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Georgios Chatzoudis | 26.07.2016 | 2315 Aufrufe | Interviews

Eine Zäsur in der Kulturgeschichte des Rauchens

Interview mit Melanie Aufenvenne über Tabakkonsum im Zeichen kulturellen Wandels

Das Rauchen von Zigaretten findet heute nicht mehr in geschlossenen Räumen statt, es sei denn, man befindet sich in einem gesondert ausgeschilderten Raucherraum. Der Gang ans weit geöffnete Fenster, auf den Balkon oder vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen, ist inzwischen gut eingeübte Praxis. Die Raucher scheinen sich daran nicht zu stören und haben die neuen Regeln offenbar leicht akzeptiert. Das verwundert umso mehr, als dass vor nicht einmal einer Generation nahezu überall geraucht wurde, ohne großes Aufsehen zu erregen. Wie ist dieser schnelle kulturelle Wandel im Umgang mit einer lange eingeübten menschlichen Gewohnheit zu verstehen? Die Historikerin Melanie Aufenvenne hat eine Kulturgeschichte des Rauchens geschrieben. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

"Das Rauchen wird eher sichtbarer und der Raucher zum Ausstellungsobjekt"

L.I.S.A.: Frau Aufenvenne, Sie haben sich mit der Geschichte des Tabakkonsums beziehungsweise des Rauchens beschäftigt. Soweit ich die jüngere Geschichte überschauen kann, gab es in punkto Schnelligkeit und Akzeptanz kaum einen vergleichbaren Wandel in einer menschlichen Alltagspraxis wie beim Konsum von Tabak, insbesondere von Zigaretten. Ich selbst bin noch in den 1970er und 1980er Jahren in Wohnzimmern und Autos aufgewachsen, in denen man die Luft hätte zerschneiden können. Heute ist das Rauchen in Wohnräumen, Krankenhäusern, Universitäten oder Restaurants nahezu undenkbar. Stimmen Sie dieser persönlichen Beobachtung zu? Nehmen Sie das auch so wahr?

Aufenvenne: Persönlich stimme ich Ihnen zu. Fast könnten wir sagen, dass sich eine über 500 Jahre alte und im Verschwinden begriffene, wenn nicht bereits der Vergangenheit angehörende Kulturpraxis wortwörtlich in Luft aufgelöst hat. Unser Blick auf dieses Alltagsphänomen hat sich gewandelt. Vorbei ist die Zeit des ewigen Streits zwischen Befürwortern und Gegnern des blauen Dunstes. Vorbei auch die Zeit, wo das Rauchen Freiheit und Unabhängigkeit versprach.

Raucher stehen wortwörtlich in der ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Raucherecke. Dabei bewirken die Rauchverbote kein Verschwinden dieser Alltagspraxis. Eher im Gegenteil. Dem Rauchen werden klar zugeschriebene Orte vorgegeben. Die gläsernen Raucherkabinen an Flughäfen oder die gelb umrandeten Felder auf Bahnhöfen lassen sich als Beispiele anführen. Dadurch verschwindet die Kulturpraxis nicht. Nein, das Rauchen wird eher sichtbarer und der Raucher für jeden anderen zu einem Ausstellungsobjekt. Diese hervorgehobene Sichtbarkeit des Rauchens erinnert uns, historisch betrachtet, an die Disziplinierungs- und Kontrollinstanzen einer Gesellschaft, die seit dem 18. Jahrhundert zum Tragen kommen.  

"Rauchen war und ist immer ein soziales Produkt"

L.I.S.A.: Rauchen galt in unseren Gesellschaften lange als Ausweis von Genussfähigkeit, Coolness und Erwachsensein. So gibt es beispielsweise bis in die 1990er Jahre hinein kaum einen Spielfilm, in dem nicht geraucht wurde. Bei Fernsehsendungen wie dem Internationalen Frühschoppen sah man vor lauter Rauch die Gäste kaum noch. Bis in die 1980er Jahren rauchte man gemeinsam mit Professoren während der Seminare und Vorlesungen. Und selbst vor dem Kreissaal wurde nervös geraucht. Heute wirken diese Bilder wie Bilder aus einer längst vergangenen Zeit. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?

Aufenvenne: Wir haben eine Vielzahl an ikonischen Bildern, die sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben. Was bliebe von James Dean und Humphrey Bogart ohne das Rauchen? Was wären Marlene Dietrich oder Audrey Hepburn ohne die Zigarette? Ich gebe Ihnen recht, dass wir diese Bilder als Relikte längst vergangener Zeiten wahrnehmen. Diesen Wandel, den Sie in Ihrer Frage beschreiben, lässt sich durch die kulturgeschichtlichen Parameter sowie die Vorstellungen und Zuschreibungen, die sich mit dem Tabakkonsum verbinden, erklären. Dies können wir anhand der Konsumptionsformen nachzeichnen. Das Pfeifenrauchen galt vom 16. bis zum 18. Jahrhundert als gängigste Gebrauchsform, während der Kautabak von Anfang an eine wohl untergeordnete Rolle spielte, da er mehr in der Unterschicht aufzufinden war, etwa unter Bauern, Soldaten und Seeleuten. Das im 18. Jahrhundert aufkommende und bei Frauen und Männer gleichermaßen angesehene Tabakschnupfen kam zum Ende des Jahrhunderts aus der Mode, ebenso das Kauen und Pfeifenrauchen: Zwei Neuerungen, die Zigarre und später die Zigarette, traten als neue Formen des Tabakkonsums in Erscheinung.

