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Georgios Chatzoudis | 25.04.2017 | 493 Aufrufe | Interviews

"Eine neo-feudale und neo-dienerliche Gegentendenz"

Interview mit Christoph Bartmann über Diener, Dienen und Dienstleistung damals und heute

Der Aufstieg des tertiären Sektors beziehungsweise der sogenannten Dienstleistungsbranche setzte in den westlichen Volkswirtschaften bereits in den 1970er Jahren an. Der Prozess der Umwandlung von primär industriell verfassten Ökonomien zu Dienstleistungsgesellschaften ist dabei auch mit einer Veränderung von gesellschaftlichen Normen und Werten verbunden. Eine Folge dieses sozioökonomischen Wandels ist möglicherweise die Rückkehr der Diener in westlich geprägten Privathaushalten. Man verfügt wieder über Personal. So lautet die These des Historikers Dr. Christoph Bartmann - seit 2016 Direktor des Goethe-Instituts in Warschau - in seinem neuen Buch. Wir wollten von ihm wissen, was er genau unter Diener und Dienen mit Blick auf Geschichte und Gegenwart versteht, wer heute warum Diener in Anspruch nimmt und was das für das Konzept von Arbeit in der Zukunft bedeutet.

"Was sind das für Leute?"

L.I.S.A.: Herr Dr. Bartmann, Sie haben ein Buch mit dem Titel „Die Rückkehr der Diener“ geschrieben, in dem Sie das neue Bürgertum und sein Personal untersuchen. Wie kamen Sie auf dieses Thema? Welche Beobachtung und zentrale Fragestellung haben Sie dabei geleitet?

Dr. Bartmann: Den Anstoß zu dem Buch gaben Eindrücke in New York, wo ich von 2011 bis 2016 wohnte. Überall sah ich ‚Personal‘ am Werk, nicht nur in den Haushalten der Oberklasse, sondern besonders in der Mittelschicht. Das sind einerseits schon bekannte Phänomene wie Nannies oder Haushälterinnen, andererseits neue wie die digitalen Serviceplattformen mit ihren Apps, die da mühelose Buchen von Bequemlichkeitsdiensten aller Art erlauben. Meine Frage ist erstens: was sind das für Leute, die "uns" auf diese Weise Entlastung verschaffen. Und zweitens: was sind die Gründe für unser rasant gestiegenes Verlangen nach Entlastung?

"Ich denke an einfache häusliche Dienstleistungen"

L.I.S.A.: In ihrer Untersuchung besprechen Sie verschiedene Formen des Dienens - das reicht von der Dienerschaft im Haus, über den Pizzalieferanten oder Paketboten bis zur Verkäuferin im Supermarkt. So gesehen, nimmt jede und jeder Personal in Anspruch. Haben wir es so gesehen doch nicht mit einem besonderen Phänomen zu tun, bei dem sich ein privilegierter Teil der Bevölkerung den weniger privilegierten zunutze macht? Ist der Begriff des „Dienens“ hier zu weit gefasst?

Dr. Bartmann: Es gibt in vielen Teilen der Welt noch das traditionelle Dienerwesen, und es feiert seine populärkulturelle Wiederkehr in TV-Serien wie „Downton Abbey“, die das Lob der dienerlichen Treue singen. „Rückkehr der Diener“ meine ich in dem präzisen Sinn, das nach einigen sozialdemokratisch geprägten Jahrzehnten, in denen die Weichen für mehr Gleichheit gestellt schienen, schon seit einiger Zeit eine neo-feudale und neo-dienerliche Gegentendenz zu verzeichnen ist. Natürlich denke ich nicht an Diener im Livree, obwohl es auch die wieder vermehrt gibt. Ich denke an einfache häusliche Dienstleistungen, wie sie auf die eine oder andere Art von uns allen in Anspruch genommen werden. Wir sprechen von Dienstleisterinnen und Dienstleistern, die sich gewiß nicht wie Diener fühlen. So oder handelt es sich, mit einem alten Wort aus dem Lateinischen, um „Service“.

"Bürgertum als Motor der neuen Serviceökonomie"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrer Untersuchung, dass der Rückgriff auf Personal, das das Leben der Bedienten erleichtert, eher der Regelfall in der Geschichte ist. Es habe nur eine relativ kurze Phase von etwa 1920 bis 1980 gegeben, in der Do-it-yourself und die „tüchtige Hausfrau“ Lebensmodelle waren und entsprechend idealisiert wurden. Letztlich entscheidend dafür, ob man sich Personal hält oder nicht, sei weniger ein bürgerlicher Habitus, sondern vielmehr die Frage, ob ausreichend billige Arbeitskraft zur Verfügung stehe. Ist das „Bürgerliche“ dann eventuell weniger dominant als gedacht? Anders gefragt: Was macht das genuin „Bürgerliche“ an der Inanspruchnahme von Personal aus?

