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Georgios Chatzoudis | 11.12.2012 | 3405 Aufrufe | Interviews

"Entmilitarisierter Fußball-Nationalismus"

Interview mit Rudolf Oswald über Nationalismus im Fußball

Der Fußball gehört heute zu den populärsten Sportarten der Welt. Für Politikerinnen und Politiker bietet er daher auch immer wieder eine willkommene Bühne, um sich volknah zu präsentieren. Im Stadion scheinen Regierende und Regierte zusammenzukommen, vereint zu einer Gemeinschaft. Der Historiker Dr. Rudolf Oswald spricht in diesem Zusammenhang von der "Fußball-Volksgemeinschaft" und hat über Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball geforscht. Wir haben ihn dazu befragt.

Dr. Rudolf Oswald

"Der Fußball eignet sich besonders für politische Zwecke"

L.I.S.A.: Herr Dr. Oswald, Sie haben sich intensiv mit Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball beschäftigt, dazu unter anderem Ihre Doktorarbeit geschrieben. Inwiefern eignet sich der Fußball als Bühne für Politiker bzw. für politische Zwecke? Und warum?

Dr. Oswald: Im Fußball haben Politiker bereits im Stadion ein Publikum vor sich, das mindestens 50.000 Zuschauer umfasst. Nimmt man das Fernsehen hinzu, so geht das Publikum in die Millionen – das kann kein anderes Event, das kann keine Fernsehübertragung mit rein politischem Inhalt bieten.

Die ersten, die in Deutschland das politische Potential des Stadions erkannten, waren nationalsozialistische Lokalpolitiker. NS-Bürgermeister realisierten als erste, dass sie sich mittels Auftritten in den Sportarenen innerhalb der unstrukturierten Hierarchie des Dritten Reiches profilieren konnten. Nach 1945 knüpften in diesem Punkt zahlreiche Kommunalpolitiker Westdeutschlands an ihre NS-Vorgänger in den Amtsstuben an. Auf der Ebene der Bundespolitik herrschte bis in die 1980er Jahre hinein noch Zurückhaltung – die Kabinette Adenauer bis Schmidt interpretierten die Instrumentalisierung des Sports als unzweckmäßiges außenpolitisches „Auftrumpfen“. Seit der Kanzlerschaft Helmut Kohls ist jedoch eine radikale Wende eingetreten. Höhepunkte dieser neueren Entwicklung bilden sicherlich die spontanen Flüge Angela Merkels zu den K.-O.-Runden der Weltmeisterschaften.

Heutzutage eignet sich der Fußball besonders für politische Zwecke, weil dort vom Politiker eben keine politischen Aussagen erwartet werden – wir haben hier „Repräsentanz pur“ vor uns. Kanzler, Minister etc. laufen im Sport nicht Gefahr, Verfängliches von sich zu geben. Fußball dient den Sympathiewerten der politischen Entscheidungsträger, er schadet ihnen aber nicht.

"Das Stadion avancierte zu einem Ort der 'Volksgemeinschaft'"

L.I.S.A.: Sie haben Ihr Buch „Fußball-Volksgemeinschaft“ genannt. Was sind die entscheidenden Charakteristika einer Volksgemeinschaft, die sich über den Fußball definiert? An welchen Orten kommt die Fußball-Volksgemeinschaft zusammen? Ist es nur das Stadion?

Dr. Oswald: Bei der „Volksgemeinschaft“ handelt es sich im Grunde um einen in der deutschen Romantik wurzelnden Gegenentwurf zu den Prinzipien der Französischen Revolution. D.h., Standesunterschiede und Klassengegensätze sollen nicht ausgeglichen oder beseitigt, sondern auf einer höheren Ebene – dem „Volk“ – aufgehoben werden.
Im Fußball war bereits in den 1920er Jahren die Vorstellung weit verbreitet, dass die Rasensportklubs einen volksgemeinschaftlichen Idealtypus darstellen würden, da in deren Mannschaften Spieler aller Gesellschaftsschichten – vom Bildungsbürger bis zum Arbeiter – vertreten seien. Das Stadion hingegen avancierte zu einem Ort der „Volksgemeinschaft“ erst während des Dritten Reiches, als die totalitäre Sportführung zunehmend darauf achtete, dass sich das Publikum aus allen großen NS-Gliederungen (SA, HJ usw.) zusammensetzt. Die Vorstellung, dass die Zuschauermenge im Stadion sozusagen das Volk in seiner ganzen Breite abbilde, hielt sich dabei über 1945 hinaus – und diese Vorstellung wurde dann später ebenso auf das Millionenpublikum an den Radio- und Fernsehgeräten übertragen.

