Während meiner Tätigkeit in London am Deutschen Historischen Institut habe ich ihn gelegentlich getroffen, zuletzt wohl 2004 oder 2005 bei einer Tagung über die politische Kultur Europas um 1800. Hobsbawm besuchte gern Vorträge und Konferenzen und belebte mit klugen, manchmal scharfzüngigen Interventionen die Debatte. Sein stupendes Wissen, seine fachliche Neugier und seine Sprachkenntnisse waren  beeindruckend. Von akademischem Hochmut war bei ihm keine Spur, und von der bei Historikern heute so beliebten Spezialisierung auf ein sehr enges Gebiet hielt er gar nichts.

"Für Hobsbawm ist Marx immer noch lebendig"

L.I.S.A.: Eric Hobsbawm hat sich selbst als marxistischen Historiker bzw. als Vertreter des historischen Materialismus betrachtet. Woraus erklärt sich Hobsbawms Neigung zum marxistischen Geschichtsbild?

Prof. Alter: Das kann ich mit letzter Gewissheit nicht erklären. Ich vermute, dass ihn der Versuch, dem chaotisch anmutenden historischen Geschehen eine tiefer liegende Rationalität zu unterstellen, fasziniert hat. Für Marxisten ist die Geschichte keine Kette von Zufälligkeiten. Von der marxistischen Geschichtsschreibung sowjetischer oder DDR-Couleur hat er sich allerdings zeitlebens klar distanziert. Vom dem, was die Kollegen im so genannten „Ostblock“ produzierten, hielt er nicht viel oder gar nichts. Das war ihm zu platt, zu engstirnig und undifferenziert. Die Moskau hörige Kommunistische Partei Großbritanniens hat er aber selbst nach der sowjetischen Invasion Ungarns 1956, die er heftig kritisierte, nicht verlassen. Für Hobsbawm ist Marx ungeachtet des Scheiterns mancher seiner Utopien immer noch lebendig. Seine Einsichten, so meinte er noch unlängst, könnten auch noch heute die Welt verändern. Davon zeugt sein letztes Buch, das kurz vor seinem Tode erschienen ist („Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus“, München 2012).

"Ein Studierendentyp, den er sehr mochte"

L.I.S.A.: Eric Hobsbawm hatte keinen Lehrstuhl an einer der großen britischen Universitäten – weder in Oxford oder Cambridge noch an der LSE. Dennoch ist er bekannt, wie kaum ein anderer britischer Historiker. Woran liegt das?

Prof. Alter: Ich denke, dass sich Hobsbawm bewusst für das Londoner Birkbeck College entschieden hat. Es ist Teil der Universität London und bietet seine Veranstaltungen älteren, berufstätigen Studierende in den Abendstunden an. Das ist ein Studierendentyp, den er sehr mochte. Außerdem haben die Dozenten des Birkbeck College den Tag zur freien Verfügung. Hobsbawm hat darin vermutlich einen Vorzug für seine Forschungen und literarischen Arbeiten gesehen. Dass er weder in Oxford noch Cambridge einen Lehrstuhl übernahm, hing sicher nicht mit seinen marxistischen Überzeugungen zusammen oder mit seiner Herkunft. Er wurde ja im ägyptischen Alexandria geboren und wuchs in Wien, der Heimatstadt seiner Mutter, und in Berlin auf. Kurz nach Hitlers „Machtergreifung“ verließ er auf Drängen der Familie Berlin und kam nach England. Durch seinen Vater war er britischer Staatsbürger. Für deutsche und österreichische Gelehrte und Wissenschaftler, die seit 1933 nach Großbritannien emigrierten, war jedenfalls die Herkunft kein Hindernis für häufig glänzende akademische Karrieren in ihrer neuen Heimat. Ich erinnere nur an die Historiker Geoffrey Elton oder Francis L. Carsten, an Werner E. Mosse oder Helmut Koenigsberger.

"Das wird auch noch einige Zeit so bleiben"

L.I.S.A.: Welche Werke Hobsbawms zählen Sie zu den wichtigsten, die er verfasst hat? Was bleibt davon – was bietet sich zur Fortschreibung an?

Prof. Alter: Hobsbawms dreibändige Geschichte des „langen“ 19. Jahrhunderts von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg ist immer noch höchst lesenswert. Sein „Zeitalter der Extreme“, 1994 veröffentlicht, ist ein großartiges Werk zur Geschichte des „kurzen“ 20. Jahrhunderts. Eine unglaubliche internationale Wirkung hatten seine frühen sozialgeschichtlichen Arbeiten wie „Sozialrebellen“(dt. 1962) oder „Die Banditen“ (dt.1972). Sein Deutungsmuster von den „erfundenen Traditionen“ hat bis heute zahllose Studien von Fachkollegen angeregt. Das wird auch noch einige Zeit so bleiben. Wer mehr über den Menschen und Weltbürger Hobsbawm erfahren  will, greife zu seiner Autobiographie oder vielleicht präziser gesagt: zu seinem vor zehn Jahren erschienenen Lebensbericht  („Interesting Times. A Twentieth-Century Life“).

"Als Nationalismusforscher erst spät bekannt geworden"

L.I.S.A.: Mit Eric Hobsbawm verbindet Sie fachlich vor allem die Erforschung von Nationen und Nationalismus. Hobsbawm hatte dabei einen dezidiert sozialhistorischen Zugriff auf diese Forschungsfelder. Wie sehr unterscheidet sich Ihr Verständnis von Nation und Nationalismus von dem Hobsbawms?

Prof. Alter: Als Nationalismusforscher ist Hobsbawm erst relativ spät bekannt geworden, vor allem durch seine, in mehrere Sprachen übersetzte Gesamtdarstellung „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780“ (1991). Als Theoretiker des Nationalimus würde ich ihm aber nicht den gleichen Rang zubilligen wie etwa Hans Kohn, Karl W. Deutsch, Benedict Anderson oder Ernest Gellner. Hobsbawms Sicht des Nationalismus als dynamische soziale und politische Kraft in der modernen Gesellschaft, die Neues schaffen kann, aber auch in hohem Grade zerstörerisch ist, kann ich mich nahezu vorbehaltlos anschließen.

"Schöpfer eines einzigartigen historiographischen Oeuvres"

L.I.S.A.: Hinterlässt Eric Hobsbawm eine Lücke in der Geschichtswissenschaft oder sehen Sie Nachfolger, die sein Wirken weiter verfolgen? Anders gefragt: Gibt es so etwas wie eine „Schule Eric Hobsbawm“?

Prof. Alter: Ja, als Ideengeber und methodischer Innovator, als Vertreter eines undogmatischen Marxismus, als weltoffener Gelehrter. Einen Historiker, der Hobsbawms herausragende Position in der britischen und internationalen Geschichtswissenschaft übernehmen könnte, sehe ich derzeit nicht. Eine „Schule“ hat er meines Wissens nicht begründet. Er war im Grunde ein Einzelkämpfer, der Schöpfer eines geradezu einzigartigen historiographischen Oeuvres, das über die Fachgrenzen hinaus ein breites Publikum erreicht.

Kommentar

von Otto Dann | 17.10.2012 | 20:51 Uhr
Ein ertragreiches Interview!
Kluge Fragen führten zu informativen und kompetenten Antworten.

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