Im Zuge der Medikalisierung der Gesellschaft sind die Kategorien Risiko und Sucht eng mit dem Rauchen in einen Zusammenhang gebracht worden. Bei alledem, trotz des unbestrittenen Wissens über die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens, entsteht beim kulturhistorischen Blick auf die medizinische Behandlung der Tabakfrage, der Eindruck, dass soziale und kulturelle Faktoren sowie symbolische Bedeutungen unterbewertet oder ausgeblendet werden. Anders gesagt: Rauchen war und ist immer ein soziales Produkt und eine gesellschaftliche Herausforderung gleichermaßen.      

"Versuche, das Rauchen zu verbieten, gibt es in der Geschichte zuhauf"

L.I.S.A.: Wenn man sich den Wandel im Tabakkonsum in den vergangenen zwanzig Jahren vergegenwärtigt, denkt man an eine großangelegte öffentliche Kampagne gegen das Rauchen: Zigarettenpackungen mit Gesundheitswarnungen und unappetitlichen Bildern, Warnhinweise bei Zigarettenwerbungen, gesetzliche Rauchverbote in öffentlichen Räumen etc. Kann man also eine kulturelle Alltagspraxis wie das Rauchen tatsächlich „von oben“ verändern? Lässt sich ein Kulturwandel oktroyieren?

Aufenvenne: Betrachten wir die Geschichte des Rauchens von Beginn an, so ging es eigentlich immer darum, ob Rauchen gut ist oder nicht. Dabei beherrschte die uns heute so bekannte gesundheitliche Infragestellung des Rauchens bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht die öffentliche Diskussion über das Rauchen. Staatliche Versuche, das Rauchen einzudämmen oder sogar ganz zu verbieten, gibt es in der Geschichte zuhauf. In kulturhistorischen Arbeiten ist herausgestellt worden, dass in der Frühen Neuzeit der Gebrauch des Tabaks standesspezifisch konnotiert war. Die unterschiedlichen Rauchformen wie das Schnupfen, Kauen oder Rauchen waren Ausdruck der sozialen Zugehörigkeit und fungierten eher als Abgrenzung zwischen den gesellschaftlichen Schichten.

Tabakverbote, die im 17. Jahrhundert „von oben“ verhängt wurden, waren ein Ausdruck für die in „Unordnung geratene gesellschaftliche Ordnung“ und stellten die Konsumhierarchie der ständischen Gesellschaft in Frage. Den Durchbruch des Tabaks als Massenphänomen und populärer Alltagspraxis konnten diese Verbote der Obrigkeiten nicht stoppen. Wohl eher beginnt hier der Spagat  zwischen staatlicher Wirtschaftspolitik und Wohlfürsorge: Die Einführung der Tabaksteuer als Einnahmequelle für den Staat.

"Im Bürgertum erfuhr das Rauchen eine geschlechtsspezifische Konnotation"

L.I.S.A.: Wenn wir vom Rauchen sprechen, müssen wir dann zwischen den diversen Formen des Tabakkonsums und dem Grad an sozialer Ächtung unterscheiden? Zugespitzt formuliert: Ist Pfeiferauchen edler als Zigarettequalmen? Was verbindet sich sozial und moralisch mit den verschiedenen Möglichkeiten des Tabakkonsums?

Aufenvenne: Der Tabakkonsum ist stetig einem Wandel unterzogen worden. Erklärbar ist dies durch die unterschiedlichen Zuschreibungen in der Geschichte der Genussmittel. In seiner Verlaufsgeschichte etabliert sich das Rauchen als eine kulturelle Praxis, deren Deutungen und Bedeutungszuschreibungen zunehmend heterogener und komplexer werden. Zeitgleich führt dies auch zu Dichotomisierungen und Verwerfungen. Anfangs fand die Tabakpflanze als Zier- und Heilpflanze in der frühneuzeitlichen Medizin Anwendung. Die therapeutischen Erfolge, die durch die Anwendung von Tabakpräparaten erzielt wurden, führten zu einer europaweiten Rezeption der Tabakpflanze als Heil- und Universalmittel. Der immer größer werdende populäre Gebrauch des Tabakrauchens fand vor allem im 17. Jahrhundert statt. See-, Kauf- und Handelsleute, aber insbesondere auch die Truppen während des Dreißigjährigen Krieges trugen entscheidend dazu bei, die Praxis des Rauchens in den sozialen Schichten nachhaltig zu verankern. Der Gebrauch des Tabaks war weder auf finanzstarke Schichten beschränkt, noch galt er als eine städtische oder höfische Erscheinung. Mit dem Aufkommen der Zigarre im 19. Jahrhundert können wir aber Grenzziehungen in der Raucherfrage feststellen.