L.I.S.A.: Ihr Untersuchungszeitraum reicht von der Weimarer Republik bis in die 1960er Jahre hinein. Welche Zäsuren lassen sich mit Blick auf das Verhältnis zwischen Fußball auf der einen sowie Kollektiv und Individuum auf der anderen Seite festmachen?

Dr. Oswald: Die wichtigste Zäsur ist sicherlich im Jahr 1933 zu beobachten. Während der in den Weimarer Sportverbänden vorherrschende Kulturpessimismus vom Athleten lediglich erwartete, dass dieser dem Volk diene – konsequenterweise wurde der Sportkonsument ob seiner Passivität verachtet – fand im Dritten Reich eine Aufwertung sowohl des Sportlers selbst als auch der Zuschauer statt. Fußballer dienten nun auch in ihrer Rolle als „Star“ der Volksgemeinschaft (vor allem im Krieg), während sich Attacken auf den Sportkonsum schon aus dem Grund verbaten, weil die Zuschauer jetzt das Auditorium für Propagandaveranstaltungen bildeten. Es muss jedoch immer wieder betont werden, dass derartige Konstruktionen einer Volksgemeinschaft natürlich reine Phantasiegebilde waren – waren doch Hunderttausende aufgrund ihrer Abstammung oder ihrer  früheren politischen Aktivitäten ausgeschlossen.

"Fußball schien unbelastet von der Vergangenheit"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielte dabei der Deutsche Fußball-Bund? Mit Blick auf das „Dritte Reich“ rücken Sie nachdrücklich von der These ab, dass bei der Anbiederung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an die NSDAP ökonomische Interessen dominiert hätten. Was dann?

Dr. Oswald: Die These von den „ökonomischen Interessen“ greift schon deshalb viel zu kurz, weil es sich im Falle des DFB nicht um ein Wirtschaftsunternehmen handelt, sondern um einen Verband, dessen Primärziele nicht betriebswirtschaftlich definiert sind.

Was man hingegen im Blick behalten muss, ist, dass sich der Fußball-Bund zu Beginn der 1930er – vor allem aufgrund der ungelösten Profifrage – in einer schweren Existenzkrise befand. Es gab immer wieder Initiativen, die auf die Gründung einer Profiliga außerhalb des DFB hinausgelaufen wären. Die Anbiederung des Verbandes an den Nationalsozialismus erfolgte also, um die Machtstellung im deutschen Fußball nicht zu verlieren. Zu diesem Zweck wiederum wurde die ideologische Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus betont, wobei der DFB auf zahllose reaktionäre Stellungnahmen aus den 1920ern zurückgreifen konnte, die aus den eigenen Reihen lanciert worden waren.

L.I.S.A.: Begriffe wie Volk und Nation kommen im heutigen politischen Diskurs eher selten als ausgesprochene meinungs- und willensbildende Kategorien vor. Im Fußball, aber auch in anderen Sportarten, sind sie dagegen nach wie vor sehr präsent. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich der Fußball von Ideologie und Politik entkoppelt hat?

Dr. Oswald: Hier nimmt Deutschland gewiss eine Sonderstellung ein. In Deutschland war nach den Erfahrungen des Dritten Reiches der Begriff der „Nation“ in weiten Teilen der Gesellschaft diskreditiert – und ebenso die dazugehörige Symbolik und Rhetorik. In der Rückschau auf den ersten sportlichen Triumph Westdeutschlands – das „Wunder von Bern“ 1954 – schien sich jedoch eine Nische für einen „reformierten“ Nationalismus anzubieten. Fußball schien unbelastet von der Vergangenheit, unbelastet von Militär, Krieg und Rassismus – nichts, wofür man sich – nun als BRD-Weltbürger – gegenüber dem Ausland schämen musste. Deshalb haben wir in Deutschland die wohl seltsame Situation, dass nur alle zwei Jahre, anlässlich der internationalen Turniere, flächendeckend beflaggt wird. Letztlich aber wird man sagen dürfen, dass die BRD-Gesellschaft in politisch-ideologischer Hinsicht mit ihrem entmilitarisierten Fußball-Nationalismus sehr gut fährt – siehe WM 2006.

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