Dr. Bartmann: Wer sich heute im Haushalt bedienen läßt, bringt damit kaum zum Ausdruck, dass er oder sie sich das leisten kann. Vielmehr geht es um Entlastung von einem tatsächlich oder eingebildeten Zuviel an Arbeit andernorts. Wir sind offenbar nicht in der Lage, die Doppelbelastung aus Beruf und Familie zu meistern, die wir doch selbst gesucht haben. Deshalb beschäftigen wir unsere Helfer auch meistens ohne schlechtes Gewissen. Vor einigen Jahrzehnten sah es aus, als würden in der Serviceindustrie die Arbeitskräfte knapp. Offene Grenzen und Migrationsdruck haben dazu geführt, dass bis auf weiteres genug Menschen für einfache Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Solange diese Arbeit billig bleibt, fehlt der Druck, um an technischen Lösungen zu arbeiten.

Bürgerlich in einem hergebrachten Sinn ist an dieser Beanspruchung von Personal wenig. Wenn aber bürgerlich heißt, leistungsfreudig, doppelbelastet und also stressgeplagt zu sein, kann man getrost vom Bürgertum als Motor der neuen Serviceökonomie sprechen.

"Eine Idee von gestern, die plötzlich als geradezu hip erscheint"

L.I.S.A.: Sie stellen im Verlauf Ihres Buch mehrfach heraus, dass „die Ökonomie des Kümmerns Ungleichheits- und Asymmetrieeffekte in der Gesellschaft verstärkt“. Die Verfügbarkeit über ein sozial immobiles Dienstleistungsproletariat verfestige Ungleichheiten. Außerdem – so weiter – scheine es eine neue Lust an gesellschaftlichen Asymmetrien zu geben. Inwiefern?

Dr. Bartmann: Ich konstatiere eine neue Lust am Dienen, die sich freimacht von den Gleichheitsutopien der sozialdemokratischen Jahrzehnte. Das gilt nicht nur für die Serviceindustrie, sondern viel allgemeiner für Ideen und Fantasien von (Unter-)Ordnung, etwa im familiären Bereich oder in sexuellen Beziehungen. Eine Magd zu haben oder zu sein, ist eine Idee von gestern, die plötzlich vielen als geradezu hip erscheint.

"Über Wertigkeiten von menschlicher und maschineller Arbeit nachdenken"

L.I.S.A.: Ihre Studie ist mehr als eine Untersuchung von Dienerschaft und Dienstleistung. Im Kern diskutieren Sie die Arbeit an und für sich bzw. das Konzept von Arbeit, auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Automatisierung, Computerisierung und Roboterisierung unserer Lebenswelt. Wird vor diesem Hintergrund menschlich verrichtete Arbeit immer mehr in das Konzept von Dienstleistung aufgehen, während produzierende Arbeit uns künftig von Maschinen und Rechnern abgenommen wird?

Dr. Bartmann: Die Frage wird sein, welche Arbeit wir uns künftig von Maschinen abnehmen lassen und welche nicht. Die Altenpflege etwa mit Hilfe von Pflegerobotern ist im Westen noch tabubesetzt, während sie in Japan zum Alltag gehört. Was werden Roboter und Sensoren im Feld der "affektiven" Pflege- und Zuwendungsdienste leisten können und was nicht? Zunächst mal würde man sich nur wünschen, dass sie ordentlich putzen können, aber davon sind wir weit entfernt. Man könnte in "Care" oder allgemeiner in sozialer Familienarbeit eine verbleibende Domäne des Menschlichen erkennen, während ringsherum gerade höherwertige Dienstleistungsarbeit zunehmend von künstlicher Intelligenz erledigt wird. Entscheidend wird sein, wie die Vergütung sozialer Arbeit in Zukunft aussieht. Derzeit handelt es sich oft um Niedriglohnarbeit. Im Lichte einer bevorstehenden "Dienstleistung 4.0“ muss dringend über neue Wertigkeiten von menschlicher und maschineller Arbeit nachgedacht werden.

Dr. Christoph Bartmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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