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Georgios Chatzoudis | 04.05.2017 | 507 Aufrufe | Interviews

"Eine Persönlichkeit, viele Identitäten"

Interview mit Alfred Grosser über seine und andere Identitäten

Mit sich selbst eins sein ist der Zustand, der als Identität begriffen wird. Aber ist das als Mensch überhaupt möglich? Können wir Zustände einfrieren? Sind wir als 20-jährige diejenigen, die wir auch als 50-jährige sind? Identität und Wandel wären so gesehen zwei sich ausschließende Konzepte. Der Historiker Prof. Dr. Alfred Grosser, selbst Hausherr mehrerer Identitäten, hat sich der aktuellen Frage, was die Identität eines Menschen überhaupt ausmacht, in einem neuen Buch angenommen. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Jude bin ich nur, wenn Juden verfolgt werden"

L.I.S.A.: Herr Professor Grosser, Sie haben ein neues Buch veröffentlicht, das den Titel „Le Mensch“ trägt. Der Untertitel macht deutlich, um was es geht: Die Ethik der Identitäten. Bevor wir auf das Buch und Ihre Überlegungen zum Thema „Identität“ konkret eingehen – was hat Sie dazu bewogen, sich mit Identität bzw. mit Identitäten zu beschäftigen? Welche Ausgangsbeobachtung hat Sie dazu inspiriert?

Prof. Grosser: Die Frage nach den Identitäten beschäftigt mich seit Jahrzehnten, sei es nur, weil es für mich nie DIE Deutschen gegeben hat, auch als ich im August 1944 durch die BBC erfuhr, dass die alten Insassen des Lagers Theresienstadt nach Auschwitz transportiert worden waren, darunter die Schwester meines Vaters, Tante Ida und ihr Mann Onkel Kurt, ein Berliner Arzt, der nicht hatte auswandern wollen. Der Begriff der Kollektivschuld ist von mir immer verworfen worden. Auch habe ich mir immer die Frage gestellt, wieso, mit acht Jahren aus Frankfurt nach Saint Germain en Laye (bei Paris) gekommen, ich so schnell habe ein voller Franzose werden können - schon vor der Naturalisation von 1937. (Unser ehemaliger Premierminister Manuel Valls ist Franzose erst seit 1982, die Bürgermeisterin von Paris seit 1973, die Erziehungsministerin seit 1995…) Auch fühlte ich mich nie als voller Jude, obwohl die vier Großeltern und die zwei Eltern Juden waren. Ich wurde schon in jungen Jahren, laut einem Journalisten, ein "jüdisch geborener, mit dem Christentum geistig verbundener Atheist." Jude bin ich nur, wenn Juden verfolgt werden.

"Das Bewusstsein, viele Identitäten zu haben, führt zur Toleranz"

L.I.S.A.: Das Thema „Identität“ scheint gegenwärtig wieder sehr aktuell zu sein. Wie erklären Sie sich das Bedürfnis, auf eine Identität verweisen zu können? Was meint überhaupt Identität beim Menschen? Womit will man identisch sein? Worauf referiert Identität bei Menschen?

Prof. Grosser: In der Unsicherheit über die eigene Persönlichkeit versuchen sich die meisten, nur mit einer ihrer vielen Identitäten zu identifizieren - als Katholik, als Deutscher, als Apotheker. Das führt zu einem "Wir" gegen "Die da", Quelle mancher Konflikte. Das Bewusstsein, dass man viele Identitäten hat führt zur Toleranz. Allerdings sollte man verstehen, dass manche Identitäten unvereinbar sind. Kardinal Marx hat gesagt, man könne nicht zugleich katholisch und fremdenfeindlich sein. Das sieht die CSU leider anders!

L.I.S.A.: Im Untertitel Ihres Buches verwenden Sie bewusst „Identität“ in der Pluralform. Im Text selbst deklinieren sie die Vielfalt von Identitäten anhand verschiedener Lebens- bzw. gesellschaftlicher Bereiche durch – von der Geschichte und Erinnerung über Politik und Kultur bis zur Religion. Ist das Konzept von Identität letztlich nicht hinfällig, wenn wir als Menschen immer wieder unterschiedliche Rollen einnehmen?

Prof. Grosser: Man nimmt gewiss verschiedene Rollen ein und sollte gerade deswegen verstehen, dass die eigene Persönlichkeit sich aus der Vielfalt von Identitäten zusammensetzt.

"Ich versuche, zu meinen verschiedenen Identitäten auf Distanz zu gehen"

L.I.S.A.: Über Schriftsteller sagt man, dass sie das tun, was sie tun, aus ihrer Biographie heraus tun. Inwiefern ist Ihr Buch, das den französisch-deutschen Titel „Le Mensch“ trägt, Ausdruck Ihrer eigenen Identität?

Prof. Grosser: In der Einleitung zähle ich eine ganze Reihe meiner Identitäten auf. Als Mann, als alter Mensch, als seit 57 Jahren glücklicher Gatte, als Vater und Großvater, als Wähler, als kulturell überprivilegierter Pariser, als Professor, also Beamter, der nicht arbeitslos werden konnte. Augenzwinkernd könnte ich auch von einer gespaltenen Identität sprechen: Als Autofahrer habe ich Angst vor den Radfahrern, als Radfahrer habe ich Angst vor den Autofahreren. Ich versuche ständig, zu meinen verschiedenen Identitäten auf Distanz zu gehen.

L.I.S.A.: Sie plädieren für eine Ethik der Identitäten. Wie könnte so eine Ethik aussehen? Was meinen Sie in diesem Zusammenhang in Ihrem Buch, wenn Sie von „kritischer Distanz zu den Zugehörigkeiten“ sprechen? Und wie verträgt sich eine Identität mit dem Anderen bzw. mit anderen Identitäten?

Prof. Grosser: Nur wenn man sich selbst in seinen verschiedenen Identitäten betrachtet, empfindet man Verständnis für den Anderen und, was besonders wichtig ist, für dessen Leiden. Zwei persönliche Beispiele: A) Es liegt daran, dass ich ganz und gar Franzose geworden war, dass ich die französischen Verbrechen im Algerienkrieg härter gebrandmarkt habe, als Kiegsverbrechen anderer Staaten. B) Eben weil ich Jude bin, kritisiere ich die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel härter als die schlimmeren Erniedrigungen, die anderswo vollbracht werden.

Prof. Dr. Alfred Grosser hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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