Gerade aus gendertheoretischer Sicht bietet sich ein Rückblick auf die soziale bzw. moralische Ächtung des Rauchens an. Die Zigarre setzte sich vor allem im Bürgertum durch. Das im Bürgertum vorherrschende binäre Werte- und Rollenverständnis prägte zudem nicht nur die Lebenswelten von Frauen und Männer, sondern spiegelte sich auch im veränderten Umgang mit dem Rauchen wider. In den für das Bürgertum entwickelten Raucherordnungen erfuhr das Rauchen eine geschlechtsspezifische Konnotation, indem das Rauchen ausschließlich Männern gestattet war und es gleichzeitig Männern untersagt wurde, in Gegenwart einer Frau zu rauchen. Frauen, die sich für gleiche Rechte einsetzten, wurden in Karikaturen mit Pfeife oder Zigarre dargestellt und somit in der Tradition der ,verkehrten Welt‘ der Lächerlichkeit preisgegeben. Den in der Karikatur dargestellten rauchenden Frauen, ob sie tatsächlich geraucht haben oder nicht, wurden somit männliche Zuschreibungen abgesprochen.   

"Ein komplexer Diskurs mit einem umfassenden Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten"

L.I.S.A.: Rauchen ist nachweislich schädlich für die eigene und die Gesundheit Dritter. Insofern könnte man das Nichtrauchen als vernünftig bezeichnen. Was aber ist mit dem Genuss? Leben wir in genussfeindlichen Zeiten zugunsten von Gesundheit und Rücksichtnahme? Für wie dauerhaft halten Sie den gegenwärtigen gesellschaftlichen Konsens mit Blick auf den Konsum von Tabak? Birgt nicht gerade dieses allgemeine Einvernehmen Stoff für Nachwachsende, sich aufzulehnen und Rauchen wieder als Ausweis von Distinktion, Ambivalenz und Subversion zu praktizieren?  

Aufenvenne: Heute stehen Raucher abseits des Mainstreams von Gesundheit, Lifestyle und Fitness. Wir diskutieren nicht mehr darüber, ob Rauchen Ursache von Krankheiten sei. Rauchen ist eine Krankheit und Raucher sind süchtig. Zudem hat auch die Tabakindustrie ein Imageproblem. Wie ein Produkt vermarkten, das zum Tode führen kann? Unser eigenes Verständnis von Genuss und Gesundheit hat sich gewandelt. Manifestierte sich alltagsgeschichtlich die soziale Akzeptanz des Rauchens in der Selbstverständlichkeit, dass das Rauchen als Ausdruck von sozialer Distinktion und bestimmter Lebensführung galt, ist heute längst bekannt, dass Rauchen Suchtverhalten generiert. Ob allerdings die Ausweitung rauchfreier Zonen durch den Gesetzgeber mit einer Stigmatisierung und Marginalisierung von Tabakkonsumenten einhergeht, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststellen. Es liegt wohl eher in der Aufgabe zukünftiger Historikergenerationen dies zu entscheiden, ob das 21. Jahrhundert eine Zäsur in der Kulturgeschichte des Rauchens darstellt.

Unstrittig ist dagegen, dass der Zigarettengenuss ausschließlich unter dem Aspekt seiner gesundheitsschädlichen Wirkung diskutiert wird. Der traditionsreiche Blick auf das Rauchen und die damit verbundenen Genussfreuden ist zu einem Nischenphänomen geworden. Vielleicht hat sogar die E-Zigarette, als eine „saubere“ Angelegenheit zur herkömmlichen Zigarette, einen Einfluss auf unsere Diskussionen rund um den blauen Dunst. Interessant erscheint mir momentan der in den Großstädten zu beobachtende Boom von Shiha-Lounges. Die Wasserpfeife – Symbol von Exotik und Orient - verweist auf Genuss, Geselligkeit und auf den Überfluss an Zeit. Ehemals ein Relikt der 1960er und 1970er Jahre und Gegenstand in Kommunen und Wohngemeinschaften, hat sich heute der Blick auf die Wasserpfeife relativiert. Es ist hauptsächlich ein junges Publikum, das diese Mode aufgreift und pflegt. Rauchen ist tatsächlich nicht gleich Rauchen. Es ist, wie Richard Klein beschrieben hat, ein kodierter und komplexer Diskurs mit einem umfassenden Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten.

Melanie Aufenvenne hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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